Eilftes Kapitel.

[80] Indessen hatte das Kammermädchen wenige Minuten nachher ihr Bette verlassen, um den[80] Offizier selbst zu besuchen. Die Schönen sind in solchen Augenblicken sehr ungeduldig, und glauben, die Gelegenheit bei den Haaren fassen zu müssen.

Sie verließ ihr Zimmer, und tappte sich glücklich in das seinige. Allein sie fand die Thüre verschlossen, denn ihr Platz war besetzt. – Welcher Irrthum! dachte sie: bald hätte ich die Herrschaft aufgeweckt! – wenige Schritte, und sie war in dem Zimmer des Grafen.

Sie fand das Bette, legte sich unbemerkt neben ihn, und erweckte ihn durch Liebkosungen. Er hielt sie anfangs für die Gräfin, aber ihr stärkerer Gliederbein erinnerte ihn an Riekchen. – Sie ist es! dachte er, und schloß sie mit Entzücken in seine Arme. – Wie schön, rief er: daß du mich allein findest! Geschwinde die Thüre zu! Madame kann auf dem Gange logiren.

Das Mädchen war zu weit gegangen, um wieder zurück zu können, auch hatte sie wahrlich keine Lust dazu. – Mir zu gefallen! dachte sie: es soll sich nun einmal so schicken. – Ohne ein Wort zu sagen, ließ sie den Grafen seine Rolle spielen, und fand den trefflichsten Acteur in ihm.

Allein am Ende verließ ihn die Sprache, und er mußte auf einmal abtreten. Freilich hätte[81] sie noch ein bischen zuhören mögen; aber wer konnte es ändern? Er hatte bereits die halbe Nacht gesprochen. Sie ließ ihn schlafen, und dachte darauf, sich fortzuschleichen; aber es war unmöglich, die Thüre aufzumachen.

Quelle:
Christian Althing: Dosenstücke, Rom; Paris; London [o.J.], S. 80-82.
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