Gebet

[148] 1810


Was soll ich, auf Gott nur bauend,

Schlechter sein, als all die andern,[148]

Die, so wohlbehaglich schauend,

Froh dem eignen Nichts vertrauend,

Die gemeine Straße wandern?


Warum gabst du mir die Güte,

Die Gedanken himmelwärts,

Und ein ritterlich Gemüte,

Das die Treue heilig hüte

In der Zeit treulosem Scherz?


Was hast du mich blank gerüstet,

Wenn mein Volk mich nicht begehrt,

Keinen mehr nach Freiheit lüstet,

Daß mein Herz, betrübt, verwüstet,

Nur dem Grabe zugekehrt? –


Laß die Ketten mich zerschlagen,

Frei zum schönen Gottesstreit

Deine hellen Waffen tragen,

Fröhlich beten, herrlich wagen,

Gib zur Kraft die Freudigkeit!

Quelle:
Joseph von Eichendorff: Werke., Bd. 1, München 1970 ff., S. 148-149.
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