XV

[563] Brüssel


Niemand soll mir wieder mit dem elenden Gemeinplatze kommen, den jetzt so mancher Apostel des Despotismus umherträgt, und den ich schon zum Ekel von Nachbetern wiederholen hörte: daß die Aufklärung Schuld an politischen Revolutionen sei. Hier in Brüssel sollen sie mir ihren Satz einmal anwenden! Ja, wahrlich, vollkommner war keine Unwissenheit, dicker keine Finsterniß, bleierner drückte nie das Joch des Glaubens die Vernunft in den Staub. Hier hat der Fanatismus Aufruhr gestiftet; Aberglaube, Dummheit und erschlaffte Denkkraft sind seine Werkzeuge gewesen.

Was Revolutionen im Staat hervorbringt, ist gänzlich unabhängig von dem jedesmaligen Grade der Einsicht des revoltirenden Volkes. Wenn seine Leidenschaften aufgeregt sind, (das geschehe nun durch den unerträglichen Druck der Tyrannei oder durch die Aufwieglungskünste boshafter und herrschsüchtiger Menschen:) dann ist die Revolution zur Reife gediehen; nur mit dem Unterschiede, daß jene besteht, weil sie einen wesentlichen Grund, eine materielle Veranlassung hat, diese hingegen wieder in ihr Nichts zurücksinkt, sobald die Täuschung aufhört.

Die Kirchen und Klöster in Brüssel sind zu allen Stunden des Tages mit Betenden angefüllt – und an den Thoren der Tempel lauert der Geist der Empörung ihnen auf. Hier läßt der Congreß seine Mandate und Verordnungen anschlagen; hier lesen wir die täglich herauskommenden Aufforderungen an das Volk, gegen die so genannten Verräther des Vaterlandes, nämlich gegen die Demokraten, mit Feuer und Schwert zu wüthen; hier lästert die Zunge der Verläumdung den braven Van der Mersch; hier stößt man Verwünschungen aus gegen die Holländischen Flüchtlinge, denen man die Freiheitsliebe zum Verbrechen macht; hier erdreistet man sich sogar, den heftigsten Ausbrüchen der Wuth, womit die aristokratische Partei die andere verfolgt, den Anstrich frommer Handlungen zu geben und die rechtgläubigen Einwohner im Namen ihrer Religionspflichten dazu anzuspornen! Unverkennbar ist der Geist, der in diesen Anschlagzetteln spukt; es giebt[563] nur Eine Klasse von Menschen, die auf solche Weise Menschliches und Göttliches unter einander wirft, um die blöden Augen der Menge zu blenden und ihre schwache Vernunft durch kasuistische Cirkelschlüsse zu hintergehen.

Das Siegel eines weit ärgeren Despotismus, als derjenige war, dem die Niederländer entronnen sind, klebt noch an ihrer Stirn, und ein Jahrhundert wird es nicht abwaschen können. Mit ihrer neuerlangten Freiheit wußten sie nichts anzufangen; sie war ihnen lästig: sie können ohne Beherrscher nicht bestehen. Nous ne voulons pas être libres, »wir wollen nicht frei seyn,« antworten sie uns, wenn wir sie um ihrer Freiheit willen glücklich preisen; ohne doch vermögend zu seyn, uns nur etwas, das einem Grunde ähnlich gesehen hätte, zur Rechtfertigung dieses im Munde der Empörer so paradoxen Satzes vorzubringen. Nous ne voulons pas être libres! Schon der Klang dieser Worte hat etwas so Unnatürliches, daß nur die lange Gewohnheit nicht frei zu seyn, die Möglichkeit erklärt, wie man seinen tückischen Führern so etwas nachsprechen könne. Nous ne voulons pas être libres! Arme, betrogene Brabanter! das sagt ihr ohne Bedenken hin; und indem ihr noch mit Entzücken euren Sieg über die weltliche Tyrannei erzählt, fühlt ihr nicht, wessen Sklaven ihr waret und noch seid? Schon recht! ihr könnt auch nicht mehr frei seyn; ihr seid geborene Knechte: Einem Herrn entlauft ihr; aber des andern Zeichen ist euch eingebrannt, an welchem es jedem Klügeren spottleicht wird, euch wieder zu kennen und einzufangen, wähntet ihr gleich, ihr wäret frei!


Wie der Vogel, der den Faden bricht,

und zum Walde kehrt:

er schleppt des Gefängnisses Schmach,

noch ein Stückchen des Fadens nach;

er ist der alte, freigeborne Vogel nicht –!


Aberglaube heißt der Faden, der allerdings nur gar zu oft auch vom weltlichen Despoten ergriffen wird, und an dem er die gefesselten Nationen lenkt. Ein gefährliches Unterfangen! denn es darf sich nur die Hierarchie an den Faden hängen, so schwingt sie das Volk und den Herrscher nach ihrer Willkühr umher.

Brabant ist seines Aberglaubens wegen berühmt, Dank sei es[564] Philipps grausamer Politik, die das Schwert in den Eingeweiden seiner selbstdenkenden Unterthanen wühlen ließ und jedem Andersgesinnten den Scheiterhaufen zuerkannte. Die Rechtgläubigen, die allein in dem entvölkerten Lande übrig blieben, mochten wohl erblassen über ihrer eigenen Hände Werk. Triefend vom Blut ihrer Brüder, flohen sie vor dem grellen Lichte ihrer strafenden Vernunft und den Qualen einer vergeblichen Reue. Sie eilten, die Bürde des verwundeten Gewissens im mütterlichen Schooße der Kirche abzuwerfen, und die Zauberin verwandelte den Brudermord in ein gottgefälliges Opfer. So ziemte es ihr, Verbrechen zu heiligen, die sie zuerst gebot. Zitternd vor ihr, die damals das Menschengeschlecht eher vertilgen als ihrem Herrscherrecht entsagen wollte, huldigten sie der unerforschlichen Weisheit, womit die Kirche alle Widersprüche vereinigte, und schrieben der lästigen Zweiflerin Vernunft einen ewigen Scheidebrief.

Das schöne Vorrecht einer Religion des Friedens, dem Verbrecher im Namen der versöhnten Gottheit Verzeihung und Gnade darzubieten, erstreckt sich nicht bis zur Aufhebung der natürlichen Folgen des Übels. Geistliche Zurechnung mag sie dem Sünder erlassen; aber weder Reue noch Seligsprechung können ungeschehen machen, was geschehen ist, können aus der Kette der Dinge ein einziges Glied reißen, das hier Wirkung war und dort wieder Ursache wird. In Brabant, wo die vorgeblichen Vertrauten der Götter nicht bloß zu verzeihen, sondern zu billigen, ja zu gebieten wagten, was die Natur als Verbrechen verabscheuet – werden hier allein die Verirrungen der wider sich selbst wüthenden Menschheit ohne Folgen geblieben seyn? Nimmermehr! Lieber läugne man allen Zusammenhang und jede Beziehung in der Natur; man lästre die unverbrüchliche Treue, womit sie an ihren Gesetzen bekleibt, ehe man zweifelt, ob das Verzichtthun auf den Gebrauch der Vernunft, und ob die Betäubung des moralischen Gefühls eine andere Wirkung haben könne, als immer zunehmende Entartung!

Seit jener unglücklichen Epoche, da hier die Philippe und die Albas mordeten, da das Blut der freien Edlen auf dem Richtplatze floß, erwähnt die Geschichte dieser Provinzen nur dann, wenn fremde Kriegesheere sie zum Kampfplatz wählten,[565] oder wenn sie, als ein Erbgut, aus einem Fürstenhause in das andere übertragen wurden. Nie wieder erwachte in ihnen ein eigenthümlicher Geist, nie erhob sich aus ihrer Mitte ein großer Mann! In Unthätigkeit versunken, behaupteten sie nie die Rechte der Menschheit gegen die übermüthigen Nachbaren, die ihrem Oberherrn das harte Gesetz vorgeschrieben hatten, die Flüsse seines Landes zu verschließen, und seinen Städten mit dem Handel auf dem Meere Wohlstand, Volksmenge und Mittel zur Bildung des Geistes zu rauben. Bei Josephs Versuche, dieses widernatürliche Joch abzuwerfen, verhielten sich die Brabanter leidend, und die Flammänder sträubten sich; jene glaubten, am Speditionshandel hinlänglichen Ersatz für die gesperrte Schelde zu besitzen, oder hatten sich schon gewöhnt, in ihren angeerbten Schätzen unerschöpfliche Quellen des eingeschränkten, stillen müßigen Genusses zu finden; diese wollten ihr Ostende dem Flor von Antwerpen nicht opfern. Der Adel in beiden Provinzen befürchtete im vermehrten Wohlstande des Bürgers Verminderung seines Einflusses und Ansehens; und die Geistlichkeit, die in einigen Provinzen zum Besitz der Hälfte, und in Brabant voller zwei Drittheile von dem ganzen Landeigenthum gelangt war, begnügte sich an dem sichern Ertrage des fruchtbaren Bodens.

Eine Zeitlang hatte zwar aus den Schutthaufen der Freiheit die Kunst noch hervorgeblühet. Statt des Schwertes, das den Belgiern aus der Hand gesunken war, hatten sie den Pinsel ergriffen; denn plötzlich erlischt die Energie des menschlichen Geistes nicht: in ihrem Wirken unterbrochen, wirft sie sich gern erst in neue Kanäle. Der Luxus der Hauptstadt, der gehemmte Umlauf ungeheurer Kapitalien in den Handelsstädten, die Politik und die Hoffart der Klerisei und der geistlichen Orden gaben anfänglich den Künstlern Beschäftigung; allein auch diese Periode war bald verflossen, und alles neigte sich unter dem narkotischen Fittig der Pfaffenerziehung zum langen Geistesschlafe. Um Gestalten hinzaubern zu können als lebten sie, um Menschen handelnd darstellen, ja in Thaten groß auch nur ahnden zu können, müssen frühzeitig die Bilder des Mannichfaltigen den unbefangenen Geist zur Thätigkeit wecken und die Begierde zu schaffen in seinem Innern hervorrufen. Das träge Blut des Belgiers vermochte dies nie[566] von selbst. Als der Rausch, den ihm die kriegerischen Zeiten zurückgelassen hatten, gänzlich verdünstet, als Van Dyk nach England verpflanzt und zu früh gestorben war, da welkte die Niederländische Kunst, und jene so genannten Malerakademien, welche noch jetzt in Mecheln und Antwerpen bestehen, sanken in eine Geringfügigkeit, die ärger als Vernichtung ist.

Die mechanischen Künste haben sich länger gehalten, weil die Art des Fleißes, welche kein Nachdenken erfordert, sondern das Werk der Übung und Gewöhnung ist, phlegmatischen Völkern zur andern Natur werden kann. Ihre Existenz in dieser, wie in jeder Rücksicht, ist maschinenmäßiger, als die Existenz der lebhafteren, geistreicheren Menschen, deren unstätes Wesen mehr von eigenen Antrieben abhängt und daher öfter die Erscheinung des Müßigganges bewirkt. Noch giebt es in allen Belgischen Provinzen ansehnliche Wollen- und Leinenfabriken, obwohl die ersteren im Vergleich mit ihrem Flor im vierzehnten Jahrhundert, als Löwen und Ipern jedes viertausend, Mecheln über dreitausend, und Gent vierzigtausend Weberstühle beschäftigen konnten, gleichsam nur armselige Trümmer der ehemaligen Wirksamkeit verrathen. Lange vor dem Ausbruche des Religionskrieges wanderten aber schon Tausende von Fabrikanten nach England, und während der Unruhen öffnete Elisabeth ihre Häfen den fleißigen Flüchtlingen, die um ihres Glaubens willen ihr Vaterland verließen. Andere Zweige des städtischen Fleißes sind durch das Emporkommen auswärtiger Fabriken in Verfall gerathen, wie die Seidenmanufakturen in Antwerpen; oder der Wankelmuth der Mode hat ihren Absatz vermindert, wie dies mit den Brabantischen Spitzen und mit den gestickten Teppichen von Brüssel der Fall ist, an deren Stelle die Blonden und Papiertapeten gekommen sind.

Der Landmann allein ist geblieben, was er war: der arbeitsame, geduldige Bauer des fetten ergiebigen Erdreichs. Seine Saaten füllen die Scheuren des Adels und der Klöster; seine Heerden bedecken unübersehbare Weiden, und seine Gespinnste, das Werk seiner Nebenstunden, beschäftigen sowohl die noch übriggebliebenen einheimischen, als auch die benachbarten auswärtigen Fabrikanten. Aus diesen Quellen des Reichthums,[567] so schlecht man sie auch benutzte, flossen jährlich noch Millionen in die Schatzkammern des Hauses Östreich. Hätten weise Führer durch zweckmäßige Bildung der Jugend, hätten große Regenten durch Erweckung eines edlen Wetteifers, den Einflüssen der Sumpfluft und des nordischen Nebels entgegenarbeiten wollen; warum sollte es ihnen weniger geglückt seyn, als in dem benachbarten England? Allein die Vervollkommnung des dritten Standes war jederzeit, bis auf Joseph den Zweiten, dem stolzen Hofe zu klein, dem Adel und der Geistlichkeit ein Greuel.

Oft indessen zwecken die unberechneten Folgen der Leidenschaft mehr als absichtliche Vorkehrungen auf die Hervorbringung des Guten. Nirgends treibt die Habsucht mit weniger Zurückhaltung ihr Spiel, nirgends häuft sich die Zahl der Processe so ins Unendliche, als in Ländern, wo ein ungebildeter, zahlreicher Adel, und eine nicht minder rohe, nicht minder zahlreiche Geistlichkeit den Besitz des Landes unter sich theilen. In den katholischen Niederlanden, wie in Polen und Ungarn, nehmen diese Streitigkeiten, bei dem geschwächten moralischen Gefühl welches unausbleiblich die versäumte Entwickelung der Vernunft begleitet, unter den Begüterten kein Ende. Daher schwang sich endlich aus dem Bürgerstande die unentbehrlich gewordene Klasse der Rechtsgelehrten empor, und in diesem, allerdings nicht erlesenen Haufen, entwickelten sich gleichwohl die ersten Keime des Belgischen Patriotismus. Unter der furchtbaren Kohorte von drei- bis vierhundert Advokaten, die dem Geiste der Unverträglichkeit in Brüssel das tägliche Opfer bringen, fanden sich einige Männer, deren Studien und Amtsgeschäfte den glücklichen Erfolg für sie selbst hatten, ihre Begriffe von Recht und Pflicht jenseits des todten Buchstabens der Gesetze zu berichtigen und aufzuhellen. Mit dem Lichte, das ihnen plötzlich zuströmte, und das sie freilich weder in den Kreuzgängen der Jesuitenschulen noch in der finsteren Universität zu Löwen je erblicken konnten, prüften sie die Ansprüche des Fürsten, wenn er, selbst in guter Absicht, aus den Schranken heiliger Verträge trat, und sich nach seiner Überzeugung für berechtigt hielt, die Gemüther der Menschen eigenmächtig zu ihrem wahren Vortheil zu zwingen. Mit demselben Lichte erkannten[568] sie das Verhältniß des Volkes zu seinen Repräsentanten, und vertheidigten die Rechte des Bürgers gegen die Eingriffe der Prälaten und Ritter. Der Enthusiasmus, das Kind des Druckes und der verkannten Wahrheit, goß Feuer in ihre Reden und Entwürfe; allein ihre Beredsamkeit und ihr Beispiel waren verschwendet an ein Volk, das sie nicht fassen konnte und gewohnt war, blindlings zu folgen. Joseph durfte die Joyeuse entrée vernichten und den Ständen ihre Vorrechte schmälern; das Volk hätte sich nicht geregt. Er nahm dem geweihten Müßiggänger seine überflüßigen Schätze – und das Volk stieß ihn vom Thron.

Quelle:
Georg Forster: Werke in vier Bänden. Band 2, Leipzig [1971], S. 563-569.
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