Erstes Kapitel.

[58] Ein wundervolles langes Kapitel über das Wunderbare; bei weitem das längste von allen unsern Einleitungskapiteln.


Da wir jetzt ein Buch anfangen, in welchem der Faden unsrer Geschichte uns nötigen wird, einige Dinge von weit sonderbarerer und wundersamerer Art vorzubringen, als irgend etwas von dem, was bisher vorgekommen ist, so mag es nicht undienlich sein, in diesem vorläufigen oder Einleitungs-Kapitel etwas über die Art von Schriftstellerarbeit zu sagen, welche man das Wunderbare nennt. Für dieses werden wir, sowohl zum Nutz und Frommen für uns selbst als für andre, uns bestreben, gewisse Grenzlinien zu ziehen. Und in der That kann wohl nichts Notwendigeres erdacht werden, da Kritiker1 von verschiedenem Maß und Gewicht hier sehr geneigt sind, auf ganz verschiedene Seiten über die Markpfähle hinaus zu schreiten. Denn unterdessen, daß einige mit Monsieur Dacier ganz willig einräumen, daß eben die Sache, welche unmöglich ist, dennoch wahrscheinlich sein könne2, haben andre einen so schwachen historischen oder poetischen Glauben, daß sie meinen, nichts sei weder möglich noch wahrscheinlich, dessen Gleiches oder Aehnliches ihnen nicht bei ihren eigenen Beobachtungen aufgestoßen ist.

Zuerst also, denk' ich, kann man mit aller Billigkeit von jedem Schriftsteller fordern, daß er sich in den Grenzen der Möglichkeit halte und nie vergesse, daß das, was für den Menschen nicht möglich ist zu thun, auch schwerlich für den Menschen möglich sei zu glauben, einer hab' es gethan. Diese Ueberzeugung brachte vielleicht manches Geschichtchen von den alten heidnischen Göttern (wovon die meisten poetischen[58] Ursprungs sind) zur Welt. Die Dichter, welche gern in üppiger und ausschweifender Phantasie leben und weben, nahmen ihre Zuflucht zu diesem Seelenvermögen, dessen Stärke und Inhalt ihre Leser nicht messen konnten, oder vielmehr, welche sie für unendlich hielten und also kein dadurch hervorgebrachtes Wunder unter die Unmöglichkeiten rechneten. Hiervon hat man zur Verteidigung der Homerischen Wunder einen starken Gebrauch gemacht, und vielleicht kann es zu seiner Verteidigung gebraucht werden; nicht, wie Pope meint, weil Ulysses den Phäaken ein Schnürchen von Kindermärchen vorerzählt, weil es eine einfältige Nation war, sondern deswegen, weil der Dichter selbst für Heiden geschrieben, für welche die mythologischen Fabeln wirkliche Glaubensartikel ausmachten. Ich meinesteils muß bekennen, ich bin von Natur so mitleidig, daß ich wünschte, Polyphemus wäre von seiner Milchdiät nicht abgegangen und hätte also sein Auge behalten. Ebensowohl konnte auch Ulysses nicht wohl mehr Kummer fühlen, da seine Gefährten von der Circe in Schweine verwandelt wurden, welche hernachmals, wie mich dünkt, zu viel Lecken nach Menschenfleisch verriet, um uns glauben zu lassen, sie habe es bloß der geräucherten Schinken wegen gethan. Ebenso wünsche ich vom Grunde meines Herzens, daß Homer die vom Horaz gegebene Regel hätte wissen können, nach welcher man übernatürliche Wesen so selten als möglich ins Spiel mischen soll: so hätten wirs nicht erlebt, daß seine Götter bei den nichtsbedeutendsten Gelegenheiten sich geschäftig erweisen und sich zuweilen auf eine solche Art benehmen, daß sie nicht nur alle Ansprüche auf Göttern geziemende Ehrerbietung verlieren, sondern selbst Gegenstände des Hohns und Spotts werden. Ein Betragen, welches selbst der Leichtgläubigkeit eines frommen und aufgeklärten Heiden nicht leicht zu verdauen gewesen sein muß und welches sich auch niemals hätte verteidigen lassen, wenn nicht die Voraussetzung bei den meisten stattgefunden hätte, welcher ich selbst zuweilen beitreten möchte, nämlich, daß dieser vortrefflichste aller Dichter (denn das war er unstreitig), die versteckte Absicht hatte, den unvernünftigen Aberglauben seiner Zeit und seines Vaterlandes lächerlich zu machen.

Jedoch ich habe mich zu lange bei einer Lehre aufgehalten, welche für einen christlichen Schriftsteller von gar keinem Nutzen sein kann, denn, so wie er in seinen Schriften niemand von den himmlischen Heerscharen auftreten lassen kann, an welche er nach seiner Religion glaubt, so ist es das elendeste Kinderspiel in der heidnischen Mythologie nach solchen Gottheiten zu blättern, welche vorlängst schon von ihrem Throne der Unsterblichkeit herabgestürzt sind. Lord Shaftesbury macht die Bemerkung, er kenne nichts Frostigeres, als wenn die neuern Dichter eine Muse anrufen; er hätte hinzusetzen[59] können, daß auch in der Welt nichts Abgeschmackteres sei. Ein neuerer Schriftsteller könnte mit weit mehr Eleganz eine Ballade oder eine alte Romanze anrufen, wie einige von Homer geglaubt haben, oder einen Krug Bier, wie der Dichter des Hudibras, welcher letztere möglicherweise mehr Poesie und Prosa eingegeben hat, als alle Sprudelwasser der Hippokrene oder des Helikon zusammengenommen. Die einzigen übernatürlichen Wesen oder Kräfte, welche auf irgend eine Weise uns neuern Schriftstellern gestattet werden können, sind die Geister oder Gespenster, und dennoch möchte ich jedem Autor raten, damit sehr sparsam umzugehen. Diese sind gleichsam dem Arsenikum und andern gefährlichen Mitteln in der Arzneikunst zu vergleichen, welche mit der äußersten Behutsamkeit gebraucht werden müssen, und möchte ich ihre Einführung in keinem Werke, oder solchen Verfassern anraten, bei welchen, oder für welche die Lautlache des Lesers ein großer Nachteil oder eine große Demütigung werden könnte.

Der Gnomen- und Feengeschlechter oder dergleichen ähnlichen Mummenschanzes erwähne ich mit Fleiß nicht, weil ich höchst ungern solche bewundernswürdige Imaginationen in irgend einige Grenzen einschließen möchte, für deren unermeßliche Kräfte die Schranken der menschlichen Natur zu enge sind, deren Werke man als eine neue Schöpfung betrachten muß und welche folglich ein Recht haben, mit ihrem Eigentum nach eigenem Belieben zu schalten und zu walten.

Der Mensch ist also der höchste Gegenstand (es sei denn, daß eine außerordentliche Veranlassung wirklich eine Ausnahme gestatte), der sich der Feder unsers Geschichtsschreibers oder unseres Poeten darstellt. Und in Erzählung seiner Handlungen erfordert es große Sorgfalt, daß wir nicht über die Kräfte der handelnden Person, welche wir beschreiben, hinausgehen.

Auch die Möglichkeit allein ist nicht hinlänglich uns zu rechtfertigen; wir dürfen ebensowenig die Regeln der Wahrscheinlichkeit überschreiten. Es ist, glaube ich, die Meinung des Aristoteles, oder wo nicht, so ist es die Meinung eines weisen Mannes, dessen Ansehen ebenso wichtig werden wird, nachdem solche ebenso alt geworden ist: »Es sei keine Entschuldigung für einen Dichter, der etwas Unglaubliches erzählt, daß das Erzählte eine wirkliche Thatsache sei.« Dies mag vielleicht in Beziehung auf die Dichtkunst für eine Wahrheit gelten. Es aber auf die Geschichte auszudehnen, möchte wohl für unthunlich erachtet werden, denn die Pflicht des Geschichtschreibers ist, die Sachen so aufzuschreiben, wie er sie findet, ob sie gleich von einer so außerordentlichen Beschaffenheit sein mögen, daß kein geringer Grad von historischem Glauben dazu erfordert wird, sie hinunterzuschlingen. Von dieser Art war die fruchtlose Kriegsrüstung[60] des Xeres, welche uns Herodot aufgezeichnet hat, oder der glückliche Feldzug Alexanders, welchen uns Arrian erzählt. Von der Art waren in letzten Zeiten der Sieg bei Azincourt, welchen Heinrich der Fünfte erfocht, oder der bei Narwa, Karls des Zwölften von Schweden. Alle diese Beispiele scheinen uns immer wundervoller und erstaunlicher je länger wir darüber nachdenken.

Dergleichen Thatsachen indessen, weil sie an dem Faden der Geschichte hängen, ja weil sie wirklich den wesentlichsten Teil derselben ausmachen, so ist der Geschichtschreiber keinem Vorwurf unterworfen, wenn er sie so erzählt, wie sie sich wirklich zutrugen, sondern es wäre ihm wirklich nicht zu verzeihen, wenn er sie auslassen oder verändern wollte. Allein es gibt andre Fakta von minderer Wichtigkeit und mindern Folgen, welche, mit was für bewährten Zeugnissen man sie auch belegen kann, demungeachtet aus Gefälligkeit gegen die Zweifelsucht der Leser der Vergessenheit übergeben werden dürfen. Von der Art ist die merkwürdige Geschichte von dem Gespenste des George Villers, die man mit aller Anständigkeit dem Doktor Drelincourt hätte zum Geschenk machen können, um in seiner Vorrede zu der Abhandlung über den Tod dem Gespenste der Demoiselle Vealle Gesellschaft zu leisten. Dahin hätte sie sich weit besser geschickt, als in ein so ernsthaftes Werk wie die Geschichte der Rebellion.

Es ist ausgemacht, wenn sich der Geschichtschreiber bloß auf das einschränkt was wirklich geschehen ist, und jeden Umstand durchaus verwerfen will, von welchem er, so wohl bescheinigt er auch sein mag, dennoch weiß, daß er falsch sei, so wird er zwar zuweilen ins Wunbare, aber nie ins Unglaubliche verfallen. Er wird zwar öfter bei seinen Lesern Verwunderung und Erstaunen, niemals aber den ungläubigen Haß erregen, dessen Horaz Erwähnung thut. Nur da durch also, daß wir uns mit Fiktionen abgeben, sündigen wir gemeinglich wider diese Regel der vernachlässigten Wahrscheinlichkeit, von welcher sich der Geschichtschreiber niemals oder nur selten entfernt, bis er seinen Charakter verleugnet und zur Klasse der Romanschreiber übergeht. In diesem Punkte haben unterdessen solche Geschichtschreiber, welche bloß öffentliche Begebenheiten beschreiben, einen großen Vorteil vor uns voraus, die wir uns auf die Auftritte des Privatlebens einschränken. Die Glaubwürdigkeit der erstern hat lange Zeit hindurch einen dauerhaften Grund an der öffentlich bekannten Sage, und diese Sage nebst dem öffentlichen Zeugnis verschiedener Schriftsteller leistet auf künftige Jahrhunderte für ihre Wahrhaftigkeit Gewähr. Daher haben ein Trajan und ein Antonin, ein Nero und ein Caligula alle bei der Nachwelt Glauben gefunden, und niemand zweifelt daran, daß Männer von so höchst vortrefflichem und[61] ebenso schändlichem Charakter einstmals Herren der Welt gewesen sind.

Wir aber, die wir es mit Privatpersonen zu thun haben wir, die wir in den geheimsten Winkeln herumsuchen müssen und Beispiele der Tugend und des Lasters aus Hütten und Höhlen der Welt hervorziehen, wir befinden uns in einer gefährlichen Lage, da wir keine öffentliche Sage für uns haben, noch öffentlich bekannte Zeugnisse oder Chroniken und Protokolle, unsere Erzählungen zu bestärken; uns geziemt es, uns nicht nur in den Schranken der Möglichkeit, sondern auch in den Grenzen der Wahrscheinlichkeit zu halten; und dies um so mehr, wenn wir uns darauf einlassen, das zu schildern, was in einem hohen Grade gut und liebenswürdig ist. Schelmerei und Thorheit, wenn sie auch noch soweit gehen, finden weit leichter Glauben; denn hier leiht ein schlechtes Herz der Zuversicht eine große Stärke und Stütze.

Dieserwegen können wir, vielleicht mit weniger Gefahr, die Geschichte eines gewissen Namens Fischer erzählen. Dieser hatte eine lange Zeit hindurch der Großmut des Herrn Derby sein Brot zu verdanken, und als er noch eben eines Vormittages von ihm eine ansehnliche Gabe empfangen hatte, versteckte er sich, um sich des Uebrigen, was noch in seines Freundes Schreibpulte übrig geblieben, zu bemächtigen, in einer öffentlichen Schreibstube des bekannten Gebäudes Tempel, durch welches ein Gang nach Herrn Derbys Zimmern ging. Hier überhörte er, wie Herr Derby sich an einem Gastmahle ergötzte, welches er den Abend seinen Freunden gab, und wozu dieser Fischer selbst mit eingeladen war. Diese ganze Zeit über war kein freundschaftlicher oder dankbarer Gedanke in seiner Seele aufgestiegen, um ihn an seinem Vorhaben zu hindern; als aber der arme Herr Derby seine Gesellschaft durch das Schreibzimmer hinaus begleitet hatte, kam Fischer plötzlich aus seinem Lauscheplatz hervor, folgte ihm ganz leise auf den Zehen bis in sein Zimmer und schoß ihm eine Pistolenkugel durch den Kopf. Dies kann man glauben, wenn schon die Gebeine des Fischer ebenso verfault sind, als sein Herz. Ja, vielleicht findet man nichts Unglaubwürdiges darin, daß der Bösewicht zwei Tage darauf mit einem jungen Frauenzimmer nach dem Schauspielhause ging, um den Hamlet aufführen zu sehen, und mit ganz unveränderten Mienen ein Frauenzimmer, das wohl wenig vermutet, wie nahe ihr der Mann saß, ausrufen hörte: »Gütiger Gott, wenn jetzt der Mann hier wäre, welcher den Derby ermordete!« und dadurch ein verhärteter und versteinerter Gewissen anzeigte, als selbst Nero hatte, von welchem uns Suetonius erzählt: daß gleich nach dem Tode seiner Mutter das Bewußtsein seines Verbrechens ihm unerträglich wurde und beständig so blieb,[62] und daß auch alle Glückwünschungen der Soldaten, des Senats und des Volks die Angst seines Gewissens nicht zu lindern vermochten.

Sollte ich nun aber auf der andern Seite meinem Leser erzählen, daß ich einen Mann gekannt habe, dessen durchdringendes Genie ihn instandsetzte, auf einer vor ihm ganz unbetretenen Bahn ein großes Vermögen zu erwerben; daß er dieses mit Bewahrung seiner vollkommensten Redlichkeit gethan, und nicht nur ohne irgend einer einzelnen Person den geringsten Nachteil oder Schaden zuzufügen, sondern mit dem höchsten Vorteil für das Kommerzium überhaupt und zur großen Vermehrung der öffentlichen Einkünfte; daß er einen Teil seines Reichtums dazu verwendet, einen Geschmack zu zeigen, desgleichen nicht viele haben, durch Werke, worin sich die höchste Würde mit der reinsten Einfalt vereinigte; und einen andern Teil des Reichtums, um ein Herz zu zeigen, dessen Güte alle Menschen übertraf, durch Handlungen der Wohlthätigkeit an Menschen, die weiter keine Empfehlung hatten, als ihre Verdienste oder ihre Bedürfnisse; daß er äußerst sinnreich war, darbende Verdienste aufzusuchen; höchst thätig, sie aus der Not zu reißen, und dann ebenso sorgfältig (vielleicht zu sorgfältig), das, was er gethan hatte, zu verbergen; daß sein Haus, sein Hausrat, seine Gärten, seine Tafel, seine tägliche Gastfreundschaft und seine öffentlichen Gaben alle das Herz anzeigten, aus welchem sie herflossen; alle einen innerlichen, großen, edlen Wert hatten, ohne Prunk, und äußerliche Großprahlerei; daß er jedes Verhältnis des Lebens mit der erforderlichen richtigsten Tugend erfüllte; daß er gegen seinen Schöpfer die frömmste, reinste Verehrung hegte, sowie den höchsten Eifer und die zuverlässigste Treue gegen seinen Landesherrn; daß er ein höchst zärtlicher Gatte war, ein liebreicher Verwandter, ein freigebiger Gönner, ein warmer und beständiger Freund, nachsichtig gegen sein Gesinde, gastfrei gegen seine Nachbarn, barmherzig gegen die Armen, und wohlthätig gegen das arme Menschengeschlecht; sollte ich zu diesen Beiwörtern noch hinzufügen die Namen: weise, mutvoll, elegant und in der That jedes edle Eigenschaften ausdrückende Beiwort in unsrer Sprache: gewiß dann dürft ich sagen:


Quis credet? nemo Hercule! nemo;

Vel duo, vel nemo.


– Wer wird es glauben? wer?

Beim Himmel, keiner! – keiner oder zwei!


Und dennoch hab' ich einen Mann gekannt, der gerade völlig so ist, wie ich ihn hier beschrieben habe. Ein einziges Beispiel aber (und ich gestehe freimütig, daß ich kein zweites kenne) ist nicht hinreichend, uns zu rechtfertigen, da wir für Tausende schreiben, welche[63] niemals von einem solchen Manne oder von einem etwas ähnlichen gehört haben. Solche weiße Raben sollte man in die Kabinette der Epitaphienschreiber, oder irgend eines oder des andern Poeten liefern, welche sich für euch vielleicht herablassen mögen, den Namen eines solchen Mannes in ein Distichon in zerstückeln, oder in einem Reime durchschleichen zu lassen, mit der ganzen Miene von Nachlässigkeit und Unachtsamkeit, damit sich ja der Leser nicht daran stoße.

Endlich und zuletzt müssen die Handlungen nicht nur von der Beschaffenheit sein, daß sie in den Grenzen der Kräfte eines menschlichen Wesens liegen, und daß man ihm solche mit Wahrscheinlichkeit zutrauen könne; sondern sie sollen sich auch gerade so für die handelnden Personen schicken, daß sie solche mit Wahrscheinlichkeit gethan haben können: denn dasjenige, was für den einen Mann bloß außerordentlich und wunderbar sein mag, kann, wenn es von einem andern erzählt wird, unwahrscheinlich, ja selbst unmöglich werden.

Dieses letzte Erfordernis enthält das, was die Dramaturgisten Haltung des Charakters nennen, und kann nur durch einen außerordentlichen Grad von Beurteilungskraft und eine tiefe Kenntnis der menschlichen Natur erreicht werden.

Es ist von einem vortrefflichen Schriftsteller mit äußerster Richtigkeit bemerkt worden, daß der Enthusiasmus eines Mannes ihn ebensowenig hinreißen kann, geradezu gegen seine Absichten zu handeln, als ein schneller Fluß ein Boot gegen seinen eigenen Strom führen kann. Ich will es wagen zu behaupten, es sei einem Menschen wo nicht unmöglich doch ebenso wunderbar und unwahrscheinlich, als man sich nur irgend etwas denken kann, daß er geradeswegs gegen die Vorschriften und Triebe der Natur handeln werde. Wollte man den besten Teil von der Geschichte des Antonin dem Nero zuschreiben, oder wollte man die schändlichsten von Neros Handlungen auf Antonins Rechnung setzen, könnte man etwas allem Glauben Widerstrebenderes ersinnen, als eins von diesen Beispielen? Dagegen alle beide, wenn sie von ihren wahren Urhebern erzählt werden, das eigentliche wahre Wunderbare ausmachen. Die Verfasser unserer neuern Schauspiele sind fast durchgängig in den hier angemerkten Irrtum verfallen. Ihre Helden sind meistenteils unverhohlene Taugenichtse, und ihre Heldinnen sind um nicht viel besser während des ganzen Laufes der vier ersten Aufzüge. Im fünften aber werden die ersten hübsche, würdige Männer, und die letzten vernünftige, edle und tugendhafte Weiber. Oft ist auch der Verfasser nicht einmal so gütig, sich die geringste Mühe zu geben, diese ungeheure Veränderung zu motivieren oder auch nur zu rechtfertigen. Man findet dafür wirklich keine andre Ursache angebracht, als daß sich das Spiel zum Ende neigt, so, als ob es ebenso natürlich[64] für einen Schurken wäre, sich in dem letzten Akte einer Komödie wie in dem letzten seines Lebens zu bekehren. Wir wissen es wohl, daß das gemeiniglich der Fall auf dem Theater des Hochgerichts ist, ein Platz der in der That mit vieler Schicklichkeit die Szene mancher Komödie schließen könnte; weil die Helden in diesen gewöhnlich große Vorzüge gerade in denjenigen Talenten besitzen, welche nicht nur einen Mann unter den Galgen führen, sondern ihn auch fähig machen, die Rolle eines Helden zu spielen, wenn er erst dort ist.

Unter diesen wichtigen Einschränkungen, denke ich, könne es jedem Schriftsteller erlaubt werden, sich mit dem Wunderbaren so viel abzugeben als er Lust hat; ja sogar, jemehr er den Leser überraschen kann, wenn er sich dabei innerhalb der Grenzen der Glaubwürdigkeit hält, jemehr wird er seine Aufmerksamkeit spannen, und jemehr Vergnügen wird er ihm verursachen. Wie ein Genie von der ersten Klasse in seinem fünften Buche über das Erhabene anmerkt: »Die höchste Kunst des Dichters besteht darin, die Wahrheit mit der Erdichtung zu vermischen, um das Glaubwürdige mit dem Ueberraschenden zu verbinden.«

Denn obgleich jeder gute Schriftsteller sich innerhalb der Grenzen der Wahrscheinlichkeit halten wird, so ist es doch keineswegs nöthig, daß seine Charaktere oder darzustellende Begebenheiten und Vorfälle alltäglich, gemein und von gewöhnlichem Schlage sein müßten, sowie solche in jeder Gasse oder jedem Hause vorgehen, oder wie sie in den schlichten Artikeln einer Zeitung erzählt werden. Auch muß es ihm unverwehrt bleiben, manche Personen und Dinge aufzustellen, welche einem großen Teil seiner Leser vielleicht noch niemals zur Wissenschaft gekommen sind. Beobachtet der Schriftsteller die vorgedachten Regeln genau: so hat er das seinige gethan; und dann hat er Anspruch auf einigen Glauben bei seinem Leser, welcher sich wirklich einer kritischen Atheisterei schuldig macht, wenn er sich weigert, seine Schrift für wahr zu halten. Der Mangel einer Portion von solchem Glauben verursachte, wie ich mich erinnere, daß der Charakter einer jungen Dame von Stande in einem Lustspiele, vor einer großen Versammlung von Schreibern und Kaufmannsburschen, einstimmigerweise als unnatürlich verdammt wurde, ob er gleich schon vorläufig den Beifall vieler Damen vom ersten Range erhalten hatte; wovon eine, deren sehr richtiger Verstand allgemein bekannt war, erklärt hatte: es wäre ein Gemälde von der Hälfte aller jungen Damen von ihrer Bekanntschaft.

Fußnoten

1 Unter diesem Worte werden hier und in den meisten andern Stellen unsers Werkes alle Leser in der Welt gemeint.


2 Ein Glück ist's für Monsieur Dacier, daß er kein Irländer war.


Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 2, S. 58-65.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Tom Jones. Die Geschichte eines Findlings
Tom Jones: Die Geschichte eines Findlings
Tom Jones 1-3: Die Geschichte eines Findlings: 3 Bde.
Die Geschichte des Tom Jones, eines Findlings
Die Geschichte des Tom Jones, eines Findlings

Buchempfehlung

Jean Paul

Die unsichtbare Loge. Eine Lebensbeschreibung

Die unsichtbare Loge. Eine Lebensbeschreibung

Der Held Gustav wird einer Reihe ungewöhnlicher Erziehungsmethoden ausgesetzt. Die ersten acht Jahre seines Lebens verbringt er unter der Erde in der Obhut eines herrnhutischen Erziehers. Danach verläuft er sich im Wald, wird aufgegriffen und musisch erzogen bis er schließlich im Kadettenhaus eine militärische Ausbildung erhält und an einem Fürstenhof landet.

358 Seiten, 14.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon