7. Szene

[315] Verwandlung!

Straße, Nacht, Mondlicht. Im Hintergrund eine Kirche, daneben Friedhof, von dem einige Gräber sichtbar sind.


HANSWURST als Nachtwächter gekleidet, mit Spieß, Horn und Laterne kommt.

So a Nachtwachter der is schon ganz verkehrt dran:

Wann alle Leut' aufhör'n, dann fangt er an!

Jetzt krall'n die braven Bürgersleut' unter die Decken

und i kann da heraußen die Spitzbuben schrecken.

Wann i wo an siech, i tät eh g'wiß nix sagen,

aber i fürcht' halt, es packt aner amal mi beim Kragen.

Zwar jetzt is no a ganz a geheuere Stund,

jetzt hocken die Mannsleut' bei der Stammtischrund.

Inzwischen daham über d' Stieg'n vielleicht[315]

mit die Schuh' in der Hand grad der Liebhaber schleicht.

Deswegn will i vor allen Dingen

eine hochmoralische Mahnung singen.


Singt.


Hört, ihr Männer, und laßt euch sagen,

wenn die Glock' wird zehne schlagen,

gebt auf eure Weiber acht,

daß keine euch zum Schwager macht.

's tut zehne schlagen!

Hört, ihr Weiber, und laßt euch sagen,

wenn euch eure Männer schlagen,

so tragt nur alles mit Geduld:

Irgendwas is g'wiß dran schuld!

Hat zehne geschlagen –!


Es schlägt während des Liedes oder nachher zehn Uhr. Hanswurst bläst und geht singend ab.


FAUST in schwarzem Mantel, tritt, während noch die Uhr schlägt, auf.

Mond ist still heraufgegangen,

Turm und Dach vom Blaulicht scheint.

Alle hält der Schlaf umfangen,

leidversöhnt und liebvereint.

Die sich nächtens meiden müssen,

werden sich am Tage küssen.

Du allein in irrer Hast

findest Frieden nicht und Rast.

Kehr' ich heim zu meiner Schwelle,

engt sich mir das ganze Haus,

Unrast drückt den Saal zur Zelle,

treibt mich fort und straßenaus.

Kaum jedoch vom Haus geschieden,

ruft es mich in seinen Frieden.

Ach, wo wird der wüsten Pein

Aufgelöstes Ende sein!?


Sieht den Friedhof.


Ihr Male längst vergang'nen Lebens,

euch sucht ein stiller, müder Gast.

Laßt ihn nicht draußen steh'n vergebens,

gönnt ihm ein kleines Weilchen Rast.


Er setzt sich auf das nächste Grab.


Mag dir die Ruhe nicht vergehen,

bei dem ich mich geladen hab';

wer liegt wohl hier? Ich will doch sehen – –


[316] Er liest die Schrift auf dem Stein und springt jäh auf.


Weh! Es ist meiner Mutter Grab!


Kniet vor dem Grabe nieder.


Du Heilige! Du Reine!

Im Marterstrahlenschein!

Du aller Frauen eine!

Du Mutter, Mutter mein!


Sieh, meine Hände fassen

die Erde deiner Gruft;

der dich im Stolz verlassen,

dein Sohn ist's, der dich ruft!


Verflucht ward mein Beginnen,

hilf du mir! Hör' mich nun!

Denn Sorge war dein Sinnen

und Liebe all' dein Tun!


Du Treue, Herzensreine!

Laß mich verdammt nicht sein!

Du aller Frauen eine,

Du Mutter, Mutter mein!


Quelle:
Bruno Ertler: Dramatische Werke. Wien 1957, S. 315-317.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Goldoni, Carlo

Der Diener zweier Herren. (Il servitore di due padroni)

Der Diener zweier Herren. (Il servitore di due padroni)

Die Prosakomödie um das Doppelspiel des Dieners Truffaldino, der »dumm und schlau zugleich« ist, ist Goldonis erfolgreichstes Bühnenwerk und darf als Höhepunkt der Commedia dell’arte gelten.

44 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon