Siebentes Kapitel.

[270] Fortsetzung der Geschichte.


Als Madame Waters noch einige Augenblicke schwieg, konnte Herr Alwerth nicht umhin, zu sagen: »Es thut mir leid, Madame, daß ich aus dem, was ich seitdem gehört habe, gewahr werden muß, wie Sie einen so schlechten Gebrauch von –« – »Teuerster Herr von Alwerth!« fiel sie ihm in die Rede »ich habe meine Fehler, und weiß es; aber Undankbarkeit gegen Sie ist nicht mit darunter. Ich habe und werde Ihre Güte nie vergessen, die ich freilich nicht sonderlich verdient habe. Indessen bitt' ich, geruhen Sie alle Vorwürfe, die Sie machen können, für jetzt noch aufzuschieben, weil ich Ihnen eine so wichtige Sache mitzutheilen habe, die den jungen Mann betrifft, dem Sie meinen Jungfernnamen Jones gegeben haben.« – »So hätte ich also wirklich unwissenderweise,« sagte Alwerth, »einen unschuldigen Menschen in der Person desjenigen bestraft, der eben das Zimmer verlassen hat? War er nicht der Vater des Kindes?« – »In Wahrheit, das war er nicht!« sagte Madame Waters. »Sie werden die Güte haben, sich zu erinnern, wie ich Ihnen damals sagte, Sie sollten es eines Tages erfahren; und ich erkenne mich einer grausamen Versäumnis schuldig, daß ich es Ihnen nicht schon längst entdeckt habe. – Aber, wie konnte ich denken, daß es so höchst notwendig wäre.« – »Recht wohl, Madame!« sagte Alwerth; »fahren Sie fort.« – »Sie müssen sich noch eines jungen Menschen Namens Sommer erinnern, Herr von Alwerth!« – »Sehr gut noch!« rief Alwerth. »Er war der Sohn eines Geistlichen von großer Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, zu dem ich eine herzliche Freundschaft trug.« – »Das haben Sie bewiesen, Herr von Alwerth,« sagte sie, »denn, ich glaube, Sie ließen den Jüngling erziehen, und unterhielten ihn auf der Universität; von da, wenn ich mich richtig erinnere, zog er zu Ihnen ins Haus. Einen feinern Mann, das muß ich sagen, hat die Sonne nie beschienen, denn er war nicht nur die schönste Mannsperson, die ich jemals gesehen habe, sondern auch äußerst artig, und hatte ungemein viel Witz und gute Lebensart.« – »Der arme liebe Mann!« sagte Herr Alwerth; »er ward wirklich frühzeitig hinweggerafft, und ich hätte mir es nicht träumen lassen, daß er eine Sünde von dieser[270] Art zu verantworten hätte; denn ich sehe deutlich genug, was Sie mir sagen wollen, daß er der Vater Ihres Kindes war.« »In Wahrheit, Herr von Alwerth, das war er nicht!« antwortete sie. »Wie?« sagte Alwerth, »wozu denn diese ganze Vorrede?« – »Zu einer Historie,« sagte sie, »von der mir es leid thut, daß mich das Los treffen muß, sie Ihnen zu erzählen. O, teuerster Herr von Alwerth, machen Sie sich gefaßt, etwas zu vernehmen, das Sie wundern und schmerzen wird.« – »Reden Sie,« sagte Alwerth; »ich bin mir keines Verbrechens bewußt und darf mich nicht fürchten, zu hören.« – »Dieser Sommer also,« sagte sie, »der Sohn Ihres Freundes, der auf Ihre Kosten erzogen worden, der, nachdem er ein Jahr in Ihrem Hause gewohnt, als ob er Ihr eigner Sohn gewesen wäre, der darin an den Blattern starb, den Sie so schmerzlich beklagten, und begraben ließen, als ob es Ihr eigner Sohn gewesen; dieser Sommer, Herr von Alwerth, war der Vater dieses Kindes.« – »Wie nun!« sagte Alwerth, »Sie widersprechen sich selbst!« – »Das thue ich nicht,« antwortete sie. »Er war in der That der Vater des Kindes, aber nicht durch mich.« – »Nehmen Sie sich in acht, Madame,« sagte Alwerth, »machen Sie sich nicht, um einen Verdacht von sich abzulehnen, dagegen einer andern Unwahrheit schuldig! Bedenken Sie, wir haben einen allwissenden Richter, vor dem Sie nichts verbergen können, und vor dessen Richterstuhle Falschheit nur Ihre Schuld vergrößern würde!« – »In der That, teuerster Herr,« sagte sie, »ich bin seine Mutter nicht, und möchte auch um die ganze Welt nicht wissen, daß ich's wäre!« – »Ich weiß Ihre Ursachen,« sagte Alwerth, »und ich werde mich ebenso freuen, als Sie selbst, es anders zu befinden! Indessen müssen Sie sich erinnern, daß Sie es vor mir bekannt haben.« – »Was und wie ich bekannte,« erwiderte sie, »war alles wahr; nämlich: daß diese Hände das Kind nach Ihrem Bette getragen, und es hineingelegt hatten, auf Befehl seiner Mutter; auf ihren Befehl hernach gestand ich's, und hielt mich durch ihre Großmut reichlich belohnt für beides, sowohl meine Verschwiegenheit, als für meinen Schimpf!« – »Wer in aller Welt war denn dieses Frauenzimmer?« sagte Alwerth, – »Ich zittere wirklich sie Ihnen zu nennen,« antwortete Madame Waters. – »Nach allen diesen Vorbereitungen muß ich schließen, daß sie mir verwandt war!« rief er. – »In der That, sehr nahe!« bei welchen Worten Alwerth erschrak und sie fortfuhr: »Sie hatten eine Schwester, Herr von Alwerth.« – »Eine Schwester!« wiederholte er und sah fast aus wie erstarrt. – »Bei allem was wahr ist im Himmel und auf Erden!« rief sie, »Ihre Schwester war die Mutter des Kindes, das Sie in Ihrem Bette fanden.« – »Kann es möglich sein,« stieß er aus, »gütiger Gott!« – »Haben Sie Geduld!« sagte Madame Waters, »und ich will Ihnen die ganze Geschichte entwickeln: Kurz darauf, als Sie nach London gereist waren, kam Ihr Fräulein Schwester eines Tages nach dem Hause meiner Mutter. Sie beliebte zu sagen, sie habe ein außerordentlich gutes Zeugniß von mir gehört, wegen meines Wissens und meines vorzüglichen Verstandes,[271] vor allen jungen Mädchen in der Gegend; so beliebte es ihr zu sagen. Sie verlangte darauf, ich sollte zu ihr kommen nach dem Herrenhause, woselbst sie mich, als ich ihr aufwartete, dazu brauchte, ihr vorzulesen. Sie bezeugte ein großes Wohlgefallen an meinem Lesen, bewies mir viele Güte und machte mir manches Präsent. Endlich begann sie mich über den Punkt der Verschwiegenheit zu erforschen; worüber ich ihr solche befriedigende Antworten erteilte, daß sie, nachdem sie ihr Zimmer verschlossen, mich in ihr Kabinet nahm, solche ebenfalls verschloß, und dann zu mir sagte: sie wolle mir einen überzeugenden Beweis von ihrem großen Vertrauen auf meine Ehrlichkeit geben; indem sie mir ein Geheimnis entdeckte, auf welchem ihre Ehre und folglich ihr Leben beruhte. Hier schwieg sie einige Minuten lang still, während welcher Zeit sie sich oft die Augen trocknete; und dann fragte sie mich, ob ich glaubte, daß man sich mit Sicherheit meiner Mutter anvertrauen könne? Ich antwortete, daß ich für ihre Treue mein Leben verbürgen wollte. Sie teilte mir hierauf das große Geheimnis mit, das in ihrem Busen arbeitete und welches ihr zu entdecken mehr Pein machte, als ihre nachherigen Geburtswehen. Es ward hierauf ausgemacht, daß bloß meine Mutter und ich bei ihrer Entbindung zugegen sein sollten, und Jungfer Wilkins wollte sie aus dem Wege schicken, welches dann auch dadurch geschah, daß sie nach der äußersten Grenze von Dorsetshire abgefertigt wurde, um über eine zu mietende Magd ein Zeugniß einzuholen; denn das Fräulein hatte ihr eigenes Stubenmädchen schon vor drei Monaten aus dem Dienste geschafft, während welcher Zeit ich ihre Stelle vertreten mußte, zur Probe, wie sie damals sagte, ob ich gleich, wie sie nachmals erklärte, zu solchen Verrichtungen nicht Geschick genug hätte. Dieses und dergleichen Dinge mehr, die sie von mir zu sagen pflegte, wurden deswegen ausgestreut, um allem Verdachte vorzubeugen, welchen die Jungfer Wilkins hernachmals schöpfen möchte, denn sie dachte, man würde niemals glauben, sie könne ein Mädchen vor den Kopf stoßen wollen, wenn sie ihm ein solches Geheimnis anvertraut hätte. Sie können leicht denken, Herr von Alwerth, daß ich für diese Herabwürdigungen ganz gut bezahlt ward; mit welcher Bezahlung ich dann, zumal da mir die wahren Ursachen davon entdeckt wurden, ganz wohl zufrieden war. In der That nahm sich das Fräulein mehr in acht vor der Jungfer Wilkins, als vor sonst jemanden; nicht, als ob sie diese Jungfer nicht hätte ganz gut leiden können, sondern, weil sie solche für unfähig hielt, ein Geheimnis zu verschweigen, besonders vor Ihnen, Herr von Alwerth. Denn ich habe das Fräulein Brigitta oft sagen gehört: wenn die Wilkins einen Mord begangen hätte, so glaubte sie, würde sie's Ihnen sagen. Endlich kam der erwartete Tag heran, und Jungfer Wilkins, die sich schon eine Woche reisefertig gehalten, aber immer unter einem oder dem andern Vorwande aufgehalten war, damit sie nicht zu früh wiederkommen möchte, wurde abgefertigt. Das Kind war dann bloß in meiner und meiner Mutter Beisein geboren und von meiner Mutter mit nach unserm Hause[272] genommen, wo es heimlich verborgen gehalten wurde, bis an den Abend, da Sie wieder kamen, da ich es, auf Geheiß des Fräuleins Brigitta, in Ihr Bette legen mußte, wo Sie es fanden. Und aller Verdacht ward hernach durch das künstliche Benehmen Ihres Fräuleins Schwester aus dem Wege geräumt; indem sie that, als ob sie dem Knaben nicht gut wäre, und daß es bloß aus Gefälligkeit gegen Sie geschähe, wenn sie ihn einigermaßen liebreich behandle.« Madame Waters bekräftigte hierauf die Wahrheit dieser Geschichte durch manche Beteurungen, und schloß damit, daß sie sagte: »Solchergestalt, mein hochgeehrtester Herr von Alwerth, habe ich Ihnen endlich einen Neffen entdeckt: denn ich weiß gewiß, Sie werden ihn inskünftige dafür erkennen, und ich zweifle nicht, er werde Ihnen unter dieser Benennung Ehre und Freude machen.« »Madame,« sagte Alwerth, »ich habe wohl nicht nötig Ihnen zu sagen, wie sehr ich über das, was Sie mir erzählt haben, erstaunt bin; und dennoch würden Sie so manche Umstände, um eine Unwahrheit wahrscheinlich zu machen, nicht haben zusammensetzen wollen, und auch nicht können. Ich gestehe, daß ich mich in Absicht auf diesen Sommer einiger Vorgänge erinnre, die mir die Meinung beibrachten, daß meine Schwester einige Neigung auf ihn geworfen hätte. Ich sagte ihr etwas davon: denn ich hatte eine solche Achtung für diesen jungen Mann, sowohl seiner selbst, als seines Vaters wegen, daß ich zu einer Verbindung unter ihnen gern meine Einwilligung gegeben hätte. Sie nahm mir aber meine Vermutung oder Verdacht, wie sie es nannte, so übel, daß ich hernach weiter nichts davon sprach. Gütiger Himmel! Jedoch, ohne Gottes Willen geschieht nichts! – Und bei alledem war es unverantwortlich von meiner Schwester gehandelt, daß sie dies Geheimnis mit sich aus der Welt nahm.« – »Ich kann Sie versichern, Herr von Alwerth,« sagte Madame Waters, »daß sie immer das Gegenteil willens gewesen ist, und mir oft gesagt hat, ihr Vorsatz sei, es Ihnen eines Tages zu entdecken. Sie sagte in der That, es freue sie herzlich, daß ihr Plan ihr so glücklich gelungen wäre und daß Sie von selbst ein solches Behagen an dem Kinde gefunden hätten, wodurch es bis dahin noch nicht nötig sei, eine ausdrückliche Entdeckung zu machen. O, teuerster Herr von Alwerth, hätte diese Dame es erlebt, zu sehen, wie dieser arme Jüngling, gleich einem Landstreicher, aus Ihrem Hause verstoßen wurde; oder hätte sie es sogar erlebt, zu hören, daß Sie selbst einen Advokaten dazu brauchten, ihn wegen einer Mordthat vor Gericht zu verfolgen, an der er unschuldig war! – Verzeihen Sie es mir, Herr von Alwerth, daß ich es sagen muß, es war ungütig. In der That, man muß Sie hintergangen haben mit falschen Nachrichten. Er hat das niemals um Sie verdient!« – »In der That, Madame,« sagte Alwerth, »Sie selbst sind mit einer falschen Nachricht von der Person hintergangen, die Ihnen so etwas von mir gesagt hat.« – »Ach lieber Herr von Alwerth,« sagte sie, »ich möchte mich gerne geirrt haben. Ich war auch nicht so kühn zu sagen, daß Sie Unrecht gethan hätten. Der Herr, welcher zu mir kam, trug auch auf dergleichen nicht an.[273] Er sagte bloß (weil er mich für die Ehefrau des Herrn Fitz Patrick hielt,) daß, wenn Herr Jones meinen Ehemann erstochen hätte, so sollte ich mit allem Gelde, das ich nötig hätte, um ihn vor Gericht zu verfolgen, von einem würdigen Herrn versehen werden, der, wie er sagte, recht gut wüßte, mit was für einem schändlichen Buben ich zu thun hätte. Eben von diesem Manne erfuhr ich es, wer Herr Jones wäre; und dieser Mann, dessen Name Dowling ist, sagt mir Herr Jones, sei Ihr Anwalt. Seinen Namen entdeckte ich durch einen sonderbaren Zufall, denn er selbst weigerte sich, ihn mir zu nennen. Aber Rebhuhn, der ihn in meiner Wohnung sah, als er zum zweitenmale hinkam, kannte ihn noch von Salisbury her.«

»Und sagte Ihnen dieser Herr Dowling,« fragte Alwerth mit großem Erstaunen in seinen Mienen, »daß ich zu dieser gerichtlichen Verfolgung behilflich sein wollte?« – »Nein!« erwiderte sie, »ich will ihn nicht mit Unrecht bezichten. Er sagte: mir sollte Beistand geleistet werden! Er nannte aber keinen Namen. Aber Sie werden mir verzeihn, Herr von Alwerth, wenn ich, den Umständen nach, dachte, es könne niemand anders sein.« – »In der That, Madame,« sagte Alwerth, »den Umständen nach bin ich nur zu gewiß überzeugt, es war ein andrer. Liebster Gott! durch was für wunderbare Wege zuweilen die schwärzeste, tiefversteckteste Bosheit ans Tageslicht kommen muß! Darf ich Sie bitten, Madame, hier so lange zu verweilen, bis die Person kommt, deren Sie erwähnt haben, denn ich erwarte den Mann alle Augenblicke; ja, vielleicht ist er gar schon im Hause.« Alwerth ging hierauf nach der Thüre, um einen Bedienten zu rufen, und eben trat herein, nicht Herr Dowling, sondern der Herr, der sich im nächsten Kapitel sehen lassen wird.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 3, S. 270-274.
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