Zwölftes Kapitel

Auf Ellernklipp

[327] Martin und Hilde, als sie gestört wurden, hatten ihren Weg über die Brücke genommen, wie wenn sie zu Sörgel hinüberwollten. An der Kirchhofsmauer aber kehrten sie wieder um und gingen auf die Steine zu, die durch den Bach gelegt waren und in ihrer Verlängerung gerad auf den Hof zuführten. Hier trafen sie Grissel, die ganz Geschäftigkeit war, und hörten, wie sie zu Joost sagte: »Mach flink. Et is all an twelven. Un he kann mit eens wedder doa sinn.«

»I, he is joa all«, antwortete Joost. »All lang. He käm joa so glieks nah elven, un ick soah em, as he de Grastrepp runnerkoam. Un denn dicht an't Huus vorbi. Hest em denn nich siehn...? Nei, nei, du künnst joa nich. Du wihrst joa noch mang de Stoakens.«

Hilden überlief es wie der Tod, und es gab ihr nur einen halben Trost, als Grissel unter Lachen antwortete: »Hür, Joost, du bist joa binoah as uns' oll Jätefru is, de seiht ook allens vorut, un man künn sich orntlich grulen vor di. Na, en beten will ick noch töwen. Ick segg di, he kümmt nich vor twelven. Un an mi kümmt keen een vorbi, dat ick't nich weeten deih. Awers kuck eens in. Wenn he doa is, möt he joa doch in siene Stuw sinn.«[327]

Joost ging hinein und kam verblüfft wieder. »Nei, he is nich in. Un ook nich in Küch un Keller... Awers mi wihr doch so.«

»Joa, mi wihr so«, wiederholte Grissel. »Di is ümmer so. Du hest ümmer een Poar Oogen to veel in 'n Kopp. Un denn oak moal wedder een Poar to wen'g.«

Unter diesem Gespräch, das sich noch weiter fortsetzte, waren die Geschwister vom Hof her in den Flur getreten, und Martin ging an den Rechen, wo die Jagdtaschen und die Gewehre hingen. Er nahm eine der aus Hanfgarn geflochtenen Taschen und flüsterte, während er die Schwester an sich zog: »Und nun vergiß nicht, Hilde. Du weißt doch: Ein Mann, ein Wort!« Und danach rief er den Hund, der aber nicht kam, und ging auf Diegels Mühle zu.

Hilde sah ihm von der Treppe her nach.

Und nun wollte sie sich wieder auf die Steinbank setzen, aber sie konnt es nicht, weil ihr alle Furcht und Angst zurückkehrte, die Martins Zuversicht auf wenig Augenblicke nur aus ihrem Herzen verbannt hatte. So schwankte sie denn, wohin sie gehen sollte, und stieg endlich treppauf in ihre Kammer und öffnete Tür und Fenster. Und wirklich, als erst ein heftiger Luftzug ging, wurd ihr freier, und die Bedrückung fiel von ihr ab.


Baltzer Bocholt war, als nicht Grissel, sondern ein bloß zufälliges Geräusch das Gespräch der beiden Geschwister unterbrochen hatte, vom Flur her auf den Vorplatz und gleich danach ins Freie hinausgetreten. Hier hielt er sich, immer dem Laufe des Baches folgend, auf die Dorfgasse zu, bis er zuletzt, und schon jenseits des Dorfes, an eine von einem großen Holzhof umgebene Schneidemühle kam. Er setzte sich hier auf einen Stoß frischgeschnittener Bretter, die zum Trocknen aufgeschichtet waren, und sah in das Land hinein, das vor ihm weit ausgebreitet lag.

Und nun erst, als er den Blick freier hatte, begann er seine Gedanken zu sammeln und sich zu fragen: »Was ist zu tun?«

Und ein bitterer Zug umspielte seinen Mund, und er sagte: »Nichts! Nichts...! Und was ist denn auch geschehen? Sie lieben[328] sich. Und warum sollten sie's nicht? Bloß um deshalb nicht, weil ich ein Narr war und einen närrischen Plan hatte? Bloß um deshalb nicht, weil sie Bruder und Schwester sein sollten? Es ist ihr gutes Recht. Laß sie. Liebe steckt im Blut und muß auch Heimlichkeiten haben; das ist ihr Liebstes und Süßestes.«

Und als er so sprach, klang's ihm wieder im Ohr, was sie sich zugeflüstert hatten und daß sie sich oben treffen wollten, an derselben Stelle fast, wo sie da mals schlafend am Waldesrande gelegen hatte. Dicht bei der Muthe Rochussen ihrem Haus. Und alles Blut stieg ihm wieder zu Kopf, und er wußt es selber nicht, ob es Zorn war oder Scham. Aber das wußt er: Eifersucht sah ihm starr ins Gesicht und erfüllte seine ganze Seele. »Du hast es nicht wissen wollen. Nun weißt du's.«

Er hatte, während er so sann und vor sich hin starrte, mit seinem Stock allerhand Figuren in das Sägemehl gezeichnet, das über den ganzen Holzhof hin ausgeschüttet lag; als er jetzt aber wahrnahm, daß er von der Mühle her beobachtet wurde, stand er auf, begrüßte sich mit dem Sägemüller und sprach mit ihm über dies und das: über die Gräfin und den preußischen König und über die schlechte Zeit. Und zuletzt auch über die Holzpreise, die jeden Tag niedriger gingen. Aber es war bloß Lippenwerk, und er wußte nicht, was er sprach, und sah unter all seinem Reden immer nur nach dem Sägewerke hin, das in scharfem und schrillem Ton auf und nieder ging und in den eingespannten Baumstamm einschnitt. Es war ihm, als fühl er's mit.

Und endlich brach er das Gespräch ab, weil er weiter ins freie Feld hinaus wollte.

Die Luft strich am Gebirge hin, das tat ihm wohl, und während er so sich ruhiger und auf Minuten auch weicher werden fühlte, kam ihm ein unendliches Bedürfnis nach Aussprache, nach Rat und Trost. Aber wohin? »Sörgel?« Nein. »Oder zu dem alten Melcher?« Nein. »Ich will zu den Toten gehen.« Und in weitem Bogen ging er, ohne die Stunden zu zählen, erst um den Agneten- und dann um den Schloßberg herum, bis er zuletzt an den Kirchhof kam und eintrat.

Hier war alles still, und er hörte nichts als das entfernte[329] Rauschen des Baches und das Aufschlagen der Tannenäpfel. Er ging an dem gräflichen Erbbegräbnis vorüber und sah nach dem Kreuz hinauf, und alles erschien ihm so rätselvoll und ungelöst wie das Zeichen daran. Und nun bog er rechts in einen schmalen Gang ein, wo die Beamten und die Dienerschaften ihren Ruheplatz hatten, und an dem vorletzten Grabe hielt er.

Er war seit lange nicht hier gewesen, und um das Gitter her hatte sich ein dichter Efeu geschlungen; aber nicht gehegt und gepflegt, sondern wie Unkraut. Und so standen auch die Blumen, ein wilder, halbverblühter Knäuel von Balsaminen und Rittersporn. Und auch von Levkojen und Reseda. Das waren dieselben Blumen – und zu seiner eigenen Empörung drängte sich's ihm wieder auf –, die sie, vor wenig Tagen erst, von dem Gartenbeete drüben in seine Geburtstagsgirlande geflochten; und mit einem Male stand sie selber wieder vor ihm und sah ihn an. Er konnt ihr nicht entfliehen. Ach! um der heimgegangenen Frau willen, der er sein äußeres Glück verdankte, war er hergekommen, ernstlich gewillt, eine stille Gemeinschaft mit ihr zu haben, ihre Hand wieder zu fühlen und ihr freundlich Auge wieder zu sehen. Und doch alles umsonst. Er sah immer nur das Bild, das sich zwischen ihn und die Tote stellte. »Weg!« rief er und schlug mit der Hand nach dem Bilde. Doch es blieb. Und nun begann er gegen sich selbst zu wüten, daß er auf dem Punkte steh, ein Schelm zu werden und ein langes und ehrliches Leben um einer Narretei willen in die Schanze zu schlagen. »Ich muß heraus aus dem Elend!« rief er. »Aber wo soll ich Hülfe finden, wenn auch diese Stelle sie mir versagt?« Und er packte die Stäbe des Gitters und rüttelte daran.

»Oder ob ich mit der Grissel spreche...? Nein, ich muß es allein durchmachen und alles vor mir selber beichten, bis ich's los und ledig bin... Aber was beichten? Und wozu? Was hab ich getan? Nichts, nichts! Mir ist viel angetan, viel Weh und Leid, und wenn ich's in Eitelkeit heraufbeschworen und in Schwäche großgezogen hab, so bleibt es doch wahr: Du mein Herr und Gott, deine Hand liegt schwer auf mir... Es wird nichts Gutes. Ich fühl es... Es kann nicht. Ich habe wohl das[330] Einsehen und das Auge, daß es besser wär, es wäre anders; aber weiter hab ich nichts. Und ob die Schuld mein ist oder nicht und ob ich's verfahren hab oder nicht, es muß bleiben, wie's ist, und es muß gehen, wie's will.«

Er ließ die Stäbe los, an denen er sich noch immer hielt, und setzte sich auf das steinerne Fundament, drin das Gitter eingebleit war, und nahm seinen Hut und drehte ihn zwischen den Fingern, als ob er bete. Aber er betete nicht; er suchte nur nach Beschäftigung und Ruhe für seine fliegenden Hände. Und es war auch, als helf es ihm. »Ich hab einmal gelesen«, sprach er nach einer Weile vor sich hin, »oder war es Sörgel, der es mir sagte, wenn wir die Besinnung verlieren und nicht wissen, was wir tun sollen, weil hunderterlei zu tun ist und mit eins auf uns einstürmt, dann sollen wir uns fragen: was ist hier das Nächstliegende? Und wenn wir das gefunden haben, so sollen wir's tun als unsere nächstliegende Pflicht. Und dabei werd uns immer leichter und freier ums Herz werden; denn in dem Gefühl erfüllter Pflicht liege was Befreiendes... Ja, so war es. Und was ist denn nun das Nächstliegende? Meine nächstliegende Pflicht ist die des Vaters und Haushalters und Erziehers. Wohl ist es ein Unglück, daß es in meinem alten Herzen anders aussieht, als es drin aussehen sollt. Aber das darf mich nicht hindern, diese Pflicht zu tun. Ich habe für Recht und Ordnung einzustehen und für Gebot und gute Sitte. Das ist meine Pflicht. Und so muß ich ihr Gebaren und ihr Vorhaben stören.«

Aber im selben Augenblick übersah er's besser und lachte bitter in sich hinein: »Ordnung und gute Sitte. Hab ich sie denn gehalten? Aus aller Zucht des Leibes und der Seele bin ich heraus, und die gute Sitte, von der ich sprech, ist Neid. Ich neid es dem Jungen. Das ist alles. Ich neid ihm das schöne, müde Geschöpf, das müd ist, ich weiß nicht um was. Aber um was auch immer, es hat mich behext, die Grissel hat recht, und ich komme nicht los davon.«

Und ohne daß er die Pein aus seiner Seele weggeschafft oder sich schlüssig gemacht hätte, was zu tun, erhob er sich von dem Stein, auf dem er gesessen, und stieg an einer abgelegenen Stelle[331] des Kirchhofs über die hier halb zerbröckelte Mauer fort. Und nun hielt er sich immer im hohen Grase hin, das hier zu beiden Seiten des Weges stand, bis er sich umsah und mit eins gewahr wurde, daß er nur noch hundert Schritte bis Diegels Mühle habe. Da bog er scharf rechts ein und stieg einen mit Geröll angefüllten Hohlweg hinauf, der erst auf das Kamp und gleich daneben auf Ellernklipp zulief, auf Ellernklipp, dessen schrägliegende Tanne dunkel an dem geröteten Abendhimmel stand.

Dahin zog es ihn, er wußte nicht, warum; und als er bis an die schwindelhohe Stelle gekommen war, von der aus Sörgel damals in die vor ihm ausgebreitete Landschaft geblickt hatte, traf er auf Martin. Und jeder prallte zurück. Auch der Alte. Dann boten sie sich einen frostigen guten Abend und standen einan der gegenüber. Rechts die Klippe, links der Abgrund. Und am Abgrunde hin nur der Brombeerstrauch und ein paar Steine.

»Wo kommst du her?« fragte der Alte, dem rasch alles wieder hinschwand, was er an guten Vorsätzen in seiner Seele gefaßt haben mochte.

»Von den Holzknechten. Und ich hab ihnen den Wochenlohn gezahlt.«

»Ei! Hast du? Richtig; 's ist ja Freitag heut... Und bist sonst keinem begegnet?«

»Nein.«

»Und auch der Hilde nicht?«

»Nein.«

»Und weißt auch nichts von ihr?«

»Ich denke, sie wird zu Haus sein oder bei dem Melcher Harms oben auf den Sieben-Morgen.«

»Oder auf Kunerts-Kamp! Oder bei der Muthe Rochussen Haus! Oder bei den roten Beeren!« Und er packte den unwillkürlich einen Schritt zurücktretenden Martin bei der Brust und schrie: »Wo hast du sie? Wo ist sie?«

»Laß mich los, Vater!«

»Antworte, Bursch!«

»Ich weiß es nicht! Ich will es nicht wissen! Ich bin ihr nicht zum Vormund gesetzt! Und nicht zum Hüter!«[332]

»Nein! Ihr Hüter bist du nicht! Aber ich will dir sagen, was du bist: ein Räuber, ein Dieb! Und ich will dir sagen, wo du bist: auf verbotener Fährte! Heraus mit der Sprache! Wo hast du sie? Sprich! Aber lüge nicht!«

»Ich lüge nicht!«

»Doch, doch!Lump, der du bist...« Und sie rangen miteinander, bis der Alte, der sonst der Stärkere war, auf den Kiennadeln ausglitt und hart am Abgrunde niederstürzte.

Martin erschrak und rief in bittendem Tone: »Vater!«

Aber der Alte schäumte: »Der Teufel ist dein Vater!« Und außer sich über die seinen Stolz demütigende Lage, darin er sich erblicken mußte, stieß er mit aller Gewalt gegen die Knie des Sohnes, daß dieser fiel, im Fallen sich überschlug und über einen der Steine hin in die Tiefe stürzte.

Baltzer starrte kalt und mitleidslos ihm nach und horchte, wie die Kusseln knackten und brachen. Einmal aber war's ihm, als riefe es aus der Tiefe herauf, und es klang ihm wie »Vater«.

Und nun erhob er sich und sah sich um. Und sah den Vollmond, der, eben aufgegangen, eine blutrote Scheibe, groß und fragend über dem schwarzen Strich der Tannen stand.

Quelle:
Theodor Fontane: Romane und Erzählungen in acht Bänden. Band 3, Berlin und Weimar 21973, S. 327-333.
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