Ein Gang durchs Fischerdörfchen

[35] Wenige Hütten, gedeckt

Mit überragenden Schindeln.

Manche versteckt,

Wie's Kind in den Windeln,

Hinter Apfelbaumgezweig

Und gegen den Steig

Von hohen Dornen eingeheckt.


Vorm Haus,

Kraus

Zwischen Kraut und Nesseln,

Nelken und Georginen;

Hinter den Fenstern und Gardinen

Geranien, Goldlack und wieder Nelken,

In Scherbenfesseln

Bestimmt zu welken.


Fischergerät, Netze und Schnüre

Vor jeder Thüre;

Hin und wieder ein frommer Spruch,

Und überall Fischgeruch.


Im Sonnenbrande

Spielende Kinder im Sande,

Schmutzig und putzig,

Halb scheu und stutzig,

Halb dreist,

Und barfuß zumeist.[36]


Auf niederm Sitz

Der Schwelle hingeduckt

Ein altes Mütterchen hockt.

Kartoffel schälend guckt

Sie her und lockt

Mit zitterndem Stimmchen aus zahnlosem Mund

Den klaffenden Hund:

Komm Spitz!


Eine Gänseherde schnattert vorbei.

Ein Mädchen vollbusig und drall,

Bringt eine Ziege zu Stall,

Oder auf die Wiese.

»Was macht der Schatz, Liese?«

Wie verschämt sie thut. Ei,

Und sich umsieht und lacht.

Nimm dich in acht!


Vorm Wirtshaus Entengeschwatz

Auf dem grasbewachsenen Platz

Und daneben

Auf dem übelriechenden Teich,

Soeben

Krähen zwei Hähne zugleich,

Und die Störchin vom Scheundach herab

Klappert: klappklappklapp!

– Klapp!


Schwalben schießen wie Pfeile

Kreuz und quer über den Weg,

Haben immer Eile,[37]

Sind immer reg,

Zierlich und schlank,

Blitz und blank.


Aus dem Schulhaus,

Neu aus roten Ziegeln erbaut,

Schallt's hell heraus:

»Weißt du, wie viel Sternlein stehn –«

Der alte Lehrer singt für zehn

Und fiedelt dazu.

Hartnäckig dazwischen brüllt eine Kuh

Von naher Wiese, immer gleich kläglich.

Es ist unerträglich.


Weiter, beim Kirchhof zum Dorf hinaus,

Das letzte Haus sieht wie das erste aus:

Klein, dürftig und schmutzig.

Auf niedrigem Kirchdach kauert,

Wie versauert,

Als ob er die Lust an der Welt verlor,

Der Turm, gar putzig,

Mit runder Haube,

Und lugt aus dem Laube

Breitästiger Linden grämlich hervor.

Über die Friedhofsmauer hängt,

Die Wurzel zwischen die Quader gezwängt,

Schwarzgrüner Epheu, und höher, im Hauch

Des Windes, wiegt sich am Strauch

Ganz leise, leise

Eine dunkelrote Rose.


Quelle:
Gustav Falke: Mynheer der Tod. Hamburg 1900, S. 35-38.
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