Elftes Kapitel

Der Heidereiter horcht

[322] In der Kirche war es ihm nicht geglückt. Aber Baltzer Bocholt war eine willensstarke Natur, und weil er's bezwingen wollte, so bezwang er's auch, und um so rascher, als er trotz allem Aufmerken nichts sah, was dem von Grissel hingeworfenen Verdachte Nahrung gegeben hätte. Martin und Hilde sprachen unbefangen miteinander, und wenn er sie zufällig im Hof oder Garten traf oder bei Tisch einen eindringenden Blick auf sie richtete, so sah er wohl jenen Anflug von Scheu, den zu sehen er gewohnt war, aber kein Verlegenwerden und kein Erröten.[322] Grissel hatte mal wieder überscharf gesehen und mehr gesagt, als sie verantworten konnte. Das war alles.

So verging die halbe Woche bis Freitag, wo regelmäßig oben auf dem Schloß die Beamten und Verwalter ihren Rapport zu machen hatten. Das war schon zu des Grafen Zeiten so gewesen, und die Gräfin hatte nichts daran geändert. Immer um zehn begann es, und mit dem Glockenschlage zwölf wurde geschlossen. Was bis dahin nicht erledigt war, blieb für das nächste Mal. So war denn jeder im Hause daran gewöhnt, den Heidereiter nicht vor ein Uhr zurückkommen zu sehen, oft aber später, weil unmittelbar nach dem Rapport noch ein Imbiß genommen und ein vertraulicher Diskurs geführt wurde, der oft besser war als Hin- und Herschreiben und Botenläuferei.

Martin und Hilde hatten auch diesmal wieder dem Freitage mit Sehnsucht entgegengesehen, weil er sie, wenigstens solange der Vortrag oben dauerte, vor dem Erscheinen des Vaters sicherstellte. Jeden anderen Tag entbehrten sie dieses Gefühls der Sicherheit vor ihm, mußten es entbehren, denn wenn er auch weit in den Wald hinaus war, er konnte sich anders besonnen haben, war plötzlich wieder da und stand zwischen ihnen, als wär er aus der Erde gewachsen.

An all das war aber heute nicht zu denken, und da Grissel außerdem noch im Küchengarten zu tun hatte, wo sie gemeinschaftlich mit Joost die Saatbohnen abnahm, so saßen die Geschwister auf ihrem Lieblingsplatz in Front des Hauses und blickten auf den Bach, der heute brausender und schäumender als gewöhnlich über die großen Steine hinschoß. Denn die letzten Tage waren Regentage gewesen. Aber seit gestern war alles wieder hell und heiter, und ein paar gelbe Schmetterlinge, die der verspätete Sommertag aus ihrem Schlupfwinkel hervorgelockt hatte, haschten sich in der sonnigen Luft. Und um der Sonne willen standen auch im Hause selbst alle Türen und Fenster offen, und nur in des Heidereiters Stube, die gerade hinter ihnen, aber um ein paar Stufen höher lag, waren die Vorhänge bis auf einen handbreiten Streifen, durch den die Luft zog, heruntergelassen.[323]

Nun schlug es drüben vom Schloß her, und Martin und Hilde zählten die Schläge. »Elf«, sagte Martin. »Eine Stunde noch, und es ist wieder vorbei; dann kann er jeden Augenblick wieder dasein. Und ein Glück noch, daß wir ihn kommen sehen. Er muß über die lichte Stelle weg, dicht neben der Kiesgrube, wo der alte Rennecke seine Geiß eingehürdet hat. Siehst du? Da. Und der blanke Beschlag an seinem Hut ist auch ein Glück und blitzt beinah wie der Wetterhahn oben.«

Und Hilde, die während dieser Worte die Hand an ihre Stirn gelegt hatte, blickte nun auch auf den Punkt hin, auf den Martin immer noch mit dem Finger wies, und beide gewahrten im Hinübersehen in der Tat nichts als den eingehürdeten Grasplatz und die Geiß, die hin und her sprang, und die Lichter und Schatten, die miteinander spielten.

Aber hätten sie fünf Minuten früher ihren Blick ebenso scharf auf die Lichtung drüben gerichtet, so würden sie den blanken Beschlag an ihres Vaters Hut, von dem Martin eben gesprochen, wohl haben blitzen sehen. Denn es war heute kein Vortrag gewesen, da die Gräfin krank war, und gerad als beide die Glockenschläge gezählt, hatte der Heidereiter schon das unten gelegene kleine Haus des Parkhüters passiert und ging im Gespräch mit dem ihm seit lange befreundeten Ilseburger Obersteiger auf die große Straße zu. Hier aber verabschiedeten sie sich, weil sich ihre Wege trennten.

Das Gespräch mit dem alten Freunde, der ihn unter anderem gefragt hatte: warum er so vor der Zeit versauern wolle; er solle sich was Junges ins Haus und in die Ehe nehmen, das mache selber wieder jung, hatte doch eines Eindrucks auf ihn nicht verfehlt, und er dachte noch halb ärgerlich und halb vergnüglich darüber nach, als er keine zehn Schritte vor der Brücke stehenblieb und durch den Werft hin, der hier mannshoch den Weg einfaßte, Martins und Hildens ansichtig wurde. Sie hatte den Kopf müd und glücklich an seine Schulter gelehnt und schien aller Welt vergessen.

Baltzer Bocholt war nicht der Mann des Aufhorchens und Belauschens, aber ebenso gewiß stand ihm vor der Seele, daß[324] dies der Augenblick sei, der ihm Aufschluß geben müsse, ob Grissel recht gehabt oder nicht, und so ging er vorsichtig und immer sich duckend auf die große Straße zurück, um von dieser aus in einem weiten Bogen erst bis an den Garten und dann an die Rückseite seines Hauses zu kommen. Und nun hielt er an dem Gatter und stieg die paar Erdstufen hinunter, wo er letzten Sonntag das Gespräch mit Grissel gehabt hatte. Niemand, so schien es, sah ihn, und einen Augenblick später war er durch die Hoftür in Flur und Stube hineingehuscht und stand an dem herabgelassenen Vorhang, in dessen Schutz er jedes Wort hörte, das die beiden unten sprachen.

»Und ich sag es ihm«, sagte Martin. »Und wenn er nein sagt, was er eigentlich nicht darf, dann gehen wir in die weite Welt. Alle beid. Und du mußt nur Mut haben.«

Hilde schwieg.

»Und weißt du, wo wir dann hingehen?« fuhr Martin fort. »Ich weiß es. Dann gehen wir zu dem preußischen König. Der kann immer Menschen brauchen, weil er immer Krieg hat. Oder doch beinah. Aber wenn der Krieg aus ist, dann ist alles gut und hat jeder gute Tage, weil er streng ist, aber auch gerecht. Und er sieht alles und weiß alles, und wenn ein armer Mann kommt mit einem Brief in der Hand und ihn hochhält, den läßt er gleich rufen und vor sich kommen und fragt ihn nach allem; und wenn er merkt, daß ihm ein Unrecht geschehen, dann läßt er die Reichen und Vornehmen einsperren. Und wenn's auch ein Graf ist. Und jeden Armen macht er glücklich.«

Aber Hilde schüttelte den Kopf und sagte: »Nein, nein, Martin; es ist besser hier. Und ich will nicht, daß du Soldat wirst. Und von der Grissel weiß ich's ganz genau, sie wohnen all unterm Dach und frieren oder kommen um vor Hitze. Und sie hungern auch. Und wenn sie nicht gehorchen, so werden sie totgeschossen. Und mancher auch, weil er bloß eingeschlafen ist. O nein, Martin, das ist nichts für dich; das ist ein Jammer, und wir müssen warten und Geduld haben.«

»Ach, Hilde, sage nur nicht das! Ich will auch nicht zu den[325] Preußen, wenn du's nun mal nicht willst; aber rede nicht von Warten und Geduld. Immer Geduld und wieder Geduld. Ich kann es nicht mehr hören. Und immer bloß so verstohlen sich sehen und nie sich haben in Ruh und ungestört; und so vielleicht Jahre noch. Ach, ich wüßte schon, wie du mir zu Ruhe helfen und das Herz wieder froh machen könntest! Und dann, Hilde, ja dann wollt ich auch Geduld haben und warten. Ein Wort nur! Ein einziges! Sag es... Versprich mir...«

»Ich kann's nicht!«

»Ach, du kannst schon, so du nur willst und mich liebhast! Es ist ja so gut, als wären wir allein oben. Und alles schläft, und ist keiner, der uns sieht oder hört. Und ich denke noch an letzten Sonnabend, als wir das Lied gesungen hatten und der Vater eingeschlafen war. Weißt du noch? Aber du hast es vergessen!«

»Wie du nur bist! Ich hab es nicht vergessen!«

Und er küßte sie leidenschaftlich und sagte: »Sieh, Hilde, so will ich dich küssen und drücken, so! Und du sollst jetzt nichts sagen, kein Wort, nicke nur leise mit dem Kopf... Oh, nun ist alles gut! Und ich komm...«

»Um Gottes willen, nein! Ich will alles, was du willst! Alles! Nur nicht unter diesem Dach! Es wäre mein Tod. Ich kann dir nicht sagen, wie sehr ich mich fürchte.«

»Wovor? Vor mir?«

»Nein, vor ihm! Und er ist überall. Und daß ich dir's nur gesteh, es ist mir oft, als ob die Wände Ohren hätten und als wär ein Auge beständig um mich und über mir, das alles sieht.«

»Und das ist auch! Aber vor dem Auge fürcht ich mich nicht.«

»Und ich auch nicht, Martin, auch wenn es ernst und streng sieht. Aber das Auge, das ich seh, das ist nicht Gottes Auge, das ist seines und ist finster und glüht darin, auch wenn es freundlich sieht. Fühle nur, wie mir das Herz schlägt und wie ich zittere...«

»Weil du mir's versprochen hast...«

»Was?«[326]

»Daß wir uns sehen... Nicht unter diesem Dach, ängstige dich nicht, aber unter Gottes freiem Himmel, oben auf Ellernklipp.«

Sie schmiegte sich an ihn, und ihre Seele wuchs in der Vorstellung eines solchen Sichtreffens auf einsamer Klippe. Martin aber fuhr fort: »Oder lieber auf Kunerts-Kamp, da, wo deiner Mutter Haus stand... Und um sechs ist die Sonne weg, und da komm ich und finde dich! Und vorher pflückst du Beeren... Es gibt ihrer noch, und die rotesten...«

Aber er brach ab, weil er vom Flur her Grissels Stimme zu hören glaubte.

Quelle:
Theodor Fontane: Romane und Erzählungen in acht Bänden. Band 3, Berlin und Weimar 21973, S. 322-327.
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