Auf die ihm so beliebte Abwechslung im Lieben

[130] Verflucht nicht, ihr Mägdgen, mein flüchtiges Lieben!

Die Jugend, ihr wist's wohl, hat Feuer und Muth;

Es kauft ja ein jeder am liebsten frisch Gut,

Drum las ich mich niemahls den Vorwurf betrüben,

Ich wäre von Flandern und striche herum;

Das thu ich und dencke: Wer schiert sich was drum!


Wir sind doch nicht alle vor eine gebohren

Und haben nicht alle solch Fleisch und solch Bein,

Der Ersten, der Besten beständig zu seyn.

Der Lobspruch der Treue verführt nur die Thoren;

Was schadet's der Liebsten, die unser begehrt,

Wenn man gleich zuweilen den Nebenweg fährt?


Der Wechsel vergnüget die menschlichen Sinnen,

Dies lehrt uns der Umgang und auch die Natur;

Das Weltlicht verändert fast stündlich die Spur,

Und einerley Farbe wird selten gewinnen;

Auch Zucker bringt Eckel durch steten Genuß,

Und Fleisch alle Tage nährt blos den Verdruß.


Im Geigen entzückt uns ein künstliches Greifen,

Das vielerley Stimmen und Tacte vermengt;

Denn daß oft der Bogen die Quinte zersprengt,

Macht, weil die Finger so lange drauf schleifen;

Und daß auch der Ehstand die Liebe vergällt,

Macht, weil er die Freyheit im Kercker behält.


Bedenckt euch, ihr Mägdgen, was wollt ihr viel sagen?

Ihr ändert ja jährlich Schmuck, Spizen und Kleid;

Und wen ihr jezt selber durch Kuppler gefreyt,

Dem gebt ihr das Jawort im Korbe zu tragen;

Daß mancher den Proteus nur Fabelwerck nennt,

Macht, weil er die Farben der Schönheit nicht kennt.
[131]

Die Eifersucht haß ich noch ärger als Schlangen;

Und hätt ich ein Mägdgen von englischer Pracht,

Und würd ich auch stündlich zum Schwager gemacht,

Ich wollte sie wohl nicht gerichtlich belangen;

Ich spräche: Mein Engel, ach zürne nur nicht!

Dies sind ja die Besten, wo jedermann bricht.


Nur kommt mir nicht etwan mit albernen Poßen

Und rückt mir die starcken Versprechungen vor!

Im Lieben hat warlich die Rache kein Ohr.

Ich schwöre verbindlich, bis daß ich's genoßen;

Und bin ich dann fertig, so schwenck ich den Hut

Und gehe zur andern, die eben das thut.


Ich habe, das glaubt nur, ein ziemlich Gewißen,

Worein schon mein Scherzen manch Duzend begräbt,

Die, wo ich auf Erden gewohnt und gelebt,

Mein zärtliches Leiden befriedigen müßen.

Kommt, artige Kinder, kommt heufig heran,

Dieweil ich noch manche beherbergen kan.


Mein Eigensinn legt sich auch hier auf das Wehlen;

Versteht sich ein Mägdgen auf Küßen und Scherz

Und hat sie kein geizig noch murrisches Herz,

So wird sie mein Abschlag warhaftig nicht quälen;

Ja, will sie es anfangs auch gleich nicht verstehn,

So tröst ich mich immer: Es wird schon noch gehn.


Bald locken mich schwarze, bald feurige Kohlen,

Bald ziehn mich die Blonden, bald reizt mich die Brust;

Die Tänzerin scheint mir geschickter zur Lust,

Ich weis auch bey Lahmen mein Glücke zu holen.

Klug, thöricht, frey, furchtsam, starck, lang oder klein,

Sie seyn, wie sie wollen, ich finde mich drein.


Ich gönne ja jedem sein eigen Ergözen,

Drum last mich zufrieden und gönnt es auch mir.[132]

Denckt jemand zu lieben, der thu es noch hier,

Eh Zeit und Verhängnüß den Scheidebrief sezen.

Die Welt hat nichts Süßers als dies, was man liebt,

Drum leb ich und liebe, so lang es was giebt.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Leipzig 1930, S. 130-133.
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