Lichterfelde

[420] Sein Nam' und seiner Glocken Klang

Ziehen still die Heid' entlang.


Prenden bildete den linken Flügel des Sparren-Landes, dessen Zentrum, wie schon hervorgehoben, um Neustadt-Eberswalde herum gelegen war. Es bestand aus folgenden Dörfern: Hohenfinow, Tornow, Sommerfelde, Kruge, Klobbicke, Wösickendorf, Dannenberg, Heckelberg, Trampe und Lichterfelde.

In den sechs erstgenannten Dörfern, die seinerzeit zu dem ältesten Besitzstande der Familie gehörten, ist nichts mehr, was an die Sparrs erinnerte. Verbleiben noch: Dannenberg, Heckelberg, Trampe und Lichterfelde.


In Dannenberg klingt es nur leise noch von den Sparrs und allein ihr Name lebt noch fort in dem »Sparren-Busch«, der unmittelbar vor dem Dorfe beginnt und den Reisenden bis in die Freienwalder Heide begleitet.[420]

In Heckelberg finden wir schon mehr. Hier begegnen wir wieder einigen Sparren-Glocken. Heckelberg war nur kurze Zeit in Händen der Familie; der Feldmarschall besaß es durch wenige Jahre hin, aber diese wenigen Jahre waren ausreichend für ihn, um seiner frommen Leidenschaft ein Genüge zu tun und der Kirche entweder neue Glocken zu schenken, oder die alten zu erneuern. Wir finden zwei: eine größere aus dem Jahre 1656, die außer dem Glockenspruche: »Soli Deo Gloria« noch die Namen des Amtmanns, des Schulzen, des Pfarrherrn und der Kirchenvorsteher enthält, außerdem eine etwas kleinere aus dem Jahre 1663, die den Namen »Otto Christoph Freiherr von Sparr« trägt.

In der Heckelberger Kirche – freilich ohne alle Beziehung zu den Sparrs – ist auch ein Schnitzaltar, dessen ich erwähnen möchte, nur um vor Restaurierungen zu warnen, wie deren eine hier stattgefunden hat. Ermöglicht sich keine wirkliche Restaurierung, die mit ihrem reichen Goldschmuck oft sehr kostspielig ist, so tun die Gemeinden am besten, die Sache zu lassen wie sie ist, oder aber dem ganzen Schnitzwerk einfach eine weiße Tünche zu geben. Ich bin diesem Auskunftsmittel in mehreren Dorfkirchen begegnet und muß einräumen, daß, wenn man das Bessere nicht haben kann, dies unter dem Schlimmen das mindest Schlimme ist. Die Sachen wirken dann gipsfigurenhaft, was etwas Kaltes, aber doch niemals etwas direkt Störendes hat.

Vor dem Altar der Heckelberger Kirche befindet sich ein Grab. Einer der Geistlichen ist dort begraben, und die Stelle markiert sich durch nichts, als durch eine schwache muldenhafte Einsenkung des Fußbodens, infolge deren die Steine lose geworden sind. Wir äußerten ein leises Befremden darüber, aber der uns begleitende Heckelberger antwortete ruhig: »Wir tun, was wir können. Alle paar Jahr schütten wir nach und stampfen's fest, mörteln auch die Steine wieder ein, aber es hilft nichts, er geht immer tiefer, und eh' wir's uns versehn, ist die Mulde wieder da.«

Ein leiser Schauer überlief uns bei dieser Erzählung.


Wir kommen nun nach Trampe. Trampe ist altsparrisch, aber in den Wirrsalen des Dreißigjährigen Krieges ging es teilweis verloren und erst der Feldmarschall eroberte es der Familie zurück. Er scheint ihm eine besondere Vorliebe zugewandt und, wenn er nicht in der Hauptstadt war, abwechselnd hier und in Prenden residiert zu haben. Auf beiden Gütern entstand ein Schloß; während indes in Prenden nur noch ein Trümmerhaufen[421] davon erzählt, zeigt sich in Trampe alles wohl erhalten. Schloß und Park existieren noch, verändert und umgebaut zwar, aber in ihrer Grundanlage dieselben geblieben. Der Park, mit kostbaren alten Bäumen und einer Burgruine, weist noch eine seltsam geformte, acht Zifferblätter zeigende Sonnenuhr auf, die auf mehreren dieser Zifferblätter den Namen des Feldmarschalls trägt. In der Kirche befinden sich ein paar Bilder und Grabsteine, doch ohne Beziehung zu den Sparrs. Nur die Glocken erzählen wieder von ihnen und diesmal nicht nur von unserem Otto Christoph, sondern auch von seinen Vettern, die er, wie es scheint, mit heranzuziehen und seiner Glockenpassion dienstbar zu machen wußte.

Die Inschrift der ersten Glocke lautet: »Der wohledle, geborne Herr Ernst Sparr, Ihrer Kurfürstlichen Durchlauchtigkeit zu Brandenburg Rath und bestallter Hauptmann zu Zechlin und Lindow, Erbherr auf Trampe, Prenden, Beerbaum und Dannenberg.« Dazu das einfache Sparrsche Wappen und: »Goß mich Jacob Neuwert zu Berlin 1660.« (Diese Angabe wiederholt sich auf allen drei Glocken.)

Die Inschrift der zweiten Glocke lautet: »Ernst George des heiligen Römischen Reiches Graf von Sparr, der Römischen-Kaiserlichen auch zu Pohlen und Schweden Königlicher Majestät Geheimer Kriegsrath, Generallieutenant und Generalfeldzeugmeister beiderseits Kammerherr und Obrister zu Roß und Fuß, Herr auf Trampe, Prenden, Dannenberg und Beerbaum.« Dazu das gräfliche Sparrsche Wappen.

Die dritte Glocke ist die wichtigste. Sie rührt von dem Feldmarschall her, ist aber gesprungen und befindet sich deshalb nicht mehr neben ihren zwei Schwestern oben in der Höhe, sondern unten im Turm, wo man ihre Inschrift mit Bequemlichkeit73 lesen[422] und neben dem schönen Guß auch an ihrer Patina den ersichtlich feinen Erzgehalt bewundern kann. Die Inschrift lautet: »Otto Christoph Freiherr von Sparr, der Kurfürstlichen Durchlaucht zu Brandenburg Geh. Kriegsrath, Feldmarschall, Obergouverneur der in der Chur und Mark Brandenburg, Herzogthum Hinterpommern und Fürstenthum Halberstadt belegenen Festungen, Obrister zu Roß und Fuß, Herr zu Trampe, Prenden, Lanke und Neustadt an der Dohhl« (soll höchstwahrscheinlich Dosse heißen). Darunter das Sparrsche Wappen.

Diese Glocke, wie man sonst wohl mit gesprungenen Glocken tut, umzuschmelzen, wäre nicht ratsam, da sie dadurch aufhören würde, die alte Sparren-Glocke zu sein, und zwar, soviel ich weiß, die schönste und reichste, die er hat gießen lassen. Allerhand Sagen knüpfen sich außerdem an dieselbe, die den Feuertod sterben würden, wenn man sich entschlösse, durch Umschmelzung aus der alten Glocke eine neue zu machen. Die eine Sage berichtet die vielerorten wiederkehrende Geschichte vom Glockengießer, der eine Schlange mit in die Glockenspeise hinein getan habe, so daß seitdem die Schlangen aus der Umgegend verschwunden seien. Die andere meint, daß die Glocke aus türkischen Geschützen gegossen sei, die der Feldmarschall während seines Türkenzuges den Ungläubigen abgenommen, ja sie geht noch weiter und verbürgt sich, daß Sparr die Glocke selbst erobert und später dafür gesorgt habe, daß sie durch Tramper Bauern aus dem fernen Ungarlande herbeigeholt worden. Auch die glaubhaftere Hälfte dieser Tradition hält eine Kritik nicht aus, da die Glocke, wie sie selber besagt, 1660 gegossen wurde und »Vater Sparr« erst 1664 seinen großen Türkenzug antrat.


*


Und nun endlich Lichterfelde selbst. In seiner Kirche, der ausnahmsweise die Sparren-Glocken fehlen, befinden sich drei Kindergrabsteine aus der Sparrenzeit. Sie sind sehr abgetreten, einer so völlig, daß von Inschriftenlesen keine Rede mehr sein konnte. Bei den beiden andern entzifferte ich folgendes. Auf dem größeren: »Anno 1606 (oder 1600, wahrscheinlich letzteres) ist[423] geb. Anna Sparr und... 16... in Gott selig entschlafen; der Seele Gott genade«. – Auf dem kleineren: »Anno 1604 d. 2. Januar ist geboren Elisabeth Sparrn... entschlafen d. 3. Januar um 12 Uhr in der Nacht«.

Die Hauptsehenswürdigkeit ist das Schloß, in dem mutmaßlich um 1605 unser Otto Christoph geboren wurde. Dieser Umstand allein schon würde dem Schloß ein Anrecht auf unser Interesse geben; es trifft sich aber, daß es, abgesehen von seinen Beziehungen zu den Sparrs, auch als eine durch Eigenart und Munifizenz ausgezeichnete bauliche Schöpfung anzusehen ist.

Über die näheren Umstände des Baues, über Jahreszahl, Namen der Bauherren und des Baumeisters gibt eine lateinische Inschrift Auskunft, die sich in Front des Schlosses befindet. Sie lautet:

Dominus conserva nos. Psalm 126. Nisi Dominus aedificaverit Domum in vanum laboraverant, qui aedificant. Ao Dni 1565 Die 26 Julii Arend et Christoff Fratres de Sparn hanc Domum aedificare inceperunt, in Ao 1567 cum gratia Dei patris nostri Jesu Christi consummaverunt per Joachimum de Roncha ex Italia de Manilia.


Soli Deo Gloria.

Renovat. In Ao 1580.

Also etwa:

Der Herr schütze und bewahre uns. Psalm 126. (muß heißen: Psalm 127) »Wo der Herr nicht das Haus bauet, so arbeiten umsonst, die dran bauen.« Anno 1565 haben die Brüder Arend und Christoph von Sparr dies Haus zu bauen angefangen; Anno 1567 haben sie es durch die Gnade Gottes und unseres Heilands Jesu Christi beendigt und zwar unter Leitung Joachims von Roncha aus Manilia in Italien. Ruhm dem alleinigen Gott. Erneuert Anno 1580.

Diese Inschrift, wiewohl bis diesen Tag in aller Deutlichkeit zu lesen, hat zwei schwache Punkte: einmal den Namen und Geburtsort des italienischen Baumeisters, dann die Renovierungs-Jahreszahl 1580. Es ist mindestens ungewöhnlich, daß ein überaus solid aufgeführter Schloßbau nach dreizehn Jahren schon wieder renoviert wird. Aber dies ist unwichtiger. Wichtiger ist die Frage: wer war dieser Joachim von Roncha aus Manilia in Italien? gibt es ein Manilia, gibt es einen Roncha? oder ist alles Irrtum und Verdrehung von Anfang bis zu Ende? Mörner hat folgende Lesart vorgeschlagen: per Fra. Chiaramellum (da Gandino) ex Italia de Venetia, wobei er sich auf die Tatsache beruft,[424] daß es einen Joachim von Roncha niemals gab, wohl aber einen Francesco Chiaramelo oder Chiaramelli (da Gandino), der von 1562–1565 die Festung Spandau zu bauen begann.

Diese Mörnersche Interpretation ist außerordentlich scharfsinnig und möglicherweise zutreffend. Wir lassen sie jedoch auf sich beruhen und treten lieber in den Schloßbau selber ein.

Im Vorflur empfängt uns ein alter Herr, der Freund und Majordomus des Hauses, der in Abwesenheit des Besitzers die Repräsentation auf sich genommen hat. Wir nennen ihm unsere Namen, er zieht sein Käpsel und mit dem plauder-gemütlichsten Cicerone-Ton von der Welt, nicht ohne liebenswürdigen Anflug von Humor und Satire, beginnt er: »Sie werden hier eine der sonderbarsten Bauschöpfungen alter und neuer Zeit kennenlernen. Das Schloß hat weder Treppe noch Küche und besteht ausschließlich aus zwölf Zimmern und zwölf Klosetts.«

So eingeführt, beginnen wir unsern Umgang und überzeugen uns alsbald, daß eine präzisere Totalbeschreibung des Schlosses und seiner baulichen Absonderlichkeiten nicht wohl gegeben werden konnte. Was sich der Baumeister, er heiße nun Chiaramelli oder Roncha, bei dieser Herrichtung gedacht haben mag, ist schwer zu sagen. Wohl bin ich Schlössern begegnet, z.B. dem berühmten Lochlevenschloß in Schottland, in denen die besondere Dicke der Mauern ebenfalls zur Herstellung solcher »Bequemlichkeiten« dienen mußte, weil es im übrigen an Raum gebrach. Wenn es indessen irgend etwas gibt, dessen das Lichterfelder Schloß nun gerade nicht ermangelt, so ist es Raum. Seine Dielen und Flure wirken wie Hallen und seine Zimmer wie Säle.

Unser Cicerone sprach aber auch die Worte: »keine Treppe und keine Küche.« Und auch damit hat es seine Richtigkeit. Wenigstens gehabt. Was die Treppe angeht, so befindet sich dieselbe bis diesen Tag in einem eigenen, von außen angebauten Treppenhause, von dem die Sage geht, daß es deshalb früher nicht vorhanden war, »weil der alte Arendt Sparr, nach Art ähnlicher Sagenväter, den Zutritt zu seiner schönen Tochter durchaus unmöglich machen wollte.« Erst nachdem der Eintritt der bekannten Erscheinungen unseren alten Sparrenvater, wie so manchen Vater vor und nach ihm, von der Unmöglichkeit solcher Isolierung überzeugt hatte, entschloß er sich reumütig, dem Hause das zu geben, was ihm bis dahin gefehlt hatte – eine Treppe.

Das Schloß, wie seine Inschrift besagt, wurde 1565 bis 67 gebaut und 1580 renoviert. Ich vermute jedoch, daß es 1650 statt[425] 1580 heißen muß. Jedenfalls haben sehr bald nach dem Dreißigjährigen Kriege Renovierungen stattgefunden, da, während des Krieges, wie Bekmann berichtet, die Seitengebäude des Schlosses durch den schwedischen General von Dewitz eingeäschert worden waren. Natürlich mußte das Schloß selbst bei dieser Einäscherung mit leiden. Aber gleichviel, die Grundanlage des Schlosses ist seit den Tagen Arendts von Sparr und seines Sohnes Otto Christoph unverändert geblieben.

Und wie das Sparrenschloß blieb, so die Sparrenerinnerungen. Vor allem selbstverständlich die, die dem alten Feldmarschall gelten. In jedem der Dörfer, die dem Sparren-Lande zugehören, ist er gekannt, in dem einen als Zauberer, in dem anderen als Türkenbesieger, überall aber als der »Glockenmann«, der sich vorgesetzt hatte, am ganzen Laufe des Finowflusses hin seine Glocken klingen zu hören. Und wer an der Biesenthaler Wassermühle den kleinen Fluß passiert, oder an einem Herbtsabende, bei fallendem Nebel, an dem Tramperpark und seinen Burgtrümmern vorüberkommt, der fühlt wohl, daß ihn sein Weg in Gegenden geführt hat, wo es nicht wundernehmen darf, daß alte Volkssagen noch lebendig sind und weiter wachsen und schaffen. Und ein alter Knecht lebt noch auf einem der ehemaligen Sparrendörfer, der sieht alles voraus, was passiert, und prophezeit von einem großen Kriege, der in den achtziger Jahren kommen wird. »Dann werden die Menschen so rar werden wie die Störche im Jahre 1857, wo ein großer Sturm sie verschlagen und so viele umgekommen waren, daß man alle fünf Meilen nur einen noch sah. So wird Gott die Menschen schlagen, wie er damals seinen Gottesvogel geschlagen. Und dann werden die Menschen sich freuen, wenn einer den andern sieht.«[426]

73

Es verlohnt sich, dies eigens hervorzuheben, denn unter den mannigfachen kleinen Strapazen, womit das Hinaufsteigen in alte Türme und das Hinabsteigen in alte Grüfte verbunden ist, steht das Glockeninschrift-Lesen obenan. Ohne »Licht und Leiter« geht es eigentlich kaum, aber beide sind nie zur Hand und so fällt einem das Los zu, sich zu helfen, so gut es geht. Das erste ist, daß alle Schallöcher geöffnet werden, die nun natürlich einen Zug herstellen, als sollte Wäsche getrocknet werden, während es dem vom Treppensteigen Erhitzten wie der Tod über den Rücken läuft. Nun sind die Schallöcher auf und das Licht dringt ein, aber entweder die Distanz oder die gotischen Buchstaben oder gar der Schwalbenguano spotten noch immer der Entzifferungskunst des unten Stehenden, der sich nun genötigt sieht, die Reste seiner Turnerschaft hervorzusuchen. Erst ein Griff nach dem Querbalken, dann ein Schwung in das Kreuzgebälk hinein, – so, halb hängend, halb stehend, beginnt die Lektüre. Ist nun ein gefälliger Küster, dem sich Wort für Wort diktieren läßt, mit in den Turm hinaufgestiegen, so kann das Schlimmste der Expedition als überstanden angesehen werden, hat er aber, aus diesem oder jenem Grunde, seine kleine Tochter mit hinaufgeschickt, so bleibt einem schließlich nichts anderes übrig, als sich, wie der Glöckner von Notre-Dame, seitwärts auf die Glocke zu werfen und, die »große Marie« fest umarmend, auf dem erzenen Nacken derselben die Inschrift abzuschreiben.

Quelle:
Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Bd. 1–25, Band 10, München 1959–1975, S. 420-427.
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