Fünfter Auftritt.

[116] Welldorf. Madame Welldorf. Eduard. Dann Luise.


MADAME WELLDORF am Sessel. Es ist aus mit ihm; aus!

EDUARD zurückkommend. Wie?

MADAME WELLDORF. Er liegt ohne Athem und ohne Leben. Er erholt sich nicht[116] wieder. – Gott! Wenn du ihn nur gelassen hättest! –

EDUARD. Gelassen? Ich?

MADAME WELLDORF. Du konntest ja doch nicht retten; du sahst vor Augen. – –

EDUARD. Ha, wenn auch! Wenn mich tausendmal ihn nicht retten! Eh ich ihn antasten lasse; eh ich's dulde, dass der Erste von ihnen ihm nur ein Haar krümme – – Aber er röchelt! er stirbt! – – Alle meine Sinne, mein Blut – Neben ihm niederstürzend. O um Gotteswillen! Ich werde denn doch sein Mörder! Selbst dadurch, dass ich mich ihm aufopfre, sein Mörder! – – Wieder aufspringend und froh. Er regt sich wieder. Es ist noch Leben in ihm. – Wenn doch nur erst der Arzt käme! Wenn nur Luise käme! Vielleicht ist Hülfe.

LUISE verstört hereineilend. Eduard! Eduard![117]

EDUARD. Ah, da kömmt sie. – Wo bleibt der Arzt?

LUISE. Flieh! Flieh! Säume keinen Augenblick; denn der Oberst – er schwur dir im Fortgehen Rache; bittre, blutige Rache; den Tod! und wenn du dich aufhältst – –

EDUARD heftig. Wo der Arzt bleibt! Der Arzt! – Ob er kömmt! Ob du geschickt hast! – – Indem sie wie versteinert, dasteht.

MADAME WELLDORF. Eduard! Diese tödtende Nachricht – Gott, wenn auch noch das käme, das Entsetzlichste! – und es wird! – Fort! Fort! Suche dir eine Zuflucht! Rette dein Leben!

EDUARD niedertretend, gegen Luise. Da steht sie! Sie ist, wie taub und wie sprachlos; und sieht vor Augen, dass hier ihr Vater – –

MADAME WELLDORF die sich bemüht, ihn fortzuziehen.[118] Unglücklicher! – Lass deinen Vater in Gottes, in unsern Händen! Sieh, dass du dich selbst rettest! Suche dir eine Zuflucht!

EDUARD verwirrt. Wie? – Wie?

MADAME WELLDORF. Dich selbst sollst du retten; dir eine Zuflucht suchen! Hörst du nicht, dass der Oberst –

EDUARD wieder lebhafter. Mich selbst retten? Sie hier Preis geben, verlassen?

MADAME WELLDORF angstvoll bittend. Mein Sohn –

EDUARD. Schuld sein, dass man auf Sie stürze, wenn man hier mich nicht findet? dass man auf meine Schwester, auf meinen unglücklichen Vater stürze? Welch ein Elender wär' ich!

MADAME WELLDORF wie vorhin. Eduard!

EDUARD. Lassen Sie! Hier ist Alles umsonst. – Retten kann' ich mich nicht; das ist ein Traum: und ein Versuch wäre[119] Schande. – Zu Luisen. Sprich! Sprich! Komm endlich wieder zu Sinnen. Wo bleibt der Arzt?

LUISE. Er wird kommen. Sophie ist hin. – Gott, wenn nur du erst gerettet wärest! – Ich, ich reizte dich auf!

EDUARD. Also wird er? er wird kommen? – Nun wohl! Seinen Vater umfassend. Hilf mir ihn aufheben! Hilf! Er soll auf sein Bette zurück. – Herausreissen konnt' ihn der Mörder; aber den Tod bei den Seinigen soll er ihm lassen. Er soll noch hier bei Euch, unter euren Thränen, euren Gebeten sterben. – Lohn genug für mein Leben!

MADAME WELLDORF zwischen Angst und Zorn. Undankbarer! – Unmenschlicher!

EDUARD. Das bin ich nicht mehr. Ich war's.

MADAME WELLDORF. Und kannst du so gleichgültig von deinem Leben –?[120]

EDUARD. O, es ist Gnade, dass es mir das gilt! Ich trug's um weniger feil. – Indem er ihn mit Luisen hineinführt. Es ist Gnade von Gott, dass ich's um diesen Preis – für einen Vater verkaufe.

MADAME WELLDORF empört. Er hört nicht. Er schtet nicht meines Zuredens, meiner Verzweiflung. – Er ist wild und unbändig und hartnäckig. So war er von seiner Kindheit an! Er wird nicht ruhen, als bis er uns Alle hin, Alle in's Grab hat. – – An der offnen Thüre des Seitenzimmers. Eduard! wenn dich noch meine Bitten rühren, wenn du nicht meinen Tod willst – – Drinnen. Komm! Ich will selbst dich verbergen. Ich weiss, wo ich dich hinführe; und wenn man dich fordert – – eh' ich nur ein einziges Wort sage, das dich verriethe – – Wieder mit ihm hervor. Komm! Komm! Traue meiner Standhaftigkeit! Ich bin Mutter.[121]

EDUARD gerührt. Zu viel! Zu viel!

MADAME WELLDORF. Und du weigerst dich noch?

EDUARD. Soll ich Sie misshandeln lassen? Soll ich mit neuer, mit grösserer Wuth hervorbrechen, auch Sie zu schützen? Soll die Mutter mir minder heilig seyn als der Vater? – Lassen Sie mich! – Ich that nach Pflicht; das sagt mir mein Herz: und mag's nun werden, wie's will! Ich bin ruhig. – Gott wird es weiter machen; mit meinem Vater, mit Ihnen! Ich hab' ihn zurückgetragen; hab', ihm den letzten Abschiedskuss auf die Lippen gedrückt: – – Die Arme gegen sie hinstreckend. Darf ich auch Sie – –

MADAME WELLDORF sich hineinwerfend. Aber um Gottes willen! – Mein Sohn!

EDUARD. Dank! Dank! Innigen heissen Dank für jede Liebe, von meiner Kindheit an! Vergebung für jede Thräne,[122] die ich gekostet habe! Sie wurden alle erwiedert. – Und nun – keinen Kummer um mich! keine Wehklagen um mich! Seyn Sie so, wie Sie mich selbst sehen! Seyn Sie getrost!

LUISE wieder hervor. Beide! Beide! – im gleichen Augenblick! – Vater und Bruder!

EDUARD fortfahrend. Mir ist wohl. Ich hab's herab von der Seele. Noch nie, weil ich denken kann, fühlt' ich mich so – wie sprech' ich's aus? – so über mich selbst erhaben! – Freude gab's keine mehr für mein Leben; und dass ich's noch so beschliesse, es eben für den dahingebe, um den ich's durch meine Laster verwirkte: das ist Ruhe, Stärkung ist's für mein Herz! Ich stehe freier vor mir; ich werde freier vor Gott stehn – Indem Madame Welldorf die Hände ringend, umhergeht. Nein, nicht so, meine Mutter! Vergessen[123] Sie des Traums, dass Sie mich hatten! Sie hatten so wenig an mir! – Und du? Luise – bestes, redlichstes Herz! – o, bis itzt war mir dein Anblick traurig; denn er machte mir Vorwurf: und, nun – –

LUISE. Eduard! – Sich umsehend. Gott im Himmel! Sie kommen!


Quelle:
J[ohann] J[akob] Engel: Eid und Pflicht. Berlin 1803, S. 116-124.
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