Walter Scotts Einzug in Abbotsford

[156] Sir Walter, er zieht von Edinburg her

Gen Abbotsford, das noch öd' und leer,

Drum führt er mit sich, für Hof und Haus,

Was ein Schloßherr braucht jahrein jahraus:

Kisten und Kasten, groß und klein,

Diener, Doggen und Papagein,

Und dazwischen alles, was jahrelang

Er altertümernd erwarb, errang –

Für ein Museum übergenug,

Ein Dreiundzwanzigwagenzug.


Der erste Wagen, erinnerungsvoll

Ist er an Bruce und Balliol:

Ein Steinkreuz, ein Kamm, eine Totenurn',[156]

Alles vom Felde von Bannockburn,

Auch ein Lehnschwert mit Runenschrift auf und ab,

Das König Robert dem Douglas gab.


Auf dem zweiten: ein Felsstück aus dem Donjon,

Drin gefangen saß Richard Coeur de Lion,

Eine Harfe von Blondel (neu zu beziehn),

Ein Säbel von Sultan Saladin,

Eschenbogen und Tartsche von Robin Hood

Und ein Stock Bruder Tucks aus dem Nottingham-Wood.


Und auf dem dritten, von Nancy her,

Das Zelt von Charles le Téméraire,

Der Spieß, der dem Herzog, eh' er's gedacht,

Von Bauernhand den Tod gebracht;

Barbierzeug (Becken von goldener Bronze)

– Prachtstück aus den Tagen von Louis onze –

Zuletzt auch die Leiter, drauf, Strick in Hand,

Ehren-Tristan des Winks gewärtig stand.


Dann, bunt durcheinander, aus Heimat und Fremd',

Erzne Schienen und ein Kettenhemd,

Ein blutroter Mantel von Meister Hans,

Ein Dragonersattel von Preston-Pans,

Spinnrad und Spule von Königin Maud,

Inful und Krummstab von Erzbischof Laud,

Zwei Bildnisse, Kreid' und in Pastell,

Von der weißen Dame von Avenell,

Eine Spitzenkrause, die Darnley trug,

Eine dito von Bothwell, der Darnley erschlug,

Eine Schildpattwiege, drin einen Tag,

(Als man sie taufte) Queen Mary lag,


Ihr Hinrichtungsblock aus Fotheringhay,

Gebetbuch der Johanna Gray,

Kanzel und Sanduhr von John Knox,

Eine Riesenperücke des älteren Fox,

Eine Cromwell-Pistole mit Kugel im Lauf,[157]

Von Floddenfield ein verrosteter Knauf,

Auf türmt sich's (und mehr noch) Zoll um Zoll,

Dreiundzwanzig Wagen voll.


Und auf dem letzten, sonnumblitzt,

Sir Walter selber, ein Glücklicher, sitzt,

Er lächelt und träumt und führt im Geist

Den Stab schon, der allem die Stelle weist.

Eine Stelle find't jedes irgendwo,

Sei's in Quentin Durward, in Ivanho,

Eine Stelle find't jedes, früh oder spat,

In Abt oder Kloster oder Pirat,

Eine Stelle haben, finden sie,

Sei's in Woodstock oder in Waverlie.


Requisitenkammer, Schatzkammer noch mehr,

So kommt der Zug von Edinburg her.

Dreiundzwanzig Wagen. Nun ladet ab

Und, Sir Walter, schwinge den Zauberstab!


Quelle:
Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Bd. 1–25, Band 20, München 1959–1975, S. 156-158.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte (Ausgabe 1898)
Gedichte
Die schönsten Gedichte von Theodor Fontane
Werke, Schriften und Briefe, 20 Bde. in 4 Abt., Bd.5, Sämtliche Romane, Erzählungen, Gedichte, Nachgelassenes
Gedichte in einem Band
Herr von Ribbeck auf Ribbeck: Gedichte und Balladen (insel taschenbuch)

Buchempfehlung

Holz, Arno

Papa Hamlet

Papa Hamlet

1889 erscheint unter dem Pseudonym Bjarne F. Holmsen diese erste gemeinsame Arbeit der beiden Freunde Arno Holz und Johannes Schlaf, die 1888 gemeinsame Wohnung bezogen hatten. Der Titelerzählung sind die kürzeren Texte »Der erste Schultag«, der den Schrecken eines Schulanfängers vor seinem gewalttätigen Lehrer beschreibt, und »Ein Tod«, der die letze Nacht eines Duellanten schildert, vorangestellt. »Papa Hamlet«, die mit Abstand wirkungsmächtigste Erzählung, beschreibt das Schiksal eines tobsüchtigen Schmierenschauspielers, der sein Kind tötet während er volltrunken in Hamletzitaten seine Jämmerlichkeit beklagt. Die Erzählung gilt als bahnbrechendes Paradebeispiel naturalistischer Dichtung.

90 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon