Am XV. Sonntag nach Trinitatis

[291] Evangel. Matth. VI. v. 24. etc.


Text


Bey zweenen Herren kan kein Mensch

Sich leicht in Dienste geben,

Dem einen muß er willig seyn,

Dem andern widerstreben,

Den einen hast und läst er gehn,

Den andern wird er hören;

So kan der, der dem Mammon dient,

Unmöglich Gott verehren.


Drum sorgt vor Eßen, Leib und Kleid

Mit keiner Art und Weise.

Ist nicht der Leib mehr denn der Rock,

Das Leben als die Speise?

Die Vögel säen, erndten nicht

Und sammlen nicht in Scheuren,

Doch will der Vater in der Höh

Auch ihrem Hunger steuren.


Sind wohl die Vögel mehr als ihr?

Wer kan mit allem Dichten

Die Länge von Person und Arm

Vier Spannen weiter richten?

Und warum sorgt ihr vor das Kleid?

Seht, wie die Lilge wachse!

Sie nezt, sie wäscht, sie schmückt sich nicht,

Hält nichts von Seid und Flachse.


Doch, sag ich euch, war Salomo

In seinem grösten Ruhme

Und in der Hofpracht nicht so schön

Als eben diese Blume.

Schmückt Gott das Graß, das heute steht

Und morgen brennt und rauchet,[292]

Wie wird er dies an euch nicht thun,

Ihr, die ihr Glauben brauchet?


Drum sollt ihr nicht bekümmert seyn

Noch voller Zweifel sagen:

Was wird wohl unser Tisch und Glas

Und unsre Blöße tragen?

Nach diesem allen trachten nur

Die unvergnügten Heiden;

Denn euer Vater weis euch schon

Die Nothdurft zu bescheiden.


Vor allen suchet Gottes Reich

Und zwar noch auf der Erden,

Das andre wird euch auch hernach

Bald zugeworfen werden.

Beängstigt euch nicht vor der Zeit

Schon um den andern Morgen!

Ein jeder Tag, das ist genug,

Bringt auch sein eignes Sorgen.


Lehre


Der Gott, der schon so lange Zeit

So reichlich Haus gehalten,

Hört noch nicht auf, sein Vateramt

Auf Erden zu verwalten.

Er liebt, er wacht, er sorgt vor uns,

Giebt früh- und späten Regen

Und zeiget stets und überall

Ein Bild von seinem Seegen.


Die Vorsicht seiner Gütigkeit

Ist gar nicht zu ergründen.

Ein Sperling sey so schlecht er will,

Er muß sein Körnchen finden,

Kein Haar fällt sonder ihrem Schluß

Und Willen auf die Erde;[293]

Was zweifelstu, ob sie, o Mensch,

Auch dich ernähren werde?


O las, verzagtes Menschenkind,

Den ungegründten Kummer!

Der Herr und Hüter Israel

Hat weder Schlaf noch Schlummer.

Er sieht und weis wohl, was uns fehlt

Und läst uns sonst nichts fehlen

Als das, was wir aus Unverstand

Zu eignem Schaden wehlen.


Dein Herd und Tisch war eh bereit,

Eh du zur Welt gebohren,

Und Ort und Stelle längst vor dir

Zur Wohnung auserkohren.

Das, was du noch genießen solst,

Ist auch schon abgemeßen.

Ach mercke dies und lerne doch

Den Mammonsdienst vergeßen.


Die reiche Sorge vor den Bauch

Und vor den güldnen Gözen

Bringt um den ewigen Besiz

Von beßren Lebensschäzen,

Die weder Dieb noch Räuber holt

Noch Wurm noch Moder kräncken;

Versuchung greift die Herzen an,

Die sich an Reichthum hencken.


Betrachte das, was droben ist,

Und las die schwachen Sinnen

Durch Wort, Erkäntnüß, Geist und Müh

Im Guten Kraft gewinnen!

So wird dir, liebstu Gott nur recht,

In allen deinen Thaten,

Der Anschlag sey auch noch so schwer,

Der Ausschlag gut gerathen.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 2, Leipzig 1931, S. 291-294.
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