Sechsundzwanzigstes Kapitel
Schluß

[359] Am folgenden Sonntage, an welchem Zusel neben Stighansen die ganze Verwandtschaft auf beiden Seiten zu einer Hochzeit einzuladen gedachte, wie man sie noch selten erlebt haben sollte, ging sie unter dem weißen Schleier der Leidtragenden mit brennender Kerze hinaus auf das Grab ihres wahrhaft geliebten Vaters. Neben ihr auf der Bank, welche das Weihwasserbecken trug, kniete die ältere Schwester und betete für ihren Gatten. Noch als nirgends mehr ein Kirchgänger zu sehen war, knieten sie stumm nebeneinander. Angelika konnte wenigstens doch weinen. Seit sie und Andreas in demütiger Selbstbeschuldigung sich die Hände reichten, war ihr Herz leichter geworden. Zusel aber fand noch keinen Gedanken, der die Tiefgebeugte nur ein wenig erhoben hätte. Bleiern und unbeweglich lastete auf ihr die Untat des Vaters und sein trauriges Ende. Sie, die früher, wo es angeblich Hansens und Dorotheens ewiges Heil galt, schon fast in den Ruf einer Betschwester kam, sie fühlte sich nun von den ihr eingegebenen Trostgründen der Religion fast noch mehr als von jeder anderen Vorstellung gequält. Die Unglückliche hatte, wenn auch sich selbst unbewußt, im vertrauten Umgange mit ihren frommen Freundinnen die Überzeugung gewonnen, welche der Krämer schon aus dem zuletzt plötzlich entstandenen Unfrieden[359] des Elternhauses mitnahm und später fast immer als maßgebend gelten ließ – nämlich die, daß fromme Worte für die erwachsenen Kinder soviel seien als für die kleinen die Erinnerung an den heiligen Klaus oder an den heißen Rollhafen im Fegfeuer. Wer solche Worte brauche, wolle nur selbst einen Vorteil daraus ziehen. Zusel war ihrem Gotte nie ferner gewesen, als da sie so häufig von seinen Geboten redete. Da kam der letzte Montag und predigte der kalt und hart Gewordenen furchtbar eindringlich von einer gerechten Vergeltung. Auch da wieder nahm Zusel wie eine rechte Betschwester vor allem den Rosenkranz zur Hand, aber sie fühlte bald, daß ihr eigenes nun erwachtes Gewissen weniger leicht als ihre Nachbarschaft zu täuschen sei. Sie wagte nicht mehr zu beten. Jeder fromme Trostgedanke traf das tiefwunde Herz wie ein neuer Stich. Auch hier auf dem frischen Grabhügel betete sie nicht. Trockenen Auges starrte sie unverwandt auf die beiden Kreuze, bis sie hinter sich ein schwaches Hüsteln zu hören meinte. Schnell drehte sie sich um, während Angelika ganz ruhig blieb und nichts zu merken schien.

Bleich und zitternd lehnte das Mathisle drüben an der Kirchenmauer. Es verließ jedoch seinen Platz und kam dem Grabe näher, sobald es sich bemerkt sah.

Ein kalter Schauer durchrieselte das Mädchen beim Anblick des Mannes, dessen Kindern durch sie und den Vater so viel Unrecht angetan war. Ihre früher ganz guten Gründe dafür wollten sie nicht mehr beruhigen. Lange rang sie mit sich, bis ein Wort der Anrede gefunden war. Es paßte zwar noch nicht recht, aber es mußte nun einmal etwas gesagt werden. »Du hast wohl noch kein Seelenalmosen erhalten?« begann sie mit möglichster Ruhe. »Man denkt im Schrecken über solche Todfälle nicht mehr an alle die Armen, die man dann den Verstorbenen zu Hilf' und zum Trost als Fürsprecher bei Gott gewinnen möchte. Nun klage nur nicht, daß du nicht mit dem Haufen abgefertigt worden bist. Heute mittag kommst du hinauf, und du wirst zufrieden sein.«[360]

Noch selten hatte Zusel sich zu etwas Gewalt antun müssen wie zu diesen Worten. Jetzt aber belohnte sie das Gefühl, ein gutes Werk getan zu haben, und es ward ihr schon etwas leichter. Sie hatte die Mittel, dem armen Vater gegenüber manches noch gutzumachen, und der Vorsatz, es auch zu tun, gab ihr wieder Selbstgefühl und Kraft.

Das Mathisle hüstelte noch einmal, dann sagte es, um ein Seelenalmosen tät es freilich bitten, aber um eines, das man ihm auch da gleich geben könnte; Verzeihung möchte es, daß es doch wieder einmal ruhig leben und schlafen könnte. Und nun wurde des langen erzählt, wie und warum es des Himmels Strafrute dem Krämer gewünscht und Gott schon durch einen der älteren Tochter abgezwungenen Eid und auf andere Weise gleichsam zum furchtbaren Strafgerichte gezwungen habe. Das Mathisle behauptete so bestimmt, an dem ganzen Unglück schuld zu sein, daß auch die aufmerksam gewordene Angelika zu erschüttert war, um gleich ein Wort zum Widerlegen und Beruhigen zu finden. Zusel war mit dem Gehörten vollkommen einverstanden. Mit bebender Stimme lud sie den Mann zum Essen ein, dem so großes Unrecht angetan war, daß der Himmel seinen bösen Wunsch erhörte. Wohl sah sie jetzt in ihm den Mörder des geliebten Vaters; aber sie fand auch den besten Trost darin, ihm Gutes zu tun und seinen Dank zu verdienen, den sie wie den Segen der Versöhnung empfand.

Wäre das Mathisle nicht auch in der Folge noch zu sehr von seinem Gewissen beunruhigt worden, um sich an Zusels reichlichen Geschenken recht zu freuen, die es von diesem Tag erhielt, so würde dieses jetzt die beste Zeit seines Lebens gehabt haben. Sein Lieblingswunsch war erfüllt. Es konnte von fremdem Überflusse leben, aber keinen Augenblick war ihm dabei recht wohl. Jeden Tag kam es ins Haus des Krämers, nachdem es der Messe beigewohnt hatte, und blieb oft bis gegen Abend sitzen. Wenn auch es und Zusel nichts Gemeinsames zu haben schienen als ihr unruhiges Gewissen und das, daß sie den Tod des Krämers nicht mehr vergessen[361] konnten, wenn sie sich auch eher fürchteten als liebten, war es ihnen doch Bedürfnis geworden, einander stets Liebes und Gutes zu erweisen, um sich gegenseitig zu überzeugen, daß das Vergangene allerdings nicht vergessen, aber doch vergeben sei. So kam man sich immer näher. Das Mathisle wurde sozusagen Zusels Vertrauter. Sie teilte ihm bald auch ihre häuslichen Sorgen mit; hauptsächlich, daß Angelika das vom Vater hinterlassene Durcheinander mit allem Fleiß nicht zu entwirren vermöge. Das Mathisle begann seinen Hansjörg und auch den Jos zu empfehlen, die als frühere Gehilfen sicher in manchem Bescheid wüßten. Klüger und fleißiger nun wäre Jos, das wisse jetzt die ganze Gemeinde und auch der Vorsteher, aber eben darum sei dem schon so viel übergeben, daß er, wie gern er auch überall aushelfe, doch nicht so leicht Zeit haben werde als Hansjörg, der wenig anzufangen wisse, seit er an jenem Abend mit Jos das Schwärzen abgeschworen habe. Es kam auch wirklich bald dazu, daß Hansjörg von den beiden Schwestern als Geschäftsführer angestellt und bevollmächtiget wurde.

Zusel hatte schon Mathisles erste Andeutung für einen Wink des Himmels gehalten, wie sie dem viel leicht durch ihre Schuld herabgekommenen guten Burschen wieder helfen und Gelegenheit geben könne, seine Fähigkeiten zu zeigen und sich schnell wieder zu Ehr' und Ansehen zu bringen. Hansjörg sollte, mußte glücklich werden, darum war es ihr mehr zu tun als um das Ordnen von Geschäften, um die sie sich nie viel gekümmert hatte. Angelika hätte sich anfangs, wo das beständige Zählen und Rechnen gar nicht zu ihrer Gemütsstimmung passen wollte, weit lieber helfen lassen als jetzt, wo sie besonders im Verkehr mit allerlei Menschen das beste Mittel gegen die Schwermut fand, welche sie in müßiger Einsamkeit behalten wollte. Im Geschäfte gab sich's von selbst, daß sie den Spuren folgen mußte, welche der Vater hinterließ. Je mehr sie sich nun in sein Walten auf ihre Weise hineinlebte, desto mehr mußte sie den strebsamen Mann und seine Vielseitigkeit bewundern. Sie mochte sich wohl täuschen,[362] wenn sie zuweilen glaubte, daß sie nirgends besser als in so einen Laden passen würde, denn sonst hatte sie eben die Freude noch nie empfunden, die wohl jede dauernde Beschäftigung auch dem Kummerbelasteten zu gewähren vermag; das aber war gewiß richtig, daß auch ohne Hansjörgs Beistand sie alles gehörig im Gang erhalten hätte. Trotzdem stimmte sie der Schwester freudig bei, sobald diese den ehemaligen Ladenschneider ins Haus nehmen wollte. Ja sie betrieb das nun selbst mit einem Eifer, der beinahe die Sorge verriet, es könnte der jetzt gänzlich unberechenbaren Zusel schon über Nacht wieder anders werden. Angelika dachte dabei an die frühere Neigung, die in beiden immer noch nicht ganz erloschen schien. Vielleicht ... Auf Hansen rechnete Zusel nicht mehr. Der hatte seit jenem Unglücksabend ihr Haus nicht mehr betreten. Aus einem beständigen Zusammenleben konnte doch noch etwas Gesundes für die Gemütskranke erwachsen. Ja, so mußte Zusel wieder geheilt werden ...!

Früher würde das Mathisle seine größte Freude gehabt haben, Hansjörgen schon wie den Herrn des Hauses walten zu sehen; jetzt aber war sogar das nicht mehr imstande, die trübe Stimmung zu vertreiben, die seiner sich nun immer mehr bemächtigte. Wenn man mit ihm von Hansjörgs schönen Aussichten redete, so wehrte es sich gewaltig und sagte, daß es nicht seinen Sohn auf den Platz des Krämers habe fluchen wollen, wenn es sich schon erfrecht habe, vom Himmel das Verderben dieses Mannes zu fordern. Aus Fluch könne weder ihm noch den Seinen wahrer Segen werden. Es war vergebens, gegen diese Vorstellung anzukämpfen. Sie blieb in dem Unglücklichen, raubte ihm den Schlaf, verdarb ihm jeden Genuß und warf ihn endlich aufs Krankenbett, von dem er nicht mehr aufstehen sollte. Erst der Kaplan konnte dem Leidenden bei seiner letzten Beichte die Überzeugung beibringen, daß nicht sein Fluch, sondern die verfluchten Handlungen an allem Unglück schuld seien und daß der barmherzige Gott nicht[363] so strenge gestraft hätte, wenn nicht auch in dieser Strafe wieder nur lauter Segen wäre.

Unmöglich aber war es dem Kaplan, auch die Zusel von ihrer Schwermut zu heilen. Er bemühte sich um so mehr, weil ihre Beichte ihn überzeugte, daß der von seinen Betschwestern gewonnene Einfluß auch auf sie sehr nachteilig gewirkt und deren gemeines Auftreten sie um das volle Vertrauen zu allen gebracht habe, welche mit heiligen Worten auf andere zu wirken suchten. Aber was der verlegene Kaplan auch sagen mochte, sie behauptete, den Ruf Gottes an jenem schrecklichen Abende gehört zu haben in der Sturmglocke und sich daher um Worte der Menschen wenig kümmern zu müssen. Sie wisse wohl, daß sie niemandem recht sei, daß man sie für eine halte, die sich hintersinne; doch sie wisse gerade so gut, daß zu der Zeit, wo sie das getan, was sie jetzt so schmerzlich bereuen müsse, gar allen alles recht gewesen sei. Von den Frommen wäre sie auf den Händen getragen worden, und die, welche doch klüger gewesen als sie, hätten auf ihren Wunsch eine Predigt zustande gebracht, durch die dann die gute Dorothee noch um Ehr' und guten Namen gekommen sei. So hätten es die Menschen, und sie möge schon gar keinen Zuspruch mehr von ihnen hören, seit ihr eigenes Gewissen erwacht sei.

So antwortete Zusel dem Kaplan, und dabei blieb sie. Hansjörgs Anwesenheit im Hause vermochte nur wenig zu ändern. Angelika glaubte freilich bei der Schwester noch die alte Neigung zu gewahren, aber auch daß Zusel sie wie etwas recht Sündhaftes mit aller Kraft bekämpfte. Hansjörg schien sich auch darum nicht mehr besonders viel zu kümmern. Er lebte ganz nur im Geschäft und für die Seinen, zu denen er auch den Jos mit Stolz zählte. Die beiden verkehrten täglich miteinander und führten auch manche Neuerung im Laden ein, der ihnen gänzlich überlassen war. Auch Hansjörgs jüngere Schwester Marie, die seit dem Tode des Vaters ebenfalls hier im Hause war und neu aufzuleben begann, tat dabei, was sie nur konnte. Es war den beiden Burschen gelungen, ihre ganz[364] besonders zierlichen Stickereien viel vorteilhafter als bisher zu verwerten, und schon erlebten sie die Freude, daß auch andere Mädchen zu so kunstvoller Arbeit sich mehr Mühe und Zeit kosten ließen. Auch Weber und andere Handwerker hatten wohl nie so viel zu tun gehabt wie jetzt. Hansjörg hörte stets auf den Rat seines Freundes, und Jos wußte zu gut, wie einem armen Handwerker zumute sei, um nicht dafür zu sorgen, daß das Geld und der gute Verdienst so viel als möglich in der Gemeinde bleibe. – –

Des Frühlings lieblich duftender Odem hauchte wieder allen Wesen neues Leben ein. Das war ein Rauschen und Jubeln, ein Singen und Flüstern, als ob es immer und überall Sonntag wäre. Die Welt schien ganz neu geworden. Sogar die Berge ringsum trugen Blumensträuße und schauten freundlich ins Tal herab, wo die Menschen fröhlich ihre Feldarbeit begannen. Auch Angelika war im Freien, sooft es die ihr von der Schwester ganz allein überlassene Hausarbeit erlaubte. Sie wand Kränze aus den Blumen, die ihr Margretle jubelnd zusammentrug. Wehmütig dachte sie an die eigenen Kinderjahre und wie sie da neben Hansen spielte. Dann aber mußte gleich wieder eine Arbeit ersonnen werden, daß man vom Platz und auf andere Vorstellungen kam. Zusel war die alte geblieben. Sie schien keine der sie umblühenden Blumen zu sehen als die, welche sie auf des Vaters Grab gepflanzt hatte. Auf dem Friedhof, und nur dort, mußte man sie suchen, wenn sie nicht zu Hause war.

Im Sommer wurde das etwas anders. Man riet ihr, den Laden und alles aufzugeben, da doch nicht viel Gewinn dabei sei, wenn alles durch fremde Hände gehe. Dieser Rat kam von einigen geizigen Basen, denen das gemeinnützige Walten der beiden Burschen mißfiel, obwohl es dem Geschäfte nur Vorteil brachte. Es traf Zusel um so schmerzlicher, weil sie darin einen Vorwurf empfand, daß sie auf so ein Geschäft, wie das, welches der Fleiß ihres Vaters errichtete, gar nicht passe, sondern eher in irgend einem abgelegenen Neste das alte Bäschen spielen sollte. Sie sagte kurz, daß sie den Hansjörg[365] nicht mehr aus dem Hause schicke, wenn sie ihm auch gar keine Arbeit hätt' und er nur noch essen und vergessen müßte.

Diese Antwort weckte nun um so eher die Vermutung, das Mädchen denke noch an eine Heirat mit dem Burschen, weil es als ausgemachte Sache galt, daß sonst wohl nicht mehr der hundertste des Krämers Töchtermann werden möchte.

Zusel ging von jetzt an etwas weniger selten in den Laden als bisher. Hansjörg und Angelika glaubten damit schon viel gewonnen und gaben sich alle Mühe, sie nun auch in Verkehr mit der immer zahlreicheren Kundschaft zu bringen. Das aber war nicht möglich. Wenn sie auch einmal etwas half, so war ihr anzusehen, daß sie die Gedanken bei etwas anderem hatte So stand sie auch an einem Sonntag neben dem Zahltisch und sah dem Hansjörg zu, wie der ein von Angelika gebrachtes Schriftbündel durchsuchte. Es fehlte ihm die Rechnung mit Stighansen, welcher heute sagte, daß er mit dem Heu, welches Jos als Knecht ihm am ersten Tage heimholen half, noch nicht alles ganz im ebenen habe. Davon war nun im Hauptbuche nichts zu finden, die Rechnung mußte daher unter den anderen Papieren gesucht werden. Hansjörg überflog ein Blatt nach dem anderen und schüttelte den Kopf. Endlich kamen nur noch Briefe. Diese sah der Bursche bloß an. Einen jedoch las er ziemlich weit hinein. Die Wangen glühten ihm, und seine Hand zitterte, da er ihn plötzlich in die Tasche schob.

»Was machst du?« fragte Zusel.

»Diesen Brief braucht kein Mensch mehr zu sehen. Ich will ihn verbrennen.«

»Aber er ist mein ...«

»Gewiß ... drum darf ich ihn vernichten, wenn du es erlaubst.«

»Aber ich erlaub' es durchaus nicht.«

»Wenn du mir nicht glauben willst, daß niemand ihn sehen darf, so künd' ich dir gleich den Dienst.«

»Ich will ihn erst sehen, er ist mein.«[366]

»Ja, das ist er«, hauchte Hansjörg, warf den Brief auf den Tisch und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.

Zusel entfaltete den Bogen und sah mit Staunen die eigene Handschrift. Ein schwerer Seufzer verriet, daß sie den Inhalt schon wußte. Regungslos stand sie da und starrte nur die zierlichen Buchstaben an.

»Was habt ihr denn?« fragte Angelika näher tretend.

»Was wir haben?« fuhr Zusel auf, während eine unnatürliche Röte ihr blasses Gesicht überflammte. »Unser verratenes, verkauftes Lebensglück sehen wir in seiner Schöne. Diesen Brief hab' ich an Hansjörg geschrieben. Er aber hat doch noch nicht an mich geglaubt, hat gewähnt, die Zusel verzweifle so bald als er. Der Elende redete von Liebe zu mir und empfand nicht, wie stark sie macht. Er glaubte schon alles verloren, da er mir nicht mehr vorschwätzen konnte, und doch redete mein Herz für ihn. Aber er hielt auch des Herzens Sprache nur noch für Geschwätz und verkaufte nur aus Eitelkeit und dummem Trotz diesen Brief mit ein paar anderen um einige Gulden an meinen Vater. Nun hört, ob er nicht etwas wert war! Er fängt an: ›Innigstgeliebter, Unvergeßlicher!‹«

»Um Gottes willen, hör' auf«, bat Hansjörg, welcher, schon durch die unbestreitbare Einleitung tief getroffen, wie vernichtet auf seinem Stuhl saß.

Zusel aber las: »Von mir bist du noch nicht fort, überall hab' ich dich bei mir. Ich fürchte nicht einmal, du werdest mich vergessen in der weiten Welt draußen. Ich merke, wie schwer man das kann, und du wirst mir drum glauben.«

»Ja«, unterbrach sich das Mädchen, »für dich, wie du warst, ist nun das freilich kein Trost und vielmehr ein Absagebrief gewesen. Hier steht noch deutlich: ›Du brauchst nur an das zu denken, was du an meinem Platze tun würdest.‹«

Das Mädchen schwieg. Es erschrak selbst über sein strenges Gericht. Die anfängliche Aufregung wich einer milden Stimmung, und es klang eigen weich, als es, mehr sprechend als lesend, fortfuhr: »Der Vater ist freilich gegen dich, und wie[367] er es nimmt, hat er auch recht. Ich weiß, er meint es immer gut mit mir. Ich hab' ihn auch gern und könnte für ihn durch ein Feuer ... aber in diesem Stück ...«

»Nein!« schrie das Mädchen plötzlich, daß es allen durch Mark und Bein ging, und zerriß den Brief. »Ich kann das nicht mehr lesen, denn mir fehlt die Kraft, welche mir die Liebe gab.«

»Du strenge Richterin«, begann Hansjörg kaum hörbar, »ich kann mich nicht einmal entschuldigen, da du mich schon durchschaut hast. Ich armer, elender Tropf sah damals in dir nur das reiche, launenhafte Mädchen. Erst als ich wiederkam im letzten Herbst, hat eine wahre Neigung mich recht unglücklich gemacht.«

»Und ich hab' nach dem Osterfest im vorletzten Frühling, wo der Vater mir von deinem Streich erzählte, wohl jeden Tag und jede Nacht daran gedacht, um recht bös auf dich zu werden. Ich hab' es auch so weit gebracht, daß ich dir Schlimmes wünschte. Ja, fast nur dir zum Possen hab' ich anfangs den Stighans zu fangen gesucht. Jetzt aber hab' ich dir – ich will dir verzeihen.«

»So gefällt es mir«, sagte nun Angelika. »Jetzt ist von früher alles klar, und jetzt wird euerer Neigung niemand mehr im Wege sein.«

»Gewiß ist niemand ärger dagegen als ich selbst«, antwortete Zusel. »Einmal hielt ich sie nur noch für Mitleid. Ich bat ihn zu uns, nur um ihm Gutes zu tun, aber sein Fleiß verdient ja mehr, als ich ihm gebe.«

»So laßt jetzt um Gottes willen die alten Rechnungen und denkt einmal an die Zukunft!«

»Ich hab' schon daran gedacht.«

»Und –?«

»Meinen Plan gemacht.«

Das war nun einmal ein gutes Hören für Angelika, die Freude leuchtete ihr aus den Augen, während sie, der Antwort schon ziemlich sicher, lächelnd die Vermutung aussprach, sie werde wohl den guten Hansjörg noch einige Jahre mit[368] ihrer Wunderlichkeit plagen, jeden Tag seine Geduld auf die Probe stellen und dann am Ende –

»Ich geh' in ein Kloster!« sagte das Mädchen so leidenschaftlich, wie es noch selten auch den boshaftesten Bemerkungen widersprochen hatte.

»Ins Kloster?« fragte Angelika noch fast erschrockener als Hansjörg.

Zusel war selbst erstaunt über das, was ihr da die Begierde zu widersprechen oder ihr Unmut oder der Heilige Geist eingab. Sie sann darüber nach, und es war, als ob schon dieses Wort sie von vielem erlöst habe. Das war nicht nur ein Schreckschuß. Ja, das war für sie, die alles schief ansah, die auf der Welt keine Ruhe, keinen Genuß mehr hoffte, und auch für die arme Seele des Vaters das beste. Rasch entschlossen richtete sie sich so stolz und trotzig auf wie früher. Dann aber sah sie den Hansjörg auf seinem Stuhl und sagte nun etwas unsicher: »Ja, Hansjörg, ins Kloster, denn dort hab' ich viel zu tun, und hier wird mich wohl niemand mangeln.«

Der Bursche schwieg. Angelika dagegen sagte: »Du hättest auch hier noch viel zu tun. Gott sieht es gewiß lieber, wenn wir das, was seine Güte verliehen hat, zum eigenen und zum Wohle des Nebenmenschen brauchen, als wenn wir alles in ein Kloster vergraben. Hansjörg weiß nicht mehr, was er sagen soll, ich aber sage: Durch dein sonderbares Wesen hast du euch beiden eine schöne Zukunft verdorben.«

Vielleicht ärgerte dieser Vorwurf das Mädchen weniger, als daß Hansjörg schwieg, aber Angelika mußte nun doch dafür büßen. »Ich verderbe gar nichts mehr«, sagte sie. »Er denkt nicht so schnell ans Heiraten und ich auch nicht wie du. Sonst aber wären wir schon selber eins worden und hätten keine Kupplerin gebraucht. Ich seh' es euch an, daß ihr mich nicht mehr versteht, höret drum, wie wunderlich die Zusel ist. Die Geschichte mit den Briefen wär' noch unsere Sache, doch es steht auch anderes zwischen uns. Um uns zu trennen, hat der Vater wohl in ganz guter Absicht alles aufs Spiel gesetzt und ist unglücklich worden vielleicht an Leib und Seele. Gewiß,[369] er hätte noch im Grab keine Ruh, wenn das alles nun gar nicht mehr geachtet würde.«

Angelika meinte: »Im Fall, daß das aber eine Ungerechtigkeit gewesen sein sollte, wär' der Vater gewiß froh, wenn sie nun aufhören tät.«

»Ungerechtigkeit! Für mich ist's geschehen, und wenn er fehlte, muß er für mich büßen. Soll ich nun jubeln und tanzen auf seinem Grab? Sollen wir beide vor Gottes Altar ihm zurufen mit unserem Ja, daß sein Tod uns recht glücklich und selbherr gemacht habe?«

»Ja, du hast recht«, sagte Hansjörg feierlich. »Jetzt versteh' ich dich einmal wieder, und wieder bist du größer, besser, als ich mir vorstellen konnte. Deine Opferwilligkeit für die Deinen soll mir immer ein Beispiel sein. Auch ich will ihnen leben und früheres Versäumnis einbringen. Nicht beten, aber handeln kann ich für sie – und, nicht wahr, auch das ist schön?«

»O gewiß!« rief Zusel begeistert, und indem sie dem Burschen die Hand reichte, setzte sie bei: »Du bist und bleibst mein Bruder!«

»Aber«, warnte die ältere Schwester, »bedenkt noch, was ihr tut! Ins Kloster führen viele Wege, heraus nur noch der ins Grab. Jedermann, sogar der Pfarrer, wird gegen diesen Schritt sein.«

»Ich kenne sie«, versetzte Zusel heftig, »sie, die einem immer aus- oder einreden wollen, und ich hab' oft gesehen, warum sie das tun. Du brauchst mich ja nicht so zu verkuppeln, den Stighans laß ich dir freiwillig, wenn du den bekommst, und will ihn dir von Herzen gönnen.«

In ihrer Aufregung hatten alle drei nicht bemerkt, daß die Ladentür sich langsam öffnete. Erst jetzt sah Angelika den Letztgenannten in Lebensgröße hart neben ihr stehen, und einen lauten Schrei ausstoßend, eilte sie ins Nebenzimmer.

Noch nichts tat ihr so weh wie dieser Vorwurf der Schwester. Litt sie nicht schon sonst genug an dieser unglücklichen – Liebe? Und hatte sie nicht gerade darin Trost suchen wollen,[370] wenigstens die Schwester glücklich zu machen? Hans kam seit jenem Unglücksabend nie ins Haus, und gerade heute nun mußte er kommen. Ihr Gesicht glühte, während sie in ihr Zimmer eilte und hinter sich die Türe schloß.

Auch Zusel hatte sich, ohne noch ein Wort zu sagen, sofort aus dem Laden entfernt.

Hansjörg, wie sehr ihm auch die unterbrochene Unterredung noch im Kopfe war, hatte doch noch genug Fassung wiedergewonnen, um dem Angekommenen, bevor dieser zum Worte kam, die Mitteilung zu machen, daß die Rechnung nicht unter den vorhandenen Schriften und wahrscheinlich mit der Brieftasche des Krämers im Feuer zugrunde gegangen sei.

»Dann«, sagte der Bauer, »ist's doch gut, daß ich die mitnahm, die mir Jos geschrieben hat.«

Hansjörg begann mit gewohnter Sorgfalt nachzuzählen, während Hans über die beim Hereinkommen von Zusel gehörten Worte nachdachte. – Gleichgültig warf er die auf dem Blatt stehende Summe hin und fragte dann, welche Zimmertür Angelika vorhin so gewaltig zugeschlagen habe.

Hansjörg machte sogleich den Führer, wobei er behauptete, daß auch geschlossen worden sei.

»Wer ist denn im Hause?« fragte Hans.

»Niemand Fremdes als du.«

»Dann hat sie meinetwegen geschlossen.«

Hansjörg schwieg.

»Nun, sie soll auch meinetwegen wieder auftun.«

Das war bereits geschehen, aber jeden Augenblick wollte sie wieder schließen. Bald wünschte, bald fürchtete sie sein Kommen; dann sagte sie traurig: »Er kommt nicht«, und als sie seinen Tritt auf der Stiege hörte, hätte sie den Gang von dort bis zur Türe wenigstens eine Stunde lang wünschen mögen, um sich noch zu besinnen, ob sie schließen sollte oder nicht.

Fest und sicher trat Hans herein, setzte sich aufs Kanapee neben das bebende Weib, und kurzweg, als ob sie täglich[371] beisammen wären, fragte er, was vorhin da drunten verhandelt worden sei.

»Zusel will nun gar noch in ein Kloster. Ich aber möchte das ihr ausreden. Es kommt mir vor, ob doch noch eine Versöhnung zwischen ihr und Hansjörg möglich sei. Sie wird mit der Zeit, will's Gott, wieder anders denken lernen, und dann – –«

»Das ist ein Abweg«, fiel Hans ein, »mach's nur kurz und gut! Du sprichst ihr also gehörig zu – nun – und dann?«

»Dann heißt sie mich eine Kupplerin, und doch weiß Gott im Himmel –«

»Aber der Tausend! Was sagte sie noch?«

»Sie möge gar nicht heiraten, auch dich nicht.«

Eine Minute war alles still im Zimmer, dann sagte Hans: »Du wirst doch nicht halb und falsch gegen mich sein?«

Angelika richtete sich stolz auf, und ihr Blick begegnete dem des Burschen so frei und offen, wie seit langer Zeit nicht mehr. Jetzt gleich sollt' er die ganze Rede wörtlich hören, dieser Entschluß war ihr anzusehen. Aber es ging nicht und ging nicht. Aus war es plötzlich mit aller Selbstbeherrschung, und ihr Erröten an seiner Brust verbergend, flehte sie: »Du hast es schon gehört – und gelt, du plagst mich doch nicht mehr damit, es noch einmal zu sagen?«

»Ich weiß davon, daß sie mich dir geschenkt hat. Ich hab' das auch nicht ungern, wenn du mich nur willst.«

Angelika schob sanft den Arm weg, der sich um ihren Hals legte. »Wir hätten dieses traurige Spiel nicht noch einmal anfangen sollen«, sagte sie wehmütig.

»Aber mir ist's heiliger Ernst. Ich hab' nun lange genug nur gespielt und mich Pontius und Pilatus gefügt, hab' lange Predigten gehört und mit mir selber gehadert. Willst du mein Weib werden oder nicht? Wenn nicht – ja, dann freilich hätten wir uns nicht mehr sehen sollen.«

»Gelt, Hans?!«

Es war das eigentlich gar keine Antwort, aber der Bursche hörte doch schon ein Ja heraus und jubelte: »Also doch noch mein, und es ist kein Traum mehr! Schon einmal hat deine[372] Stimme mich durch die Flammen zu dir gerufen. Schon da ist es mir gewesen, ob ich und du und das Kind zusammengehörten.«

»Aber deine Mutter?« fragte Angelika.

»Plagen wir uns doch nicht mehr mit dem Alten«, bat Hans, der diese Frage wie einen Vorwurf empfand. »Wir haben schon genug darunter gelitten. Ich bin damals noch ein schwacher, dummer Junge gewesen, du vielleicht zu empfindlich, zu rasch. Das ist nun vorbei, wenn wir es auch vorbei sein lassen und uns darum nichts mehr vorwerfen.«

»Das will ich nicht, aber denke, was alles die Mutter jetzt erst gegen mich haben würde.«

Hans richtete sich stolz auf und sagte fröhlich: »Wer einmal durchs Feuer ist, fürchtet sich schwerlich vor einem kleinen Hagelwetter. Und bös wird es nicht werden. Sie hat schon alles gesagt, ich fleißig zugehört, wie es einem Sohne Pflicht ist; aber ich hab' nichts gehört, was so stark war wie meine Liebe. Ich hab' alles erwogen, drum komm' ich erst heut'. Bisher geht's gut – und ferner schon auch noch. Die Mutter hat mich überaus gern und will nur mein Glück, das zeigt sich sogar in dem, womit sie mir weh tut. Oh, laß mich jetzt nur machen!«

So beinahe wie damals im Bregenzerwalde nur irgendein »anständiges Paar« wären die beiden sogar noch zum Küssen gekommen. Ganz freilich kamen sie nicht dazu, doch auch ohne das fühlten sie sich überglücklich. Ein Wonneschauer durchrieselte den Burschen, als des schönen Weibes weißer Hals willig seinen zitternden Arm trug, während ihr Köpfchen an seinem hörbar pochenden Herzen ruhte. Selbst als er immer ernstlicher vom Heiraten redete, sagte sie nicht mehr viel dagegen, und beim Abschied – es war schon spät – gaben sie sich die Hand darauf, im nächsten Frühling, womöglich neben Jos und Dorotheen, vor den Traualtar zu treten. – –

Alles, was jetzt noch zu erzählen bleibt, könnte der freundliche Leser sich leichter selbst vorstellen als das Lächeln der Stigerin, mit dem sie sich, über Hansens Eigensinn staunend,[373] nach einigem Sträuben in ihr Schicksal ergab, nun trotz allem und allem noch Angelikas Schwiegermutter zu werden. »Hans ist nicht mehr der alte, und Nachgeben wird wohl das klügste sein«, sagte sie, sich dabei feierlich verwahrend vor aller Schuld an dem, was daraus entstehen möge. Viel allerdings mochte neben Hansens wahrhaft männlichem Auftreten auch der Kaplan dazu beigetragen haben, daß es so gut ging. Der war jetzt mit den Betschwestern geradeso streng wie der Pfarrer, mit dem er überhaupt im schönsten Frieden lebte und wirkte. Es wurde den frommen Ordensmitgliedern bei jeder Gelegenheit eingeschärft, daß sie ihr Lesen und Beten bloß in der Stille für sich, anderen gegenüber jedoch nur Geduld, Sanftmut, Liebe und vor allem Demut üben sollten. Die Betschwestern murrten freilich über solchen Zuspruch, und solche, die schon beinahe für den Orden gewonnen waren, wollten jetzt nicht mehr eintreten, da man diese Regeln ja jeden Sonntag in der Predigt sattsam hören könne. Jede Betschwester hatte die andere im Verdacht, beim Kaplan das Spiel verdorben zu haben, und gab sich so liebsam, daß es für viele zum Staunen war, um ja selbst für nichts schief angesehen zu werden. Die so entstandene Verwirrung in dem Bunde, dessen Beschlüsse fast jeder Dorfbewohner bisher gefürchtet hatte, wenn er keines Fürsprechers in demselben sicher war, kam nun Hansen und seiner Angelika sehr trefflich zustatten. Die Stigerin hörte fast nur Liebes und Gutes über das Paar, so daß die Sorge um das Urteil der öffentlichen Meinung ihr bald nicht eine Stunde Schlaf mehr kostete.

Der Kaplan sorgte Zuseln wider Willen um Aufnahme in ein Kloster, was in Anbetracht ihres hübschen Vermögens nicht viele Mühe machte. Dabei redete er immer noch dagegen, aber alles, was er als untergeordneter Geistlicher sagen durfte, war umsonst. Die Dorfbewohner fast durchweg fanden Zusels frommen Entschluß ganz in der Ordnung, und er trug nicht wenig dazu bei, daß man jetzt das Vergangene gänzlich ruhen ließ, weil man alles gesühnt sah. Überall kamen die Leute jetzt dem guten Mädchen, in dem sie schon ein höheres[374] Wesen erblickten, mit scheuer Freundschaft entgegen und baten sie um ihr Gebet. So wurde ihr denn der Abschied vom Dorf und vom Bruder Hansjörg noch so schwer, daß sie die Abreise verschob, ohne jedoch den Entschluß aufzugeben, in dem ihr ganzes Wesen wirklich wieder neue Kraft und neues Leben gewonnen hatte. Angelika hoffte darauf umsonst. Eines Morgens war Zusel fort, und auf dem Tische fand sich ein kurzer Abschiedsbrief mit der Bemerkung, daß sie über ihr Vermögen brieflich bestimmen und gewiß auch den Hansjörg nicht vergessen werde.

Der Winter – es war ein mehr als halbjähriger – verging den Dorfbewohnern ungewöhnlich schnell, weil Hansjörg, der in der Welt draußen für alles ein offenes Auge hatte, nun in der Lage war und die Mittel besaß, manchen bisher unbekannten Erwerbszweig in der Gemeinde einzuführen. Daß eigentlich Jos die Erinnerungen des weitgereisten Soldaten verwertete, war kein Geheimnis, aber dieser selbst gönnte seinem Freunde gerne die Freude des Erfinders. Das tat ihm wohl und brachte ihn wieder auf neue Pläne, mit deren Ausführung sich dann der Sohn der Schnepfauerin für frühere Unbilden rächte. – –

Den Tag, welcher unsere beiden Paare für immer verband, schmückte der Frühling mit aller seiner Pracht und schien noch etwas mehr für dieses Fest besonders aufbehalten zu haben. Vogelsang und Blumenduft drang bis in die Kirche, wo trotz des wunderlieblichen Morgens, der die Bauern zur dringenden Feldarbeit einlud, beinahe die ganze Gemeinde versammelt war. Jos, der jetzt wieder so sicher und aufrecht daherschritt, trug lange fremde Kleider. Hans erschien in kurzen Lederhosen und Kamisol neben der noch halb in Trauer gekleideten Angelika. Dorothee, die Vielgeprüfte, trug das Kränzchen. Es war zum letztenmal, drum trug sie es auch nach Ortsbrauch auf dem weißen Trauerschleier, der wahrscheinlich seinen Tod bedeuten soll.

Zu einer lärmenden Hochzeitsfeier waren die beiden Paare nicht aufgelegt. Gegen Abend saßen sie in dem damals recht[375] geräumigen Schopfe des Kronenwirtshauses bei einem einfachen Mahl. Aber wie still es auch, schon der noch immer nicht vergessenen Toten wegen, zugehen sollte, abends war's doch allen recht, daß die Dorfmusikanten mit ihrem fleißigen Kapellmeister vor dem Hause sich aufstellten und ihre lustigen und anmutigen Weisen zu spielen begannen. Hans rief sie fröhlich herein und war glücklich, ihnen viele junge Leute, Burschen und Mädchen, folgen zu sehen. Er schaffte überall zu trinken an und lief selbst, um Gläser zu holen, während Jos für hundert herzliche Glückwünsche dankte und vor lauter Reden kaum noch an den Tisch kam, wo die angesehensten Männer der Gemeinde neben Dorotheens ärmlich gekleideten Verwandten Platz genommen hatten und ungeduldig warteten, bis der kurzweilige Hochzeiter sich mit seinen vielen Freunden abgefunden hatte.

Als er kam, stieß der Vorsteher kräftig mit ihm an und sprach dann laut sein Bedauern darüber aus, daß nun wahrscheinlich des Krämers Haus mitsamt dem Laden in ganz andere Hände kommen werde. Die ganze Gemeinde habe sich wohl befunden unter der jetzigen Leitung. Das Häuschen der Schnepfauerin sei wahrhaftig zu eng für so unruhige Köpfe, so daß die leicht noch einmal über die Grenze kommen könnten. Wenn mehrere, die auch etwas vermöchten, gesinnt und gesotten wären wie er, tät man zusammenstehen, um dem Jos mit den Seinen durch Bürgschaft und wie immer auf den Platz zu helfen. Er halte das für eine Gemeindeangelegenheit und habe daher öffentlich davon sprechen wollen.

Ein Beifallssturm, der nicht enden wollte, war diesen Worten gefolgt. Hunderte wohl erzählten sich jetzt, daß auch ihnen diese Sorge die Freude des Festes ein wenig verdorben habe. Hans, der aufgestanden war, mußte lange warten, bis es wieder so stille war, daß er glauben konnte, seine kräftige, volle Stimme werde nun doch einigermaßen gehört werden. Dann aber begann der reiche Bauer, während seine Wange sich röter und röter färbte, laut und feierlich: »Ich kann gar nicht gut reden, aber wenn mir einmal etwas auf dem Herzen liegt,[376] – ihr alle wißt es ja – dann muß es mir heraus, und mag man darüber sagen, was man will. Lange schon ist in mir ein Gedanke im Wachsen, der dem des Vorstehers gleicht wie ein Gänseblümchen dem anderen. Heut' nun, wo es doch so wunderbar warm ist und wie ein ganzer Frühling auf einmal, darf man sich nicht wundern, daß er plötzlich reif worden ist. Da der Jos mit der wackeren Dorothee, Hansjörg und alles, was drum und dran hängt, soll und muß im Hause bleiben. Ich will schon bürgen für den Preis, den Zusel fordert. Sie ist gern im Kloster und will dem ein hübsches geben, aber auch uns hat sie noch nicht vergessen. Dem Jos wär' also geholfen, und er muß nicht mehr über die Grenze, damit er sich auch rühren könne; doch wie vielen mag es schon gegangen sein wie ihm und Hansjörg. Behalte drum und allenfalls dem Jos zulieb deinen guten Willen für dich! Versprich mir das! Du wirst sehen, es ist gut angewendet.«

Der Vorsteher nickte Hansen beifällig zu.

Jos bemühte sich vergebens, ein Wort hervorzubringen, aber auch die beste Rede wäre nicht gehört worden im Jubel der Menge, die sich mit ihrem Lieblinge geehrt fühlte. Dorothee hatte große Tropfen in den schönen Augen, und die Goldfäden in ihrem Kränzchen zitterten fort und fort. Angelika wollte Hansen sagen: »Wenn Zusel diesen Tag noch hier mitgelebt hätte, wäre sie gewiß nicht mehr ins Kloster«; Hans aber hörte nichts in dem fröhlichen Lärm und verstand nur ihren dankbaren Blick. Auf einmal, man wußte nicht, wer den Anfang machte, standen die zwei Paare auf und reichten sich die Hände. Lange hielten alle viere sich fest, die Musikanten begannen ein lustiges Stück zu spielen, und ohne daß jemand nach polizeilicher oder anderer Bewilligung fragte, tanzte ein Paar nach dem anderen um die Brautleute und den Tisch herum.

Endlich hörten die Musikanten auf. Die jungen Leute ruhten, und jetzt konnte man wieder ein Wort reden. Das wollte nun aber auch alles benützen, um seinem Herzen Luft zu machen. Sogar Hansjörg, der anfänglich etwas still war, plauderte[377] vertraulich mit der alten Stigerin, und sein Auge, ja sein ganzes Gesicht leuchtete, während er sagte: »Alles ist recht gekommen und auch gut, daß es wohl die Kämpfe wert ist und die Leiden, die es gekostet hat.«

»Freude am Glück anderer ist doch auch Freude«, sagte die Stigerin in einem Ton, so herzlich, wie man's gewiß von ihr nur selten hörte.

Und die arme Schnepfauerin, die man vor vielen, vielen bösen und guten Jahren gleichsam da hereingeschmuggelt hatte, wie still und selig saß die Demütige dort an der Tischecke grad' im Schatten des wohlbeleibten Gemeindevorstehers, und ihr Herz wollte doch beinahe springen vor Freude, da dieser mit ihrem Jos anstieß auf eine Zukunft, so glücklich, wie er und sein wackeres Weib es verdienten. Oh, schon das war dem guten Mütterlein zuviel, viel zuviel! Es ward ihm angst vor so hoher Ehre, so großem Glück. Und nun kam auch noch des Vorstehers Antrag, Hansens Rede, und dann standen sie Hand in Hand, die schönen kräftigen Gestalten. War's nicht ein Traum? Hatte nicht ihr Geliebter sie in den Himmel geholt? Nein, auch die Welt konnte so viel geben! Die arme aus der Heimat Verstoßene kam sich jetzt hier fast noch fremder vor als damals. Hatte sie denn das verdient? Wunderbarer, gerechter, heiliger Lenker aller Schicksale! Ja, der hatte geholfen, daß sie nun ihren armen Jos als den Liebling aller gefeiert sah. Wie gönnte sie ihm das, und doch schwindelte ihr auf dieser Höhe! Fast wollte sie zaghaft werden und kleinmütig, aber ein Blick schon in des Lieblings funkelndes Auge gab ihr die feste Zuversicht, daß er das alles noch verdiene und daß noch gar nicht zuviel geschehen sei. O wie gern hatte sie den Lärm, der ihr nun doch laut zu jubeln, zu beten und zu weinen erlaubte!

Sie hielt sich für ganz unbeachtet, aber nach dem Tanz, als man wieder sprechen konnte, wendete der Gemeindevorsteher sich um und ließ etwas Licht auf sie fallen. »Stoß an, Schnepfauerin!« rief er, fröhlich das Glas erhebend. »Und nun sag' mir«, fuhr er nach einem herzhaften Schluck fort, »ob du[378] nicht das Heimatsrecht noch in aller Form bekommen habest? Man sollte halt keinen Menschen ganz wegwerfen aus Gewinnsucht oder vorgefaßter Meinung; denn was er wird, kommt viel auf andere an. Dein Jos da, der herzhafte, fleißige, belesene Sappermenter, hat sich nun einen Heimatschein in viele Herzen geschrieben. Er lebe hoch!«

»Hoch! hoch! hoch!« scholl es von allen Ecken.

Jetzt aber konnte, mußte Jos reden. »Was ich getan hab' – und so ein armer Tropf kann wenig –, ist zum großen Teil auch aus Hochmut geschehen«, rief er aus. »Tag und Nacht hab' ich geschafft und mich neben der Sorge fürs Brot um alles und jeden angenommen; aber viel geschah wieder nur, damit man sehe, wer in mir geschimpft und verhöhnt worden sei. Aber jetzt – o wie geht mir das Herz auf! Was für einen Schatz von Liebe gibt mir dieser Tag! Einen Schatz, mit dem sich das Vergangene wettmachen, dann aber auch die ganze Zukunft davon zehren läßt. Ja, dieser Tag macht mich zu allem stark.«

»Dieser Tag«, sprach feierlich der Kaplan, den man bisher nicht beachtet hatte, »wird hoffentlich nicht nur unseren Gefeierten ein Segen fürs ganze Leben sein. Wir alle, reich und arm, wie wir eben sind, freuen uns gemeinsam mit gleicher inniger Freude, wie das gewöhnlich nicht auf Hochzeiten vorkommt, sondern bloß da, wo alles durch irgendwelches Ereignis eine schwere, drückende Last abgeworfen, etwas Wichtiges, Folgenreiches gewonnen fühlt. So ein Gewinn, wie der dieses Tages, ist für uns die Erkenntnis des hohen Menschenwertes und ein Funken christlicher Liebe. Wo diese fehlen, ist auch der Reiche recht, recht arm, und der Arme ist es dreifach; wo sie aber sind, ja, da kann man gewiß nicht bloß bei einem äußeren Anlaß, sondern ganz von selbst und jeden Tag ein Fest feiern.«

Quelle:
Franz Michael Felder: Reich und Arm, in: Sämtliche Werke. Band 3, Bregenz 1973, S. 359-379.
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