Lieber Freund!

Du hast mich ersucht, ich möchte Dir für das Programm so etwas wie eine Einführung in mein neues Stück schreiben, das den sonderbaren Namen »Belian und Marpalye« als Titel führt, unter denen sich niemand gleich etwas Rechtes vorstellen kann. Schon deswegen also.

Da muß ich Dich zunächst an Zeiten unserer gemeinsamen Nöte erinnern, als wir nämlich – so im Sommer und Herbst 1916 – in meinem Garten draußen unter täglich steigendem Druck des nahenden Doktorexamens uns immer tiefer und leidenschaftlicher in altdeutsche Dialekte und Sprachentwicklungsformen hineinbohrten, bis uns die ganz so mannigfach besiedelte Welt nur noch Lautverschiebungen, Umlaute und vor allem die peinlichen e-Abstufungen zu beherbergen schien.

Indessen: Sie beherbergte doch noch anderes, ja sogar die alten, endlosen Verserzählungen schienen neben ihrem schönen Hauptzweck, grammatikalische Merkwürdigkeiten aufzubewahren, doch auch einen anderen für den Rigorosumkandidaten freilich beinahe verbotenen Reiz zu haben: Ihr unbekümmertes, kindergläubiges Fabulieren zur Freude einer anspruchslosen, ereignisdurstigen, ganz und gar unliterarischen Zuhörerschaft.

Eines dieser viel erzählenden Abenteuer-Gedichte nun, darin unentwegt und mit leidenschaftlicher Hingabe gerauft wird, führte mich oder wohl eigentlich seinen Helden in das wohlbekannte Märchenschloß im fernen Morgenland, wo der unermeßlich reiche, mächtige und grausame Heidenkönig Belian mit seiner märchenhaft schönen Tochter Marpalye haust und alle abenteuernden Ritter, die nach seinem Gold, seiner Macht oder seiner Tochter gierig ansprengen, zum Kampf um das Ziel ihrer Sucht herausfordert. In der Nacht vor der Entscheidung aber sendet er jedesmal die schöne Marpalye mit einem betäubenden Schlaftrunk in das Gemach des Ritters, um ihn so für den Kampf untauglich zu machen. Und alle trinken voll Gier und jeder fällt in der Stunde, die seine ganze reine Kraft braucht. Bis jener eine mit seinem treuen alten Waffenmeister einreitet, aus der Schönheit Marpalyens ihre von keinem gesehene Seele leuchten sieht, dem schwülen[199] Zauber widersteht und die triebhaft Unbewußte, nur leise Ahnende zur Reinheit ihres Menschentums erlöst. Der goldschwere Heidenkönig lallt im Kampfe, seine trotzige Burg versinkt und die befreite Marpalye kehrt mit dem Sieger in seine Heimat zurück.

Das ungefähr las ich aus dem Gedicht, in dem hier wohl ein häufiges Motiv aus der Kreuzzugszeit (reicher Sarazenenfürst, Entführung seiner Tochter) vielleicht nach einer altfranzösischen, Fassung (worauf die Namen deuten) Aufnahme fand, und das Wunder der Läuterung durch die Kraft reinen Glaubens schien mir einen Keim zu dramatischem Leben zu bergen. Wenn es sich hier auch um ein ewiges, allmenschliches Motiv handelt, so empfand ich doch seine Gestaltung etwa in einer Dramatisierung der alten Sage nicht ergiebig und unmittelbar genug, und so blieb es damals bei einer kurzen Notiz, die mir übrigens bald verloren ging.

Du weißt es, lieber Freund, wie diese Jahre voll Krieg, Zusambruch, Revolution und nie vorher gesehene Wandlungen des Einzelschicksales jeden von uns hin- und hergerissen haben, und so trieb auch mich die Zeit zunächst weitab von Märchen und Gedicht, bis mich eben diese Zeit und ihre Bilder sozusagen von der anderen Seite der Sache wieder nahebrachten.

Immer häufiger, in stets sich mehrender Fülle der Erscheinungen sah ich in diesen Jahren zwischen 1916 und 1922 den alten Heidenkönig Belian goldraffend, goldstrotzend, machtgierig und verachtend mit harter »Gebieterfaust« aus allem, was abenteuert, gaukelt und dichtet, den Gott austreiben, alles unter sich stampfen, blenden und verhöhnen und allmächtig thronen, wie einen ungeheuren goldenen Götzen, der jeden verschlingt, der sich ihm nicht beugt. Die anreitenden Werber, die nach seinen Schätzen gierig sind, ohne seine Kraft zu haben, werden seine Knechte oder – falls sie sich ihm zum Kampfe stellen – von ihm niedergeworfen und geblendet, weil keiner von ihnen größer ist als seine Gier und keiner dem betäubenden Trank widersteht, den ihm Marpalye auf Befehl ihres Vaters vorher bietet. Sie gibt sich zu seinem Werkzeug her, weil sie »andres nicht weiß«, aber tief im Blute singt ihr ein Lied von einer reinen, befreiten Welt »jenseits der Berge«, die Belians Macht begrenzen. Doch keiner der Freier kann ihr davon sagen, sie haben alle nur die Gier und auch der eine unter ihnen, der im letzten Augenblick den Kampf aufgab, weil er sich nicht entscheiden konnte, eines zu besitzen, um alles andere zu verlieren, auch dieser eine, der zuviel weiß, um noch wollen zu können, vermag nicht die Erlösung zu bringen, wird als ungefährlicher Schwärmer von Belian zum Narren ernannt und singt der Prinzessin auf jede Frage sein »Lied ohne Ende« vor. Ein alter erfahrener und ein junger sehender Wächter, der eine fest begrenzt, hart, der andere glühend ahnungsvoll, aber ziellos,[200] wissen der unruhevollen Marpalye auch nicht die Stimme zu deuten, die in ihrem Blute endlos drängt und in der sie ihre unbekannte Mutter zu hören glaubt, die wohl »von jenseits der Berge« gekommen war.

Da erscheint der Fremde, ruhig, stark, zielvoll »sich selber fest und allem tief vertraut«. An seiner Speerspitze sah der »sehende Wächter« den Stern funkeln, der in der Nacht aus dem Sternbild der »Krone des Herrn« fiel, der »erfahrene Wächter« sah nur eine wandernde rote Fackel, der Narr vermutet einen Widerschein des Morgenlichts, der Fremde selbst weiß nichts von seinem Stern. Er fühlt auch nicht die lauernde Gefahr im Schloß, hört nicht den Klageruf der Geblendeten, nicht das harte Hohnlachen Belians, noch das unerfüllte Lied des Narren, lauter Erscheinungen, auf die ihn der treue, einfältig besorgte alte Waffenmeister warnend aufmerksam macht, und als ihn Belian auffordert, mit ihm zu kämpfen und seinen Preis zu nennen, zögert er zuerst und nennt endlich Aug in Aug mit Marpalye das »Reine, jenseits trüber Gier und Sucht« als Kampfpreis. Am Zweifel des allwissenden Narren vorbei, wächst Marpalyens jubelnder Glaube an die Erlösung aus der lastenden Macht von Blut und Gold und wie sie noch nicht zu sich selbst gelangt, in eingelernter Gebärde ohne inneren Anteil dem Fremden den Betäubungsbecher bietet, wird ihr in der beschwörenden Kraft seines Glaubens plötzlich die Erkenntnis ihres Tuns, die Macht des Bösen schwindet, und zu erfülltem Leben erwacht, wirft sie selbst den Becher in die Finsternis zurück. Da aber bricht strahlende »Helle aus seinem Gold und der Stern aus der Krone des Herrn« steigt aus dem Becher rein ins Lichte auf. Kampf, Sieg und Heimkehr ins »neue Haus«, das die jungen Bauleute eben vollenden, schließen die Traumbilder, in die ich diesen zeitlosen Vorgang verteilte. Lediglich um die Bindung mit der Gegenwart, der das ganze Spiel ja völlig angehört, auch sichtbar zu machen, stellte ich das Traumgeschehen in einen Wirklichkeitsrahmen unmittelbar aus dem Leben unserer Tage. – Du siehst also, Bruder in der germanistischen Muse, daß das dramatische Keimchen jenes alten Heldenliedes im kampfzerackerten Boden unserer Zeit Wurzel gefangen und aus ihm bildende Kräfte in seinen Bau hinaufgesogen hat. Auf eine Formel gebracht, geht es in »Belian und Marpalye« um das Gegenspiel von Glaube und Kraft. Belian wäre dann die glaubenslose, roh-materielle Kraft, die geblendeten Freier die Gier ohne Kraft und Glauben, das Kraftlose von Resignation und zielloser Schwärmerei zeigt sich im Narren und im sehenden Wächter, der deshalb auch von der engbegrenzten Nüchternheit des erfahrenen Wächters mit dem Speer der eigenen Schwärmerei niedergerannt wird. Im Fremden einen sich Glaube und Kraft zur befreienden Tat des Übermateriellen, Marpalye aber stellt die suchende Seele dar, das Weib im besten Sinne, mit der sicheren Witterung des Vollkommenen, ohne jedoch allein[201] Kraft und Weg aus der brutalen Umklammerung des Materiellen zu finden. Als ihre Gegenfigur wäre die stumme Sklavin aufzufassen, das triebhaft Gebundene, das stumpf Passive, aber auch das Geschändete, das Weib ohne den sicheren Weiser innerer Reinheit.

Es handelt sich also, wie Du merkst, um keine Geheimnisse, sondern um ganz selbstverständliche Dinge, die wohl in jedem wachen Leben ihre Heimat haben. Und ich glaube, daß dies alles bildhaft geworden ist und ohne weitere Voraussetzung, nur mit einiger Bereitschaft aufzunehmen sein wird, umso eher, als ja die vermittelnden Kräfte unserer Bühne in bestem Verstehen und mit schaffender Gestaltung dem Gedanken des Werkes erst seine volle Lebensfarbe geben.

So habe ich Dir richtig eine »Einführung« geschrieben, wovor ich immer ein leises Grauen hatte, und was mir ehrlich schwerer fiel, als manche Szene in dem Stück. Denn alles, was da steht, habe ich mir vor dem Schreiben dieses Traumspieles nie so schön klar gemacht und da man ein rechtes Theaterstück überhaupt kaum ganz erzählen kann, so ist das Obenstehende auch nur als Andeutung anzusehen und jeder mag vielleicht was anderes von dem Stück erzählen.

Je mehr dies tun, desto besser.

Dein

Bruno Ertler[202]


Quelle:
Bruno Ertler: Dramatische Werke. Wien 1957, S. 199-203,205.
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