Die junge Zeit

[265] 1847.


Wohl schwillt mir hoch die Brust mit raschem Klopfen,

Seh' ich, im Angesicht des Schweißes Tropfen,

Die junge Zeit, wie sie gewaltsam ringt,

Wie sie, zu stetem Werk geschürzt die Lenden,

Ein neuer Herkules, mit Kinderhänden

Das Ungeheure schon vollbringt.


In tausend Schmieden bei der Essen Brande

Gießt sie das Erz und schweißt in Eisenbande

Die weiten Länder, die ihr untertan;

Vom müden Saumroß, das sich wund getragen,

Nimmt sie das Joch und schirrt vor ihrem Wagen

Den Dampf, den wilden Riesen, an.


Durch Felsenschachte wühlt sie ihm die Gänge

Gewölbt und fest, daß in der düstern Enge

Des Schlotes Feuer rot wie Fackeln sprühn;

Sie schlägt ihm übers Tal mit Strom und Weilern

Wie einen Aquädukt auf hundert Pfeilern

Von Berg zu Berg die Brücke kühn.


Im Schiff, das keck entgegen jedem Winde

Ihr Dämon treibt, durchfliegt sie pfeilgeschwinde

Zum fremden Küstenland die salz'ge Bahn;

Stolz flattert wie ein Busch von schwarzen Federn

Der Rauch am Mast, und grollend in den Rädern

Knirscht der bezwungne Ozean.


Des frost'gen Nords, des heißen Südens Sterne

Schlingt sie zum Kranz, schon gibt es keine Ferne;

Vorm Hammerschlage ihrer mächt'gen Hand,[265]

Wie einst vor Israels Posaunenschalle

Die Mauern Jerichos, zerbarst im Falle

Des Raumes eh'rne Scheidewand.


Und sieh, nun braust es her auf tausend Wegen,

Was nie sich schaute, tritt sich keck entgegen,

Bunt sind die Trachten, das Gedräng' ist dicht -

Der Bergschütz grüßt den Reitersmann im Panzer,

Der deutsche Bauer schaut dem Steppenpflanzer

Ins tiefgebräunte Angesicht.


O welch ein endlos Wühlen, welch ein Rauschen!

O welch ein Markt, welch Hinundwiedertauschen

Von Schätzen, wie sie jede Zon' erzieht!

Jeder ist Kaufmann, und mit ew'gem Schwanken

Von Mann zu Mann gehn Waren und Gedanken,

Des Juden Gold, des Sängers Lied.


Der tote Buchstab' weicht lebend'ger Rede,

Gekämpft wird Blick in Blick der Geister Fehde,

Und wieder schließt sich Hand in Hand der Bund;

Frohlockend spürt der Stamm im Bruderstamme

Sein eigen Blut, es schwebt wie eine Flamme

Der Freiheit Wort auf jedem Mund.


Glückauf, und magst du's stets im Herzen tragen

Bei deiner Hast, bei deinem Mühn und Wagen!

Glückauf, Glückauf, du junge Zeit von Erz!

Und doch - muß ich so ganz versenkt dich schauen

In Stoff und Wucht - beschleicht mit leisem Grauen

Mir oftmals eine Furcht das Herz:


Du möchtest einst im Rauche deiner Essen,

Im Trotze deines Riesenwerks vergessen,

Daß droben einer sitzt auf ew'gem Thron,

So lang vergessen, bis er in Gewittern

Herabsteigt, was du bautest, zu zersplittern

Wie jenen Turm von Babylon.

Quelle:
Emanuel Geibel: Werke, Band 1, Leipzig und Wien 1918, S. 265-266.
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