Variationen zum Leierkasten

[154] Guter Mond, du gehst so stille

Ueber Deutschlands Fluren hin

Vetter Michel rückt die Spille,

Greift sein Weibchen unter's Kinn;

Nimmt das Amtsblatt, streckt die Glieder

Und spricht gähnend: 's ist schon Zehn

Morgen kochst du Klöße wieder;

Laß' uns jetzt zu Bette gehn.


Guter Mond, du gehst so stille

Ueber Deutschlands Fluren hin![155]

Doctor Bos legt ab die Brille,

Denkt des Tages Hochgewinn;

Einer Ode von Horazen

Gab er neuen Commentar;

Froh bringt er, nach den Strapatzen,

Morpheus nun sein Opfer dar.


Guter Mond, du gehst so stille

Ueber Deutschlands Fluren hin!

Vor der alten Hauspostille

Sitzt die fromme Kupplerin;

Von Theater-Liebsgeschichtchen

Kehret heim der Intendant;

Drüben ist das Dreierlichtchen

Beim Studenten abgebrannt.


Guter Mond, du gehst so stille

Ueber Deutschlands Fluren hin![156]

Des Ministers letzter Wille

Zeugt von höchst loyalem Sinn:

Hundert Schriften sind verboten,

Sagt das neue Abendblatt;

Auch find't künftighin bei Todten

Nur censirtes Reden Statt.


Guter Mond, du gehst so stille

Ueber Deutschlands Fluren hin!

Seine Durchlaucht liest Pasquille

Auf Höchst Ihre Buhlerin;

Dafür macht er null und nichtig,

Was die Stände woll'n und thun;

Denkt noch der Parade flüchtig,

Und geruhet dann zu ruhn.


Guter Mond, du gehst sehr stille

Ueber's stille Deutschland hin![157]

Zirpen hört man schon die Grille;

Stumm ist jeder Lebenssinn.

Selbst die Orgeltöne rasten,

Weil ihr Herr nicht drehen will,

Und der deutsche Leierkasten

Steht auf ein'ge Stunden still.

Quelle:
Adolf Glassbrenner: Verbotene Lieder, Bern 1844, S. 154-158.
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