Der alte Derffling

[204] Es haben alle Stände

So ihren Degenwert,

Und selbst in Schneiderhände

Kam einst das Heldenschwert;

Drum jeder, der da zünftig

Mit Nadel und mit Scher',

Der mache jetzt und künftig

Vor Derffling sein Honneur.


In seinen jungen Tagen

War das ein Schneiderblut,

Doch mocht' ihm nicht behagen

So Zwirn wie Fingerhut;

Und wenn er als Geselle

So saß und fädelt' ein,

Schien ihm die Schneiderhölle

Die Hölle selbst zu sein.


Einst, als das Nadelhalten

Ihm schier ans Leben ging,

Dacht' er: ›Das Schädelspalten

Ist doch ein ander Ding‹;

Fort warf er Maß und Elle

Voll Kriegslust an die Wand

Und nahm an Nadels Stelle

Den Säbel in die Hand.


Sonst focht er still und friedlich

Nach Handwerksburschen-Recht,

Jetzt war er unermüdlich

Beim Fechten im Gefecht;

Es war der flinke Schneider

Zum Stechen wohl geschickt,

Oft hat er an die Kleider

Dem Feinde was geflickt.[204]


Er stieg zu hohen Ehren,

Feldmarschall ward er gar,

Es mocht' ihn wenig kehren,

Daß einst er Schneider war;

Nur, fand er einen Spötter,

Verstund er keinen Spaß

Und brummte: »Für Hundsfötter

Ist hier mein Ellenmaß.«


Krank lag in seinem Schlosse

Der greise Feldmarschall,

Keins seiner Lieblingsrosse

Kam wiehernd aus dem Stall;

Er sprach: »Als alter Schneider

Weiß ich seit langer Zeit,

Man wechselt seine Kleider –

Auch hab' ich des nicht Leid.


Es fehlt der alten Hülle

In Breite schon und Läng',

Der Geist tritt in die Fülle,

Der Leib wird ihm zu eng;

Gesegnet sei dein Wille,

Herr Gott, in letzter Not!«

Er sprach's und wurde stille –

Der alte Held war tot.


Quelle:
Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Bd. 1–25, Band 20, München 1959–1975, S. 204-205.
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