Vom süßen Brei

[48] Fortsetzung des vorigen


Sie ist verschwunden wie ein Traum –

Wer mag den Grabweg ihr versperren?

Schwer unterdes auf seinem Flaum,

Schwer ist der Morgenschlaf des Herren.

Er lallt halbwach: »Das Volk? das Recht?

Was sie nur will? ich möcht' es wissen!

Ich schlafe diesen Morgen schlecht« –

Und sinkt zurück in seine Kissen.


Da naht von neuem das Gesicht,

Die letzte Frührast ihm zu stören.

Sie tritt zu Häupten ihm und spricht:

»Was du gefragt hast, sollst du hören! –

Ich baute weiland mir ein Schloß,

Stolz und in Herrlichkeit zu wohnen!

Aufbaut' ich's mit Vassalentroß –

Mein ganzes Dienstvolk mußte fronen!


Schlank in die Lüfte stieg der Bau,

Schlank mit Gewölben, Bogen, Gurten!

Aufstieg er, eine prächt'ge Schau,

Ob auch die Fröner trotzig murrten.

Da sprach ich: 'Wohl, ich geb' euch Lohn!

So haltet aus denn in der Treue!

Und endet mit dem Bau die Fron,

So letz' ich euch mit süßem Breie!'
[48]

Nun merk': Ich hielt, was ich versprach!

Wer wird sein Wort dem Volke brechen?

Nein, heilig sei uns ein Vertrag,

Und unumstößlich ein Versprechen!

Nein, hat die Schlösser, die wir baun,

Mit Schweiß und Blut das Volk gekittet,

So mög' es auch die Löhnung schaun,

Die nach dem Pakt es sich erbittet!


O, prächtig war die Gasterei,

Als nun die Burg dastand vollendet!

Nie ward zuvor ein süßer Brei

Mit volen Löffeln so verschwendet!

Und alle Jahr' bei Wein und Brot

Ließ ich den Festtag sich erneuern;

Es mußt' ihn selbst nach meinem Tod

Die ganze Herrschaft jubelnd feiern.


So ward der süße Brei zum Recht!

Verstehst du jetzt mein Reden besser?

O Sohn, du und dein Vorgeschlecht,

Ihr habt erhoben viele Schlösser!

Und viele Worte sind gesagt,

Die süßen Brei dem Volk verhießen –

Kannst du dich wundern, wenn es klagt,

Und endlich Lust hat, zu genießen?


Es gab dir Blut, es gab dir Schweiß,

Und wird dir, was es gab, nicht schenken!

O, wolle doch des süßen Breis,

Den du versprochen, bald gedenken!

O, gib den Brei, den süßen Brei!

Wer weiß, was wird! rasch fliehn die Stunden!«

Aufwacht der Herr mit jähem Schrei,

Und wiederum ist sie verschwunden!


St. Goar, Januar 1844.


Quelle:
Ferdinand Freiligrath: Werke in sechs Teilen. Band 2, Berlin u.a. [1909], S. 48-49.
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