1779

[1] 4/770.

An Charlotte von Stein

Friz hat mich vor vieren geweckt und das neue Jahr herbey gegäckelt. Auch ein glücklichs neues Jahr liebste, und Zuckerbrodt. Friz will wieder fort. Wollen Sie mich heut zu Tische? [1. Januar] 79.

G.


4/771.

An Charlotte von Stein

Mit dem aufgehenden Mond hab ich mein ganz Revier umgangen. Es friert starck. Einige Anblicke waren ganz unendlich schön, ich wünschte sie Ihnen vors Fenster. Schicken Sie mir den leeren Rahm wo der geschnizte goldne Stab dran ist. er passt auch über das Stückgen von Oberweimar. Adieu liebe.

d. 2. Jan. 79.

G.


4/772.

An Charlotte von Stein

[3. Januar.?]

Noch einen guten Morgen und Ade! Gestern Nacht wars herrlich um's dampfende Wasser im Mondschein. Heute noch herrlicher nur unendlich kalt. Dencken Sie mein. Addio bestes.

G.


[2] 4/773.

An Johann Friedrich Krafft

Hierbei kommen fünf Louisd'or. Ich bitte Sie indeß, Geduld zu haben; kann ich mehr für Sie thun, will ich's gerne.

Ich erwarte die Fortsetzung Ihres Lebens, danke für Ihr Vertrauen.

d. 3. Jan. 79.

G.


4/774.

An Charlotte von Stein

Einen guten Morgen von Ihrem stummen Nachbaar. Das Schweigen ist so schön dass ich wünschte es Jahre lang halten zu dürfen. Etwas von meiner Jagd kommt mit, und ich heute Mittag wenn Sie mich wollen. d. 9. Jan. 79.

G.


4/775.

An Charlotte von Stein

Dancke lieber Engel für das überschickte. Geben Sie innliegendes an Ernsten. Und guten Tag.

d. 14. Jan. 79.


4/776.

An Charlotte von Stein

[Mitte Januar.]

Ich schicke Ihnen noch ein Frühstück. Dancke lieber Engel für Frizzen. Ich habe viel zu kramen.

G.


[3] 4/777.

An den Herzog Carl August

[Ende Januar.]

Gnädigster Herr,

Nach der Antwort des Königs in Preusen Maj. worinn derselbe solche Gründe hinzulegen glaubt, die Ew. Durchl. bewegen sollen, ihm die verlangte Werbung in Ihren Landen zu gestatten, und es als gewiss anzunehmen scheint, dass man sich mit dem General Möllendorf besprechen und eine Auskunft zu treffen wissen werde, bleibt nach aller Überzeugung nichts übrig, als dass man eine baldige und feste Entschliesung fasse, welchen Theil man ergreiffen und wie man sich auf ein oder die andre Weise betragen wolle? Man hat vorläufig am besten zu seyn geglaubt wenn man beyde unangenehme Seiten gegenwärtiger Lage, natürlich gegen einander stellte, das zwiefache Benehmen wovon man eins zu wählen hat ohnübertrieben hinlegte, und die Folgen eines ieden überdächte, so weit man sie mit einem zwar uneingenommnen, aber freilich immer beschränckten Geiste vorauszusehen im Stande ist.

Gesezt also man fügt sich dem Begehren des Königs, so kan es entweder geschehen wenn man ihm die Werbung erlaubt, oder mit dem General Möllendorf auf eine gewisse Anzahl abzugebender Mannschafft übereinkommt, und auch diese entweder durch die Preusen [4] ausnehmen lässt oder sie selbst ausnimmt und sie ihnen überliefert.

Erwählt man das erste, so werden diese gefährliche Leute sich festsetzen und überall Wurzel fassen, sie werden auf alle Weise die beste iunge Mannschafft an sich zu ziehen suchen, sie werden mit List und heimlicher Gewalt eine grose Anzahl wegnehmen, sie werdens an nichts fehlen lassen selbst die Soldaten Ew. Durchl. untreu zu machen.

Will man mit dem General Möllendorf auf eine gewisse Anzahl übereinkommen, und ihnen etwa selbst überlassen die iunge Mannschafft nach gewissen zu fertigenden Verzeichnissen aus den Ämtern auszuheben, so kan man nicht versichert seyn dass es dabey bleiben wird. Ein und der andre der es merckt wird austreten, sie werden statt dessen nach andern greifen, es werden Händel entstehen, und sie werden davon Anlas nehmen, was man mit ihnen ausgemacht hat zu überschreiten.

Will man endlich sich entschliessen eine Auswahl selbst zu machen und ihnen die Leute auszuliefern; so ist darinn wohl fürs ganze das geringste übel aber doch bleibt auch dieses, ein unangenehmes verhasstest und schaamvolles Geschäfft. Und wahrscheinlich ist man mit allem diesem doch nicht am Ende des Verdrusses. Diese mit Gewalt in fremde Hände gegebne Leute, werden in kurzem desertiren und in ihr Vaterland zurückkehren, die Preußen werden sie wieder fordern, [5] im Fall sie fehlen, austreten oder sich verbergen, an ihrer Stelle andre wegnehmen. Diese Plage wird mit iedem Herbste wiederkommen. Wie sie sich gewiss auch nicht begnügen werden, wenn man ihnen einmal Mannschafft stellt, mit ieden Frühiahr werden sie diese Anforderungen erneuen.

Dagegen wird man von kayserlicher Seite diesen Schritt den man so sehr wider willen gethan gewiss übel aufnehmen. Man wird sie niemals überreden können dass man so nothgedrungen, und so ungern eine solche Entschliesung ergriffen hat. Der alte Verdacht den man gegen die sächsischen Häuser hegt, dass sie wenig Neigung für das Östreichische haben, wird wieder rege werden, und es wird dem kayserlichen Hofe an Gelegenheit nicht fehlen, dem fürstlichen Haus manches unangenehme fühlen zu lassen. Das nächste was zu befürchten steht, ist dass sie gleichfalls Werbung in den fürstlichen Landen einzulegen verlangen, so dass man von beyden Seiten wird gedrängt seyn und die oben hererzählte Verdrüsslichkeiten doppelt, ia dreyfach auszustehen haben wird, weil dieser Theil alsdenn wohl nicht mit Schoonung verfahren mag, die man doch immer von den Preussen wenn man mit ihnen übereinkommen wollte, zu hoffen hätte.

Will man nun um diesem Übel auszuweichen die andre Seite ergreifen, und des Königs Gründen womit er seinen Antrag unterstüzzt kein Gehör geben, so würde man folgende Maasregeln zu ergreifen haben.

[6] Gegenwärtig kan man stille seyn und abwarten, was der General Möllendorf entweder schrifftlich oder durch einen Offizier hierher gelangen lässt, da er auf das lezte an ihn erlassne Schreiben noch eine Antwort schuldig ist. Nach den neusten Nachrichten befindet er sich mit seinem Chor wieder in Böhmen, der Leutnant Reinbaben ist abgegangen und der Leutnant Monteton trifft wohl vor Ende des Monats nicht wieder ein; dadurch scheint man eine kleine Frist zu gewinnen, die man ia wohl zu nuzzen hat.

Zuerst wird man an Hanover, Maynz, Gotha, die übrigen Sächsischen Höfe schreiben, und ihnen vorlegen, dass es Ew. Durchl. bey gegenwärtigen Umständen, Pflicht, Gesinnung und Wunsch sey, Ihre Lande und Unterthanen vor den Beschweerden des benachbaarten Kriegs auf das möglichste zu schüzzen, und an denen öffentlichen Angelegenheiten keinen Theil als gesammt mit den übrigen Ständen des Reichs zu nehmen, Sie seyen es gewiss dass an iedem Hofe eben solche Gesinnungen herschten, und um desto mehr sey es zu bedauern, dass ohnerachtet dieser innerlichen Übereinstimmung man sich bisher nach einem gemeinschafftlichen Plan zu handeln noch nicht habe verstehen können, Durchl. seyen iezzo durch einen Vorgang bewogen mehr als iemals ein näheres Band mit den übrigen Fürsten zu wünschen und eine neue Überlegung der so nothwendigen Vereinigung unter sich zu veranlassen, da man preusischer Seits die Werbung [7] in Ihren Landen neuerdings verlangt habe. So wenig Sie im Falle seyen diese Fordrung wenn sie durchgesezzt werden wollte mit Nachdruck abzuweisen, so sehr wünschten Sie durch eine Verbindung mit wohlgesinnten Mitständen, deren Länder diesen, oder ähnlichen Unannehmlichkeiten ausgesezt seyen, solchen Zumutungen sich standhafft widersezzen zu können.

Dieser Schritt kann auf ieden Fall sogleich gethan werden, man mag sich in der Hauptsache entschliesen zu was man will, und er wird immer eine gute, wenn auch nicht hinreichende Würckung haben. Zu wünschen wär es dass andre glückliche Umstände zusammen träfen die Fürsten des Reichs aus ihrer Untätigkeit zu wecken, und sehr glücklich wär es wenn man durch die Noth gedrungen von hier aus zu einer geschwinderen Vereinigung beygetragen hätte.

Doch wird man mit der Entschliesung in der Hauptsache nicht auf die Antworten zu warten haben, weil man leider menschlicher Weise den Inhalt der eben nicht entscheidend seyn wird voraussehen kann.

Bleibt man also dabey sich dem Könige widersezzen zu wollen, so muss man sich vorbereiten, ehster Tage einen Werbeoffizier mit einem Commando, angemeldet oder unangemeldet erscheinen zu sehen, will man ihm alsdenn und dem Generale der ihn abschickt die Antwort geben: dass man ohnerachtet der königlichen Erklärung die Werbung nicht gestatten werde, und von dem Offizier verlangen dass er sich aus den[8] fürstlichen Landen wegbegebe, so wird man zum Voraus wohl zu überlegen und sich zu entschliesen haben, ob man im Weigerungs Fall ihn arretiren und aus dem Land bringen, und wie weit man mit der Gewalt wenn er sich widersezzen sollte gehen wolle. Solche Dinge die zwar schweer vorher zu bestimmen sind, müssen doch, weil sie vorausgesehen werden können, wohl überlegt werden, weil die augenblicklichen Entschlüsse in solchen Gelegenheiten, selten die Folgen zu Rathe ziehen.

Ist man also entschlossen, sich von dem ersten schwächeren Abgeschickten auf diese Weise zu befreyen, so entsteht die neue Frage was man thun will, oder vielmehr thun muss wenn sie mit verstärckter Gewalt wieder kommen.

Zwar lässt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit vermuthen, dass die Preusen selbst es zu einem öffentlichen unangenehmen Ausbruch nicht werden kommen lassen, und wenn sie Standhafftigkeit sehen, sich begnügen in der Stille zu necken, und hier und da einigen Abbruch zu thun. Doch kan es auch seyn dass der König durch den gegenwärtigen Mangel an Leuten gedrängt, über die Achtung hinausgeht, die er gern zu seinem eignen Vorteil für die Fürsten bezeigte. Da er wohl weis dass theils alle diese Sachen wenn sie zur Sprache kommen sich beschönigen lassen, theils auch dass solche Beschwerden unter dem Lärm des Kriegs, und unter den übrigen weit wichtigern, [9] mehrere Theilnehmer angehenden Vorfällen, sich verlieren.

Wäre dieses, so würde er seinen hinausgeschafften Werber mit verstärckter Macht wieder herein führen, man würde Truppen gleichsam auf Exekution hier und da einquartieren, die alsdenn auf Unkosten des Landes unterhalten werden müssten. Bey der Unordnung die solch ein Trupp verursacht, und unter seinem Schuzze würden alle Übel der Werbung sich gehäuft ausbreiten, und die Rache die dazu käme, würde alle Mäsigung aufheben, und alle Übereinkunft abweisen. Sie würden alsdenn mit offenbaarer Gewalt, brauchbaare, verheurathete, angesessene Leute mit wegnehmen, man würde den Unterthan vor Prellereyen und Bevortheilungen nicht schüzzen können.

Was alsdenn übrig bliebe, wäre, den sich an Reichstag zu wenden, woher man sich aber bey gegenwärtigen Umständen nur eine leere Theilnehmung zu versehen hätte, indess man durch die dringenden und bittren Beschweerden das gute Verhältniss zum königlich Preusischen Hause leicht gestört haben könnte.


4/778.

An Jean Antoine de Castrop

P. P.

Aus beygehender Copia gnädigsten Rescripts werden der Herr Hauptmann ersehen, was für eine Einrichtung [10] beym Wegbau Serenissimus für die Zukunft zu treffen geruhet. Ich erwarte also die vorläufig mir ausgebetene Verzeichnisse mit Verlangen und wünsche Sie morgen früh bey mir zu sehn, um über das nothwendigste uns besprechen zu können.

Weimar den 1. Februar 1779.

Goethe.


4/779.

An Charlotte von Stein

Sehen Sie das Portrait des Menschen der wenn er bey uns wäre verlangen würde, dass Sie ihn lieber haben sollten als mich. Die Wittrung von Frühlingslufft hat mich heut früh recht lebendig gemocht, ich bin im Garten herumgesprungen, meine Bäume besehen, habe mich der Zeiten erinnert da ich sie pflanzte und wie nun die gewünschten und gehofften Zeiten da sind, wo sie gedeyen, gefühlt. Gebe uns der Himel den Genuss davon, und stäube allen Ackten und Hofstaub um uns weg. Adieu liebste. Ich möchte gern heut nicht mit Ihnen essen, es wird aber doch wohl nicht anders werden. d. 2. Febr. 1779.

G.


4/780.

An Charlotte von Stein

Gute Nacht allerliebste. Ich muss mich wieder an meine Wohnung gewöhnen. Eigentlich käm ich [11] lieber zu Ihnen. Schicken Sie mir ein bisgen zu Essen. d. 8. Febr. 79.

G.


4/781.

An Charlotte von Stein

Mit einer guten Nacht, schick ich noch zwey aufkeimende Blumen. Von unserm Morgen werden Ihnen die Gras und Wasser Affen erzählt haben. Den ganzen Tag brüt ich über Iphigenien dass mir der Kopf ganz wüst ist, ob ich gleich zur schönen Vorbereitung lezte Nacht 10 Stunden geschlafen habe.

So ganz ohne Sammlung, nur den einen Fus im Steigriemen des Dichter Hippogryphs, wills sehr schweer seyn etwas zu bringen das nicht ganz mit Glanzleinwand Lumpen gekleidet sey. Gute Nacht Liebste. Musick hab ich mir kommen lassen die Seele zu lindern und die Geister zu entbinden. d. 14. Febr.

G.


4/782.

An Jakob Friedrich von Fritsch

Da ich den ohnzielsezlichen Vorschlag wegen der Auslesung Serenissimo vorlegte, haben dieselben mich hierzubleiben befehligt. Sie wollen hoffen dass Boigt in iezziger Crise sich der Gnade die Sie für ihn tragen nicht ganz unwürdig machen werde, haben mir auch aufgetragen ihn deswegen zu verwarnen. Es bleibt [12] mir also nichts übrig als nach dem Befehl heute die nötigen Einrichtungen zu treffen. W. d. 20. Febr. 1779.

G.


4/783.

An Charlotte von Stein

Meine Seele löst sich nach und nach durch die lieblichen Töne aus den Banden der Protokolle und Ackten. Ein Quatro neben in der grünen Stube, sizz ich und rufe die fernen Gestalten leise herüber. Eine Scene soll sich heut absondern denck ich, drum komm ich schwerlich. Gute Nacht. Einen gar guten Brief von meiner Mutter hab ich kriegt. d. 22. F. Abend.

G.


4/784.

An Charlotte von Stein

[Ende Februar.]

Das mir zugedachte Abendbrod hab ich in Ihrer Stube verzehrt, hab auch an meiner Iph. einiges geschrieben, und hoffe immer mehr damit zu Stande zu kommen. Gute Nacht. Liebste.

G.


4/785.

An Charlotte von Stein

Mit meiner Menschenglauberey bin ich hier fertig und haben mit den alten Soldaten gegessen, und von[13] vorigen Zeiten reden hören. Mein Stück rückt. Lassen Sie mich hören dass Sie wohl sind und mich lieb haben. Der Herzog weis wo ich ieden Tag bin. Grüßen Sie ihn. Adieu. Jena d. 1. März 1779.

G.


4/786.

An Charlotte von Stein

Dornburg d. 2. März. Wenn ich an ein Ort komme wo ich mit Ihnen gewesen bin, oder wo ich weis dass Sie waren, ist mir's immer viel lieber. Heut hab ich im Paradiese an Sie gedacht, dass Sie drinn herumgingen eh Sie mich kannten. Es ist mir fast unangenehm dass eine Zeit war wo Sie mich nicht kannten, und nicht liebten. Wenn ich wieder auf die Erde komme will ich die Götter bitten dass ich nur einmal liebe, und wenn Sie nicht so feind dieser Welt wären, wollt ich um Sie bitten zu dieser lieben Gefährtinn. Noch etwas hätten Sie mir mit geben können, einen Talisman mehr, denn ich habe wohl allerley und doch nicht genug. Wenn Sie ein Misel wären hätt ich Sie gebeten das Westgen erst einmal eine Nacht anzuziehn und es so zu transsubstantiiren, wie Sie aber eine weise Frau sind muss ich mit dem Calvinischen Sakrament vorlieb nehmen.

Knebeln können Sie sagen dass das Stück sich formt, und Glieder kriegt. Morgen hab ich die Auslesung, dann will ich mich in das neue Schloss [14] sperren und einige Tage an meinen Figuren posseln. Am 5ten treff ich in Apolda ein, da verlang ich aber einen Boten von Ihnen zu finden, und viel geschriebnes, und sonst allerley Sachen.

Jetzt leb ich mit den Menschen dieser Welt, und esse und trincke spase auch wohl mit ihnen, spüre sie aber kaum, denn mein inneres Leben geht unverrücklich seinen Gang.

Indem ich das Blat umwende bedenck ich dass ich Ihnen diesen Brief gleich schicken, und morgen um diese Zeit schon Antwort von Ihnen haben kan. Wenn sie einigermassen können schreiben Sie mir Biel. Grüsen Sie den Herzog. Adieu Liebste. Schreiben Sie mir dass Sie wohl sind. Adieu.

Abends halb neune.

G.


Nach Apolda erwart ich eben auch einen Brief von Ihnen.


4/787.

An Philipp Seidel

Der Bote muß warten bis du von der Frau v. Stein Antwort kriegst, sollte etwas vorgefallen seyn so melde mirs und schicke ein Packet das von Gera gekommen ist zugleich mit. Dornburg d. 2. März.

G.


[15] 4/788.

An Charlotte von Stein

Dornb. d. 4ten März 79.

Auf meinem Schlössgen ist's mir sehr wohl, ich habe recht dem alten Ernst August gedanckt dass durch seine Veranstaltung an dem schönsten Plaz, auf dem bösten Felsen eine warme gute Stäte zubereitet ist.

Wenn nur die Fürsten seyn könnten wie Bürger wo doch einer des Vaters Gartenhäuser wenn er einigermassen kan in Baulichem Wesen erhält. Doch ist's wohl in allen Ständen so dass unsre Wünsche uns hin und her schleudern, wir was wir besizzen drüber verschleudern, und nicht eh achten lernen bis es fort ist.

Die Tage sind sehr schön, die Gegend immer allerliebst. Wenns grün wird wollen wir mit Herders hin.

Mit denen Leuten leb ich, red ich, und lass mir erzählen. Wie anders sieht auf dem Plazze aus was geschieht als wenn es durch die Filtrir Trichter der Expeditionen eine Weile läufft. Es gehn mir wieder viele Lichter auf, aber nur die mir das Leben lieb machen. Es ist so schön dass alles so anders ist als sich's ein Mensch dencken kan. Noch hab ich Hoffnung dass wenn ich d. 11ten oder 12ten nach Hause komme mein Stück fertig seyn soll. Es wird immer [16] nur Skizze, wir wollen dann sehn was wir ihm für Farben auflegen.

Um die Einsamkeit ists eine schöne Sache wenn man mit sich selbst in Frieden lebt, und was bestimmtes zu thun hat.


4/789.

An Carl Ludwig von Knebel

Ehrlicher alter Herr König ich muss dir gestehen dass ich als ambulirender Poeta sehr geschunden bin, und hätt ich die paar schönen Tage in dem ruhigen und überlieblichen Dornburger Schlössgen nicht gehabt so wäre das Ey halb angebrütet verfault.

Denn von hier an seh ich keine gute Hoffnung, vielleicht in Alstädt! Doch sind die guten Geister offt zu Hause wo man sie nicht vermuthet. Hier machen mich den ganzen Abend ein paar Hunde toll, die ich mit Befehlen und Trinckgeldern nicht stillen kan.

Lass etwas von dir hören. Montags den 8ten bin ich in Buttstädt, sag es der Stein vielleicht giebt sie was mit, dahin schick mir etwa einen Boten mit irgend einer Narrensposse, dass meine Seele ergözt werde. Dafür bring ich euch auch was mit dass der König und die Königinn sagen sollen mein liebes Löwgen brülle noch einmal.

Apolde d. 5ten [März] Abends.

G.


[17] 4/790.

An Charlotte von Stein

Apolda d. 5. [März] Abends. Sie haben sehr wohlgethan mir ein Briefgen hier einzulegen, denn ich hatte mir unterweegs vorgenommen böse zu werden wenn ich nichts von Ihnen anträfe. Ihr Bote ist schon wieder fort. Mein Coffre ist noch nicht ausgepackt drum schreib ich auf ein ander Blätgen.

Besser hätt ich gethan noch heut in Dornburg zu bleiben da wars schön, offen und ruhig. Hier ist ein bös Rest und lärmig, und ich bin aus aller Stimmung. Kinder und Hunde alles lärmt durch einander, und seit zwölf uhr Mittag lass ich mir schon vorerzählen von allen Menschen, eins ins andre, das will auch wieder theils vergessen, theils in sein Fach gelegt seyn. Mir ists auf dieser ganzen Wandrung wie einem der aus einer Stadt kommt wo er aus einem Springbrunnen auf dem Marckte lang getruncken, in den alle Duellen der Gegend geleitet werden, und er kommt endlich spazierend einmal an eine von diesen Quellen an ihrem Ursprung, er kann dem ewig rieselnden Wesen nicht genug zusehn und ergözt sich an denen Kräutern und Kieseln. Meine Gedancken spielen ein schön Conzert, und Gott geb Ihnen einen guten Abend, sagen Sie dem Herzog dass ich mancherley mitbringe, dass sich der Schimmel gut hält, biss aufs scheuen, und dass ich ihm so viel [18] freye Luft und gutes leben wünsche wie mir. Grose Lust hätt ich morgen zu Ihnen hinein zu reiten. Will mich aber halten.

G.


4/791.

An Charlotte von Stein

[Apolda] d. 6 März.

Den ganzen Tag war ich in Versuchung nach Weimar zu kommen, es wäre recht schön gewesen wenn Sie gekommen wären. Aber so ein lebhafft Unternehmen ist nicht im Blute der Menschen die um den Hof wohnen. Grüsen Sie den Herzog und sagen ihm dass ich ihn vorläufig bitte mit den Rekrouten säuberlich zu verfahren wenn sie zur Schule kommen. Kein sonderlich Vergnügen ist bey der Ausnehmung, da die Krüpels gerne dienten und die schönen Leute meist Ehehafften haben wollen.

Doch ist ein Trost, mein Flügelmann von allen (11 Zoll 1 Strich) kommt mit Vergnügen und sein Vater giebt den Seegen dazu.

Hier will das Drama gar nicht fort, es ist verflucht, der König von Tauris soll reden als wenn kein Strumpfwürcker in Apolde hungerte.

Gute Nacht liebes Wesen. Es geht noch eben ein Husar.

G.


[19] 4/792.

An Philipp Seidel

[Apolda, 7. März.]

Ich schicke dir zwey Dukaten zu den Currenten ausgaben das andre mag warten. Hast du denn das Geld von Rath Bertuch gekriegt davon 25 rh. zu Flachs bestimmt waren, und hat der Lynckerische soviel gekostet?

Hast du mir etwas zu melden so gieb es dem Hauptmann Castrop mit der heute d. 7ten oder Morgen früh nach Buttstett. Alsdenn müssen die Sachen liegen weil ich nach Alstedt gehe. D. 11ten bin ich wieder in Weimar.

G.


4/793.

An Charlotte von Stein

Apolda d. 7ten März früh.

Nun entfern ich mich wieder auf meiner Bahn von Ihnen und gehe auf Buttstädt, d. 9ten auf Alstädt und den 11ten wieder zurück. Leben Sie wohl indess, dencken Sie an mich. Hier war gar kein Heil, und eine Scene plagt mich gar sehr, ich dencke wenn's nur einmal angeht, dann rollts wieder hintereinander. Grüsen Sie den Herzog und Steinen. Der Schleusingen auch einen guten Morgen. Ich habe Knebeln geschrieben er soll mir etwas nach Buttstädt schicken. Geben Sie auch was mit.

[20] Lavatern hab ich immer ausgelacht dass er auf seinen Reisen iede Viertelstunde an die seinigen schrieb, und mit ieder Post Briefe und Zettelgen erhielt, worauf eigentlich nichts stund, als dass sie sich wie vor vier Wochen noch immer herzlich liebten.

Und nun könnte man auch lachen.

Adieu lieber Engel.

G.


4/794.

An Charlotte von Stein

Knebel war gar brav dass er kam. Sie kriegen noch einen Brief von mir, der bey Philipp liegen blieb weil ich die Adresse vergessen hatte. Das Wetter ist sehr schön. Adieu lieber Engel. Lassen Sie sich von Knebeln erzählen er wird nicht viel sagen. Morgen geh ich nach Alstädt. [Buttstädt] d. 8. März 1779.

G.


4/795.

An den Herzog Carl August

Buttstädt d. 8. März 79 auf dem Rathhause.

Indess die Pursche gemessen und besichtigt werden will ich Ihnen ein Paar Worte schreiben. Es kommt mir närrisch vor da ich sonst in der Welt alles einzeln zu nehmen und zu besehen pflege, ich nun nach der Phisiognomick des Reinischen Strichmaases alle Junge Pursche des Lands klassifizire. Doch muss ich[21] sagen dass nichts vortheilhaffter ist als in solchem Zeuge zu kramen, von oben herein sieht man alles falsch, und die Dinge gehn so menschlich dass man um was zu nuzzen sich nicht genug im menschlichen Gesichtskreis halten kan.

Übrigens lass ich mir von allerley erzählen, und alsdenn steig ich in meine alte Burg der Poesie und koche an meinem Töchtergen. Bey dieser Gelegenheit seh ich doch auch dass ich diese gute Gabe der himmlischen ein wenig zu kavalier behandle und ich habe würcklich Zeit wieder häuslicher mit meinem Talent zu werden wenn ich ie noch was hervorbringen will.

Nach Weimar wär ich vorgestern gern gekommen, es war mir vor der Zerstreuung bange.

Lassen Sie das kleine menschliche Wesen nur erst ein bissgen herankommen. Die Umstände erziehen alle Menschen, und man mache was man will die verändert man nicht. Lassen Sie's nie an der väterlichen Sorgfalt mangeln dass wirs nur gesund erhalten, bis es eine Menschenstimme vernimmt, werden wir noch manches drüber zu dencken und zu reden veranlasst werden.

Gott gebe uns den äussern und innern Frieden, so wird Ihnen und Ihrem Land noch gut zu helfen seyn.

Ich habe mir allerley gemerckt lustigs und ernsthafftes das ich zu erzählen habe.

[22] Über diesem hat mich Knebel angetroffen der mir hat grosen Spas gemacht.

Leben Sie wohl. Er wird mehr erzählen. Morgen früh geh ich nach Allstädt.

G.


4/796.

An Carl Ludwig von Knebel

[14. März.]

Die Lust die ich diese acht Tage her in Betrachtung und Bildung meines Stücks gehabt habe, ist in ihrem Laufe, durch die Abneigung gehemmt worden, die du mir gestern gegen das Erscheinen auf dem Theater, mit unter hast sehn lassen. Wenn du dich bereden kanst mit mir auch noch dieses Abenteuer zu bestehen, einigen guten Menschen Freude zu machen und einige Hände Salz ins Publikum zu werfen, so will ich muthig ans Werck gehn. Ist aber dein Widerwille unüberwindlich so mag es auch mit andern ernstlicheren Planen und Hoffnungen in die stille Tiefe des Meeres versincken.


4/797.

An Charlotte von Stein

[15. März.]

Gut denn so wird mir ein Weeg gespaart, dafür mein Schimmel unterthänig danckt. Ich esse in Tiefurt und wenn die iunge Frau zu Tisch kommt so erwarten wir die alte zum Gouté. Addio und besten guten Morgen beyden.

G.


[23] 4/798.

An Carl Ludwig von Knebel

Weimar, den 15. März.

Hier sind die drei Akte der Iphigenia; lies sie Herdern und Seckendorfen. Letzterem gieb sie mit unter der Bedingung der Stille.

Nimm doch auch ja den Prinzen Constantin vor, und leg ihm seine Scenen ein bischen aus und steh ihm mit gutem Rathe bei.

Adieu. Ich komme nicht eher von Ilmenau wieder, bis das Stück fertig ist.

G.


4/799.

An Charlotte von Stein

Einen guten Abend geb ich Ihnen durch den alten Hofmechanikus.

Mein Ritt war gut, unterweegs gute Wirthsleute.

Durch eine Dummheit von Philipp kam ich erst nach 10 aus Weimar und konnte Sie doch nicht sehn.

Grüsen Sie Frizzen, und halten Sich gesund und lassen nicht die Ärzte überhand nehmen. Ilmenau, d. 16. März 79.

G.


Eine ganze halbe Stunde hab ich mich noch mit Ihnen unterhalten, kanns aber nicht zu Papier bringen.


[24] 4/800.

An Charlotte von Stein

Den ganzen Tag bin ich in allerley Händeln herumgeschleppt worden, und der Abend ist mir ohne viel dramatisches Glück hingegangen. Nur die wenigen Worte zur Erinnerung, dass Sie nicht ferne werden.

d. 17. März 1779 Ilmenau.

G.


4/801.

An Charlotte von Stein

Da mir Worte immer fehlen Ihnen zu sagen wie lieb ich Sie habe, schick ich Ihnen die schönen Worte und Hieroglyphen der Natur mit denen sie uns andeutet wie lieb sie uns hat.

d. 24. März 1779.

G.


4/802.

An Johann Friedrich Krafft

Diesen Monat bin ich wenig nach Hause gekommen und finde nunmehr Ihren Aufsatz. Ihrer Noth habe ich nicht vergessen. In Ilmenau hab ich mich nach einem Aufenthalt für Sie umgethan und das nothwendige würden Sie daselbst für 100 Thlr. haben, wofür ich mich von Viertel- zu Vierteljahren verbürgen würde; einiges Taschengeld würde sich denn [25] auch finden. Nur muß ich Ihnen aufrichtig wiederholen, zu keinem guten Dienste kann ich Ihnen nicht Hoffnung machen; sollten Sie mir in herrschaftlichen Aufträgen, deren ich in jener Gegend habe, an Hand gehen können; so würde ich im Falle sein, Ihnen auch etwas dafür zu reichen, es wäre eine Erleichterung und ein Anfang. Vielleicht fügt sich etwas weiter. Ihre Wohnung wäre in einem Bürgerhaus, allein Ihr Tisch auswärts bei andern rechtdenkenden braven Leuten, Jedermann würde Ihnen gut begegnen und es wäre wenigstens ein Schritt näher. Denn in Lotterie-Sachen ist wohl schwerlich bei uns zu hoffen. Dabei gesteh ich Ihnen, daß ich wünsche, daß das Wenige, was Sie von mir haben, in des Herzogs Landen verzehrt werde, da ich es von daher nehme.

Hier schick ich das Osterquartal, sehe aber wohl, daß Sie die Zeit her wieder schuldig worden sein werden, und daß es höchstens zur Reise hinreichen mag.

Entschliesen Sie sich bald. Der Vorschlag wird Sie wenigstens der Ruhe näher bringen, wenn er Ihnen auch weiter keine Aussichten giebt, an äußerlicher Achtung und Wartung in Krankheit wird's Ihnen nicht fehlen. Wir hoffen, daß das Bergwerk wieder in Umtrieb kommen soll, vielleicht giebt's dabei etwas zu thun. Um alsdenn empfohlen werden zu können, ist's nothwendig, daß Sie schon einige Zeit im Lande sind. Antworten Sie mir bald, erkundigen [26] Sie sich nach dem Wege. Alsdenn sollen Sie das Nähere von mir hören.

Ihre Schrift über Lottos ist recht sehr gut, sie zeugt von Ihren guten Einsichten und Gesinnungen.

Ich darf Ihnen die Geduld empfehlen, da Sie überzeugt sind, daß ich gern das Mögliche für Sie thue.

Weimar, den 26. März 1779.

G.


4/803.

An Charlotte von Stein

Ob Sie gleich gar nicht artig sind schick ich Ihnen doch zum freundlichen Guten Morgen, eine Blume wie sie der schöne Regen heraus gelockt hat. d. 10. Apr. 1779.

G.


4/804.

An Charlotte von Stein

Deine Grüse hab' ich wohl erhalten

Liebe lebt iezt in tausend Gestalten,

Giebt der Blume Farb und Duft

Jeden Morgen durchzieht sie die Lufft,

Tag und Nacht spielt sie auf Wiesen in Hainen,

Mir will sie offt zu herrlich erscheinen,

Neues bringt sie täglich hervor

Leben summt uns die Biene ins Ohr

Bleib ruf ich offt Frühling man küsset dich kaum

Engel so fliehst du wie ein schwankender Traum

[27] Immer wollen wir dich ehren und schäzzen,

So uns an dir wie am Himmel ergözzen.

d. 19. Apr. 1779.

G.


4/805.

An Charlotte von Stein

Soll mans gut oder bös deuten wenn man die kindischten Empfindungen nicht los werden kan. Ich gönne und wünsche Ihnen immer Freude, und dass Sie eine kleine Lust ohne mich geniessen macht mir einen Tag üblen Humor. Dass so viel selbstisches in der Liebe ist und doch was wär sie ohne das. Ich habe mich in die Büsche an der Strase versteckt um Sie herein fahren zu sehen, um wenige Minuten hätt ich ganz nah bey Ihnen verborgen stehen können, ich kam zu spät und musste in der Ferne bleiben. Wenn sie mit mir wäre dacht ich genösse sie des schönen Abends der über alles schön ist, nun fährt sie im Staub hinein. Doch weis ich dass Sie sich mein Andenken nicht aus der Seele rasseln noch musiciren lassen. Dass ich so viel schreibe ist wohl ein Zeichen dass mir nicht wohl ist. Adieu liebstes Herz. Ich schicke Ihnen das verlangte. Kommen Sie morgen ia in Garten. d. 20. Apr. 1779.

G.


[28] 4/806.

An Charlotte von Stein

Noch einen guten Morgen. Der Tag kommt nach dem wenigen Regen unendlich schön, das Grün wird satter und die Gegend treibt sich in die Fülle. Ein recht willkommner Anblick dem der mit Gedancken aufwacht an das was er liebt. Adieu liebste.

d. 21. Apr. 1779.

G.


4/807.

An Charlotte von Stein

[Jena, 22.? April.]

Nur ein Wort auf dies Papier und das alte, dass ich Sie liebe, und Sonnabends früh wiederkomme. Wenn Sie unten umgehen, bin ich bey Ihnen. Wir sind überall herumgezogen und Herber ists nicht wohl in dieser Lufft geworden.

G.


4/808.

An Charlotte von Stein

Erst wollt ich noch zu Ihnen, nun heist mich das Wetter häuslich seyn am Caminfeuer drück ich mich und höre dem Sausen zu und dem spizzen Regen. Wenn Sie da wären liesse sich's schön schwäzzen.

d. 24. Apr. 1779.

G.


[356] 4/808a.

An den Herzog Carl August

P. P.

Ew. pp. haben mittelst gnädigsten Rescripts vom 19. Januar des jetztlaufenden Jahres mir die Direction des hiesigen Land-Straßen-Baues, so wie solcher in vorigen Zeiten Höchstdero Cammer Praesident von Kalb über sich gehabt, und nachhero die Aufsicht über das hiesige Stadt-Pflaster Bauwesen und der um die Stadt gehenden Promenaden zu übertragen, huldreichst geruht.

Durch dieses in mich gesezte gnädigste Vertrauen von dem ohnbegrenztesten Eyfer belebet, habe ich, um den Befehlen Ew. pp. überall die schuldigste Folge leisten zu können, von dem dermahligen Bestand der Straßen-Bau-Casse erforderliche Erkundigung eingezogen, solchen aber, der aus dieser, wegen in vorigen Jahren geschehenen Baue und Besserungen, gegangenen Vorschüsse halber für dieses Jahr von sehr geringer Erheblichkeit befunden.

Wegen zweckmäßiger Verwendung nur bemerckter Casse bleibenden Gelder habe ich nun, mit Zuziehung des Ingenieurs und Artillerie Hauptmanns de Castrop diejenige Disposition, welche Ew. p. ich hierdurch im Anschluß unterthänigst überreiche, getroffen.

Aus solchen wird Höchstdenenselben gehorsamst vorgetragen werden können, wie daß die Haupt- und allzusehr ins Geld gehende Reparaturen vorerst noch ausgesezt zu lassen und in diesem Jahre nur die geringere, [357] nicht allzuviel betragende höchstnöthige Besserungen um deswillen vorzunehmen seyn werden, weil nach Abzug des gedachten Vorschusses und der jährlichen ordinairen Posten das sehr mäßige Quantum von 1555 Rthlr. 9 gr. 11 Pf. zu Unterhaltung sämtlicher Heer-Gleits-Straßen übrig bleibt, mithin auf jede einzelne Straße nur ein sehr weniges verwendet werden kann.

Ew. pp. höchsten Entschließung und huldreichster Genehmigung unterwerfe ich jedoch alles dieses in demjenigen Gehorsam, in dessen Gefolg ich nach Ablauf des Jahres schuldigst nicht verfehlen werde, eine Bilance von den vorgenommenen Straßen-Bau, und Reparaturen nebst einer Specification derjenigen Stücke, wohin die aufgegangene Kosten verwendet worden, nicht minder anderweites Verzeichniß von denen Land Straßen und Brücken die im folgenden Jahre durch neue Besserung in Stand zu sezen und was nach Beschaffenheit der Umstände und des Cassen Etats neu zu bauen seyn möchte, in tiefster Ehrfurcht vorzulegen.

Geruhen doch übrigens Ew. p. die devoteste Versicherung von mir anzunehmen, daß auch bey dieser mir gnädigst übertragenen Incumbenz Höchsderoselben höchstes Interesse ich überall nach allen meinen Kräfften zu befördern, und dadurch diejenige ohnverbrüchlichste Treue zu bewähren suchen werde, mit welcher ich zu ersterben die Gnade habe

Ew. pp.

Weimar d. [25.] Aprill 1779.


[358] 4/808b.

An Jean Antoine de Castrop

Die Esplanade wird nicht allein in den Hauptgängen sehr verfahren sondern sie wenden sogar durch den Rasen und fahren die Pfäle um. Sehen Sie es doch an, lassen die Pfäle wieder sezzen und sagen mir ihre Gedancken.

G.


[29] 4/809.

An C. L. A. von Scholley

P. P.

Wie sehr wünscht ich dass Ew. Hochwohlgeb. schon auf mein erstes voriähriges Schreiben die Hindernisse angezeigt hätten die der Befriedigung des Herrn von Salis und der Auszahlung des Legates an mich nach Ihren Gedanken im Weege stehn, so würde wohl diese Sache gegenwärtig ein erwünschtes Ende erreicht haben. Erlauben Sie dass ich zu Bestimmung und Berichtigung der Begriffe hierin einige bekannte Umstände nochmals wiederhole.

Als mein seeliger Freund den Peter im Baumgarten seiner damals noch lebenden Mutter abnahm, war es sein Vorsaz und Versprechen dem Knaben eine gute Erziehung zu geben und ihn in den Stand zu sezen sein Brod zu verdienen und mit wohlgebrauchten Fähigkeiten sein Glük in der Welt zu machen. Er that ihn deswegen zuerst nach Marschlins und übergab ihn der Fürsorge des Herrn von Salis dem er eine iährliche Pension dafür zu zahlen versprach.

Als er darauf Europa verlies war es seine Sorge dass nach seinem Tode den er sich immer vermuthete das bei dem Knaben angefangene nicht verlohren gehn und er wieder in die weite Welt gestossen werden möge. Er suchte also den Herrn von Salis auch für die Zukunft in Sicherheit zu sezen, und bat seine[30] hinterbleibende Schwestern diesem Pflegevater des Knabens zwei tausend Thaler nach Abzug der ersten Pension auszuzahlen die auf dessen Erziehung verwendet werden sollten.

Die Schwestern meines seeligen Freundes waren grosmütig genug, den lezten Willen, der sie rechtlich nicht verband ohne Schwierigkeit anzuerkennen und Petern im Baumgarten das Legat zuzugestehen. Wäre dieser Knabe bei dem Herrn v. Salis in Marschlins geblieben so war nach der ausdrüklichen Intention des Verstorbenen diesem Manne zu Erleichterung der Erziehungslast als dem eigentlichen Vormunde und nicht etwa den noch lebenden Eltern gedachtes Legat, auszuzahlen, und dieser hatte, nicht aber die Eltern oder sonst iemand anders aller übrigen Ansprüche zu entsagen, und eine gültige Quittung auszustellen. Der Umstand ist in nichts verändert als dass ich nach verschiedenen Schiksalen diesen Knaben aufgenommen habe. Der Herr v. Salis begnügt sich also mit dem was der Knabe ihm schuldig geworden und weisst Ew. Hochwohlgeb. mit der Auszahlung des übrigen Legates wohlbedächtlich an mich.

Aus Liebe zu meinem seeligen Freunde der mir vor seiner Abreise diesen Knaben so oft und dringend empfohlen als wenn er hätte voraus ahnden können wie es dem Kinde nach seinem Tode ohnerachtet seiner zärtlichen Vorsorge gehen würde nahm ich ihn vor zwei Jahren zu mir und sorgte so viel mir die Umstände [31] erlaubten in meinem Hause selbst für ihn. Auf ausdrükliche Versicherung der Frau v. Lindau zu Woumnen Ew. Hochwohlgeb. selbst, dass das Legat baldigst an mich ausgezahlt werden sollte, wendete ich zunehmend mehr an ihn. Ich habe diese Zeit her ihn in allem erhalten, die nöthige Lehrmeisters bezahlt ihn etlichemal gekleidet und da er iezo in Ilmenau die Jägerei erlernt bin ich vierteliährig in dem Fall immer wachsende Rechnungen für ihn zu bezahlen.

Dies alles hab ich vorschussweise aus meinem Beutel gethan. Von den übrigen Freunden des seeligen Lindau, denen er den Knaben auch mit empfohlen hatte, die sich zu einer Zubusse willig erklärten, konnte ich nichts annehmen, weil ich es vor unschiklich hielt, dass der Liebling meines Freundes vor den er selbst gesorgt hatte von der Gnade anderer leben sollte. Wer ist also des Knaben Vormund wenn ichs nicht bin? Der Herr v. Salis erkennt mich als seinen Nachfolger und weisst die Auszahlung des Legats an mich. Ich habe auf alle Weise den Willen meines seeligen Freundes erfüllt und es ist nicht abzusehen wie dessen entfernte Mutter nur irgend in dieses Geschäfte mit gezogen werden könnte.

Indessen verarg' ich Ew. Hochwohlgeb. nicht dass Sie so sicher als möglich dieses Geschäft zu beendigen wünschen. Deswegen hab ich von meiner Seite einen hiesigen treflichen Rechtsgelehrten um seine Meinung gefragt welche Sie aus beigehendem Promemoria einsehen [32] werden. Ich bitte ein gleiches auch von Ihrer Seite zu thun und ich zweifle ob iemand anders aussprechen wird, als dass an mich die quäst. Gelder auszuzahlen seien und eine von mir ausgestellte Quittung darüber zur Sicherheit Ew. Hochwohlgeb. und der Schwestern des Erblassers völlig hinreiche.

Der lezte in dem Promemoria gethane Vorschlag, dass ich mich oder einen andern bei hiesiger fürstlicher Regierung als Vormund solle bestellen lassen, ist mir zwar unangenehm, indem es sich nicht ganz ziemen will, dass ich wegen der kleinen auszugebenden Summen iährlich genöthigt seie diesem Collegio Rechnung abzulegen doch bin ich auch bereit wenn es erfordert wird auch diesen Weeg einzuschlagen so sehr der bisherige Treu und Glaube womit ich auf die Bitte meines seeligen Freunds und auf Ew. Hochwohlgeb. erste unbestimmte Versicherung mich diesem Geschäft unterzogen mir ein uneingeschränktes Zutrauen für die Zukunft erweken sollten. Ich habe seit den ersten Monaten was ich für diesen Knaben baar ausgelegt aufgezeichnet und werde damit fortfahren, ich mag nun solche Rechnung iährlich einem Gerichte, oder dem Knaben selbst in reifern Jahren vorzulegen haben.

Es falle Ew. Hochwohlgeb. Entschliessung aus wohin sie wolle so bitte ich um baldigste Antwort damit nicht der Knabe wider des seeligen Lindaus und seiner edlen Schwestern Willen und meinen ernstlichen Vorsaz in seinen besten Jahren behindert werde. Denn [33] ob ich ihm gleich wie bisher am nothwendigen nichts werde fehlen lassen so bin ich doch genöthigt mit manchem nüzlichen zurükzuhalten.

Mit der völligen Ueberzeugung dass meine gegenwärtige Erklärung iedes Hindernis aus dem Wege räumen wird nenne ich mich mit vollkommenster Hochachtung p.

Ew. Hochwohlgeb.

Weimar d. 26. Apr. 1779.

ganz gehorsamster Diener


4/810.

An Wilhelmine von Beaulieu-Marconnay

Hochwohlgeb. gnädige Frau.

Aus den Beilagen werden Ew. Gnaden ersehen was Herr v. Scholley wegen Peters im Baumgartens, das zu dessen Erziehung von dero seeligem Herrn Bruder meinem Freund ausgesetzte Legat betreffend, neuerdings an mich geschrieben, was ich demselbigen geantwortet und wie ich die Meinung eines Rechtsgelehrten über diesen Fall hinzugefügt.

In gedachten Papieren ist die Sache so weitläufig auseinander gesezt dass ich Hochdieselben mit keiner weitern Ausführung zu beschweeren habe, nur die Bitte füge ich hinzu dass es Ew. Gnaden gefällig sein möge das Ihrige zu endlicher Berichtigung dieses Geschäfts gütigst beizutragen und so den angelegentlichsten [34] Wunsch dero verstorbenen Herrn Bruders meines werthen Freundes wirklich zu erfüllen und die edeln Gesinnungen die Sie in Annahme seines lezten Willens gezeigt auch nunmehro zum Werk zu bringen, der ich mit aller Hochachtung mich unterzeichne.

Ew. Hochwohlgeb.

Weimar d. 26. Apr. 1779.

ganz gehorsamster Diener


4/811.

An Karl Ulysses von Salis

Hochwohlgeb. Hochgeehrtester Herr.

Aus den Beilagen werden Sie ersehen was

a) nach langem Zögern Herr von Schollei zu Malsfeld neuerdings an mich geschrieben, was

b) ich ihm sogleich darauf geantwortet und wie ich

c) die Gedanken eines Rechtsgelehrten dazu gefügt. Auch

d) der Frau von Markonai eine Abschrift dieser Papiere zugeschikt.

Da Sie in der weiten Entfernung wegen dieser unangenehmen Sache doch einigermassen in Verlegenheit sein müssen habe ich es vor meine Schuldigkeit erachtet Ihnen von der gegenwärtigen Lage umständliche Nachricht mitzutheilen. Was für eine Antwort ich erhalte und was weiters vorkommen wird werde ich auch sogleich übersenden. Ich empfehle mich zu [35] gütigem Andenken und unterzeichne mich mit wahrer Hochachtung

Ew. Hochwohlgeb.

Weimar d. [26.] Apr. 1779.

ganz gehorsamster Diener


4/812.

An Johann Gottfried Herder

[Anfang Mai?]

Hier lieber Bruder das Hamanns. Mich dünckt hätte nichts liebers und herrlichers von ihm gelesen. Der Brief au Salomon ist nun ganz ohne gleichen. Seine Briefe kriegst auch.

Hier noch eine Rattenjagd von Lenz, ein Puppenspiel von mir. und ich küss euch Adieu.

Habe noch keinen guten Tag gehabt die Offenbahrung zu lesen. Heut wirds wieder nicht. d.


4/813.

An Charlotte von Stein

Es hat mich verdrossen dass ich von fremden Leuten hören muss dass Sie doch noch nach Gotha gehn, ich habe mich lächerlich gemacht mit der gewissen Behauptung Sie gingen nicht. Weil ich nun nichts auf Sie haben kan wenn ich Sie sehe will ich mich verstecken und Sie nicht sehn und Picks haben bis Sie wiederkommen. [36] Reisen Sie indessen glücklich, und seyn Sie vergnügt und grüsen Sie Steinen.

d. 7. May 79.

G.


Ich seh Sie wohl auf dem Paradeplaz iezzo mit der Herzogin stehn aber ich will doch nicht hinauf gehn.


4/814.

An Charlotte von Stein

Von Ihnen kan ich doch nicht wegbleiben. Vergebens dass ich dencke das Wasser soll einen Fall irgend wohin nehmen, werd ich immer wie ein Kloz auf dem See auf einem Fleck herumgespült.

Blumen schick ich Ihnen und einige Früchte. Knebel liest im Pindar, der Herzog wird wegreiten und ich bleiben. Essen Sie meine Spargel und dencken an mich. Adieu. Tiefurt d. 12. May 1779.

G.


4/815.

An Charlotte von Stein

Ihr Frühstück hab ich noch in Tiefurt genossen. Knebel danckt fürs Andencken. Dass Sie's durch mich gegeben haben war auch freundlich, denn ich hätte doch sonst einige Eifersucht gehabt ob ich schon das grösere Herz gekriegt habe. Zu Tische kom ich bald. Hier schick ich indess ein doppelt A. Ich möchte Ihnen iede Stunde was zu geben haben. d. 13. May 1779.

G.


[37] 4/816.

An Charlotte von Stein

Von denen zwey Exemplaren schicken Sie ein's der Waldnern. Da Sie kleine Herzgen durch mich verschencken, ist's billig dass ich Sie zur Austheilerinn meiner geringen Geists Produckte mache. Adieu Liebste. Ich habe das Zeug heute früh durchgeblättert, es dünckt einen sonderbaar wenn man die alt abgelegten Schlangenhäute auf dem weisen Papier aufgezogen findet. d. 14. May 1779.

G.


4/817.

An Johann Friedrich Krafft

Mit dem wenigen Geld, was ich schicken kann, bitt ich zu wirthschaften. Ende Juni will ich gleich Ihnen Wohnung und Tisch Geld schicken und noch etwas dazu. Ich wünsche, daß es Ihnen unter denen Bergen leidlich gehn möge. Bücher will ich schicken, nur bitt ich, da ich sie selbst zusammen borgen muß, sie bald und ordentlich transportweise zurück. Dem Boten hab ich gesagt, er soll bei Ihnen jederzeit anfragen, ob Sie etwas an mich haben. Dem neuen Amtmann, der hinaufkommt, will ich gleich von Ihnen sagen. Hauptmann Castrop weiß nichts mehr von Ihnen als die andern, und von Ihrem Verhältniß [38] zu mir gar nichts; ich sagt ihm nur: Ihre Gelder gingen durch meine Hände und so könnt ich für Logis und Tisch gut sagen. Es ist ein gefälliger dienstfertiger Mann, er wird ehstens zu Ihnen kommen. Er ist Artillerie-Hauptmann und beim Wegebau, und ich habe an ihm, da mir die Direktion des Militar- und Strasen-Wesens übergeben ist, einen fleisigen und braven Mann. Schreiben Sie doch, wenn Sie ruhig sind, mehrere Anekdoten zu Ihrem Leben auf; was Sie in verschiednen Ländern bemerkt haben, gehn Sie sie einzeln durch; es ist auch eine Zerstreuung und mich vergnügts. Der junge Dr. Scherf ist ein geschickter Medikus, es wäre vielleicht nicht übel, wenn Sie ihn gelegentlich konsulirten; wenn Sie wollen,

auch empfehlen lassen.

d. 22. May.

G.


4/818.

An Charlotte von Stein

Wenn ich nur was anders hätte Ihnen zu schicken als Blumen, und immer dieselbigen Blumen. Es ist wie mit der Liebe die ist auch monoton. d. 23. May 1779.

G.


4/819.

An Charlotte von Stein

Noch eine wohlriechende gute Nacht! Selbst kan ich mich nicht mehr aufmachen, ob ich das künftige[39] Wetter vorspüre oder was es ist. Gute Nacht Liebe! Liebste! d. 26. May 1779.

G.


Mein Egmont rückt doch ob ich gleich d. 1. Jun. nicht fertig werde.


4/820.

An Charlotte von Stein

Sie wissen was Sie mir für eine Freude gemacht haben, drum danck ich Ihnen nicht. So ein süses Gericht hofft ich nicht zum Desert.

Wir schwazzen viel, und heut bey Tisch war eine Menge Menschen die Kreuz und Queer schwazzten und mir viel zu dencken gaben. Morgen Abend seh ich Sie wieder. Adieu liebste. Sie auf unsern Weegen vergnügt zu wissen ist mein ganzer Wunsch. und dass Sie mich lieben mögen und mögen mirs gerne zeigen. Denn der Glaube lebt von dem himmlischen Manna der Sakramente. Adieu liebste. Merck ist noch nicht da. [Erfurt] d. 30. May 1779. Nachm. 3 Uhr.

G.


4/821.

An Ernst Josias Friedrich von Stein

[31. Mai.]

Heute muss ich nothwendig reiten. Ist mein Schimmel wieder in leidlichen Umständen? sonst soll mein Philipp zu Rogemann gehn. Wollten Sie mich [40] etwa abholen? und die Tour mitmachen? so mich sehr erfreuen würde.

G.


Allenfalls nähmen wir Herdern mit und ritten auf die Hottelstädter Ecke und nach Ettersburg.

Befehlen Sie nur Philipen wegen des Pferdes und was er thun soll.


4/822.

An Wolfgang Heribert von Dalberg

Hochwohlgeborner Freyherr

Der Innhalt derer mir zugeschickten Papiere war mir ganz neu, ich kan versichern dass von allem was mit Müllern in Rom vorgegangen ist, und was sich etwa davon nach Deutschland verbreitet haben mag, nicht das mindeste bis zu uns gekommen ist.

Sie werden die Güte haben ihn und seine Freunde darüber völlig zu beruhigen. Wir hoffen noch immer eben dasselbe von seinem mahlerischen Geiste, der gewiss, wenn er sich auf diese Kunst beschränckt, etwas sonderlichs hervorbringen wird.

Erlauben Sie mir dass ich bey dieser Gelegenheit Ihnen den Hofbildhauer Clauer, der vielleicht schon in Mannheim eingetroffen ist, auf das angelegentlichste empfehle.

Mit Aller Hochachtung nenne ich mich

Ew. Hochwohlgebebohrnen

Weimar

ganz gehorsamsten Diener

d. 1. Juni 1779.

Goethe.


[41] 4/823.

An Charlotte von Stein

Dass ich Sie gestern vorbey lies sind zwey Ursachen, die nächste dass eben Bätty zu mir kommen war und mir von Kochberg erzählte, die entfernte weil ich nicht wohl war, denn ich habe schon einige Tage den Magen verdorben, dagegen ich heut früh einnehmen will. Ihr Guter Morgen war mir sehr werth wär er nur nicht ein Zeichen einer übeln Nacht gewesen. Adieu liebste.

d. 8. Jun. 1779.

G.


4/824.

An Charlotte von Stein

Gestern Abend hatt ich Ihnen noch eine Rose gebrochen die unterm Busch aufgeblüht war. Ich wurd aber unterweegs aufgefangen, und musste sie wieder mit nach hause nehmen.

Wenns Regen giebt blühen ganze Kränze auf. Gehn Sie heut zur Militair Operation.

d. 9. Jun. 79.

G.


4/825.

An Johann Friedrich Krafft

Danke Ihnen für das Überschickte; in acht Tagen sollen Sie einiges Taschengeld haben, und für die Befriedigung Ihrer Wirthe will ich auch sorgen.

[42] Die Bücher für Sie habe leider über so viel Sachen, die mir im Kopf schwärmen, vergessen; ich will heut noch eine Parthie besorgen.

Fahren Sie in Ihren Aufsätzen fort und was Sie sonst oben bemerken schreiben Sie mir auch.

d. 12. Jun 1779.

G.


4/826.

An Charlotte von Stein

Ich habe wieder die Medizin zu Hülfe gerufen, so lang sie als Schlotfeger zu würcken hat hab ich immer Vertrauen auf sie.

Aus Ihrer Tasse trinck ich Bouillon und schicke Ihnen in dem erwünschten Regen aufgeblühte Blumen.

d. 13. Jun. 1779.

G.


4/827.

An Johann Friedrich Krafft

Ihren Brief mit den Ilmenauer Nachrichten habe wohl und unverletzt erhalten und danke recht sehr. Fahren Sie fort, mir Alles zu melden; ist gleich nicht sobald und durchaus zu helfen, so giebts einem doch mancherlei Ideen. Morgen wird Hauptmann Castrop von hier abgehen; ich gebe ihm Geld an Sie mit, denn ich habe ihm schon ehmals gesagt, daß Sie Ihr Geld durch mich empfingen. Er soll erst Rechnung mit Ihren Wirthen machen, eine Art von Contrakt [43] schliesen, und ich will mich alsdenn verbinden, alle Vierteljahr die Leute zu bezahlen.

Hier etwas Papier und Sieglack.

W. 23. Jun. 79.

G.


4/828.

An Charlotte von Stein

Sie thun sehr wohl dass Sie mich durch Ihre Raben speisen lassen Morgends und Abends, denn es ist doch eins der sichtlichsten und gewissesten Zeichen dass man im Himmel an die Propheten denckt. Gestern Abend hab ich noch eine Scene in Egmont geschrieben, die ich kaum wieder deschiffriren kann. Ade.

d. 24. Jun. 79.

G.


4/829.

An Charlotte von Stein

Gestern bin ich erst neun Uhr erwacht, und habe Sie im Webicht gesucht, auf dem Pavillon, in dem Buchenplaz und auf dem Tiefurter Weeg. Wie ich Sie nicht fand ging ich nach Hause schrieb, las ging nach zwölfen noch durch den Stern, und die neuen Gänge. Ich hoffe solchen Tausch mit den Tagszeiten öffter zu machen es ist sehr schön. Hier haben Sie einen Einfall und guten Morgen. d. 4. Jul. 1779.

G.


Wenn Sie heute Mittag mit mir essen mögten, und mögten noch iemand mitbringen, etwa Ihre Mutter und Steinen oder wen Sie wollen.


[44] 4/830.

An Charlotte von Stein

Ich weis nicht ob der 5. Jul. auch in Ihrem Kalender mit Charlotte bezeichnet ist, in meinem stehts so und ich hatte gehofft Ihnen zum Morgengrus ein Zeichen einer anhaltenden Beschäfftigung für Sie zu schicken. Es wollte mir nicht gelingen, drum schick ich Ihnen das schönste von meinem Hausrath. Ich kan diesen mir so ominosen Nahmenstag nicht vorbeygehn lassen ohne Ihnen anders als alle Tage zu sagen dass ich Sie liebe. d. 4. Jul. Nachts.

G.


4/831.

An Charlotte von Stein

Knebel wird Ihnen den Zettel geben bey dem ich diese Nacht geblieben bin. Wir sollten diesmal scheiden ohne Adieu gesagt zu haben. Schicken Sie mir ia irgend ein Zettelgen nach Ettersburg wenn es auch nicht mehr enthält als dieses. Mir ists sehr ruhig, aber auch kommt mirs heute früh vor als wenn ich in meinem Leben nichts gethan hätte. Adieu. liebe. d. 11. Jul. 79.

G.


Sehen Sie ob Sie machen können dass Knebel morgen nach Ettersburg geht.


[45] 4/832.

An Johann Friedrich Krafft

Mir ist sehr lieb, daß Castrop den Contrakt auf diese Weise berichtigt hat und Sie nunmehr allein mit Hoes zu thun haben; diese verlangen hundert Thaler jährlich und ich will diesen Leuten vierteljährig die 25 Thlr. garantiren, und auch sorgen, daß Sie mit Ende Juli ein bestimmtes Taschengeld empfangen. Was ich in natura schicken kann, als Papier, Federn, Siegellack . will ich auch thun; hier sind indeß Bücher, die ich nach der Designation zurück bitte.

Für Ihre Nachrichten danck ich, fahren Sie fort. Der Wunsch, Gutes zu thun, ist ein kühner, stolzer Wunsch; man muß schon sehr dankbar sein, wenn einem ein kleiner Theil davon gewährt wird.

Nun hab ich einen Vorschlag. Wenn Sie in Ihrem neuen Quartier sind, wünscht ich, daß Sie einem Knaben, für dessen Erziehung ich zu sorgen habe, und der in Ilmenau die Jägerei lernt, einige Aufmerksamkeit widmeten. Er hat einen Anfang im Französchen, wenn Sie ihm darinne weiter hülfen! Er zeichnet hübsch, wenn Sie ihn dazu anhielten! Ich wollte Zeiten bestimmen, wenn er zu Ihnen kommen sollte; Sie würden mir viel Sorge, die ich oft um ihn habe, benehmen, wenn Sie in freundlichen Unterredungen ausforschten, mir von seinen Gesinnungen [46] Nachricht gäben und drauf sein Wachsthum ein Auge hätten. Alles kommt darauf an, ob Sie eine solche Beschäftigung mögen. Wenn ich von mir rechne, der Umgang mit Kindern macht mich froh und jung. Wenn Sie mir darauf antworten, will ich Ihnen schon nähere Weisung geben. Sie würden mir einen wesentlichen Dienst erzeigen, und ich würde Ihnen von dem, was zu des Knaben Erziehung bestimmt ist, monatlich etwas zulegen können.

Möchte ich doch im Stande sein, Ihren trüben Zustand nach und nach auszuhellen und Ihnen eine beständige Heiterkeit zu erhalten.

W. d. 13. Jul. 1779.

Die Nachrichten über Erfurt hab ich richtig erhalten, auch die übrigen Packete völlig rein an Siegeln.

Ich schicke hier einen Contrakt in duplo, den Sie mit Riethen auswechseln können. Sie wären also für dies nächste Jahr vor dem äußersten Mangel geschützt, und ich bitte Sie, sich möglichst zu beruhigen, und sich zu überzeugen, daß ich gern stufenweise für Sie thun will, was ich kann. Den Contrakt, unter den ich meine Garantie gesetzt habe, unterschreiben Sie an dem Platz wo das X mit Bleistift steht und geben ihn an Ried.

Ihr Brief ist mir gestern richtig überbracht worden.

W. d. 17. Jul. 1779

G.


[47] 4/833.

An Karl Theodor von Dalberg

Ew. Excell. dancke nochmals aufs beste für den Mercken überschickten Kopf, seine Freude wird sehr gros seyn.

Was die Mittheilung meiner Iphigenie betrifft halt ich mir vor Ew. Excell. mündlich meine Bedencklichkeiten zu sagen. Ein Drama ist wie ein Brennglas wenn der Ackteur unsicher ist, und den focum nicht treffend findet, weis kein Mensch was er aus dem kalten und vagen Scheine machen soll. Auch ist es viel zu nachlässig geschrieben als dass es von dem gesellschafftlichen Theater sich sobald in die freyre Welt wagen dürfte. Ich wünsche bald Gelegenheit zu haben es Ew. Excell. selbst vorzulesen.

Den Brief leg ich hier wieder bey, und bitte mich dero Herrn Bruder bestens zu empfehlen und für sein Zutrauen zu dancken. Wäre ich in Mannheim und kennte Truppe und Publikum, mit Vergnügen wollt ich was man verlangte versuchen, aber ohne diese Data, halt ich für mein geringes Talent unmöglich etwas treffendes hervorzubringen, wie ein Dekorations Mahler schweerlich einen Platfond würde anzugeben wagen, wenn er nicht die Form des Gewölbes und die Weite des Standpuncktes und andre Lokale Umstände bestimmt wüsste und beherzigt hätte.

Behalten mir Ew. Excell. dero Gewogenheit. Weimar d. 21. Jul. 1779.

Goethe.


[48] 4/834.

An Johann Friedrich Krafft

Sein Sie unbesorgt, wenn Sie nicht immer von mir hören. Der Bote hat Packet und den Brief vom 2. August wohl überbracht.

Meine Gesinnungen und Handlungen werd ich nie gegen Sie ändern, wie ich's auch von Ihnen hoffe. Behalten Sie Ihre Freimüthigkeit und schreiben mir Alles, was Ihnen vorkommt, ohne Furcht, mich zu beleidigen.

Hier sind Gel. Zeitungen und 6 Thlr. Münze.

Tuch zu einem Kleide sollen Sie nächstens haben, auch vor dem Winter sonst noch das Nöthige; ich komme vielleicht selbst nach Ilmenau, wo wir mehr sprechen können.

Wegen Rieds werd ich sehn was mir die Umstände zu thun erlauben. Sonst rath ich in solchen Fällen nicht leicht zu Ausnahmen. Wegen des Knabens will ich nächstens weitläufiger schreiben.

Hierbei kommt auch Leinwand zu ein halb Dutzend Hemden.

W. d. 7. Aug. 1779

G.


Ein junger Mensch Namens Seidel, der mein Hauswesen versieht, wird bei Ihnen einsprechen und wegen des jungen Peter im Baumgarten das nöthige mit Ihnen abreden, auch sonst besorgen, weil zu schreiben es zu weitläufig ist.

G.


[49] 4/835.

An Charlotte von Stein

Einen guten erquickten Morgen! Bis gegen Mittag ists sehr schön also lad ich Sie zum Essen mit Ihren Kindern und Kestnern. Denn Stein ist doch heute nicht zu haben.

d. 8. Aug. 1779.

G.


4/836.

An Katharina Elisabeth Goethe

Mein Verlangen Sie einmal wiederzusehen, war bisher immer durch die Umstände in denen ich hier mehr oder weniger nothwendig war, gemäsigt. Nunmehr aber kann sich eine Gelegenheit finden, darüber ich aber vor allem das strengste Geheimniss fordern muss. Der Herzog hat Lust den schönen Herbst am Rein zu geniesen, ich würde mit ihm gehen und der Cammerherr Wedel. wir würden bey Euch einkehren wenige Tage da bleiben um den Messfreuden auszuweichen dann auf dem Wasser weiter gehn. Dann zurück kommen und bey euch unsre Städte aufschlagen um von da die Nachbaarschafft zu besuchen. Wenn sie dieses prosaisch oder poetisch nimmt so ist dieses eigentlich das Tüpfgen aufs i, eures vergangnen Lebens, und ich käme das erstemal ganz wohl und vergnügt und so ehrenvoll als möglich in mein Vaterland zurück. Weil ich aber auch mögte dass, da an [50] den Bergen Samariä der Wein so schön gediehen ist auch dazu gepfiffen würde, so wollt ich nichts als dass Sie und der Vater offne und seine Herzen hätten uns zu empfangen, und Gott zu dancken der Euch euren Sohn im dreisigsten Jahr auf solche Weise wiedersehen lässt. Da ich aller Versuchung widerstanden habe von hier wegzuwitschen und Euch zu überraschen, so wollt ich auch diese Reise recht nach Herzenslust geniessen. Das unmögliche erwart ich nicht. Gott hat nicht gewollt dass der Vater die so sehnlich gewünschten Früchte die nun reif sind geniessen solle, er hat ihm den Apetit verdorben und so seys. ich will gerne von der Seite nichts fordern als was ihm der Humor des Augenblicks für ein Betragen eingiebt. Aber Sie mögt ich recht fröhlich sehen, und ihr einen guten Tag bieten wie noch keinen. ich habe alles was ein Mensch verlangen kan, ein Leben in dem ich mich täglich übe und täglich wachse und komme diesmal gesund, ohne Leidenschafft, ohne Verworrenheit, ohne dumpfes Treiben, sondern wie ein von Gottgeliebter, der die Hälfte seines Lebens hingebracht hat, und aus Vergangnem Leide manches Gute für die Zukunft hofft, und auch für künftiges Leiden die Brust bewährt hat, wenn ich euch vergnügt finde, werd ich mit Lust zurück kehren an die Arbeit und die Mühe des Tags die mich erwartet. Antworte Sie mir im ganzen Umpfang sogleich – wir kommen allenfalls in der Hälfte Septembers das nähere bis [51] auf den kleinsten Umstand soll Sie wissen wenn ich nur Antwort auf dies habe. Aber ein unverbrüchlich Geheimniss vor der Hand auch gegen den Vater Mercken Bölling pp allen muss unsre Ankunft Überrraschung sein. ich verlasse mich drauf. Hier vermuthet noch niemand nichts. d. 9. Aug. 1779.

G.


Wie ich mir unsre Quartiere gedacht habe und was wir brauchen pp das alles soll in meinem nächsten Brief folgen wenn Sie mir erst ihre Ideen geschrieben hat.


4/837.

An Katharina Elisabeth Goethe

[Mitte August.]

So eine Antwort wünscht ich von Ihr liebe Mutter, ich hoffe es soll recht schön und herrlich werden. Also eine nähere Nachricht von unsrer Ankunft. Ohngefähr in der Hälfte September treffen wir ein und bleiben ganz still einige Tage bey Euch. Denn weil der Herzog seine Tanten und Vettern die auf der Messe seyn werden nicht eben sehen möchte wollen wir gleich weiter und auf dem Mayn und Rhein hinab schwimmen. Haben wir unsre Tour vollendet; so kommen wir zurück und schlagen in forma unser Quartier bey Ihr auf, ich werde alsdenn alle meine Freunde und Bekannte beherzigen, und der Herzog wird nach Darmstadt gehen und in der Nachbaarschaft [52] einigen Adel besuchen. Unser Quartier wird bestellt wie folgt. Für den Herzog wird im kleinen Stübgen ein Bette gemacht, und die Orgel wenn sie noch da stünde hinausgeschafft. Das grose Zimmer bleibt für Zuspruch, und das Peckin zu seiner Wohnung. Er schläfft auf einem saubern Strohsacke, worüber ein schön Leintuch gebreitet ist unter einer leichten Decke.

(Das Papier schlägt durch drum fahr ich hier fort.)

Das Caminstübgen wird für seine Bedienung zurecht gemacht ein Matraze Bette hinein gestellt.

Für Herrn v. Wedel wird das hintere Graue Zimmer bereitet auch ein Matrazze Bette pp.

Für mich oben in meiner alten Wohnung auch ein Strohsack pp wie dem Herzog.

Essen macht ihr Mittags vier, Essen, nicht mehr noch weniger, kein Geköch, sondern eure bürgerlichen Kunststück aufs beste, was ihr frühmorgens von Obst schaffen könnt wird gut seyn.

Darauf reduzirt sichs also dass wir das erstemal wenn wir ankommen iederman überraschen, und ein paar Tage vorbeygehn eh man uns gewahr wird, in der Messe ist das leicht. In des Herzogs Zimmern thu sie alle Lustres heraus, es würde ihm lächerlich vorkommen. Die Mondleuchter mag sie lassen. Sonst alles sauber wie gewöhnlich und ieweniger anscheinende Umstände ie besser. Es muss ihr seyn als wenn wir 10 iahr so bey ihr wohnten. Für Bedienten [53] oben im Gebrochnen Dach bey unsren Leuten sorgt sie für ein oder ein Paar Lager. Ihre Silbersachen stellt sie dem Herzog zum Gebrauch hin Lavor, Leuchter pp. keinen Caffe und dergleichen trinckt er nicht. Wedel wird ihr sehr behagen, der ist noch besser als alles was sie von uns Mannsvolck gesehen hat.

Also immer ein tiefes Stillschweigen, denn noch weis kein Mensch hier ein Wort. Was ihr noch einkommt schreibe sie mir. Ich will auf alles antworten, damit alles recht gut vorbereitet werde.

Merck darf noch nichts wissen.


4/838.

An Charlotte von Stein

Ich sehne mich gar sehr nach Ihnen, und so bald es möglich ist werd ich kommen, seit Sie weg sind, bin ich überall herumgezogen, war einen Tag in Ettersburg, in Tiefurth, auf der Jagd in Troistädt, es ist wie mit einer Erbschafft die nach dem Abgang des einigen Besizzers an viele zerfällt. Mir wirds nicht recht wohl dabey, denn ich habe keinen Ort woher ich komme und wohin ich gehe.

Die Weste sizt gar schön, es ist die erste die so passt zu meiner grosen Freude. Sie sieht gar lieblich, und ich hoffte drinn mit Ihnen einen Englischen durchzuführen.

In Ettersburg fing ich aus zufälliger Laune an [54] nach oeserischen Zeichnungen zu krizzeln, es ging gut und nun mach ich mehr, Sie sollen ehstens etwas haben; der Herzog hat eine Zeichnung von mir für eine schöne Dame verlangt, der er wie er sagt sie versprochen hat. Hier schick ich etwas Obst. Adieu sagen Sie mir durch die Botin ein Wort und grüsen die Kinder. Weimar d. 18 Aug. 1779.

G.


[9] 4/838a.

An Carl Christian von Herda

Hochwohlgebohrner

Hochgeehrtester Herr,

Das gute Zeugniss das Ew. Hochwohlgeb. als ein Sachkundiger dem Landkommissar geben, hat mir viel Vergnügen gemacht und mein Vertrauen auf diesen Mann vermehrt. Wenn die Zeit herankommt da Sie ihn zu dem Theilungsgeschäffte brauchen wollen, erwart in Nachricht, da ich denn ungesäumt von Durchl. Urlaub für diesen Mann erbitten werde.

Die vortheilhaffte Art, mit der er bey seiner Rückkehr von Hochwohlgeb. mir gesprochen, konnte zwar nichts zu der Hochachtung hinzuthun, die ich Ihnen lange gewidmet habe, aber angenehm war mir's meine Gesinnungen auch seinem Munde zu hören.

Ew. Hochwohlg.

ganz gehorsamster

Diener

Weimar d. 20 Aug. 1779.

Goethe.


[54] 4/839.

An Charlotte von Stein

Ich muss wohl aushalten, merck ich, es ist nicht anders. Heut Abend hofft ich bey Ihnen zu seyn, der Mond scheint recht schön und hatte mich gut bis in Ihre Berge gebracht, den Montag wollt ich zurück, das soll mir auch nicht werden. Denn der Herzog ist seit gestern weg, und kommt erst Morgen, und da sind Sachen wenn sie nicht Montags früh in Bewegung gehn, geschehn sie die ganze Woche nicht. Dem Fürsten wird eine Stunde nach der andern gestohlen, und dagegen ist er offt in der Noth uns ganze Tage zu rauben.

Diese Woche hat die Last die ich trage wieder stärcker gedrückt. An Orten wo die Weiber Vicktualien und andres in Körben auf dem Kopfe tragen, haben sie Kringen wie sies nennen von Tuch mit Pferdehaar ausgestopft dass der harte Korb nicht auf den Scheitel drückt, manchmal wird mirs als wenn [55] eins das Küssen wegnähme und manchmal wieder unterschöbe. Steinen seh ich wenig, er ist nie zu hause wenn ich nach ihm frage. Ihre Tauben wissen gar nicht wie ihnen geschieht dass das Fenster sich nicht öffnen will. Das Eichhörngen ist wohl. In mein Haus kommt nun gar kein Mensch, ausser dem schönen Misel, wir sind gar artig zusammen, denn wir sind in gleichem Falle, mir ist mein liebstes verreist, und ihr fürstlicher Freund hat andre Weege gefunden.

Sonst seh ich recht wie ich von allen Menschen, und alle Menschen von mir fallen. Knebeln besuch ich manchmal, von Herdern hör ich gar nichts. Indess ist ein neu Drama unterweegs, und Sie werden ia auch wieder kommen. Gute Nacht wenigstens schrifftlich. d. 21. Aug. Sonnab. 1779.

G.


d. 28. Nur mit Einem Wort kan ich für den Beutel und die Manschetten dancken. Es ist heute ein schöner Tag. Möge er Ihnen auch sehr hold seyn. Von Büchern was ich habe folgt hier! grüsen Sie alles.

G.


4/840.

An Charlotte von Stein

[25. August.]

Noch eine gute Nacht sollen Sie zum Morgen Grus haben. Ich bin glücklich mit wenigem Regen [56] gegen neun angekommen und fand den Herzog mit Grothaufen und Knebeln auf der Wiese, es ist Gr. eine edle, reine, brave Figur. Und es war in manchem Betracht gut dass ich herkam. Hier sind Pfirschen die ich finde. Lassen Sie mein Andencken bey sich seyn. Nachts eilfe.

G.


4/841.

An Charlotte von Stein

Einen Korb mit Früchten und einen Grus. Die Trauben sind freylich nicht vom Rhein, machen Sies damit wie Sies mit mir selbst halten müssen, lesen Sie die reifen Beeren aus, und wo Sie was sauers spüren werfen Sie's weg. Wir machen uns viel Bewegung nach der alten und neuen Religion das ist mit reiten und laufen. Schreiben Sie mir etwas von sich. Noch gehts in der neuen Epoche ganz wacker mit mir. Adieu. Weimar d. 1. Sept. 1779. Grüsen Sie alles und theilen von süs und saurem mit.

G.


4/842.

An Charlotte von Stein

Sonnabends [4. September]

mit Sonnenuntergang.

Morgen eh ich erwache soll der Bote an Sie fort der einen Korb mit Äpfeln und die Preise der Zeichenschule für Carl und Kestner überbringt. Es ist schade[57] dass Sie nicht zugegen waren und die Ausstellung unsres kleinen Anfangs sahen. Jederman hatte doch auf seine Art eine Freude dran, und es ist gewiss die unschuldigste Art der Aufmunterung wenn doch ieder weis dass alle Jahre einmal öffentlich auf das was er im Stillen gearbeitet hat reflecktirt, und sein Nahme in Ehren genannt wird. Übrigens haben wirs ohne Sang und Klang und Prunck auf die gewöhnliche Weise gemacht.

Den Herzog hats vergnügt dass er doch einmal was gesehn hat das unter seinem Schatten gedeiht, und dass ihm Leute dafür dancken dass er ihnen zum Guten Gelegenheit giebt.

Grüsen Sie Steinen und alles was um Sie ist. Wie gern wär ich wieder einige Tage bey Ihnen. Sie geniessen der schönen Tage hoff ich recht im ganzen ich nehme nur danckbaar meine Portion davon. Adieu.

G.


Der Besuch der schönsten Götter die den weiten Himmel bewohnen dauert bey mir immer fort, ich thue mein möglichstes sie gut zu bewirthen, und wenn sie ia wieder scheiden sollten, so bitt ich dass sie mögen meine Hütte zum Tempel verwandlen in dem sie nie abwesend sind.


[58] 4/843.

An Charlotte von Stein

Ihre Weste trag ich bey ieder Feyerlichkeit, ich möchte ein ganz Gewand haben das Sie gesponnen und gewürckt hätten um mich drein zu wickeln.

Ich schicke Ihnen was von Egmont fertig ist, und alle meine andre Sachen, heben Sie mir sie auf. Da ich zulezt von Ihnen ging schied ich ungerner als Sie mich liessen, denn ich wusste dass ich Sie sobald nicht wiedersehen würde. Wir verreisen und zwar eine gewünschte und gehoffte Reise, wie wir einen Schritt vorsezzen sollen Sie Nachricht haben. Und Sie schreiben mir auch hoff ich. Leben Sie wohl. und recht wohl.

Gestern hab ich der Herzoginn Louise eine Zeichnung von mir gegeben, da ich bey der lezten Ausstellung nichts vorlegen konnte. Sie verzeihen mir die Untreue. Dafür sollen Sie von der Reise manches sehen, wills Gott. Gestern war in Ettersburg Euridice eine Parodie, nach dem Englischen von Einsiedel. es machte sich recht hübsch und Wedel spielte den Orpheus recht brav. Weil doch ieder auf sich zurückkehrt, so hoff ich er soll künftig den Crugantino spielen, so haben wir die ganze Claudine besezt.

NB der Herzog hat Schnaufen, Lynckern und mir den Geheimdenraths Titel gegeben, es kommt mir wunderbaar vor dass ich so wie im Traum, mit dem[59] 30ten Jahre die höchste Ehrenstufe die ein bürger in Teutschland erreichen kan, betrete. On ne va jamais plus loin que quand on ne scait ou l'on va. Sagte ein groser Kletterer dieser Erde.

Adieu, wenn Sie noch in Kochberg sind wenn wir zurückkommen, seh ich Sie gleich. Grüsen Sie alles. Adieu.

Wir gehen erst künftigen Sonntag also erwart ich noch ein Wort von Ihnen.

Weimar d. 7. Sept. 1779.

G.


4/844.

An Johann Friedrich Krafft

Was Sie an Petern thun, dank ich Ihnen vielmals, denn der Junge liegt mir am Herzen, es ist ein Vermächtniß des unglücklichen Lindaus. Thun Sie nur gelassen Gutes an ihm. Wie Sie ihm ankommen können! Ob er liest, ob er französch treibt, zeichnet . mir ist alles recht, nur daß er für die Zeit etwas thue und daß ich von ihm höre wie Sie ihn finden und was Sie über ihn denken. Gegenwärtig lassen Sie ihn ja den Jägerstand als sein erstes und letztes betrachten und hören Sie von ihm, wie er sich dabei benimmt, was ihm behagt, was nicht und was weiter. – Denn glauben Sie mir, der Mensch muß ein Handwerk haben, das ihn nähre.

[60] Auch der Künstler wird nie bezahlt, sondern der Handwerker. Chodowiecki der Künstler, den wir bewundern, äße schmale Bissen, aber Chodowiecki der Handwerker, der die elendsten Sudeleien mit seinen Kupfern illuminirt, wird bezahlt. Wähnen Sie ja nicht, Peter habe die Geduld und das Ausharren zum Künstler, jetzt da er in den Wald soll, will er zeichnen, er würde eine Begier nach dem Holz haben, wenn er an die Staffelei sollte.

Ich verreise von hier auf einige Wochen und schicke etwas klein Geld. Castrop hat den Auftrag, die 25 Thlr. an Rieds zu bezahlen.

Wenn ich wieder komme, sollen Sie von mir hören.

W. d. 9. Sept. 1779

G.


4/845.

An Charlotte von Stein

Noch einmal Adieu, und Danck für den Talisman. Nach Franckfurt gehen wir, ich weis Sie freuen sich mit in der Freude meiner Alten. Schreiben Sie mir grad dorthin unter meiner Adresse. Adieu Liebst. Die Schule der Liebhaber ist beym Buchbinder.

Weimar d. 10. Sept. 1779.

G.


4/846.

An Charlotte von Stein

Wir gehen unter denen Cassler Herrlichkeiten herum und sehen eine Menge in uns hinein. Die Gemählde [61] Gallerie hat mich sehr gelabt, wir sind wohl und lustig, es war Zeit dass wir in's Wasser kamen.

Schön Wetter haben wir bisher, und klare Augen. Schreiben Sie mir ia nach Franckfurt. Ich kan nichts sagen in der Zerstreuung in der wir iezt schweben. Die Gräfinn Wartensleben will ich besuchen. Adieu. Cassel d. 15. Sept. 1779.

G.


4/847.

An Ernst Josias Friedrich von Stein

Caßel den 15ten Sept. 1779.

Guten Morgen lieber Stein. Ich schlage diese beyliegenden in Ihrem Paquet ein, theils weil es in einem Gasthof zu vornehm klingt wenn man an Hertzoginnen schreibt, wo man unerkant ist, theils auch um meiner Familie das Postgeld zu ersparen. Was neues schreibe ich Ihnen alleweile nicht, dieses soll von Franckfurth aus geschehn. weiter nichts als daß es mir und allen wohl geht, und es mir hier, zumahl die gegend sehr gefällt. Nur noch eins, laßen Sie doch Wedeln seinen drey Pferden daß Futter geben was Sie derweil, auf 3 von meinen Pferden ersparen. Adieu lieber Stein. Grüßen Sie Ihre Frau, die Waldnern, und Ihre kleine Schwägerin.

C. A.


Auch grüs ich Sie recht schön und bitte innliegenden Brief nach Kochberg zu bestellen. Wir sind glücklich und lustig in Cassel angelangt, haben uns schon meistens umgesehen und recht schöne Sachen gefunden. Der Junge Forster hat mit uns gegessen und ist viel [62] ausgefragt worden wies in der Südsee aussieht. Empfehlen Sie mich denen allerschönsten Hofdamen. Bald werden Sie aus dem gelobten Franckfurt mehr von uns hören.

G.


4/848.

An Charlotte von Stein

Nur einen guten Morgen vorm Angesicht der Väterlichen Sonne. Schreiben kan ich nicht.

Wir sind am schönsten Abend hier angelangt und mit viel freundlichen Gesichtern empfangen worden. Meine alten Freunde und bekannte haben sich sehr gefreut. Den Abend unsrer Ankunft wurden wir von einem Feuerzeichen empfangen das wir uns zum allerbessten deuteten. Meinen Vater hab ich verändert angetroffen, er ist stiller und sein Gedächtniss nimmt ab, meine Mutter ist noch in ihrer alten Krafft und Liebe.

Adieu beste! heut erwart ich ein Briefgen von Ihnen. Bald rücken wir weiter von Ihnen weg, doch nicht mit Herzen. Adieu, grüsen Sie alles. d. 20ten Sept. Frfurt. 79.

G.


4/849.

An Charlotte von Stein

Gegen Speyer über am Rhein. d. 24. Sept. 79.

Wir warten auf die Fähre indess will ich im Schatten Ihnen einige Worte schreiben.

[63] Wir streichen wie ein stiller Bach immer weitergelassen in die Welt hin, haben heute den schönsten Tag, und bisher das erwünschte Glück. Auf diesem Weege rekapitulir ich mein ganz vorig Leben sehe alle alte bekannte wieder, Gott weis was sich am Ende zusammen summiren wird. Dem Herzog thuts sehr wohl, Wedel ist vergnügt. Die Schweiz liegt vor uns und wir hoffen mit Beystand des Himmels in den grosen Gestalten der Welt uns umzutreiben, und unsre Geister im Erhabnen der Natur zu baden. Lassen Sie immer etwas nach Franckfurt gehen, es wird mir nachgeschickt oder erwartet mich. Leben Sie wohl! auf der andern Seite ein leichtes Schattenbild der Gegend.

G.


Rheinzabern d. 25ten Sept. früh.

Ich hatte mir vorgenommen ein klein Diarium zu schreiben, es ging aber nicht weil es mir keinen nahen Zweck hatte, künftig will ich Ihnen täglich, einfach aufschreiben was uns geschieht. Gestern Mittag kamen wir zu Speyer an, wie Sie aus der Bleystifft Beylage sehen, und suchten den Domher Beroldingen auf. Er ist ein lebhafter, grader, und rein theilnehmender Mann. Wir fasteten mit ihm sehr gut. sahen den Dom ein halb neues halb aus dem Brand überbliebnes Gebäude dessen erste Anlage wie die alten Kirchen zusammen in dem wahren Gefühl der Andacht gemacht ist. Sie schliesen den Menschen in den einfachen [64] grosen Formen zusammen, und in ihren hohen Gewölben kan sich doch der Geist wieder ausbreiten, und aufsteigen, ohne wies in der grosen Natur geschieht ganz ins unendliche überzuschweifen. Neuerdings haben sie diese Kirche blaulich ausgemahlt und mit Schniz und Kriz possen ausstaffirt dass man gern wieder herausgeht. Wir sahen den Schaz wo alte Messgewande sind, wo ieder Künstler sein Ganz Talent dem Priester auf den Rücken gehängt hat. In allen diesen, wenigstens den ältsten ist sehr Viel Herzlichkeit, Manigfaltigkeit in Köpfen und Figuren, ein wunderbaar Studium mit Perlen ein Clair obscür hervorzubringen da die grösten auf die höchsten Lichter gesezt sind und bis hinten in die Schatten die kleineren und kleinsten. Wie alles neu und beysammen, alles blanck und bunt war, bin ich überzeugt muss es schön und in seiner art vollkommen gewesen seyn. Wir sahen in der Sessionsstube des Capitels die Scizze zur Hochzeit von Cana durch Paul Veronese ein treffliches Stück, mit groser liebe und leichtigkeit gemahlen und gewalt und tüchtigkeit. Die meisten Köpfe sieht man sind Portraits auffallend lebendig. Wir sahen die Gemählde Sammlung des Dechanten der sehr viel und manches gute besizzt. Die Landschafften zogen mich besonders an, denn ich hoffe immer noch etwas zu lernen. Bis iezt stehn mir einige starcke Redouten noch entgegen, auf dieser Reise hoff ich wenigstens eine mit sturm einzunehmen. Wir [65] fanden bei Beroldingen selbst manches Gute an Gemählden und Kupfern, aber alles durcheinander gekramt, eben eine Hagestolzen Wirthschafft. Er ist des Jahrs 5 Monate in Hildesheim die übrige Zeit theils hier theils auf Touren, und so kommt er nicht zur Ruhe und Ordnung. Er kennt und liebt die Kunst sehr lebhafft, und weis was ein Mahler thut. Abends bey schönem Mondschein fuhren wir hierher, da wir unsre Pferde Zeitiger vorausschickten. Hier ist nichts zu sagen wir kamen um eilf Uhr an schliefen lange, und reiten gleich weiter.

Selz Mittags. Ein ungemein schöner Tag eine glückliche Gegend, noch alles grün, kaum hie und da ein Buchen und Eichenblat gelb. Die Weiden noch in ihrer silbernen schönheit. ein milder willkommner Athem durchs ganze Land. Trauben mit iedem Schritt und Tage besser. Jedes Bauerhaus mit Reben bis unters Dach, ieder Hof mit einer grosen vollhangenden Laube. Himmelsluft weich, warm, feuchtlich, man wird auch wie die Trauben reif und süs in der seele. Wollte Gott wir wohnten hier zusammen, mancher würde nicht so schnell im Winter einfrieren und im Sommer austrocknen. Der Rhein und die klaren Gebürge in der Nähe, die abwechselnden Wälder Wiesen und Gartenmäsigen Felder, machen dem Menschen wohl und geben mir eine Art Behagens das ich lange entbehre.

[66] Emmedingen d. 28. Sept. Ich kan nur zuerst die himmlischen Wolcken preisen und verherrlichen die bisher noch, wie ein Baldachin am Feyertage, über uns schwebten, und sich als Freunde und Führer unsres Unternehmens bekannten. In Demuth hoff ich dass es so weiter gehn wird, Lufft und Wetterglas geben Hoffnung. Nachts die klarsten Himmel, früh mit Sonnen Aufgang leicht auf und absteigende Nebel, die erhabensten Lufterscheinungen. Regen wenn wir ins Quartier kommen pp.

Ich fahre in meiner Erzählung fort.

d. 25. Abends ritt ich etwas seitwärts nach Sessenheim, indem die andern ihre Reise grad fortsezten, und fand daselbst eine Famielie wie ich sie vor acht Jahren verlassen hatte beysammen, und wurde gar freundlich und gut aufgenommen. Da ich iezt so rein und still bin wie die Luft so ist mir der Athem guter und stiller Menschen sehr willkommen. Die Zweite Tochter vom Hause hatte mich ehmals geliebt schöner als ichs verdiente, und mehr als andre an die ich viel Leidenschafft und Treue verwendet habe, ich musste sie in einem Augenblick verlassen, wo es ihr fast das Leben kostete, sie ging leise drüber weg mir zu sagen was ihr von einer Kranckheit iener Zeit noch überbliebe, betrug sich allerliebst mit soviel herzlicher Freundschafft vom ersten Augenblick da ich ihr unerwartet auf der Schwelle ins Gesicht tratt, und wir mit den Nasen aneinander stiesen dass mir's ganz [67] wohl wurde. Nachsagen muss ich ihr dass sie auch nicht durch die leiseste Berührung irgend ein altes Gefühl in meiner Seele zu wecken unternahm. Sie führte mich in iede Laube, und da musst ich sizzen und so wars gut. Wir hatten den schönsten Vollmond. ich erkundigte mich nach allem. Ein Nachbaar der uns sonst hatte künsteln helfen wurde herbeygerufen und bezeugt dass er noch vor acht Tagen nach mir gefragt hatte, der Barbir musste auch kommen, ich fand alte Lieder die ich gestifftet hatte, eine Kutsche die ich gemahlt hatte, wir erinnerten uns an manche Streiche iener guten Zeit, und ich fand mein Andencken so lebhaft unter ihnen als ob ich kaum ein halb Jahr weg wäre. Die Alten waren treuherzig man fand ich sey iünger geworden. Ich blieb die Nacht und schied den andern Morgen bey Sonnenaufgang, von freundlichen Gesichtern verabschiedet dass ich nun auch wieder mit Zufriedenheit an das Eckgen der Welt hindencken, und in Friede mit den Geistern dieser ausgesöhnten in mir leben kan.

d. 26. Sonntags traff ich wieder mit der Gesellschafft zusammen, und gegen Mittag waren wir in Strasburg. Ich ging zu Lili und fand den schönen Grasaffen mit einer Puppe von sieben Wochen spielen, und ihre Mutter bey ihr. Auch da wurde ich mit Verwundrung und Freude empfangen. Erkundigte mich nach allem, und sah in alle Ecken. Da ich denn zu meinem ergözzen fand dass die gute Creatur [68] recht glücklich verheurathet ist. Ihr Mann aus allem was ich höre scheint brav, vernünftig, und beschäfftigt zu seyn, er ist wohlhabend, ein schönes Haus, ansehnliche Famielie, einen stattlichen bürgerlichen Rang pp. alles was sie brauchte pp. Er war abwesend. Ich blieb zu Tische. Ging nach Tisch mit dem Herzog auf den Münster, Abends sahen wir ein Stück L'Infante de Zamora mit ganz trefflicher Musick von Paesiello. Dann as ich wieder bey Lili und ging in schönem Mondscheinweg. Die schöne Empfindung die mich begleitet kan ich nicht sagen. So prosaisch als ich nun mit diesen Menschen bin, so ist doch in dem Gefühl von durchgehendem reinen Wohlwollen, und wie ich diesen Weeg her gleichsam einen Rosenkranz der treusten bewährtesten, unauslöschlichsten Freundschafft abgebetet habe eine recht ätherische Wollust. Ungetrübt von einer beschränckten Leidenschafft treten nun in meine Seele die Verhältnisse zu den Menschen die bleibend sind, meine entfernten Freunde und ihr Schicksaal liegen nun vor mir wie ein Land in dessen Gegenden man von einem hohen Berge oder im Vogelflug sieht.

Hier bin ich nun nah am Grabe meiner Schwester, ihr Haushalt ist mir, wie eine Tafel worauf eine geliebte Gestalt stand die nun weggelöscht ist. Die an ihre Stelle Getrettne Fahlmer, mein Schwager, einige Freundinnen sind mir so nah wie sonst. Ihre Kinder sind schön, munter, und gesund. Von hier [69] wirds nun auf Basel gehn. Wenn Sie wieder von mir hören weis ich nicht. Von Ihnen hab ich noch nichts. Obgleich andre Briefe von Franckfurt aus nachgeschickt sind.

Adieu. Grüsen Sie Alles.


Emmedingen d. 28. Sept. 1779.

d. 27. früh sind wir von Strasburg ab und Abends hier angekommen.

Lavatern zu sehn und ihn dem Herzog näher zu wissen ist meine gröste Hoffnung. Ich unterhalte Sie nur von mir. Es ist meine alte Sünde. Adieu.


4/850.

An Charlotte von Stein

Münster den 3. Okt. Sonntag Abends.

Ich eile nur von der lezten Station einige Worte aufzuzeichnen.

Von wo wir zu Mittag gegessen hatten, kamen wir bald in den engen Pass der hierher führt.

Durch den Rüken einer hohen und breiten Gebirgkette hat die Birsch ein mässiger Fluss sich einen Weeg von uralters gesucht. Das Bedürfniss mag nachher durch diese Schlüchter ängstlich nachgeklettert seyn. Die Römer erweiterten schon den Weeg und nun ist er sehr bequem durchgeführt. Das über Felsstüke rauschende Wasser und der Weeg gehen neben [70] einander weg und machen an den meisten Orten die ganze Breite des Passes der auf beiden Seiten von Felsen beschlossen ist, die ein gemächlich aufgehobenes Auge fassen kann. Hinterwärts heben Gebirge sanft ihre Rüken, deren Gipfel uns von Nebel bedekt waren.

Bald steigen an einander hängende Wände senkrecht auf, bald streichen gewaltige Lagen schief nach dem Fluss und dem Weeg ein, breite Massen sind auf ein ander gesezt, und gleich darneben stehen scharfe Klippen abgesezt. Grosse Klüfte spalten sich aufwärts und Platten von Mauerstärke haben sich von dem übrigen Gesteine losgetrennt. Einzelne Felsstüke sind herunter gestürzt, andere hängen noch über und lassen nach ihrer Lage fürchten dass sie dereinst gleichfalls herein kommen werden. Bald rund, bald spiz, bald bewachsen, bald nakt sind die Firsten der Felsen, wo oft noch oben drüber ein einzelner Kopf kahl und kühn herübersieht, und an Wänden und in der Tiefe schmiegen sich ausgewitterte Klüfte hinein.

Mir machte der Zug durch diese Enge eine grosse ruhige Empfindung. Das Erhabene giebt der Seele die schöne Ruhe, sie wird ganz dadurch ausgefüllt, fühlt sich so gros als sie seyn kann, und giebt ein reines Gefühl, wenn es bis gegen den Rand steigt ohne überzulaufen. Mein Aug und meine Seele konnten die Gegenstände fassen, und da ich rein war, diese Empfindung nirgends falsch wiedersties, so würkten sie was sie sollten. Wenn man solch ein Gefühl mit [71] dem vergleicht, wenn wir uns mühseelig im Kleinen umtreiben alle Mühe uns geben ihm so viel als möglich zu borgen und aufzufliken und unserm Geist durch seine eigne Kreatur eine Freude und Futter zu geben, so sieht man erst wie ein armseelig behelf es ist.

Ein iunger Mann den wir von Basel mitnahmen sagte es sei ihm lange nicht wie das erste mal und gab der Neuheit die Ehre. Ich möchte aber sagen wenn wir einen solchen Gegenstand zum erstenmal erbliken so weitet sich die ungewohnte Seele erst aus und es macht dies ein schmerzlich Vergnügen eine Überfülle die die Seele bewegt und uns wollüstige Thränen ablokt, durch diese Operation wird die Seele in sich grösser ohne es zu wissen und ist iener ersten Empfindung nicht mehr fähig, der Mensch glaubt verlohren zu haben, er hat aber gewonnen, was er an Wollust verliert gewinnt er an innrem Wachsthum hätte mich nur das Schicksaal in irgend eine grosse Gegend heissen wohnen, ich wollte mit iedem Morgen Nahrung der Grosheit aus ihr saugen, wie aus meinem lieblichen Thal Geduld und Stille.

Am Ende der Schlucht stiege ich ab und kehrte einen Theil alleine zurük. Ich entwikelte noch ein tiefes Gefühl, was das Vergnügen auf einen hohen Grad für aufmerksame Augen vermehrt. Man ahndet im Dunkeln die Entstehung und das Leben dieser seltsamen Gestalten. Es mag geschehen seyn wie und wann es wolle, so haben sich diese Massen nach der[72] Schweere und Aehnlichkeit ihrer Theile gros und einfach zusammengesezt. Was für Revolutionen sie nachhero bewegt, getrennt, gespalten haben, so sind auch diese auch nur einzelne Erschütterungen gewesen und selbst der Gedanke einer so ungeheuren Bewegung giebt ein hohes Gefühl von ewiger Festigkeit. Die Zeit hat, auch gebunden an die ewige Geseze, bald mehr bald weniger auf sie gewirkt.

Sie scheinen innerlich von gelblicher Farbe zu seyn, allein das Wetter und die Luft verändern die Oberfläche in graublau, dass nur hier und da in Streifen und in frischen Spalten die erste Farbe sichtbar ist. Langsam verwittert der Stein selbst und rundet sich an den Eken ab, weichere Fleken werden weggezehrt, und so giebts gar zierlich ausgeschweifte Hölen und Löcher, die wenn sie mit scharffen Kannten und Spizzen zusammentreffen sich seltsam zeichnen.

Die Vegetation behauptet ihr Recht, auf iedem Vorsprung, Fläche und Spalt fassen Fichten Wurzel, Moos und verwandte Kräuter säumen die Felsen. Man fühlt tief, hier ist nichts willkürliches, alles langsam bewegendes ewiges Gesez und nur ~~~ ~~~ ~~~ ~~~ Menschenhand ist der bequeme Weeg über den man durch diese seltsame Gegenden durchschleicht.


[73] 4/851.

An Johann Kaspar Lavater

Thun d. 8. Oktbr. 79.

So nah bin ich bey dir lieber Bruder wie dir der Ruf schon wird gemeldet haben.

Wir sind im Begriff auf die Gletscher so weit es die Jahrszeit erlaubt zu gehen. Dann solls noch durch einen Umweeg zu dir.

Schreibe mir doch mit umlaufender Post nach Bern in den Falcken ein Wort ob etwa in Bern Lausanne Genf Luzern Zug pp einige Menschen sind die du kennst und die zu kennen mir auch Freude machte, ich will sie besuchen und von dir grüsen, und dir ihre Grüse bringen.

Ja lieber Bruder dich wieder zu sehen, ist einer meiner beständigsten Wünsche diese vier Jahre her und wird nun auch bald erfüllt.

Ich habe dir viel zu sagen, und viel von dir zu hören, wir wollen wechselsweis Rechnung von unserm Haushalten ablegen, einander seegnen, und für die Zukunft stärcken, wieder ganz nah zusammenrücken, und uns freuen dass wir noch in einer Lufft athemholen. Von dem was ich mitbringe unterhalt ich dich nicht im Voraus.

Mein Gott dem ich immer treu geblieben bin hat mich reichlich geseegnet im Geheimen, denn mein Schicksaal ist den Menschen ganz verborgen, sie können [74] nichts davon sehen noch hören. Was sich davon offenbaaren lässt, freu ich mich in dein Herz zu legen. Adieu Bruder. Bisher sind wir glücklich gereist, bete auch dass uns die himmlischen Wolcken günstig bleiben, und wir an allen Gefahren vorüber gehn.

G.


Sonntag d. 10ten denck ich sollst du diesen Brief haben und Dienstag d. 12. könnte nach der Postrechnung ein Brief von dir wieder in Bern seyn. Auf alle Fälle schreibe so bald du kannst.


4/852.

An Charlotte von Stein

Lauterbrunnen den 9. Oktbr. 1779.

Abends 1/2 7 Uhr.

Wir sind 1/2 5 wirklich hier in der Gegend angelangt und alles was ich bisher gewünscht, wir haben den Staubbach bei gutem Wetter zum erstenmal gesehen die Wolken der Obern Luft waren gebrochen und der blaue Himmel schien durch. An den Felswänden hielten Wolken, selbst das Haupt wo der Staubbach herunter kommt, war leicht bedekt. Es ist ein sehr erhabener Gegenstand. Und es ist vor ihm, wie bei allem grossen, so lang es Bild ist so weis man doch nicht recht was man will. Es lässt sich von ihm kein Bild machen, die Sie von ihm gesehen haben sehen sich mehr oder weniger ähnlich; [75] aber wenn man drunter ist, wo man weder mehr Bilden noch beschreiben kann, dann ist man erst auf dem rechten Flek. Jezo sind die Wolken herein ins Thal gezogen und deken alle die heitern Gründe. Auf der rechten Seite steht die hohe Wand noch hervor über die der Staubbach herab kommt. Es wird Nacht, wir sind beim Pfarrer in Lauterbrun eingekehrt, es ist ein aus ein ander liegendes Dorf, genannt, wie die Leute sagen weil lauter Brunnen nichts als Brunnen in dieser Gegend von den Felsen herunter kommen.

Über das Münsterthal wodurch wir gekommen sind hab ich ein eigen Papier geschrieben die Gegenstände darinn sind sehr erhaben aber proportionirter zu dem Begriff der menschlichen Seele als wie die gegen die wir näher rüken, gegen das übergrosse ist und bleibt man zu klein. Ich werde mich entschliessen müssen Ihnen rükwärts ein Tagbuch so leicht und leidlich als möglich von unserer Reise zu machen. Heute Sonnabend den 9ten gingen wir früh von Thun ab zu Schiff über den See. Die Nebel fielen wann wir in unserer Landssprache sagen es regnete, die Gipfel der Berge waren eingehüllt wir sassen in einem bedekten Schiff ich las den Gesang aus Bodmers Homer. Gegen zwölfe kamen wir in Untersewen an assen eine grosse Forelle, examinirten einen Augenarzt wovon ich den Zettel hier beischliesse und fuhren auf einem engen Leiterwägelgen zusammen gepackt ab gingen aber bald zu Fusse durch das Thal bis nach Lauterbrunn.[76] NB. man sagt auch hier zu Land auf dem Wagen reiten.

Den 8ten konnte ich in Bern früh mit dem Perükenmacher nicht fertig werden, suchte Leute auf die ich nicht fand und durchstrich bei der Gelegenheit die Stadt, sie ist die schönste die wir gesehen haben in Bürgerlicher Gleichheit eins wie das andere gebaut, all aus einem graulichen weichen Sandstein, die egalitaet und Reinlichkeit drinne thut einem sehr wohl, besonders da man fühlt, dass nichts leere Decoration oder Durchschnitt des Despotismus ist, die Gebäude die der Stand Bern selbst aufführt sind gros und kostbar doch haben sie keinen Anschein von Pracht der eins vor dem andern in die Augen würfe, wir nahmen ein Frühstük statt des Mittagsessens und ritten drauf nach Thun, wo wir bei zeiten anlangten um noch die schöne Aussicht vom Kirchhof auf den See zu sehen und an der Aar bis gegen den See zu spazieren Wir machten mit einem Bürger Bekanntschaft, der uns geleitete, drauf unser Schiffer war und künftig unter Geleitsman seyn wird.

Den 7. brachen wir von Annet auf, es rieselte stark, wir mussten durch den Moor und Moos was man bei uns durch Rieder nennen möchte, wodurch uns der Wirth begleitete, wo wir doch oft unsere Pferde führen mussten aus Furcht nicht einzusinken. Wir kamen tüchtig im Regen nach Murten ritten aufs Beinhaus und ich nahm ein Stükgen Hinterschädel [77] von den Burgundern mit, in Murten assen wir zu Mittag und lassen aus einem treflich geschriebenen Buche die Geschichte der Murten Schlacht. Es ist äusserst rührend, von einem Zeugen und Mitstreiter die Thaten dieser Zeit erzählen zu hören. Das Wetter klärte sich auf als wir von Murten wegritten und wir zogen durch die schöne Landschaft nach Bern wo alles gar glüklich abgetheilt und genuzt ist und frölich und nahrhaft und reich aussieht.

Den 6ten hatten wir einen etwas verworrnen Tag wurden aber doch von einem guten Geist irre geführt. Früh ritten wir von Bielaus am See weg über Erlach nach Annet von da wollt ich nach La Sauge allein der Weeg war wiedrig und wir verirrten uns im Ried, wir waren gezwungen auf die Hauptstrasse zurük zu gehen und genöthigt von Ort zu Ort wo theils keine Wirthshäusser waren theils die Leute uns nicht aufnehmen konnten bis nach St. Blaise zu gehen das zu oberst des Neustädter Sees liegt, es war eben ein schöner Mittagsblik der Sonne aus dem Gewölk als wir ankamen, wir freuten uns des und genossens recht sehr assen zu Mittag, sezten uns wieder an den See und ritten endlich auf Annet wieder zurük, wo wir in einem leidlichen Wirthshaus über Nacht blieben.

Den 5. fuhren wir früh auf dem Rathsschiffe von Bielaus nach der Insel des Bieler Sees wohin Rousseau sich begab als er von Geneve weggetrieben[78] wurde. Die Insel gehört dem Hospital zu Bern und der Schaffner und seine Frau die die Wirthschaft selbst führen sind noch eben dieselben die Rousseau bewirtheten.

Gute Nacht für heute. es ist wenigstens etwas und mehr als ich von Ihnen die Zeit gehört habe.

G.


Thun d. 14. Oktb. Abends 7. wir sind glücklich wieder hier angekommen. Diese vier Tage das schönste Wetter, heut und gestern keine Wolcke am Himmel, und die merckwürdigsten Gegenden ganz rein in dem himmlischen Lichte genossen. Es fällt schweer nach allem diesem zu schreiben, ich will nachher aus meinem Bleystifft Gekrizzel Phillippen wieder dicktiren.

Die merckwürdige Tour durch die Bernischen Glätscher ist geendigt wir haben leicht vorübergehend die Blüte abgeschöpft an einigen Orten hätt ich mit dem Bogen noch einmal schlagen können aber es ist auch so gut. Wär ich allein gewesen ich wäre höher und tiefer gegangen aber mit dem Herzog muss ich thun was mäsig ist. Doch könnt ich uns mehr erlauben wenn er die böse Art nicht hätte den Speck zu spicken, und wenn man auf dem Gipfel des Bergs mit Müh und Gefahr ist, noch ein Stiegelgen ohne Zweck und Noth mit Müh und Gefahr suchte. Ich bin auch einigemal unmutig in mir drüber geworden, dass ich heut Nacht geträumt habe ich hätte mich drüber mit[79] ihm überworfen, wäre von ihm gegangen, und hätte die Leute die er mir nachschickte mit allerley Listen hintergangen. Wenn ich aber wieder sehe, wie iedem der Pfahl in's Fleisch geben ist den er zu schleppen hat, und wie er sonst von dieser Reise wahren Nuzzen hat, ist alles wieder weg. Er hat gar eine gute Art von Aufpassen, Theilnehmen, und Neugier, beschämt mich offt wenn er da anhaltend oder bringend ist, etwas zu sehen oder zu erfahren, wenn ich offt am Flecke vergessen oder gleichgültig bin.

Es soll recht gut werden denck ich und bisher hat uns das Glück gar unerhört begleitet. Kein Gedancke, Keine Beschreibung noch Erinnerung reicht an die Schönheit und Grösse der Gegenstände, und ihre Lieblichkeit in solchen Lichtern Tageszeiten und Standpunckten.

Wedel hat des Tags hundert tolle Einfälle, und wenn ihn nicht manchmal der Schwindel ankäme und ihn auf Augenblicke böser Laune machte, wäre kein Gesellschaffter über ihn.

Von dem Gesange der Geister hab ich noch wundersame Strophen gehört, kann mich aber kaum beyliegender erinnern. Schreiben Sie doch sie für Knebeln ab, mit einem Grus von mir. Ich habe offt an ihn gedacht.


Nun geht die Erzählung wieder ordentlich von Lauterbrunn an. Wie wir von Emmedingen [80] nach der Bieler Insel gekommen sind. Wird wohl Lücke bleiben.


4/853.

An Charlotte von Stein

(Mit Seidels Tagebuch.)


Den 11. Okt. um 10 Uhr von Lauterbrunn ab. Der Regen hatte die Weege sehr schlimm gemacht. Herrliche Felsen und Felsenbrüche. Die Sonne kam hervor die Wolken hoben sich von den Bergen. Hier und da kam der schöne blaue Himmel hervor. Um 4 Uhr Nachmittags kamen wir nach Gründelwald sahen noch vor Tische den sogenannten untern Glätscher der bis ins Thal dringt und daran die herrliche Eishöle woraus das Eiswasser seinen Ablauf hat. und suchten Erdbeern in dem Hölzgen das gleich darneben steht.

Den 12. Okt. früh um 7 ab. Es war sehr kalt und hatte gefrohren. Ich verirrte mich half mir aber wieder zur Gesellschafft wir sahen den Obern Glätscher. Von allem diesem nähere mündliche Auslegungen. Den Scheidek hinauf wurd es uns sämtlich warm. Streit über den Mettyberg und Jungfrauhorn. Hier wächst zwischen den Steinen ein hartes Gewächs, Bergrose genannt dessen Blätter einen starken balsamischen Geruch haben. Auf dem Gipfel ist ein kleiner See. Um 1 Uhr waren wir im Schwarzwald. Hier sieht man auf der rechten Seite das Wollhorn, Wetterhorn und Engelhorn. Das Wetter war heiter. Hier assen wir bei einem Bauer was wir mit genommen hatten. Der Weeg ins Haslithal ist der angenehmste [81] den man gehen kann. Wir besahen einen Käsespeicher die hier aller Enden stehn nun aber nach und nach gegen den Winter geleert und verlassen werden. Die Hirten waren erst selbigen Morgen mit dem Vieh abgetrieben. Der Weeg geht an hohen Felswänden vorbey. Der erste Blik vom Berg herab in das Hasliland ist frappirend, die Gegend ist erstaunend weit und angenehm. Vom Gipfel des Scheideks bis ins Haslithal geht man über 4 Stunden immer Berg ab. Hier gingen wir links an dem Berg nach dem Reichenbach und dann nach Hof wo wir etwas assen. Von hier auf Gutannin. Der Weeg ist bös weil man so oft über elende Stiege über die Aar muss, an Felsenwänden weg wo ein bloser Pfad ausgehauen ist und unten immer grosse Abgründe. Hierzu kam die einbrechende Nacht. Herr v. Wedel und Wagner waren wegen ihres Schwindels übel dabei zu Muthe. Eine halbe Stunde vor Guotanin nahmen wir Zuflucht in einem Bauernhauss. ich ging Wagnern der noch zurük war mit einer Laterne entgegen. Schöne Familie in dem Hauss. Wir kamen endlich mit Schindelfakeln nach 8 Uhr daselbst an. Schlechter Wein und schlechte Wirtschaft daselbst.

Den 13. Okt. um 7 Uhr ab und wieder zurük. Wir kehrten wieder bei der schönen Familie ein und frühstükten noch einmal, der Weeg den wir nun mit mehr Muse und Vergnügen machten ist über allen Ausdruk schön. Er krümmt zwischen den hohen Bergen bald herüber bald über die Aar die bei Hof sich zwischen zwei hohen Felsenwänden durchdrängt und eine halbe Stunde drauf wieder heraus kommt. Das Thal bei Hof im Grund genannt ist rund mit Bergen umgeben das gar schön aussieht. Aus dem Meiringer Wirthshauss wo wir zu Mittag assen sieht man [82] zwei kleine Wasserfälle angenehm den Berg herabkommen. Von Petern haben wir niemand zu sprechen können kriegen. Wir gingen um 3 wieder ab und der Herr Geh. Rath voraus. Der Weeg nach Brienz ist grad und schön von fruchtbaren Bergen eingefasst. Auf der linken Seite kommt man an dem Wandel- und Olzibach vorbei. Abends 1/2 7 waren wir in Brienz. Ein Schwager des Peters war denen Herrns nachgelaufen und gab ihnen einen Brief mit, ausser dieser Schwester hat er noch einen Bruder eine Stiefmutter und Stiefgeschwiester. Vor dem Wirthshauss musten zwei Bursche nach Schweizermanier in dem Gras mit einander ringen. Die Aussicht von dem Brienzer See nach den Haslibergen und den Schneegebirgen bei untergehender Sonne ist gros. Es war schon Nacht als auf den Schneebergen oben noch die Sonne glänzte.

Den 14. früh 8 Uhr ab. Es war wieder der schönste heiterste Tag. um 11 Uhr waren wir in Unterlachen einem Kloster wo man anlandet und biss Untersewen zu Fuse geht. In dem Wirthshauss traf