Die verfallene Kirche

[37] Es geschieht ja sehr selten, daß die Komödianten an die Zukunft oder an die Vergangenheit denken, denn wer die Begabung zu solchen Gedanken besitzt, der wird wahrscheinlich nicht Komödiant. Aber zuweilen geschieht es doch, daß einen Komödianten ein philosophischer Gedanke überkommt.

So ereignet es sich, daß eine Gesellschaft Komödianten auf dem Kapitol steht, auf der Treppe der Kirche St. Maria in Araceli und niederblickt auf das Forum, wo gerade Markttag ist und die Leute eifrig miteinander handeln, indem jeder es für richtig hält, daß er selber billig einkauft und teuer verkauft, und es nur nicht liebt, wenn die anderen ebenso denken.

Lelio macht eine Bemerkung über den Glanz des römischen Reiches, der nun verblichen ist, und schließt an diese Bemerkung die Überlegung, daß auch der Ruhm der Schauspieler nicht ewig währt, sondern wenn man stirbt, ja, schon wenn man nicht mehr auftritt, dann ist der Name von der undankbaren Welt vergessen. Auch ihm wird es so gehen.

Aber von dieser Überlegung, welche die Zukunft betrifft, wendet er sich schnell der Vergangenheit zu. Man kennt die alten Kaiser noch mit Namen, welche gegenüber auf dem Palatin gewohnt haben, man weiß noch von den Philosophen und Dichtern jener Zeiten. Und sollte es damals nicht auch Schauspieler gegeben haben? Von ihnen weiß niemand. Die Namen aller anderen Männer hat die Geschichte mit ehernem Griffel auf ihre Tafeln geschrieben; die Namen der Mimen schreibt ein Kind in fließendes Wasser.

Die übrigen Schauspieler erstaunen über diese Rede Lelios.

Der Doktor und der Apotheker weinen.

Der Doktor und der Apotheker sind zwei uralte Schauspieler,[38] von denen es heißt, daß sie vor langen Jahren sehr beliebt gewesen sind, die aber keiner von den heutigen Komödianten auf der Bühne gesehen hat. Es wird erzählt, daß das Publikum sie zuletzt nicht mehr hat haben wollen. So leben sie denn nun bei der Truppe, indem sie sich sonst nützlich machen; sie klopfen den Fundus aus, damit nicht die Motten hineinkommen, sie kleben die Zettel an die Straßenecken, und sie repräsentieren die Truppe nach außen, denn der Direktor hat zu wenig Zeit, um den Repräsentationsverpflichtungen nachzukommen.

Alles schweigt also, denn niemand weiß auf die Worte Lelios etwas zu erwidern, und der Doktor und der Apotheker weinen. Sie weinen zuerst jeder allein, dann umarmen sie sich und weinen zusammen.

Nun beginnt aber der Dichter. Er sagt, daß die Nachwelt freilich dem Dichter holder gesinnt sei als dem Komödianten, vorausgesetzt in der heutigen Zeit, daß seine Werke gedruckt würden, was ja nicht jedem Dichter geschehe. Und freilich habe es auch zur Zeit, da die alten Kaiser noch herrschten, schon Komödianten gegeben, und von einem werde erzählt bei dem Philosophen Seneca, daß er so alt gewesen sei, daß ihn die Leute nicht mehr auf der Bühne haben sehen mögen; da sei er jeden Tag auf den Kapitolinischen Berg gestiegen, dorthin, wo sie jetzt stünden, und sei in den Tempel des Jupiter gegangen, der für die Heiden das gewesen sei, was Sankt Peter heute für uns Christen sei, und habe dem Jupiter vorgespielt.

Die Komödianten finden es sehr anständig von den alten Priestern, daß sie das erlaubt haben. Sie finden, daß unsere Religion ja die wahre ist, aber daß ein Komödiant doch auch seinen Glauben hat, und daß die Priester selber gern in die Komödie gehen, daß ein Kapuziner Sprachunterricht beim Kapitän genommen hat und später ein berühmter Prediger geworden ist, weil er beim Kapitän so viel gelernt hat, und[39] daß es nicht nötig wäre, daß die Komödianten mit dem Bann belegt sind, denn schließlich will doch jeder leben. Der Doktor und der Apotheker horchen gespannt auf.

Der Apotheker beginnt zu erzählen. Jeder kennt ja seine Erzählung, denn er hat sie schon oft vorgebracht; aber man hört doch so zu, als sei sie neu, denn weshalb soll man nicht zuhören? Ihm macht es Freude, und er hört ja auch zu, wenn man ihm etwas erzählt. Er erzählt also, wie Lelio in Isabellen verliebt ist, welche die Tochter des Doktors ist, und in Silvien, welche seine Tochter ist, und wie Lelio zum Doktor geht, damit ihm der ein Rezept schreibe, weil er doch nur eine lieben kann, und wie er dann in die Apotheke kommt, um das Rezept machen zu lassen, und wie er, der Apotheker, sich vergißt, und ihm ein Abführmittel gibt, und wie das Publikum gelacht hat, als er Lelio das Mittel gibt. Es hat auch gelacht, wie der Doktor das Rezept schreibt, aber so wie bei ihm, dem Apotheker, hat es doch nicht gelacht.

Alle nicken mit dem Kopf, auch der Doktor, und dann grüßt der Apotheker und geht. Er geht aber, damit auch der Doktor erzählen kann, und der erzählt nun, daß in Wahrheit das Publikum viel mehr gelacht hat, wie er das Rezept schrieb, was man sich ja ohnehin denken kann, wenn man Routine hat, aber natürlich will er den guten Apotheker ja bei seinem Glauben lassen, denn was kann das ihm schaden? Das weiß ja doch jeder, was er selber für ein Schauspieler gewesen ist, und was der Apotheker für einer war. Leben und leben lassen, das ist seine Maxime, dafür ist er eine Künstlernatur.

Das nächste Mal erzählt dann der Doktor zuerst, und der Apotheker nickt bestätigend, und dann geht er, damit der Apotheker allein ist und seinerseits er zählen kann. Sie haben das nicht miteinander verabredet, das ist selbstverständlicher Anstand von ihnen, daß sie so handeln, denn gleiches Recht muß für alle sein.[40]

Also diesmal ist es der Doktor, der als zweiter erzählt. Wie er fertig ist, grüßt er und geht gleichfalls. Er liebt das, um den anderen Gelegenheit zu geben, sich über die Kunst zu unterhalten, wie sie früher ausgeübt wurde, und wie sie jetzt ausgeübt wird, denn er selber wird ja natürlich nie etwas über den heutigen Verfall der Schauspielkunst sagen.

Weit draußen vor den Häusern liegt eine verfallene Kirche. Man geht von der Straße ab einen schmalen Weg zwischen hohen Mauern, da kommt man auf einen Platz, der ganz mit Disteln bewachsen ist. In der Mitte steht die alte Kirche; nur die vier Mauern des Schiffes und die vier Mauern des Turmes sind erhalten; alles Holzwerk ist verschwunden; der blaue Himmel schaut hinein von oben und durch die leeren Fenster; auf den Schutthügeln im Innern wachsen Brennesseln, Schierling, Bienensaug und Schöllkraut; das Aas eines Hundes liegt an einer Wand; gerade über ihm an der Wand, halb verlöscht, ist ein Christus am Kreuz gemalt. Das Aas bleckt seine weißen Zähne, geschäftige schwarze Käfer umwimmeln es, und Hummeln suchen eifrig in dem blühenden Bienensaug.

Der Doktor weiß von der verlassenen Kirche und von dem Christusbild an der Wand. Am anderen Morgen hat er sich beizeiten auf den Weg gemacht, ehe die Sonne zu drückend wird; er ist langsam gegangen, sein Päckchen auf dem Rücken, denn er will natürlich frisch sein, wenn er ankommt; vor der Kirche bleibt er stehen, erholt sich, tritt hinter einen blühenden Rosenbusch, schnürt sein Päckchen auf und holt sein schwarzes Gewand heraus, den Hut, die Schnallenschuhe, die Brille. Er wischt sich eine Träne ab, als da alles so ausgebreitet vor ihm liegt, dann zieht er sich um und kommt hinter dem Rosenbusch hervor als der Doktor, tänzelnd, hüstelnd, eine Prise zur Nase führend, an der Brille rückend, genau so, wie er vor fünfzig Jahren aus den Kulissen trat.[41]

Aber wie er unter dem rundbogigen, mit Säulenbündeln geschmückten Portal durch, zwischen den hohen Disteln sorgsam den Pfad suchend, in die Kirche kommt, da hört er plötzlich die laute Stimme eines Komödianten, und da sieht er, vor dem Christus am Kreuz, der niederschaut auf das Aas mit den weißen Zähnen unter sich, in seiner alten Komödiantentracht, im schwarzen Anzug und Käppchen, mit weißer Schürze und die Klistierspritze umgehängt, die Klistierspritze, welche zum Apotheker gehört, wie der Degen zum Kapitän und das Rosensträußchen zu Silvien, sieht er den Apotheker.

Der Apotheker spielt die Szene, wie er dem verliebten Lelio den Rhabarber gibt und ihm einschärft, wie er sich zu benehmen hat. Er spricht die Rolle des Lelio mit anderer Stimme mit und springt immer auf die andere Seite, wenn er als Lelio spricht; er macht alle Bewegungen, die er als Apotheker macht, wenn er die Kästen auszieht und den Rhabarber auf dem Ladentisch zerschneidet und abwiegt; der Schweiß trieft ihm von der Stirn bei seinen Sprüngen; er ist komisch, und selbstvergessen klatscht der Doktor Beifall, denn so, so spielte man vor fünfzig Jahren, und der Apotheker sprudelt seine Rede immer eifriger vor, und seine Sprünge werden immer komischer; und wie die Szene zu Ende ist, da sinkt er kraftlos auf einen Schutthaufen, wischt sich die Stirn und lächelt, der Doktor aber schreit Bravo und klatscht, was er kann, dann springt er vor das Christusbild und beginnt nun seine Szene mit Lelio, indem auch er seinen Gegenspieler mitspielt; er fühlt Lelio den Puls und läßt sich die Zunge zeigen, er zieht sich an der Nasenspitze und räuspert! sich, er behorcht ihm den Rücken und die Brust und befragt ihn nach seinem Stuhlgang und nach seiner Gemütsstimmung. Seine Szene ist ja nicht so anstrengend, aber auch er kommt außer Atem, obgleich er ein guter Atemtechniker ist, denn zu seiner Zeit war der Künstler noch ein Atemtechniker; und so[42] sinkt er denn, als seine Szene zu Ende ist, neben dem Apotheker nieder, der nun seinerseits Bravo ruft und Beifall klatscht, denn der Doktor hat ja doch auch gerufen und geklatscht.

Und wie sie sich erholt haben, da beginnen die Beiden ihre große Szene, die Szene, wo sie zusammen spielen, die Szene, wo das ganze Publikum immer von den Stühlen aufsprang, denn sitzenbleiben konnte keiner, wenn die Szene kam.

Aber diese Szene kann man nicht beschreiben; und so können wir nichts weiter sagen, als daß am Schluß unter dem Christus am Kreuz sich die Beiden atemlos in den Armen liegen, weinen und lachen, und sich beteuern, daß sie Talent haben, und daß sie die Technik haben, und daß sie ihre Nuancen haben, und daß sie ihre Pointe gut gebracht haben, und daß sie beide denselben Gedanken gehabt haben, und daß die Kunst auch ein Gottesdienst ist. Die Kirche in Ehren, aber sie ist ein Gottesdienst. Und die Beiden versprechen sich, daß sie morgen wieder in die verfallene Kirche kommen wollen, um Gott zu ehren durch ihre Kunst.

Quelle:
Paul Ernst: Komödianten- und Spitzbubengeschichten, München 1928, S. 37-43.
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