Ich trage Gedichte

[107] Um den Theetisch saßen wir,

Oder tranken wir Kaffee oder Chokolade,

Ein Traum nur war es,

Und alles lebt nur wie Schatten noch,

Wie Bilder aus einer Laterne magika

In meiner Erinnerung.

Deutlich nur seh ich

Zur Rechten mir das kleine zierliche Mädchen,

Zwölfjährig, kaum älter.

Unendlich traurig

Sah es mit großen blauen Augen

In seinen Schoß,

Die einzige Betrübte in unserem heitern,

Scherzbelebten Kreis.


Was fehlt dir Alice?

Warum denn so still heute?

Ach, so klang es von rosigen Kinderlippen,

Ich bin so schwermütig heute –

Ich trage Gedichte.


Was? du trägst Gedichte, Alice?

Und endloses Gelächter umschwirrte dich,

Übermütig,

Wie ausgelassene Tagvögel

Die alte ernste, unzufriedene Eule umspotten.[108]

Ich trage Gedichte...

Wachend hör' ich immer noch

Diese zaghafte, traurige Antwort,

Die mich so tief rührte,

Aus Kindermund so tief rührte.


Ich trage Gedichte...

Was wissen die anderen,

Leicht frohen Alltagsseelen,

Wie einem zu Mute ist,

Wie uns beiden zu Mute ist, Alice,

Wenn wir Gedichte tragen.

Wie weh, wie krank unsere Seele sein kann,

Wenn's drin keimt,

Wenn's drin zuckt,

Mit ersten leisen Regungen,

In Schmerzen empfangen,

Mit Schmerzen geboren,

Seele von unserer Seele,

Blut von unserem Blut.


Kleine schmerzdurchzuckte Dichterin,

Freue dich.

Dein Reich war der Traum.

Die Sonne des Morgens küsste dich auf,

Dich und deine Schmerzen,

Wie den Nachttau von den Blättern der Blumen,

Denen du in ernster Lieblichkeit glichst.


Ich aber lebe.

Mein Tag ist kein Traum,[109]

Und wenn ich schwermütig bin

Und Gedichte trage,

Darf ich's nicht einmal sagen am Theetisch.

Sie würden mich auslachen,

Wie sie dich auslachten,

Nur thut's noch zehnmal weher,

Am hellen, wirklichen Tage ausgelacht zu werden,

Und unsere Schmerzen

Sind ihnen immer lächerlich.

Sie verstehen uns nicht.

Wie schön, sagen sie, dichten zu können,

Wenn wir es doch auch könnten.

Ist es sehr schwer mein Herr?


Quelle:
Gustav Falke: Mynheer der Tod. Hamburg 1900, S. 107-110.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Mynheer der Tod
Mynheer Der Tod Und Andere Gedichte (German Edition)

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Reigen

Reigen

Die 1897 entstandene Komödie ließ Arthur Schnitzler 1900 in einer auf 200 Exemplare begrenzten Privatauflage drucken, das öffentliche Erscheinen hielt er für vorläufig ausgeschlossen. Und in der Tat verursachte die Uraufführung, die 1920 auf Drängen von Max Reinhardt im Berliner Kleinen Schauspielhaus stattfand, den größten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts. Es kam zu öffentlichen Krawallen und zum Prozess gegen die Schauspieler. Schnitzler untersagte weitere Aufführungen und erst nach dem Tode seines Sohnes und Erben Heinrich kam das Stück 1982 wieder auf die Bühne. Der Reigen besteht aus zehn aneinander gereihten Dialogen zwischen einer Frau und einem Mann, die jeweils mit ihrer sexuellen Vereinigung schließen. Für den nächsten Dialog wird ein Partner ausgetauscht indem die verbleibende Figur der neuen die Hand reicht. So entsteht ein Reigen durch die gesamte Gesellschaft, der sich schließt als die letzte Figur mit der ersten in Kontakt tritt.

62 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon