Archibald Douglas

[120] »Ich hab' es getragen sieben Jahr

Und ich kann es nicht tragen mehr,

Wo immer die Welt am schönsten war,

Da war sie öd' und leer.


Ich will hintreten vor sein Gesicht

In dieser Knechtsgestalt,

Er kann meine Bitte versagen nicht,

Ich bin ja worden alt.


Und trüg' er noch den alten Groll,

Frisch wie am ersten Tag,

So komme, was da kommen soll,

Und komme, was da mag.«[120]


Graf Douglas spricht's. Am Weg ein Stein

Lud ihn zu harter Ruh,

Er sah in Wald und Feld hinein,

Die Augen fielen ihm zu.


Er trug einen Harnisch, rostig und schwer,

Darüber ein Pilgerkleid –

Da horch, vom Waldrand scholl es her.

Wie von Hörnern und Jagdgeleit.


Und Kies und Staub aufwirbelte dicht,

Her jagte Meut' und Mann,

Und ehe der Graf sich aufgericht't,

Waren Roß und Reiter heran.


König Jakob saß auf hohem Roß,

Graf Douglas grüßte tief,

Dem König das Blut in die Wange schoß,

Der Douglas aber rief:


»König Jakob, schaue mich gnädig an

Und höre mich in Geduld,

Was meine Brüder dir angetan,

Es war nicht meine Schuld.


Denk nicht an den alten Douglas-Neid,

Der trotzig dich bekriegt,

Denk lieber an deine Kinderzeit,

Wo ich dich auf den Knien gewiegt.


Denk lieber zurück an Stirling-Schloß,

Wo ich Spielzeug dir geschnitzt,

Dich gehoben auf deines Vaters Roß

Und Pfeile dir zugespitzt.


Denk lieber zurück an Linlithgow,

An den See und den Vogelherd,[121]

Wo ich dich fischen und jagen froh

Und schwimmen und springen gelehrt.


O denk an alles, was einsten war,

Und sänftige deinen Sinn,

Ich hab' es gebüßet sieben Jahr,

Daß ich ein Douglas bin.«


»Ich seh' dich nicht, Graf Archibald,

Ich hör' deine Stimme nicht,

Mir ist, als ob ein Rauschen im Wald

Von alten Zeiten spricht.


Mir klingt das Rauschen süß und traut,

Ich lausch' ihm immer noch,

Dazwischen aber klingt es laut:

Er ist ein Douglas doch.


Ich seh' dich nicht, ich höre dich nicht,

Das ist alles, was ich kann,

Ein Douglas vor meinem Angesicht

Wär' ein verlorener Mann.«


König Jakob gab seinem Roß den Sporn,

Bergan ging jetzt sein Ritt,

Graf Douglas faßte den Zügel vorn

Und hielt mit dem Könige Schritt.


Der Weg war steil, und die Sonne stach,

Und sein Panzerhemd war schwer,

Doch ob er schier zusammenbrach,

Er lief doch nebenher.


»König Jakob, ich war dein Seneschall,

Ich will es nicht fürder sein,

Ich will nur warten dein Roß im Stall

Und ihm schütten die Körner ein.[122]


Ich will ihm selber machen die Streu

Und es tränken mit eig'ner Hand,

Nur laß mich atmen wieder aufs neu

Die Luft im Vaterland.


Und willst du nicht, so hab' einen Mut,

Und ich will es danken dir,

Und zieh dein Schwert und triff mich gut

Und laß mich sterben hier.«


König Jakob sprang herab vom Pferd,

Hell leuchtete sein Gesicht,

Aus der Scheide zog er sein breites Schwert,

Aber fallen ließ er es nicht.


»Nimm's hin, nimm's hin und trag' es neu

Und bewache mir meine Ruh',

Der ist in tiefster Seele treu,

Wer die Heimat liebt wie du.


Zu Roß, wir reiten nach Linlithgow,

Und du reitest an meiner Seit',

Da wollen wir fischen und jagen froh,

Als wie in alter Zeit.«


Quelle:
Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Bd. 1–25, Band 20, München 1959–1975, S. 120-123.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte (Ausgabe 1898)
Gedichte
Die schönsten Gedichte von Theodor Fontane
Werke, Schriften und Briefe, 20 Bde. in 4 Abt., Bd.5, Sämtliche Romane, Erzählungen, Gedichte, Nachgelassenes
Gedichte in einem Band
Herr von Ribbeck auf Ribbeck: Gedichte und Balladen (insel taschenbuch)

Buchempfehlung

Gellert, Christian Fürchtegott

Die zärtlichen Schwestern. Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Die zärtlichen Schwestern. Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Die beiden Schwestern Julchen und Lottchen werden umworben, die eine von dem reichen Damis, die andere liebt den armen Siegmund. Eine vorgetäuschte Erbschaft stellt die Beziehungen auf die Probe und zeigt, dass Edelmut und Wahrheit nicht mit Adel und Religion zu tun haben.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon