[Erste Version]

[823] In der weis, Nun welche je, etc. oder Regine thon.


1.

Frolock, o Tochter Zion, fast

erjauchz, du Christlich gmeinde!

Es kommt dir jtz der werde gast,

dein Bräutgam vnd dein freunde.

Freu dich mit dem,

Jerusalem!

dein König kommt, on zirde,

Doch gnadenreich,

eim heiland gleich,

empfangt jhn mit begirde.


2.

Gantz sehr demütig kommet er,

das er dich nicht erschrecke,

Geritten auff eim füllen her,

das er sein macht verdecke:

Aber jdoch

so sigt er noch,

vnnd richtet auff mit freuden

Durch demut gros

sein reich on mos,

das ist ein sighafft reuten


3.

Dan also will ich, spricht der Herr,

die gotlosen ausrotten,

Der hohen pferd vnd jr gesperr,

da ist der stoltzen, spotten:

Ir vngestüm

vnd grossen grimm

soll er allein erlegen

Mit seiner stimm,

das niemand rüm

vor Got etwas vermögen.


4.

Sein demut jren pracht vernicht,

sein geist jr fleisch verachtet,

Sein predig jr streitbogen bricht,

jr ratschlag er verlachet,

Dieweil er lehrt

frid auff der erd

durchs Evangeli frone,

Nachts gwissen frej

durchn glauben neu,

vor Got fridsam zustone


5.

Vnnd wiewol er ist fridlich still,

noch wachßt sein reich behende,

Auch wider der Tirannen will,

bis an der welt jr ende,

Vō einem Meer

zum andern sehr

in Inseln kommt es auffe,

Das macht, man kan

nicht widerstan

seim Wort welchs hat den lauffe.[823]


6.

Durch das blut seines Bunds so theur

lößt er die gfangnē aussen

Von der gruben sehr vngeheur,

darin kein wasser saussen,

Sond' voll not,

voll sünd vnd tod

vnd allem greuel ware:

Die hat er nun

durch sein gnugthun

zerstört, befridigt gare.


7.

Derhalben seit des sigs vernügt,

jr arm beträugte leute!

Ir die auff hoffnung gfangen ligt,

kehrt zu der festung heute!

Besitzet sie

in glauben hie,

so bleibt jr sighafft Helden,

Dan er verkünd,

heut sei er gsint

dirs doppel zuvergelten.


8.

Jauchtz, Tochter Zion, spricht der Herr,

dan ich dein kinder wille

Erwecken vber alle ferr,

das ichs mit gnad erfülle,

Will stellen dich

gantz sicherlich

gleich wie eins Risen schwerdte,

Welchs jm nimand

nimmt aus der hand,

dan mein wort ewig wärte.


9.

Der Herr der wird erscheinen auch

vber die kind' seine

Dz er sie zu Apostlen brauch

die sein wort lehren reine:

Der HERR der würd,

wie sich gebürt,

die Posaun als dan blasen

Vnd tretten her

wie wetter schwer

die sich vom mittag lassen.


10.

Der Herre der herscharen, Gott,

der wird sie selbst beschirmen,

Das sie durch sein wort vnd gebot

verzeren als vnd stürmen

Vnd vnder sich

gewaltiglich

die schläuderstein bezwingen

Vnnd girend sein

wie neuer wein:

dem eckstein mus gelingen.


11.

Dan in seim land vnd in seim reich

da werden auffgerichtet

Heilige stein, den kronen gleich,

die von jm han das lichte:

Was han sie dan

guts zu voran[824]

vnd schöns vor andern mehre?

Das Korn, den most,

Gots wort vnd Trost,

dz stärckt jr jugend sehre.


12.

Nun disen most vnd dises korn,

dz Evangeli tröstlich,

Bringt dir sanfftmütig vnd on zorn

heut vnser Christus wäslich:

Derhalben vff!

nun frölich ruff,

du Christlich kirch zusammen,

›Hossanna sehr,

gelobt sej der

so kommt ins Herren namen!‹

Quelle:
Philipp Wackernagel: Das deutsche Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des XVII. Jahrhunderts, Leipzig 1874, S. 823-825.
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