Schlußwort

[398] Mit diesem IV. Bande nehm' ich – wenigstens in meiner Wanderereigenschaft – Abschied vom Leser, nicht weil der Stoff erschöpft wäre, wohl aber vielleicht die Geduld. Und ein Band zuviel ist wie ein Tag zuviel, der den guten Besuchseindruck wieder in Frage stellt.

Über zwanzig Jahre sind vergangen, seit ich im Sommer 1859 mit diesen Wanderungen begann. Was den Anstoß dazu gab, darüber hab' ich mich in dem Vorworte zu Band I ausführlicher ausgesprochen, und wiederhole hier nur in aller Kürze, daß es auf einer Tour in Schottland, angesichts eines im Levensee sich erhebenden alten Douglas-Schlosses war, wo mir zuerst der Gedanke kam, »je nun, so viel hat Mark Brandenburg auch. Geh' hin und zeig' es.«

Auf eaner »Tour« sagt' ich, war mir dieser erste Gedanke zu den Wanderungen gekommen und ausschließlich als »Tourist« gedacht' ich daheim ihn auszuführen. Jede wissenschaftliche Prätention lag mir fern. Es drängte mich nur, das eingewurzelte Vorurteil von einer hierlandes auf alle Dinge sich erstreckenden Armut und Elendigkeit zu bekämpfen und durch Hinweis auf diesen oder jenen Schönheits- beziehungsweise Berühmtheitspunkt unsrem so gern in die Ferne schweifenden Märker zu Gemüt zu führen: »Sieh, das Gute liegt so nah.«

Und so fuhr ich denn in meine spezielle Heimat, ins Ruppinsche hinein und begann in seinen Luch-und Bruchdörfern umherzuwandern, den Rhin und die Dosse hinauf und hinunter, und gleich das erste Kapitel, das ich schrieb, ergibt denn auch bis diese Stunde, wie lediglich touristenhaft ich meine Sache damals auffaßte.

Dies erste Kapitel behandelte »Wustrau«, das am Ruppiner See gelegene Herrenhaus des alten Zieten. Es fiel mir nicht ein, unter dieser Überschrift irgend etwas auf historischem Gebiete Neues über den berühmten alten Husarenvater erzählen zu wollen, vielmehr lief in meinem Vorhaben alles auf etwa folgende Betrachtung und Ansprache hinaus: »Ihr kennt alle den alten Zieten, den Zieten aus dem Busch, der auf dem Wilhelmsplatze steht und zu dem der Alte Fritz sagte: ›Zieten setz er sich.‹ Und ist auch derselbe, der den Zietenritt ausführte, den unser Scherenberg in wahren Steeplechase-Versen besungen hat, und ist endlich auch der, der bei Torgau nicht locker ließ und die Schlacht gewann, die der König schon verloren glaubte... Nun [399] seht, dieser alte Zieten ist nicht so bloß spurlos aus dieser Zeitlichkeit geschwunden und sitzt auch nicht so bloß, wie's uns unser Chodowiecki glaub' ich gezeichnet hat, oben im Himmel und regiert da mit Gott und dem Alten Fritz um die Wette, nein, nein, er ist auch noch diesseits zu finden und wenn ihr nur an den rechten Fleck Erde kommt, so wird sich euch noch allerhand auftun, kleines und großes, das an ihn erinnert. Und dieser Fleck Erde liegt am Ruppiner See. Da geht nur hin, und wenn ihr erst da seid, so werdet ihr daselbst nicht bloß das Herrenhaus sehen, das er gebaut, und den Park, den er angelegt hat, sondern zugleich auch seinen Grabstein an der äußeren Kirchenwand und sein stattliches Grabdenkmal im Innern der Kirche. Ja, wenn ihr Glück habt und es trefft, daß die Herrschaften oben ausgefahren oder wohl gar verreist sind, so könnt ihr am End' auch den Säbel sehen, den der Alte nie zog (ein einzig Mal abgerechnet, wo's ihm ans Leben ging) und könnt auch vielleicht in den Husaren-Ahnensaal eintreten, in dem all die rotröckigen und schnauzbärtigen Zietenschen Offiziere hängen, die den Siebenjährigen Krieg mit durchgefochten haben. All das könnt ihr da sehen und nebenher auch noch dies und jenes hören, allerlei Schnurren und Anekdoten, die von Mund zu Mund gehn. Und wenn ihr dann weiterfahrt, dann werdet ihr ungefähr dasselbe denken, was ich seinerzeit gedacht habe: ›Weit hinaus über alles Erwartete!‹«

Ja, vorfahren vor dem Krug und über die Kirchhofsmauer klettern, ein Storchennest bewundern oder einen Hagebuttenstrauch, einen Grabstein lesen oder sich einen Spinnstubengrusel erzählen lassen – so war die Sache geplant und so wurde sie begonnen. Und sehr wahrscheinlich auch, daß es dabei geblieben wäre, wenn es dabei hätte bleiben können. Allein dies verbot sich. Ein Vorgehen, wie das eben geschilderte, hatte doch immer ein bestimmtes Maß von Kenntnis und Interesse zur Voraussetzung und mußte von dem Augenblick an hinfällig werden, wo die Voraussetzung selbst es ward und mich im Stiche ließ. In dem Wustrau-Kapitel lagen die Dinge bequem, Wustrau war ein Idealstoff, aber solcher Stoffe gab es in ganz Mark Brandenburg eigentlich nur noch drei: Rheinsberg, Küstrin und Fehrbellin. Über diesen Kreis hinaus versagte sofort das Vorweginteresse, weil das Wissen zu versagen anfing, und schon bei Tamsel und Alt-Möglin, bei Friedersdorf und Friedland ergaben sich arge Verlegenheiten. In ihnen waren einerseits die Schönings und Barfuß' und andererseits die Marwitz' und die Lestwitz' [400] zu Hause. Wer aber waren die Schönings und Barfuß'? Und wer waren die Marwitz' und die Lestwitz'? Und das Recht zu dieser Frage nur einen Augenblick zugestanden, war auch die Pflicht zugestanden, sie zu beantworten.

Eine Folge davon war, daß ich aus dem ursprünglichen Plauderton des Touristen in eine historische Vortragsweise hineingeriet, und Band II (Oderland) ist denn auch mehr oder weniger ein Zeugnis und Beweis dafür geworden, indem er aus einer Anschauungs- und Arbeitsepoche stammt, in der mir diese veränderte Vortragsweise, will sagen das Vorherrschen des Historischen, als unerläßlich erschien.

Aber nicht lange, so bemerkt' ich den Irr- und Gefahrsweg, auf den ich geraten war, und bestrebte mich, mich in die frühere Weise zurückzufinden, ein Bestreben, das in den beiden Schlußbänden, so hoff' ich, deutlich erkennbar zutage tritt. Auch sie noch weisen genug des Historischen auf, aber es verbirgt sich oder sucht sich wenigstens zu verbergen, und so haben denn Band III und IV auf dem Wege der Kritik und Reflexion etwa wieder die Form und Gestalt empfangen, die mir bei Niederschreibung der ersten Kapitel aus dem bekannten »dunklen Drange heraus«, als die richtigste, jedenfalls als die wünschenswerteste vorschwebte.

Der Hinweis auf diese Dinge schien mir geboten und zwar in Abwehr gegen Bemängelungen, denen diese Reisefeuilletons (so vielleicht darf ich sie nennen) ausgesetzt gewesen sind. Irgendwo hieß es einmal: »Die nach mehr als einer Seite hin überschätzten ›Wanderungen‹ sind Arbeiten, an denen der Mann von Fach, also der Berufshistoriker, achselzuckend oder doch mindestens als an etwas für ihn Gleichgültigem vorübergeht.« Es mag in diesem Satze sehr viel Richtiges enthalten sein, aber insoweit irrt er und benachteiligt er mich, als er mir Absichten und Strebungen unterstellt, die mir, ein paar der von mir selber angedeuteten Ausnahmefälle zugegeben, absolut fern gelegen haben. Er stellt mich rein willkürlich, ohne meinen Wunsch und ohne mein Zutun, in die Prachtfront der großen Grenadiere, bloß um hinterher auf eine bequemste Weise meine Füsilierschaft, meine Zugehörigkeit zur letzten Rotte der 12. Kompanie vor aller Welt Augen beweisen zu können. Ich hab, aber nie mehr beansprucht als fünf Fuß fünf Strich altes Maß. Wer sein Buch einfach »Wanderungen« nennt und es zu größerer Hälfte mit landschaftlichen Beschreibungen und Genreszenen füllt, in denen abwechselnd Kutscher und Kossäten und [401] dann wieder Krüger und Küster das große Wort führen, der hat wohl genugsam angedeutet, daß er freiwillig darauf verzichtet, unter die Würdenträger und Großkordons historischer Wissenschaft eingereiht zu werden. Ich habe »mein Stolz und Ehr'« und zwar mit vollem Bewußtsein auf etwas anderes gesetzt, aufs bloße Plaudernkönnen, und erkläre mich auch heute noch für vollkommen zufriedengestellt, wenn mir dies als ein Erreichtes und Gelungenes zugestanden werden sollte. Freilich bleibt daneben bestehen, daß in eben diesen Kapiteln, und zwar unter Zutun und Hilfe meiner über die halbe Provinz hin zerstreuten Mitarbeiter, auch ein bestimmtes Quantum historischen Stoffes niedergelegt worden ist, das eben nur hier existiert61 und an dem mißachtend vorübergehen zu wollen, ein Fehler wäre, den, so mein' ich, niemand aus freien Stücken begehen wird, niemand, dem neben dem exakten Kontur auch das Kolorit in der Kunst etwas bedeutet.


*


Ich erwähnte meiner Mitarbeiter und möchte der hauptsächlichsten derselben etwas eingehender gedenken dürfen.

Da sind vorerst die märkischen alten Familien: der Land- und Landesadel aus den Tagen der Putlitz, Quitzow und Rochow her. Die Gefühle für sie sind im Laufe von vierhundert Jahren ziemlich unverändert geblieben, ziemlich unverändert wie sie selbst. Und aus gleicher Ursach' die gleiche Wirkung. Wirklich, es lebt in unserm Adel nach wie vor ein naives Überzeugtsein von seiner Herrscherfähigkeit und Herrscherberechtigung fort, ein Überzeugtsein, das zum Schaden ebensowohl des Ganzen wie der einzelnen Teile, noch auf lange hin das Zustandekommen einer auf Prinzipien und nicht bloß auf Vorurteil und Interesse basierten Torypartei verhindern muß. Eine [402] solche bedarf eben durchaus des dritten Standes. Es wird aber nur wenige bürgerliche »Honoratiores« geben, die nicht – auch bei konservativster Schulung und Naturanlage – durch den Pseudokonservativismus unsres Adels, der schließlich nichts will als sich selbst und das was ihm dient, in peinlichste Verlegenheit und hellste Verzweiflung gebracht worden wären. Immer wieder bricht es durch, erweist eben noch gehegte Hoffnungen als ebenso viele Täuschungen und macht ein herzliches Zusammengehen auf die Dauer unmöglich.

Indessen es gilt politisches und gesellschaftliches Auftreten zu scheiden, und was seinerzeit vom Engländer galt und eigentlich immer noch gilt: »in der Fremde bedrückend, aber zu Haus entzückend« eben dasselbe geflügelte Wort ist auch anwendbar auf unsern Adel. Und weshalb? Einfach deshalb, weil er sich daheim, an seinem eignen Herd, in sein volles Gegenteil zu verkehren und aus der Starrheit seines non possumus in ein alle Welt sympathisch berührendes laisser passer überzulenken weiß. Er ist eben über Nacht ein andrer geworden. Nicht mehr in die Defensive gestellt, nicht mehr ein kreis- oder reichstäglich Belagerter, der sich, in strikter Befolgung alter Taktik, am besten durch Ausfälle zu schützen glaubt, entäußert er sich einer ihm schließlich selbst unbequem werdenden Stachelrüstung und kleidet sich in das Selbstgespinst seiner vorvorderlichen Tugenden. Und diese Tugenden heißen: ein gut Teil Gutmütigkeit, ein noch größeres von gesundem Menschenverstand und ein allergrößtes von Kritik. Und diese Kritik ist das beste. Mit einem seiner Zuhörerschaft sich alsbald mitteilenden Behagen beginnt er plötzlich alles unter die Lupe seiner ihm angebornen Skepsis zu nehmen und dabei Radikalismen laut werden zu lassen, Urteile von einer Fortgeschrittenheit, als flösse nicht die Nieplitz oder die Notte, sondern mindestens der Hudson oder Potomac an seinem alten Feldsteinturm vorüber. All das freilich nur als jeu d'esprit, ohne die geringste Neigung, sich andern Tags in allernüchternster Morgenfrühe daran erinnern oder wohl gar beim Worte nehmen zu lassen, aber auch als bloßes Spiel schon erweist es sich als bemerkenswert und verrät uns zur Genüge, daß etwas Helles und Gewitztes, etwas esprit-forthaftes in ihm steckt, und daß die Wurzel jener Selbstsucht, die so vorzugsweis an ihm mißfällt, in allem Möglichen, nur nicht in der Enge seines Geistes zu suchen ist. Er ist vielmehr umgekehrt von einem scharfen und eindringenden, ja, soweit lediglich praktische Dinge mitsprechen, von einem umfassenden Blick, [403] und führt einen Existenzkampf nicht deshalb so hart und erbittert, weil er des Gegners Recht verkennte, sondern gerade deshalb, weil er es erkennt. Er vermag nur nicht den einen letzten Schritt zu tun, den vom Erkennen zum Anerkennen.

Alles in allem: sie sind doch anders als ihr Ruf, diese so viel verklagten »Junker«, anders und besser, und es ist nur Pflicht und Wahrheit, wenn ich an die ser Stelle versichere, daß ich einer langen Gesprächsreihe mit ihnen eine Zahl allerglücklichster Stunden verdanke, Stunden voller Anregung und Belehrung, in betreff deren es gleich war, ob das Gespräch in Haus oder Heide, vorm Kamin oder auf dem Pirschwagen geführt wurde. Zu welchem allem ich auch das noch hinzufügen möchte, daß sich mir diese liebenswürdige Verkehrsseite, diese Welt ansprechender und gefälliger Formen unter teilweis sehr erschwerenden Umständen erschloß und zwar zu Zeiten, als ich mich noch als ein absolut Fremder unter unsren ruppinisch-havelländischen und barnim-lebusischen Familien bewegte. Mit einer Dankbarkeit, in die sich etwas von Bewunderung mischt, muß ich jener ersten sechziger Jahre gedenken, wo meine Besuche vollkommen überfallartig stattfanden und ich, mal auf mal, auf gut Glück hin die herrschaftliche Rampe hinauffuhr, in der Tat um kein Haarbreit introduzierter oder empfohlener, als irgendein Feuer- oder Hagel-Assekuranz-Agent. Oft schlug mir das Herz, und mit nur zu gutem Grund, aber niemals hin ich einer Unfreundlichkeit oder Verspottung begegnet, zu der die Situation eigentlich ausnahmelos herausforderte.


Vor Köckeritz und Lüderitz,

Vor Krachten und vor Itzenplitz,

Bewahr uns lieber Herre Gott –


das mag politisch auch noch so weiterklingen; gesellschaftlich und persönlich aber haben es die »Raubritter« von ehedem an nichts wirklich Ritterlichem jemals fehlen lassen62 und alles [404] Gegensatzes gegen den Inhalt des vorigen Jahrhunderts unerachtet, die Form und den Ton eben dieses Jahrhunderts (dem des unsrigen so sehr überlegen) immer zu wahren und immer zu treffen gewußt.

Und nun ihr meine Geliebtesten, ihr meine Landpastoren und Vicars of Wakefield! Ach, auch euch lacht nicht eigentlich die Sonne der Volksgunst, und wirklich, wer euch so zur Synode ziehen sieht, angetan mit jenem Frack und jenem Blick, die zu zeitigen unsrem norddeutschen Protestantismus innerhalb seiner andren Aufgaben vorbehalten war, und wer euch dann sprechen hört über den Zeitgeist, den ihr ändern möchtet und nicht ändern könnt, und über die Juden, die bekehrt werden sollen und doch am Ende nicht wollen – der betet auch wohl wieder »bewahr uns lieber Herre Gott.«

Aber mit wie großem Unrecht! Der in die Residenz verschlagene Landpastor ist eben ein sich selbst Entfremdeter, der morgens vor seinem Spiegelbild erschrickt, und erst von dem Augenblick an, wo die Wichtigkeit und die weiße Binde wieder von ihm abfällt und das schwarzsamtne Hauskäpselchen in sein Recht tritt, erst von diesem Augenblick an ist er wieder er selbst und kehrt zurück in den Urstand aller ihm eignenden guten Dinge. Der ex cathedra sprechende Pastor und der Lehn- und Sorgenstuhlpastor sind so grundverschieden wie roi Henri, wenn er in die Schlacht zieht und roi Henri, wenn der Dauphin auf ihm reitet. Der eine ganz Schwert und Rüstung, der andere ganz Idyll. Und nur den letztren hab' ich kennengelernt. Kennen und lieben, was ein und dasselbe bedeutet. Denn auch hier wieder nahm ich das Gegenteil von dem wahr, was sich l'opinion publique als das Kriterium eines Landgeistlichen herausgeklügelt hat, und wenn ich weiter oben sagen durfte, daß ich bei dem Adel auf dem Lande nie der ihm vorgeworfenen Enge der Anschauungen [405] begegnet sei, so bei dem Pastor auf dem Lande nie der ihm vorgeworfenen Unduldsamkeit. Es wird Einzelfälle davon gegeben haben und noch geben, aber sie zu beobachten blieb mir erspart. Ich habe weder die Rationalisten über die Strenggläubigen, noch die Strenggläubigen über die Rationalisten in wirklich gehässigen Woren aburteilen hören, auch nicht in Zeiten brennendster Gegnerschaft, offenster Fehde, gleichviel nun ob Ära Mühler oder Ära Falk auf der Tagesordnung stand. Überall vielmehr bekundete sich ein bestimmter guter Wille, den Gegner auch in dem, was ihn zum Gegner machte, gelten zu lassen, und was abwich von dieser Regel, erwies sich schließlich immer nur als Schein, als ein Ausnahmefall, der lediglich im Temperament und nicht in der Gesinnung seine Wurzel hatte. Der Sanguiniker hielt nicht jederzeit mit seinem Witzwort und der Choleriker nicht jederzeit mit seinem Kraft- und Kernwort zurück, aber all das schuf nur Ausdrucks-und Disputationsformen, die hinter einer hervorblitzenden Kampfeslust eine letzte Friedensgeneigtheit nie vermissen ließen. Ein Zug allgemeinen Wohlwollens, entsprossen aus der richtigen Würdigung einer auf Versöhnung und Liebe gestellten Berufs- und Lebensaufgabe, bekundete sich in allem, in großem und kleinem, und rief mir die ganze Landpastoren-Schwärmerei meiner jungen Jahre wieder ins Leben zurück. Und aus ihren Reihen war es denn auch, daß mir meine recht eigentlichsten Mitarbeiter erwuchsen, solche, die sich's nicht bloß angelegen sein ließen, mir den Stoff, sondern eben diesen Stoff auch in der ihm zuständigen Form zu geben.

Und dabei welch erstaunliches Wissen im Detail. Immer neue Seiten in Historie, Natur und Volksleben erschlossen sich mir und vergewisserten mich in der übrigens längstgehegten Überzeugung, daß der Glückliche, dem es dermaleinst beschieden sein sollte, die Gesamtheit dieses in hundert Einzelforschungen eruierten und extrahierten Materials in sich zu vereinigen, der Sanspareil sein wird auf dem Gebiete märkischer Spezialgeschichte.

So viel über unsere Landpastoren.

Und nun ahnt der Leser bereits, vor wem ich mich, als vor dem Dritten im Bunde, zu verneigen haben werde, natürlich vor dem Lehrer, der sich mir, unbekümmert darum, ob ich ihn bei seinen Schulstunden oder bei seinen Bienen- und Rosenstöcken störte, von einem immer gleichen Entgegenkommen erwies. Einen einzigen Ausnahmefall abgerechnet, über den ich in dem [406] Kapitel Malchow des weiteren berichtet habe, hieß es allezeit und allewege: »Klopfet an, so wird euch aufgetan«, und selbst auf brieflich gestellte Fragen, aus denen sich mehr als einmal eine vollständige Korrespondenz entwickelte, bin ich zu keiner Zeit ohne den gewünschten und oft sehr eingängigen Bescheid geblieben.

Und mit diesen Lehrern auf dem Lande wetteiferten die Lehrer in der Stadt, aus deren Reihen ich wenigstens eines hier unter Nennung seines Namens gedenken möchte: Garnisonschullehrer Wagener in Potsdam.

Unter seinem im Anfange sowohl ihm wie mir unbewußt bleibenden Einflusse war es, daß ich mich aus der historischen Vortragsweise, wie schon eingangs hervorgehoben, in die genrehafte zurückfand und den ursprünglichen Plauderton in sein ihm zuständiges Recht wieder einsetzte. Die ganze Gruppe der Kapitel aus der Umgegend von Potsdam, also Bornstedt, Sakrow, Fahrland, Falkenrehde, Marquardt, Ütz und Paretz am Nordufer der Havel und ebenso Werder, Glindow, Petzow, Kaputh usw. am Südrande hin, entstand en unter seiner Führung, und was von ernsten und heitren Geschichten unter all diesen Kapitelüberschriften enthalten ist, entnahm ich zu sehr wesentlichem Teile seinem immer frischen und anschaulichen, weil überall aus der Erlebnisfülle schöpfenden Unterwegsgespräche. Mit einer wahren Herzensfreude denk' ich an jene Sommernachmittage zurück, wo wir von den Dörfern und Ziegelöfen am Schwielowsee heimkehrend, auf einer vor ein paar ausgebauten Häusern von Alt-Geltow liegenden Graswalze zu rasten und unser sehr verspätetes Vesperbrot aus freier Hand einzunehmen pflegten, ohne daß der Redestrom auch nur einen Augenblick gestockt hätte. Da vergaßen wir denn der Flüchtigkeit der Stunde, bis die Mondsichel über den kleinen Giebelhäusern stand und uns erinnerte, daß es höchste Zeit sei, wenn wir, oder doch wenigstens ich, den Zug noch erpassen wollten. Und immer rascher und geängstigter ging es vorwärts, jetzt über die Gewehrfabrik und jetzt über den öden und sommerstaubigen Exerzierplatz hin, und nun hörten wir das erste Läuten. O wie das ins Ohr gellte, denn die vollgestopfte Brücke lag noch zwischen uns und unsrem Ziel. Also Trab, Trab! Und ein ewiges und verzweifeltes »Pardon« auf der Lippe, das uns freilich vor dem üblen Nachruf aller Karambolierten nicht schützen konnte, ging es endlich zwischen den pickenden Sperlingen hin, entlang den Droschkenstand, entlang den Perron und nun hinauf die Treppe, bis ich [407] keuchend und atemlos und mit eingebüßtem Taschentuch in das nächstoffenstehende Kupee hineinstürzte. »Gute Nacht«. Und fort rasselte der Zug.

Es war wie Dauerlauf und Turnerfahrt aus alten Schul- und Ferientagen her, und gab einem auf Augenblicke das Gefühl einer ach auch damals schon auf lange hin zurückliegenden Jugend wieder. Und schon das war ein Glück.


*


Und von manch' ähnlichen Tagen könnt' ich noch berichten! Aber die »Wanderungen« selbst erzählen davon, und so brech' ich denn ab und schließe mit dem Wunsche, den ich schon einmal und zwar bei Beginn des Werkes aussprechen durfte, »daß das Lesen dieser Dinge dem Leser wenigstens einen Teil der Freude bereiten möge, den mir das Einsammeln seiner Zeit gewährte«.


Berlin, 14. November 1881

Th. F.

Fußnoten

1 Über Meerrettichproduktion und Meerrettichverkauf stehe hier noch das folgende. Der Herbst ist die Zeit der Lübbenauer Meerrettichmärkte. Jeden Sonnabend, solange das Wasser eisfrei bleibt, bringen die Spreewäldler, namentlich die von Burg, ihre Ware zu Markt, und es bedecken dann 200 bis 300 mit Meerrettich beladene Kähne den Ausladeplatz an der Spree. Groß- und Kleinhändler aus vielen Städten und Ländern erscheinen um diese Zeit, um ihren Einkauf zu machen. In der Regel werden in Lübbenau 20000 Zentner verkauft, was einer Einnahme von 600000 Mark gleichkommt. Ich gehe diese Zahlen ohne Gewähr, wie ich sie finde.


2 Nicht im Schlosse zu Köpenick, aber freilich nur eine halbe Meile davon entfernt, in unmittelbarer Nähe des reizend gelegenen Dörfchens Grünau, starb am 18. Juli 1608 der Enkel Joachims II., Kurfürst Joachim Friedrich, derselbe, dem die Marken die Gründung des Joachimsthalschen Gymnasiums verdanken. Er kam von Storkow und war auf dem Wege nach Berlin, als ihn der Tod im Wagen überraschte. An der Stelle, wo er mutmaßlich gestorben ist, hat man jetzt ein einfaches, aber eigentümliches Denkmal errichtet. Es ist ein Steinbau, eine Art offener Grabkapelle, deren auf vier Pfeilern ruhendes Dach sich über einem Grabstein wölbt. Zu Häupten dieses Steins, in der einen Schmalwand der Kapelle (die beiden Breitseiten sind offen und haben nur ein Gitter) befindet sich ein gußeisernes Kreuz, das einen Kurhut und darunter die wenigen Worte trägt: »Hier starb den 18. Juli 1608 Joachim Friedrich, Kurfürst von Brandenburg.« Der Anblick des Denkmals, namentlich um die Sommerzeit, wenn man durch den offenen Rundbogen hindurch die jungen Eichen grünen sieht, die das Kapellchen umstehn, ist überaus reizend und malerisch.


3 Im Schlosse heißt es, daß der mit Bohlen gedeckte, zwischen Dach und Balustrade hinlaufende Gang im vorigen Jahrhundert als Kegelbahn gedient habe. Trifft dies zu, so darf man kühnlich behaupten, daß, wenigstens in den Marken, an keiner schöneren Stelle jemals Kegel gespielt worden ist. Der einen Kreis von fast vier Meilen umfassende Blick ist entzückend: Wald und Wasser soweit das Auge reicht und mitten im Bilde die Müggelberge.


4 Hofprediger St. Aubin erhielt von der Prinzessin die kleine reizende, dicht bei Köpenick gelegene Besitzung zum Geschenk, die den Namen »Bellevue« führt. Dies Bellevue ist ein Garten mitten im märkischen Sand, eine Oase in mehr als einer Beziehung. Mr. St. Aubin erbaute sich daselbst ein Herrenhaus, ein »Schlößchen« mit Speisehalle und Gartensaal, mit Bibliothek und Empfangszimmern. Es wechselte oft die Besitzer. Um 1850 besaß es Bernhard von Lepel, der hier, in poetischer Zurückgezogenheit, einige seiner besten Sachen dichtete, z.B. »die Zauberin Kirke«. 1852 war »Bellevue« der Sommeraufenthalt Franz Kuglers und Paul Heyses. Einige Jahre später ging es in den Besitz des Pastors Pabst über, der, Gesandtschaftsprediger in Rom, zu dem Bonmot Veranlassung gab »in Rom seien jetzt zwei Päbste«. Komfort, Kunst und Dichtung waren immer an dieser Stelle zu Haus und niemand gewann Hausrecht hier, der nicht zuvor in Rom gewesen war. Ich selbst habe die Zimmer des Schlößchen nie anders gesehen als im Schmuck italienischer Bilder, und oft lagen mehr Pinienäpfel auf den Schränken und Kommoden des Gartensaals umher, als Tannäpfel in den Steigen des Gartens draußen.


5 In Schloß Köpenick befanden sich damals die »Demagogen« in Untersuchungshaft. – Jetzt ist es Seminar.


6 Parallel mit diesem Wege, der sich durch die Heide zieht, läuft die Spree, hinter Bäumen verborgen. An einigen Stellen des Weges, und zwar in der Richtung auf den Fluß zu, hat man den Wald gelichtet und nur gerade noch Bäume genug am Ufer hin stehen lassen, um als grüner Schirm für die Spree zu dienen. Diese stehengebliebenen Bäume sind ziemlich hoch, aber die Masten der Spreekähne sind doch noch höher und so wachsen denn die Obersegel der vorüberkommenden Schiffe weit über die grünen Kronen hinaus. Was diesen Anblick doppelt schön macht, ist, daß die Kiefern am jenseitigen Ufer etwas höher stehen und nun wiederum ihrerseits einen dunklen Hintergrund für die Segel bilden. Wer im Zwielicht hier des Weges kommt, glaubt weiße Riesenvögel langsam und geräuschlos über und an den Wipfeln hinschweben zu sehen.


7 Joachim Ernst v. Grumbkow starb in der Nähe von Wesel (im Reisewagen) auf einer Reise des Hofes nach Cleve, am zweiten Weihnachtsfeiertage 1690. Der Hofpoet Besser sprach in seinem an die Witwe gerichteten Trauergedicht »von dem zwar nicht seligen, aber doch sanften Tod« des Hingeschiedenen. Grumbkow hatte nämlich am Abend vorher zu viel getrunken. Pöllnitz in seinen Memoiren sagt von ihm: »Er liebte die großen Unternehmungen und war kühn in ihrer Ausführung. Man würde seinen Charakter großartig haben nennen können, wenn ihm die Beförderung seiner Familie weniger am Herzen gelegen hätte, für die er große Schätze mit Leichtigkeit zusammenhäufte. Man fand ihn eines Tages tot in seinem Wagen, als er von einem Fest in der Nähe von Wesel zurückkehrte, wo der Wein nicht gespart worden war.« – Wohin man seine Leiche schaffte, oder ob er in Wesel selbst beigesetzt wurde, hab ich nicht erfahren können. In dem intendierten Erbbegräbnis der Grumbkows zu Blankenfelde, anderthalb Meilen von Berlin, steht er nicht. In der Kirche letztgenannten Dorfes, die, wie eine lateinische Inschrift über der Kirchtür angibt, von v. Grumbkow erbaut wurde, befindet sich eine schon bei Lebzeiten desselben ausgemauerte Gruft und ein großer Grabstein darüber. Die Inschrift dieses Grabsteins lautet: »Erbbegräbnis des Wohlgebornen H. H. Joachim Ernst's v. Grumbkow, Sr. churfürstlichen Durchlaucht zu Brandenburg höchst ansehnlichen, wirklichen Geheimen Etats- und Kriegs-Raths, Oberhof-Marschalls, General-Kriegscommissarii und Schloßhauptmann, Erbherr auf Grumbkow, Runo, Cuno, Darlin, Nieder-Schönhausen, Blankenfelde und Charo.« Hiermit schließt die Inschrift. Der freigelassene Raum zeigt, daß die Daten von Geburt und Tod hier angegeben werden sollten. Dies geschah aber nicht, weil der Bewohner ausblieb.


8 In seinen Anfängen soll derselbe schon 15 Jahre früher vorhanden gewesen sein. – 1672, was hier eine Stelle finden mag, gab es nur elf Parks in der Mark Brandenburg, die nach Beispiel und Vorbild des Großen Kurfürsten und vielleicht auch auf Wunsch desselben angelegt waren. Es waren die folgenden: 1. der Sparrsche zu Prenden, 2. der Dohnasche zu Schönhausen, 3. der Otto von Schwerinsche zu Alt-Landsberg, 4. der Löbensche zu Schenkendorf, 5. der Raban von Cansteinsche zu Lindenberg, 6. der B. von Pöllnitzsche zu Buch, 7. der Caspar von Blumenthalsche zu Stavenow (Priegnitz), 8. der von Götzsche zu Rosenthal, 9. der von Borstellsche zu Hohen-Finow, 10. der Heydekampsche zu Rudow und 11. der Franz von Meinderssche zu Berlin, vor dem (damaligen) Stralauer Tore.


9 Diese »Prinzenallee« ist nicht mit der großen gradlinigen Allee zu verwechseln, die als Hauptverkehrsstraße von Berlin nach Friedrichsfelde führt. Diese letztere ist erheblich älter und soll als eine Pön, die dem Schlächtergewerk auferlegt wurde, von diesem gebaut und bepflanzt worden sein. Die Veranlassung ist nicht bekannt. Die Allee bestand ursprünglich aus sechs Reihen Lindenbäume. Bei Anlegung der Chaussee, vor etwa siebzig Jahren, wurde der Mittelweg verbreitert und die betreffenden zwei Reihen Linden fielen und wurden durch Pappeln ersetzt.


10 Dieser Pastor Lindenberg starb 1774 an den Folgen eines Schrecks, den ihm eine Spukerscheinung verursacht hatte. Als er nämlich, kurz vor seinem Tode, von einem Besuch im Schloß in seine Pfarre zurückwollte, sah er eine weibliche Gestalt, die vor ihm herging und auf sein Anrufen keine Antwort gab. Als sie bis dicht vor der Kirche waren, wies sie mit der Hand auf eine Stelle neben einem Eckpfeiler und verschwand dann. Der Pastor kam in äußerster Erregung in seiner Wohnung an, erzählte was er gesehen und starb den dritten Tag danach. Er wurde neben dem Eckpfeiler an eben der Stelle begraben, auf die die Gestalt gezeigt hatte.


11 Diese zu Friedrichsfelde geborene Tochter Dorothea war die nachmalige Herzogin von Sagan, vermählt mit Edmund Talleyrand von Perigord, Herzog von Talleyrand und von Dino, durch welche Vermählung sie die Nichte des berühmten Talleyrand wurde. Sie starb am 19. September 1862.


12 Unter diesen Besuchern werden natürlich auch Maler gewesen sein und das eine oder andere Bild, ganz abgesehen von den Kunstschätzen, die man aus Italien mitbrachte, wird damals seine Stätte in Friedrichsfelde gefunden haben. Eins, aus jener Zeit her, ist im Schlosse verblieben, ein Aquarellbild »Vue de Friedrichsfelde« mit den Widmungsworten: Dedié à Son Altesse Serenissime Madame la Duchesse de Curlande et de Semigalles. Das Bild ist aus dem Jahre 1787 (Schwarz fecit) und zeigt das Schloß in seiner damaligen, von der gegenwärtigen nur wenig verschiedenen Gestalt.


13 Von keinem dieser fünf Bilder, mit Ausnahme des Architekturbildes, läßt sich behaupten, daß es nachweisbar von Schinkel herrühre; doch ist es von allen in hohem Maße wahrscheinlich. Schinkel war bei Aufführung des Schlosses Owinsk, Provinz Posen, als Bauführer tätig. Es war dies 1801. Die Vereinigung von Architekt und Landschaftsmaler, die sonst in hundert Fällen kaum einmal vorkommt, war eben bei Schinkel charakteristisch, und es ist nicht anzunehmen, daß sich damals – und noch dazu in Owinsk – ein anderer Architekt an seiner Seite befunden habe, der dies alles auch vermocht hätte. – Was die beiden andern Bilder (Gebirgsseen, Morgen- und Abendbeleuchtung, Pendants) angeht, so stellen sie genau dasselbe dar, wie die betreffenden beiden Bilder auf der Wagnerschen Galerie, die die Bezeichnung tragen: nach Schinkelschen Originalen von Ahlhorn 1823 kopiert. Die Frage entsteht, sind nun diese beiden Friedrichsfelder die Originale? Wolzogen in seinem »Leben Schinkels« schreibt: Der Besitzer des einen Bildes (Abendbeleuchtung) ist Bankier Brose, der Besitzer des andern (Morgenbeleuchtung) unbekannt. Das eine Bild scheint also die Annahme zu rechtfertigen, das andere sie zu verbieten. Eine Entscheidung in dieser Frage, die ohne exakte technische Kenntnis nicht zu geben ist, liegt außerhalb unserer Kraft; wir geben deshalb einfach die Tatsache, daß sich zwei solche Bilder in Friedrichsfelde befinden und überlassen andern den Beweis der Echtheit, oder – des Gegenteils.


14 Allerdings scheinen nicht alle Mitglieder der damaligen Roebelschen Familie von gleich ausgesprochener Kirchlichkeit gewesen zu sein. Einige waren Lebemänner, insonderheit Andreas von Roebel, ein am Hofe zu Cölln a. d. Spree hochangesehener Gast. Und zwar hochangesehen wegen seines »adligen Zechens«. Erst um 1577, als er zur Bekleidung eines geistlichen Ehrenamts an den Havelberger Dom berufen wurde, schien es nötig, ihn einen Enthaltsamkeitsrevers unterzeichnen zu lassen. In diesem hieß es: »... Und so will ich denn bei jeder Mahlzeit mit zwei ziemlichen Bechern Biers und Weins zufrieden sein. Sollt' ich das aber übertreten und einmal trunken befunden werden, so will ich mich in der Küche einstellen und mir vierzig Streiche weniger eins (wie dem heiligen Apostel Paulus geschehen ist) von denen so Ihro Kurf. Gnaden dazu verordnen werden, mit der Rute geben lassen.

Andreas von Roebel.«


15 Die »Klaus« in Tirol, um deren Besitz sich auf Kurfürst Moritz' Zuge nach Innsbruck ein heftiger Kampf entspann.


16 Auch eines andern Roebel noch, der sich im 17. Jahrhundert auszeichnete, möcht' ich hier flüchtig und in einer Anmerkung wenigstens erwähnen dürfen. Es war dies der Oberst Dietrich von Roebel auf Hohen-Schönhausen, der »durch den sächsischen Kurfürsten Johann Georg III. mit Führung eines Regiments zu Fuß begnadigt, an der Spitze dieses Regiments mit vor Wien und Ofen war und unterschiedenen Kampagnen und Battalgen beiwohnte.« Des Krieges endlich müde, zog er sich um 1690 oder doch nicht viel später auf sein väterliches Gut (Hohen-Schönhausen) zurück und begann daselbst die kleine Steinkirche zu schmücken. Zu Helm und Schild einer mutmaßlich längst zurückliegenden Epoche hing er die Fahnen und Feldzeichen seines sächsischen Regiments und bekleidete die Wandung der Empore mit den Wappenschildern aller ihm durch Heirat verwandt gewordenen Familien: der Sparrs und Flanß, der Pfuels und Arnims und insonderheit der jetzt ausgestorbenen, aber im 17. Jahrhundert über den ganzen Barnim hin reich begüterten Krummensees.


17 In einem andern märkischen Dorfe (Campehl, in der Grafschaft Ruppin) kam eine ähnliche Geschichte vor. Übermütige Franzosen schafften die Mumie des Herrn von Kalbutz aus der Gruft in die Kirche und begannen, in höllischer Blasphemie, ihn als Gekreuzigten auf den Altar zu stellen. Einem der Übeltäter indes mochte das Herz dabei schlagen. Als er beschäftigt war die linke Hand festzunageln, fiel der erhobene Mumienarm zurück und gab dem unten stehenden Franzosen einen Backenstreich. Dieser fiel leblos um; Schreck und Gewissen hatten ihn getötet. (Ich bin seitdem in der Campehler Kirche gewesen und kann diese Geschichte leider nicht bestätigen. Herr von Kalbutz liegt mit gefalteten Händen da, die Finger beider Hände wie in eins zusammengewachsen. Im übrigen erzählte mir der Küster von der großen Popularität dieser Mumie; Handwerksburschen aus aller Herren Länder, die durch Campehl zögen, ermangelten nicht, sich den Herrn von Kalbutz anzusehn, den sie alle als ein Kuriosum der Mark Brandenburg kennen.)


18 Nach dem Kirchenbuche zu Buch. In eben diesem Kirchenbuche wird sie jedoch nicht Julie von Voß, sondern Elisabeth Amalie von Voß genannt. Diese Namen finden sich zweimal vor, bei Gelegenheit ihrer Geburt (1766) und ihres Todes (1789). Woher es kommt, daß sie trotzdem als Julie von Voß fortlebt, ist bis zur Zeit nicht aufgeklärt. Ich würde, gestützt auf das Kirchenbuch, im Texte den Namen Amalie wieder hergestellt haben, wenn sich nicht in den Tagebuchblättern ihrer Tante, der Oberhofmeisterin, der Name Julie beständig wiederholte.


19 Eins dieser Bilder befindet sich im Schloß zu Buch, ein anderes im Ingenheimschen Schlosse zu Seeburg, im Mansfelder Seekreise. Ein drittes Bild, in Pastell ausgeführt, besaß eine vor kurzem in dem hohen Alter von über neunzig Jahren verstorbene Frau von Häseler. Im Hause derselben hab' ich es oft gesehen. Die Gräfin trug auf demselben ein Morgenkostüm, eine Art Tüllspenser mit vielen krausgetollten Kragen. Durch die Fülle blonden Haares zog sich ein schwarzes Samtband. Augen und Teint sehr schön. Dies Porträt rührte von Frau von Sydow, einer Freundin der Ingenheim, her.


20 Gräfin Kannenberg war die fungierende Oberhofmeisterin, während Frau von Voß, zu dieser Zeit wenigstens, nur in ihrer Eigenschaft als Gemahlin des Oberhofmeisters par courtoisie diesen Titel führte.


21 In der Regel wird bei dieser Gelegenheit versichert, diese »Trauung sei seitens des Berliner Konsistoriums und zwar unter Berufung auf die von Melanchthon erlaubte Doppelehe Philipps des Großmütigen von Hessen für zulässig erklärt worden.« Die stete Wiederkehr dieser Versicherung hat den Konsistorialpräsidenten Hegel veranlaßt, unterm 27. April 1876 eine Erklärung abzugeben, in der ausgesprochen wird, »daß weder die gründlichsten Recherchen in der Registratur des Königlichen Konsistoriums, im Geheimen Staats-Archiv, im geheimen Ministerial-Archiv und Königlichen Haus-Archiv, noch auch anderweite Forschungen und Erkundigungen irgend etwas zur Begründung obiger Ansicht (Gutheißung der Trauung durch das Konsistorium) ergeben haben.« Es läßt sich in der Tat annehmen, daß Leopold von Ranke das Richtige getroffen hat, als er in seinem Werke: »Die deutschen Mächte und der Fürstenbund. Deutsche Geschichte von 1780–1790« wörtlich sagte: »In neueren Zeiten ist die Behauptung aufgetaucht, das Konsistorium habe in aller Form seine Einwilligung zu dieser Verbindung ausgesprochen; vergeblich hat man nach einem Aktenstück dieser Art gesucht; wahrscheinlich ist dabei der Kreis privater Besprechung nicht überschritten worden.«


22 Im siebzehnten Jahrhundert war die große Mehrzahl (17) aller im zweimeiligen Umkreis nördlich von Berlin gelegenen Güter in Händen von nur drei Familien: Roebel, Krummensee, Loeben. Vgl. das Kapitel Buch.


23 Dieser »Geheime Rat« bestand aus acht Mitgliedern, darunter drei Doktoren der Rechte, die, meist auch später noch, aus bürgerlichem Stande genommen wurden. Die acht Mitglieder waren: Hieronymus Graf von Schlick, Präsident; Johann von Loeben, Kanzler; von Benkendorf, Vizekanzler; Christoph Friedrich von Wallenfels; Hieronymus von Dieskau; Friedrich Pruckmann; Simon Ulrich Pistorius; Johann Hübner.


24 Canitz und seine erste Gemahlin Doris von Arnim, deren Grabmäler ich in der obengenannten Marienkirche zu Berlin lange vergeblich suchte, sind nichtsdestoweniger in derselben wirklich beigesetzt worden, aber in dem Roebelschen Erbbegräbnis, dessen ich in dem Kapitel Buch bereits eingehender erwähnt habe. Da dies Erbbegräbnis, in dem, laut Stadtrat Kleins Geschichte der Marienkirche, die Toten dreier Familien: der Roebel, Canstein und Canitz beigesetzt wurden, seit etwa vierzig Jahren zugemauert ist, so ist es nicht mehr möglich, die Särge um ihre Inschriften zu befragen. Möglich, daß dieselben, z.B. über den Geburtsort Canitz', einen bestimmten Aufschluß geben würden.


25 Ich hätte hier statt des von Plothoschen auch ein anderes Beispiel zitieren können, ein Beispiel aus der Canitzschen Zeit und noch dazu ein Vorkommnis, in dem der Spezialfreund unseres Poeten, der schon an anderer Stelle genannte Johann von Besser, die Hauptrolle spielt. Besser war 1686 kurbrandenburgischer Gesandter in London, und es handelte sich, nach erfolgtem Tode Karls II. für das ganze diplomatische Korps darum, dem nunmehrigen Könige Jakob II. die Glückwünsche ihrer resp. Höfe zu überreichen. Der alte venezianische Gesandte Vignola verlangte den Vortritt vor Besser; Besser aber verweigerte dies. Man einigte sich endlich dahin, daß der den Vortritt haben solle, der zuerst auf dem Platz erscheinen würde. Der alte Italiener kam früh, aber Besser kam früher; er hatte sich nämlich die Nacht über in eins der königlichen Vorzimmer einschließen lassen, und stand nun bereits da, als Vignola eintrat. Dieser war unklug genug, nach wie vor auf den Vortritt zu bestehen. Besser warnte ihn. Als der Zeremonienmeister die Tür öffnete, sprang Vignola vor, Besser aber, der von großer Körperkraft war, packte im selben Augenblicke den alten Schelm hinten am Hosenbund und schnellte ihn mit geübter Ringerkunst mehrere Schritte hinter sich. Ohne eine Miene zu verziehen, trat er darauf, völlig fest und gesammelt, an die Stufen des Thrones und hielt seine Ansprache. Alles war entzückt, der König nichts weniger als beleidigt und der spanische Gesandte sagte ruhig zum alten Vignola: »Caro vecchio, avete fatto una grande cacata.« Der Vorfall machte in ganz Europa Sensation und wurde wie ein neuer Sieg Brandenburgs gefeiert, nicht viel geringer, als sei eine zweite Schlacht von Fehrbellin geschlagen und gewonnen worden.


26 Der Titel des Gedichtes lautet: »Elegie; letzte Pflicht der Freundschaft, dem sel. Grafen von Dohna auf derjenigen Stelle abgestattet, wo derselbe, wenig Wochen zuvor, den tödlichen Schuß empfangen hatte.« (Es geschah dies bei dem berühmten Sturm auf Ofen 1686; die Brandenburger, von den Türken die »Feuermänner« geheißen, wurden von General von Schöning geführt.)


27 Vergl. »Fahrland« und die »Fahrlander Chronik« in Band III der »Wanderungen«. Diese Fahrlandkapitel wurden später geschrieben als das vorstehende Werneuchner und enthalten allerlei Details über die Schmidt von Werneuchenschen Eltern.


28 Die Löcknitz ist eines jener vielen Wässerchen in unserer Mark, die plötzlich aus einem Luch oder See tretend, auf eine kurze Strecke hin einen Parkstreifen durch unser Sand- und Heideland ziehn. Keines unter all diesen Wässerchen aber ist vielleicht reizvoller und unbekannter zugleich als die Löcknitz, die, aus dem roten Luche kommend, in einem der Seen zwischen »Erkner« und den Rüdersdorfer Kalkbergen verschwindet. Immer dieselben Requisiten, gewiß; und doch, wer an dieser Stelle spätnachmittags an der Grenzlinie zwischen Wald und Wiese hinfährt, dem eröffnet sich eine Reihe der anmutigsten Landschaftsbilder. Hier dringt der Wald von beiden Seiten vor und schafft eine Schmälung, dort tritt er zurück und der schmale Wiesenstreifen wird entweder ein Feld oder das Flüßchen selber ein Teich, auf dem im Schimmer der untergehenden Sonne die stillen Nymphäen schwimmen. Dann und wann ein rauschendes Wehr, eine Sägemühle, dazwischen Brücken, die den bequemen Wald- und Wiesenweg vom rechten aufs linke und dann wieder vom linken aufs rechte Ufer führen. Selbst die Namen werden poetisch: Alt-Buchhorst und Liebenberg, Klein-Wall und Gottesbrück und der Werl- und Möllensee dazwischen. Unmittelbar dahinter aber beginnt wieder die Prosa und schon die nächste große Wasserfläche heißt der »Dämeritz«.


29 Prinzessin Wilhelmine (die Markgräfin) erzählt an einer anderen Stelle ihrer Memoiren: »Ich war all die Zeit über so leidend, daß ich versichern darf, zwei Jahre lang von nichts anderem als Wasser und trocken Brot gelebt zu haben.« Ähnliche Klagen wiederholen sich. Es ist aber aller Sparsamkeit oder meinetwegen auch alles Geizes des Königs unerachtet, nicht sehr wahrscheinlich, daß es so knapp in Wusterhausen hergegangen sein sollte. Der König war ein sehr starker Esser, und alle Personen von gutem Appetit haben die Maxime:»leben und leben lassen.« Außerdem liegen glaubhafte Berichte vor, aus denen sich ganz genau ersehen läßt, was an Königs Tisch gespeist wurde. Es gab: Suppe, gestovtes Fleisch, Schinken, eine Gans, Fisch, dann Pastete. Dazu sehr guten Rheinwein und Ungar. In Wusterhausen kamen noch, weil es die Jahreszeit mit sich brachte, Krammetsvögel, Leipziger Lerchen und Rebhühner hinzu, besonders auch Früchte zum Dessert, darunter die schönsten Weintrauben. Das klingt schon einladender, als die Beschreibung der Prinzessin.


30 Propst Straube (1841) ein Amtsnachfolger Paul Gerhardts an der Mittenwalder Kirche, hat die lateinischen Distichen in folgenden Alexandrinern wiederzugeben versucht: Wie lebend siehst du hier Paul Gerhardts teures Bild,

Der ganz von Glaube, Lieb und Hoffnung war erfüllt.

In Tönen voller Kraft, gleich Assaphs Harfenklängen,

Erhob er Christi Lob in himmlischen Gesängen.

Sing' seine Lieder oft, o Christ, in seliger Lust,

So dringet Gottes Geist durch sie in deine Brust.


31 Ähnliche Worte hatte der Generalmajor von Mosel am 14. August in Wesel gesprochen. Als der König mit dem Degen auf den Kronprinzen eindrang, warf sich M. dazwischen und rief: »Sire, durchbohren Sie mich, aber schonen Sie Ihres Sohnes«. Überhaupt zeigen die Vorgänge jener Zeit, daß hoher Mut an gefährlicher Stelle am besten gedeiht.


32 Droysen erzählt: »Als York in das Zimmer trat, ward er von seiner Frau und seinen Kindern nicht wieder erkannt. Aber das Vögelchen im Käfig flatterte wie vor Freuden hoch auf und sank dann tot hin.«


33 Über ihn, diesen Obersten von Hacke, ein paar biographische Notizen, wie sie mir von befreundeter Hand zugehen. »Hans Christoph von Hacke wurde 1699 zu Staßfurt geboren. Er war ein besonderer Günstling König Friedrich Wilhelms I., der ihn, seiner Größe wegen, 1715 bei den Grenadieren in Potsdam anstellte. So war der Anfang. Er erhob ihn dann 1728 zum Drosten von Speremberg, 1732 zum Hofjägermeister, 1734 zum Generaladjutanten und vermählte ihn mit der Erbtochter des Ministers von Creutz, Sophie Albertine, die ihm in Pommern große Besitzungen zubrachte, darunter namentlich Pencun und Amt Radewitz. von Hacke blieb bis zuletzt in der Gunst und Umgebung des Königs, der ihm in seiner Sterbestunde noch Aufträge für seinen Sohn, den Kronprinzen, erteilte. Der Regierungswechsel änderte wenig in seiner intimen Stellung bei Hofe. Friedrich II. erhob ihn schon im Juli 1740 in den Grafenstand; ebenso war er unter den ersten, die den neugestifteten Orden Pour le mérite aus der Hand des jungen Königs empfingen. In der Schlacht bei Mollwitz (1741) wurd' er verwundet und stieg nun rasch von Stufe zu Stufe: 1743 Generalmajor, 1747 Generalleutnant, 1748 Ritter des Schwarzen Adlerordens, 1749 Kommandant von Berlin. Von 1750 an dirigierte er den Bau der ›Spandauer Vorstadt‹ und gründete den nach ihm genannten Haackschen eigentlich Hackeschen Markt. Er starb am 17. August 1754«. Dieser gräflich von Hackeschen Familie gehören an: Edwin Graf von Hacke auf Alt-Ranft im Oderbruch, Editha Gräfin von Hacke, ehemals Hofdame der Königin Elisabeth, Adelaide Gräfin von Hacke, Palastdame Ihrer Majestät der Kaiserin Augusta, Virginie Gräfin von Hacke, Hofdame.


34 Die Hakes sind die einzige Familie, die wir, seit länger als vierhundert Jahren, ununterbrochen im Teltow sehn. Ihnen folgen die seit etwa zweihundertundfünfzig Jahren ebendaselbst angesessenen Görtzkes. Die wenigen adligen Familien (darunter die von dem Knesebeck und von Haeseler), die sich außerdem noch im Teltow vorfinden, gehören diesem Landesteil erst seit kurzem an, während die alten Teltow-Familien: von Beeren, von der Liepe, von Britzke (in Britz), von Wilmersdorf, von Otterstedt, von Boytin, von Groeben, von Flanß, von Thümen, von Schlabrendorf teils ausgestorben, teils in andern Landesteilen seßhaft geworden sind. In keinem Teile der Mark hat der Güterbesitz so oft gewechselt als in Teltow und Barnim. Der Einfluß der Hauptstadt ist dabei unverkennbar.


35 Nichts scheint das Volk in seinem poetischen Hange so schöpferisch zu stimmen als der Anblick von Kunstwerken, die es nicht versteht. Es ruht nicht eher, als bis es eine Deutung gefunden hat, wobei es zugleich eine Neigung und ein Geschick zeigt, schon vorhandene Sagen oder Geschichten dem gegebenen rätselhaften Etwas anzupassen. Es gilt dies beispielsweis auch von der »Adonisstatue mit dem Eberkopf« im Schloßparke zu Köpenick. Die Sage, die sich daran knüpft, ist die folgende: Einem Jäger Joachims II. träumt, er werde bei der nächsten Jagd von einem Eber getötet werden. Er erzählt seinen Traum am andern Morgen und man läßt ihn im Schloß zurück. Die andern kehren mit reicher Jagdbeute heim und der zurückgebliebene Jäger packt nun einen toten Eber, um ihn in die Küche zu ziehen, fällt aber dabei und reißt sich an einem der Hauer den Schenkel auf. Daran stirbt er andren Tags. Diese Geschichte mag sich einmal ereignet haben, irgendwo vielleicht, aber schwerlich in Köpenick, und sie würd' über das alte Spreeschloß immer hinweggezogen sein, wenn nicht beim Neubau des Schlosses die Errichtung der Adonisstatue mit dem Eberkopf die Sage plötzlich fixiert und ihr Anlehnung und eine neue Heimat geboten hätte. So kommt es, daß man an den verschiedensten Orten denselben Geschichten begegnet; die meisten dieser Orte sind gleichsam nur Filial und der Mutter-Sagenort ist oft schwer zu bestimmen. – Der Medusenkopf am Portal alter Schlösser hat gewiß schon oft als schlangenumwundenes Porträt hartherziger Schloßherrn gelten müssen, und der alte Herr von Hake hat unzweifelhaft Kameraden in allen Ländern. Der Satz, den ich aufstellen möchte, ist der: das Volk hat eine Neigung, Allgemeines oder wenigstens an vielen Orten sich Findendes zu lokalisieren, sobald gewisse Bedingungen erfüllt, gewisse äußerliche Anhaltepunkte für diese Lokalisierung gegeben sind.


36 »Bernadotte«, so schreibt ein Offizier aus dem Jahre 13, »entwarf beständig Pläne, die durch Kühnheit in Erstaunen setzten, und gedachte beispielsweise Magdeburg und Stettin mit Sturmleitern zu ersteigen, kam aber der Entscheidungsmoment heran, so nahm er rückwärts Stellungen. Er wurd' in allem nur durch eine Rücksicht bestimmt, sich und seine schwedische Hilfstruppe keiner Niederlage auszusetzen.«


37 Bei diesem Kampfe ging die alte Kirche von Groß-Beeren in Flammen auf und wurde erst in den zwanziger Jahren durch eine neue, nach einem Schinkelschen Plan erbaute, ersetzt. In Nähe derselben erhebt sich auch das gußeiserne Monument, das zu direkter Erinnerung an den 23. August 1813 errichtet wurde. Es trägt die Inschrift: »Die gefallenen Helden ehrt dankbar König und Vaterland«.


38 Über dies abendliche Kavalleriegefecht find' ich das Folgende: »Der Marschall Oudinot, als er mit dem 12. Korps von Trebbin her in Ahrensdorf eingetroffen war, schickte die leichte Kavalleriedivision Fournier vor, um Reynier, von dessen Rückzug er noch keine Kenntnis hatte, zu soutenieren. Diese Division Fournier stieß in der Dunkelheit auf das bei Neu-Beeren stehende Leibhusarenregiment, das sich nunmehr seinerseits ohne weiteres auf die Vorhut ebengenannter Division stürzte. Diese, völlig überrascht und unkundig des Weges, wurde von den Husaren immer am Waldrande hin, auf Groß-Beeren zu getrieben. Aber den Husaren folgte wieder das Gros der französischen Kavalleriedivision, und so ging es in wilder Jagd in den bunten Haufen der am Windmühlenberge stehenden Bataillone hinein. An dieser Stelle schloß sich ein diesseitiges Ulanenregiment und den Ulanen wiederum eine Husarenabteilung an, die samt und sonders die Hetze mitmachten, ohne zu wissen, wem es galt und wohin es ging. Oberstleutnant von Zastrow und Major von Reckow wurden umgeritten, und als letzterer am Boden lag, schrie nachstürmende Landwehrkavallerie: ›schlagt ihn tot‹. Er war für einen Franzosen gehalten worden, und nur die Dazwischenkunft des Majors Friccius entriß ihn der Gefahr und rettete sein Leben.«


39 Nach einer andern Lesart war ihr Verlobter ein französischer Offizier, der, in der Schlacht bei Groß-Beeren verwundet, ins Herrenhaus geschafft und von Frau von Beeren gepflegt wurde. Diese Pflege schloß dann, wie gewöhnlich, mit einer Verlobung. Diese Version läßt sich übrigens mit der im Text erzählten in Einklang bringen. Kapitän Willemer, wie sein Name ergibt, war ein Deutscher; da aber bei Groß-Beeren zwei sächsische Divisionen auf französischer Seite fochten, so ist es wohl möglich, daß er als verwundeter sächsischer Offizier die Bekanntschaft der Frau von Beeren machte.


40 Friedrich Tietz, ein halbes Jahrhundert lang Berliner Publizist und Mitarbeiter an einer großen Zahl unserer Blätter (Vossische, Fremden-Blatt, Kreuz-Zeitung) wurde den 24. September 1803 zu Königsberg i. Pr. geboren und starb am 6. Juli 1879 zu Berlin. Alles Beste, was er geschrieben, sind Theater- und Lebenserinnerungen. Mitunter gelang ihm auch ein Gelegenheitsgedicht usw. Eins derselben – bei Gelegenheit der Geburt des Prinzen Wilhelm (27. Januar 1859) gedichtet – ist so gut, daß es in glücklichem Einfall und graziösem Humor der Ausführung als Musterstück gelten kann. Ich setz es hierher und bin der Meinung, daß der Verfasser desselben in nichts Besserem fortleben kann.


Preußischer Frühling im Januar 1859.


Noch ist es lang hin bis zum Frühlingsgrün,

Bis zu Blütenduft und Blumenblüh'n,

Bis zum Jubel der kleinen Waldvögelein,

Bis zum Fluge der Schwalben im Sonnenschein.

Und dennoch aus fernem, aus warmem Land,

Wohin der Winter den Flücht'gen verbannt,

Ist heimgekehrt ein verfrühter Gast,

Ein allbekannter zu erneuter Rast.

Er sucht sich die höchsten Giebel wohl aus

Und baut dort sein Nest auf der Menschen Haus,

Und wo er es tut, tönt's ihm entgegen:

»Willkommen! Du bringst dem Hause Segen!«


Wer mag noch fragen zu dieser Stund',

Welchen Gast wir meinen? Des Volkes Mund

Ruft jubelnd aus: »Nun ist er da!

Der Storch ist gekommen! Viktoria!«

Und alle schau'n herzfreudigen Blicks

Hinauf zur erwählten Stätte des Glücks,

Zum Königspalast, dess' höchste Spitze

Der schwarzweiße Vogel erwählt zum Sitze.

Der Adler daneben dehnt majestätisch

Die Fittiche aus und spricht gravitätisch:

»Weil du, mein beflügelter Herr Kumpan,

Am Preußenland so was Braves getan,

So will ich dich ehren fortan als Freund,

Und hoff', wir seh'n uns hier oft noch vereint!«

Der Storch beugt sein langgeschnäbeltes Haupt

Und spricht: »Wenn's gnädigst mir ist erlaubt,

So bring' ich alljährlich, was heut' ich gebracht.«

Da hat der preußische Adler gelacht:

»Herr Vogel-Bruder, ich halt' dich beim Wort!

Vermehre du fleißig der Preußen Hort;

Der Storch bringt den Segen, ihn hütet der Aar

Und Gott schützt das Haus jetzt und immerdar!«


So haben die beiden Luftsegler da oben

Es abgesprochen, wir können's nur loben. –

Und drinnen im Haus singt ins Land hinein

Sein erstes Lied unser Prinzlein klein. –


»Gott laß dich wachsen, du kleiner Mann,

Bis du reichst zum Großen Fritze hinan!«


41 Meine Quelle gibt an, dieser Oberst sei Savary selbst gewesen, was aber aus vielen Gründen unmöglich ist. Savary war seit 1804 Divisionsgeneral und wurde bereits 1807, also wenige Monate nach den hier geschilderten Vorgängen, zum Herzog von Rovigo ernannt. Ein so hochgestellter Offizier konnte durch Caulaincourt, der an Rang kaum über ihm stand, nicht gut persönlich zu einer Untersuchungsreise nach Ruppin veranlaßt, am allerwenigsten aber mit einem »taisez vous« zur Ruhe verwiesen werden.


42 Vgl. die Kapitel »Gröben und Siethen« und »Saarmund und die Nutheburgen«.


43 In der Regel wurde dieser Dank brieflich abgestattet und ein paar dieser Dankesbriefe liegen mir vor: »Berlin, 17. April 1843. Meine vortreffliche Frau Gevatterin. Ihr wahrscheinlich mit eigenen Händen gebackener Osterfladen hat mich um so unerwarteter angenehm überrascht, als ich annehmen konnte, daß Sie mich altes Exemplar vergessen hätten. Ich kann weite Wege nicht mehr mir Annehmlichkeit machen und Besuche werden mir schwer, weil ich immer eine lästige Begleitung dabei nötig habe; sonst käm ich, Ihnen persönlich meinen Dank zu bringen. Von dem Kuchen habe ich nichts abgegeben und so eben das letzte Stück zum zweiten Frühstück genossen. Grüßen Sie von mir alles um sich herum. Ihnen einen Rest vergnügter Feiertage wünschend, verbleibe Ihr alter getreuer Gevatter J. G. Schadow, Direktor.« Und zwei Jahre später: »Berlin, 29. Mai 1845. Meine Frau Nachbarin, Gevatterin und Freundin hat meiner wieder gedacht und nach alter Sitte mir um diese Jahreszeit wieder einen Quarkfladen gebacken. War diesmal vorzüglich! Auch hab' ich anderen wenig davon abgegeben, gestern abend das letzte davon verzehrt und bin heute mit dem gebührenden Dankgefühl erwacht. Hierbei ist mir wieder lebhaft in Erinnerung gekommen Ihre Mutter, die auch eine so angenehme Erscheinung war. Das häusliche Glück sei stets mit und bei Ihnen! Zu fernerem Wohlwohlen empfiehlt sich Ihnen Ihr alter ergebener Freund J. G. Schadow, Direktor.«


44 Von berufener Seite her ist mir hiergegen eingewandt worden: »es sei dies nicht richtig; der alte Schadow habe nicht im Dialekt gesprochen.« Auf diesen Einwand hin hielt ich es für angezeigt, mich mit einer ganzen Anzahl der aus der Schadowzeit her noch lebenden Maler und Bildhauer in briefliche Verbindung zu setzen. Ich erhielt auf meine Briefe fünfzehn Antwortschreiben, die sich in drei Gruppen teilen: sechs erklären rund und nett »er sprach berlinisch«, zwei bestreiten es, und sieben halten einen Mittelkurs. Die letzteren werden wohl recht haben und aus der Reihe dieser zitier' ich deshalb folgende Stellen: »Er sprach berlinisch, wenn er sich gehen ließ, aber nicht das spezifische Berlinisch, sondern ein Berlinisch, das durch das märkische Platt stark beeinflußt war. Professor C. G. P.« – »Er sprach nicht speziell berlinisch, aber höchst originell, ich möchte sagen schadowsch, und streifte dabei stark das Plattdeutsche. Was ja auch ganz erklärlich. Professor A. H.« – »Er sprach nicht eigentlich berlinisch, aber hatte doch eine Redeweise, die stark daran erinnerte, wie z.B. ›Na, denn haste recht‹ oder ›Na, des is ooch nich die richtige Intention‹. Professor A. E.« – »Er sprach, wie Ihnen Professor H. sehr richtig geschrieben hat, vor allem schadowsch. Außerdem aber liebte er es ganz besonders, französische Wörter und Floskeln einzuflechten; chef d'oeuvre, Karnation, Attitude, Traktation des Marmors usw. Professor G. L.« – »Ich entsinne mich nicht, daß er regelmäßig berlinisch gesprochen hätte, dagegen weiß ich ganz bestimmt, daß er mir bei gewissen Anlässen im Berliner Dialekt antwortete. Mal fragt' ich ihn, wie man's wohl einzurichten habe, um beim Modellieren nach dem lebenden Akt am schnellsten und sichersten zum Ziele zu gelangen. ›Ich fange beim kleenen Zehen an, un das is meine Manier, un das is de beste.‹ Ein ander Mal fragte ich ihn, ob man bei Statuen, die hoch gestellt würden und sich gegen die Luft abhöben, die natürlichen Proportionen ändern müsse. Er antwortete: ›Wat richtig is, muß ooch richtig aussehen.‹ Professor A. W.« – Und nun zum Schluß. Einer aus der Gruppe der »Entschiedenen« schrieb mir: »Alle drei Direktoren meiner Lebenszeit sprachen prononciert berlinisch. Die Reihenfolge würde sein: Herbig, Werner, Schadow. Herbig ›am dollsten‹.«


45 Dies zeigte sich nicht bloß auf dem Gebiete der Historie, sondern auch auf dem der Landschaft. Er freute sich jedesmal, wenn es einem oder dem andern geglückt war, etwas Hübsches aus den Gegenden der Havel und Spree darzustellen und eiferte dann halb scherzhaft halb ernsthaft gegen das »ewige Italien-malen«. »Ich bin nich so sehr vor Italien« hieß es dann wohl »un die Bööme gefallen mir nu schon jar nich. Immer diese Pinien un diese Pappeln. Un was is es denn am Ende damit? De eenen sehn aus wie uffgeklappte Regenschirme und die andern wie zugeklappte.«


46 Johannes Thile I. kam 1604 ins Amt und stand demselben bis zu seinem 1639 erfolgten Tode vor. Ihm folgte sein Sohn Johannes Thile II., von dem aber alle Kirchenbuchaufzeichnungen fehlen, da die Führung seines Amts in das letzte Jahrzehnt des Dreißigjährigen Krieges und die daran anschließende Not-und Trauerzeit fällt, in der alles wüst lag und an Ordnung und Buchführung nicht zu denken war. Johannes Thile II. starb 1669, und von der Hand eines seiner Nachfolger findet sich auf der entsprechenden Kirchenbuchseite die Notiz, »daß ein Sohn dieses jüngeren Johannes Thile (also des 1669 verstorbenen Johannes Thile II.) den Kriegs- und Soldatenstand erwählet, von der Pike auf gedient und 1722 als Oberst ein Infanterieregiment befehligt habe. In dieser seiner Eigenschaft sei derselbe durch Se. K. Majestät in Preußen, Friedrich Wilhelm I. in den adligen Stand erhoben und dieselbe ›Dignität‹ alsbald auch seinem Herrn Bruder, dem Geheimrat Thile verliehen worden.« – Es sind das Angaben, die mit denen in Zedlitz' Adelslexikon im wesentlichen übereinstimmen, und an die nur noch die weitere Mitteilung zu knüpfen bleibt, daß die beiden gegenwärtig in unserer Armee stehenden Generale von Thile dieser dem Gröbener Pfarrhaus entstammten Familie zugehören.


47 An Königs Tafel im Lager zu Landshut, Mai 1759, wurde hin und her gestritten, welchen Namen einer der Centurios in der zehnten Legion geführt habe. Der König behauptete Quintus Caecilius, Guichard aber versicherte: Quintus Icilius, und da sich letzteres als das Richtige herausstellte, so sagte der König: »Gut. Aber Er soll nun auch zeitlebens Quintus Icilius heißen.« Und so geschah es. Auch bei späteren Gelegenheiten erwies sich der König stets als sehr gnädig gegen Guichard und ließ sich Dinge von ihm sagen, die kein anderer wagen durfte. Nur ein Beispiel. Nach Plünderung des dem Grafen Brühl zugehörigen Schlosses Pförten in der Lausitz, die durch Guichard, auf ausdrücklichen Befehl des Königs, ausgeführt worden war, fragte dieser über Tisch: »Und wie viel hat Er denn eigentlich mitgenommen?« »Das müssen Ew. Majestät am besten wissen, denn wir haben ja geteilt.« Ein andermal kam es freilich zu wenigstens momentaner Ungnade. Das wer 1770. Als Guichard in eben diesem Jahr die Zustimmung zu seiner Verheiratung mit Fräulein von Schlabrendorf auf Gröben nachsuchte, verweigerte der König den Konsens und zwar: »weil er von zu schlechter Herkunft sei; sein Großvater sei bloß Töpfer gewesen.« Auch diesen Hieb suchte Guichard zu parieren und erwiderte: »Seine Majestät seien auch Töpfer. Die ganze Differenz besteht darin, daß sein Großvater Fayence gebrannt habe, während der König Porzellan brenne.« Letzterer blieb aber bei seinem ungnädigen Widerspruch und Guichard nahm den Abschied. Indes nicht auf lange. Kein Jahr, so ließ ihn der König wieder rufen und war gnädiger als zuvor.


48 Es ist die Frage gestellt worden, »ob solche Kritik in einem Kirchenbuche zulässig sei«, was ich auf das Bestimmteste bejahen möchte. So gewiß es einem Geistlichen zusteht, von der Kanzel her, oder selbst vom Grabe, die besondere Verruchtheit eines Ehrlosen zu brandmarken, der – wie vielleicht erst die Stunde seines Todes aufdeckte – Witwen und Waisen um das Ihrige betrog, so gewiß muß es ihm auch zustehen, im Kirchenbuche Dinge niederzuschreiben, die solcher öffentlichen Anklage gleichkommen. Ich bin sogar der Ansicht, daß dies häufiger geschehen und ein derartiges Vorgehen unter die ständigen Kirchenzuchtsmittel aufgenommen werden sollte. Denn es gibt in der Tat Naturen, die vor solchem auf Jahrhunderte hin unerbittlich überliefertem Wort mehr Respekt haben, ja mehr in Furcht sind, als vor einem lebzeitigen Skandal. Ein Amtsmißbrauch ist aber um so weniger zu befürchten, als ein Appell von seiten der in gewissem Sinne mitbetroffenen Verwandtschaft an die vorgesetzte kirchliche Behörde ja jederzeit offen stehn und selbstverständlich, im Falle sich ein Übergriff herausstellen sollte, zur Entfernung des Geistlichen aus seinem Amt eventuell auch zu weiterer Bestrafung führen würde. – Was übrigens speziell unseren Pastor Redde betrifft, so muß ihm dieser »letzte Schlabrendorf auf Siethen« ein ganz besondrer Dorn im Auge gewesen sein, da wir in anderweiten, einige Jahre später gemachten Kirchenbuchaufzeichnungen eben diesen Redde nicht nur als einen durchaus unzelotischen, sondern sogar als einen höchst komplaisanten und beinah höfischen alten Herrn kennenlernen. Es bezieht sich dies namentlich auf ein französisch abgefaßtes und an eine damals etwa sieben Jahre alte Komtesse Brandenburg (Tochter Friedrich Wilhelms II.) gerichtetes Sinngedicht, das nach Überschrift und Inhalt folgendermaßen lautet: A l'anniversaire de la naissance de Mlle. Julie, Comtesse de Brandebourg, celebré le 4 Janvier à Siethen par le curé Redde. »Vos fleurs de la jeunesse – S'augementent dès ce jour – Les fruits de la sagesse – En viennent à leur tour. – O gardez tout bouton afin qu'il bien fleurisse, – Afin que toute fleur en fruit pour vous mêurisse.«


49 Einer dieser Söhne (der dritte) Gustav Graf Schlabrendorf, geboren 1750, preußischer Kammerherr und Stiftsherr zu Magdeburg, ist der durch seine Schriften, insonderheit auch durch seine Pariser Schicksale während der Revolutionszeit berühmt gewordene Graf Schlabrendorf. Er war ein Anhänger der Girondisten, weshalb er sich, in den Schreckenstagen, auf Antrag Robespierres eingekerkert sah. An dem Tage, wo der Karren vorfuhr, um ihn und andere Verurteilte zum Schafott abzuholen, fehlten ihm seine Stiefel, worauf hin er erklärte: »man könne doch am Ende verlangen in Stiefeln guillotiniert zu werden.« Es hatte das seine Wirkung, und der Scherge, der infolge dieser Bemerkung in eine gute Laune gekommen war, antwortete: »eh bien; demain matin«. Am andern Morgen aber, wo des Grafen Name nicht mehr auf der Liste stand, wurd' er vergessen und bald danach, nach dem inzwischen erfolgten Sturze Robespierres, in Freiheit gesetzt. Unter Napoleon, obwohl dieser von Schlabrendorfs scharfer Kritik über ihn hörte, blieb er als »Sonderling« unangefochten. Er war Philosoph und Philanthrop und verwendete seine nicht unbedeutenden Einkünfte zu wohltätigen Zwecken, besonders für seine Landsleute. Nach den Befreiungskriegen (er blieb immer in Paris) empfing er das Eiserne Kreuz. Er starb daselbst am 22. August 1824. In Gröben befand sich ein Porträt von ihm, Kniestück, das um seiner storren Frisur und seiner Glotzaugen willen das Entsetzen aller Kinder war, die des Bildes daselbst ansichtig wurden. Es kam später fort und befindet sich jetzt auf dem Kalkreuthschen bei Landsberg a. W. gelegenen Schloß Hohenwalde.


50 Es gab damals zwei Generäle von Ryssel in der preußischen Armee, beide katholischer Konfession und beide Divisionäre, von denen der eine zuletzt in Neisse, der andre (der im Text erwähnte) in Trier stand. Beide waren früher in sächsischen Diensten gewesen und einer derselben hatte noch bei Groß-Beeren eine sächsische Brigade gegen uns kommandiert. Der Triersche nahm Anfang der zwanziger Jahre seinen Abschied und starb in Giebichenstein bei Halle. Der Berliner Witz gefiel sich übrigens damals, unter Ausnutzung des Namens »Ryssel«, in folgendem etwas gewagtem Wortspiele: »Welcher Unterschied ist zwischen einem Elefanten und Friedrich Wilhelm III.?« »Der Elefant hat einen Ryssel und Friedrich Wilhelm hat zwei.«


51 An dieser in Portlandzement ausgeführten Kanzel befinden sich die Statuetten von Luther, Melanchthon und Calvin, was, unmittelbar vor Einweihung der Kirche, eine Kontroverse herbeiführte. Da Gröben, von den Tagen der Reformation an, immer lutherisch gewesen war, so protestierte der Geistliche, trotz seiner intimen Stellung zur Patronin, aufs entschiedenste gegen die Zulassung Calvins. Aber Frau von Scharnhorst bestand darauf und drang mit ihrem Willen durch. Es scheint mir indessen unzweifelhaft, daß der Geistliche (Pastor Henschke, Freund und Erzieher Fräulein Johannas) im Rechte war. Es würde doch beispielsweise sehr auffallen und dem entschiedensten Widerspruch aller reformierten Geistlichen begegnen, wenn seitens einer zufälligen Majorität unserer »Kolonie« plötzlich der Beschluß gefaßt werden sollte, die Statue Luthers an den Kanzeln unserer französisch-reformierten Kirche anzubringen.


52 Während der Verhandlungen, die bereits vielfach über die Pfarrgründungsfrage stattgefunden haben, ist es bis jetzt ganz unmöglich gewesen, den Bauer aus dem Sattel zu heben. Auf die Bemerkung: »Und Ihr werdet dann auch nicht länger nötig haben, Eure Kinder bei Winterwetter eine halbe Meile weit zum Konfirmationsunterricht zu schicken« antwortete man einmütig: »Ei, auf diese zwei Tage freuen sich ja die Kinder die ganze Woche; da haben sie Schlittenbahn und schneeballen sich und kommen immer frisch und munter nach Hause.«


53 In dem Punkte, daß man im Kabinett eine gewisse Bestrittenheit der Scharnhorstschen Verdienste wegleugnen wollte, hatte man gewiß unrecht, aber darin andererseits gewiß recht, daß er mindestens »unopportun« war, in solcher Zeit auf solche Meinungsverschiedenheiten oder auch Schlimmeres hinzuweisen. – Einen eigentümlichen Eindruck macht es außerdem, aus dem Briefwechsel zwischen den streitenden Parteien zu ersehen, daß die beiden Räte I. und v. B. auch stilistische Bedenken hatten und damit nicht hinter dem Berge hielten. So wollte man das gesperrt gedruckte Wort »stetig«, weil es nicht deutsch sei, gern weg haben und proponierte statt seiner das Wort »anhaltend«. Aber Gneisenau wollte auch von einer derartigen, bloß sprachlichen Änderung nichts wissen und antwortete: »›Stetig‹ will mehr sagen als ›anhaltend‹; jenes bezeichnet das Bewußtsein des Wollens und des Zweckes. Es ist das englische ›steady‹ und ist absichtlich gewählt.« Zuletzt wurde die Sache Hardenberg selbst zur Entscheidung vorgelegt und dieser schrieb sehr fein an den Rand: »Das Wort ›stetig‹ kann als eine neue Kreation wohl gut sein. Ich kenn' es aber noch nicht als deutsch.«


54 Zeit und Ort ist an dieser Stelle nicht richtig angegeben. Er wurde nicht 1756, sondern 1755 und nicht in Haemelsee, sondern in Bordenau geboren. Ein solcher Fehler an solcher Stelle wird manchen überraschen; wer sich aber von Metier wegen viel um Biographisches gekümmert hat, weiß, daß nichts häufiger ist, als derartig irrtümliche Angaben. Ein Befragen der Kirchenbücher unterbleibt, und auf Mitteilungen einzelner Familienglieder hin, »die's von Jugend auf so und nicht anders gehört haben«, entstehen die Fehler. Erst in neuerer Zeit ist man vorsichtiger in diesem Punkte geworden.


55 Wilhelm von Scharnhorst, General der Infanterie, gestorben am 13. Juni 1854 zu Ems. Er besuchte das Gymnasium zum Grauen Kloster und trat in das preußische 3. Husarenregiment ein, ging aber bald danach (wahrscheinlich 1809) auf Wunsch seines Vaters nach England. In der deutsch-englischen Legion focht er unter Wellington in Spanien. 1813 kam er nach Preußen zurück. 1818 vermählte er sich mit der Tochter des späteren Feldmarschalls Grafen Gneisenau, kam in den Generalstab und wurde militärischer Zwecke halber 1827–28 nach Griechenland, später nach Holland hin abkommandiert. Anfang der vierziger Jahre war er Inspekteur der Artillerie von Pommern und Preußen, danach in der Rheinprovinz. 1849 nahm er an dem badischen Feldzuge teil und wurde zuletzt zum Gouverneur von Rastatt ernannt. Bald darauf erbat er seinen Abschied und übersiedelte nach Berlin, um nur noch den Wissenschaften zu leben. Namentlich war er als Geograph bedeutend und mit Ritter sehr befreundet. Eine von ihm angelegte, viele Seltenheiten enthaltende Landkarten-Kollektion wurde nach seinem Tode vom Staat angekauft und der Königl. Bibliothek unter dem Namen der »Scharnhorst-Sammlung« überwiesen. – Über den jüngeren Bruder, August von Scharnhorst (1826) hab' ich in dem Kapitel »Gröben und Siethen« ausführlicher berichtet.


56 Solche Urteile datieren noch aus einer Zeit her, wo die Kenntnis über künstlerische, speziell über architektonische Dinge gleich Null war. Kugler, Schnaase, Lübke haben eine völlig »neue Ära« geschaffen. Während jetzt jeder aus Rund- oder Spitzbogen, aus Tonnen- oder Kreuzgewölbe, den Stil und das Jahrhundert einer Kirche leidlich genau zu bestimmen weiß, stand man früher vor diesen Dingen wie vor einem Rätsel und unterschied das Alter zweier Gebäude oft rein nach dem Grade äußerlichen Verfalls, dabei zur Architektur eine kaum wissenschaftlichere Stellung einnehmend, wie die Kinder zur Pflanzenkunde, wenn sie die Blumen in blaue, rote und gelbe teilen. Dies muß man immer gegenwärtig haben. In jenen Zeiten absoluter baugeschichtlicher Unkenntnis sind durch im übrigen grundgescheite Leute grundfalsche Dinge zu Papier gebracht worden, die nun, ausgerüstet mit der Autorität eines Namens, von Buch zu Buch unsterblich weiter wandern


57 Schwert und Sporen hingen früher dem herrschaftlichen Chore gegenüber, zu dem eine Treppe von außen hinaufführt. Diese beiden Zufälligkeiten waren genug, um folgende Sage heranwachsen zu lassen. »Da war mal ein Edelmann, der kümmerte sich nicht um Gott und Menschen. Er dacht', er sei Herr über alles und in seinem Übermut ritt er in die Kirche, gleich die Treppe hinauf, die zu dem Chore führt. Hier aber bäumte das Pferd und überschlug sich, so daß beide in das Schiff der Kirche stürzten und Hals und Beine brachen. Zum Zeichen des und zugleich zur Warnung sind Degen, Schwert und Sporen dem Chore gegenüber aufgehängt worden.« – So die Sage. Schon bei früheren Gelegenheiten, hab' ich ausgeführt, wie die »mythenbildende Kraft« des Volkes mit Vorliebe, ja vielleicht immer, an solche rein äußerlich gegebenen Dinge anknüpft, vorausgesetzt, daß diese Dinge zugleich unklar und rätselvoll genug sind, um die Phantasie in Bewegung zu setzen und die freieste und selbst willkürlichste Auslegung zuzulassen. Aber so willkürlich die Auslegung sein mag, sie schwebt nie ganz in der Luft und haftet immer an etwas Gegebenem. Die ganze Gruppe von Sagen, um die sich's hier handelt, könnte man als poetische Mißverständnisse, noch richtiger als poetische Mißdeutungen bezeichnen. Mißdeutung im Sinne von irrtümlicher Deutung.


58 Dies Blatt befindet sich noch in den zahlreichen Mappen, die Sebastian Hensel aus dem reichen Nachlasse seines Vaters aufbewahrt. Ich komme weiterhin auf diesen Nachlaß zurück. Was speziell dies aquarellierte Blatt angeht, so stellt es eine Felsenpartie dar, und Palmen und Bautrümmer fassen ein Gewässer ein, in dem Mädchen baden. Es nimmt sich aus wie eine Farbenskizze zu einem großen Tapetenbilde. Als Arbeit eines in künstlerischen Dingen ohne jede Schule aufgewachsenen jungen Mannes, mußte dieselbe damals überraschen. Heutzutage, wo jeder zeichnen und einen Baumschlag machen kann, würde man dergleichen freilich ruhiger hinnehmen.


59 An dem aus Bucharen und Indern bestehenden Festzuge wirkten folgende Personen mit:

Bucharen. Aliris, Prinz der Bucharei: Großfürst Nikolaus von Rußland; Abdallah, Vater des Aliris: Herzog von Cumberland; Abdallahs Gemahlin: Prinzessin Luise Radziwill; Bucharische Prinzen: Prinz Karl, Prinz August. – Herren im bucharischen Kostüm: Fürst Putbus, Graf Hardenberg, von Adlerberg, von Knobloch, von Knobelsdorff, von Massow, von Bock, von Geusau, Graf Nostitz, Graf Meerfeldt, von Poten, von Stapleton, Graf Pückler, Graf Wartensleben, Graf Lynar, Graf Blumenthal. – Damen im bucharischen Kostüm: Gräfin Schuwaloff, Miß Rose I, Fräulein von Jagow, Fräulein von Brockhausen I, Gräfin Moltke, Miß Rose II, Fräulein von Brockhausen II, Fräulein von Kamptz, Fürstin Lynar, Frau von Hedemann, Frau von Asseburg, Frau von Bülow, Frau von Witzleben, Gräfin Schlieffen, Frau von Clausewitz, Gräfin von Fouqué, Frau von Buddenbrock, Gräfin Haack, Fräulein von Massow. – Herren aus Kaschmir: Graf Brandenburg, von Germann, von Perowsky, von Prittwitz, von Bülow, Graf Gröben, von Fouqué, von Buddenbrock, Graf Gneisenau, Graf Poninsky. – Damen aus Kaschmir: Frau von Buch, Frau von Rochow, Frau von Ompteda, Fräulein von Viereck, Gräfin Hardenberg, Gräfin Gröben, Gräfin Pappenheim, Frau von Tronchin, Gräfin Neale, Fräulein von Schuckmann, Gräfin Häseler.

Inder. Aurengzeb, Großmogul: Prinz Wilhelm (Bruder Fr. W. III.). Lalla Rookh: die Großfürstin von Rußland (früher Prinzessin Charlotte von Preußen). Dschehanara, Roschinara, Suria Banu, indische Prinzessinnen: die Herzogin von Cumberland, die Prinzessin Wilhelm, die Prinzessin Alexandrine. Bahadur Schah, Dschehander Schah, Dara, Kinder Aurengzebs: der Kronprinz (Fr. W. IV.), Prinz Wilhelm (der jetzige Kaiser) und die Prinzessin Luise. – Herren im indischen Kostüm: Fürst Lynar, Graf Modene, von Witzleben, von Röder, von Tümpling, von Tronchin, von L'Estocq, von Thun, Graf Arnim, von Lucadou, von Kahlden, von Rochow, von Hopfgarten, von Thilau, Graf Hompesch, von Studnitz, von Möllendorf, Graf Schlieffen, Graf Moltke, von Alvensleben, von Heister, von Jordan, von Kaphengst, von Thümen, von Pourtales, von Meuron, Prinz von Rudolstadt, Prinz Solms, von Rauchhaupt, Graf Waldersee, Graf Blücher I, Graf Blücher II, Graf Bethusy, von Schöler, Graf Lynar, von Massow, von Ostau, von Heister. – Damen im indischen Kostüm: Fürstin Putbus, Lady Rose, Fürstin Carolath, Frau von Senden, Gräfin Brandenburg, Fräulein von Zeuner, Frau von Tümpling, Gräfin Voß, Gräfin Schlippenbach, Fräulein von Arnstedt I, Fräulein von Bergh, Fräulein von Kleist, Gräfin Haack, Fräulein von Knobelsdorff, Fräulein von Hünerbein, Gräfin von Lottum, Fräulein von Stegemann, Fräulein von Boguslawsky, Fräulein von Schuckmann II, Fräulein von Röder, Fräulein von Fouqué, Fräulein von Arnstedt II, Fräulein von Heister I, Gräfin Kalkreuth, Fräulein von Wiedenbruch, Frau von Martens, Frau von Miaskowska, Gräfin Hardenberg I, Fräulein von Maltzahn I, Gräfin Hardenberg II, Fräulein von Senden, Fräulein von Maltzahn II, Fräulein von Adeleps.

In den im Text erwähnten vier lebenden Bildern waren die Hauptrollen wie folgt verteilt: der Prophet von Khorasan: Graf Gröben: die Peri: Prinzessin Elise Radziwill; der Engel des Lichts: Gräfin Mathilde Voß; der Emir: Fürst Radziwill; Nurmahal: Frau von Perponcher, und Dschehangir: Herzog Karl von Mecklenburg.


60 Künstler, Schauspieler und Sänger finden sich folgende: Bendemann, de Biefve, Cornelius, David d'Angers, Genelli, Ingres, Kaulbach, de Keyser, Kiß, Kopisch, F. Mendelssohn-Bartholdy, Fr. Tieck, Horace Vernet, Beethoven, Professor Wach, Carl Maria von Weber, Zelter, Franz Liszt, Löwe, Magnus, Moscheles, Paganini, Chr. Rauch, der alte Schadow, Wilhelm Schadow, Schinkel (dreimal), Schnorr, Jul. Schrader, Schwind, Thorwaldsen, Eduard Devrient, Viardot Garcia, Grisi, Lablache, Lind-Goldschmidt, Milder, Clara Novello, Pasta, Rachel, Rebenstein, Pius Alex. Wolff, Schröder-Devrient, Seydelmann, Wilh. und Aug. Stich (Crelinger).


61 Es liegt mir begreiflicherweise daran, einen so diffizilen Punkt nach Möglichkeit klargestellt zu sehen, weshalb ich mich auch noch in diese Anmerkung flüchte. Was an Historischem in diesen Wanderungen enthalten ist, gruppiert sich: in allgemein Gekanntes, in wenig Gekanntes und in gar nicht Gekanntes. Es ist selbstverständlich, daß der Mann von Fach an der ersten, räumlich sehr überwiegenden Gruppe vorübergehen muß und an der zweiten (in der sich übrigens einige Raritäten vorfinden) vorübergehen kann. Aber die dritte Gruppe, der beispielsweise alle Kirchenbuchaufzeichnungen angehören, hat Anspruch auf Beachtung auch von seiten des Berufshistorikers. Dies im Hinblick auf Einzelheiten aussprechen, ist etwas sehr andres, als mit dem Ganzen historische Prätentionen erheben.


62 Wie gut es mir auf den alten Herrensitzen ergangen ist, davon legen die vier Bände Zeugnis ab. Auf eines aber möcht' ich eigens noch hinweisen dürfen und zwar auf den für mich sehr wichtigen Umstand, daß ich bei den Mitteilungen, die mir zuteil wurden, niemals durch Ängstlichkeiten gequält worden bin. Es kam nie vor, daß die linke Hand wieder zu nehmen trachtete, was mir die rechte Hand eben gegeben hatte. Jene so häufigen Kautelen und Einengungen, die bekanntlich viel grausamer sind als Vorenthaltung, blieben mir sämtlich erspart. Ich empfing alles »auf Diskretion«, ohne daß mir diese Diskretion jemals zur Bedingung gemacht worden wäre. Ja, was noch mehr überraschen wird, ich bin auch nachträglich niemals eines Vertrauensbruchs oder eines faux pas oder einer Ungeschicklichkeit bezichtet worden. Was alles ich nicht dankbar genug anerkennen kann. Aber freilich, wenn es mir einerseits glückte, mich vor einem direkten in Ungnade-fallen zu schützen, so hat es mir doch andrerseits (einen einzigen Fall abgerechnet) auch nie gelingen wollen, in eine direkte Gnade zu kommen. Es war eben immer nur »a hairbreadth's escape«. So wenigstens glaub' ich aus einem gewissen elegischen Ton schließen zu dürfen, in dem diese Dinge, wenn das Kapitel schließlich vorlag, behandelt zu werden pflegten. Es kann aber auch kaum anders sein, und berühmte Historiker, wie mir versichert worden ist, haben Schlimmeres erfahren müssen.


Quelle:
Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Bd. 1–25, Band 12, München 1959–1975.
Lizenz:
Kategorien:
Bookmarks
delicious wong linkarena google
Sponsoren