Der Gefangene

[319] In goldner Morgenstunde,

Weil alles freudig stand,

Da ritt im heitern Grunde

Ein Ritter über Land.


Rings sangen auf das beste

Die Vöglein mannigfalt,

Es schüttelte die Äste

Vor Lust der grüne Wald.


Den Nacken, stolz gebogen,

Klopft er dem Rösselein –

So ist er hingezogen

Tief in den Wald hinein.[319]


Sein Roß hat er getrieben,

Ihn trieb der frische Mut:

»Ist alles fern geblieben,

So ist mir wohl und gut!«


Mit Freuden mußt er sehen

Im Wald ein' grüne Au,

Wo Brünnlein kühle gehen,

Von Blumen rot und blau.


Vom Roß ist er gesprungen,

Legt' sich zum kühlen Bach,

Die Wellen lieblich klungen,

Das ganze Herz zog nach.


So grüne war der Rasen,

Es rauschte Bach und Baum,

Sein Roß tät stille grasen,

Und alles wie ein Traum.


Die Wolken sah er gehen,

Die schifften immerzu,

Er konnt nicht widerstehen –

Die Augen sanken ihm zu.


Nun hört' er Stimmen rinnen,

Als wie der Liebsten Gruß,

Er konnt sich nicht besinnen –

Bis ihn erweckt' ein Kuß.


Wie prächtig glänzt' die Aue!

Wie Gold der Quell nun floß,

Und einer süßen Fraue

Lag er im weichen Schoß.


»Herr Ritter! wollt Ihr wohnen

Bei mir im grünen Haus:

Aus allen Blumenkronen

Wind ich Euch einen Strauß![320]


Der Wald ringsum wird wachen,

Wie wir beisammen sein,

Der Kuckuck schelmisch lachen,

Und alles fröhlich sein.«


Es bog ihr Angesichte

Auf ihn, den süßen Leib,

Schaut' mit den Augen lichte

Das wunderschöne Weib.


Sie nahm sein'n Helm herunter,

Löst' Krause ihm und Bund,

Spielt' mit den Locken munter,

Küßt' ihm den roten Mund.


Und spielt' viel süße Spiele

Wohl in geheimer Lust,

Es flog so kühl und schwüle

Ihm um die offne Brust.


Um ihn nun tät sie schlagen

Die Arme weich und bloß,

Er konnte nichts mehr sagen,

Sie ließ ihn nicht mehr los.


Und diese Au zur Stunde

Ward ein kristallnes Schloß,

Der Bach ein Strom, gewunden

Ringsum, gewaltig floß.


Auf diesem Strome gingen

Viel Schiffe wohl vorbei,

Es konnt ihn keines bringen

Aus böser Zauberei.


Quelle:
Joseph von Eichendorff: Werke., Bd. 1, München 1970 ff., S. 319-321.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte (Ausgabe 1841)
Gedichte
Fünfzig Gedichte
Und es schweifen leise Schauer: Gedichte (Lyrik)
Sämtliche Gedichte und Versepen
Gedichte (Fiction, Poetry & Drama)

Buchempfehlung

Auerbach, Berthold

Barfüßele

Barfüßele

Die Geschwister Amrei und Dami, Kinder eines armen Holzfällers, wachsen nach dem Tode der Eltern in getrennten Häusern eines Schwarzwalddorfes auf. Amrei wächst zu einem lebensfrohen und tüchtigen Mädchen heran, während Dami in Selbstmitleid vergeht und schließlich nach Amerika auswandert. Auf einer Hochzeit lernt Amrei einen reichen Bauernsohn kennen, dessen Frau sie schließlich wird und so ihren Bruder aus Amerika zurück auf den Hof holen kann. Die idyllische Dorfgeschichte ist sofort mit Erscheinen 1857 ein großer Erfolg. Der Roman erlebt über 40 Auflagen und wird in zahlreiche Sprachen übersetzt.

142 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon