Über die Wiedergenesung der Kayserin Frau Mutter, und des Pabstes zu gleicher Zeit

[53] Der heilge Vater Pabst zu Rom,

(Des Allerhöchsten Vice-Dom)

Und unsre Kayserin Frau Mutter:

Der Erde Häupter, beede fromm,

Sind durch der Ärzte strengen Orden

Zu gleicher Zeit verdammet worden,

Mit Ruhm und Stralen überstreut,

Und überreif zur Seeligkeit,

Ins obre Paradies zu wandern,[53]

Die Wohnung der Vollkommenheit.

Die Reise war ein bißchen weit;

Drum stund für einen wie den andern

Ein sanfter Tragestuhl bereit.

Die Kayserin, die Lust der Frommen,

Hatt' auch, von Traurigkeit beklommen,

Doch standhaft, und nicht heidnisch-weich,

Anitzt vom Kayser, und dem Reich,

Das so in Thränen nie geschwommen,

Das letzte Lebewohl! genommen,

Den letzten Händekuß bekommen;

Und wollt Ihr göttlich Auge gleich

Zur güldnen Reisesänfte drehen:

Allein wie sie verwundernd sah

Des Pabstes seine stille stehen,

In tristi caeremoniâ

Der Ihrigen nicht vorzugehen,

Entschloß sie sich: Wir bleiben da!

War je auf Erd ein schöner Streit

Von Demuth und Gefälligkeit,

Gewiß! so war es dieser Streit.

Die ganze Welt wünscht ihrentwegen,

Daß man, so oft er sich erneut,

Nie fähig sey, ihn beyzulegen.

Der Himmel gebe seinen Seegen,

Daß in der werthen Christenheit

Die hohen Häupter allezeit

So sanft zusammen streiten mögen.

Quelle:
Johann Nikolaus Götz: Gedichte. Stuttgart 1893, S. 53-54.
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