Der süße Traum

[73] Mit Träumen, die uns schön betrügen,

Erfreut den Timon einst die Nacht;

Im Schlaf erlebt er das Vergnügen,

An das er wachend kaum gedacht.

Er sieht, aus seines Bettes Mitte

Steigt schnell ein großer Schatz herauf;

Und schnell baut er aus seiner Hütte

Im Schlafe schon ein Lustschloß auf.

Sein Vorsaal wimmelt von Klienten,

Und, unbekleidet am Kamin,

Läßt er, die ihn vordem kaum nennten,

In Ehrfurcht itzt auf sich verziehn.

Die Schöne, die ihn oft im Wachen

Durch ihre Sprödigkeit betrübt,

Muß Timons Glück vollkommen machen;

Denn träumend sieht er sich geliebt.

Er sieht von Doris sich umfangen

Und ruft, als dies ihm träumt, vergnügt;

Er lallt: »O Doris, mein Verlangen!

Hat Timon endlich dich besiegt?«


Sein Schlafgeselle hört ihn lallen;

Er hört, daß ihn ein Traum verführt,

Und tut ihm liebreich den Gefallen

Und macht, daß sich sein Traum verliert.

»Freund«, ruft er, »laß dich nicht betrügen,

Es ist ein Traum, ermuntre dich!«

»O böser Freund! um welch Vergnügen«,

Klagt Timon ängstlich, »bringst du mich!

Du machest, daß mein Traum verschwindet;

Warum entziehst du mir die Lust?[73]

Genug, ich hielt sie für gegründet,

Weil ich den Irrtum nicht gewußt.«


Oft quält ihr uns, ihr Wahrheitsfreunde,

Mit eurer Dienstbeflissenheit;

Oft seid ihr unsrer Ruhe Feinde,

Indem ihr unsre Lehrer seid.

Wer heißt euch uns den Irrtum rauben,

Den unser Herz mit Lust besitzt,

Und der, so heftig wir ihn glauben,

Uns dennoch minder schad't als nützt?

Der wird die halbe Welt bekriegen,

Wer allen Wahn der Welt entzieht.

Die meisten Arten von Vergnügen

Entstehen, weil man dunkel sieht.

Was denkt der Held bei seinen Schlachten?

Er denkt, er sei der größte Held.

Gönnt ihm die Lust, sich hochzuachten,

Damit ihm nicht der Mut entfällt.

Geht, fragt: Was denkt wohl Adelheide?

Sie denkt, mein Mann liebt mich getreu.

Sie irrt; doch gönnt ihr ihre Freude

Und laßt das arme Weib dabei.

Was glaubt der Eh'mann von Lisetten?

Er glaubt, daß sie die Keuschheit ist.

Er irrt; ich wollte selber wetten;

Doch schweigt, wenn ihr es besser wißt.

Was denkt der Philosoph im Schreiben?

Mich liest der Hof, mich ehrt die Stadt!

Er irrt; doch laßt ihn irrig bleiben,

Damit er Lust zum Denken hat.

Durchsucht der Menschen ganzes Leben,

Was treibt zu großen Taten an?

Was pflegt uns Ruh' und Trost zu geben?

Sehr oft ein Traum, ein süßer Wahn.

Genug, daß wir dabei empfinden!

Es sei auch tausendmal ein Schein!

Sollt' aller Irrtum ganz verschwinden,

So wär' es schlimm, ein Mensch zu sein.[74]

Quelle:
Christian Fürchtegott Gellert: Werke, Band 1, Frankfurt a.M. 1979, S. 73-75.
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