Der Strumpf

[282] Die Barbiere stehen ja nicht im Rufe der Schweigsamkeit. Es wird seit alters her von ihnen behauptet, daß sie keine Geheimnisse bewahren können.

Mario ist ein Barbier in Rom, und alle seine Freunde behaupten, daß er ein guter Barbier ist, der sein Handwerk versteht, die Kunden artig und aufmerksam bedient und in seinem Geschäft auf die peinlichste Sauberkeit hält, denn auf die Sauberkeit kommt viel an beim Barbier; es gibt Barbiere, die stinkende Hände haben; es gibt Barbiere, die an der Wäsche sparen wollen; solche Leute können natürlich nie auf einen grünen Zweig kommen.

Daß Mario geschwätzig ist, das behaupten ja nicht gerade seine Freunde, denn die sind selber geschwätzig, aber einige von den Kunden sagen es, welche es lieben, beim Rasieren ihren Gedanken nachzuhängen, der eine, indem er sich überlegt, was der Vorgesetzte wohl gemeint hat, als er das letztemal zu ihm sprach, und ob er vielleicht auf eine Gehaltszulage angespielt hat, der andere, indem er sich eine Konjektur in der ersten Katilinarischen bedenkt, die ihm in der Nacht eingefallen ist, der dritte, indem er das Für und Wider einer Spekulation in Artischocken prüft, der vierte, indem er ausrechnet, wann sein nächster Wechsel fällig wird. Wie das hinsichtlich unserer moralischen Eigenschaften immer ist, können wir also kein richtiges Urteil über Marios Geschwätzigkeit gewinnen, wenn wir die Leute befragen, die ihn kennen, denn alle interessieren sich ja natürlich viel mehr für sich selber als für Mario und sagen immer nur aus, was sie selber für sich wünschen, statt objektive Beiträge zur Seelenkunde des Andern zu geben; wir müssen uns auf das Urteil des Erzählers verlassen, und der sagt: in der Tat, Mario ist geschwätzig.[283]

Was wird nun geschehen, wenn Mario ein wichtiges Geheimnis zu verbergen hat?

Eine alte Tante ist gestorben, von der Mario schon längst fand, daß sie überflüssig war, und hat einen langen, braunwollenen Frauenstrumpf, der bis an den Leib geht, mit Skudi hinterlassen.

Die Tante war sehr gedankenlos, wie das Frauen so oft sind, und hatte den Strumpf immer in ihrem Bett aufbewahrt, auch wenn sie, was freilich selten vorkam, ihre Wohnung einmal verlassen mußte. Mario zittert bei der Vorstellung, daß der Strumpf unbewacht bleiben könnte, denn wenn auch seine Frau und seine erwachsene Tochter immer in der Wohnung sind, auf Weiber verläßt er sich nicht. Vorläufig nimmt er den Strumpf stramm zusammengeschnürt des Morgens auf den Rücken, wenn er ins Geschäft hinuntergeht, schließt ihn in das Schränkchen mit den Servietten ein, ehe er die Läden öffnet, in das Schränkchen, das unter dem Spiegel steht, vor welchem er immer rasiert; und des Abends, nachdem er alle Läden geschlossen, nimmt er ihn wieder aus dem Schränkchen und schleppt ihn keuchend in die Wohnung hinauf, wo er ihn in das Ehebett legt. Aber natürlich, wenn es das Unglück will, passieren kann immer etwas.

Der Strumpf ist selbstverständlich sein Geheimnis. Sein Haupttrost ist, daß niemand bei ihm einen Schatz vermuten wird.

Aber der Menschenkenner wird nun schon wissen, was geschieht. Mario erzählt seinen Kunden im allgemeinen von Leuten, welche geizig sind und sich nichts gönnen, und die Erben finden dann bei ihrem Tode ein schönes Kapital vor; er macht Bemerkungen über die Gewohnheit alter Damen, ihr Geld in Strümpfen aufzubewahren; er erbittet sich Ratschläge, wie man ein größeres Kapital sicher, aber vorteilhaft anlegen könne, nicht für sich, sondern für einen Freund, dessen[284] Tante gestorben ist; er preist das Los des Armen, der keine Sorge kennt, indessen der Reiche nicht ruhig schlafen kann, weil er immer fürchtet, bestohlen zu werden; er findet, daß die Einbruchsdiebstähle in erschreckender Weise überhand nehmen, so daß selbst arme Leute wie er, bei denen doch nichts zu holen ist, rein gar nichts, gefaßt sein können, daß sie von Dieben besucht werden; er fragt, wozu eigentlich die Polizei da ist, wenn sie nicht den Schlaf des steuerzahlenden Bürgers schützen kann; er erkundigt sich nach dem Kurs der verschiedenen Münzsorten, und ob man nicht durch Umwechseln einen kleinen Gewinn erzielt, ein Freund von ihm hat nämlich ein kleines Kapital geerbt, ein ganz kleines Kapital nur, aber die Tante hatte es in sehr guten Münzsorten angelegt. So und ähnlich spricht er, fragt, erzählt und klagt, und es dauert nicht lange, bis alle Kunden von der Tante und dem Strumpf wissen.

Auch Lange Rübe gehört zu den Kunden.

Lange Rübe ist ein Menschenkenner und versteht es, sich aus den Erzählungen Marios die Geschichte zusammenzusetzen.

Hinter Marios Haus ist ein Garten, in dem ein alter Birnbaum steht. Er trägt ganz schlechte Früchte, der alte Birnbaum, sie sind steinig und haben eine dicke Schale, sie sind ungenießbar; wenn man ein Schwein hielte, so könnte man sie verwerten, aber Mario hält kein Schwein. Er hat den Birnbaum schon immer schlagen lassen wollen. Er läßt den Knorren natürlich auch roden, denn er will Platz haben in seinem Garten, er will Gemüse ziehen. Gemüse bringt am meisten ein, Gemüse braucht man täglich; man würde die Hände überm Kopf zusammenschlagen, wenn man sich ausrechnete, was man im Jahr für Gemüse aus gibt; er kann nach Ladenschluß immer etwas im Garten arbeiten, er kann auch des Nachts, wenn Mondschein ist, arbeiten, denn er schläft jetzt oft nicht gut; die Nachbarn brauchen sich nicht zu[285] wundern, wenn sie ihn im Garten nachts arbeiten sehen. Kurz, das Gemüse kostet ihn nichts, und ein Hausvater muß bedacht sein, wo er sparen kann.

Es vergeht eine Zeit, Mario ist immer der alte; sein Hauptgespräch ist jetzt der gerodete Birnbaum und der Gemüsegarten, in welchem er Salat zieht, Radieschen, Brokkoli, Rüben und noch vieles andere, denn der Boden ist wie Silber, wie Silber ist der Boden, wie viertausend Skudi ist er. Aber eines Tages ist Mario plötzlich ganz verändert. Er ist schweigsam, er ist blaß, seine Hände zittern und er schneidet seine Kunden; mit schwermütigem Lächeln bittet er um Entschuldigung und legt ihnen Feuerschwamm auf; die Kunden schimpfen und drohen, daß sie zu einem anderen Barbier gehen werden. Sie fragen Mario, ob er verliebt ist, ob seine Frau ihm untreu ist, ob seine Schwiegermutter zu Besuch gekommen ist, ob er trinkt, ob er heimlich dichtet; ein irres Lächeln tritt auf seine Lippen, hilflos stammelt er: »Zu Befehl, Exzellenz«, dann preßt er wieder die Lippen zusammen und rasiert schweigend weiter mit unsicherer Hand.

Der klügste Mann, den er kennt, ist sein Beichtvater. Er ist auch der einzige Mann, zu dem er Vertrauen hat. Denn man muß sich sehr überlegen heutzutage, wem man sein Vertrauen schenkt; und er überlegt es sich auch sehr. Er ist nicht mehr vertrauensselig. Er war es, aber er ist es nicht mehr. Denn man kann getäuscht werden in seinem Vertrauen, und er ist getäuscht.

Also er geht am Abend zu dem Beichtvater und fragt den um Rat. Er erzählt, daß er eine Erbschaft gemacht hat, viertausend Skudi; niemand hat etwas gewußt von der Erbschaft, denn er kann schweigen; seinem besten Freunde hat er nichts gesagt von den viertausend Skudi, denn was man hat, das braucht niemand zu wissen, und was ich nicht selber verschweige, das verschweigt mein Freund natürlich erst recht[286] nicht. Er ist des Nachts in seinen Garten gegangen, wo ein alter Birnbaum gestanden hat, der sehr gute Birnen trug, die er immer gern eingemacht aß, auch roh, aber sie hielten sich nicht lange, den hat er ausroden lassen, um unauffällig ein tiefes Loch im Garten zu haben, in dem die Erde locker war; in dem Loch hat er sein Geld vergraben. Viermal täglich hat er im Garten nachgesehen, ob alles in Ordnung war, mindestens einmal in jeder Nacht; er hat immer mit einem langen Draht nachgefühlt. Er hat zum Vorwand genommen, daß er sich Gemüse angepflanzt hat, damit niemand mißtrauisch werden sollte. Und trotz aller Vorsicht sind die viertausend Skudi ihm vorige Nacht gestohlen. Wie er heute morgen nachfühlt, ist nichts mehr da; er gräbt, das Geld ist fort!

Der Beichtvater schüttelt den Kopf und streicht sich nachdenklich mit der linken Hand das Kinn. Er läßt sich bei Mario rasieren und kann sich schon denken, wie alles zusammenhängt.

Nun gibt er ihm einen Rat. »Mein Sohn,« sagt er, »laß nichts merken von deinem Verlust. Sei morgen so heiter, wie deine Gäste gewohnt sind, dich zu sehen. Und nun stelle dir recht lebhaft vor, daß noch eine Tante gestorben ist, und daß du wieder ein Kapital erben wirst. Stelle dir das recht lebhaft vor. Du hast eine glückliche Phantasie; das ist eine schöne Gottesgabe. Mache Gebrauch von ihr, und du wirst getröstet werden.« Mit wohlwollendem Lächeln gibt er dem verdutzten Mario seinen Segen.

Der Leser wird durch diesen Rat wohl nicht sehr getröstet werden; Mario wird es auch nicht, vielmehr schimpft er auf dem Wege ganz gehörig auf den guten Beichtvater, daß der ihm so etwas Dummes geraten hat.

Seiner Frau hat er von dem Diebstahl natürlich nichts gesagt; so muß er denn einen Teil des Rates schon zu Hause befolgen; denn er muß doch einen Gegenstand für seine Erzählungen[287] wählen, und seine Phantasie ist nun einmal festgelegt; er tut, als sei er so heiter wie gewöhnlich, er geht in den Garten, er spricht davon, was er mit dem Gelde alles machen wird, wie er gewöhnlich zu seiner Frau spricht, daß er ein Haus am Sankt Petersplatz kaufen wird, wo die vielen Fremden vorbeikommen, die sich Sankt Peter ansehen wollen, daß er große Scheiben in die Fenster setzen lassen wird und Spiegel aus einem Stück haben wird, und daß er von den Römern weiterhin nur einen Soldo nimmt, von den Fremden aber nimmt er zwei Soldi, und damit verdient er in kurzem so viel, daß er die Barbiererei überhaupt an den Nagel hängt, sich ein Landgut kauft, das er von seinen Leuten bearbeiten läßt, denn er selber arbeitet dann nicht mehr, er leitet nur das Ganze, denn ein Kopf muß natürlich sein. Die großen Vermögen gehen nur deshalb verloren, weil gewöhnlich kein Kopf da ist, der sie leitet.

Und indem er sich nun über das Landgut verbreitet und erklärt, wie er es mit dem Wein, wie mit dem Öl, wie mit dem Getreide macht, und im einzelnen auf die Pferdezucht zu sprechen kommt, welche noch viel zu sehr vernachlässigt wird, und auch auf das Anpflanzen von Arzneikräutern, die eine große und sichere Rente gewähren, da erscheint es ihm plötzlich, als ob er wirklich noch eine andere Tante gehabt hat, die auch eben gestorben ist, von der er auch einen Strumpf mit Skudi erbt, und er beginnt von dieser Tante zu erzählen, und seine Frau und Tochter, welche eben Bohnen schnippeln, hören mit ihrer Arbeit auf und lauschen ihm, indessen er auf und ab geht, sie freuen sich über die neue Tante, von der sie noch gar nichts gewußt haben, und fragen, ob sie vielleicht auch Sachen hinterlassen hat, denn das versteht ein Mann nicht so, man kann aus getragenen Kleidern immer noch etwas machen; und Mario erzählt nun von den Kleidern der neuen Tante und kommt dabei auf ihre Lebensgewohnheiten zu[288] sprechen, und entrollt ein ganzes, ausführliches Charakterbild von ihr.

So geht er denn halb getröstet zu Bett; und als am anderen Morgen der erste Kunde kommt, da beginnt er von der neuen Tante zu erzählen, und von der Reise, welche er in der nächsten Woche machen muß, und erkundigt sich, wie man Kapitalien am besten anlegt, und schüttelt bedenklich den Kopf über die Unsicherheit der Geschäfte heutzutage, und kommt am Schluß immer darauf zurück, daß Bargeld Bargeld ist, ein Haus ein Haus, ein Gut ein Gut, aber ein Blatt Papier nur ein Blatt Papier.

Lange Rübe hört diese Gespräche und muß selbstverständlich seine Schlüsse ziehen. Er nimmt an, daß Mario die neue Erbschaft da verbergen wird, wo er die alte verborgen hat, und es wäre ja natürlich sehr ärgerlich, wenn ihm das Geschäft mit der neuen Erbschaft entginge. Was sollen wir noch viel sagen? Als Mario wieder mit seinem Draht nachfühlt, wie er immer tut, weil er heimlich hofft, daß der Strumpf plötzlich doch wieder da sein kann, obgleich er ja genau weiß, daß er nicht da ist, was geschieht? Er spürt etwas Hartes, an dem der Draht abgleitet; er sticht noch einmal mit dem Draht zu, und fühlt wieder dasselbe; er gräbt nach, und wahrhaftig, der Strumpf ist wieder da!

Selbstverständlich läßt er ihn nun nicht mehr im Garten; welches neue Versteck er findet, das ist für diese Geschichte gleichgültig; sehr interessant wäre es ja, wenn wir noch erfahren könnten, wie er sich das plötzliche Verschwinden und Wiederkommen des Strumpfes erklärt hat; aber das können wir nicht erfahren, denn das hat er sich nie erklärt.

Quelle:
Paul Ernst: Komödianten- und Spitzbubengeschichten, München 1928, S. 282-289.
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