Lied

[162] Ich habe wohl in jungen Tagen

Mich stark in mir geglaubt und fest

Und keck der Sorgen mich entschlagen,

Sah ich den Vogel baun sein Nest.

Doch kommt die Zeit, wo auch den Sänger

Die Sehnsucht fasset bang und bänger,

Und wo das müde Herz nicht länger

Sich um sein Recht betrügen läßt.


Nun blüht um mich das Land der Reben,

Und Burgen winken überm Rhein;

Mich trägt der Kahn mit leisem Schweben

Das Tal entlang im Abendschein.

Der Festtag ruft mit hellen Geigen

Die Winzer von den Felsensteigen,

Der Becher schäumt, es klingt der Reigen;

Was kümmert's mich? - ich bin allein.


O dürft' ich nicht mehr suchend schweifen

Von Ort zu Ort, ein fremder Gast!

Dürft' ich mein stilles Teil ergreifen,

Mein Teil der Lust, mein Teil der Last!

Schlüg' endlich mir ein Herz entgegen,

Die heißen Schläfe dran zu legen!

Denn nur von innen kommt der Segen,

Und nur die Liebe bringet Rast.

Quelle:
Emanuel Geibel: Werke, Band 1, Leipzig und Wien 1918, S. 162.
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