Lotte

Eine Lebensidylle

[136] Aus den Jahren 1893 und 1894
[137]


»Es ist ein stetes Wunder-Erleben!

es ist ein stetes Rätsel-lösenwollen!«
[138]

Ein Jahr ...

ein ganzes Jahr nun ist es schon, daß du da herumkrabbelst und uns anlachst aus deinen dunkeln Augen, wie eine große Frage, verwundert und rätselhaft, als sollten wir dir Antwort geben, und ohne daß du selber doch etwas erzählen könntest oder von dir wüßtest oder daß wir mehr wüßten, als am ersten Tag ...

und wenn wir noch so gerne etwas herauslocken möchten aus dem Geheimnis deiner kleinen Seele und wenn wir noch so gern die Traumschleier lüften möchten, aus denen uns dein Leben zulächelt und noch so oft Guck-guck! und Gib's-Händchen! mit dir spielen ...

eine Frage ... das ganze Geschöpfchen!
[139]

Niemand aber wird sie lösen,

bis du sie selber lösest, wenn der Sonnenschein dich so weit gebracht hat, daß es in dir auseinandergeht und sich auffaltet, leis und heimlich, Blättchen um Blättchen, wie bei einer Knospe, wenn Mai und Juni sie umschmeichelt.

bis du aufwachst eines Morgens und dich in deinen Kissen aufsetzt und über dich selber erstaunt neugierig in die Welt lachst: Ja, da bin ich! die Lotte! und nun ... los!


Statt einer Frage aber sind es dann hundert und tausend ... und jedes Wort und jeder Blick ist wieder eine neue!

und ... nur ein paar Monate noch vielleicht, frühling- und mai-wärts! ...

Aber du brauchst nicht zu eilen! und wenn Vater und Mutter noch so gern dich früher wachküssen möchten, ihre Namen von dir zu hören und Menschenfreude an dir zu haben ...

schlaf ruhig weiter noch ein Weilchen! schlaf ruhig weiter noch in deinen Geheimnissen und[140] Fragen! träume ruhig weiter noch in deinen Rätseln und laß dich nicht wecken!

es ist Torheit, zu frühe zu sein! ... es erfüllt sich alles ganz von selbst zu seiner Zeit!

Ein Jahr ist es ja schon und das Leben vor dir ist noch lang genug, weiß Gott! ... obschon es dir verränne, wie ein kurzer Mai, wenn alles käme, wie man dir wünschte! wenn alles würde wie man dir gönnte!


Zehn Jahre später ...

und du bist ein großes Mädchen, gesund, rotwangig, mit blitzenden Augen im Kopf, mit langfliegenden Zöpfen und wie deine Mutter heute dir Wiegenlieder vorsingt, so singst du sie deinen Puppen ...

und du gehst in die Schule, kannst längst schon lesen, schreiben und rechnen, und bist fleißig und lustig und voll Schelmerei und Ausgelassenheit ...

doch

auf einmal auch befangen wieder und verlegen,[141] schämig, scheu und schüchtern, als erschreckest du vor all dem Wunderbaren, das sich um dich breitet und aus der eigenen Seele sich vor dir enthüllt ...

Leis und heimlich, wie das Frührot über die Berge dämmert und die Sterne erblassen macht, drängt sich das Leben in deine stille Traulichkeit

und voll Furcht und doch voll Neugier wieder stehst du in dem Tagwerdenwollen um dich her und mit immer süßerem Bangen zittert dir das Wachwerden der Liebe durch das horchende Herz.


Von uns allen freilich, denen du jetzt die Ärmchen entgegenreckst, wird wohl keines mehr um dich sein. In alle Weltgegenden wird es uns auseinander getrieben haben ... wie gerade der Sturm kam ... südhin und nordhin.


Dein Vater aber erzählt dir dann und wann wie es gewesen, damals, als du auf die Welt kamst ...

wie wir beieinander waren ...

Sonntags ...[142]

in der kleinen Balkonstube der Großmutter, und Schach spielten ... und Patiencen legten ... und Lieder sangen ... oder das Heil der Zeit erwogen und große Reden redeten ... oder ... von Manuskripten sprachen, die wir wieder einmal zurückbekommen hatten ...

immer lustig und vergnügt ... trotz allen Sorgen und Enttäuschungen ...

und wie wir zusammen lebten ... gehetzt und verfemt, aber froher Hoffnung in der Zukunft, wie die ersten Christen in Rom, und miteinander teilten, was wir hatten und uns Trost zusprachen und Glauben und uns in unseren Idealen wieder bestärkten, wenn wir mutlos geworden waren: uns durchzukriegen durch den Alltag lumpigen Lebenmüssens!


Und noch einmal zehn Jahre

und es sind tausend Wochen und du bist zwanzig.

Du gehst nicht mehr in die Schule, spielst[143] nicht mehr mit Puppen, läßt nicht mehr die Zöpfe fliegen ...

du bist Fräulein

und trägst lange Kleider ...

längst schon!

und hast einen kleinen Ring am Finger und nähst ... an deiner Aussteuer ...


Es ist Tag geworden ... In blendendem Goldglanz klomm die Sonne über den Horizont und mit lauter Lerchenliedern jubelt es aus deiner Brust ihr zu. In flimmernder Taupracht blitzt der Morgen über das erwartungsstille Tal ... die letzten Schleier der Nacht lösen sich von den Hängen und in bebendem Verlangen treibt und drängt und quillt und schwillt es ihm entgegen, mit tausend Knospen und Blüten ... voll Furcht und doch voll Sehnsucht, geküßt zu werden und aufblühen zu dürfen ...


Am Garten vorbei ziehn singende Burschen ihres Weges in die Weite ... und bei deinen Weißdornhecken[144] bleibt einer stehn und scherzt zu dir herüber und schwingt sich über den Zaun und lacht und tollt dir nach und faßt dich und küßt dich und du ... du küßt ihn wieder ... selig, überselig.


Und ihr sitzt vielleicht wiederum in einer Balkonstube und kichert miteinander, oder ihr singt euch was am Klavier ... oder ... zankt euch auch, wie Brautleute sich zanken: ob Kinder mit Strenge oder mit Güte zu erziehen ... oder ihr beratet, wie dies und jenes einzurichten wäre und wie dies und jenes gemacht werden könne ... am besten und am billigsten ...

und wenn die Mutter einmal meint: das sei unpraktisch! dann heißt es, gerade wie sie zwanzig Jahre vorher selber sagte:

»Nun ja, zu deiner Zeit, Mutterchen! aber seitdem, weißt du ... seitdem ist die Welt ganz anders geworden! zu deiner Zeit war man noch nicht so weit und Eisenbahnfahren und Dampfschiff war noch was Merkwürdiges!«[145]

Oder ...

der Vater kommt heim ... aus der Stadt ... er hat längst schon weißes Haar ... und hat einen Jugendfreund getroffen, einen von uns vielleicht ... und er kommt ins Erzählen: von damals ... als du noch klein warst ...

und du holst ein vergilbtes Photographiealbum und ihr zeigt euch die Bilder, die wir von dir gemacht ... und du lachst: wie man so klein sein könne und so dumm aussehen! und heut seiest du doch viel hübscher! und wie du nie still gehalten hättest und was du für ein Wildfang gewesen, dem kein Zaun zu hoch und keine Mauer zu steil ...

und dein Liebster drückt dir heimlich die Hand unterm Tisch und legt den Arm um dich: aber er ... habe dich doch eingeholt! und ein paar Monate noch und ...

und die Welt liegt vor euch in der goldenen Sonnenfreude eures Glücks, mit wogenden Feldern und duftenden Wiesen und rauschenden Strömen und blauen Seen ... endlos offen ...[146] wie ein großer Gottessonntag ... von seligen Liedern durchjauchzt.


Und wiederum zehn Jahre später ...

hast du längst selber so ein kleines Ding um dich herum, oder zwei oder drei, wie du jetzt selbst noch bist ... das dich anlacht, aus seinen dunkeln Augen, wie eine große Frage, aus lauter Geheimnissen und Rätseln und Wundern heraus, und du stehst, wie wir heute vor dir, und möchtest sie lösen.


Die Welt ist anders geworden ... es sind andere Dinge und andere Menschen und doch ist alles, wie heut und immer!


Wie deine Mutter einst mit dir, spielst du nun mit deinen Kindern, und kommen sie in der Dämmerstunde und wollen Geschichten erzählt haben ... kramst du ein altes, zerrissenes Märchenbuch hervor, das einer von Großvaters Freunden damals gedichtet.[147]

Wie lang das nun her ist! Herrgott! ... damals ... ja! als der Großvater die Großmutter nahm ...

Und besucht dich eines von uns einmal, so hinkt ein altes Männchen in die Türe, wie dein Vater ... mit schneeigen Haaren, wackelig und zitterig ... oder ein altes Frauchen, gebückt und mit Schrumpeln im Gesicht, wie deine Mutter ... müde von dem weiten Weg, den es nachgerade gemacht hat, fünf und sechzig Jahre weit vielleicht ...

und du schickst deine Jungens, die Großeltern zu rufen: es sei Besuch gekommen ... Tante Emmy!

O! und es gibt eine Freude bei den alten Leutchen, kaum zu sagen ... Sie umarmen einander und küssen sich und weinen ... wie Kinder oder als ob ... jemand gestorben sei!

Gestorben freilich sind viele! es ist ja auch lang genug her! ›Dreißig, vierzig, fünfzig Jahre wird's ja wohl sein, Emmy? ... hätten wir auch nicht gedacht, damals ... und als die Lotte kam! Ja, ja! ... ja, ja! ... zur Feier des Tages aber[148] wollen wir heute noch einmal jung sein und ... und ...‹

Und dein Mann, Lotte, macht eine Bowle und sie stoßen zusammen an und trinken, ›auf damals!‹ ... und fragen und reden und erzählen ...

›und wie dumm man eigentlich war, mitunter! und wie unnütz man sich das Leben verärgerte! ... und wie hoch wir alle hinausgewollt! ... und was aus dem und dem geworden!? ... ja, und wie es aber doch schön war, alles! trotz allen Sorgen!‹

Doch es klingt immer leiser und zuletzt nur: »Weißt du noch?« wenn du mit deinem Jüngsten auf dem Arm ins Zimmer trittst, ihn zu zeigen, und Guck-Guck! und Gibs-Händchen! mit ihm machst ...

und der Großvater geht vielleicht ans Klavier, was er schon ewig lange nicht mehr getan ... und spielt ein Liedchen. Aber es klappt nicht recht und gefällt auch niemand mehr ... es ist viel zu altmodisch! nur Tante Emmy kann sich noch etwas dabei denken ... ihr andern langweilt euch.[149]

Und wenn sie dann aufbrechen, bringt ihr sie ein Stückchen ... heimlich aber sagst du zu deinem Mann: »ich bin doch froh, daß wir noch jung sind ... es ist nichts mit so alten Leutchen!« ...


Die alten Leutchen freilich sind wir gewesen, Lotte, die dich aus der Taufe hoben,

und ...


Und abermals zehn Jahre ...

und du hast auch schon wieder eine, die nicht mehr mit Puppen spielt und nicht mehr in die Schule geht und die Zöpfe fliegen läßt ... die lange Kleider trägt und ein Ringlein am Finger und an ihrer Aussteuer näht ... und abends kommt ihr Liebster und ihr sitzt in einer Balkonstube und die zwei kichern miteinander und beraten, wie das und das wohl einzurichten wäre ... es könne auch mehr kosten, wenn's nur schön würde ... Papa habe ja gespart!

und das Leben liegt vor ihnen, licht und frühlingsherrlich,[150] mit wogenden Feldern und duftenden Wiesen und rauschenden Strömen und blauen Seen ... endlos offen ... wie ein großer Gottessonntag ... von seligen Liedern durchjauchzt.


Es ist alles anders als damals und doch wieder: wie heut und immer.


Von uns natürlich ist niemand mehr da. Wir sind zu müde geworden allmählich und sind ausruhen gegangen ...

Du aber bist noch jung, im schönsten Sommer. In roten Rosen glüht die Welt. Aus tiefblauem Grunde tropft die Sonne ihr Gold über das reifende Land. Ährenschwer rauscht das Korn durch die weite stille Mittagsruhe, wenn ein heimlicher Wind aufwallt und mit durstigen Lippen sich an ihm satt trinken will, und leise in den Hecken lockt ein Vogelruf ...

Und wenn dir auch zuweilen ist, als klinge es wie Sichelklang in der Ferne und als röte sich das Laub schon an den Bergabhängen ...

noch ist es Sommer! ...[151]

Und klingt der Klang der Sicheln dann auch immer näher und klingt der Ruf des Vogels immer ferner und schleiern sich allmählich auch Nebel über die Wiesen und zittert jene Wehmut des erfüllten Wunsches, jene Wehmut des Glücklichseins dir immer lauter durch die Brust, mit ihrer Sehnsucht: dich wieder sehnen zu dürfen, wieder säen zu dürfen, nicht nur ernten ...

dann lachen deine Kinder jubelnd ihren jungen Frühling dir entgegen.


Und bist du sechzig ...

machst du vielleicht wiederum Guck-guck zu solch einem Geschöpfchen, wie du heute selber noch bist ... das dich anlacht aus seinen dunkeln Augen, wie eine große Frage ...

aber: als Großmutter ... zu einem Enkelchen!


Es ist Oktober geworden, still und kühl und kahl und kalt draußen, und Blumen gibts nur noch beim Gärtner, und der Himmel ist grau und[152] droht mit Schnee, und es friert dich und fröstelt dich ...

und die Welt und die Menschen sind so anders als früher ... du kannst dich kaum mehr zurecht finden ...

es lohnt sich auch nicht mehr! und du läßt den Dingen ihren Lauf!


Zu dem einen Enkelchen aber sind mehr gekommen, Buben und Mädchen ...

und du flüchtest dich vor ihrem Lärm auf dein Zimmer ... eingerichtet, wie es dir behagt und wie mans früher hatte, gemütlicher als jetzt mit all den tausend neuen Erfindungen und ›Verbesserungen‹: ein paar Stücke aus deiner Brautzeit, ein Schrank, ein Lehnstuhl, von deiner eigenen Großmutter noch, und alte Bilder ...

und du liest etwas, oder stickst, oder strickst, oder flickst ...

bis die kleinen Wildfänge plötzlich an die Türe kommen: ob sie herein dürften? sie würden mäuschenstille sein, wenn du ihnen was erzählen wollest![153]

Und sie betteln und schmeicheln so lang und so schön und machen so liebe Augen durch den Spalt ... bis du Ja sagst und das Jüngste auf den Schoß nimmst und zu erzählen anfängst:

vom Rotkäppchen und vom Schneewittchen und vom kleinen Muck ... alles, was man dir auch erzählt hat, damals ... und du seiest auch einmal so klein gewesen, wie sie, und habest auch eine Großmutter gehabt, ihre Ur-ur-großmutter ... ja! ja!

und die habe alles mit erlebt und die habe auch Bismarck noch gesehen und den alten Kaiser und ... wie es Krieg gegeben hätte mit den Franzosen und wie man die Wacht am Rhein gesungen und wie es ins Elsaß gegangen sei ... ein Eisenbahnzug immer nach dem andern ... ganze Tage lang ... und bloß Soldaten und Pferde und Kanonen ... über den Rhein, der damals noch den Franzosen gehört habe ... und wie man Spichern gestürmt und Sedan belagert und wie der Napoleon habe kapitulieren müssen ... und wie bei Paris dann alle Könige und Fürsten von Deutsch land zusammengekommen[154] und Bismarck den König Wilhelm zum Kaiser ausgerufen.

Länger als achtzig Jahre sei das jetzt ... aber ihre Ur-ur-großmutter habe das alles erlebt ...

wie die Leute geweint hätten vor Freude, auf der Straße ... und der alte Kaiser Wilhelm sei fast hundert Jahre alt geworden und zuletzt habe nur noch Bismarck gelebt, aber weit weg in einem einsamen Schloß in einem großen, großen Wald! ...

Ja, ja!


Noch einmal zehn Jahre dann

und du bist siebzig, und es ist November und geht Weihnachten zu.

Deine Enkel sind in die Welt hinaus ... die Jungen, was Ordentliches zu werden, die Mädchen mit einem braven Mann.

Dann und wann kommt eines von ihnen zu Besuch und das sind immer ein paar schöne Wochen!

Und zu Ostern soll es eine Taufe geben ... ein Urenkelchen![155]

Ob du es noch erlebst?

Oder eine Jugendfreundin, eine Tante Emmy kommt einmal ... es werden ihrer freilich immer weniger!


Du bleibst immer länger in deinem Zimmerchen, immer lieber auch für dich allein ... und liest etwas ... obgleich es nicht mehr so recht gehen will ... und ... sie schreiben auch nichts Rechtes mehr.

Vorm Fenster, über dem Platz drüben, liegt ein Kirchhof. Alles weiß und zugeschneit, nur ein paar schwarze Kreuze und Steine ragen aus dem Schnee, und der Wind pfeift und heult ums Haus ...

und du denkst, wie lang es wohl noch daure, bis es wieder schön werde ... Frühling ... und zu blühen anfange?!

wenn man einmal siebzig, denkt man das mitunter! ...

oder du kramst in deinen Schubladen herum: alte Briefe, ganze Päckchen, aus deiner Brautzeit ... und, von deinem Vater noch, vergilbte[156] Zeitungen mit Aufsätzen und ein paar alte Photographien, die du dir gerettet, als die Jungens das Album zerrissen: eine junge Frau auf einem Balkon ... ein Kind auf dem Arm ... und du wunderst dich, daß du das gewesen!


Auf einmal aber kommt es wieder ... und du rechnest: wie lange es noch bis Ostern sei und bis es Frühjahr werde ... und du setzt dich an deinen Tisch und schreibst ... deinem Enkelkind:


Es solle sich nur keine Sorge machen, und wenn auch nicht alles würde, wie man möchte ... wenn man sich Mühe gäbe, könne man alles und bleibe der Lohn nicht aus! und so wie es gehe, sei es immer am besten. Du habest das fünfzig Jahre lang erfahren ... so wie es gehe, sei es immer am besten!

Und wenn es auch über deine Sprüche lache, in solchen Großmutterweisheiten lägen so ewig neue und tiefe Wahrheiten, daß man sie recht eben erst als Großmutter verstünde.[157]

Vor allem aber dürfe man nur nicht meinen, als müsse alles immer glatt gehen, als müsse tagaus und ein die Sonne scheinen und als gehöre Ärger und Verdruß und Unheil nicht ganz ebenso zum Leben, wie Freude und Glück! im Wechsel läge das Schöne! ... und als dürften Eheleute sich nicht auch einmal rechtschaffen zanken! das täte gar nichts! du habest dich auch gezankt und oft genug ... und seiest doch vergnügt gewesen!

Die Hauptsache freilich sei: sich nicht auseinanderzuzanken, sondern sich zusammenzuzanken

und das gelte dem ganzen Leben gegenüber:

man müsse verstehen, sich mit ihm zusammenzuzanken!

Es sähe alles weit verwirrter aus, als es in Wirklichkeit wäre ... in der Jugend sei man eben nur viel zu unruhig und stehe viel zu nahe bei den Dingen ...

erst im Alter, wenn man mehr über das Ganze blicke, erkenne man, wie viel einfacher alles wäre, wenn man es selbst nur einfach nehme ...

und wie auch der größte Kummer immer nur[158] daraus entstehe, daß man Menschen und Dinge immer nur wolle, wie man sie haben möchte ... anstatt wie sie wirklich wären ...


und daß man sie immer nur für sich, anstatt in ihrem ganzen Zusammenhang nehme ...

dann erst stehe man drüber!


Das aber sei deiner Großmutterweisheiten weiseste.

Quelle:
Cäsar Flaischlen: Gesammelte Dichtungen. Band 1: Von Alltag und Sonne. Stuttgart 1921, S. 136-159.
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