Yburg

[152] Ruinen – Mauersturz, Geröll,

Getrümmer, Schutt und Raub;

Doch allwärts spinnt der blühende Dorn,

Und fröhlich sproßt das Laub.


Es klafft der Fels ins weite Thal

Hinab, hoch ist der Berg,

Die riesigen Tannen überkrönt

Das alte Menschenwerk.


Dort sitzt ein runzlig Köhlerweib

Am Strauch, dort ist ein Haus,

Die stolzen Steine der Herrenburg

Sie halfen der Nothdurft aus.


Das Mütterlein ist ganz vergnügt,

Der Himmel ist ihr auch blau,

Der Sommer hat bunt mit Blumen gefüllt

Den Garten der alten Frau.


Da wuchert es wild von Rosmarin,

Von Nelken und Hagebutt,

Großköpfige Sonnenblumen genug

Wiegen sich über dem Schutt.


Wies grünt und blüht, wies farbig spricht!

Welch üppige Blumengluth!

Ein guter Boden ist Graben und Wall

– Gedüngt mit Menschenblut.
[153]

Da ist nicht Ordnung, und ist kein Pfad,

Zum sanften Spazierengehn,

Das Unkraut blüht glückselig mit,

Man kann es wachsen sehn.


Du gutes Weib! verkümmern soll

In deiner Schöpfung kein Trieb.

Die Kinder des warmen Sommers sind

Dir alle schön und lieb!


O paradiesischer Wohlgeruch!

Kraftsüßer Honigduft,

Wie labst du mich, wie lieb ich dich

In der himmelreinen Luft!


Die Sonne scheint. Doch Alles still.

Kein Nachtigallenschlag.

Nur wispernd leise fliegt ein Traum

Hinüber den Blüthenhag.


Was ist das? Welcher rührende Reiz

Durchweht den einsamen Ort?

In einem Mährchen wandle ich –

Ist eine Fee die dort?

Quelle:
Ludwig Eichrodt: Leben und Liebe, Frankfurt a.M. 1856, S. 152-154.
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Gedichte

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Wenige Wochen vor seinem Tode äußerte Stramm in einem Brief an seinen Verleger Herwarth Walden die Absicht, seine Gedichte aus der Kriegszeit zu sammeln und ihnen den Titel »Tropfblut« zu geben. Walden nutzte diesen Titel dann jedoch für eine Nachlaßausgabe, die nach anderen Kriterien zusammengestellt wurde. – Hier sind, dem ursprünglichen Plan folgend, unter dem Titel »Tropfblut« die zwischen November 1914 und April 1915 entstandenen Gedichte in der Reihenfolge, in der sie 1915 in Waldens Zeitschrift »Der Sturm« erschienen sind, versammelt. Der Ausgabe beigegeben sind die Gedichte »Die Menscheit« und »Weltwehe«, so wie die Sammlung »Du. Liebesgedichte«, die bereits vor Stramms Kriegsteilnahme in »Der Sturm« veröffentlicht wurden.

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