Neuntes Kapitel.

[76] Welches von Sachen handelt, die von denen im vorigen Kapitel himmelweit verschieden sind.


Des Abends besuchte Herr Jones abermals seine Dame, und abermals erfolgte unter ihnen eine lange Konversation. Weil solche aber bloß in ebenso gewöhnlichen Dingen bestand, wie zuvor, so vermeiden wir etwas besonders davon anzuführen, weil wir ohnehin verzweifeln, diese Besonderheiten dem Leser angenehm machen zu können, es sei denn, daß er einer von jenen wäre, dessen Verehrung des schönen Geschlechts, wie die Verehrung der Heiligen bei den Papisten, nötig hätte, durch Hilfe von Gemälden erregt und erwärmt zu werden. Ich bin aber so weit entfernt, dem Publikum dergleichen aufstellen zu wollen, daß ich vielmehr wünschte, daß ich einen Vorhang über diejenigen ziehen könnte, die uns seit einiger Zeit in französischen Erzählungen vorgestellt werden, und wovon uns unter dem Namen von Uebersetzungen sehr schmutzige Kopien mitgeteilt worden sind.

Jones ward immer ungeduldiger seine Sophie sprechen zu können, und weil er nach wiederholten Versuchen der liebevollen Bellaston keine Wahrscheinlichkeit sah, durch ihre Vermittlung dazu zu gelangen – denn diese Dame begann vielmehr sich schon zu er zürnen, wenn er nur den Namen Sophie nannte – so entschloß er sich andre Mittel anzuwenden. Er zweifelte nicht, die Frau von Bellaston wüßte, wo sich sein Engel befände, und demnach hielt ers für wahrscheinlich, daß einer oder der andre von ihren Bedienten um dies Geheimnis gleichfalls wissen müsse. Deshalb ward Rebhuhn aufgetragen mit diesen Bedienten Bekanntschaft zu machen, um aus ihnen das Geheimnis herauszufischen.

Man kann sich wenig unleidlichere Situationen denken als diejenige, worein sich sein armer Herr nunmehr versetzt sah, denn außer den Schwierigkeiten, die sich ihm in den Weg legten, Sophie zu entdecken, außer der Furcht, worin er stand, sich ihr mißfällig gemacht zu haben, und der Versicherung, die er von der Bellaston von dem Entschluß erhalten hatte, den Sophie gegen ihn gefaßt,[76] und daß sie sich mit Fleiß vor ihm verborgen halte, eine Versicherung, die er hinlängliche Ursache hatte für wahr zu halten, hatte er noch mit einer andern Schwierigkeit zu kämpfen, welche aus dem Weg zu räumen selbst nicht in der Gewalt seiner Geliebten stand, wenn auch ihre Neigung gegen ihn noch so gütig und liebreich gewesen sein möchte. Dies war, daß er sie in Gefahr setzte von ihrem Vater völlig enterbt zu werden, und diese Folge war fast unvermeidlich, wenn sie sich vereinigten, ohne seine Einwilligung zu haben. Diese aber jemals zu erhalten, dazu war keine Hoffnung. Hierzu füge man noch die verschiedenen Verbindlichkeiten, womit die Dame Bellaston, deren heftige Verliebtheit wir nicht länger verbergen können, ihn überhäuft hatte, in solchem Maße überhäuft, daß er durch sie jetzt einer der bestgekleideten Männer in der Stadt war und nicht nur aus solchen lächerlichen Verlegenheiten, deren wir früher erwähnt haben, gerissen, sondern wirklich zu einem Stande des Ueberflusses erhoben worden war, dergleichen er vorher niemals gekannt hatte.

Nun gibt es freilich manche Herren, die es mit ihrem Gewissen ganz wohl reimen können, sich des ganzen Vermögens eines Frauenzimmers zu bemächtigen, ohne dafür die geringste Gegenleistung zu übernehmen, indessen ist für ein Gemüt, dessen Besitzer nicht geradezu den Galgen verdient, nichts lästiger, glaube ich, als aus bloßer Dankbarkeit den Verliebten zu machen, besonders wenn die Neigungen des Herzens eine entgegengesetzte Richtung genommen haben. Dies war der unglückliche Fall mit Herrn Jones. Denn wenn auch die tugendhafte Liebe, welche er für Sophie empfand und die in seinem Herzen für jedes andre weibliche Geschöpf nur sehr wenig Raum ließ, gar nicht ins Spiel gekommen wäre, so wäre er demungeachtet nicht im stande gewesen, der großmütigen Leidenschaft dieser Dame im gehörigen Maße zu entsprechen, welche ehedem freilich ein Gegenstand des Verlangens gewesen, jetzt aber wenigstens schon in den Herbst des Lebens getreten war, ob sie gleich noch alle Lebhaftigkeit der Jugend zeigte, sowohl in Kleidern als Sitten; ja, sie verstand es sogar die Rosen auf ihren Wangen zu erhalten, allein diese hatten, wie alle Blumen, die, durch Kunst getrieben, zur unrechten Zeit blühen, nicht den lebendigen, frischen Glanz, womit die Natur zur rechten Zeit ihre eigenen Kinder schmückt. Sie hatte nebenher auch noch eine gewisse Unvollkommenheit, wodurch gewisse Blumen, die sonst sehr schön ins Auge fallen, sehr unwahlfähig sind, in eine lieblich duftende Wildnis gepflanzt zu werden, und welche vor allen andern Unvollkommenheiten für einen liebeatmenden Anbeter die unangenehmste ist.

Ob nun gleich Jones alle diese niederschlagenden Dinge auf[77] einer Seite recht gut empfand, so fühlte er doch auf der andern seine Verbindlichkeit ebenso stark; er sah dabei recht gut die glühende Leidenschaft, welche ihm diese Verbindlichkeiten zugezogen, und wußte, die Dame würde ihn für undankbar halten, wenn er die außerordentliche Heftigkeit jener Leidenschaft mit gleichem Maße zu beantworten ermangelte, und, was noch schlimmer war, er selbst würde sich dafür gehalten haben. Er kannte die stillschweigend angenommene Vergeltung, wogegen alle diese Gunstbezeigungen auf ihn floßen, und da ihn seine Bedürfnisse nötigten sie anzunehmen, so, meinte er, verpflichte ihn seine Ehre, dafür den Preis zu zahlen. Dies also beschloß er zu thun, was für Herzeleid es ihm auch bringen möchte, und zwar nach eben dem großen Grundsatze des Rechts, nach welchem die Gesetze einiger Länder einen Schuldner, der seinen Gläubiger auf keine andre Weise bezahlen kann, verdammen, sich ihm zum Leibeigenen zu übergeben.

Als er eben über diese Sache nachdachte, brachte man ihm von der Dame folgenden Brief:

»Es hat sich ein närrischer aber sehr verdrießlicher Umstand zugetragen, seitdem wir uns das letztemal gesehen haben, und dies macht's unschicklich für mich, Sie wieder an eben dem Orte zu sprechen. Wenn's möglich ist, will ich's so einzurichten suchen, daß wir uns gegen Morgen an einem andern Orte sehen können. Unterdessen adieu.«

Diese Widerwärtigkeit, denkt der Leser vielleicht, war so groß eben nicht, aber, wenn auch, so ward sie schnell gehoben, denn in weniger als einer Stunde nachher ward ihm von eben der Hand ein anderes Papier gebracht, welches Folgendes enthielt:

»Ich habe meinen Vorsatz geändert, seitdem ich Ihnen geschrieben, und Sie werden sich über diesen Wankelmut nicht wundern, wenn Sie auch nur ein bißchen sich auf die zärtlichste aller Leidenschaften verstehen. Ich bin nun schlüssig, Sie diesen Abend in meinem eigenen Hause zu sehen, mag daraus entstehn was will. Kommen Sie mit dem Glockenschlag sieben. Ich esse zu Mittag auswärts, werde aber gegen die Zeit wieder zu Hause sein. Soviel sind' ich, für ein Herz das aufrichtig liebt, scheint ein Tag viel länger, als ich gedacht hätte.«

»Sollten Sie ja ein paar Minuten früher kommen, als ich da wäre, so lassen Sie sich nur ins Besuchzimmer führen.«

Die Wahrheit zu bekennen, war Jones über diese letzte Epistel nicht so vergnügt, als er's über die erste gewesen war, weil sie ihn abhielt dem dringenden Ersuchen des Herrn Nachtigall nachzugeben, mit welchem er jetzt viel freundschaftlichen Umgang zu halten begann. Dies Ersuchen bestand darin, er solle diesen jungen Herrn[78] und seine Gesellschaft nach der Komödie begleiten, wo den Abend ein neues Stück gegeben wurde, das eine ziemlich große Clique verabredet hatte auszupfeifen, weil sie den Verfasser nicht gut leiden konnten, der ein Freund von einem guten Bekannten des Herrn Nachtigall war. Und dieser Art von Neckerei, wir gestehen es ungern, hätte unser Held heute lieber vor der obbesagten gütigen Einladung den Vorzug gegeben, jedoch besiegte die Ehrliebe seine Neigung.

Wir halten es für einen Freundschaftsdienst, noch ehe wir unsern Helden zu seiner vorhabenden Zusammenkunft mit seiner Dame begleiten, die Veranlassung der beiden vorhergehenden Billete aufzuklären, weil der Leser vielleicht nicht wenig über die Unvorsichtigkeit der Dame Bellaston verwundert sein mag, daß sie ihren Liebhaber gerade in das Haus brachte, worin ihre Nebenbuhlerin wohnte.

Zuerst also: Die Eigentümerin des Hauses, in welchem die Verliebten bisher ihre Zusammenkünfte gehabt hatten, und die seit einigen Jahren einen Jahrgehalt von der Dame bezogen, war jetzt eine Pietistin geworden und war diesen Morgen zu Ihro Gnaden gekommen, und nachdem sie ihr einen derben Text über ihr vergangenes Leben gelesen, hatte sie rundaus erklärt, sie wolle um keinen Preis mehr zum Werkzeuge dienen, ihre Liebeshändel künftighin fortzusetzen.

Dieser Zufall hatte den Kopf der Dame außer aller Fassung gesetzt und in der ersten Betäubung verzweifelte sie an der Möglichkeit einen andern bequemen Ort zu finden, wo sie Herrn Jones den Abend noch sehen könnte; als sie sich aber ein wenig von der Unruhe über diesen Strich durch ihre Rechnung erholt hatte, setzte sie ihre Gedanken ans Werk; da es ihr denn zu allem Glück einfiel, Sophien den Vorschlag zu thun, sie möchte in die Komödie gehen, was alsobald angenommen, auch eine schickliche Dame zu ihrer Gesellschafterin ausgemacht wurde. Die Jungfer Honoria ward gleichfalls mit Jungfer Fahrwin auf eben die Lustfahrt geschickt und solchergestalt das Haus zur sichern Aufnahme des Herrn Jones gereinigt, mit dem sie sich eine zwei- oder dreistündige ununterbrochene Konversation versprach, wenn sie von dem Orte, wo sie zu Mittag aß, zurückgekommen sein würde; dies war in dem Hause einer Freundin, in einer ziemlich weit entlegenen Gegend der Stadt, nicht weit von dem alten Orte ihrer Zusammenkünfte; und dorthin hatte sie sich versprochen, ehe sie die große Veränderung erfahren hatte, die in den Meinungen und Sitten ihrer bisherigen Vertrauten vorgegangen war.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 3, S. 76-79.
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