Fünftes Kapitel

Hilde wird eingesegnet

[286] Und nun war die Woche vor Palmsonntag, wieder ein Dienstag, und die beiden Kinder hatten ihre letzte Stunde gehabt und wollten über den Kirchhof zurück. Aber es ging nicht, wie sie bald sehen mußten, denn überall stand Wasser um die Gräber her, und der Wind, der seit Tagesanbruch wehte, hatte noch nicht Zeit gehabt, die Lachen und Tümpel wieder auszutrocknen. So gingen sie draußen entlang, einen schmalen Weg hin, wo Steine lagen und zu beiden Seiten eine Stechpalmenhecke grünte. Hier pflückte sich Hilde ein paar von den blanken Blättern, hielt sie sich vor und sagte: »Sieh, Martin, wie hübsch es kleidet. Aber nächsten Sonntag – und das sind bloß noch fünf Tage –, da krieg ich einen ordentlichen Strauß, mit Blumen aus dem Treibhaus oben. Denn Grissel kennt den Gärtner, und ist noch Verwandtschaft von ihr.«

»Einen Strauß aus dem Glashaus oben«, wiederholte Martin. »Oh, das ist hübsch! Aber die Leute werden wieder sagen: Ei, seht die Heidereiters mit ihrer Hilde: die möchten am liebsten eine Gräfin aus ihr machen.«

»Ist es so, wie du sagst, dann will ich keinen Strauß.«

»Ach, du mußt dich nicht an das Gerede der Leute kehren.«

»Ich kehre mich aber daran und will nicht, daß sie nach mir hinsehen und zischeln. Und wenn ich gar einen sehe, der mich beneidet, dann ist's mir immer wie ein Stich und als fiele mir ein Tropfen Blut aus dem Herzen. Und ist ganz heiß hier und tut ordentlich weh. Hast du das auch?«

»Nein, ich hab es nicht. Ich hab es gern, wenn mich einer beneidet.«

Und so plaudernd, waren sie bis an die Birkenbrücke gekommen und blieben stehen, um das angeschwollene Wasser unter dem kleinen Holzjoche hinbrausen zu sehen. Allerhand braune Blätter und Rindenstücke tanzten auf dem Gischt umher, und die großen Steine, die sonst mit ihrer Oberhälfte trocken lagen, waren heute überschäumt.[286]

Hier standen sie lange, den Blick immer nach unten gerichtet, bis Martin wie von ungefähr aufsah und auf kaum hundert Schritte den Heidereiter in einem unsteten Gange herankommen sah. Er ging hart am Bache hin und trug sein Gewehr am Riemen über die linke Schulter, seinen Hut aber nahm er oft ab und wischte sich die Stirn mit seinem Sacktuch, was alles darauf hindeutete, daß er in großer Erregung war.

»Sieh, der Vater«, sagte Martin und wollte ihm entgegeneilen. Aber Baltzer, als er dessen gewahr wurde, winkte ihm heftig mit der Hand, zum Zeichen, daß er bleiben solle, wo er sei, und schritt, ohne sich weiter umzusehen, rasch auf das Haus zu. Der braune Jagdhund, der ihm folgte, senkte den Kopf ins nasse Gras und tat auch, als ob er die Kinder nicht sähe.

»Was ist das?« sagte Martin. »Komm.«

Aber Hilde hielt ihn fest und sagte: »Nein, bleib.«

Und so blieben sie noch und gingen endlich, statt ins Haus, auf ihrem früheren Wege bis an die Kirchhofsmauer zurück. Da setzten sie sich auf eine niedrige Stelle, gerade da, wo die Stechpalmenhecke war, und sprachen kein Wort.

Und nicht lange, so sahen sie, wie der Vater über die Brücke kam, und weil sie sich vor ihm fürchteten, traten sie hinter die Hecke zurück, um nicht gesehen zu werden. Aber sie selber sahen ihn. Er hatte seinen Stutzhut auf und den Hirschfänger umgeschnallt, und aus allem war ersichtlich, daß er aufs Schloß hinauf wollte. Beide sahen ihm ängstlich nach, und erst als seine breite Gestalt auf dem Schlängelwege verschwunden war, kamen sie wieder aus ihrem Versteck hervor.

Auf der Diele trafen sie Grissel, die vor sich hin sprach und dem Hühnerhunde Brot einbrockte. Der aber ging immer nur um die Schüssel herum und begnügte sich, ein paar Fliegen zu fangen, die hin und her summten. Und dann schlich er auf das Rehfell zu, das neben der Hoftür lag, streckte sich aus und klappte verdrießlich mit den Ohren.

»Was ist, Grissel?« fragte Martin.[287]

»Was ist? Er hat den Maus-Bugisch über den Haufen geschossen.«

»Tot?«

»Versteht sich. Er wird ihn doch nicht halb totschießen. Das ist gegen die Regel. Dein Vater tut nichts Halbes.«

»Um Gottes Barmherzigkeit willen!« schrie Hilde, fiel in die Knie und betete vor sich hin: »Vater unser, der du bist im Himmel.« Und in ihrer furchtbaren Angst betete sie weiter, bis die Stelle kam: »Unser täglich Brot gib uns heute.«

Da riß Grissel sie heftig auf und sagte: »Was, täglich Brot! Als ob du's nicht hättest! Du hast dein täglich Brot; und wenn du beten willst, so bet ums Rechte. Hier aber ist nichts zu beten. Er wollte deinem Vater ans Leben, und ist nun die dritte Woch, daß er's ihm zugeschworen. Aber der war flinker und fragt nicht lang und spaßt nicht lang. Ja, das hat er noch von den Soldaten her. Und ich sage dir, Hilde, das ist nun mal nicht anders, und mußt dich dran gewöhnen. Denn du bist hier in eines Heidereiters Haus, und da heißt es: er oder ich. Und wie steht es denn in der Bibel? Aug um Auge und Zahn um Zahn.«

»Und liebet eure Feinde.«

»Ja, das steht auch drin. Und für den, der's kann, ist es gut genug. Oder vielleicht auch besser oder vielleicht auch ganz gewiß; denn ich will mich nicht versündigen an meinem Christenglauben. Aber was ein richtiger Heidereiter ist, der hält auf den Alten Bund und aufs Alte Testament. Und warum? Weil es schärfer ist und weil er's jeden Tag erfahren muß: Wer leben will, der muß scharf zufassen... Und nun komm, Hildechen, ich will dir ein Glas Wein geben, von dem ungerschen, den du so gern hast, und er wird nichts dagegen haben. 's ist ja für dich. Und dann mußt du wissen, so was kommt auch nicht alle Tag... Aber sieh nur, da bringen sie ihn schon.« Und sie wies vom Fenster aus auf eine Stelle, wo der Buschweg, der neben dem Bache hinlief, in den großen Fahrweg einbog. Aber Hilde, die wie gestört war, wollte nichts sehen und lief auf die Hoftür zu, wo der Hühnerhund lag, und bückte sich und umarmte[288] das Tier. Und der Hund, der wohl wußte, was es war, weimerte vor sich hin und fuhr ihr mit der Zunge über Stirn und Gesicht.

Inzwischen waren Grissel und Martin von der Stube her auf die Vortreppe gegangen und sahen in aller Deutlichkeit, wie sie den Wilderer auf der großen Straße herantrugen. Es waren ihrer vier, lauter Holzschläger; sie hatten aus ein paar jungen Ellern eine Trage gemacht. Über den Toten selbst aber waren Tannenzweige gebreitet. Und so gingen sie vorüber und grüßten nicht.

»Sieh, Martin«, sagte Grissel, »sie grüßen uns nicht. Und ich weiß wohl, warum nicht. Weil ihnen allen der Wilddieb im Leibe steckt. Oh, ich kenne sie! Was Gesetz ist, das wissen sie nicht. Und ein Glück ist es, daß wir es wissen. Und nun komm... Die Hilde kann kein Blut sehen und hat sich, als ob es der letzte Tag wäre... Aber es lernt sich...«

Und damit gingen sie wieder ins Haus.


Unter Sturm und Regen hatte die Woche begonnen und blieb auch so bis zuletzt, und wenn der Himmel einmal blau war, so ballte sich rasch wieder ein neu Gewölk zusammen und kam von den Bergen herunter und ging zu Tal. Und dabei war es kalt, und Hilde fror.

Es war eine freudlose Woche, freudlos und unruhig, und jeder ging seinen Weg; aber sowenig dies alles zu Palmsonntag paßte, so war es doch auch wieder ein Glück und half Hilden über die Pein fort, an der Seite des Vaters sitzen und ihm in die Augen sehen zu müssen. Er war viel aus dem Haus, oben bei der Gräfin und dann wieder auf dem Ilseburger Gericht, und wenn er spätnachmittags zurückkehrte, schloß er sich ein und wollte niemand sehen, auch Hilde nicht. Er war verbittert, weil ihm nicht entgehen konnte, daß ihm die Herren vom Gericht in der Bugisch-Sache nur ein halbes Recht gaben, und weil ihn die Gräfin gefragt hatte: »Baltzer Bocholt, mußt es denn sein?« Und er hatte bitter geantwortet: »Ob es mußte? Ja, Frau Gräfin, es mußte. Denn ich bin nicht bloß ein Mann im Dienst,[289] ich bin auch ein Christ und kenne das fünfte Gebot und weiß, was es heißt, eines Menschen Blut auf der Seele haben.« Und danach hatte die Gräfin eingelenkt und ihn wieder zu beruhigen gesucht. Aber die Kränkung war geblieben.

Und so kam Palmsonntag und Einsegnung heran, und schon in aller Frühe gingen die Glocken. Als es aber das zweite Mal zu läuten anfing, erschien Baltzer Bocholt in der Tür seines Hauses und sah ernst und feierlich aus und nahm seinen Hut ab und strich ihn zwei-, dreimal mit dem einen seiner gemsledernen Handschuhe. Denn er war sich wohl bewußt, daß es auch ein wichtiger Gang für ihn war und daß viele von den Emmerodern ebenso dachten wie die Gräfin oben und sich auch die Frage gestellt hatten: ob es denn habe sein müssen? Er wußte dies alles und stieg langsam und in Gedanken die Vortreppe nieder, und erst jenseits der Birkenbrücke sah er sich nach den Kindern um, die wenige Schritte hinter ihm folgten. In einiger Entfernung aber kam Grissel und weit zurück erst Joost. Er hatte mit Grissel gehen wollen, die je doch ärgerlich den Kopf geschüttelt und ihm gesagt hatte: »Nei, Joost, hüt nich.« Und er mußte sich's gefallen lassen; denn er war bloß eines Büdners Sohn und sprach immer platt.

In der Kirche waren erst wenige Plätze besetzt, und nur die Orgel spielte schon. Und Baltzer Bocholt, als er eintrat, ging das Kirchenschiff hinauf und nahm hier auf einer der beiden Bänke Platz, die für die nächsten Verwandten der Einsegnungskinder bestimmt waren. Es war die nach rechts hin stehende Bank, und Martin und Hilde stellten sich dicht davor, ganz nahe dem Altar, alles, wie Sörgel es ihnen gesagt hatte.

Und hier hörte nun Hilde, wie sich die Kirche hinter ihr füllte, und sah auch mit halbem Auge, wie sich die Reihe der neben ihr stehenden Kinder nach beiden Seiten hin verlängerte. Aber sie rührte sich nicht und blickte sich nicht um. Und nun wurde gesungen; und als der Gesang endlich schwieg und Martin das Glaubensbekenntnis gesprochen hatte, richtete Sörgel seine Fragen an die Konfirmanden. Aber Hilden frug er nicht, denn er sah wohl, daß sie todblaß war und zitterte. Und nun[290] gab er jedem Kinde seinen Spruch; an die vor ihm kniende Hilde aber trat er zuletzt heran und sagte: »Laß dich nicht das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.« Und sie wog jedes Wort in ihrem Herzen und kniete noch, als alles schon vorüber war und jedes der Kinder sich schon gewandt hatte, um Vater und Mutter zu begrüßen.

Ganz zuletzt auch wandte sie sich und sah nun, daß ihr Vater auf seiner Bank allein saß.

Und ein ungeheures Mitleid erfaßte sie für den in seiner Ehre gekränkten Mann, und sie vergaß ihrer Angst und lief auf ihn zu und küßte ihn.

Von Stund an aber wär er jeden Augenblick für sie gestorben. Denn er war ein stolzer Mann, und es fraß ihn an der Seele, daß man ihn sitzen ließ, als säß er auf der Armensünderbank.

Und indem er sich höher aufrichtete, nahm er jetzt Hildens Arm und ging festen Schrittes auf den Ausgang zu, zwischen den verdutzt dastehenden Bauern und ihren Frauen mitten hindurch. Einige traten an die Seite und grüßten, und es war beinahe, als ob das, was Hilde getan, die Herzen aller umgestimmt und ihren Groll entwaffnet habe. Hinter ihnen her aber ging Martin und freute sich, daß sich die Schwester ein Herz genommen.

Und auch Grissel freute sich, die noch von ihres Vaters Tagen her ihren Platz oben auf dem Orgelchor hatte. Manches aber freute sie nicht, und sie sah dem Paare nach und sprach in Platt vor sich hin, wie sie's zu tun liebte, wenn sie mit sich allein war: »I, kuck eens... Uns' Oll'...! Un reckt sich orntlich in de Hücht... Un nu goar uns' Lütt-Hilde! Kuck, kuck. Seiht se nich ut, as ob se vun 'n Altar käm? Un fehlt man bloot noch de Kranz. Un am End kümmt de ook noch... Un worümm sall he nich koamen?«[291]

Quelle:
Theodor Fontane: Romane und Erzählungen in acht Bänden. Band 3, Berlin und Weimar 21973, S. 286-292.
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