Nachwort1

[273] Den Roman »Der schmale Weg zum Glück« habe ich vor nunmehr einem Vierteljahrhundert geschrieben, im Jahre 1901. Verschiedentlich wurde angenommen, er sei eine Art Selbstbiographie. Das ist er nicht. Er ist von Anfang bis zu Ende bewußt aufgebaut, und die Gestalten sind nicht Abbilder von Personen, die zufällig mein Leben gekreuzt haben, sondern sie sind aus der Phantasie neu geschaffen nach dem Bedürfnis, das an ihren Stellen für sie war. Der Plan zu meinem Bau aber war aus meinem Gesamterleben gekommen: ich erlebte den Zusammenbruch der bürgerlichen Welt und die Sehnsucht, zu einer neuen Lebensform der Menschheit zu gelangen, in welcher ich selber eine solche Stelle fand, daß ich mein Leben vor Gott rechtfertigen konnte.

Den Zusammenbruch wollte ich darstellen, indem ich für die mir wesentlich scheinenden Teile der bürgerlichen Welt Charaktere und Schicksale erfand; diese mußten aufgereiht werden an einem Faden, welchen das Leben meines Helden gab. Wesen und Schicksal dieses Helden mußte für diese Aufgabe geeignet sein.

Da stellte sich denn die deutsche Form des Bildungsromans als angemessen dar. Schon den Simplizissimus kann man als solchen bezeichnen. Es ist wohl verständlich, daß gerade die Deutschen auf diese Form kommen mußten; bei ihnen wird dem ringenden Einzelnen die[274] Bildung schwerer wie bei jedem andern Volk: nicht nur, daß die Bildung des Deutschen, weil sie immer persönliches Erleben ist, nicht gesellschaftliche Übereinkunft, unter allen Umständen mehr Arbeit erfordert; sondern auch, weil wir in unserer geschichtlichen Entwicklung immer von Aufbau zu Zusammenbruch, von Zusammenbruch zu Aufbau gegangen sind und kaum je einmal eine längere Zeit ungestörter Ruhe gehabt haben; und so fast immer die Bildung des Einzelnen gleichzeitig eine schöpferische Mitarbeit an dem Werk der Allgemeinheit sein mußte.

Um die Auflösung der Gesellschaft an der Geschichte meines Helden ganz klar darstellen zu können, mußte ich ihn selber zwar passiv gestalten, wie ja der Held der Erziehungsromane notwendig sein muß; aber doch als natürlich gegenüber der Unnatur, gesund gegenüber deren Verfall, wahr gegenüber der Zersetzung. Ich suchte mir eine Umgebung, aus der ich einen solchen Charakter heraus entwickeln konnte, und fand das einsame Forsthaus im Wald, die kleinbürgerlich deutsche Familie der alten Art, die noch unberührt von der Zersetzung war, ihre Verbindung mit der noch schlichteren Vergangenheit durch die Großmutter. So ergab sich das erste Buch: die Jugendgeschichte des Helden. Es müssen in sie hinein natürlich schon die ersten Fäden der späteren Unruhe reichen, damit das zweite Buch nicht ganz unvorbereitet als eine völlig andere Welt kommt; denn der Held muß ja doch mit dieser eine organische Verbindung haben; dadurch ergab sich vor allem die Jugendfreundschaft mit Karl.

Daß man den Roman für eine Selbstbiographie hält, beweist, daß mir die Darstellung dieser rein ausgedachten Welt geglückt ist, daß sie als Natur wirkt, wie sie sollte. Ich selber stamme zwar auch aus dem Volk wie der Held meines Romans, aber bin in der Stadt aufgewachsen, allerdings in einer Kleinstadt von nur neuntausend Einwohnern, als Sohn eines Steigers, eines Beamten am Bergwerk, der gesellschaftlich etwa dem Förster entsprechen mag.

Wenn auch das Erzählte erfunden ist, so ist natürlich doch immer das Gefühl, das hinter ihm steht, selbst erlebt. Das mag den Irrtum erklären.

Das frühere deutsche Kleinbürgertum wird heute mit falscher Vornehmheit[275] belächelt von der Bourgeoisie wie vom Proletariat. Wie jede Klasse die ihr notwendig anhängenden Schwächen hat, so hat sie natürlich auch das Kleinbürgertum. Für den freien Menschen gibt es selbstverständlich nur die Einzelpersönlichkeit, die denn keiner Klasse und keinem Stand an gehört, und jeder Mensch, der zu einer richtigen Klasse gehört, hat die Schwächen dieser Klasse. Am leichtesten kann wohl einer aus der Aristokratie zu Freiheit gelangen, zu der Freiheit, welche der Held meines Romans haben mußte. Aber was man so ehrlich Aristokratie nennen kann, das hat es nun einmal in unserm Deutschland seit Jahrhunderten nicht mehr gegeben, und ich für meinen Teil finde, daß das Kleinbürgertum bei uns sehr viel von den Leistungen übernommen hat, die eigentlich der Aristokratie zufielen; und ich kann nicht finden, daß da die Bourgeoisie, geschweige denn das Proletariat, seine Erbschaft angetreten haben. Ich bin in meinem Leben mit Menschen aus allen Klassen und Ständen in so nahe Berührung gekommen, daß ich ihre Verhältnisse dichterisch darstellen könnte. Aber noch heute, wenn ich einen Helden wie Hans brauchte, würde ich ihn mir aus dem alten Kleinbürgertum herausholen. Das gesellschaftliche Ideal der Klasse war die Rechtschaffenheit: in der Rechtschaffenheit sind viele sittliche Forderungen enthalten, die sich sonst nur in dem Ideal der Vornehmheit finden; und das deutsche Ideal der Vornehmheit war durchaus kleinbürgerlicher Art, es hatte mehr von der kleinbürgerlichen deutschen Rechtschaffenheit als etwa von den Vorstellungen von Gentleman und Kavalier der westlichen Völker, die man sonst geneigt ist, unserem »vornehmen Mann« gleichzusetzen.

Ein Dichter nimmt Gefühl, Vorstellungen und Gedanken aus seinem Volk, gestaltet sie, und gibt sie so seinem Volk zurück. Ich glaube, daß es mir gelungen ist, den rechtschaffenen Kreis des ersten Buches aus meinem Volk zu nehmen und ihn auch wiederzugeben. Die Formen ändern sich, in welchen ein Volk lebt. Das alte Kleinbürgertum ist heute fast verschwunden. Aber Ehrfurcht, Treue, Gewissenhaftigkeit, Fleiß, Aufopferung, Glaube, Unterordnung unter das Höhere – alle Tugenden sind ewige Forderungen an uns, die wir in den wechselnden Formen des geschichtlichen Lebens immer neu erfüllen müssen. Wenn ein Bild dichterisch geglückt ist, dann muß es bei den veränderten[276] Verhältnissen der Menschen auch so wirken, daß es zu den Tugenden führt, die es darstellt.

Als ich den Roman schrieb, war ich fünfunddreißig Jahre alt. Ich stand damals noch in den Anfängen einer geistigen Entwicklung, die ich auch heute noch nicht abgeschlossen habe; aber ich sehe heute doch mehr, als ich damals sah.

Die heutige Auflösung der Menschheit muß man verstehen als ein Abwenden von Gott. Aber was Gott ist, das kann ich auch heute noch nicht sagen, das wird kein Mensch sagen können, auch wenn er das entfernteste mögliche Ende des Lebens erreicht und bis zum Schluß immer lernt; damals wußte ich naturgemäß noch weniger; ich hatte nur ganz dunkle Ahnungen.

Daraus ergibt sich, daß die Darstellung einer zersetzten Gesellschaft eine dichterische Aufgabe ist, welche nie völlig gelöst werden kann. Mir war das damals schon klar. Ich half mir, indem ich aus dem mir wichtig erscheinenden Teile der Gesellschaft Schicksale und Gestalten bildete, die ich nebeneinander stellte. Der Roman meines Helden wurde dadurch zu einer äußerlichen Verbindung dieser verschiedenen, eigentlich in sich abgeschlossenen Stücke. Auch heute könnte ich das noch nicht anders machen. So viel ist jedenfalls wohl Allen klar: daß die Ursache der allgemeinen Zersetzung zunächst darin liegt, daß die Menschen weder Zwecke für ihr Leben mehr sehen, noch Menschen über sich haben, welche, wenn diese Zwecke nicht da sind, ihnen befehlen, was sie tun sollen, und dadurch die selbstgefühlten Zwecke ersetzen. Das äußert sich dann in den verschiedenen Lebenskreisen je nach den Anforderungen, die da gestellt werden: in der Ehe etwa ist nicht mehr der Zweck, daß sich die Gatten gegenseitig zu Gott führen und ihre Kinder erziehen, oder in der Dichtung nicht mehr, daß die Hörer eine höhere Welt dargestellt erhalten, nach welcher sie sich bilden können, indem sie tiefe Erschütterungen durchmachen; sondern in der Ehe leben die Menschen nebeneinander hin als gute Kameraden im besten Fall, und in der Dichtung stellen sie dar, was ihrer zufälligen Begabung und Anregung angemessen ist, das sogenannte l'art pour l'art im besten Fall.

Wie immer in Zeiten der Auflösung bieten sich die sozialistischen und kommunistischen Illusionen als Hilfe an.[277]

Man muß unterscheiden zwischen diesen Illusionen als allgemeiner Sehnsucht der Menschen nach einem Zustand, in dem sie wieder Zwecke haben, und der heutigen Formung dieser Sehnsucht in den mehr oder weniger durch Marx bestimmten Gedankengängen. Für den Dichter ist nur das erste wichtig, die marxistischen Gedanken haben für ihn nur soviel Bedeutung, als er sie zur Darstellung des Einzelnen verwendet. In dem Roman steht nun der zersetzten Gesellschaft diese Illusion mit ihren Vertretern gegenüber.

Diese Vertreter sind, soweit sie nur die Illusion haben, gute und brave Menschen, welche aber tatsächlich nicht eine neue Form besitzen, sondern nur die Erwartung einer solchen; welche, wenn diese neue Form sich verwirklichen sollte, als die ersten tief enttäuscht würden; wie mir ein solcher Mann, der ein Führer der Partei war, nach der Revolution schrieb: »Das ist nicht die Sozialdemokratie, für die ich mein Leben lang gekämpft habe.« Und soweit sie nicht durch die Illusion gelockt werden, sind diese Vertreter genau solche Ergebnisse der gesellschaftlichen Auflösung wie die andern, ja, sie sind noch schlimmer, weil ihnen auch noch die letzten schwachen Bande fehlen, welche die andern doch noch halten: sie sind Narren, Phantasten und Betrüger.

Der Held muß durch die beiden Welten hindurchgehen, durch die zersetzte alte Welt und die sozialdemokratische Welt, die keine neue ist, sondern entweder Sehnsucht guter Menschen, die früher ehrliche Kleinbürger gewesen wären, oder ein Schwindelgebilde bedenklichster Art. Er muß gehen – wohin?

Die Zeit, in welcher der Roman spielt, war die Zeit der siebziger, achtziger und neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, sie war die Zeit, die ich selber erlebte. Die Aufgabe meines Helden war meine eigene Aufgabe. Ich selber habe ein Ziel gefunden; ich war schon auf dem Wege zu ihm, als ich den Roman schrieb: indem ich mich zur Dichtung als zur Form zurückfand, bekam ich ein Gesetz über mir, dem ich gehorchen konnte, in dessen Gehorsam ich nun leben durfte. Aber mein Held sollte kein Dichter sein! er sollte ein Mann sein wie alle andern Männer. Von allen Menschen ist dem Dichter die äußerste Freiheit beschieden: er braucht niemand, und wenn ihn die Leute nicht beachten, für die er dichtet, so kann er eben einsam leben; wohl[278] jeder wirkliche Dichter hat in der Tat einsam gelebt, außer in den ganz kurzen Zeiten, wo die Menschheit Kultur hatte. Mein Held konnte nicht eine freie Einzelpersönlichkeit sein, die mit niemand von der Umwelt zusammenhängt, er mußte in irgendeine Lage kommen, in welcher er eng verbunden blieb mit den andern Menschen. Das war die Schwierigkeit: Die Gesellschaft ist zersetzt, sie duldet also keinen wahren Menschen mehr; mein Held sollte aber ein wahrer Mensch sein und mußte innerhalb der Gesellschaft leben. Wohin konnte er gehen?

Ich wählte den Beruf des Forstwirts. Die Forstwirtschaft braucht im Verhältnis zum Kapital wenig Leute, ihre Erzeugnisse werden ohne Schwierigkeiten verkauft, und man muß in ihr auf lange Jahrzehnte hinaus rechnen. Bedenkt man noch, daß der Forstwirt von den andern Menschen entfernt wohnen muß, so wird man zugeben, daß er sich mehr als die meisten andern Menschen vom heutigen Leben fernhalten kann. Ich habe dann noch besonders betont, daß mein Held seinen Wald nicht auf möglichst hohen Reinertrag anlegt, sondern sich durch die inneren Lebensgesetze des Waldes bestimmen läßt.

Der Forstwirt schafft für die Zukunft: was er heute pflanzt, das wird erst nach drei Menschenaltern geerntet. So sollte denn mein Held durch seine Tätigkeit wenigstens in die Zukunft weisen, in eine bessere Zukunft, und die Zukunft sollte mit der Vergangenheit verbunden sein über die trübe Gegenwart hinweg, denn der Held stammt ja aus einem Forsthaus. Er ist der Sohn eines Försters, des Mannes, der als Diener den Wald betreut; und er wird Besitzer des Waldes und betreut ihn als Herr.

Mit der Vergangenheit verbindet ihn auch die Ehe mit der letzten Tochter des adligen Geschlechts, das in dunkle Zeiten zurückreicht und in dieser alles zerstörenden Gegenwart nun auch mit zerstört ist; seine Kinder werden das Blut des kleinbürgerlichen Mannes und der adligen Frau in sich tragen, die beide sich aus dieser Zerstörung gerettet hatten.

Der Leser sieht: was als zufällige Lebensbeschreibung erschien, ist in Wirklichkeit planmäßig gebaut, und hinter der Erzählung steht noch eine tiefere Bedeutung. Als der Roman erschien, konnte man das wohl noch nicht so sehen; vielleicht wird es heute schon klarer sichtbar.[279]

Wie weit das, was ich hier »Bedeutung« nannte, in dem Roman den angemessenen Ausdruck gefunden hat, das kann ich nicht recht beurteilen. Ich war damals in der inneren Krise, in welcher ich den Weg zur Form fand, der mir der Weg zum Drama war. Das Drama, in welchem ich den Gefühlsgehalt darstellte, der in diesem Roman liegt, war das erste Drama, das ich nach meinen ersten Jugendversuchen drucken ließ: mein Demetrios. Auch dieses Werk wurde damals ganz mißverstanden. Wenn es einst auf die Bühne kommt, dann wird es zum Volk sprechen, wie ich hoffe, daß jetzt dieser Roman zu meinem Volk sprechen soll, und es wird ihm dasselbe sagen wie dieser Roman.

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Zu der 1926 in einer Buchgemeinschaft erschienenen Ausgabe

Quelle:
Paul Ernst: Der schmale Weg zum Glück. München 1937, S. 273-280.
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Der schmale Weg zum Glück
Der Schmale Weg Zum Glück: Roman, Volume 3 (German Edition)
Der Schmale Weg Zum Glück: Roman, Volume 2 (German Edition)

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