Die verlorene Braut

[327] Vater und Kind gestorben

Ruhten im Grabe tief,

Die Mutter hatt erworben

Seitdem ein ander Lieb.


Da droben auf dem Schlosse

Da schallt das Hochzeitsfest,

Da lacht's und wiehern Rosse,

Durchs Grün ziehn bunte Gäst.


Die Braut schaut' ins Gefilde

Noch einmal vom Altan,

Es sah so ernst und milde

Sie da der Abend an.


Rings waren schon verdunkelt

Die Täler und der Rhein,

In ihrem Brautschmuck funkelt

Nur noch der Abendschein.


Sie hörte Glocken gehen

Im weiten, tiefen Tal,

Es bracht der Lüfte Wehen

Fern übern Wald den Schall.


Sie dacht: »O falscher Abend!

Wen das bedeuten mag?

Wen läuten sie zu Grabe

An meinem Hochzeitstag?«


Sie hört' im Garten rauschen

Die Brunnen immerdar,[327]

Und durch der Wälder Rauschen

Ein Singen wunderbar.


Sie sprach: »Wie wirres Klingen

Kommt durch die Einsamkeit,

Das Lied wohl hört ich singen

In alter, schöner Zeit.«


Es klang, als wollt sie's rufen

Und grüßen tausendmal –

So stieg sie von den Stufen,

So kühle rauscht' das Tal.


So zwischen Weingehängen,

Stieg sinnend sie ins Land

Hinunter zu den Klängen,

Bis sie im Walde stand.


Dort ging sie, wie in Träumen,

Im weiten, stillen Rund,

Das Lied klang in den Bäumen,

Von Quellen rauscht' der Grund. –


Derweil von Mund zu Munde

Durchs Haus, erst heimlich sacht,

Und lauter geht die Kunde:

Die Braut irrt in der Nacht!


Der Bräut'gam tät erbleichen,

Er hört im Tal das Lied,

Ein dunkelrotes Zeichen

Ihm von der Stirne glüht.


Und Tanz und Jubel enden,

Er und die Gäst im Saal,

Windlichter in den Händen,

Sich stürzen in das Tal.


Da schweifen rote Scheine,

Schall nun und Rosseshuf,

Es hallen die Gesteine

Rings von verworrnem Ruf.[328]


Doch einsam irrt die Fraue

Im Walde schön und bleich,

Die Nacht hat tiefes Grauen,

Das ist von Sternen so reich.


Und als sie war gelanget

Zum allerstillsten Grund,

Ein Kind am Felsenhange

Dort freundlich lächelnd stund.


Das trug in seinen Locken

Einen weißen Rosenkranz,

Sie schaut' es an erschrocken

Beim irren Mondesglanz.


»Solch Augen hat das meine,

Ach meines bist du nicht,

Das ruht ja unterm Steine,

Den niemand mehr zerbricht.


Ich weiß nicht, was mir grauset,

Blick nicht so fremd auf mich!

Ich wollt, ich wär zu Hause.« –

»Nach Hause führ ich dich.«


Sie gehn nun miteinander,

So trübe weht der Wind,

Die Fraue sprach im Wandern:

»Ich weiß nicht, wo wir sind.


Wen tragen sie beim Scheine

Der Fackeln durch die Schluft?

O Gott, der stürzt' vom Steine

Sich tot in dieser Kluft!«


Das Kind sagt: »Den sie tragen,

Dein Bräut'gam heute war,

Er hat meinen Vater erschlagen,

's ist diese Stund ein Jahr.


Wir alle müssen's büßen,

Bald wird es besser sein,[329]

Der Vater läßt dich grüßen,

Mein liebes Mütterlein.«


Ihr schauert's durch die Glieder:

»Du bist mein totes Kind!

Wie funkeln die Sterne nieder,

Jetzt weiß ich, wo wir sind.« –


Da löst' sie Kranz und Spangen,

Und über ihr Angesicht

Perlen und Tränen rannen,

Man unterschied sie nicht.


Und über die Schultern nieder

Rollten die Locken sacht,

Verdunkelnd Augen und Glieder,

Wie eine prächtige Nacht.


Ums Kind den Arm geschlagen,

Sank sie ins Gras hinein –

Dort hatten sie erschlagen

Den Vater im Gestein.


Die Hochzeitsgäste riefen

Im Walde auf und ab,

Die Gründe alle schliefen,

Nur Echo Antwort gab.


Und als sich leis erhoben

Der erste Morgenduft,

Hörten die Hirten droben

Ein Singen in stiller Luft.


Quelle:
Joseph von Eichendorff: Werke., Bd. 1, München 1970 ff., S. 327-330.
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