Drittes Kapitel
Die Schnepfauerin

[49] Jos hatte nun doch wieder einen Dienst. Wenn er seiner Mutter erzählte, wie er dem Krämer und seiner Zusel im Unmute derbe Wahrheiten gesagt habe, so brauchte er auf ihr jammerndes: »Was aber nun?« nicht mehr verlegen, sprachlos vor ihr zu stehen. Er hatte jetzt eine Antwort, deren er sich nicht zu schämen brauchte. Gewiß hatte die Gute recht, daß sie ihn stets zur Geduld ermahnte. Jetzt gestand er sich das von Herzen gern, denn erst jetzt wagte er, sich's recht lebhaft vorzustellen, wie schlimm er nun daran wäre, wenn er keinen Platz hätte. Er dachte dann auch, wie die gute Mutter sich freuen werde, daß nun ihr alter Lieblingswunsch, ihn bei seinem Schulfreund im Dienst zu sehen, noch so schnell und unerwartet erfüllt werden sollte. Das alles malte sich Jos beim Heimgehen aus, um doch auch ein wenig fröhlich zu werden. Doch es war alles beinahe umsonst. Nicht, daß ihm etwa vor der alten Stigerin besonders bange gewesen wäre. Seine Erinnerung freilich hatte nur wenig Erfreuliches von ihr bewahrt, doch damals, als er zuweilen in ihrem Hause spielte, kam ihm manches ganz anders vor, als seit er beim Krämer gewesen war. Wer immer bei der reichen Witwe gelebt und mit ihr verkehrt hatte, wußte nur Gutes von ihr zu erzählen, wenn man sie auch ein wenig stolz oder eher seltsam nannte. Jedenfalls war es neben ihr leicht auszuhalten, Hans war die Gutmütigkeit selbst und Dorothea – gewiß auch.

Und doch!

Das liebliche Mädchen hatte er, wie bereits erwähnt, am letzten Faschingsdienstag seit Jahren wieder zum erstenmal gesprochen, und jenes schmerzliche Gefühl, das er von ihr wegnahm, hatte ihn seitdem nie mehr ganz verlassen. Zuweilen[49] nannte er es den Wunsch, beständig neben Dorotheen zu leben und mit ihr zu arbeiten. Vielleicht aber wurde nun jener Abend das Bild seiner nächsten Zukunft. Er sah das Mädchen von keinem der eben Tanzenden beachtet in einem Winkel stehen und suchte sich ihm zu nähern. »Sie ist eine Magd«, dachte er nach der allgemein im Bregenzerwalde geltenden Regel, man solle nur mit gleichen Vögeln zu fliegen versuchen.

So scheu, wie wohl fast jedes arme Bürschchen, welches zum erstenmal im Leben auf einem Tanzboden auftreten will, fragte er, ob sie nicht, statt hier beinahe erdrückt zu werden, sich eine Weile mit ihm herumdrehen möchte. »Von Herzen gern«, antwortete ihre klangvolle Stimme so laut und fröhlich, daß viele die Köpfe umdrehten und das errötende Paar entweder neugierig oder freundlich lächelnd anblickten. Es wurde beiden fast angst, doch das währte nicht lange. Das Tanzen ging wie geflogen. Jos dachte nicht mehr an die Umstehenden; nur noch sie beide waren da und plauderten so viel zusammen, daß das Schneiderlein es vorher so gar nicht für möglich gehalten hätte. Freilich, einem anderen, dem alles Gesprochene erzählt worden wäre, hätte das sicher nicht eben viel Kurzweil gemacht. Man mußte so etwas von Dorotheen selbst hören, die in jedes Wort so gleichsam etwas von ihrem freundlichen Blick, ihrem seligen Lächeln legte und dann wie das liebliche Echo ihres guten Herzens leise und doch so voll und rein erklingen ließ. Nur dann erst konnte man sich eine schwache Vorstellung davon machen, wie schöne Minuten das Schneiderlein am Faschingsdienstag erlebte. Leider waren es nur Minuten, und den neuen Freuden folgten neue Schmerzen schnell nach. Für das arme, scheue Bürschchen stand der Becher der Freude auf zu unsicherer, wankender Unterlage, als daß nicht sofort die darin enthaltene Hefe aufgerüttelt worden wäre, die nun alles verbitterte. Es fehlte gar bald am nötigen Geld, um noch ein Schöpplein einschenken zu lassen, da beim Fortgehen von Hause auf so etwas nicht gerechnet wurde und auch dort nicht gerade viel[50] mehr Bares mitzunehmen gewesen wäre. Schon schlich das arme Jösle, welches noch heute vormittags eine Wirtshausschuld für das Allerschlimmste gehalten hätte, zitternd und bleich dem hölzernen Aufwärter mit dem unbarmherzigen, starren Geldtaschengesichte nach, um ein vertrautes Wort mit ihm zu reden, als der Hans daherpolterte, Dorotheen johlend bei der Hand faßte und eine Maß Glühwein samt geschliffenen Gläsern zu bringen befahl. Wäre Jos imstande gewesen, noch eine Weile in dem Winkel zu bleiben, in den er sich versteckte, so würde er gesehen haben, wie Dorotheens schöne Augen auch an Hansens vielbeneideter Seite ihn immer noch in allen Ecken suchten. Aber als ob der Boden unter seinen Füßen brenne, war er heimgeeilt zur Mutter, der er nun seine Not zu klagen begann.

Ja, die arme Schnepfauerin hätte dem freundlichen Leser sagen können, warum das gerade in ihr Kapitel hinein habe kommen müssen. Alles, was der Jos in seinem Unmute so bitter beklagte, lastete auch auf ihr und ward ihr noch doppelt schwer durch den Gedanken, daß eigentlich sie und nur sie an allem schuld sei. »Die Sünden der Eltern werden noch an den Kindern gestraft«, das hörte die Arme schon früher und hatte nur zu oft Gelegenheit, die Wahrheit dieses Spruches zu erfahren. War es ihr nun auch noch so schmerzlich, ihren Jos ganz unschuldig einzig ihretwegen immer wieder angefeindet und zurückgesetzt zu sehen, so hatte sie dabei doch wieder den Trost, daß der arme Junge sich dadurch doch den Himmel verdienen könnte. Damit vermochte sie sich wieder zu beruhigen, wenn Jos einmal mit kaltem Lachen sagte, solche Leute wie er seien einmal dazu da, daß andere ein Vergnügen hätten und nach Belieben auf ihnen herumtrampeln können. Diese Ruhe der Verzweiflung, die sie Geduld und Ergebung in den Willen Gottes nannte, hielt sie für die größte Gnade, die dem Jos verliehen werden konnte. Sie sah darin einen Beweis, daß er wenigstens von Gott nicht verlassen sei. Aber seit jenem Abende war auch dieser Trost verloren. Jos kam als ein ganz anderer heim, und vergebens[51] betete sie seitdem, daß Gott ihm die frühere Ruhe wieder verleihen, unter der ihn drückenden Last nicht auch seine Seele tiefer und immer tiefer sinken lassen möge. Der alte war Jos seit dem Faschingsdienstag allerdings nicht mehr, das hätte nicht nur der Scharfblick der liebenden Mutter wahrnehmen können; aber man hätte die Veränderung ebensogut einem plötzlichen Aufschnellen seiner lange niedergehaltenen inneren Kraft als einem Abnehmen der Gnade Gottes zuschreiben können. Wenn ihn jetzt der Druck der Fesseln schmerzte, an denen er immer gewaltiger rüttelte, so machte ihn das nicht mehr schwach wie früher, sondern immer wilder und trotziger. Das brachte die Mutter beinahe zur Verzweiflung und machte wahr, was sie schon seit Wochen fürchtete. Der Krämer war mit dem Jos nicht mehr zufrieden und gab ihm endlich, als die vielen Arbeiten auf Ostern fertig waren, mit einem Wochenlöhnchen, das die Mutter nur nährte, weil auch sie mit Sticken noch manchen Batzen dazu verdiente, den Abschied.

Es wäre ihm bange gewesen, wenn er so ohne besseren Bericht zur Mutter hätte gehen müssen. Der unbewußt in ihm erwachende Wunsch, von jetzt an neben dem lieben Mädchen zu leben und zu arbeiten, hatte ihn in die Nähe des Glücklichen getrieben, der das ganze liebe, lange Jahr kaum von ihrer Seite kam. Hansens Antrag trieb ihm alles Blut ins Gesicht, und auch noch, nachdem er zugesagt hatte, plagte ihn beständig die Frage, wie oft es ihm wohl gehen werde wie am Faschingsdienstag. Ja, er hatte wirklich nur zu kommen versprochen, weil er wußte, daß das die Mutter freuen werde, wie die Arme lange nichts mehr gefreut. Als dann Hans das schöne, frohe Zusammenleben mit Dorotheen schilderte, ward ihm unaussprechlich weh, und er verließ seinen künftigen Brotherrn in der übelsten Stimmung. Vor der Beige von Bach- oder Bettlerholz, welches er und die Mutter nach einer Überschwemmung neben der Ach zusammengelesen hatten, blieb er stehen und sah das Bild des Mondes, wie es von den kleinen, halbblinden Scheiben der Fenster seines Häuschens[52] trüb und traurig zurückgeworfen wurde. »Alles«, rief er laut, »gar alles, auch der liebe Mond kommt verdorben wieder aus so einer Hütte. Ist's da noch zum Verwundern, wenn man auch an mir etwas Ähnliches bemerken will?«

Jetzt öffnete sich das Fenster, und eine sanfte Frauenstimme fragte: »Jos – bist du da?«

Wie aus dem geöffneten Fenster das trübe Bild des Mondes, so war auch des Schneiders Unmut plötzlich verschwunden. Die Mutter war also auch noch wach. Vermutlich hatte sie bis jetzt immer gestickt, um mit ihrer Arbeit noch vor den Feiertagen fertig zu werden und den Lohn dafür zu erhalten.

»Ja, Mutter«, antwortete er ganz eigen weich, und im nächsten Augenblicke knarrte die schwere Haustür.

»Ich hab' deinetwegen schon fast Kummer gehabt«, redete die blasse Schnepfauerin den Eintretenden an, indem sie mit der weißen, fast durchsichtigen Hand über die wohl vom vielen Nachtarbeiten so stark geröteten Augen fuhr. »Du kommst sonst immer zur rechten Zeit«, setzte sie lobend bei und versuchte zu lächeln.

»Was würdest du aber sagen, Mutter, wenn ich von jetzt an auch abends nicht mehr heimkommen tät'?« fragte Jos, indem er sich neben sie auf die Ofenbank setzte und ihre Hand ergriff.

»Großer Gott! Bedeutet es kein Unglück, daß wir so auf den gleichen Gedanken gekommen sind? Wenn du nicht mehr kommen tätest und mir tragen hülfest und dich freutest mit mir, es wäre so schrecklich, daß ich doch hoffe, der liebe Gott werde mir das nicht auch noch aufladen zu so vielem anderen.«

»Gewiß nicht, liebe Mutter! Er will dir nur wieder einmal eine rechte Freude machen und hat es drum gefügt, daß endlich dein Lieblingswunsch in Erfüllung geht. Heimkommen aber werde ich nun freilich seltener, wenn ich auch immer nahe bleibe. Ich komme am Dienstag als Knecht auf den Stighof.« Jos begann nun zu erzählen, aber gar nicht so regelmäßig wie sonst. Der guten Mutter sollte die Freude nicht noch[53] dadurch getrübt werden, daß sie erfuhr, wie weh er und der Krämer sich in den letzten Tagen bei jeder Gelegenheit getan. Es war wohl das erstemal, daß er der Mutter etwas ihr Wichtiges verschweigen wollte. Es war ihm aber doch nicht recht wohl dabei, und mit eigener Hast kam er bald auf andere Dorfneuigkeiten, und besonders breit wurde sein Bericht, als er von dem in der Krone vorgelesenen Brief, zu erzählen begann.

»Das ist für den Josef Anton noch viel zu früh, wenn der Hansjörg schon wieder heimkommen sollte. Er ist ja noch kaum drei Jahre fort.«

Diese Rede war der Schnepfauerin nur so entronnen. Sonst pflegte sie ihren Bruder wie andere nur den Krämer zu heißen, und dem Jos war es von Kindheit an streng verboten, ihn Vetter zu nennen. Dieses Verbot wurde ihm auch nie schwer. Dafür hatte der Krämer durch sein Betragen von je her gesorgt. Nur wenn der Schneider einmal einen rechten Zorn auf ihn hatte, nannte er ihn Vetter Josef Anton – der Krämer meinte, um ihn mit der Erinnerung an die ihm so lästige Verwandtschaft zu ärgern. Vielleicht aber geschah das nur, weil Jos von dem Bruder seiner Mutter jede Unbill doppelt schmerzlich empfand. Heute horchte er erstaunt auf. In so eigener Weise hätte die Mutter nicht geredet, wenn zwischen dem Hansjörg und dem Krämer alles ganz eben gewesen wäre.

»Aber«, sagte Jos sinnend, »Hansjörg ist doch mit dem Krämer immer gut ausgekommen. Ich war schon damals dort, ich wüßte mich jedoch nicht zu erinnern, daß er selbst mit der Zusel jemals ein böses Wort gewechselt hätte.«

»Ja«, lächelte die Mutter wehmütig, »die zwei sind nur zu gut einig gewesen, sonst hätte wohl Hansjörg nie zu den Kaiserlichen gehen müssen.«

»Richtig«, fuhr Jos auf, »das gleicht wieder ganz dem starren, knochigen, felsenköpfigen, grauäugigen alten Sünder. Dem hab' ich's aber heute gesagt, er sehe mit seinen Spitzbubenaugen alle Menschen bloß für Tiere an. Solang er an ihnen[54] herummelken könne, seien sie ihm recht, der beste wie der schlechteste, hernach aber ziehe er allen, und selbst den nächsten Verwandten, die Haut über die Ohren.«

»Hast du das sagen dürfen?«

»Warum nicht«, fragte Jos zurück und erzählte nun in seinem Eifer auch das, was er der Mutter zu verschweigen beabsichtigte.

Endlich kam diese wieder zu Worte. Doch hörte man es dem Ton ihrer Stimme sowohl als dem Ernst ihrer Worte an, wie ihr die Freude darüber, daß das Jösle nun zu Stighansen kommen sollte, durch dessen letzte Mitteilung bedeutend verdorben ward. »So wie du da«, sprach sie, »dürfen unserlei Leute sich nie erbrechen. Die Reichen wollen nichts geschenkt, und das Böse zahlen sie gewöhnlich am reichlichsten wieder zurück. Gewiß, Bürschlein, dein so aufbrausendes Wesen schadet dir mehr als deine Armut. Du magst oft recht haben, aber zum Strafen ist Gott da, wenn er will, und zum Predigen der Pfarrer. So abhängigen Leutlein wie uns schadet es weniger, wenn man alles ißt, was man hat, als wenn man alles sagt, was man wüßte.«

»Ach, Mutter, du glaubst nicht, wie weh mir dieses Zusprechen immer tut«, rief Jos und begann, ihre bisher festgehaltene Hand fallen lassend, hastig in der Stube auf und ab zu schreiten. »Kriechen kann ich nicht, und die Wahrheit müßte heraus, wenn ich von so einem Feinde derselben viel abhängiger wäre, als ich wirklich es bin.«

Die Mutter sah den Erregten traurig an. Oh, er kannte die Welt, die böse, böse Welt noch nicht. Er war viel zu leichtsinnig, überließ sich zu sehr dem Augenblicke, wie früher auch sie. Auch sie war durch Leichtsinn so unglücklich geworden und hatte aus der zwar armen, aber doch so warmen Heimat fliehen müssen wie eine Verbrecherin. Sie war das Kind ordentlicher Leute. Ihr Haus und ihr Anwesen in Schnepfau hatte sie und ihre Geschwister ernährt. Ihre Mutter war eine arbeitsame Frau, die der Vater als Mädchen im Vorderwalde kennen lernte. Ihre drei Kinder hatten[55] viel von ihrer Lebhaftigkeit und Unternehmungslust. Elisabeth, das jüngste, erlebte die ersten bösen Tage, als ihr Vater, ein gutmütiger, nicht gerade besonders pfiffiger Bauer, bedeutend erkrankte. Schon am dritten Tage sagte man vom Sterben und davon, daß es höchste Zeit sei, mit allem Zeitlichen die letzte Rechnung zu machen. Der gute Mann meinte, unredlich erworbenes Gut besitze er nicht, Schätze hab' er auch keine vergraben, und was durch seinen Fleiß zusammengekommen, sei wohl am schnellsten geteilt und am redlichsten, wenn er alles ohne Testament seinen Kindern zufallen lasse. Es stehe denen dann frei, ob sie noch länger gemeinsam wirtschaften oder gleich alles in Frieden teilen wollten. Der Pfarrer jedoch war ganz anderer Meinung und tat alles mögliche, um seine Kenntnis des Rechtes zur Geltung zu bringen. Den Kindern wurde kalt und heiß, als der fromme Mann dem kranken Vater des langen und breiten ausmalte, wie schlimm der Mutter gehen könnte, wenn man sie der Gnade ihrer Kinder überließe, und daß es daher Pflicht sei, das Vermögen jetzt ihr fast ganz zu verschreiben und das Anwesen um ein billiges an den ältesten Sohn zu verkaufen, daß der dann der Schuldner der Mutter und von ihr abhängig werde. Der Bauer wehrte sich, so gut sich ein strenggläubiger Bauer in einer Krankheit, die er für seine letzte hält, seinem geistlichen Rat, dem Seelenhirten, gegenüber zu wehren imstande ist, und gab dann endlich mit dem peinlichen Gefühl, von der Väter Sitte abweichend, Neid und Unfrieden unter die Seinen zu streuen, in Gottes Namen und der ewigen Seligkeit zulieb' seufzend nach. Des Vaters Zustand begann sich wenige Tage, nachdem er seinen »freien letzten Willen« mit einem Kreuz unterzeichnet hatte, wieder zu bessern. Er wurde noch einmal eine Zeitlang ziemlich gut, aber in seinem Hause war viel, alles anders geworden. Wohl hatten seine Kinder nicht etwa nur mit Taglöhnersinn wie recht eigennützige Erben auf dem einst ihnen zufallenden Erbe gearbeitet. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit war in allen so warm, daß Fleiß und Frieden ihre schönsten Blüten treiben und zur Reife bringen[56] konnten. Nun aber, da sie sich auseinandergerissen, ja sich gegenübergestellt fühlten, fiel das schöne Gebäude zusammen wie ein Haus, unter dem jeder Arbeiter den von ihm gezimmerten Tragbalken wieder wegreißt. Die beiden Brüder besonders gerieten so oft in heftigsten Streit, daß das friedliebende Mädchen nicht mehr mit ihnen unter einem Dache leben mochte und sich in das besuchteste Wirtshaus des Dorfes als Magd verdingte. Josef Anton fing einen Hausierhandel an, da er auch nicht mehr für den bevorzugten Bruder umsonst arbeiten mochte. So stand denn nur noch eines seiner Kinder am Bette des unglücklichen Vaters, als dieser ein Jahr später am Kummer über den von ihm angerichteten Hauskrieg starb.

Der Erbe des Anwesens verheiratete sich nun mit einem wohlhabenden Mädchen. Seinem Bruder aber schien der Himmel den Verlust des väterlichen Erbes reichlich ersetzen zu wollen. Josef Antons anfangs kleiner Handel gewann immer mehr an Umfang und Bedeutung, wie das kaum anders sein konnte zu einer Zeit, wo noch ganze Dörfer nur von Hausierern bedient wurden, die man überall als Hausfreunde, lebendige Wochenblätter und Ratgeber sehr hoch schätzte. Seine Schwester verlebte unterdessen auf einem Platze, wo manche es gar nicht aushalten zu können meinte, so frohe Tage, wie sie außer dem Vaterhause nimmer zu erleben hoffte. Eben weil sie, ein mittelloses, verlassenes Mädchen, auf der Welt kaum noch etwas Gutes erwartete, wurde es ihr leichter, einen so strengen Dienst zu versehen und selbst die vielen Launen der mit ihrem Manne im dreißigjährigen Kriege lebenden geldstolzen Wirtin – wenn auch nicht immer geduldig – zu ertragen. Da sie aber keinen besseren Platz wußte und nicht heim wollte, ließ sie alles über sich ergehen und blieb. Das war ganz leicht erklärlich, aber daß sie später, da auch andere Leute sie kennen und schätzen gelernt hatten, gar manchen viel besseren Dienst ausschlug, konnte niemand begreifen, weil eben niemand wußte, wie innig sie sich hier gefesselt fühlte. Der Fuhrknecht des Wirtes, ein junger, lustiger Bursche,[57] war der erste Mensch, der ihr kein eigennütziges Kind dieser bösen Welt zu sein schien. Er konnte wirklich so wenig bei jeder Gelegenheit nur seinen Vorteil berechnen als sie. Oft und oft hätte ihn sein Eifer, das Mädchen der Wirtin gegenüber entschieden zu verteidigen, den Dienst gekostet, wenn das Geschäft des tüchtigen Burschen hätte entbehren können. Dem unter rohen, selbstsüchtigen Menschen aufgewachsenen Mädchen wurde ganz eigentümlich, wenn es den armen Burschen mit allem, was er hatte, für sie einstehen sah gegenüber einem Weibe, welches in drei Gemeinden gefürchtet wurde. Hoch klopfte das Herz, wenn es den schönen Burschen vor der polternden Frau stehen sah, der er in schönem Zorne die Meinung sagte, wie es selbst ihr Mann – der arme Schlucker, den die reiche Witwe nur aus Gnade geheiratet haben wollte – noch selten wagte. Ja oft traten dem Mädchen die hellen Tränen in die Augen, wenn ihr Lob von den Lippen des guten Burschen floß. Er wurde dann immer wärmer, und zuweilen klang das, was er sprach, fast wie ein Lied, und auch ihm sah man die Augen erfeuchten, bis er zuletzt kaum noch reden konnte. Und warum tat er das, warum vergaß er nie, ihr ein kleines Geschenk, wenn auch zuweilen nur eine Blume, ein Bildchen mit einem schönen Vers, mit heimzubringen? Einzig nur, weil er der Gutherzigste, der Beste war auf der Welt, antwortete sich anfangs das Mädchen, in dem eine Neigung erwacht war, wie man sie nur denjenigen zu schildern vermöchte, die sich einst auch so ganz verlassen fühlten. Ja später fragte und antwortete sich das Lisabethle gar nicht mehr. Es las jetzt freudig erschrocken die schönen Verslein auf den Bildern, die er von Bregenz brachte, und fand alles natürlich, alles in der Ordnung. Schon redeten sie ernstlich vom Heiraten, sobald sie noch einige Jahreslöhne beisammen hätten, und noch hatte kein Mensch etwas von einem ernstlicheren Verhältnisse gemerkt, was wohl nur dadurch zu erklären ist, daß man sich in diesem Hause nicht viel darum kümmerte, wie und wo das Gesinde – hier Gesindel genannt – sich die seltenen freien Stunden[58] vertrieb. So verlebten denn die beiden schöne Tage, bis Jos zur Rekrutenaushebung berufen wurde. Es war im Frühling, und das Lisabethle sank ohnmächtig auf das von ihm eben sorgfältig gejätete Gartenbeet, als zwei Vorübergehende sich das Ergebnis der Losung berichteten. Hier fand sie Jos, der, da er keinen Ersatzmann zu zahlen vermochte, schon dem Kaiser den Eid hatte schwören müssen. Weinend stürzten die beiden sich in die Arme. Lange jammerten sie, dann vergaßen sie noch einmal das Künftige, die ganze Welt und alles. Beim Grauen des anderen Morgens sah das Lisabethle seinen Jos zum letztenmal. Er hatte die Zeit der Rückkehr in seine Heimat nicht mehr erlebt.

Zuerst nach der Abreise des Jos war das Mädchen noch stiller und geduldiger als vorher, nur an der Arbeit schien es keine rechte Lust mehr zu haben. Ja einmal, mitten im Heuen, lief es von aller Arbeit weg und sagte nur, es müsse nach Au, um mit dem Doktor zu reden wegen seinem Kopfweh. So etwas war der Wirtin noch nie vorgekommen, wie viele Mägde sie auch schon gehabt hatte. Je öfter sie nachmittags davon redete, desto zorniger wurde sie und desto fester ihr Entschluß, der liederlichen Person noch heute den Abschied zu geben. Dazu aber war es zu spät. Abends erschien statt der erwarteten Magd eine Base von ihr, die sich vor Jahren in Au, der Nachbargemeinde, verheiratet hatte, um Lisabethles Kleider und den Lohn zu holen, da dieses plötzlich ein wenig erkrankt sei und kein Mensch wissen könne, wann es wieder besser werde.

Das arme Mädchen wagte nämlich nicht, bei seiner Mutter eine Zuflucht zu suchen. Die jetzt schrecklich fromme Frau, die keinen Hauskrieg fürchtete, wenn sie, der Aufforderung des Pfarrers folgend, wieder eine fromme Stiftung machte, hätte gewiß für das arme gefallene Mädchen kein Herz, sondern nichts als die bittersten Vorwürfe gehabt. Drum blieb es denn beim armen, kinderlosen Vetter in Au in einem Nebenstübchen, wo es sich mit Sticken und Nähen kümmerlich durchbringen mußte, bis der kleine Jos kam und nun[59] manche Stunde des Tages in Anspruch nahm. Auch jetzt noch ging sie nicht in ihr Heimatsdorf zurück, ja jetzt erst recht gar nicht, denn schon der Gedanke an das, was sie in der Kirche, wo sie getauft wurde und die erste Kommunion empfing, erleben müßte, machte sie erbeben und gab ihr auch Kraft zu jeder Anstrengung, jeder Entsagung, daß sie doch keinen Menschen in Au belästigen und dadurch Veranlassung zu ihrer Ausweisung geben müsse. Noch aus frühester Kindheit her konnte sie sich schrecklich lebhaft vorstellen, was ein verführtes Mädchen hatte ausstehen müssen, als es zum erstenmal am Osterfeste, das strenge Kirchengebot erfüllend, den Gottesdienst mit der ihm von dem Gemeindediener angehängten alten Geige zu besuchen wagte. Der Pfarrer ließ die Übung dieses alten Landesbrauchs zu, wenn dabei der Gottesdienst auch durch die rohesten Späße entweiht wurde. Das gab der Dorfjugend den Mut, sich nach der Messe, die kein Mensch auch nur mit einiger Andacht angehört hatte, wie früher ihre Urgroßväter in zwei Reihen vor der Kirche aufzustellen und die schutz-, ehr- und rechtlos gewordene schöne Sünderin, die zwischen ihnen hindurch mußte, mit Kot zu werfen und auf die roheste Weise zu mißhandeln. Freilich war seitdem manches Jahr vergangen. Niemand hatte mehr von der Sache geredet, und vielleicht war endlich dieser alte Brauch vergessen. Vielleicht aber auch nicht. Unbarmherzige Eiferer und rohe Leute gab es ja noch genug, sagte sich das Lisabethle und wagte selbst am Begräbnistag der Mutter nicht mehr die Pfarrkirche zu besuchen. Es war ihr dabei ein großer Trost, daß sie sich in Au überall ohne Erröten sehen lassen durfte. Ihr Unglück und ihr Fleiß hatten ihr hier manches Herz gewonnen. Man betrachtete sie um so eher als zur Gemeinde gehörend, da man es beinahe als Ehrensache empfand, die nicht zu verstoßen, solange sie durch ihr Betragen keine Veranlassung gab, die hier eine Zufluchtsstätte gesucht hatte. Nicht einmal ein Heimatschein wurde ihr abgefordert, und viele freuten sich darüber, daß es ihr gelang, mit dem, was sie vom älteren Bruder als Erbe erhielt, und mit dem, was[60] der verstorbene Soldat ihr zukommen ließ, das Häuschen in Argenau zu kaufen, welches sie noch vor dem Tode ihrer Verwandten bezog und in dem wir sie auch jetzt noch finden.

Da, unter eigenem Dache, schlief sie nun wieder viel besser, und auch die Wochen vergingen etwas schneller. Schon viermal hatte sie den Erdäpfelwinkel im engen, niedrigen Keller geleert und ebenso oft die Knollenfrüchte vom Acker heimgebracht auf dem kleinen Handwägelein, in welchem man sonst den etwas verwöhnten Stighans im Dorfe herumzuführen pflegte. Der kleine Jos sprang fröhlich hinten nach, doch sah man es seinen ersten Höschen ganz deutlich an, daß er auf den Knien auflas, was die Mutter herausgegraben hatte. Es war ein flinkes, talentvolles Bürschchen, über das hinweg nun die Mutter wieder zuweilen in die Zukunft zu blicken wagte. Früher hatte sie als Büßerin alles ruhig über sich kommen lassen, was nach ihrer Ansicht der erzürnte Himmelvater schickte, ohne sich zu rühren und zu regen, ja ohne nur einmal zu denken, daß es anders sein könnte oder sollte. Erst die Mutterliebe vermochte sie aus dieser Starrheit zu bringen, das Schreien des hungrigen Kindes sie aus einem schlummerähnlichen Zustande zu wecken und sie von manchem düstern Traume zu befreien. Mit den neuen Pflichten kam auch Selbstvertrauen und Kraft, manches Widerwärtige von dem schuldlosen Kinde abzuwehren, ihm die Mutter gesund zu erhalten und als solche gleichsam ein neues Leben zu beginnen. Das tat sie denn auch mit Anstrengung aller Kräfte und lebte dabei so abgeschlossen und still, daß wohl kein Mensch sich hätte einbilden können, die Wahl eines neuen Gemeindevorstehers könnte für sie und ihren geringen Verkehr mit der Nachbarschaft irgendwie ein wichtiges Ereignis sein. Und doch war es so. Der neue Vorsteher sah beim Durchgehen der ihm übergebenen Schriften, daß das Lisabethle noch keinen Heimatschein beigebracht hatte, und glaubte nun, von der Vorstehung in Schnepfau einen solchen, wenn auch nur der Form wegen, fordern zu müssen. Die Antwort von Schnepfau aber verwies kurz und nicht ohne Beimischung[61] von Spott auf das Gesetz, nach dem jeder Fremde der Gemeinde gehört und zur Last fällt, in der ihm vier Jahre ohne Heimatschein sich aufzuhalten gestattet wurde.

Jetzt hatte alle Milde und Gutmütigkeit auf einmal ein Ende. Bisher hatte man die stille, fleißige Stickerin als eine Unglückliche beschützt und geliebt, keinem Menschen war sie groß in den Augen gewesen; nun aber war sie eine der Gemeinde aufgedrungene Last, gleichsam das lebendige Denkmal einer von der Regierung des Dorfes gemachten Dummheit. Sie hieß nun die Schnepfauerin, und schon in diesem Namen lag etwas, das sich als Mißton fast in jedes mit einer Nachbarin beim Brunnen geführte Gespräch mischte. Die so aus der Heimat Verstoßene wurde immer argwöhnisch beobachtet, niemand traute ihr recht, und sogar der kleine Jos mußte dafür büßen, indem die Stigerin, der die Geschichte wie ein großer Klecks in dem Zeugnis ihres Vetters, des Altvorstehers, erschien, ihrem Hans den Umgang mit dem Jungen einer aus der Heimat verstoßenen Person verbieten wollte.

Das war jedoch nur der erste, leider bei weitem nicht der einzige Fall dieser Art. Die meisten Bauern dachten wie die Stigerin und lehrten auch ihre Kinder so denken, während die Ortsarmen durch sie schon im Genusse der Armenkasse verkürzt zu werden fürchteten. Man fuhr wie gewöhnlich mit dem nun einmal aufgelesenen Ärger dort hinaus, wo der Hag am niedrigsten, am schwächsten war, und die arme Schnepfauerin mit ihrem Jösle mußte alles entgelten.

Und doch hätte die Unglückliche an diesem Schnepfauer Streich auch ohne die ihr daraus erwachsenden äußeren Plagereien schon genug Herzleid empfunden. Bitterlicher als jetzt oft hatte sie selbst damals nicht geweint, als ihre Scham sie aus der Gemeinde trieb, die nun sie und ihr unschuldiges Kind aufs schmählichste für immer verstieß. Oh, vieles hätte sie tun mögen, um sich Achtung und Liebe zu verdienen. Oft, wenn sie in langen Winternächten arbeitete, bis das allzu sehr angestrengte Auge den auf die Stickerei fallenden hellen Schein der neben das Licht gestellten Glaskugel rötlich und[62] bläulich aufflammen zu sehen glaubte, sann sie nach, ob man sie und ihren guten Willen denn gar nirgends brauche in diesem ewigen Einerlei. Zuweilen wünschte sie, ihr Leben für andere wagen zu können! Aber wenn sie dann das ruhige Atmen des neben ihr entschlummerten Kindes hörte, fuhr sie freudig erschrocken aus ihren Träumen auf und brachte den Liebling mit doppelter Zärtlichkeit ins Bettlein, wie wenn sie ihn wegen dem bösen Gedanken, der sie von ihm abzog, um Verzeihung hätte bitten wollen. Erst das Jösle war vielleicht einmal imstande, sich und ihr wieder Boden zu gewinnen, daß dann auch der alte Vorsteher seine Nachlässigkeit nicht mehr bereuen mußte.

Von jetzt an durfte es nicht mehr so schlecht gekleidet herumgehen wie bisher, wenn sie sich darum auch halb blind hätte arbeiten müssen. Sie brachte überhaupt dem Scheine viel eher ein Opfer als früher, wo sie sich noch ganz unbeobachtet glaubte. Man sollte sie nicht für zurückgekommen halten und den Namen Schnepfauerin, der nun einmal nicht mehr wegzubringen war, wieder aussprechen lernen, ohne dabei den Mund zu verziehen. Es galt ja das Wohl, die Zukunft des Kindes, dem sie den Vater ersetzen sollte. Dieser Gedanke gab ihr eine bewunderungswürdige Kraft und Ausdauer, aber niemand war, sie zu bewundern. Sie galt für ein leichtsinniges Geschöpf, und doch war wohl kaum ein Mensch im Dorfe, der innerlich und äußerlich so viel durchzukämpfen hatte wie sie, ohne daß etwas anderes sie belohnte als – der freundliche Blick des seligen Geliebten, den sie in trüben und frohen Stunden immer vor sich zu sehen glaubte. Er war der einzige, mit dem sie sich besprach über die Zukunft ihres Josef, der seine traurige Lage so spät als möglich ganz kennenlernen sollte und daher auch nie merken durfte, was alles sie für ihn tat, litt und entbehrte. Nur daß er arm, daher von Wohlhabenden abhängig sei, sollte er wissen, um deren Launen etwas geduldiger zu ertragen und sich nicht überall schon zu Hause zu wähnen. Ja, in diesem Stück konnte die sonst so zärtliche Mutter recht hart sein. Jösles Klagen über die Ungezogenheit[63] reicher Kinder, ihre Härte und Bosheit, suchte sie, wenn auch mit blutendem Herzen, wegzuscherzen. Da tadelte sie seinen Trotz, wie recht sie ihm auch innerlich geben mochte, und hatte dafür die Freude, zu sehen, daß der Stighans immer noch den Umgang mit ihrem Jösle suchte, wie strenge das ihm auch von der Mutter verboten wurde. Das Schneiderlein hatte ganz recht, wenn es einen alten Lieblingswunsch der Mutter erfüllt glaubte, da es nun als Knecht auf den Stighof kommen sollte. Schon vor vielen Jahren hatte sie daran gedacht, und erst als sie aus dem vertrauten Umgange der beiden Knaben für ihre Zukunft nichts erwachsen zu sehen meinte, konnte sie sich entschließen, den Jos zuerst ins sogenannte Schwabenland zu verdingen und dann, da er dort nicht blieb, bei dem unterdessen wohlhabend gewordenen Bruder Josef Anton, dem Krämer, ein Handwerk lernen zu lassen. Das war die einzige Bitte gewesen, die sie noch an den Bruder richtete, und er hatte sie erfüllt, obwohl er es früher hoch und teuer verschwor, er werde weder sie, die ihm überall im Wege stehe, deren Schande die ganze Verwandtschaft niederdrücke, noch den Jungen jemals unter sein Dach kommen lassen. Es schien ihm endlich gelungen, den Jos wie einen ganz Fremden anzusehen, und diesem fiel es nie ein, ihn durch das Wort Vetter an die nahe Verwandtschaft zu erinnern, wenn er es nicht gerade dem harten Manne zum Possen tat wie heute. Die Schnepfauerin dankte Gott von Herzen, daß der längst gefürchtete Wortwechsel der beiden für Jos noch so gute Folgen hatte. Als echte Bregenzerwälderin sah sie die Aufnahme eines Dienstboten als einen Akt des Vertrauens und großer Hochachtung an. Der nun in Aussicht stehende höhere Lohn freute sie nicht halb so wie der Umstand, daß Jos nun in ein rechtes Haus, mitten in die wichtigste Arbeit hineinkam, gleichsam auf einen besonders erhöhten Posten in der Gemeinde, auf dem nun viele Menschen ihn sehen und hoffentlich auch schätzen lernen konnten.[64]

Es gab noch so viel zu besprechen, daß man erst spät in der Nacht ans Schlafen dachte. Die Mutter, besorgt um den leidenschaftlichen, immer etwas raschen, leichtsinnigen Jos und erfreut über seinen Bericht, hätte gleich wieder zu arbeiten anfangen mögen, wenn sie dadurch nicht das hohe Osterfest zu entheiligen gefürchtet hätte.

Jos dachte beim Einschlafen noch an seine Eierschalen, die er vor der Mutter sorgfältig verborgen hatte. Sie sollte da nichts zu sorgen bekommen. Im Traum sah er des Krämers Haus mit der großen, buntbemalten Türe, vor der die Eierschalen lagen. Als dann statt der Zusel Stighansens Magd herauskam, erschrak er so, daß er darüber erwachte.

Quelle:
Franz Michael Felder: Reich und Arm, in: Sämtliche Werke. Band 3, Bregenz 1973, S. 49-65.
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