Vierter Aufzug.

[66] Personen.


Frau Künkelün.


Marie.


Roland.


Zwei Frauen.


Scene: Das Künkelünsche Tronbett rechts, das übrige Zimmer ist dunkel. Durch eine mit Blendklappe versehene Deckenampel wird der Lichteffekt bewirkt. Durch die Blendklappe kann das Bett hell und schwach beleuchtet werden. Das Zimmer hat eine Türe im Hintergrund linksseitig.

Frau Künkelün hockt allein mit angezogenen Knieen, die Decke an das Fußende geschoben, klappernd im Bett und deklamiert. Schwaches Licht. Durch das Fenster weht ein kühler Luftzug, dessen spielerische Darstellung die Ampel übernimmt.


FRAU KÜNKELÜN verdrießlich.

Ich sitz auf einer Schnecke Haus

und fahre durch das Dunkel,

ich möchte schnell und komm nie raus

auf meines Karr'n Gehunkel.


Der Platz darauf ist eng und klein

und macht mich steif und fade,

daß ich mich, längst im Sonnenschein,

nicht mehr vom Wagen lade.


Werd ganz stupid. Bei Dämmerung

will ich vom Sitzbock rutschen,

doch lähmt mich dann Verwunderung,

bleib hocken auf der Kutschen.


Die rollt jetzt schier im Gaulgalopp

hinunter unter's Dunkel,[67]

da wackel ich verdrießlich – stopp –

halt weiter mein Gehunkel.


Die Tür geht auf, Frau Künkelün zieht rasch die Bettdecke an, Marie kommt schnell über den Teppich auf's Bett zu.


MARIE. 's wollen noch so zwei Steineulen Sie besuchen. Frau Künkelün.

FRAU KÜNKELÜN. Mach hell, kann sowieso kein Auge zutun. Ich empfange sie im Bett.


Marie zieht die Blendklappe. Es wird am Bett hell. Dann geht sie zur Türe und winkt den beiden herein. Die zwei Frauen treten ein, kommen rasch auf's Bett

zu.


ERSTE. Ich kann nicht mehr schlafen, Frau Künkelün.

FRAU KÜNKELÜN reicht lachend die Hand. Ah, weil der Mann fehlt!

ZWEITE rasch zwischen. Nein, sie hat ein Anliegen, mich hat sie aus dem Bett gerissen.

ERSTE. Ach, Frau Künkelün, die Toilette, die Toilette!

MARIE einwerfend. Bitte, folgen Sie mir!

ERSTE. Nein, die Toilette vor dem französischen General. Er ist aus Paris.

FRAU KÜNKELÜN. Kriege gleich noch die Krämpfe!

ZWEITE rasch zwischen. Die hat sie schon gehabt, bei mir drüben.

FRAU KÜNKELÜN. Was! Darüber, wie sich ihre Toilette vor Melak ausnimmt, kriegt sie Krämpfe? – Wir schießen, schießen, auf die Franzosen.

ERSTE halb wahnsinnig. Nein, nein, das ist ganz eins. Vielleicht wird man doch handgemein. Sinkt um. Der Hosenrock ist Mode in Paris!

FRAU KÜNKELÜN streng. Bei uns aber nicht.

ERSTE. Wir blamieren uns mit den altmodischen Kleidern furchtbar. Oh hätte ich mir das früher überlegt, nie, nie hätte ich den Schwur getan!

FRAU KÜNKELÜN. Wegen einer mannlosen Nacht bist du schon hysterisch geworden?! Rackert sich hoch auf.

ZWEITE rasch hinzusetzend. Ja, so hat sie's bei mir drüben auch gemacht, bis ich mit ihr gegangen bin.

ERSTE weinerlich. Ein Hosenrock wäre das mindeste. – Wieder gefaßter. Vielleicht Frau Künkelün ziehen wir wenigstens die Uniformen der eingesperrten Soldaten an, die so massenhaft[68] auf der Rüstkammer liegen, dann merkte es Melak nicht, daß ich keinen Hosenrock trage!

ZWEITE. Ja, sie will die Mannsuniform anziehen.

FRAU KÜNKELÜN. Wir? Eine Mannsuniform!

MARIE verächtlich zwischen. Das hieß, sich etwas vergeben.

FRAU KÜNKELÜN. Nie und nimmer! Wir Fährt im Bett hoch, kniet, schlägt die Brüste. – Weiber! Der Männer haben wir uns soeben glücklich entledigt! Jetzt sollen wir eine Erinnerung an sie hervorziehen?! Pause. Schäme dich! Fällt in die Kissen zurück.

MARIE. Die Männer, alles was von ihnen ist, sei zertreten und zerstampft, zerplatzt und zerhopfet!

ZWEITE zur Ersten. Da hört's.

ERSTE unglücklich. Ja was fange ich denn an?! – In der alten Mode von Franzosen verlacht sein!

FRAU KÜNKELÜN richtet sich wieder auf, fest, bestimmt. Weißt du was, laß dich sofort, wenn du auf dem Mauerrand ankommst, totschießen.

ERSTE verzweifelt. Dann lieg ich immer noch in meinem alten Kleid da und sie lachen über meinen Kadaver.

FRAU KÜNKELÜN leis zur Zweiten. Ist sie etwa ernstlich krank? Du solltest doch einmal mit ihr in die Apotheke gehen.

ZWEITE. Da fehlt der Provisor.

FRAU KÜNKELÜN. Natürlich. Wir haben sauber Geschirr gemacht. – Aber vielleicht findest du dort eine Büchse mit der Aufschrift: »zerstoßene Maueresel«, die holst du ihr zum Essen.

ZWEITE. 's wär schon recht. Aber das mit den Uniformen hat einen gewissen gesunden Grund.

ERSTE herausheulend. Nicht wahr?

FRAU KÜNKELÜN. Lieben Kinder, ich muß aufstehen. Das halte ich nicht aus. Wirft das Bett zurück. Ausgeschlafen! 's ist mir auch zu langweilig. Wenn ich auf bin, erwarte ich den Morgen viel ruhiger. Marie das Morgenkleid!

MARIE. Um den stärkenden Schlaf bringen Sie die Scheuhauben.

FRAU KÜNKELÜN. Schadet weiter nichts, Marie das Kleid! Winkt.


Marie gibt das Kleid.


FRAU KÜNKELÜN. Zum Heraussteigen seht ihr vielleicht ein bißchen auf die Seite! Spricht's lächelnd gegen die Rampe. Sie entsteigt dem Bett und zieht das weite, mantelartige Kleid mit leichter Mühe[69] über. Ich bin fertig. Jetzt redet! Sie setzt sich auf eine neben dem Bett stehende Truhe.

ZWEITE. Die Uniform steht ihr ganz entzückend. Sie hat sie zur ...

ERSTE. Nein, schweige still!

FRAU KÜNKELÜN. Was ist mit der Uniform?

ZWEITE unter Angstbewegung der Ersten. Sie hat sie zur Probe unter dem Mantel angezogen.

FRAU KÜNKELÜN während die Erste den Mantel über sich engschließt. Es ist also ein Mann unter uns. Was sollte ich da am besten tun?!

MARIE schlau. Ihn in's Rathaus zu den anderen stecken.

FRAU KÜNKELÜN. So werd ich's tun. Du mußt auf's Rathaus zu den Männern, hast du Uniform! – Hast du's?

ERSTE verlegen. Frau Künkelün, ich kann aber unmöglich in den vollen Männersaal als einzige Dame.

ZWEITE. Frau Künkelün, wir bitten 's Nachsehen.

ERSTE ganz schamhaft verlegen. Es ist so schick.

FRAU KÜNKELÜN rasch. Mantel ab! Laß einmal sehen.


Erste wirft den Mantel graziös auf die Erde und steht da wie ein Schokoladehusar.


MARIE lacht. Ha, 's ist nicht übel.

ERSTE gestärkt, eitel. Nicht wahr!

FRAU KÜNKELÜN. Ihr Kinder, 's ist keine Maskerade, auch kein Faschingsscherz, was wir vorhaben. Ein wahres Fastnachtspiel, bei dem 's zum ew'gen Fasten geht.

ZWEITE bestimmend. An das hat sie alles auch gedacht.

ERSTE. Oh wenn ich so gehen dürfte, stürbe ich ganz gern.

FRAU KÜNKELÜN. Den Tod für ein Kleid! Du bist das richtige Weib!

ERSTE eigensinnig, beleidigt. Jawohl, das bin ich. Es kommt darauf an, daß wir auch nett sind, wenn wir Gewehre tragen. In den gewöhnlichen Röcken, wie sieht man denn da aus!

ZWEITE. Wie eine Schlumpfufzehn.

ERSTE. Auch ist man viel beweglicher.

FRAU KÜNKELÜN. Das ist ein erster Grund dafür.

ERSTE eifrig werdend. Auch wollen wir nicht so verächtlich geschont sein.

ZWEITE. Gegen Weiber wären Franzosen bloß galant.

ERSTE. Wir wollen als richtige Krieger betrachtet sein![70]

ZWEITE. Man hat sonst bloß wieder die alte Herabsetzung, daß man ein Weib ist, daß sie nicht einmal einen anpacken.

ERSTE. Wir wollen gleich bluten.

FRAU KÜNKELÜN. Das laß ich auch gelten, als triftigen Grund dafür.

ERSTE hoch entzückt. Frau Künkelün, seid Ihr gütig!

ZWEITE machen sich beide zu ihr nahe heran. Ja, man geh' nur zu Frau Künkelün!

FRAU KÜNKELÜN lacht. Ihr meint wohl, damit habe ich die Kleidung gut geheißen? Ich sage das Gegenteil. Sind die Melaksoldaten so töricht, und treiben Galanterie gegen unsere Weiberröcke, gut, dann ist's unser Gefechtsvorteil.

MARIE einwerfend. Wie beim Heiraten.

FRAU KÜNKELÜN. Je galanter der Feind, desto furienhafter fahren wir auf ihn. – Auch möchte ich keinen Teil des Ruhm's den Männern in der Huldigung an ihre Kleidung zuerkennen. Das sind ebenso zwei schwere Gründe dagegen.

ERSTE gespannt zitternd, ganz bebend. Zwei gegen zwei. Und Ihr entscheidet? – Oh, saget ja, ich renne gleich bei allen herum, gleich plündern wir die Rüstkammer nach Soldatenkleidern aus! Jubelt und stampft. 's steht mir so totschick!

FRAU KÜNKELÜN. Wenn dir einmal der Tod geschickt ist, denkst du auch nicht mehr an Hosen, so wenig wie an die alte Mode. Wir bleiben wie wir sind.

ERSTE. Jetzt freut mich garnichts mehr. – Ich kann nicht mehr. Schwach, flügellahm. Wie soll ich jetzt noch Waffen führen! mit so gelähmten Gliedern. –

FRAU KÜNKELÜN. Nun habt ihr wohl genügend Generalstabssitzung bei mir gehabt. Ich bitte euch, zu gehen und tüchtig auszuschlafen, damit ihr morgen frisch seid.

ERSTE rafft plötzlich ihren Mantel auf und wütet. Ich werde mir aber heute Nacht doch noch einen Hosenrock nähen! Gegen den An der Türe. könnt Ihr nichts haben, Frau Künkelün! Und wenn ich den habe, dann weiß ich, werde ich morgen alles in Fetzen hauen! Stürzt hinaus zur Türe.

ZWEITE. Ja dann auch meine Empfehlung.

FRAU KÜNKELÜN steht erregt auf. Es ist doch gewiß, daß wir morgen jämmerlich geschlagen werden, ihr Weiber seid zu kleinlich.


Zweites Weib umständlich ab.


MARIE. Jetzt tragen's die Weiber seit Adam und Eva[71] von unten offen, nun auf einmal soll's nicht mehr recht sein. Na, die Kunzenmüller hat schon ehedem gerappelt.

FRAU KÜNKELÜN. Mir wird auf einmal so schrecklich bang. Schließe das Haus hinter ihnen zu.


Marie ab. Frau Künkelün sieht kurz durchs Fenster.


FRAU KÜNKELÜN. Ich schleife das ganze wie eine Schleuder, die ich nicht schwingen kann, gegen den Feind. Dies Schorndorf! Die Männer hört man noch Bock hopfen auf dem Rathaus, so fidel sind die.


Marie kommt zurück.


FRAU KÜNKELÜN. Hörst du, wie die Mannsleute lärmen?

MARIE. Ja die, die haben's schön. Eigentlich sind wir ja so saudumm. Im Gehirn gehören wir vergant't. Setzt sich. Die Mannsleute machen Bockhopfen und nachher müssen erst wir wieder hinhalten.

FRAU KÜNKELÜN. Sei froh, du bist ja ledig. Oder bist du's nicht?

MARIE rückt sich unruhig. Ja bin ich ledig, aber Frau Künkelün, wir kriegen doch nachher wieder denselben ins Haus.

FRAU KÜNKELÜN. Das weiß ich noch nicht.

MARIE anhauchend. Frau Künkelün! Räuspert sich dann. Warum benützt die Gelegenheit eigentlich der Roland nicht?

FRAU KÜNKELÜN. Beschrei es nicht! Ich fürchte mich. Ich klappere schon die ganze Nacht wie im Frost, weil ich ihn noch nicht in sicheren Gewahrsam gebracht habe.

MARIE. Ich begreif nicht, was er gegen Sie haben sollte. Das ist Ihre unnötige Angst. Wenn Sie einer liebt, dann ist's der.

FRAU KÜNKELÜN. Eben deswegen. Ich erhalt mich ihm nicht, wenn ich ohne seinen Schutz in den Kampf gehe.

MARIE. Ah so, dann meinen Sie, er möchte Frau Künkelün davon abbringen.

FRAU KÜNKELÜN. Jawohl und mit Gewalt.

MARIE. 's Haus ist ja gut zu, da kann niemand ungerufen herein. Aber ich sage mir eben, der Bürgermeister ist heute, heute ganz gewiß festgesetzt.

FRAU KÜNKELÜN. Es wird mir nicht einfallen! So möchte ich mich überhaupt nie vergessen. Und vollends bei dem!

MARIE steht auf wie's Gewissen. Da! Den Panzer habt[72] Ihr mit Willen abgelegt. Da ist's kein Wunder, daß es Ihnen pfingstelt auf Morgen mit dem schlechten Gewissen gegen den armen Menschen. – Das gibt auch nichts gutes, 's gibt den Tod.

FRAU KÜNKELÜN. Ich hatte keine andere Wahl.

MARIE. Weil's für den wüsten Assen ist.

FRAU KÜNKELÜN. Du stehst sehr anklagend gegen mich. Es ist doch meine Sache, wenn ich sterben will.

MARIE. Läßt man ihn helfen, sind wir alle künftig frohgemut, und 's Schorndorf wird sicher gerettet. Dann braucht's heute Nacht nicht die unsinnige Angst vor der gutmütigen Unschuld.

FRAU KÜNKELÜN. Er kann nicht helfen, das hat noch einen andern Grund. Ich möchte den Ruhm der Tat.

MARIE. Diese Ruhmsucht sieht nicht wie Sieg aus. Hättet Ihr ihn eben wirklich lieb, nicht bloß so ein hochnäsiges Mitleid mit ihm, dann würd's Euch nix antun, hätt' der verachtete Tropf 's Halbteil vom Ruhmeskranz einmal redlich verdient.

FRAU KÜNKELÜN. Du bist närrisch, ich kann's nicht, mit ihm die Liebe, 's Bett, teilen Es schüttelt sie.

MARIE kleiner. Ob er das Bett so sicher mit Euch wollte!?

FRAU KÜNKELÜN. Selbstverständlich das! Auf was anderes hat er seinen Kreuzblick gar nicht gerichtet. Ihm ist der Ruhm einerlei, mir die Liebe.

MARIE. Was heißt Ruhm! Daß man nachher von den Männern, die so feig gewesen sind, recht schön gelobt und gepriesen wird? Das ist schal.

FRAU KÜNKELÜN mutlos. Du magst recht haben. Aber den Affen zu lieben, wirst du mich darum doch nicht lernen. Darum ist's das einfachste, ich wehre mich, so gut ich's allein kann, wie's eben dann geht.

MARIE mit gewisser Leidenschaft. O nein, Frau Künkelün. Ganzen Mut haben, ganzen Mut, er ist der Mutmesser mit seiner Wüste. Einmal den Sprung zu ihm, wie in den Tod, und nachher dafür wieder mit meiner Frau Künkelün, wieder das schöne Leben.

FRAU KÜNKELÜN zaghaft. Ich kann's nicht. Das Ueberwinden ist für mich zu groß. 's ist so weit bis zu ihm hinunter, der im Aussehen beinah' ein Tier ist.[73]

MARIE. Wie ist's denn, wenn ein Hirt eine Königstochter liebt und die Königstochter erwidert?

FRAU KÜNKELÜN. Der Hirt wird dann immer ein schöner Knabe sein.

MARIE. Und wenn er ganz wüst wäre, das Seltsame reizt.

FRAU KÜNKELÜN. Ich war schon einmal sehr nah ihm, aber nachher da hat mich's dann so eiskalt geschüttelt.

MARIE. Wenn der Allmachtsochse bloß wenigstens käme!

FRAU KÜNKELÜN. Ruf ihn nicht. Wenn er kommt. Er kommt bloß, alles zu vereiteln.

MARIE auf ein polterndes, kurzes Geräusch. Wart' einmal, da!

FRAU KÜNKELÜN in zitternder Angst. Mache mir keine Angst, hast du etwas gehört?

MARIE. Oh, oh, Frau Künkelün, eine Frau mit Eurem Vorhaben, so zu zittern!

FRAU KÜNKELÜN. Oh, morgen wird es furchtbar sein! Im Antlitz der feuerschlündigen Kanonen!

MARIE bestärkt sie. Ach, das wird schrecklich sein, aber seht Frau Künkelün, das ist jetzt bloß eine Tiefstimmung. Morgen steht Ihr ganz anders.

FRAU KÜNKELÜN. Nein, ich habe keinen Mut.

MARIE. Ihr habt schon Mut, bloß gesagt, noch nicht den ganzen.

FRAU KÜNKELÜN auf ein langes, kratzendes Geräusch, mit hohlen Augen. Hörst du das nicht, das Schieben, das lange Kratzen? Wie etwas, das sich näher schiebt!

MARIE. Still, laßt horchen! Beide horchen gespannt.

FRAU KÜNKELÜN. Hörst du's? – Das ist 'r.


Marie nickt mit dem Kopf. Frau Künkelün krallt sich fest an Marie. Die Spannung beider ist die höchste. – Da tut's plötzlich einen lauten Plumpf auf der Treppe, dem ein leises Fluchen folgt. Unwillkürlich lachen beide kurz auf.


MARIE. 'r ist ein Plumpsack.

FRAU KÜNKELÜN leise, wieder ernst. Hast du ihm gewiß die Haustüre aufgelassen?

MARIE. Ich habe geschlossen.


Marie zieht die Blendklappe. Es wird dunkel. Wieder tut's einen lauten Krach, diesmal von größerem Umfang. Eine Stimme schreit: »Licht«.


MARIE heiter. Der Mensch ist naiv. Man soll ihm noch zünden auf seinen Abwegen.


[74] Jetzt kichern beide unbeklommen. Draußen brummt ein Fluch: »Melak und Kurpfalz«.


FRAU KÜNKELÜN. Hast du verstanden? Er wird es doch gewiß sein?

MARIE. Sehen Sie, jetzt wünschen Sie ihn schon.

FRAU KÜNKELÜN ärgerlich. Ach du! So mein' ich's nicht. Hoffentlich ist's kein Franzose.

MARIE. Das mein' ich auch, 'n Landsmann ist 'r, so saumäßig als 'r ist.

FRAU KÜNKELÜN. Ich glaube, wenn er einen Anschlag gegen mich vorhätte, würde er nicht so laut poltern.

MARIE. Jesses! 'r tatzt an der Türe.

FRAU KÜNKELÜN. Laß mich noch vorher hinaus! Wenn er so nachts kommt, wie ein großer Affe, muß er furchtbar sein.

MARIE. Hat er nun's Loch bald?

FRAU KÜNKELÜN. Ich warte nicht, bis er's findet.

MARIE sehr leise. Halt, er steht schon ganz in der Türe.


Die folgende Händelei sehr leise, aber zäh und wild.


FRAU KÜNKELÜN. Lege dich du für mich in's Bett. Vorwärts, du bist mein Dienst.

MARIE wehrt sich. Das geht über Gesindepflicht hinaus.

FRAU KÜNKELÜN. Um Gotteswillen! Du wirst dich nicht sträuben! Stößt sie.

MARIE. Ich tu's einmal nicht!

FRAU KÜNKELÜN. Du hast mir zu gehorchen!

MARIE. Halt! Ich hab' ja die Kleider an!

FRAU KÜNKELÜN. Willst du dich ausziehen?! Dann laß den Rock fallen!

MARIE. Ich bin nicht gesund!

FRAU KÜNKELÜN. Das ist ihm und mir wurst. Hinein schnell!


Marie fliegt mehr ins Bett. Roland avanciert, langsam tastend.


FRAU KÜNKELÜN. Stelle dich schlafend. Ich verberge mich.


Frau Künkelün versteckt sich hinterm Bett. Marie schnarcht. Roland steht etzt dicht am Bett und

streckt die Arme hoch in die Luft aus. Während seiner Rede geht Frau Künkelün langsam um ihn herum, sodaß sie zuletzt hinter ihm steht.


ROLAND man hört sein Zähneklappern. Meine Zähne klappern[75] wie bei dreißig Grad Kälte. Aber ich will sie ppacken, überwerfen wie einen Mehlsack. ZZappelt sie, drück ich sie, wie eine Schlange einen Vogel samt den Federn in den Hals preßt, wie ein ZZauberer zzwei Haasen in einen zusammenquickt. – Ichch kkönnt aber auch, ich könnt aber auch, iich hhab's aber dem BBürgermeister vversprochen, daß ich sie ffange und einsperre. VVor allzugroßer Liebe biin ich auch nicht fertig dazu uund zum Warten neben ihr bin ich nicht schön genug. – IIch ppack sie uund ddrück sie. Er beugt sich dicht über die Schnarchende.

FRAU KÜNKELÜN leise für sich. Entsetzlich! Jetzt müßte sie auffahren. Sie verstellt sich zu eindringlich, bis es zu spät ist.


Das Bett kracht, Roland kniet mit einem Knie auf das Bett.


FRAU KÜNKELÜN. Marie, fahre auf! Er tut's sonst. Ich muß ihr rufen. Marie, laß es doch nicht zu!

ROLAND. Sie schläft wie Waldmoos. Jetzt hört man einen kropfigen Ton, ein Aechzen des Betts. Man sieht eine Verschlingung zweier Gestalten.

MARIE schreit zugleich auf. Meine Rippen.


Frau Künkelün zieht die Blendklappe. Es wird hell. Der Anblick ist sehr heiter, Roland steht mit einem breiten Hemdschlitz auf dem Rücken, so daß die nackte Haut durchschaut, und glotzt die in den Armen gehaltene Marie lang an. Dann läßt er sie aus den Armen gleiten, er kratzt sich hinter den Ohren, wendet den Kopf langsam und sieht Frau Künkelün stehen, worauf er sich mit der ganzen Front gegen sie herumkehrt und sie anstiert. Dann erhebt er die Faust.


ROLAND kurz, gleichsam die Faust wegwerfend. Falsche!

FRAU KÜNKELÜN stolz. Wer ließ Euch in das Haus?


Roland schmeißt den Hausschlüssel wie eine stechende Natter von sich.


FRAU KÜNKELÜN heiter. Da fliegt ja das Geheimnis. Wollt Ihr ihn nicht behalten, Verräter? – Dein Hemd ist, zum Kennzeichen für dich, zerschlitzt. Mit Eifer. Du fängst mich nicht und nun wird's nie!

ROLAND lächelt überlegen. Wenn ich ja wollt!

FRAU KÜNKELÜN. Wenn du roh wärest.

ROLAND. Wenn ich nun nach keiner Rücksicht mehr guckte. Kopf gegen Marie wendend. Ich könnt auch sagen, ich habe das Recht.[76]

FRAU KÜNKELÜN nicht ohne Angst. Roland, ich habe dich für brav gehalten.

ROLAND grinst und lacht. Ein braves Büble, hähähä.

FRAU KÜNKELÜN. Ja dafür. Du hast das schlecht gemacht, daß du mit dem Bürgermeister über mich geredet hast.

ROLAND sehr erbost. Ist das nicht schlecht, ddaß du dich an mir schschämst?


Frau Künkelün will etwas sagen, er schneidet ihr das Wort durch lautes Schreien ab.


ROLAND. Stirb nur! DDu hast doch keinen Mutt. Dich knicken sie um wie's Zweigholz der Buche. Hähä!

FRAU KÜNKELÜN zitternd. Das weißt du so gewiß nicht.


Marie erhebt hinter Roland mahnend den Finger zu Frau Künkelün.


ROLAND. Hörtest dich nur selber reden! Dir ist ein Bangen in allen Gliedern.

FRAU KÜNKELÜN. Ich kann's nicht finden. Ich bin verhältnismäßig ruhig. Das heißt, wird man denn viel noch denken, wenn einen eine Kugel trifft?

ROLAND mit seligem Lachen. Meinst wohl? dann sei's herum, wenn du tot bist. Dann siehst's Unendliche. Bloß alles, was man dazwischen hält, siehst du nicht. Du zwitscherst darum nicht mit den Augen, wenn mein Kopf vor dich kommt. Eine Wand geht durch deine Nase, an der vorbei siehst du links 's Unendliche und rechts 's Unendliche, zweimal die ganze Welt geht in deinen Kopf, daß die eine die andere aufhebt. Darum siehst nix. Und ich kann dich ruhig stehlen. Vorher hängt dein Köpfle herunter von der Mauer und nachher hängt's mir von der Schulter wie von einer gehackten Taube Die Kleider kann man dir abziehen, wie die Schalen von einer Banane, dann läßt man die Raben hinfliegen, daß sie dich picken, wie zwicken. Weißt nicht, ob's nicht Küsse sind über den ganzen Leib, dem ich die Arme schieb' unter den warmen Rücken, zum Verstecken bei mir in der Aepfelkammer. Schleich nachts immer hin. Hähähä. wenn morgen stirbst.


Frau Künkelün und Marie haben gespannt mit Entsetzen zugehorcht. Roland will fortlaufen. Wie er schon nahe der Tür ist, ruft Frau Künkelün mit schwacher Stimme.


FRAU KÜNKELÜN. Roland, ein Wort. Laß uns allein, Marie, geh in deine Kammer.


Roland wartet. Marie geht. Es ist still.
[77]

ROLAND. Was willst du von mir?

FRAU KÜNKELÜN. Sterb ich?

ROLAND setzt seine Rede fort. Wenn's aber diesmal auf der Kirche läutet, daß man dich mit einsammelt, dann zünd ich diesmal 's Schorndorf an. Lacht gräßlich. Daß es brennt und im Backofen kracht. Hähähä. Wendet sich das zweitemal zum Gehen.

FRAU KÜNKELÜN wimmert heraus. Bleibe bei mir!

ROLAND. Sei nur gestraft! Du hast den Mut nicht, daß du mich erlöst.

FRAU KÜNKELÜN starr gegen ihn. Bleibe! Ich erlös dich!

ROLAND. Vor Furcht und Schrecken!

FRAU KÜNKELÜN. Nein aus Not. Ich will leben und siegen!

ROLAND. Es sei doch nie, hast du gesagt.

FRAU KÜNKELÜN. Roland, nach der Schlacht sehe ich anders, wenn ich den ringenden Greuel gesehen habe, dann kann ich auch dein Gesicht aus der Nähe vertragen. So scheußlich du bist!

ROLAND. Bin ich –?

FRAU KÜNKELÜN. Oh gewiß, das darfst du sicher glauben.

ROLAND. Dann gewöhn dich in mein Gesicht, dann ist alles viel kleiner morgen was du siehst. Lacht. Du solltest dann einmal sehen, wie du auf die Männlein einhaust wie mit einer Weide auf Federvieh.

FRAU KÜNKELÜN. Nach der Schlacht.

ROLAND. Anders hatten wir's nicht gesagt. Du hättest den Panzer antun sollen, damit du unverletzt geblieben wärest und mir dann danken könntest.

FRAU KÜNKELÜN. Du kamst doch nun vorher an mein Bett.

ROLAND. Weil du nicht Wort gehalten hast.

FRAU KÜNKELÜN. Ich will nun Wort halten, merke es doch! – Du hast mir etwa erzählt, das entsetzlicher ist als ein lebendiges Erschaudern vor dir.

ROLAND klagend. So entsetzlich bin ich wirklich?

FRAU KÜNKELÜN. Beklag's nicht, du hörst ja, nach der Schlacht hab' ich den Mut für dich, ohne Einschränkung.

ROLAND. Aber zum Schlagen hast du nichts.

FRAU KÜNKELÜN. Darum hilf mir du!

ROLAND. Du hast ja meine Hilf mit dem Panzer und anders sei's nicht möglich, hast du auch schon gesagt. Frau Künkelün schüttelt den Kopf. Also ich soll doch helfen?[78]

FRAU KÜNKELÜN. Man dürfte dich eben nicht sehen, wenn du mir hilfst.

ROLAND. Ja, geht das?

FRAU KÜNKELÜN. Sieh, in dem Panzer ist es nicht gegangen, erstens höhnten dich die Weiber darin, neu in mir. Und zweitens wird mein Ruhm für die Tat auch durch den Panzer, der dein ist, noch verringert.

ROLAND. Hähä, so ein eitles Weib mit dem Ruhmesgeiz.

FRAU KÜNKELÜN. Daß du auch nur in einem Stäubchen als Roland erkannt neben mir, mit mir im Kampf stehst, duld ich absolut nicht.

ROLAND. DDann müßt ich wohl Weiberkleider anziehen?

FRAU KÜNKELÜN. Und einen Schleier über's Gesicht? – Man würde dich erkennen, das geht nicht.

ROLAND. Wie aber dann?

FRAU KÜNKELÜN. Würdest du das tun?

ROLAND. Ich hab's noch nicht gehört, was.

FRAU KÜNKELÜN. Ich habe etwas.

ROLAND wird ganz warm berührt. Was?

FRAU KÜNKELÜN. Es liegt in meiner Kommode.

ROLAND neugier verbergend, gleichgültig. Gib's einmal her.

FRAU KÜNKELÜN geht an die Kommode, zieht die Schublade auf Ehe sie es herausnimmt, lächelnd. Es ist aus alter Zeit, vererbt von Großmutter zu Großmutter. 's ist schon viel hundert Jahr alt und nie mehr benutzt worden.

ROLAND neugierig. Laß es sehen!


Frau Künkelün gräbt's zu unterst heraus, klopft jetzt das Mottenpulver ab und schüttelt's auf. Es entpuppt sich als weißer Spitzhut, Harlekinmütze.


ROLAND erstaunt. Eine Mütze? Will sie aufsetzen.

FRAU KÜNKELÜN. Vorsicht, sie macht dich unsichtbar.

ROLAND. O je, o je, die nehm ich nicht. Hält sie hin, damit man sie ihm abnähme.

FRAU KÜNKELÜN. 's ist bloß die Tarnkappe.

ROLAND. Da ist etwas mit los, nein, nein, die nehm ich nicht. Nimm sie mir ab, nimm, nimm. Da ist etwas mit los.

FRAU KÜNKELÜN. So schreit einer, der der leibhaftige Mut sein will?! Gar nichts ist los damit, behalt sie nur!

ROLAND. Ich werf sie vor die Füße!

FRAU KÜNKELÜN. Das Heiligtum, mein altes Erbstück. Bedenke doch, die hatte Siegfried auf, als er Gunther geholfen hat.[79]

ROLAND. Ich habe keinen Neid auf Siegfried, nimm doch die Kappe weg!

FRAU KÜNKELÜN. Es ist doch keine Schlange.

ROLAND. Eine ganz giftige Schlange sogar. Du kommst erst jetzt damit. Daß du nicht unpfiffig bist, habe ich auch schon gemerkt. Ja, nach der Schlacht, du willst mich damit betrügen. Du hast dich in der Not darauf besonnen und ich nehme die Kappe nicht.

FRAU KÜNKELÜN. Wie pfiffig bist denn du? Du hast dich mit meinem bittersten Feind, meinem Mann, gegen mich geeint?

ROLAND. Du weißt warum.

FRAU KÜNKELÜN. Ich verzeihe dir ja auch den Verrat Wird erregt. darum, so behalte jetzt das Kleinod.

ROLAND. Du hast bloß Todesangst.

FRAU KÜNKELÜN. Ist diese nicht genug, daß du dein Zaudern überwindest? – Aufwallend. Aha, du willst mir gar nicht helfen, weil du mich Stockt ... schreit auf. tot haben willst.

ROLAND. So rasen brauchst du nicht. Ich seh', dich treibt es wild um. Ich will die Kappe schon behalten.

FRAU KÜNKELÜN verzückt, heftig rasch. Setz auf!


Roland folgt der Aufforderung wie unwillkürlich, wartet aber mitten in der Bewegung des Aufsetzens.


ROLAND lächelnd. Wie ist's damit? – Wenn ich sie aufsetze, bin ich unsichtbar.

FRAU KÜNKELÜN. Sicherlich.

ROLAND. Dann wär's wie eine Abschiedsfeier von der Welt, mein Verschwinden.

FRAU KÜNKELÜN berückend. Ach, 's muß nicht so aufgefaßt sein.

ROLAND hustet. Mh mh, eine Geschäftssache habe ich noch vorher mit dir. Wo hast du meinen eisengeschmiedeten Panzer hingelegt?

FRAU KÜNKELÜN. Brauchst du's zu wissen?

ROLAND. Unter der Kappe tut mir doch der Schutz gut, denn wenn einer haut und zufällig das Unsichtbare trifft, was dann?

FRAU KÜNKELÜN. Der Wert der Kappe liegt ja darin, daß, weil man unsichtbar ist, man geschickt ausweicht, und unerwartet da ist. Du brauchst keinen Panzer.[80]

ROLAND. Setz du die Kappe uff! – will ich dir sagen.

FRAU KÜNKELÜN. Ich will gesehen sein, die Sichtbarkeit soll mir den Ruhm geben.

ROLAND. Könntest mir aber doch die zwei Schalen geben.

FRAU KÜNKELÜN. Die zwei Schalen! – Du kriegst sie nicht mehr. Meinst du, ich wollte an meinem Geliebten nachher noch solch Spottkleid sehen?

ROLAND. Aber mit einem geschlitzten Hemd läßt du mich herumlaufen.

FRAU KÜNKELÜN. Ich kann dir unmöglich heute noch ein Hemd flicken, mit diesen nervösen Fingern.

ROLAND rasch, sehr lachend. Dann, dann lauf' ich eben einfach unter der Kappe.

FRAU KÜNKELÜN. Wenn du meinst.

ROLAND. Hast auch schon daran gedacht? – Wart', gleich setz' ich sie auf und und – hab' dich.

FRAU KÜNKELÜN. Oh weh! Gemacht.

ROLAND. Hähähä, das mach' ich. Fürchtest du dich nicht?

FRAU KÜNKELÜN sieht ihn lange an, dann. Ich bin bereit.

ROLAND stutzt neu. Wie kommt das? Vorhin nicht?

FRAU KÜNKELÜN. Ich seh' ja dein Gesicht nicht.

ROLAND. Herrschaft, jetzt gurgelt's mir im Hals. Frau Künkelün, Frau Künkelün, jetzt erlöst du mich.

FRAU KÜNKELÜN lebhaft. Setz' auf, allmählich bebe ich.

ROLAND plötzlich traurig, nachdenklich. Nein, du willst mich nicht. Du willst, hä Höhnisch. den Gefallen tu' ich dir nicht.

FRAU KÜNKELÜN. Nein. Weißt du, was du bist? Du bist feig. Du hast Mut zum Raufen und bist – zu feig zur Liebe.

ROLAND schreit sie an. Wie steht es da mit dir? Sie sehen einander lange an, endlich spricht Roland, seine Stimme zittert. Wenn es dein Wille ist, ddann setz' ich sie doch auf.


Frau Künkelün begibt sich mehr gegen den Hintergrund in die Nähe des Betts – Roland schaut ihr, mit allen Gliedern bebend, nach. Seine Stimme gurgelt dumpf.


ROLAND. Frau Künkelün ... Hörst du denn nichts mehr vorher? – Ich ich habe das Gefühl einer Versuchung ... Ich fühle es als Unglück. Ich ich mein'. Wir verlieren, wenn meine Kraft ein Grammgewicht verliert heute, morgen die Schlach.[81]

FRAU KÜNKELÜN setzt sich traurig auf's Bett. Ich bin ganz trostlos. Roland will ein paar Schritte zu ihr machen. Frau Künkelün schreit, wehrt ab. Keinen Schritt näher, ohne die Kappe. Ich will's nicht sehen.

ROLAND steht. Ich fühl's als Unglück. Ich bin verdammt zum Meidenmüssen der Liebe. Ich bin verdammt. Ich bin der Mut.

FRAU KÜNKELÜN. Die Feigheit auch zugleich.

ROLAND ringt in sich. Feig? Das wühlt mich um wie mit einer Pflugscharre. Mit brennendem Blick zu ihr. Das sagst du, der ich helfen soll, zu mir. Feig.

FRAU KÜNKELÜN arme emporwerfend. Nein, helf mir nicht! Ich will sterben. Die Liebe krieg ich nicht als Kampfpreis. 's ist wahr, was ist der Ruhm! Der nur, weil's feige Würmer gibt, besteht. Lacht. Könnt ich jetzt die Männer auf ihren feigen Strohsäcken im Rathaussaal sehen, während ich hier wache. Während der Schreier um Erlösung zaudert, bis – er kann.

ROLAND. Ich zaudre nicht, ich führe Kampf. Ich kämpfe rasend. Es tost in mir, daß man's auf Meilen hört. Wie das Ventil von einem Gebläse. Melak schläft nicht. Er hört den Druck von meinem Herzen, ob es beharrt. Du Frau, wenn ich dir nachgebe, so –

FRAU KÜNKELÜN. Mir? Du bist's, der kam.

ROLAND. Weil es mich brennt wie den Tiegel im Feuer.

FRAU KÜNKELÜN. Dann mach ein End! Was ich jetzt an dir vollbring, ist die Grenze meiner Kraft. Die muß ich überschreiten, dann bin ich stark genug, allein morgen.

ROLAND. Und doch nicht so, daß du nicht sterben mußt.

FRAU KÜNKELÜN. Das weißt ja du!

ROLAND. Wir legen's auf die Wage.

FRAU KÜNKELÜN. Ist's dann nicht herrlich, auf Leben oder Tod bedrängt sein?! Roland, komm bedeckt auch unbedeckt, jetzt her.

ROLAND. Du bist in Glut. Ich ließe dich doch nie allein.

FRAU KÜNKELÜN. Hältst du mich bei Besinnung? – Dein Wort erscheint so ehrlich im Klang, daß ich dir glauben möcht.

ROLAND. Ja, glaub mir, heute nicht. Morgen. Ich setze, wie du sie mir gabst, zum Zweck der Schlacht die Kappe[82] auf und dann aber, wenn's vorbei ist, reiß ich sie mir vom Kopf. Dann nimm mich an!

FRAU KÜNKELÜN. Recht öffentlich besorgst du das, damit es alles sieht, mit wem verbunden ich gekämpft habe.

ROLAND. Soll ich sie aufbehalten etwa? Frau Künkelün, willst du mich auf diese Art erlösen? Wenn ich verschwunden bleibe, so meinst du, hab ich keine Schmerzen. Die hab ich doch. Wenn ich verschwunden bliebe, so müßtest du, denk, den daran.

FRAU KÜNKELÜN tritt ihm näher, frei. Wenn ich nun daran dächte!

ROLAND. FFrau Künkelün. Was gäb das für ein Leben, für Sie? – Sieht ihr listiges Lächeln. Schmerz Roland, war die Kappe schon einmal verschenkt?

FRAU KÜNKELÜN. Dann gib sie her, wenn du so nichtswürdig von mir denkst.

ROLAND. Ich mache bloß aufmerksam, wie gefährlich das Geschenk ist.

FRAU KÜNKELÜN. Wissen wir das noch nicht? Du bist ein von mir unsinnig Gebarmherzigter, du bist was häßlich Aufgehäuftes. Wie griff ein wahrer Mensch nach Liebe von mir, ihm so hingehalten.

ROLAND. Sie ist von mir nicht unergriffen.

FRAU KÜNKELÜN. Ich glaub es nicht, ich seh dich ewig zögern.

ROLAND. Einmal hört's auf.

FRAU KÜNKELÜN. Mir zerrinnt das Gehirn im Warten wie laufender Käse, ich erlebe den Morgen nicht, heißt es nicht halt, fest, hart. Heut ist die schauervolle Nacht vor großem Morgen.

ROLAND befehlweise. Die hälst du aus!

FRAU KÜNKELÜN. Und kommst du wirklich auch zu Hilf, morgen? An was erkenn ich, daß du da bist?

ROLAND. Das wirst du spüren.

FRAU KÜNKELÜN. Setz doch die Kappe probweis auf und mach ein Zeichen mit mir aus! Bloß probieren!

ROLAND. Wie zäh du das verlangst! Probieren heißt viel, wenn du dabei bist.

FRAU KÜNKELÜN. Ich muß doch wissen, ob sie auch noch tut. Es könnt doch sein, daß sie durch's lange Liegen die Kraft verloren hätte.[83]

ROLAND. Ich weiß schon, das Liegen hat ihr nicht geschadet. – – Oh oh, da ist sogar noch ein Haar von Siegfried daran.

FRAU KÜNKELÜN. Blond oder schwarz?

ROLAND. Du bist doch ein gerissenes Luder. Du hast das Erbstück zweifellos entweiht.


Frau Künkelün reißt ihm darauf die Kappe weg. Roland ruft.


ROLAND. Halt meine Kappe!

FRAU KÜNKELÜN. Nun passe auf, was ich jetzt tu.


Sie läuft mit der Kappe weg in den Hintergrund. Roland folgt ihr.


FRAU KÜNKELÜN. Da sollst du staunen, was mit dir geschieht. Jetzt bist du hart am Bett. Ich setz sie auf.

ROLAND mit gesträubten Haaren. Nein nein, Frau Künkelün.

FRAU KÜNKELÜN. Und doch setz ich sie auf. Es muß heraus, wie's mit dir steht.

ROLAND schreit rasend. Nein, um Himmelswillen, nein.

FRAU KÜNKELÜN. Vor was hast du denn solche Bärenangst?

ROLAND. Du machst dann mit mir, was du willst.

FRAU KÜNKELÜN. Den Liebsten nenn ich dich.

ROLAND. 's ist mir noch neu.

FRAU KÜNKELÜN. Und kamst so kühn daher?

ROLAND. Nicht kühn. Verzweifelt.

FRAU KÜNKELÜN. Darum sei froh, wenn's so nah ist.


Roland packt mit Geiergriff nach der Kappe und krampft sie an sich.


ROLAND. Ruf, wenn du mich brauchst.

FRAU KÜNKELÜN. Du bist mir ein Rätsel, du zerquälst dich vor Entbehren und marterst dich Erfüllen.


Roland geht auf nichts mehr ein und schreitet der Tür zu, die Kappe bei sich, Frau Künkelün folgt ihm zur Türe.


ROLAND. Ruf nicht zu spät!

FRAU KÜNKELÜN. Und versäume du nicht.

ROLAND bleibt unter der Türe noch einmal ruhig stehen. Aber einen Schlaf würd ich vorher noch tun, daß du frisch wirst.[84]

FRAU KÜNKELÜN. Wenn ich kann.

ROLAND reicht die Hand. Dann schlaf wohl.


Frau Künkelün gibt ihm schweigend die Hand. Roland geht. Frau Künkelün schiebt den Riegel vor. Dann bleibt sie in der Mitte des Zimmers stehen. Auf dem Turme fallen zwölf schwere Glockenschläge. Frau Künkelün atmet schwer auf.

Vorhang.


Quelle:
Hermann Essig: Der Frauenmut, Berlin [o.J.], S. 66-85.
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