[215] So nenne mir den allerschönsten Tod.
Ich nenne dir den Tod in heißer Schlacht –
Um theure Güter ist der Streit erwacht,
Für Ehre, Freiheit, für dein gutes Recht,
Ich denke solcher Tod dünkt Niemand schlecht.
Den Heldentod nenn ich den schönsten Tod.
[215]
So nenne mir den allerschönsten Tod.
Ich nenn den Tod, in den ich freudig geh
Für Ueberzeugung, Wahrheit, die Idee –
Im Kerker, auf der Walstatt, dem Schaffot,
Der Sieg ist mein, ich sterb für meinen Gott.
Den Zeugentod nenn ich den schönsten Tod.
So nenne mir den allerschönsten Tod.
Ich nenne dir den Tod in Manneskraft,
Als Opfer edler That dahingerafft;
Du stirbst ein Retter, stirbst ein Tugendheld,
Den Lohn im Herzen, unterm Dank der Welt.
Den Opfertod nenn ich den schönsten Tod.
So nenne mir den allerschönsten Tod.
Ich nenne dir den Tod durch süßes Gift –
Durch Blitz, der aus dem heitern Himmel trifft;
Sei es im Elend, das er schnell beschließt,
Seis in der Lust, die sorgenlos genießt.
Der Unerwartete ist schönster Tod.
So nenne mir den allerschönsten Tod.
Ich nenn den Tod – wenn lebensmüd und schwach
Der Leib entschläft im heimischen Gemach.
Rings traute Nacht – die Rechnung schließ ich ab
Mit dieser Welt, Erlösung ist das Grab.
Ein selig Ende ist der schönste Tod.
[216]
So nenne mir den allerschönsten Tod.
»Lausch auf! du siehst junge Blumen blühn,
Die stille Wiese und den Quell im Grün.
Ein Morgenhauch, ein milder Sonnenstrahl,
Der Frühling ist gekommen in das Thal –
Dort stirbt ein Greis den gleichwillkommnen Tod.«
Du nennest mir den allerschönsten Tod –
»Ich nenne dir den Tod, den ich erfleh;
Mein war mein Leben, mein war die Idee!
Ich hab gekämpft, geduldet, ich genoß,
Ich ende – ohne Prunk, nur still und groß.
Nicht Arzt, nicht Priester kündet mir den Tod.«
»Ich preise dir den allerschönsten Tod:
Die Lieben all sie trugen mich hinaus,
Vier Wände sind dem Sterbenden nur Graus.
Es war das Sein so reich so lebensroth –
Nun ist mir Leben lieb und auch der Tod.
Ich schau umher und freundlich naht der Tod.«
»Und da ich sterbe allerschönsten Tod,
Noch einen Becher drückt mir in die Hand,
Die Thräne fällt, dann ist er voll zum Rand.
O schöne Sonne, Erd und Erdenglück –!
Lebt woh! legt in die Blumen mich zurück!
Freut euch! Nothwendigkeit ist aller Tod.«
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»Fanni war noch jung und unschuldigen Herzens. Ich glaubte daher, sie würde an Gamiani nur mit Entsetzen und Abscheu zurückdenken. Ich überhäufte sie mit Liebe und Zärtlichkeit und erwies ihr verschwenderisch die süßesten und berauschendsten Liebkosungen. Zuweilen tötete ich sie fast in wollüstigen Entzückungen, in der Hoffnung, sie würde fortan von keiner anderen Leidenschaft mehr wissen wollen, als von jener natürlichen, die die beiden Geschlechter in den Wonnen der Sinne und der Seele vereint. Aber ach! ich täuschte mich. Fannis Phantasie war geweckt worden – und zur Höhe dieser Phantasie vermochten alle unsere Liebesfreuden sich nicht zu erheben. Nichts kam in Fannis Augen den Verzückungen ihrer Freundin gleich. Unsere glorreichsten Liebestaten schienen ihr kalte Liebkosungen im Vergleich mit den wilden Rasereien, die sie in jener verhängnisvollen Nacht kennen gelernt hatte.«
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