An eben dem vorigen Tage

[305] Evangel. Matth. I. Cap.


Text und Lehre


Hier zeigt uns der Evangelist

In viel berühmten Nahmen

Den Stammbaum des vor langer Zeit

Versprochnen Weibessaamen.

Von Abraham auf Josephs Haupt

Sind zwey und vierzig Glieder,

Von diesen sind wir nach dem Fleisch

Mit Christo Freund und Brüder.


Hieraus erkennt man Davids Sohn,

Den Held aus Juda Stamme,

Damit man nicht die alte Schrift

Als ungewis verdamme.

Hier lernt man auch: Des Heilands Huld

Und demuthsvolle Güte

Verschmäht, wie Ruth und Rahab zeugt,

Kein heidnisches Geblüte.


Auch wird man deutlich überführt,

Was Gott den Menschen gönne

Und wie er, was er einmahl sagt,

Unmöglich brechen könne.

Sein Wort bleibt fest und muß bestehn,

Der Himmel und die Erden

Kan eher zu dem alten Nichts

Als er zum Lügner werden.


Die Väter seufzten, bald den Trost

Von Jacob zu erbauen;

Sie sahen den im Glauben an,

Den wir im Fleische schauen.

Sie seufzten scharf und sehnten sich,[306]

Den Held hervorzubringen,

Den Gott von Ewigkeit bestimmt,

Den Tod vor uns zu zwingen.


So prahle nun, du stolze Welt,

Mit Ahnen, Stand und Schilden

Und las der Wappen Alterthum

Mit neuer Pracht vergülden!

Der Christen Adel rühmet sich,

Und zwar mit beßerm Rechte.

Warum? Der Herr der Herrligkeit

Gehört in ihr Geschlechte.


Mein Bruder, mein Immanuel,

Was kan dir doch mein Leben

Vor diese tief Erniedrigung

Zum Freundschaftsopfer geben?

Du bist mein Stamm, ich bin dein Zweig,

Gieb, daß ich Saft genieße

Und nicht als ein verdorrter Ast

Im Feuer lodern müße!

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 2, Leipzig 1931, S. 305-307.
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