Siebentes Kapitel

Hilde flicht eine Girlande

[295] Beim Abendessen zeigte sich Baltzer auffallend gesprächig, wie wenn er etwas gutmachen wolle; Grissel aber sagte kein Wort und verblieb auch in ihrem Schweigen, als sie mit Hilden in die Kammer hinaufgestiegen war. Es fiel indessen nicht auf – sie hatte Launen –, und erst am anderen Morgen, als es an ein Um- und Einrichten ging und der Heidereiter die Treppe hinaufrief: »Ja, Hilde, du sollst nun allein sein!«, wußte diese, was es mit der Grissel und deren Schweigsamkeit auf sich habe. Der ganze Hergang erfüllte sie mit einem Zwiespalt. Aus ihr selber heraus würd ihr der Gedanke solcher Trennung nie und nimmer gekommen sein, am wenigsten als Wunsch; andererseits war es ihr nicht unlieb, es ohne ihr Wissen und Zutun geschehen zu[295] sehen, und weil ihr Verstellung und Lüge fremd und zuwider waren, so sagte sie nur: »Ich werde dich oft vermissen, Grissel, ängstlich und furchtsam, wie ich bin.« Aber diese, die gerade zwei von den großen Einlegebrettern ihrer Bettlade zusammenklappte, tat, als habe sie nichts gehört, kommandierte vielmehr mit lauter Stimme weiter und knickste, wenn Joost nach diesem oder jenem fragte, wie besessen in die Welt hinein und sagte: »Joa, mien leew Joost, ick weet et nich; doa möten wi dat Frölen froagen.« Endlich aber hatte der Lärm ein Ende, wenn auch freilich nicht der Ärger, und als Grissel eine Stunde später mit der Hand an die Küchenwand fühlte, neben der jetzt ihr Bett stand, sagte sie: »Föhl moal, Joost; nei, hier, disse Stell; hübsch woarm is et; un alle Morjen de Sünn dato. Na, frieren werd ick joa nich.«

Und in solchen Spitzen und Spöttereien, die sich abwechselnd gegen Baltzer und gegen Hilde richteten, ging es den ganzen Tag, bis sie sich am Abend auf ihr Bett warf und wieder erbost an der warmen Wand herumtastete, fest entschlossen, ein halbes Jahr lang nicht zu sprechen und dem »Frölen« das Leben und die Herrschaft so sauer wie möglich zu machen.

Und es würd auch so gekommen sein – an ihrem guten Willen gebrach es nicht –, wenn es Hilden im entferntesten eingefallen wäre, Befehl und Herrschaft üben zu wollen. Aber ihrer Natur entsprach viel, viel mehr eine Gleichgültigkeit dagegen, und dieser ihr eigentümliche Zug entwaffnete Grissels Zorn in so hohem Grade, daß sie bei bestimmter Gelegenheit zu Joost sagte: »Hür, Joost, ick kann ehr doch nich gramm sinn. He wull wat ut ehr moaken; awers se will joa nich. Un dat möt woahr sinn, se hett wat Fines.«

Und so klang es denn eine gute Weile zwischen den beiden wieder ein, und es hätte vielleicht Bestand gehabt und wäre ganz wieder eingeklungen, wenn nicht der Melcher Harms oben auf den Sieben-Morgen gewesen wäre, zu dem Hilde jetzt öfter noch als früher hinaufstieg und länger noch als früher verweilte. Das verdroß Grisseln, die's nicht ertragen konnte, sich so beiseite gedrängt und um den Ruhm ihrer Weisheit und[296] ihrer alten Geschichten gebracht zu sehen, und als eines Tages unsere Hilde zu Martin, der es gleich weiterplauderte, gesagt hatte: »Sieh, Martin, die Grissel gackert doch bloß wie die Hühner, aber unser alter Melcher Harms oben, der ist wie der Weih auf Kunerts-Kamp«, da war es mit dem Einklingen ein für allemal vorbei gewesen, und Grissel, als sie davon gehört, hatte nur höhnisch gelacht und gesagt: »Joa, joa, as de Weih upp Kunerts-Kamp. De nümmt de Lütt-Kinner mit in de Hücht, un groad, wenn se glöwen: nu geiht et in 'n Heben, denn, perdautz! lett he se wedder foalln. Un doa liggen se.«

Seit dem Tage lebten Grissel und Hilde so nebeneinander hin, in einem halben Zustande, der nicht Krieg und nicht Frieden war, und wenn an Grissels Seele beständig etwas wie Neid und Eifersucht zehrte, so wuchs in Hilde der Hang nach Einsamkeit, und sie beglückwünschte sich täglich mehr als einmal, die Giebelstube nicht mehr teilen zu müssen. Und wenn dann Abend war, öffnete sie das Fenster und sah hinaus, und eine müde, schmerzlich-süße Sehnsucht überkam sie. Wonach? Wohin? Dorthin, wo das Glück war und die Liebe. Ja, die... Und Gestalten kamen und zogen an ihr vorüber und grüßten sie und fragten sie; aber sie waren es alle nicht. Und zuletzt kam Martin – Martin, der drüben in der Kammer schlief und immer rot wurde, wenn der alte Sörgel in Scherz oder Ernst ein Wort sagte. War er es? Nein; ja... und dann wieder nein.


Und es war wieder Herbst; die Berglehnen standen in Rot und Gelb, und die Sommerfäden zogen wieder wie damals, wo Hilde vor nun gerade zehn Jahren ins Haus gekommen war. Aber es dachte niemand mehr daran, auch Hilde nicht, die sich heute, weil es des Heidereiters Geburtstag war, nicht nur in aller Frühe schon herausgemacht, sondern auch in dem noch taufeuchten Garten eine große Girlande von Astern, mit reichlichen Levkojen und Reseda dazwischen, geflochten hatte. Die war nun fertig, und Hilde horchte vom Flur her, ob drinnen in der Stube noch alles ruhig sei. Wirklich, er schlief noch. Und[297] so holte sie leise einen Schemel, öffnete noch leiser die Tür und hing den Girlandenkranz an dem inneren Rahmen auf.

Nicht lange, so war auch der Heidereiter in Staat, und alle Hausinsassen erschienen, um ihm ihre Glückwünsche zu bringen: erst Grissel mit einem Lebenslichte, dann Martin mit einer aus Tannäpfeln und Eichenborke zusammengeklebten Eremitage, zuletzt aber Joost mit einem Händedruck und einem einfachen: »Ick möt doch ook.« Und weiter kam er nicht, was auch Baltzer schon wußte.

Dieser gehörte zu denen, die solche Huldigungen ebensosehr fordern wie rasch wieder davon loszukommen wünschen, und stotterte, bloß um etwas zu sagen, ein mehrmals wiederholtes Bedauern heraus, daß er gerade heute nach Ilseburg hinüber müsse, wegen der Knappschaft. Aber in der Dämmerstunde komme er wieder, und dann wollten sie sich einen guten und frohen Tag machen. Einen recht lustigen. Und er freue sich sehr darauf, was auch natürlich sei. Denn es sei sein letzter Geburtstag, den er noch als ein Vierziger feiere; mit fünfzig aber sei Spiel und Tanz vorbei. Und nachdem er dies und ähnliches immer hastiger und immer verlegener gesagt hatte, weil es ihm umgekehrt eigentlich lieb war, an solchem Tage nicht zu Hause zu sein, gab er Ordre, daß der kleine Jagdwagen vorfahren solle.

Ja, es war ihm lieb, an solchem Tage nicht zu Hause zu sein, aber seinen Hausgenossen war es noch lieber. Immer, auch wenn er sich freundlich zeigte, wurde seine Gegenwart als ein Druck empfunden, und wenn dies schon an gewöhnlichen Tagen der Fall war, so doppelt an solchen, die mit einer gewissen Gewaltsamkeit gemütlich verlaufen sollten. Da war immer Not und Verlegenheit, und als heute mit dem Glockenschlage neun der kleine Jagdwagen vorfuhr und Baltzer im nächsten Augenblicke die Leinen in die Hand nahm, wurden alle Gesichter angeregter und zuversichtlicher, und jeder freute sich nun wirklich auf den Abend.

Denn der Abend war kurz. Ein ganzer Tag aber war lang.

Und danach ging ein jeder an seine Geschäfte, die für Hilde[298] nicht viel was anderes als ein süßes Nichtstun waren, auch jetzt nicht, wo »die Milchwirtschaft, die Leinwand und die Wäsche«, wie der Heidereiter bei jeder Gelegenheit aufzuzählen liebte, von ihr besorgt oder doch wenigstens beaufsichtigt werden sollten. Und so setzte sie sich in die Vorlaube draußen und streute Körner für all die Vögel aus, die noch in dem umstehenden Buschwerk trotz vorgerückter Jahreszeit ihre Nester hatten. Als aber die Körner aufgepickt waren, legte sie den Kopf zurück und sah auf den wilden Wein ihr zu Häupten, von dem sich einzelne Zweige losgelöst hatten. Ihre rechte Hand hing herab, und eine Schwarzdrossel, die zahmer war als ihre Genossen, hüpfte vom Gezweig auf die Bank und von der Bank auf die steinerne Tischplatte.

Martin war in den Wald gegangen, um bei den Holzknechten nach dem Rechten zu sehen, Grissel aber hatte sich mitten in den Hof gestellt und scheuerte, dem Geburtstag zu Ehren, ihre Kessel. Ihr zur Seite stand Joost, einen großen Holzbock vor sich, auf den er die Wintersielen gelegt hatte, und war emsig bemüht, unter abwechselnder Anwendung von Federbart und Bürstenstummel das hartgewordene Leder einzuölen und wieder geschmeidig zu machen.

Es ließ sich erkennen, daß sie wie gewöhnlich über Hilde sprachen, und zwar nicht allzu freundlich, denn Grissel unterbrach sich öfters in ihrer Arbeit und guckte durch den Bretterzaun, um zu sehen, ob der Gegenstand ihres Gespräches noch in der Vorlaube säße.

»Se kümmt noch nich«, sagte sie. »Se sitt noch. Un wenn ook nich, se hürt joa nich und seiht joa nich. Un is ümmer as in Droom.«

»Joa«, bestätigte Joost. »Un ick weet nich, wo't ehr sitten deiht.«

»Wo't ehr sitten deiht? In de Oogen sitt et ehr.«

»Gott«, entgegnete Joost, der wohl wußte, was Grissel gern hörte, »se hett joa goar keen' un pliert man ümmer. Un ick weet nich, hett se se upp oder hett se se to.«

»Dat is et joa groad. Un all sünn, wo keen' een weten deiht,[299] wo se hier sinn un wo nich, de sinn so un behexen dat Mannstüg. Un vunn 't Mannstüg is een as de anner is, un jungsch o'r olsch is goar keen Unnerschied. Un uns' Martin is närrsch, un uns' Oll' is närrsch, un Sörgel is ook närrsch. Un jed een kuckt ehr nah de Oogen, un jed een glöwt, he wihrd wat finn'n. Awers he finndt nix. Un du kuckst ook ümmer.«

»Ick?« sagte Joost etwas verlegen. »I, nei. Glöwst du? Doh ick?«

»Joa, du deihst«, wiederholte Grissel. »Un nu hür, wat mi mien Oll-Großmutter all ümmer vorseggen deih:


Plieroog un Jungfernkinn,

Alle beed vun 'n Düwel sinn...«


»Düwel sinn«, wiederholte Joost.


»Un moakens ook de Oogen to,

De sloapen nich, de dohn man so.«


»Joa, joa«, lachte Joost. »Ick hebb ook all so wat hürt.« Und setzte dann mit aller ihm möglichen Pfiffigkeit hinzu: »Na, denn möt ick man uppassen.«

»I, du nich«, sagte Grissel. »Du bist man simplig, un di dohn se nich veel. Awers anner Lüd. Un dat segg ick di: et is nich richtig mit em.«

»Mit uns' Martin?«

»Mit em ook nich...«

Und Joost spitzte Mund und Ohren, um noch mehr zu hören. Aber in eben diesem Augenblicke kam Melcher Harms den diesseitigen Talweg herauf, und Hilde, die schon von weit her das Läuten gehört hatte, sprang rascher, als ihr sonst eigen war, in den Hof und riß die Stalltür auf, aus der nun die Kühe heraustraten und sich ohne weiteres der vorüberziehenden Herde anschlossen.

»Ich seh Euch noch, Vater Melcher!« rief sie dem Alten zu. Der aber wandte sich und grüßte mit seinem Dreimaster. Und als er den Hut abnahm, sah man wieder den hohen Kamm, der das Haar nach hinten zu zusammensteckte.[300]

Grissel sah es auch und brummte vor sich hin: »Oll Kamm-Melcher! He denkt ook, he is so wat as uns' Herrgott. Un wat is he...? He is ook man behext.«

Quelle:
Theodor Fontane: Romane und Erzählungen in acht Bänden. Band 3, Berlin und Weimar 21973, S. 295-301.
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