[Chamisso in Cunersdorf]

[164] Das Jahr 1813 brachte noch einen anderen Gast nach Schloß Cunersdorf und mit seinem Besuche schließen wir wie mit einem Idyll. Dieser Gast war Chamisso.

Chamisso, bekanntlich infolge der französischen Revolution aus Frankreich emigriert26, hatte als preußischer Offizier die unglückliche Kampagne von 1806 und speziell die Kapitulation von Hameln mit durchgemacht. Seitdem lebte er ausschließlich den Wissenschaften, besonders dem Studium der Botanik. Im Frühjahr 1813 waren seine Mittel erschöpft und Professor Lichtenstein, dem Itzenplitzschen Hause befreundet, empfahl den[164] jungen Botaniker nach Cunersdorf hin, wo er, nach bald erfolgtem Eintreffen, die Anlegung einer großen Pflanzensammlung unternahm, eines Herbariums, das einerseits die Flora des Oderbruchs, andererseits alle Garten- und Treibhauspflanzen des Schlosses selbst enthalten sollte. Chamisso verweilte einen Sommer lang in dieser ländlichen Zurückgezogenheit und unterzog sich seiner Aufgabe mit gewissenhaftem Fleiß. Das von ihm herrührende Herbarium existiert noch. Die Mußestunden gehörten aber der Dichtkunst, und im Cunersdorfer Bibliothekzimmer war es, wo unser Chamisso, am offenen Fenster und den Blick auf den schönen Park gerichtet, den »Peter Schlemihl«, seine bedeutendste und originellste Arbeit niederschrieb.

Einige Stellen aus Briefen, die er damals an Varnhagen und Hitzig richtete, mögen hier auszugsweise einen Platz finden.


Er schreibt an Varnhagen, Cunersdorf, den 27. Mai 1813:


»Lieber Varnhagen, thun und lassen war für mich gleich schmerzhaft; durch den Machtspruch von Ehrenmännern in Unthätigkeit gebannt, bring' ich den Sommer bei dem Herrn von Itzenplitz auf seinen Gütern zu, in Cunersdorf bei Wriezen, und beschäftige mich allein mit Botanik, wozu ich die herrlichsten Hülfen habe. Ich helfe hier übrigens auch den Landsturm exerziren und kommt es zu einem Bauernkrieg, so kann ich mich wohl darein mischen – pro aris et focis. – Mit euch unterzugehen, will ich nicht verneinen.«27


An Hitzig, Cunersdorf, Juni 1813:


»Ich arbeite immer an meinen Pflanzen, gehe mit meinem Gärtner botanisiren, vergleiche meine Kataloge, corrigire die französischen Aufsätze der jungen Leute, unterweise sie etwas in der[165] Botanik... Das war ein schwerer Mai (Lützen und Bautzen). Wie klingt doch so seltsam mit einem Male in mir das Wort Fouqués:


Im Mai, im Mai, im jüngsten Mai,

Wo alles Leben sonst geht auf,

Da ist des jungen Helden Lauf

Ganz wider Blumenart vorbei.


O Gott, möchte er es nicht von sich selber gesungen haben! Grüß mir die Bekannten und Freunde, die Dir in den Wurf kommen. Gott verzeihe mir meine Sünden; aber es ist wahr:


Das ist die schwere Zeit der Noth,

Das ist die Noth der schweren Zeit,

Das ist die schwere Noth der Zeit,

Das ist die Zeit der schweren Noth.


Da hast Du ein Thema.«


An Hitzig (Cunersdorf; wahrscheinlich im September).


»... Du hast nichts weniger von mir erwartet als ein Buch! Lies das Deiner Frau vor, heute Abend, wenn Du Zeit hast. Wenn sie neugierig wird zu erfahren, wie es Schlemihl weiter ergangen und besonders, wer der Mann im grauen Kleide war, so schick mir gleich morgen das Heft wieder, auf daß ich daran schreibe; – wo nicht, so weiß ich schon, was die Glocke geschlagen hat. Vom dritten Kapitel ist das erst der Anfang; dies und das folgende sind mir sehr beschwerlich – es stehen die Ochsen am Berge.«


An Hitzig (Cunersdorf, Spätherbst 1813).


»Dieses zur Erinnerung, daß Du einen Freund in Cunersdorf hast, dem Du eben nicht sehr oft schreibst. Es ist eine ganz fatale Empfindung, wenn alle Tage der Postbote einläuft, und die Austheilung der Briefe im Salon geschieht und für einen Jeden etwas da ist, und für den Herrn von Chamisso – nischt niche!

... Ich kratze immer an meinem ›Schlagschatten‹, und wenn ich's Dir gestehen muß, lache und fürchte ich mich manchmal darüber, so wie ich daran schreibe; – wenn die anderen nur für mich nicht darüber gähnen. Mein viel gefürchtetes viertes Kapitel habe habe ich mir, nach vielem Kauen, gestern aus einem Stücke, wie[166] eine Offenbarung, aus der Seele geschnitten und heute abgeschrieben. Es ist auch schon eher Morgen als Nacht, darum ade. Das Blitz-Prosa-schreiben wird mir ungeheuer sauer, mein Brouillon sieht toller aus als alle Verse, die ich je gemacht.«

Bald nach diesem Briefe scheint Chamisso nach Berlin zurückgekehrt zu sein. Es wird zwar in Cunersdorf erzählt, er habe sich zunächst nach Nennhausen hin, zu Fouqué, auf den Weg gemacht, um diesem seinen Schlemihl vorzulesen; es liegen aber doch wohl Monate dazwischen, da, wie wir aus dem letztzitierten Briefe ersehen, bis etwa Mitte Oktober erst vier Kapitel von elf beendigt waren. Übrigens stand Fouqué damals auch wohl im Felde.


So waren die Erlebnisse von Schloß Cunersdorf, so waren die Personen, die während eines halben Jahrhunderts und darüber dort kamen und gingen.

Wir durchschreiten jetzt zunächst die Zimmer und Säle des Erdgeschosses und verweilen vor älteren und neueren Familienporträts von zum Teil künstlerischem Interesse. Die Aufzeichnung dieser Bilder aber für eine andere Gelegenheit vertagend, wenden wir uns nunmehr dem im oberen Stockwerk gelegenen Bibliothekzimmer zu, wo wir zunächst den Bildnissen derer begegnen, die einst Freunde des Cunersdorfer Hauses waren: Thaer, Wildenow, Alexander von Humboldt, Reil usw. Was aber unser Interesse lebhafter in Anspruch nimmt, das ist ein großer pultartiger Schrank, der in seinen verschiedenen Kästen und Fächern alles das umschließt, was sich auf den Generalmajor von Lestwitz bezieht. Das ganze Arrangement erinnert mehr oder weniger an die großen Glaskästen, in denen man in England (im britischen Museum, im Greenwich-Hospital, in Abbortsford usw.) allerhand Erinnerungsstücke an historische Persönlichkeiten, z.B. an Nelson, Walter Scott oder Sir John Franklin auszustellen pflegt. Auch unsere »Kunstkammer« hat ähnliches.

In diesem Lestwitz-Schranke, dessen oberer Teil aus ebensolchem Glaskasten besteht, befinden sich folgende Gegenstände:

1. Die beiden Degen des Generalmajors von Lestwitz, jeder mit drahtumsponnenem Griff und einfacher Lederscheide.

2. Der Schlachtplan von Torgau (»der Lestwitz-Tag«) groß und in sauberster Ausführung. Dazu: »Ausführlicher Bericht, wie die merkwürdige Schlacht bei Siptitz, ohnweit Torgau, am 3. November 1760 geschehen ist. Leipzig, bei Christian Gottlieb Hilscher.«[167]

3. Karten und Manöverpläne, die der Generalmajor von Lestwitz selbst gebraucht.

4. Karten, die auf den Siebenjährigen Krieg Bezug haben, bis 1763.

5. Militärische Pläne und Karten seit 1763.

Alle unter 3, 4 und 5 angeführten Karten und Pläne befinden sich in großen Mappen und sind zum Teil für den Lestwitzschen Privatgebrauch gezeichnet und getuscht, teils im Buchhandel erschienen. Bei den letztern lesen wir abwechselnd: »Zu finden in Johann Jacob Korns Buchhandlung in Breslau«, oder »gestochen von Glaßbach in Berlin«.

In demselben Schranke finden wir noch ein anderes historisches Wertstück, das freilich nicht mehr der Lestwitzzeit angehört, sondern vom Grafen Peter Alexander von Itzenplitz, von Groß-Behnitz im Havellande her, mit nach Cunersdorf gebracht wurde. Es ist dies

6. der Flötenkasten Friedrichs des Großen, den – bald nach dem Tode des großen Königs – Friedrich Wilhelm II. an seinen Minister Wöllner zum Geschenk machte. Der Minister Wöllner war mit einer Groß-Behnitzer Itzenplitz vermählt, wodurch dies historische Wertstück (da das Wöllnersche Paar kinderlos starb) in die Itzenplitzsche Familie kam.

Es ist ein weißer, in der geschmackvollsten Weise mit Rosen, Erdbeeren und allerlei Blumengirlanden bemalter Porzellankasten von etwa fünf Zoll Höhe bei sieben Zoll Breite und elf Zoll Länge. In diesem Kasten, der zwei Etagen hat, und mit rotem Samt ausgeschlagen ist, liegt die Ebenholzflöte des Königs. Sie besteht aus acht Stücken: einem Mundstück, einem Klappenstück und sechs Einsatzstücken, jedes Stück von einem Elfenbeinrande eingefaßt. Dazu gehört noch (zugleich als Autograph von der Hand des Königs) eine sieben Seiten lange Partitur. Die Überschrift derselben lautet: Aria per il Paulino del Opera di Demofoontée, allegro di molto non odi consiglio. Rechts oben in der Ecke: di Frederico.

Vielleicht die größte Sehenswürdigkeit von Schloß Cunersdorf ist die Begräbnisstätte für die Familie Lestwitz-Itzenplitz. Dieselbe liegt an der anderen Seite der Dorfstraße, und die verschlungenen Pfade eines Obstgartens – an Blumenbeeten und dem hohen Schilf eines kleinen Teiches vorbei – führen zu dieser Stätte hin. Eine hohe Schwarztanne, deren Zweige weit in den Friedhof hineinragen, bezeichnet den Eingang. Dieser Friedhof, den eine ziemlich niedrige Feldsteinmauer umfaßt, erinnert zumeist[168] an die Begräbnisstätten der Familie Marwitz in Friedersdorf und der Familie Humboldt in Tegel. Mit beiden hat er eine gewisse Eigentümlichkeit der Anlage gemein, und wenn er vielleicht einerseits hinter der christlich-poetischen Schlichtheit des einen, wie anderseits hinter der klassisch-ästhetischen Feinheit des andern zurückbleibt, so übertrifft er doch beide sowohl durch Mannigfaltigkeit wie durch den Reichtum des künstlerisch Gebotenen. Die Anlage, wenn ich nicht irre von Frau von Friedland herrührend, die auch hierin die Selbständigkeit ihres Wesens zeigte, ist folgende. An der Einfassung entlang, aber diese bedeutend überragend, zieht sich, wie ein solider Wandschirm, ein Stück Mauerwerk entlang, dessen Rückseite glatt ist, während die Front (der Begräbnisstätte zugekehrt) eine Anzahl von Nischen zeigt. Einfache Säulen fassen nach links und rechts diese Nischen ein und tragen einen wenig vorspringenden Sims. Zu Füßen jeder Nische liegt ein Grabstein, während in der Nische selbst die Aschenkrüge mit den Reliefbildnissen der Verstorbenen oder sonstige Mementos stehen. Um die Grabsteine rankt sich Efeu; Geisblatt und Immergrün steigen zu den Säulen empor. Die ganze Anlage hat den Vorteil, daß sie sich ohne Mühe durch Anbau einer neuen Nische erweitern läßt. Der Bau, wie er jetzt ist, besteht aus neun Nischen, und die Mitglieder der Lestwitz-Itzenplitzschen Familie, die hier ihre Ruhestätte gefunden haben, sind, unter wörtlicher Zitierung der Inschriften, die folgenden:

1. »Gruft des irdischen Überrestes von Hans Sigismund von Lestwitz, Königl. Preußischen General-Majors der Infanterie. Geboren zu Kontop in Schlesien am 19. Junius 1718; gestorben zu Berlin am 16. Februar 1788.« Denkmal: Eine über zwei Fuß hohe Urne von grauem schlesischem Marmor; in Front der Urne der Reliefkopf des Generals; oben auf der Urne Helm, Schwert, Handschuh. Von Schadow zwischen 1790 und 1803 ausgeführt.

2. »Dies Denkmal bedeckt den sterblichen Theil von Catharina Charlotte von Lestwitz, geb. von Treskow. Geboren zu Schlagentin im Magdeburgischen am 3. Januar 1734, gestorben zu Berlin am 14. Januar 1789.« Denkmal: Urne von grauschwarzem Marmor mit Reliefbild. Ebenfalls von Schadow.

3. »Dem thätigen Geiste, der diese Fluren belebte, ordnete und nun schützt, Helenen Charlotten von Friedland, geborenen von Lestwitz. Geb. zu Breslau am 18. November 1754, gestorben zu Cunersdorf den 23. Februar 1803«. Denkmal: Ein Säulenabschnitt, an dem sich das Reliefbild der Heimgegangenen befindet, trägt eine Marmorurne. Diese Urne zeigt am oberen Rande,[169] auch reliefartig, die Attribute der Landwirtschaft: Pflug, Egge, Sense, Sichel, Harke. Darunter ein Genius, mit dem Schmetterling in der Hand; im Hintergrunde zwei weibliche Figuren, von denen die eine einen Blütenzweig, vielleicht eine Lotosblume, oder doch eine Blume von ähnlicher allegorischer Bedeutung, in der Hand hält, während die andere sich, durch eine Schere in ihrer Rechten, als eine der Parzen kennzeichnet. Dies Denkmal, von Enrigo Keller in Rom herrührend, gilt für ein ausgezeichnetes Kunstwerk. Die Basreliefs an der Urne sind nach antiken Vorbildern ausgeführt.28 Ich bekenne indes, daß ich die hohe Schönheit speziell dieses antiken Reliefbildes (der Genius mit dem Schmetterlinge gleicht einem Amor, den eine Biene gestochen hat) nicht habe empfinden können. Der unten in der Anmerkung abgedruckte Brief Wilhelm von Humboldts widerlegt mich, – ohne mich zu überzeugen.

4. »Peter Alexander Graf von Itzenplitz. Zu Groß-Bähnitz geboren den 24. August 1769, gestorben den 18. September 1834. Sein Herz, reich an umfassender Liebe, sein Geist voll Durst nach Wissen, wirkte mit lebendiger Einsicht und beharrlicher Kraft, was in dauernder Frucht uns trostvoll umgiebt.« Denkmal: Ein zugeschrägter griechischer Altar trägt zuoberst das Reliefporträt des Grafen. Darunter ein anderes Reliefbild, das alte und das neue Oderbruch, d.h. den Zustand wie es war und den Zustand wie es ist, allegorisch darstellend. Wasser entströmt der Urne der Najade, und Eiche, Storch und Reiher, die im Sumpf ihre Heimat haben, bezeichnen das alte Oderbruch. Aber das abgewandt entströmende Wasser legt den Vordergrund trocken und ein pflügendes Stiergespann, Apfelbaum und Garbe, versinnbildlichen das Oderbruch, wie es jetzt ist. – Von Rauch herrührend.

5. »Henriette Charlotte Gräfin von Itzenplitz, geborene von Borcke, genannt von Friedland, geboren zu Potsdam 18. Juli 1772, vermählt zu Cunersdorf 23. September 1792, gestorben zu Berlin 13. April 1848.« Denkmal: Eine zugeschrägte Marmortafel trägt die entsprechenden Reliefs. Gräfin Itzenplitz sitzt, mit[170] dem Ausdruck heiterer Ruhe, auf einer Bank. Neben ihr ein Fruchtkorb, auf dem die Linke ruht; in der Rechten hält sie ein aufgeschlagenes Pflanzenbuch, zum Hinweis auf ihre Vorliebe für Garten- und Pflanzenkunde. – Ebenfalls von Rauch.

6. »Gräfin von Itzenplitz, geb. Gräfin von Bernstorff.« Denkmal: Der Engel des Todes entführt die Mutter ihren Kindern; aber noch im Scheiden sucht sie schützend ihren Schleier um alle die zu breiten, die sie zurückläßt. – Eine vortreffliche Arbeit von Friedrich Tieck.

7. »Gräfin von Itzenplitz, geb. von Sierstorpff.« Denkmal: ein einfaches Marmorkreuz.

8. »Gräfin von Itzenplitz, geb. von Kroecher.« Denkmal: Die Sterbende preßt das Kreuz an ihre Brust, während ihr der Engel des Todes den Kranz reicht. – Von Hugo Hagen.

Der Platz der neunten Nische ist noch frei. Graf Heinrich von Itzenplitz, der gegenwärtige Besitzer der Herrschaft, hat ihn für sich reserviert, um hier an der Seite der Seinen zu ruhen. Der Friedhof selbst aber, von dem wir jetzt Abschied nehmen, und von dem wenige wissen, bildet eine Sehenswürdigkeit unserer Mark auch nach der Seite des Künstlerischen hin. Die besten bildnerischen Kräfte, die unser Land hervorgebracht, hier waren sie tätig: Schadow, Rauch, Tieck. Und keiner von ihnen ist an dieser Stelle hinter sich selbst zurückgeblieben.


Die schönste Stunde im Schloß ist die Morgenstunde. Noch ist alles still; draußen leuchtet ein klarer Septemberhimmel, Luft und Sonne strömen durch das offene Fenster ein. Unter dem Fenster hin zieht sich ein Garten, mit Rasenplatz und Blumenrondell. Die Gänge sind frisch geharkt; keine Fußspur unterbricht die glatten Furchen: nur hier und da sieht man ein Gekräusel im Sand, von einem Huhn herrührend, das sich aus dem Hof in den Garten stahl. Die Bosketts sind abgeblüht; die Spätlinge des Jahres, meist rote Verbenen, haben an der Rampenwand ein warmes Plätzchen gesucht; dort trifft sie eben die volle Morgensonne.

Hinter dem Garten steigt der Park auf und mitten durch den Park hin, in gerader Linie auf das Schloß zu, zieht sich, kanalartig, ein breiter Teich. Die Bäume zur Rechten des Wassers stehen dicht und dunkel; aber nach links hin lichten sie sich, und durch die Lichtungen hindurch, über weiße Birkenbrücken hinweg, blicken wir weit in das offene Wiesenland hinein.

Friede ringsum. Auf das Fensterbrett vor mir setzt sich ein[171] Spatz und zwitschert und sieht mich an, als erwarte er sein Morgenbrot von mir. Er pickt die Krumen auf, die ich ihm hingeworfen, und unterwegs seine Flügel ins Wasser tauchend, fliegt er über die Breite des Teiches hin.

Einzelne Sträucher lachen mit roten Beeren aus dem Unterholz des Parkes hervor; die große Linde, halb herbstlich schon, streut bei jedem Luftzug ein gelbes Blatt auf die Gänge nieder; aber im Fallen zögern einzelne Blätter wieder und raffen sich auf, als überlegten sie, ob sie nicht lieber steigen sollten. Vereinzelte Vogelstimmen singen in den Morgen hinein; sonst alles still: nur das Wasser, nun fast ein Jahrhundert schon, fällt an derselben Stelle melodisch-einförmig über das Wehr, wie ein Ewiges, das die Bilder der Zeitlichkeit umschließt.

26

Zwei ältere Brüder Adalberts von Chamisso: Hippolyt und Karl, waren Leibpagen im Dienste Ludwigs XVI., und Karl war unausgesetzt um die Person des unglücklichen Monarchen in dessen bedrängtesten Lagen, namentlich am 10. August 1792. Bei einem Auflauf zerschlagen und verwundet, wurde Karl von Chamisso nur mit Mühe gerettet. Der König verkannte das Verdienst nicht, das sich der Page um ihn erworben hatte, und fand Gelegenheit, ihm einen Degen zuzustecken, den er, der König, in glücklicheren Jahren getragen hatte. Zu gleicher Zeit schrieb er auf einem nur etwa talergroßen Zettelchen: »Ich empfehle Herrn von Chamisso, einen meiner treuen Diener, meinen Brüdern. Er hat mehrere Mal sein Leben für mich auf das Spiel gesetzt. Ludwig.« Das Zettelchen und der Degen befinden sich bis diesen Tag in den Händen der Familie. Der älteste Sohn Adalberts von Chamisso besitzt beides.

27

Er fühlte sich, trotz der natürlichen Bande, die ihn an Frankreich knüpften, so ganz als Deutscher, daß er im Jahre 1818 bei seiner Rückkehr von der »Reise um die Welt«, die er unter Otto von Kotzebue an Bord des »Rurik« gemacht hatte, auf der Reede von Swinemünde schreiben konnte:

Heimkehret fernher, aus den fremden Landen,

In seiner Seele tiefbewegt der Wanderer;

Er legt von sich den Stab und kniet nieder,

Und feuchtet deinen Schoß mit stillen Tränen,

O deutsche Heimat! – Woll' ihm nicht versagen

Für viele Liebe nur die eine Bitte;

Wann müd' am Abend seine Augen sinken,

Auf deinem Grunde laß den Stein ihn finden,

Darunter er zum Schlaf sein Haupt verberge.

28

Wilhelm von Humboldt wurde durch die befreundete Itzenplitzsche Familie aufgefordert, die Anfertigung eines Grabdenkmals, am besten durch einen italienischen Künstler, zu vermitteln. Humboldt unterzog sich gern dieser Aufgabe und schrieb an Enrigo Keller: »Auf der Urne wünscht man ein allegorisches Basrelief, wozu das bekannte Basrelief von dem Genius und dem Schmetterlinge und zwei andern allegorischen Figuren, das sich auf der Vase im Palast Chigi befindet, das beste und schicklichste wäre.«

Quelle:
Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Bd. 1–25, Band 10, München 1959–1975, S. 164-172.
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