Der Traum

[97] Man weiß, was die Theatermutter ist. Man weiß es allerdings nur erfahrungsmäßig. Die Idee des Königs ist durch Sophokles gestaltet, die Idee des älteren Herrn durch Terenz, die Idee des Taugenichts durch Eichendorff, die Idee des Arztes durch Molière, und die Idee des Komödianten durch Paul Ernst. Die Idee der Theatermutter hat noch keinen Dichter begeistert; die Idee der Theatermutter kennt man nur aus der Welt der Wirklichkeit und den mehr oder weniger unzulänglichen Berichten über diese mangelhafte Welt. Wir müssen deshalb zunächst einige Worte über die Theatermutter sagen.

Sie hat immer nur ein Kind, und zwar nie einen Sohn, sondern nur eine Tochter. Sie braucht mit ihrem Kind nicht blutsverwandt zu sein. Sie liebt ihr Kind zärtlich, sie hat keine Vorurteile, sie kennt die Welt und ist nicht romantisch veranlagt. Aber da fällt mir ein: wir haben ja die Idee der Theatermutter! Wir haben sie gestaltet von Goethe, unserem größten Dichter, den freilich eine solche Aufgabe reizen mußte, im Wilhelm Meister. Also der Leser denke nur an die alte Barbara, dann hat er die richtige Vorstellung, die Vorstellung nicht aus der schlechten Wirklichkeit, sondern aus der wirklich wirklichen Welt, aus der Welt in welcher Antigone und der Taugenichts leben, der eingebildete Kranke und die Komödianten.

Narcise ist erst sechzehn Jahre alt und schon seit ihrer Kindheit an der Bühne. Der Hausmeister muß die vierteljährlichen Rechnungen für die Treppenreinigung schreiben und hat deshalb Tinte. Sie hat sich sein Tintenfaß geborgt, sitzt frühmorgens im Unterrock auf ihrem Bettrand, baumelt mit den[98] Füßen, an deren Spitzen die, wenn auch zerrissenen, so doch zierlichsten Pantöffelchen der Welt hängen, trällert ein Lied, und schwärzt den Pappdeckel, mit welchem sie ihre Stiefelchen ausgebessert hat. »Wenn es nur keinen Regen gibt«, sagt sie seufzend.

»Und was ich geträumt habe!« fährt sie fort. »Ich sitze hier und schwärze meine Schuhe, genau so, wie ich jetzt sitze. Mit einem Male ist es mir, ich muß ans Fenster laufen. Ich laufe ans Fenster, schaue auf die Straße, da kommt ein Prinz, sieht in die Höhe, sieht mich, ich schreie auf, falle ohnmächtig um, er, mit ein paar Sätzen die Treppen hoch, steht hinter mir, fängt mich auf. Ach, Mutter, war das schön.«

Die Theatermutter hält eine Antwort nicht für nötig, sondern brummelt etwas über die Herdringe, die ihr beständigen Ärger machen, weil sie natürlich nicht zueinander passen, denn wie können sie denn zueinander passen, wenn sie von ganz verschiedenen Platten stammen! Narcise juchzt auf, wirft den Stiefel an die Stubendecke und fängt ihn wieder, dann ergeht sie sich in geschichtlichen Erinnerungen an Prinzen, welche Schauspielerinnen geheiratet haben.

Der Signor Gori ist Beamter im Ministerium der öffentlichen Angelegenheiten und ein netter junger Mann, der bei seinen Vorgesetzten wohlgelitten ist; er hat ein bescheidenes und liebevolles Gemüt, dichtet und schickt seine Gedichte unter fremdem Namen an die Zeitschriften ein, aber es ist noch nichts von ihm gedruckt; er lebt mit seiner Mutter zusammen, einer Beamtenmutter also; die Beamtenmutter unterscheidet sich bekanntlich sehr von der Theatermutter; sie hat ein schwarzseidenes Kleid, sieht sich um nach einer guten Heirat für ihren Sohn, ist immer blutsverwandt mit ihm, und achtet peinlich darauf, daß sein Anzug stets sauber gebürstet und seine Stiefel stets glänzend gewichst sind, denn sie weiß, was das Äußere für einen Beamten bedeutet.[99]

Der Signor Gori geht in sein Amt; er geht mit dem sittlichen Ernst, der ihm eigen ist. Wie er um die erste Ecke biegen will, stutzt er; plötzlich wird ihm dunkel ein Traum bewußt, den er diese Nacht gehabt hat, und ein Irgendetwas treibt ihn, weiterzugehen und erst um die nächste Ecke zu biegen, wo er denn durch eine Straße gehen muß, durch welche er sonst nie kommt. Man verstehe den Signor Gori recht. Signor Gori ist kein abergläubischer Mensch und gibt nichts auf Ahnungen. Aber schließlich ist es ja einerlei, ob er einen Umweg von zwei oder drei Minuten macht; ein Umweg von zehn Minuten etwa wäre natürlich gänzlich ausgeschlossen.

Also der Signor Gori geht durch eine Straße, durch welche er sonst nicht geht. Das ist aber gerade die Straße, in welcher Narcise wohnt.

Er kommt an dem Hause Narcisens vorbei.

Es ist ihm immer noch unklar, was er eigentlich geträumt hat, aber eine eigene Unruhe, eine Sehnsucht, welche mit einem Glücksgefühl gemischt ist, eine süße Erwartung von etwas Sicherem treibt ihn. Er blickt hoch: da sieht Narcise aus dem Fenster. Einen Augenblick lang treffen sich die Augen der Beiden, Narcise stößt einen leisen Schrei aus und fährt zurück.

Der Signor Gori aber eilt die Treppen hinauf mit Schritten, wie ein Bräutigam zu seiner Braut eilen mag; es kommt ihm gar nicht zum Bewußtsein, daß es höchst unpassend ist, in ein fremdes Haus einzudringen, und daß er bei seiner Stellung als Beamter in einem Ministerium ein so unpassendes Benehmen noch viel mehr vermeiden muß als jeder Andere. Er stößt die Tür zu Narcisens Wohnung auf; Narcise ist ohnmächtig in die Arme ihrer Theatermutter gesunken; die Theatermutter brummelt ärgerlich, man brauche sich nicht gleich am frühen Morgen zu schnüren, das gebe nur dickes Blut; er nimmt Narcisen der Theatermutter aus den Armen[100] und hält sie in den seinen; sie schlägt die Augen auf und blickt in sein Gesicht; sie gibt sich eine kräftige Wendung, ruft jubelnd aus: »Bist du gekommen«, schlingt ihm die Arme um den Hals und küßt ihn.

Die Theatermutter macht sich inzwischen am Herd zu schaffen und erklärt, sie müsse für den jungen Mann noch einen Löffel Mehl nehmen, die Milch reiche für drei; Narcise fängt an zu lachen, der junge Mann wird verlegen und tritt von ihr zurück; Narcise räumt die Reste des gestrigen Abendbrotes vom Stuhl, setzt sich und lacht, indem sie sich vornüberbiegt, die Beine hochstreckt, und das eine Pantöffelchen verliert.

Hier kann nun auch der Unphilosophische sehen, daß die Welt der Ideen die wirkliche Welt ist und die schlechte Wirklichkeit ein reiner Unsinn.

Die Beamtenmutter wünscht für den Signor Gori eine reiche Frau, die Theatermutter wünscht für Narcisen einen reichen Liebhaber. Die Beamtenmutter lebt in der Welt der Ehen, die Theatermutter lebt in der Welt der Liebschaften. Die beiden Welten treffen sich in der Stube Narcisens.

Sie treffen sich; aber wie? Sie gleichen zwei Glasglocken, in deren Mitte jedesmal eine Mutter sitzt. Die Glasglocken können sich ja treffen. Aber wenn sie zusammenstoßen, dann sind sie beide kaputt, und das wäre doch schade um sie. In der schlechten Wirklichkeit würden sie aber bald zusammenstoßen. Alles Unglück in der schlechten Wirklichkeit kommt bloß daher, daß zwei Glasglocken zusammenstoßen und kaputt gehen. Natürlich sieht die Theatermutter sofort, daß der Signor Gori, wenn er nach Hause kommt, aus Sparsamkeit seine Kleider auszieht und mit Papier ausgestopft auf Bügel hängt, und die Beamtenmutter sieht ihrem Sohn an, wenn sie ihm entgegentritt, was geschehen ist, geht ihm nach und entdeckt die Wohnung Narcisens.

In der Dichtung bleiben die Glocken ganz, denn man dichtet[101] einfach den Zusammenstoß nicht, weil die zerbrochenen Glasglocken einen unbefriedigenden Schluß ergeben würden. Soll ich dem Leser das Geheimnis der wahren Wirklichkeit, der Wirklichkeit, welche der Dichter gibt, verraten? Es ist die Wirklichkeit, die er sich wünscht. Alle Leser wünschen, daß Signor Gori und Narcise glücklich sind; vielleicht gibt es die eine oder andere unverheiratete ältere Dame, die es nicht wünscht, aber auf die wird keine Rücksicht genommen.

Also die Theatermutter hat den morgendlichen Milchbrei bereitet und setzt ihn in zwei zerbrochenen Tellern und einer Schüssel ohne Henkel auf den Tisch; da nur zwei Löffel in der Wirtschaft vorhanden sind, so essen Narcise und Signor Gori mit dem einen und die Theatermutter mit dem anderen Löffel. Signor Gori muß auf sein Amt, er verabschiedet sich zärtlich von Narcisen, er verspricht, er wird gleich nach seinen Amtsstunden wiederkommen. Er kommt wieder, die Theatermutter ist zum Einholen gegangen, denn sie sagt sich, daß sie gegen den Signor Gori doch nichts ausrichten kann.

Signor Gori und Narcise sind glücklich. Erst spät reißt sich der Signor Gori los, nachdem er die nächste Zusammenkunft verabredet hat; die Beamtenmutter hat ihn schon seit Stunden erwartet und tritt ihm mit besorgtem Ausdruck entgegen.

Sie sieht ihn an und versteht das eigentümliche Leuchten im Gesicht ihres Sohnes, sie ist ja seine Mutter; sie seufzt leise und denkt dasselbe, was die Theatermutter gedacht hat.

Die beiden Mütter sind kluge Frauen, deshalb stoßen die Welten nicht zusammen und gehen die Glasglocken nicht kaputt. Später muß Narcise ja in der Glocke der Theatermutter wohnen und Signor Gori in der Glocke der Beamtenmutter. Da wäre es doch ein Unglück, wenn die Glocken nicht mehr ganz wären.

Quelle:
Paul Ernst: Komödianten- und Spitzbubengeschichten, München 1928, S. 97-102.
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