Achtzehntes Kapitel
Eine Beichte ohne Reue

[249] Dorothee kam in der heitersten Stimmung auf den Stighof, wo man bereits mit Ungeduld die Köchin erwartete. Gewöhnlich war es ihr noch unlieber als den anderen, wenn ihretwegen etwas nicht in gewohnter Ordnung vorwärts ging. Heute aber ging ihr die etwas unfreundliche Frage der alten Stigerin, wo denn um Gottes willen sie so lang und so Wichtiges zu tun habe, daß das ganze Haus auf sie warten müsse, weit weniger nahe als die Freundlichkeit, mit der man den neuen Knecht begrüßte, einen kräftigen Burschen, der bald nach ihr mit Sack und Pack auf dem Stighof ankam. Diese[249] Leute hatten den armen Jos schon ganz vergessen, seit ein anderer ihn zu ersetzen versprach! Auch an ihren Bruder dachte kein Mensch mehr. Wenn nur das Rad vorwärts ging, um den Treiber kümmerte man sich nicht viel. Mit keinem Worte wurde des bisherigen Knechtes gedacht; das tat dem Mädchen so weh, daß es, obwohl für die spät gekommene Köchin sicher nicht die rechte Zeit zum Reden war, in immer offeneren Andeutungen an das frohe Zusammenleben mit Jos und an seine Verdienste um den Hof erinnern mußte. Hans sah sie dabei recht unfreundlich an, die Stigerin aber schnitt bald mit der trockenen Bemerkung: »Andere Leute sind auch wieder Leute«, jede weitere Erörterung ab. Ja, was gab es auch Wichtigeres, als daß das Nachtessen im rechten Augenblick auf dem Tische stand und gedüngt und gemäht wurde, wenn der Mond im rechten Himmelszeichen stand! Das Mädchen ward recht böse auf die alte, harte Frau, während es Hansen, der nichts anderes daheim lernen konnte als selbstsüchtige Rücksichtslosigkeit, nach Kräften zu entschuldigen suchte. Aber auch das wollte ihr nicht recht gelingen. Denn so ein böses Gesicht hatte der Jos doch nie verdient, und ihr sollte es denn doch hoffentlich auch nicht gelten. Freilich war der Hans aus Liebe zur Bequemlichkeit gut und böse, wie es die Umstände gerade mit sich brachten; aber wenn ihre Erinnerung auch an sein Gewissen geklopft haben sollte, so durfte er sie nicht mit einer neuen Ungerechtigkeit abweisen. Noch in ihrem Schlafkämmerlein machte die Sache ihr Kopfarbeit. Wenn sie allenfalls, was ihr immer wahrscheinlicher wurde, nach der morgigen Beichte diesen Dienst verlassen mußte, so konnte ja die Stigerin wenigstens Hansen damit schnell trösten, daß doch andere Leute denn auch wieder Leute seien. Sie malte sich's schon lebhaft aus, wie es dann sein werde, und fand fast einen Trost darin, daß es ihr dann gehe wie dem guten Jos, ja daß sie, der die Verleumdung schon überall den Boden unterwühlt, noch tiefer als er falle, aber doch keinen Menschen mitreiße. Keinen? Nicht den Vater, der den hübschen Jahreslohn, den sie gewiß nur[250] hier erhielt, so grausam nötig brauchte, seit er selber kaum noch etwas verdienen konnte? »Nein«, rief sie laut, »er soll nicht mit mir fallen! Lieber will ich mich an den Dornstrauch der Arbeit festhalten, wie blutig mir die Hände dabei auch werden mögen. Wenn einmal solche Bedenken mich hielten, dann wär' ich wahrhaft nicht besser, als der Kaplan gesagt hat. Erst will ich den Frieden mit mir selbst. Den gibt es morgen auf die oder jene Art, und dann – oh, dann bin ich wieder zu allem fähig und stark!«

Und nun konnte sie sich niederlegen und ruhig schlafen, wie sie seit Wochen nicht mehr geschlafen hatte. Kein beunruhigender Traum quälte sie mit den Gedanken und Fragen, welche sie in der letzten Zeit bei Tag und Nacht beschäftigen und ihr keine frohe Stunde mehr lassen wollten.

Ihr hohes Bett mit dem zum Platzen vollen Laubsack stand hart neben dem Fenster, welches sie offen gelassen hatte, um eher von den Klängen der Avemariaglocke geweckt zu werden. Aber sie erwachte noch vorher, und das galt ihr für ein gutes Zeichen. Vielleicht hatte sie der Schutzengel so ungewöhnlich früh geweckt. Hurtig stand sie auf und hätte sich kaum schneller ankleiden können, wenn's gleich an eine Feuersbrunst gegangen wäre. Nur die letzte Arbeit, das Ordnen der großen blonden Zöpfe, nahm ungewöhnlich viel Zeit in Anspruch, und immer noch war sie nicht zufrieden mit sich selbst, obwohl sie vor keinem Spiegel stand, aus dem sie einen Grund zu weiteren Anstrengungen hätte ersehen können. Jetzt erst fragte sie sich, was sie denn eigentlich nun zu beichten habe. Sie wollte losgesprochen werden von der inneren Unruhe, die sie quälte. Es mußte klar werden, ob ihr Gewissen oder Launenhaftigkeit sie vor einer Verbindung mit dem reichen Burschen immer noch zurückschrecken lasse. Ja, sie wollte eben gar nicht beichten, nur um Rat fragen beim Beichtvater. Und doch sollte sie sich auch anklagen, sollte losgesprochen werden. Ihr Gewissen ward von etwas recht furchtbar schmerzlich gedrückt, aber sie konnte diesem Etwas keinen Namen geben, wußte weder, woher es kam, noch,[251] warum es da war, sondern nur, daß es etwas recht Sündhaftes sein müsse, weil sie noch nie ein innerer Vorwurf so gequält hatte. Sollte sie vielleicht sagen, daß sie sich über Hansen zuweilen noch recht ärgern könne? Richtig war das, obwohl sie ihn für einen herzguten Kerl hielt, den man gern haben müsse, wenn man ihn recht kenne. Ja, Hans war ihr trotz allem nicht recht – vermutlich, weil sie ihn eben ganz nach ihrem Kopfe haben wollte. Da steckte es! Das Gute an ihm war seine Güte gegen sie und die Ihrigen. Es fehlte nur noch, daß er sich nicht ganz von ihr beherrschen ließ! Der Kaplan hatte daher ganz recht in seiner Predigt. Die Sache steckte schon viel tiefer, als sie bisher selber glaubte. Schon meinte sie, klar zu sehen, und nun gleich sollte alles das wieder heraus, wieviel anderes dabei auch mitgerissen werden möchte.

Sie war mit den Zöpfen fertig und spitzte schon den kleinen Mund, um das Licht auszublasen, als der Glockenschlag der alten Schwarzwälderuhr sie erschreckte. Wie war das möglich? Das Mädchen war über sich selbst erstaunt und hielt die Hand gegen die Wärme des Lichts, um sich zu überzeugen, daß nicht etwa das alles nur ein Traum sei. Aber nein, sie war hellwach und zählte fünf Glockenschläge der alten Uhr, die ihr schon so viele glückliche Stunden zählte. Und heute konnte der bekannte Klang sie erschrecken, als ob nun die letzte derselben geschlagen hätte! Unmöglich war es allerdings nicht, daß ihr der Dienst vom Beichtvater ausgeredet wurde. Ängstlich blickte sie eine Weile in ihrem kleinen Zimmerchen herum; ob sie wohl noch manches Mal hier schlief? Die ernsten Heiligenbilder an der Wand gegenüber dem hohen Bette neben dem bunt bemalten Kasten schienen die Häupter zu schütteln, alles im Zimmer begann sich zu regen und tausend liebe Erinnerungen in ihr zu wecken. Sie konnte das Licht nicht mehr löschen, konnte nicht auf einmal, vielleicht für immer, den lieben kleinen Raum verschwinden lassen, um dann im Dunkel herumzutappen. Mit zitternder Hand erfaßte sie den Leuchter und trug ihn mit bis in den[252] Schopf vor der Haustüre, wo ein leichter Windstoß das kleine Flämmchen sogleich verblies. Dennoch war es ihr hell genug von dem Leuchten und Glühen daroben über dem Üntscherspitz, der sich mit seiner Schneekappe immer tiefer in die Flammentore des Tages steckte und kleiner und kleiner zu werden schien. Noch einmal, beim Knarren der langsam hinter ihr ins Schloß fallenden schweren Haustüre, ging Dorotheen ein Stich ins Herz. Nun war sie herausgesperrt, und ein Fremder, der strenge Geistliche, kam zwischen sie und die guten Leute, welche sie eben verließ. Aber nun trat sie ins Freie; ein frischer Wind wehte sie an und schien ihr Kraft und Mut einzuhauchen. Wie das schwache, erloschene Lichtlein drin gegenüber dem Lichtmeer, in welches die Berge sich tiefer und tiefer eintauchten, kamen auch ihre Sorgen und Wünsche hier im Freien ihr recht klein und unbedeutend vor. Wie froh sangen die Vögel von den herbstlich gelben Buchenwäldern dem schönen Morgen entgegen, ohne sich viel um das Nahen des Winters zu kümmern, der schon von den Bergen ins Tal herunterblickte. Sollte sie, für die die Vorsehung schon so väterlich sorgte, da sie selbst noch unerfahren und schwach war, denn weniger auf den Schöpfer trauen als diese Tiere? »Weg mit aller Kleinlichkeit und mit allem, was nur belastet und niederdrückt«, rief sie, und ihr Schritt ward immer schneller. »Komm, Heiliger Geist«, betete sie, sich zur Gewissenserforschung vorbereitend, »erleuchte meinen Verstand, bewege meinen Willen, daß ich meine Sünden recht und vollständig beichten möge! – Die Sorge um seine und die Zukunft der Eigenen ist nur Mißtrauen gegen Gott und sich selbst. Weg damit und mit allem Hochmut, aller Selbstsucht und allem, was Zeitliches wie eine Last sich ans Herz hängen will!«

Voll Mut ging das Mädchen in die schwach erhellte Kirche und schritt vorwärts bis zu dem langen Stuhl neben dem Hochaltar, wo bereits zwei Beichtkinder auf die Ankunft des Geistlichen warteten. Hier begann sie ihre Selbstanklage zu ordnen, bis endlich, ganz weiß gekleidet, der Kaplan erschien[253] und sich nach einem kurzen Gebete vor dem sonntäglich geschmückten Hochaltar in den Beichtstuhl einschloß. Dorothee hätte sich eigentlich den Pfarrer gewünscht. Noch heute ward ihr etwas bang, wenn sie an den großen Mann mit dem blassen, kalten Gesichte dachte. Jetzt aber sah sie im Beichtvater nicht mehr den oder jenen, sondern nur noch den Stellvertreter Gottes, und sie hätte gleich die erste vor dem Beichtstuhlgitter sein mögen, um von ihrer Last so schnell als möglich befreit zu werden. Dann aber fiel ihr wieder ein, daß sie ja noch immer nicht eins sei, wie und über was sie sich anzuklagen habe. Wieder sann sie und betete und kam nicht vorwärts, bis die erste und dann auch die zweite der vor ihr Knienden das Gitter verließ. Noch war sie nicht fertig, als ihr schon der Priester lateinisch den Segen erteilte. Sie kniete vor dem Gitter nieder, bezeichnete sich mit dem Kreuze und begann dann mit bebender Stimme, selbst dem Geistlichen kaum hörbar: »Ich hab' vor zwei Monaten das letztemal gebeichtet. Seitdem aber bin ich durch eine Predigt und durch anderes auf den Gedanken gekommen, es sei vielleicht nicht alles recht und wie es vor Gott sein sollte zwischen mir und meinem Dienstherrn. Ich weiß mir nichts vorzuwerfen, aber die Sache drückt mich, und da hätt' ich denn mehr um Rat fragen wollen, ob –«

»Du möchtest ihn wohl gern heiraten?« fragte der Kaplan, der, das Mädchen schon beim ersten Wort erkennend, sich nun sogleich an das Gerede der Ordensschwestern erinnern mochte.

»Ebenda wird es wohl stecken«, antwortete das Mädchen. »Er gilt viel bei mir, durch ein Feuer tat ich für ihn gehen, und doch ist etwas unrecht, und ich weiß gar nicht, was.«

»Ja, ja, durch ein Feuer«, sagte der Kaplan und begann das Mädchen in eine Menge von Kreuz- und Querfragen zu verwickeln, die es größtenteils nicht einmal verstand. Es konnte fast immer ruhigen Gewissens mit Nein antworten, und doch wurde ihm heiß und kalt, als es sagen mußte, ob sie sich nie geküßt hätten, ob sie auch jeden Abend gehörig die Kammer[254] schließe, und ähnliches, was nach Dorotheens Gefühl weder in den Beichtstuhl noch sonst wohin gehört hätte. Etwas nachdenklich wurde sie auf die Frage, wie ihr denn sei, wenn seine Hand unversehens oder absichtlich die ihrige berühre. Sie fühlte ein eigenes Zucken im rechten Fuß, der so oft beim Essen den des neben ihr sitzenden Jos gesucht hatte. Der Geistliche merkte ihre Verlegenheit und wurde nun noch dringlicher. Ob sie auch Geschenke von ihm erhalten habe? Wie oft? Verstohlen vor den anderen Hausgenossen? Wie sie dafür gedankt, was sie versprochen, zugestanden und sich vorgenommen habe, wenn sie einmal beschenkt worden sei? Das nun waren lauter Fragen, auf welche das Mädchen etwas, ja sogar viel zu antworten wußte. Der Kaplan hielt eine kleine Rede und wollte dem guten Mädchen klarmachen, daß schon das freiwillige Verbleiben in der nächsten Gelegenheit zur Sünde vor Gottes Augen ein großes Unrecht sei. Er schloß mit der ernstlichen Mahnung, vor allem für die unsterbliche Seele zu sorgen und daher noch heute den gefährlichen Dienst zu verlassen. Wenn eine Heirat mit dem Arbeitgeber dem Willen Gottes gemäß wäre, so könnte sie darum doch noch einmal zustande kommen.

Jetzt das aber war denn Dorotheen doch gar zu arg! Warum hätte sie sich denn nicht freuen sollen über die vielen Beweise von Hansens Zufriedenheit? Freilich nicht so wie der Geizhals über seine Taler; aber das war auch bei ihr nie der Fall, indem sie fast alles nur wieder den Ihrigen zukommen ließ. Der Kaplan sagte wohl, daß geschenkte Pracht das Auge blende, sich wie ein Dorn ins Herz bohre und nur zu leicht auch die Unschuld verwunde. Doch ihr ging das nicht mehr recht ein. Hatte sie doch das Prächtigste, das Köstlichste von Hansen nicht so gefreut wie das kleine, ganz einfache Gebetbüchlein, welches Jos ihr im letzten Frühling vom Pfingstmarkt von Dornbirn mit heimbrachte! Überhaupt stand sie nicht gern beim Beichtvater im Ansehen, als ob nur teure Geschenke von ihr geschätzt würden und sie schon beim Gold und Silber hart und kalt geworden. Nein, so schlecht[255] war sie denn doch nicht und hatte zum Beispiel den armen Jos noch immer, seit sie ihn recht kannte, für so viel oder noch mehr als den reichen Stighans gehalten mitsamt aller seiner Pracht und Herrlichkeit. Sagen mochte sie davon jetzt freilich nichts, ihr selbst aber war es durch die vielen vom Beichtvater an sie gerichteten Fragen noch viel, viel klarer geworden als jemals vorher. War es ihr doch, wenn sie im Wald oder auf dem Felde, mit Hansen oder nur vom blauen Himmel gesehen, neben dem guten Knechte saß, wenn ihr Blick den seinen traf oder sie ihm etwas aus der warmen Hand nehmen sollte, gerade so, wie der Kaplan in seinen Fragen gesagt hatte.

Dorotheen ward auf einmal ganz wunderbar leicht und wohl, gerade so, wie wenn schon alles abgeschüttelt und die Lossprechung bereits gewonnen wäre. Sie fühlte jetzt, wo es ihr fehlte. Der Jos war ihr lieber als Hans, und ihr ganzes Innere wehrte sich gegen eine Verbindung mit dem reichen Bauern, obwohl sie ihm nichts Übles nachzureden wußte. Das und nur das war das Unrecht, vor dem sie so gezittert hatte. Nun – Gott Lob und Dank im hohen Himmel! – fühlte sie sich glücklich darüber hinaus für immer. Eine Weile freilich, da hatte der Kaplan ganz recht, vermochte das Geld sie zu blenden wider Wissen und Willen. Jetzt aber war sie mit Hansen fertig. Drum eben hielt sie auch sein Haus nicht mehr für so gefährlich. Wo noch hätte sie wohl wieder einen so guten Platz gefunden, von dem aus sie auch den Ihrigen soviel helfen konnte, wie auf dem Stighof bei den guten Leuten, die doch ihr und denen sie schon lange ganz eigen geworden war? Ja, jetzt wollte sie erst recht wieder dem guten Hans dienen und mit den Ihrigen sich seines Wohlwollens freuen und für ihn beten. Warum auf die weite Gasse eilen, wo unter dem Dache keine Gefahr mehr war, sondern Schutz und Sicherheit für sie und die Ihrigen? Hätte sie nur sich selbst angehört oder den Vater getrost und mit gutem Gewissen ihrem Bruder überlassen dürfen, dann hätte sie schon auch gehen mögen, wo Jos nicht mehr bleiben konnte[256] und man ihn so schnell wieder vergaß. Ja, damals, als Hans den guten Burschen, den treuen Jugendfreund, den unermüdlichen Knecht nicht nur seinen Gegnern überließ, sondern sich selbst an ihre Spitze stellte und ihn dadurch zu jenem verzweifelten Sprunge trieb, da hätte sie gleich auch zusammenpacken, noch am nämlichen Tage gehen sollen, statt sich mit Hansen auf sein erstes gutes Wörtlein hin wieder zu versöhnen. Sie ließ bald sich wieder wohl sein, als ob gar nichts geschehen wäre, suchte das Unrecht zu vergessen, begann sogar ihre eigenen selbstsüchtigen Rechnungen zu machen. Das war es, und nur das, was ihr Gewissen belastete. Der Unfriede mit sich selbst währte auch gerade seit der Kirchweih, obwohl dann erst das, was sie seit der Predigt am vorigen Sonntage hörte und erlebte, sie recht ins Nachdenken und Grübeln gebracht hatte. Jetzt aber war das vorbei. Dem unglücklichen Jos konnte sie gewiß mehr nützen, wenn sie blieb und Hansens Gewissen weckte, daß es ihm gehörig sagte, wie ein großes Unrecht er an dem Burschen wieder wenigstens nach Kräften gutzumachen habe.

Solche Gedanken gingen dem Mädchen viel schneller, als sie wiedergegeben werden können, im Kopfe herum und ließen es nur wenig von der langen Rede des Geistlichen hören, der immer entschiedener auf ein sofortiges Verlassen eines Dienstes drang, der nicht nur dem Heile der armen Seele, sondern auch ihrer Ehre recht grausam gefährlich sei. Nun erinnerte sich Dorothee wieder an das entstandene Gerede und sagte nicht ohne Bitterkeit: »Was die Ehr' anbelangt, ist das Tuch schon zerschnitten, so daß es doch immer eine Naht gibt, man mag wieder flicken und machen, soviel man will.«

»Um so leichter«, meinte der Kaplan, »läßt der Arbeitgeber dich gehen und wird dir sogar noch ein gutes Unterkommen suchen helfen.«

»Nein, der weiß grad' so gut wie ich, daß alles erlogen, was über mich in Umlauf gekommen ist.«

»Darum schadet's ihm doch.«[257]

»Aber nicht so viel als mir, wenn ich tun wollte, wie wenn alles lautere Wahrheit – –«

»Der Christ sucht seine Ehre in der Verdemütigung.«

»Ich will ja doch auch alles über mich ergehen lassen, wenn Gott mir beisteht.«

»Er entzieht seine Gnade denen, die trotzig auf sich selbst bauen und in der Gefahr zum Bösen freiwillig verbleiben.«

In Dorotheen wurde das Gefühl, daß ihr, wenn auch nicht mit Absicht, sehr unrecht geschehe, stets lebendiger, besonders seit sie an die in der letzten Zeit entstandenen Schwätzereien erinnert worden war. Sie sah im Beichtvater wieder eher den Mann, der, wenn auch nur im Eifer und mit bester Absicht, sich viel zu sehr an die Meinung scheinheiliger Leute zu halten pflege. Es wuchs daher auch ihr Eigensinn in einer Weise, daß sie selber darüber erschrak. Trotzdem aber konnte sie nicht unterlassen, auf den letzten Vorwurf zu erwidern: »Freiwillig gehen wohl wenige von den Eigenen weg und dienen anderen ums tägliche Brot.«

»Wer hochmütig ist und träge, der will herrschen, selbst um den Preis der unsterblichen Seele. Wir sind fertig, und du hast noch heute den Dienst zu verlassen.«

»Ach, was würde der Vater sagen und Hans und – Nein, Herr! – Euer Hochwürden! –«

»Du willst also das nicht versprechen?«

»Nein«, antwortete Dorothee entschlossen. »Ich sehe nun die Sache ganz anders und mache mir kein Gewissen mehr zu bleiben.«

»Nun – in Gottes Namen, dann kann ich dir auch nicht helfen, dich nicht lossprechen. Gelobt sei Jesus Christus!«

»In Ewigkeit«, sagte Dorothee laut und verließ sicheren Schrittes den Beichtstuhl.

Quelle:
Franz Michael Felder: Reich und Arm, in: Sämtliche Werke. Band 3, Bregenz 1973, S. 249-258.
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