Sechstes Kapitel

Hilde schläft am Waldesrand

[292] Jahre waren seitdem vergangen, und im Dorfe gedachte niemand mehr der Vorgänge jener Palmsonntagwoche, weder des erschossenen Wilderers noch des Einsegnungstages. Auch Hilde hatte sich in Grissels Spruch: »Er oder ich« allmählich zurechtgefunden, und nur jedesmal, wenn der Heidereiter erregt nach Hause kam, die Stirn kraus und das Auge mit Blut unterlaufen, befiel sie wieder die Furcht jener Tage. Doch nie lange. Kaum daß seine Stirn wieder glatt und sein Ärger vorüber war, war auch ihre Furcht vorüber, und nur eine Scheu blieb ihr zurück, über die sie nicht weiter nachdachte, weil sie sie für natürlich hielt. War doch auch Martin scheu, ja, Grissel ausgenommen, eigentlich jeder; unter allen Umständen aber schloß diese Scheu die Heiterkeit des Hauses nicht aus, und wenn in der Küche, wie jetzt öfters zu geschehen pflegte, das Gespräch auf des Heidereiters immer grauer werdenden Bart kam und Joost in seiner neckischen und dummschlauen Weise hinwarf: »Ojemine, Grissel, de Grissel kümmt em in!«, so vergaß ein jeder des mehr oder minder auf ihm lastenden Druckes und vergnügte sich und lachte. Am herzlichsten aber lachte Hilde.

Die war jetzt überhaupt anders als in ihren Kinderjahren, und noch letzte Kirmes, als sich alles im Tanze drehte, hatte Sörgel zu dem neben ihm stehenden Baltzer gesagt: »Und nun seht einmal, Heidereiter, alle sind gesunder und blühender; aber die Hilde blüht.« Und so dachte jeder im Dorf, auch die, die's ihr neideten, und nur Grissel, wenn sie mit Joost ihren plattdeutschen Diskurs über Hilde hatte, fand seit kurzem allerhand an ihr auszusetzen. »Ick weet nich, Joost, dat Grafsche geiht ümmer mihr torügg, un uns' Muthe kümmt ümmer mihr rut. Finnste nich ook?« Und so ging es weiter. Aber so gern sie dieses und ähnliches sagte, so hütete sie sich doch, es Baltzer hören zu lassen, der seit einiger Zeit überhaupt darauf hielt, »daß ein Unterschied sei«.

Es waren jetzt zwei Jahre, daß zum ersten Male von diesem[292] »Unterschied« gesprochen worden war, und was die Veranlassung dazu gegeben hatte, das war im Sinn und Herzen des Heidereiters unvergessen geblieben.

Und konnt auch nicht anders sein.

Ein sehr heißer Julitag war es gewesen und alles ausgeflogen, auch Hilde zu Melcher Harms auf die Sieben-Morgen hinauf, um mit ihm zu plaudern. Aber ihr Gespräch, so leicht es sonst zu gehen pflegte, hatte heute gestockt, weil eben die Hitze zu groß war, und Hilde war höher hinaufgestiegen, um da, wo Wald und Heide aneinander grenzten, eine schattige Stelle zu suchen. Und auch zu finden. Hier hatte sie sich niedergelegt, sich's bequem gemacht und war eben eingeschlafen, als der Heidereiter seines Weges kam und plötzlich gewahr wurde, daß sein Hühnerhund stand. Es war nicht Jagdzeit, aber er nahm doch die Flinte von der Schulter und schlich leise heran, um zu sehen, was es sei. Da lag Hilde, den einen Arm unterm Kopf, und sah geschlossenen Auges in den Himmel. Ihr Haar hatte sich gelöst, und ihre Stirn war leise gerötet, und alles drückte Frieden und doch zugleich ein geheimnisvolles Erwarten aus, als schwebe sie, traumgetragen, einem unendlichen Glücke nach. Um sie her aber summten ein paar Bienen, und die Sonne schien, und das Heidekraut duftete. Da mußte Baltzer des Wortes wieder gedenken, das Sörgel letzten Herbst erst gesprochen hatte: »Die Hilde blüht«; und er wiederholte sich's, hing das Gewehr über die Schulter und sah andächtig und verworren dem Bilde zu, bis er sich heimwärts wandte. Neben ihm her aber ging das Bild, und als eine Stunde später die Hilde nach Hause kam, vermied er es, sie zu sehen, wie wenn er etwas Unrechtes getan und durch die zufällige Begegnung ihr Innerstes belauscht oder ihr Schamgefühl beleidigt habe. Diese Verwirrung und Unruhe blieben ihm auch, und er mußte sich's zuletzt, alles Sträubens ungeachtet, in seinem Herzen bekennen: er habe sie mit anderen Augen angesehen als sonst. Ja, das war es. Und er schämte sich vor sich selbst. Aber zuletzt bezwang er's, und nur zweierlei blieb ihm in der Seele zurück: einmal, daß die Hilde kein Kind mehr sei, und zweitens und hauptsächlichst,[293] daß sie sein Kind nicht sei. Diese zweite Wahrnehmung indessen ging niemanden etwas an, und so war es denn lediglich um des ersten Punktes willen, daß er am folgenden Tage die Grissel in seine Stube rief.

Diese hatte den Türknopf in der Hand behalten und stand auf der Schwelle wie jemand, der rasch wieder fort will; als sie jedoch merkte, daß es ein langes und breites geben würde, kam sie näher und stellte sich mit ihrer Schulter bequem an den Ofen, während der Heidereiter in ersichtlicher Erregung auf und ab ging. Endlich aber begann er: »Es ist wegen der Hilde, daß ich mit dir sprechen will. Ich denke, Grissel, wir sind einerlei Meinung und bleiben gute Freunde. Denn du bist eine verständige Person...«

»All Fruenslüd sinn unverstännig.«

»Wer sagt das?«

»Joost.«

»Joost ist ein Narr«, entgegnete Baltzer. Aber die kleine Zwischenbemerkung war ihm doch gelegen gekommen, und er fuhr nun freier fort: »Also wegen der Hilde. Sie ist nun achtzehn, schon ein Viertel drüber, und ist kein Kind mehr. Ich denke, sie muß nun aus dem Müßiggang heraus und sich dran gewöhnen, daß sie was unter Pflicht und Obhut hat und nicht so hineinlebt in den Tag, immer bloß bei dem Alten oben oder auf Kunerts-Kamp oder bei Sörgel drüben, der sie verhätschelt und verwöhnt. Das soll nicht sein, und ich will's nicht. Sie muß also Arbeit haben, und die müssen wir ihr geben. Da mein ich denn, wir geben ihr die Milchwirtschaft, das Leinenzeug und die Wäsche... Du verstehst?«

»Wohl. Ich versteh.«

»Und alles andere bleibt. Und ist bloß noch das mit der Stub oder der Kammer. Ihr waret immer zusammen, und das war gut. Aber ich denke, wir lassen ihr jetzt den Giebel oben allein, und du nimmst unten die Kammer. Die neben der Küche, die hübsche gelbe, die letzten Herbst erst gestrichen ist; da hast du's warm, und ist auch bequemer für dich und brauchst nicht immer treppauf und treppab... Du verstehst?«[294]

»I, was werd ich nicht verstehen!«

»Und an nichts wird gerührt. Und ist bloß, daß sie jetzt achtzehn geworden und die Tochter vom Hause sein muß. Und wenn sie was sagt, so muß es gelten, und wenn's auch der Joost wär, und muß gelten ohne Streit und Widerrede. Denn viele Köche verderben den Brei. Wobei mir die Küch in den Sinn kommt, die doch immer die Hauptsache bleibt. Und da bleibst du, da hat dir keiner dreinzureden, keiner, auch die Hilde nicht. Und ich werd es ihr ernsthaft sagen und ihr anbefehlen, daß alles beim alten bleibt... Du verstehst?«

»O wohl, ich versteh.«

»Und das war es, Grissel, was ich dir sagen wollte. Vor allem aber denk ich, wir bleiben gute Freunde. Nicht wahr...? Und was hast du denn für heut abend?«

»Ich dacht, 'nen Schlei.«

»Ei, das ist gut! Aber mit Dill, wie du's immer machst. Und nicht blau geschreckt, wie die Hilde neulich. Aufgepaßt, sag ich, und laß dir nicht dreinreden! Es bleibt alles, wie's ist, und das Küchel soll nicht klüger sein als die Henne.«

Quelle:
Theodor Fontane: Romane und Erzählungen in acht Bänden. Band 3, Berlin und Weimar 21973, S. 292-295.
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