Die ungewollte Freiwerbung

[72] Cinthio ist der Sohn eines berühmten Facanappa, der noch immer in Venedig das Publikum entzückt, und er ist der Bruder eines berühmten Mezzetin, der zugleich mit ihm in Rom engagiert ist. Das sind nach der etwas phantastischen Ansicht der Schauspieler die beiden Gründe, weshalb er vom Direktor der Truppe nicht entlassen wird; denn alle sagen, daß er eigentlich talentlos ist. Der Direktor weiß, was er tut. Cinthio hat zwar kein Talent, aber er hat Gemüt; es kommen viel Fremde ins Theater, hauptsächlich Deutsche, und die verlangen Gemüt; der Direktor ist ein erfahrener Mann und weiß, daß der talentvolle Schauspieler selten Gemüt hat.

Cinthio ist in Violetten verliebt, die Tochter des Apothekers. Der Apotheker ist ein guter Schauspieler und seine Tochter auch; man kann sich vorstellen, wie die Beiden über Cinthio lächeln.

Das weibliche Herz ist ja nun freilich nicht zu berechnen, und Cinthio sagt sich deshalb, daß er die Hoffnung nicht zu verlieren braucht. Aber da ereignet sich das große Unglück, daß auch Mezzetin, sein Bruder, sein Herz an Violetten verliert. Natürlich sagt ihm Mezzetin nichts und Violette noch weniger wie nichts, indem sie nämlich freundlich zu ihm wird; aber Cinthio weiß, was das Schicksal ihm wieder Fürchterliches bereitet hat, ihm, auf dessen unschuldiges Haupt es ohnehin seinen Groll zu entladen pflegt.

Mezzetin schmeichelt sich selbstverständlich bei dem alten Apotheker ein; er kennt die Welt und weiß, wie man eine Liebesgeschichte zu führen hat. Was kann auf einen sechzigjährigen Schauspieler mehr Eindruck machen, als wenn man davon spricht, daß alle Frauen hinter ihm her sind? Der Apotheker[73] reibt sich schmunzelnd die Hände, wehrt bescheiden ab: die Liebe, das ist etwas für die jungen Leute; wenn man vernünftiger wird, so hält man sich an das Solide. Er zupft seinen Rock zurecht, schlägt ein Bein über das andere und sagt, mit den jungen Männern könne man doch nicht mehr wetteifern, die Frauen werden doch nie durch Erfahrung klug, sie denken immer, nur die Jugend kann lieben, einen Mann von Vierzig halten sie schon für alt. »Vierzig!« ruft Mezzetin; »kein Mensch hält dich für älter als dreißig!« Der Apotheker lächelt und findet das etwas geschmeichelt von dem jungen Mann; Mezzetin führt als Beweis eine Contessa an, die aus ihrer Loge immer nur nach ihm sieht; der Apotheker findet, daß er sich allerdings konserviert habe, aber wenn man fünfunddreißig ist, dann muß man eben verstehen, mit Würde zu resignieren; es bleibt einem ja doch immer die Erinnerung.

Ja, die Erinnerung! Mit elastischem Schritt geht er zu seinem Koffer, einem großen alten Koffer, mit Seehundsfell bezogen, schäbig und haarlos, mit einem Schloß, das eigentlich zerbrochen ist und sich nur durch einen Kunstgriff öffnen und schließen läßt; er schließt auf, holt ein Päckchen Briefe hervor, drückt es dem verwunderten Mezzetin in die Hand und sagt: »Lies! Du wirst sehen, welche Briefe der Apotheker schreiben konnte, wie er so jung war wie du, welche vulkanischen Gluten in seinem Herzen gerast haben.«

Mezzetin geht; auf der Treppe biegt er das Päckchen auseinander: es sind wirklich Liebesbriefe, die der Alte vor vierzig Jahren geschrieben hat. Er biegt sich vor Lachen. Vor der Tür begegnet er Cinthio, wie er gerade Violetten eine Rose anbietet. Violette errötet. Was? Violette errötet? Diesen Menschen muß man vernichten!

Wie vernichtet man einen Mann in den Augen eines Weibes? Man macht ihn lächerlich.

Cinthio besucht Violetten täglich; der Apotheker liegt auf seinem[74] alten Koffer und spuckt vor sich auf den Fußboden, immer auf dieselbe Stelle; Violette sitzt auf dem Tisch und schabt Möhren, putzt Kohl oder bereitet sonst ein Gemüse; zuweilen wirft sie still lächelnd mit dem Fuß ihr Pantöffelchen in die Luft und fängt es geschickt wieder auf; Cinthio hat den einzigen Stuhl inne, würdevoll, tugendhaft, gemütvoll und langweilig; er erzählt, daß der frühere Papst nie Spaghetti aß, weil er aus Spanien stammte, daß die Türken eine Frau zum Sultan machen wollen, wieviel Einkünfte der König von Frankreich bezieht, oder daß ein deutscher Fürst dem Direktor einen Orden für seine Verdienste um Kunst und Wissenschaft verliehen hat; der Orden war nur aus Messing und sollte eigentlich auf dem Rock getragen werden, der Direktor aber hat ihn vergolden lassen, ein breites grün und blaues Seidenband durchgezogen, und trägt ihn um den Hals.

Mezzetin kennt die Stunde, wo Cinthio in dieser etwas unzulänglichen Weise Violetten den Hof macht. Es klopft plötzlich, die Tür öffnet sich, und er tritt mit einer Begrüßung ein, ganz harmlos, als komme er zufällig. Cinthio erbleicht, beschließt, ihm den Stuhl nicht zu geben, und nimmt an, daß er dann bald gehen werde; Mezzetin aber erkennt sofort die Lage, schwingt sich auf den Tisch und setzt sich neben die eifrig arbeitende Violette; der Tisch ist nicht breit, er setzt sich dicht neben sie.

Cinthio ist vor Ärger verstummt, Mezzetin aber, der höllische Mezzetin greift in die Tasche, zieht das Briefpäckchen hervor und erzählt.

Er hat eine eiserne Stirn; er erzählt also kaltblütig, sein Bruder Cinthio schreibe heimlich Liebesbriefe an eine ihm, dem Mezzetin, unbekannte Geliebte, die er dann nicht abzusenden wage. Der Apotheker lacht und muß sich aufrichten von seinem Koffer, damit er sich nicht verschluckt; Violette legt das Messer in die Schüssel, stellt die Schüssel hinter sich und hört[75] mit großen Augen zu. Mezzetin erzählt weiter, er habe die Briefe heimlich an sich genommen und wolle einige der Gesellschaft vorlesen, weil sie in so schönem Stil geschrieben seien.

Cinthio, der nichts von Liebesbriefen weiß, die er abgefaßt haben soll, rückt unruhig auf seinem Stuhle hin und her; und nun beginnt Mezzetin vorzulesen.

Der Apotheker hat wirklich einen guten Stil gehabt, als er noch jung war; er hat geliebt, wie noch nie vor ihm ein Apotheker geliebt hat, und er hat seine Liebe geschildert wie ein König im Reiche des Geistes. Aber es ist der Ton, welcher die Musik macht; wenn ein Mezzetin vorliest, ein Mezzetin, der Talent hat, so biegen sich ja die Balken vor Vergnügen, und der Fußboden kracht vor Begeisterung. Der Apotheker ahnt nicht, daß er seine eigenen Schriftwerke anhört, es ist ja so lange her, daß er diese glühenden Briefe abgefaßt, seine damalige Geliebte ist längst Stopffrau geworden und hat eine schwarze Oberlippe, weil sie schnupft; er springt vom Koffer, stellt sich in die Mitte des Zimmers, hält sich die Seiten und lacht, bis er nicht mehr kann.

Was soll Cinthio sagen? Er nimmt seinen rotsamtenen Hut, wischt mit der flachen Hand über ihn weg, setzt ihn auf und geht aus dem Zimmer, die Treppe hinunter, auf die Straße.

Aber er hat recht. Das weibliche Herz ist nicht zu berechnen. Violette springt vom Tisch und folgt dem betrübten Cinthio. Mezzetin stockt, will ihr nach, der entzückte Apotheker ruft: »Weiter, weiter!« Mezzetin sagt, er müsse Violetten noch sprechen, der Apotheker hält ihn fest; über diesen Eifer muß Mezzetin nun wieder lachen, der Apotheker lacht ahnungslos mit, Mezzetin lacht über das Lachen des Apothekers, der Apotheker lacht über das Lachen Mezzetins, Mezzetin lacht wieder über das Lachen des Apothekers, und nun umschlingen sich Beide, tanzen im Zimmer herum und lachen, bis sie atemlos der eine auf seinen Koffer, der andere auf den leeren[76] Stuhl taumeln. Kaum aber haben sie wieder Atem geschöpft, als Mezzetin wieder auf den Alten blickt, von neuem lacht, und nun beginnt ein neues Lachduo. So vergeht Beiden die Zeit.

Inzwischen hat Cinthio am Türpfosten auf der Straße gestanden und geweint, ist Violette hinter ihn getreten, hat ihm die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt: »Das wußte ich ja gar nicht, daß du soviel Temperament hast.« Cinthio dreht sich um, da sieht er auch in Violettens Augen Tränen blitzen; jubelnd umarmt er sie, sie will sich ihm verschämt entziehen; eine Hökerfrau, die vor einem Korb mit Apfelsinen auf dem Huchtelpott sitzt, schüttelt mißbilligend den Kopf und sagt: »Das sind nun so die Komödianten, das schämt sich nicht und das grämt sich nicht.« Nun müssen die Beiden über das Weib lachen, das Weib sieht ein, daß ein Geschäft zu machen ist, und reicht ihnen stumm zwei Apfelsinen; Cinthio zieht einen Soldo aus der Tasche, wirft ihn ihr in den Schoß, nimmt die Apfelsinen; Violette legt ihren Arm in den seinen, und nun gehen sie. –

Violette ist ja eigentlich nicht in Straßenkleidern; aber so genau nimmt man es nicht, die Beiden sind verliebt und glücklich und gehen; und als Mezzetin endlich oben aufgehört hat zu lachen, da ist niemand mehr auf der Straße, nur das alte Hökerweib sitzt da und hat einen Tropfen an der Nase hängen.

Quelle:
Paul Ernst: Komödianten- und Spitzbubengeschichten, München 1928, S. 72-77.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze

Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze

Der Waldbrunnen »Ich habe zu zwei verschiedenen Malen ein Menschenbild gesehen, von dem ich jedes Mal glaubte, es sei das schönste, was es auf Erden gibt«, beginnt der Erzähler. Das erste Male war es seine Frau, beim zweiten Mal ein hübsches 17-jähriges Romamädchen auf einer Reise. Dann kommt aber alles ganz anders. Der Kuß von Sentze Rupert empfindet die ihm von seinem Vater als Frau vorgeschlagene Hiltiburg als kalt und hochmütig und verweigert die Eheschließung. Am Vorabend seines darauffolgenden Abschieds in den Krieg küsst ihn in der Dunkelheit eine Unbekannte, die er nicht vergessen kann. Wer ist die Schöne? Wird er sie wiedersehen?

58 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon