Zweites Kapitel.

[238] Ihro Gnaden, Tante von Western, Charakter. Ihre große Gelehrsamkeit und Weltkenntnis und eine Probe von der großen Scharfsichtigkeit, welche sie durch jene Vorzüge erworben hatte.


Der Leser hat gesehen, wie Herr Western, seine Schwester und Tochter, nebst dem jungen Jones und dem Pfarrer, mit einander nach Hause gingen, woselbst der größeste Teil der Gesellschaft den Abend mit vieler Lust und Fröhlichkeit zubrachte. In der That war Sophie die einzige ernsthafte Person; denn was unsern Jones anlangt, obgleich nunmehr die Liebe unumschränkten Besitz von seinem Herzen genommen hatte, so setzten doch die erfreulichen Gedanken an Herrn Alwerth Genesung, die Gegenwart seiner Geliebten, und einige zärtliche Blicke, die sie von Zeit zu Zeit auf ihn zu werfen sich nicht enthalten konnte, unsern Helden in eine so hohe Stimmung, daß er an der Lustigkeit der übrigen drei teilnahm, und es waren vielleicht so frohe Menschen, als man irgend in der Welt finden konnte.

Sophie behielt am nächsten Morgen beim Frühstück noch immer ihr ernsthaftes Betragen. Sie begab sich davon früher hinweg als gewöhnlich und verließ ihren Vater und die Tante bei einander. Der Junker gab nicht acht auf die Veränderung an seiner Tochter. Die Wahrheit zu sagen, war er so etwas von einem Staatskundigen[238] und wäre auch zweimal beinahe von der Grafschaft zum Parlamentsgliede erwählt worden; bei alledem aber gab er sich mit dem Beobachten eben nicht ab. Seine Schwester war eine Dame von ganz andrem Schlage. Sie hatte Hofluft geatmet und die Welt gesehen. Daher hatte sie alle die Kenntnisse erworben, welche besagte Welt gewöhnlich zu erteilen pflegt, und verstand sich vollkommen auf Manieren, Gebräuche, Zeremonien und Moden; damit war aber ihr Gelehrsamkeit noch nicht zu Ende. Sie hatte durch Studieren ihren Geist gar merklich aufgeklärt; sie hatte nicht nur alle neuen Dramen, Opern, Oratorien, Musenalmanache und Romane gelesen, worin sie kritische Einsichten zeigte, sondern sie hatte sich auch durch Rapins Geschichte von England, Rollins griechische und römische Historien und noch viele andre französische Mémoires pour servir à l'Histoire hindurchgearbeitet. Zu diesen hatte sie noch die meisten Journale, Hefte und Wische über Staatssachen, die seit den letzten zwanzig Jahren geschrieben worden, hinzugefügt. Durch alles dieses hatte sie sich eine nicht geringe Einsicht in die Politik erworben und konnte sehr gelehrt von den Affairen in Europa diskurieren. Sie war überdem noch außerordentlich wohlgeschickt und erfahren in der Lehre von der Liebe und wußte besser als irgend sonst ein Mensch, wer und welche sich gut mit einander ständen, eine Wissenschaft, welche sie sich um so leichter erwarb, weil sie in ihrer Nachjagung durch keine eigene Liebesaffairen aufgehalten oder zerstreut wurde, denn entweder hatte sie keine solchen Triebe, oder es hatte sich keiner darum beworben; welches letzte sehr wahrscheinlich ist, denn ihre mannhafte Person, die eine Länge von ungefähr sechs Fuß hatte, zusammengenommen mit ihrer Manier und mit ihrer Gelehrsamkeit, mochten vielleicht das andre Geschlecht abhalten, sie, ungeachtet ihrer langen Kleidung, für eine wirkliche Dame anzusehen. Da sie unterdessen die Sache wissenschaftlich betrachtet hatte, ob sie gleich niemals bis zur Ausübung gelangt, so kannte sie alle Künste, welche vornehme Damen anwenden, wenn sie gesonnen sind, einem Liebhaber Mut zu machen, oder wenn sie ihre Schwachheiten verhehlen wollen, nebst alle dem langen Register von Lächeln, Liebäugeln, Seitenblicken, Fächerwinken u.s.w., so wie solche dieser Zeit in der Beau-Monde in Brauch und Uebung sind. Summa Summarum, keine Art von Verstellung oder Affektation war ihrer Aufmerksamkeit entwischt; aber die klaren, kunstlosen Wirkungen der unverderbten Natur hatte sie niemals gesehen und also wußte sie davon ungefähr so viel als gar nichts.

Vermittelst dieser wundervollen Einsicht hatten Ihro Gnaden, Fräulein von Western, um diese Zeit, wie Dieselben nicht anders meinten, eine gewisse Entdeckung in Sophiens Herzen gemacht.[239] Den ersten Wink dazu nahmen Dieselben aus dem Betragen des jungen Fräuleins auf dem Schlachtfelde. Und der Argwohn, welchen Ihro Gnaden daselbst faßten, ward durch gewisse Beobachtungen, welche Sie den Abend noch gemacht hatten, gar merklich bestärkt, sowie auch des nächsten Morgens beim Frühstück. Unterdessen da Dieselben gegen einen Irrtum in vielerlei Sachen gar sehr auf Dero Hut waren, so hatten Sie das Geheimnis ganzer voller vierzehn Tage im stillen mit sich herumgetragen und hatten sich davon bloß durch einen in lächelnde Falten gezogenen Mund, durch Augenwinke, Achselzucken und Kopfschütteln nur so ganz von ferne etwas merken lassen; hatten auch wohl dann und wann so ein Wörtchen fallen lassen, welches Sophien allerdings genug beunruhigte, vor hoch Dero Bruder aber so ganz unbemerkt zur Erde fiel.

Nachdem aber Ihro Gnaden von der Richtigkeit Dero Bemerkungen aufs zuverlässigste überzeugt waren, nahmen Dieselben, als Sie sich eines Morgens mit Dero Herrn Bruder tête à tête befanden, die Gelegenheit wahr, ihn in seinen musikalischen Uebungen, ein Lied mit dem Munde zu pfeifen, durch folgende Anrede zu unterbrechen:

»Mon cher frère! haben Sie nicht seit einiger Zeit etwas Außerordentliches an ma Nièce bemerkt?« – »Wüßte nicht!« antwortete Junker Western. »Sollte dem Mädchen was fehlen?« – »Ja, so meine ich,« antwortete sie, »und zwar etwas von großer Konsequenz.« – »Was? Sie klagt doch wohl über nichts!« schrie Western. »Die Blattern hat sie ja gehabt.« – »Mon frère,« versetzte sie, »junge Mädchen, wenn sie gleich die Blattern überstanden haben, sind gleichwohl noch andern und vielleicht noch viel schlimmern Krankheiten ausgesetzt.« Hier fiel ihr Herr Western sehr ernsthaft in die Rede und bat sie, wenn seiner Tochter irgend was fehlte, möchte sie es ihm doch augenblicklich sagen, und fügte hinzu: sie wüßte ja, er liebte seine Tochter mehr als seine eigene Seele, und wie er bis ans Ende der Welt schicken wollte, um ihr den besten Arzt zu verschaffen. – »Nun, nun!« antwortete das gnädige Fräulein mit schalkhaftem Lächeln, »so fürchterlich ist die Krankheit nun wohl nicht; doch glaube ich, mon cher frère, Sie sind überzeugt, ich kenne die Welt, und dich versichere Ihnen, ich wäre in meinem Leben nicht ärger getäuscht worden, wenn ma Nièce nicht unsterblich verliebt ist.« – »Was, was?« schrie Western ganz zornig, »verliebt! verliebt! ohn' mich zu fragen? Enterben will ich ihr! Aus dem Hause will ich ihr stoßen, wie sie geht und steht, ohne 'nen roten Heller. Hab' ich das vor alle mein' Güte? vor mein' väterliche Liebe? daß sie sich verliebt, ohne mich um mein'[240] väterliche Einwilligung zu bitten!« – »Aber, mon frère,« antworteten Ihro Gnaden, Fräulein von Western, »werden doch Ihr Fräulein Tochter, die Sie mehr lieben als Ihre eigene Seele, nicht aus dem Hause stoßen, bevor Sie wissen, ob Sie die Wahl des Fräuleins billigen oder nicht? Wie wär's nun, wenn sie auf ebendieselbe Person verfallen wäre, die Sie selbst gewünscht hätten, mon frère? Dann würden Sie doch nicht böse darüber sein, hoffe ich.« – »Näh, näh!« schrie Western, »wenn's das ist, so wär's ganz was anders. Wenn sie den Mann nimmt, den ich haben will, so mag sie lieben wen sie will, meinethalben!« – »Das heiß' ich sprechen,« antwortete die Schwester, »wie ein Mann von Vernunft! Aber ich glaube, eben der Mann, den sie gewählt hat, würde eben der Mann sein, den mon frère für sie wählt. Allen Anspruch auf meine Weltkenntnis gebe ich auf, wenn es nicht so ist; und doch glaube ich, mon frère werden gestehen, daß ich die Welt so ziemlich kenne.« – »Nu, siehst du, ma soeur!« sagte Western, »will nicht leugnen, daß du so viel hast, als immer 'en ander Weibsbild, und freilich sind sowas Weibersachen. Weißt wohl, daß ich's nicht leiden kann, wenn du von Staatssachen schwätzest; die gehören vor uns, und Haub' und Schürz' sollt'n sich nicht drinn mengen! Aber, komm, komm, wie heißt der Mann?« – »En sérieux mon frère!« sagte sie, »Sie können ihn selbst ausfindig machen, wenn Sie belieben. Ihnen, als einem so großen Staatskundigen, kann das nicht schwer sein; dem seinen Verstande, welcher bis in die Kabinette der Prinzen dringt und die verborgenen Springfedern entdecken kann, welche die großen Staatsräder in allen politischen Maschinen von ganz Europa in Umtrieb setzen, dem muß es nur ein Geringes sein, dasjenige ausfindig zu machen, was in dem rohen, unerfahrenen Gemüt eines Mädchens vorgeht.« – »Schwester, Schwester!« schrie der Junker, »wie oft hab' ich dich gewarnt, mir nicht mit deinem Hofplauderschnack zu kommen. Ich sag' dir's, ich versteh' das Wischi Waschi nicht, aber ich kann 'en Journal lesen und meinen Relator refero. Freilich kommt hin und wieder ein Versch vor, den ich nicht ganz auswendig verstehe, weil die Buchstaben oft abblitzen; aber ich weiß wohl, was der Kerl damit will, daß er den Baum auf beiden Schultern trägt und er's mit niemand verderben darf.« – »Mon frère, mich dauert Ihre krasse Unwissenheit von ganzem Herzen!« rief die Dame. – »So? thust du?« antwortete Western, »und ich, ich bedaure dein Hofgeträtsch! Ich weiß nicht, was ich nicht lieber sein wollt', als so 'en Hofsternschlepper und Presbyterianer, und so einer, der 's mit 'm ausländ'schen König hält, wie gewisse Leute, wie ich glaube.« – »Wenn Sie mich meinen,« antworteten Ihro Gnaden, »so wissen Sie, ich bin eine Dame, mon[241] frère und es hat nichts zu bedeuten, was ich bin. Ueberdem« –»Weiß wohl, daß du ein Weibsbild bist,« schrie der Junker, »ein Glück ist's für dich; wärst du 'n Mann, verzeih' mir die Sünde, hätt'st schon längst 'ne Dachtel hinter die Löffel, glaub's nur.« – »Ach! da haben wir's!« sagte sie, »in deinen Dachteln hinter die Löffel steckt alle eure eingebildete Oberherrschaft. Eure Fäuste, und nicht euer Gehirn, sind stärker als die unsrigen; glaub' mir der Herr, 's ist ein Glück für die Herren der Schöpfung, daß sie die bäurische Stärke haben, uns zu schlagen, oder wir würden aus euch allen machen was der Tapfere und Weise und Witzige und Höfliche schon ist – unsre Sklaven.« – »Wohl, wohl!« antwortete der Junker, »daß ich weiß, wo ihr 'naus wollt! Aber wollen 'en andermal von der Sache sprechen; jetzund sag' mir nur, wie der Mann heißt, den du meinst mit meiner Tochter.« – »Nur einen Augenblick Geduld,« sagte sie, »daß ich erst die große Verachtung, die ich für das Mannsgeschlecht habe, verdauen kann. Ich möchte sonst dem Herrn Bruder vor Aerger nicht antworten können. So, da! – ich hab' mir Müh' gethan, es zu verschlucken. Und nun, mein guter Herr von Staatsmann, was denken Sie vom Junker Blifil? Fiel sie nicht in Ohnmacht, als sie ihn atemlos zu Boden liegen sah? Und ward sie nicht bleich und blaß den Augenblick, als wir wieder an den Ort kamen, da er wieder aufgestanden war und sie seiner ansichtig ward? und, wenn ich bitten darf, was wäre sonst die Ursache von aller ihrer Melancholei des damaligen Abends beim Souper, des nächsten Morgens, und kurzum die ganze Zeit nachher gewesen?« – »Beim Sankt Jürgen und allen Lindwürmern!« schrie der Junker, »du erinnerst mich d'ran! 'ch weiß alles auf 'en Haar, nun! Mein Seel! so ist's, und 's ist mir lieb von ganzem Herzen. Wußt's wohl, Fiekchen ist 'en gutes Mädchen, und konnt' sich nicht verlieben, mir 'en Aerger zu machen. In meinem Leben hab' ich mich nicht so gefreut; denn, sieh nur! Nichts kann so wacker bein' ander lieg'n, als unsre Feldmarken. Schon manch' liebe Zeit hat mir's Ding im Kopf 'rum gelauf'n. Denn sieh nur, mein Seel! die beiden Güter sind schon sozusagen mit enander versprochen und verheiratet, und 's wär jammer und schad', wenn's geschieden werden sollten. 'S ist wohl wahr, 's gibt größere Güter im Lande, aberst nicht in dieser Grafschaft, und 'ch will lieber mit was wenigern vorlieb nehmen, als mein' Tochter unter fremd' und ausländische Leute verheiraten. Ueber und darzu sind die großen Güter in Händen von dem Grafen- und Baronzeug, und ich hab'n Satan von allen den Hansen! Nu gut, Schwester! was ist's, was rätst mir? denn 'ch sag' dir ja, Weiber verstehen derlei Sachen besser als wir!« – »O votre servante très[242] humble Monsieur!« antworteten Ihro Gnaden, das Fräulein von Western. »Wir sind Ihnen wohl sehr verbunden, daß Sie uns in irgend einer Sache Kapazite zugestehen. Weil Sie also geruhen, mon très politique frère, mich um meinen Rat zu bitten, so wäre meine Meinung, Sie trügen selbst diese Verbindung dem Herrn Alwerth an. Es ist kein Indekorum dabei, von welcher Seite der Eltern die Proposition gemacht wird. Der König Alcinous, in Monsieur Popens Odyssee, bietet dem Ulysses seine Tochter an. Ich habe wohl nicht nötig, hoffe ich, einem so staatsklugen Herrn zu insinuieren, daß er eben nicht zu sagen brauche, seine Tochter sei in den Junker verliebt! das wäre freilich gegen alle Regeln des Wohlstandes.« – »Gut, gut,« sagte der Junker, »will's vorschlagen, aber gewiß gebe ich 'n ene Dachtel hinter die Löffel, wenn er nicht gleich Topp sagt.« – »Unbesorgt für das, mon frère,« riefen Ihro Gnaden, Fräulein Western, »die Mariage ist zu vorteilhaft, um sie zu refüsieren.« – »Ja, wer weiß?« antwortete der Junker. »Alwerth ist ein albern Querkopf und geht verdammt geschlossen, und Geld thut 'n nichts.« – »Mon frère,« sagte die Dame, »ich erstaune über Ihre wenige Politik, lassen Sie sich denn wirklich durch das blenden, was die Leute sagen? Meinen Sie denn, daß Herr Alwerth mehr Verachtung für's Geld hat, als andre Leute, weil ihm das so zu sagen beliebt? Eine solche Leichtgläubigkeit würde uns schwache Werkzeuge besser kleiden, als das weise Geschlecht, welches der Himmel zu Staatsmännern gebildet hat. En verité, mon frère, Sie würden einen feinen Minister plénipotentiaire an einem fremden Hofe abgeben, um einen Frieden zu negoziieren. Sie würden sich bald überreden lassen, daß man aus bloßen defensiven Grundsätzen Städte und Festungen wegnähme.« – »Schwester,« antwortete der Junker mit großer Verachtung, »laß deine Freunde bei Hofe sich um die Städte bekümmern und Festungen, die sie uns wegnehmen, weil ein Weibsen bist und keinen Bart hast, will ich dir's zu gute halten, denn ich sollte meinen, sie wären weiser, als Weibern Geheimnisse vertrauen.« Er begleitete dieses mit einem so verächtlichen Lachen, daß Ihro Gnaden, Fräulein von Western, es nicht länger aushalten konnten. Diese Dame war die ganze Zeit über schon an ihrer empfindlichsten Seite geneckt worden (denn sie war wirklich in dieser Materie sehr gründlich erfahren, und verstand darüber gar keinen Spaß), und geriet daher in nicht geringe Wut, erklärte, ihr Bruder sei ein Tölpel und Dummkopf, und sie wolle keinen Augenblick länger in seinem Hause bleiben.

Der Junker, der vielleicht niemals den Machiavell gelesen hatte, war dennoch in manchen Punkten ein vollkommener Staatsmann. Er hielt steif und fest an den weisen Grundsätzen, welche in der[243] Schule der peripatetischen Politiker am Börsengange so eindringlich gelehrt werden. Er kannte den wahren Wert und einzigen Gebrauch des Geldes, nämlich es anzuhäufen. Ebenso war er auch sehr wohl erfahren in der genauesten Wahrscheinlichkeitsberechnung von Leibrenten, Tontinen, Erbschaften, Heimfällen u.s.w. und hatte schon oft den Belauf der Nachlassenschaft seiner Schwester berechnet, nebst der Wahrscheinlichkeit, die er oder seine Nachkommenschaft hatte, solche zu erben. Diese einem nichtsbedeutenden Zwiste aufzuopfern, dazu war er unendlich viel zu weise. Sobald er also fand, daß er die Sache zu weit getrieben habe, so sann er d'rauf, wie er's wieder ins Feine bringen möchte, was denn auch deswegen eben nicht viel Schwierigkeiten kostete, weil die Dame eine große Neigung zu ihrem Bruder, und eine noch größere zu ihrer Nichte hegte; und ob sie gleich gegen eine Geringschätzung ihrer Geschicklichkeit in der Staatswissenschaft, auf welche sie sich nicht wenig zu gute that, vielleicht ein bißchen gar zu empfindlich sein mochte, so war es doch übrigens eine Dame von äußerst gutem und nachgebendem Gemüt.

Nachdem er also vor allen Dingen gewaltsame Hand an die Pferde gelegt hatte, für welche kein andrer Weg aus dem Stalle übrig blieb als durch die Fenster, so machte er sich selbst an seine Schwester, besänftigte und beschwichtigte sie dadurch, daß er alles wieder zurücknahm, was er gesagt hatte, und daß er gerade das Gegenteil von dem behauptete, was sie so in Zorn gejagt hatte. Zuletzt bot er noch Sophiens Beredsamkeit zu seinem Beistand auf, welche außer einem höchst anmutigen und einschmeichelnden Wesen noch den Vorteil hatte, daß ihre Tante sie ungemein gerne und mit Vorliebe reden hörte.

Die Wirkung von alledem war ein gnädiges Lächeln, abseiten Ihro Gnaden des Fräuleins von Western, welche sagten: »Mon frère, Sie sind wirklich ein leibhaftiger Kroat; indessen, weil diese auch in der Armee der Kaiserin Königin gebraucht werden, so haben Sie gleichfalls noch einiges Gute an sich. Ich will daher noch einmal einen Friedenstraktat mit Ihnen unterschreiben; nur seh'n Sie zu, mon frère, daß Sie solchen Ihrerseits nicht durchlöchern; wenigstens darf ich erwarten, weil Sie ein exzellenter Staatsminister sind, daß Sie die Traktate nicht eher brechen werden, als bis Sie dabei Ihren ungezweifelten Vorteil seh'n.«

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 1, S. 238-244.
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