1779

4/770.


An Charlotte von Stein

Friz hat mich vor vieren geweckt und das neue Jahr herbey gegäckelt. Auch ein glücklichs neues Jahr liebste, und Zuckerbrodt. Friz will wieder fort. Wollen Sie mich heut zu Tische? [1. Januar] 79.

G.


4/771.


An Charlotte von Stein

Mit dem aufgehenden Mond hab ich mein ganz Revier umgangen. Es friert starck. Einige Anblicke waren ganz unendlich schön, ich wünschte sie Ihnen vors Fenster. Schicken Sie mir den leeren Rahm wo der geschnizte goldne Stab dran ist. er passt auch über das Stückgen von Oberweimar. Adieu liebe.

d. 2. Jan. 79.

G.


4/772.


An Charlotte von Stein

[3. Januar.?]

Noch einen guten Morgen und Ade! Gestern Nacht wars herrlich um's dampfende Wasser im Mondschein. Heute noch herrlicher nur unendlich kalt. Dencken Sie mein. Addio bestes.

G.[1]


4/773.


An Johann Friedrich Krafft

Hierbei kommen fünf Louisd'or. Ich bitte Sie indeß, Geduld zu haben; kann ich mehr für Sie thun, will ich's gerne.

Ich erwarte die Fortsetzung Ihres Lebens, danke für Ihr Vertrauen.

d. 3. Jan. 79.

G.


4/774.


An Charlotte von Stein

Einen guten Morgen von Ihrem stummen Nachbaar. Das Schweigen ist so schön dass ich wünschte es Jahre lang halten zu dürfen. Etwas von meiner Jagd kommt mit, und ich heute Mittag wenn Sie mich wollen. d. 9. Jan. 79.

G.


4/775.


An Charlotte von Stein

Dancke lieber Engel für das überschickte. Geben Sie innliegendes an Ernsten. Und guten Tag.

d. 14. Jan. 79.


4/776.


An Charlotte von Stein

[Mitte Januar.]

Ich schicke Ihnen noch ein Frühstück. Dancke lieber Engel für Frizzen. Ich habe viel zu kramen.

G.[2]


4/777.


An den Herzog Carl August

[Ende Januar.]

Gnädigster Herr,

Nach der Antwort des Königs in Preusen Maj. worinn derselbe solche Gründe hinzulegen glaubt, die Ew. Durchl. bewegen sollen, ihm die verlangte Werbung in Ihren Landen zu gestatten, und es als gewiss anzunehmen scheint, dass man sich mit dem General Möllendorf besprechen und eine Auskunft zu treffen wissen werde, bleibt nach aller Überzeugung nichts übrig, als dass man eine baldige und feste Entschliesung fasse, welchen Theil man ergreiffen und wie man sich auf ein oder die andre Weise betragen wolle? Man hat vorläufig am besten zu seyn geglaubt wenn man beyde unangenehme Seiten gegenwärtiger Lage, natürlich gegen einander stellte, das zwiefache Benehmen wovon man eins zu wählen hat ohnübertrieben hinlegte, und die Folgen eines ieden überdächte, so weit man sie mit einem zwar uneingenommnen, aber freilich immer beschränckten Geiste vorauszusehen im Stande ist.

Gesezt also man fügt sich dem Begehren des Königs, so kan es entweder geschehen wenn man ihm die Werbung erlaubt, oder mit dem General Möllendorf auf eine gewisse Anzahl abzugebender Mannschafft übereinkommt, und auch diese entweder durch die Preusen[3] ausnehmen lässt oder sie selbst ausnimmt und sie ihnen überliefert.

Erwählt man das erste, so werden diese gefährliche Leute sich festsetzen und überall Wurzel fassen, sie werden auf alle Weise die beste iunge Mannschafft an sich zu ziehen suchen, sie werden mit List und heimlicher Gewalt eine grose Anzahl wegnehmen, sie werdens an nichts fehlen lassen selbst die Soldaten Ew. Durchl. untreu zu machen.

Will man mit dem General Möllendorf auf eine gewisse Anzahl übereinkommen, und ihnen etwa selbst überlassen die iunge Mannschafft nach gewissen zu fertigenden Verzeichnissen aus den Ämtern auszuheben, so kan man nicht versichert seyn dass es dabey bleiben wird. Ein und der andre der es merckt wird austreten, sie werden statt dessen nach andern greifen, es werden Händel entstehen, und sie werden davon Anlas nehmen, was man mit ihnen ausgemacht hat zu überschreiten.

Will man endlich sich entschliessen eine Auswahl selbst zu machen und ihnen die Leute auszuliefern; so ist darinn wohl fürs ganze das geringste übel aber doch bleibt auch dieses, ein unangenehmes verhasstest und schaamvolles Geschäfft. Und wahrscheinlich ist man mit allem diesem doch nicht am Ende des Verdrusses. Diese mit Gewalt in fremde Hände gegebne Leute, werden in kurzem desertiren und in ihr Vaterland zurückkehren, die Preußen werden sie wieder fordern,[4] im Fall sie fehlen, austreten oder sich verbergen, an ihrer Stelle andre wegnehmen. Diese Plage wird mit iedem Herbste wiederkommen. Wie sie sich gewiss auch nicht begnügen werden, wenn man ihnen einmal Mannschafft stellt, mit ieden Frühiahr werden sie diese Anforderungen erneuen.

Dagegen wird man von kayserlicher Seite diesen Schritt den man so sehr wider willen gethan gewiss übel aufnehmen. Man wird sie niemals überreden können dass man so nothgedrungen, und so ungern eine solche Entschliesung ergriffen hat. Der alte Verdacht den man gegen die sächsischen Häuser hegt, dass sie wenig Neigung für das Östreichische haben, wird wieder rege werden, und es wird dem kayserlichen Hofe an Gelegenheit nicht fehlen, dem fürstlichen Haus manches unangenehme fühlen zu lassen. Das nächste was zu befürchten steht, ist dass sie gleichfalls Werbung in den fürstlichen Landen einzulegen verlangen, so dass man von beyden Seiten wird gedrängt seyn und die oben hererzählte Verdrüsslichkeiten doppelt, ia dreyfach auszustehen haben wird, weil dieser Theil alsdenn wohl nicht mit Schoonung verfahren mag, die man doch immer von den Preussen wenn man mit ihnen übereinkommen wollte, zu hoffen hätte.

Will man nun um diesem Übel auszuweichen die andre Seite ergreifen, und des Königs Gründen womit er seinen Antrag unterstüzzt kein Gehör geben, so würde man folgende Maasregeln zu ergreifen haben.

[5] Gegenwärtig kan man stille seyn und abwarten, was der General Möllendorf entweder schrifftlich oder durch einen Offizier hierher gelangen lässt, da er auf das lezte an ihn erlassne Schreiben noch eine Antwort schuldig ist. Nach den neusten Nachrichten befindet er sich mit seinem Chor wieder in Böhmen, der Leutnant Reinbaben ist abgegangen und der Leutnant Monteton trifft wohl vor Ende des Monats nicht wieder ein; dadurch scheint man eine kleine Frist zu gewinnen, die man ia wohl zu nuzzen hat.

Zuerst wird man an Hanover, Maynz, Gotha, die übrigen Sächsischen Höfe schreiben, und ihnen vorlegen, dass es Ew. Durchl. bey gegenwärtigen Umständen, Pflicht, Gesinnung und Wunsch sey, Ihre Lande und Unterthanen vor den Beschweerden des benachbaarten Kriegs auf das möglichste zu schüzzen, und an denen öffentlichen Angelegenheiten keinen Theil als gesammt mit den übrigen Ständen des Reichs zu nehmen, Sie seyen es gewiss dass an iedem Hofe eben solche Gesinnungen herschten, und um desto mehr sey es zu bedauern, dass ohnerachtet dieser innerlichen Übereinstimmung man sich bisher nach einem gemeinschafftlichen Plan zu handeln noch nicht habe verstehen können, Durchl. seyen iezzo durch einen Vorgang bewogen mehr als iemals ein näheres Band mit den übrigen Fürsten zu wünschen und eine neue Überlegung der so nothwendigen Vereinigung unter sich zu veranlassen, da man preusischer Seits die Werbung[6] in Ihren Landen neuerdings verlangt habe. So wenig Sie im Falle seyen diese Fordrung wenn sie durchgesezzt werden wollte mit Nachdruck abzuweisen, so sehr wünschten Sie durch eine Verbindung mit wohlgesinnten Mitständen, deren Länder diesen, oder ähnlichen Unannehmlichkeiten ausgesezt seyen, solchen Zumutungen sich standhafft widersezzen zu können.

Dieser Schritt kann auf ieden Fall sogleich gethan werden, man mag sich in der Hauptsache entschliesen zu was man will, und er wird immer eine gute, wenn auch nicht hinreichende Würckung haben. Zu wünschen wär es dass andre glückliche Umstände zusammen träfen die Fürsten des Reichs aus ihrer Untätigkeit zu wecken, und sehr glücklich wär es wenn man durch die Noth gedrungen von hier aus zu einer geschwinderen Vereinigung beygetragen hätte.

Doch wird man mit der Entschliesung in der Hauptsache nicht auf die Antworten zu warten haben, weil man leider menschlicher Weise den Inhalt der eben nicht entscheidend seyn wird voraussehen kann.

Bleibt man also dabey sich dem Könige widersezzen zu wollen, so muss man sich vorbereiten, ehster Tage einen Werbeoffizier mit einem Commando, angemeldet oder unangemeldet erscheinen zu sehen, will man ihm alsdenn und dem Generale der ihn abschickt die Antwort geben: dass man ohnerachtet der königlichen Erklärung die Werbung nicht gestatten werde, und von dem Offizier verlangen dass er sich aus den[7] fürstlichen Landen wegbegebe, so wird man zum Voraus wohl zu überlegen und sich zu entschliesen haben, ob man im Weigerungs Fall ihn arretiren und aus dem Land bringen, und wie weit man mit der Gewalt wenn er sich widersezzen sollte gehen wolle. Solche Dinge die zwar schweer vorher zu bestimmen sind, müssen doch, weil sie vorausgesehen werden können, wohl überlegt werden, weil die augenblicklichen Entschlüsse in solchen Gelegenheiten, selten die Folgen zu Rathe ziehen.

Ist man also entschlossen, sich von dem ersten schwächeren Abgeschickten auf diese Weise zu befreyen, so entsteht die neue Frage was man thun will, oder vielmehr thun muss wenn sie mit verstärckter Gewalt wieder kommen.

Zwar lässt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit vermuthen, dass die Preusen selbst es zu einem öffentlichen unangenehmen Ausbruch nicht werden kommen lassen, und wenn sie Standhafftigkeit sehen, sich begnügen in der Stille zu necken, und hier und da einigen Abbruch zu thun. Doch kan es auch seyn dass der König durch den gegenwärtigen Mangel an Leuten gedrängt, über die Achtung hinausgeht, die er gern zu seinem eignen Vorteil für die Fürsten bezeigte. Da er wohl weis dass theils alle diese Sachen wenn sie zur Sprache kommen sich beschönigen lassen, theils auch dass solche Beschwerden unter dem Lärm des Kriegs, und unter den übrigen weit wichtigern,[8] mehrere Theilnehmer angehenden Vorfällen, sich verlieren.

Wäre dieses, so würde er seinen hinausgeschafften Werber mit verstärckter Macht wieder herein führen, man würde Truppen gleichsam auf Exekution hier und da einquartieren, die alsdenn auf Unkosten des Landes unterhalten werden müssten. Bey der Unordnung die solch ein Trupp verursacht, und unter seinem Schuzze würden alle Übel der Werbung sich gehäuft ausbreiten, und die Rache die dazu käme, würde alle Mäsigung aufheben, und alle Übereinkunft abweisen. Sie würden alsdenn mit offenbaarer Gewalt, brauchbaare, verheurathete, angesessene Leute mit wegnehmen, man würde den Unterthan vor Prellereyen und Bevortheilungen nicht schüzzen können.

Was alsdenn übrig bliebe, wäre, den sich an Reichstag zu wenden, woher man sich aber bey gegenwärtigen Umständen nur eine leere Theilnehmung zu versehen hätte, indess man durch die dringenden und bittren Beschweerden das gute Verhältniss zum königlich Preusischen Hause leicht gestört haben könnte.


4/778.


An Jean Antoine de Castrop

P. P.

Aus beygehender Copia gnädigsten Rescripts werden der Herr Hauptmann ersehen, was für eine Einrichtung[9] beym Wegbau Serenissimus für die Zukunft zu treffen geruhet. Ich erwarte also die vorläufig mir ausgebetene Verzeichnisse mit Verlangen und wünsche Sie morgen früh bey mir zu sehn, um über das nothwendigste uns besprechen zu können.

Weimar den 1. Februar 1779.

Goethe.


4/779.


An Charlotte von Stein

Sehen Sie das Portrait des Menschen der wenn er bey uns wäre verlangen würde, dass Sie ihn lieber haben sollten als mich. Die Wittrung von Frühlingslufft hat mich heut früh recht lebendig gemocht, ich bin im Garten herumgesprungen, meine Bäume besehen, habe mich der Zeiten erinnert da ich sie pflanzte und wie nun die gewünschten und gehofften Zeiten da sind, wo sie gedeyen, gefühlt. Gebe uns der Himel den Genuss davon, und stäube allen Ackten und Hofstaub um uns weg. Adieu liebste. Ich möchte gern heut nicht mit Ihnen essen, es wird aber doch wohl nicht anders werden. d. 2. Febr. 1779.

G.


4/780.


An Charlotte von Stein

Gute Nacht allerliebste. Ich muss mich wieder an meine Wohnung gewöhnen. Eigentlich käm ich[10] lieber zu Ihnen. Schicken Sie mir ein bisgen zu Essen. d. 8. Febr. 79.

G.


4/781.


An Charlotte von Stein

Mit einer guten Nacht, schick ich noch zwey aufkeimende Blumen. Von unserm Morgen werden Ihnen die Gras und Wasser Affen erzählt haben. Den ganzen Tag brüt ich über Iphigenien dass mir der Kopf ganz wüst ist, ob ich gleich zur schönen Vorbereitung lezte Nacht 10 Stunden geschlafen habe.

So ganz ohne Sammlung, nur den einen Fus im Steigriemen des Dichter Hippogryphs, wills sehr schweer seyn etwas zu bringen das nicht ganz mit Glanzleinwand Lumpen gekleidet sey. Gute Nacht Liebste. Musick hab ich mir kommen lassen die Seele zu lindern und die Geister zu entbinden. d. 14. Febr.

G.


4/782.


An Jakob Friedrich von Fritsch

Da ich den ohnzielsezlichen Vorschlag wegen der Auslesung Serenissimo vorlegte, haben dieselben mich hierzubleiben befehligt. Sie wollen hoffen dass Boigt in iezziger Crise sich der Gnade die Sie für ihn tragen nicht ganz unwürdig machen werde, haben mir auch aufgetragen ihn deswegen zu verwarnen. Es bleibt[11] mir also nichts übrig als nach dem Befehl heute die nötigen Einrichtungen zu treffen. W. d. 20. Febr. 1779.

G.


4/783.


An Charlotte von Stein

Meine Seele löst sich nach und nach durch die lieblichen Töne aus den Banden der Protokolle und Ackten. Ein Quatro neben in der grünen Stube, sizz ich und rufe die fernen Gestalten leise herüber. Eine Scene soll sich heut absondern denck ich, drum komm ich schwerlich. Gute Nacht. Einen gar guten Brief von meiner Mutter hab ich kriegt. d. 22. F. Abend.

G.


4/784.


An Charlotte von Stein

[Ende Februar.]

Das mir zugedachte Abendbrod hab ich in Ihrer Stube verzehrt, hab auch an meiner Iph. einiges geschrieben, und hoffe immer mehr damit zu Stande zu kommen. Gute Nacht. Liebste.

G.


4/785.


An Charlotte von Stein

Mit meiner Menschenglauberey bin ich hier fertig und haben mit den alten Soldaten gegessen, und von[12] vorigen Zeiten reden hören. Mein Stück rückt. Lassen Sie mich hören dass Sie wohl sind und mich lieb haben. Der Herzog weis wo ich ieden Tag bin. Grüßen Sie ihn. Adieu. Jena d. 1. März 1779.

G.


4/786.


An Charlotte von Stein

Dornburg d. 2. März. Wenn ich an ein Ort komme wo ich mit Ihnen gewesen bin, oder wo ich weis dass Sie waren, ist mir's immer viel lieber. Heut hab ich im Paradiese an Sie gedacht, dass Sie drinn herumgingen eh Sie mich kannten. Es ist mir fast unangenehm dass eine Zeit war wo Sie mich nicht kannten, und nicht liebten. Wenn ich wieder auf die Erde komme will ich die Götter bitten dass ich nur einmal liebe, und wenn Sie nicht so feind dieser Welt wären, wollt ich um Sie bitten zu dieser lieben Gefährtinn. Noch etwas hätten Sie mir mit geben können, einen Talisman mehr, denn ich habe wohl allerley und doch nicht genug. Wenn Sie ein Misel wären hätt ich Sie gebeten das Westgen erst einmal eine Nacht anzuziehn und es so zu transsubstantiiren, wie Sie aber eine weise Frau sind muss ich mit dem Calvinischen Sakrament vorlieb nehmen.

Knebeln können Sie sagen dass das Stück sich formt, und Glieder kriegt. Morgen hab ich die Auslesung, dann will ich mich in das neue Schloss[13] sperren und einige Tage an meinen Figuren posseln. Am 5ten treff ich in Apolda ein, da verlang ich aber einen Boten von Ihnen zu finden, und viel geschriebnes, und sonst allerley Sachen.

Jetzt leb ich mit den Menschen dieser Welt, und esse und trincke spase auch wohl mit ihnen, spüre sie aber kaum, denn mein inneres Leben geht unverrücklich seinen Gang.

Indem ich das Blat umwende bedenck ich dass ich Ihnen diesen Brief gleich schicken, und morgen um diese Zeit schon Antwort von Ihnen haben kan. Wenn sie einigermassen können schreiben Sie mir Biel. Grüsen Sie den Herzog. Adieu Liebste. Schreiben Sie mir dass Sie wohl sind. Adieu.

Abends halb neune.

G.


Nach Apolda erwart ich eben auch einen Brief von Ihnen.


4/787.


An Philipp Seidel

Der Bote muß warten bis du von der Frau v. Stein Antwort kriegst, sollte etwas vorgefallen seyn so melde mirs und schicke ein Packet das von Gera gekommen ist zugleich mit. Dornburg d. 2. März.

G.[14]


4/788.


An Charlotte von Stein

Dornb. d. 4ten März 79.

Auf meinem Schlössgen ist's mir sehr wohl, ich habe recht dem alten Ernst August gedanckt dass durch seine Veranstaltung an dem schönsten Plaz, auf dem bösten Felsen eine warme gute Stäte zubereitet ist.

Wenn nur die Fürsten seyn könnten wie Bürger wo doch einer des Vaters Gartenhäuser wenn er einigermassen kan in Baulichem Wesen erhält. Doch ist's wohl in allen Ständen so dass unsre Wünsche uns hin und her schleudern, wir was wir besizzen drüber verschleudern, und nicht eh achten lernen bis es fort ist.

Die Tage sind sehr schön, die Gegend immer allerliebst. Wenns grün wird wollen wir mit Herders hin.

Mit denen Leuten leb ich, red ich, und lass mir erzählen. Wie anders sieht auf dem Plazze aus was geschieht als wenn es durch die Filtrir Trichter der Expeditionen eine Weile läufft. Es gehn mir wieder viele Lichter auf, aber nur die mir das Leben lieb machen. Es ist so schön dass alles so anders ist als sich's ein Mensch dencken kan. Noch hab ich Hoffnung dass wenn ich d. 11ten oder 12ten nach Hause komme mein Stück fertig seyn soll. Es wird immer[15] nur Skizze, wir wollen dann sehn was wir ihm für Farben auflegen.

Um die Einsamkeit ists eine schöne Sache wenn man mit sich selbst in Frieden lebt, und was bestimmtes zu thun hat.


4/789.


An Carl Ludwig von Knebel

Ehrlicher alter Herr König ich muss dir gestehen dass ich als ambulirender Poeta sehr geschunden bin, und hätt ich die paar schönen Tage in dem ruhigen und überlieblichen Dornburger Schlössgen nicht gehabt so wäre das Ey halb angebrütet verfault.

Denn von hier an seh ich keine gute Hoffnung, vielleicht in Alstädt! Doch sind die guten Geister offt zu Hause wo man sie nicht vermuthet. Hier machen mich den ganzen Abend ein paar Hunde toll, die ich mit Befehlen und Trinckgeldern nicht stillen kan.

Lass etwas von dir hören. Montags den 8ten bin ich in Buttstädt, sag es der Stein vielleicht giebt sie was mit, dahin schick mir etwa einen Boten mit irgend einer Narrensposse, dass meine Seele ergözt werde. Dafür bring ich euch auch was mit dass der König und die Königinn sagen sollen mein liebes Löwgen brülle noch einmal.

Apolde d. 5ten [März] Abends.

G.[16]


4/790.


An Charlotte von Stein

Apolda d. 5. [März] Abends. Sie haben sehr wohlgethan mir ein Briefgen hier einzulegen, denn ich hatte mir unterweegs vorgenommen böse zu werden wenn ich nichts von Ihnen anträfe. Ihr Bote ist schon wieder fort. Mein Coffre ist noch nicht ausgepackt drum schreib ich auf ein ander Blätgen.

Besser hätt ich gethan noch heut in Dornburg zu bleiben da wars schön, offen und ruhig. Hier ist ein bös Rest und lärmig, und ich bin aus aller Stimmung. Kinder und Hunde alles lärmt durch einander, und seit zwölf uhr Mittag lass ich mir schon vorerzählen von allen Menschen, eins ins andre, das will auch wieder theils vergessen, theils in sein Fach gelegt seyn. Mir ists auf dieser ganzen Wandrung wie einem der aus einer Stadt kommt wo er aus einem Springbrunnen auf dem Marckte lang getruncken, in den alle Duellen der Gegend geleitet werden, und er kommt endlich spazierend einmal an eine von diesen Quellen an ihrem Ursprung, er kann dem ewig rieselnden Wesen nicht genug zusehn und ergözt sich an denen Kräutern und Kieseln. Meine Gedancken spielen ein schön Conzert, und Gott geb Ihnen einen guten Abend, sagen Sie dem Herzog dass ich mancherley mitbringe, dass sich der Schimmel gut hält, biss aufs scheuen, und dass ich ihm so viel[17] freye Luft und gutes leben wünsche wie mir. Grose Lust hätt ich morgen zu Ihnen hinein zu reiten. Will mich aber halten.

G.


4/791.


An Charlotte von Stein

[Apolda] d. 6 März.

Den ganzen Tag war ich in Versuchung nach Weimar zu kommen, es wäre recht schön gewesen wenn Sie gekommen wären. Aber so ein lebhafft Unternehmen ist nicht im Blute der Menschen die um den Hof wohnen. Grüsen Sie den Herzog und sagen ihm dass ich ihn vorläufig bitte mit den Rekrouten säuberlich zu verfahren wenn sie zur Schule kommen. Kein sonderlich Vergnügen ist bey der Ausnehmung, da die Krüpels gerne dienten und die schönen Leute meist Ehehafften haben wollen.

Doch ist ein Trost, mein Flügelmann von allen (11 Zoll 1 Strich) kommt mit Vergnügen und sein Vater giebt den Seegen dazu.

Hier will das Drama gar nicht fort, es ist verflucht, der König von Tauris soll reden als wenn kein Strumpfwürcker in Apolde hungerte.

Gute Nacht liebes Wesen. Es geht noch eben ein Husar.

G.[18]


4/792.


An Philipp Seidel

[Apolda, 7. März.]

Ich schicke dir zwey Dukaten zu den Currenten ausgaben das andre mag warten. Hast du denn das Geld von Rath Bertuch gekriegt davon 25 rh. zu Flachs bestimmt waren, und hat der Lynckerische soviel gekostet?

Hast du mir etwas zu melden so gieb es dem Hauptmann Castrop mit der heute d. 7ten oder Morgen früh nach Buttstett. Alsdenn müssen die Sachen liegen weil ich nach Alstedt gehe. D. 11ten bin ich wieder in Weimar.

G.


4/793.


An Charlotte von Stein

Apolda d. 7ten März früh.

Nun entfern ich mich wieder auf meiner Bahn von Ihnen und gehe auf Buttstädt, d. 9ten auf Alstädt und den 11ten wieder zurück. Leben Sie wohl indess, dencken Sie an mich. Hier war gar kein Heil, und eine Scene plagt mich gar sehr, ich dencke wenn's nur einmal angeht, dann rollts wieder hintereinander. Grüsen Sie den Herzog und Steinen. Der Schleusingen auch einen guten Morgen. Ich habe Knebeln geschrieben er soll mir etwas nach Buttstädt schicken. Geben Sie auch was mit.

[19] Lavatern hab ich immer ausgelacht dass er auf seinen Reisen iede Viertelstunde an die seinigen schrieb, und mit ieder Post Briefe und Zettelgen erhielt, worauf eigentlich nichts stund, als dass sie sich wie vor vier Wochen noch immer herzlich liebten.

Und nun könnte man auch lachen.

Adieu lieber Engel.

G.


4/794.


An Charlotte von Stein

Knebel war gar brav dass er kam. Sie kriegen noch einen Brief von mir, der bey Philipp liegen blieb weil ich die Adresse vergessen hatte. Das Wetter ist sehr schön. Adieu lieber Engel. Lassen Sie sich von Knebeln erzählen er wird nicht viel sagen. Morgen geh ich nach Alstädt. [Buttstädt] d. 8. März 1779.

G.


4/795.


An den Herzog Carl August

Buttstädt d. 8. März 79 auf dem Rathhause.

Indess die Pursche gemessen und besichtigt werden will ich Ihnen ein Paar Worte schreiben. Es kommt mir närrisch vor da ich sonst in der Welt alles einzeln zu nehmen und zu besehen pflege, ich nun nach der Phisiognomick des Reinischen Strichmaases alle Junge Pursche des Lands klassifizire. Doch muss ich[20] sagen dass nichts vortheilhaffter ist als in solchem Zeuge zu kramen, von oben herein sieht man alles falsch, und die Dinge gehn so menschlich dass man um was zu nuzzen sich nicht genug im menschlichen Gesichtskreis halten kan.

Übrigens lass ich mir von allerley erzählen, und alsdenn steig ich in meine alte Burg der Poesie und koche an meinem Töchtergen. Bey dieser Gelegenheit seh ich doch auch dass ich diese gute Gabe der himmlischen ein wenig zu kavalier behandle und ich habe würcklich Zeit wieder häuslicher mit meinem Talent zu werden wenn ich ie noch was hervorbringen will.

Nach Weimar wär ich vorgestern gern gekommen, es war mir vor der Zerstreuung bange.

Lassen Sie das kleine menschliche Wesen nur erst ein bissgen herankommen. Die Umstände erziehen alle Menschen, und man mache was man will die verändert man nicht. Lassen Sie's nie an der väterlichen Sorgfalt mangeln dass wirs nur gesund erhalten, bis es eine Menschenstimme vernimmt, werden wir noch manches drüber zu dencken und zu reden veranlasst werden.

Gott gebe uns den äussern und innern Frieden, so wird Ihnen und Ihrem Land noch gut zu helfen seyn.

Ich habe mir allerley gemerckt lustigs und ernsthafftes das ich zu erzählen habe.

[21] Über diesem hat mich Knebel angetroffen der mir hat grosen Spas gemacht.

Leben Sie wohl. Er wird mehr erzählen. Morgen früh geh ich nach Allstädt.

G.


4/796.


An Carl Ludwig von Knebel

[14. März.]

Die Lust die ich diese acht Tage her in Betrachtung und Bildung meines Stücks gehabt habe, ist in ihrem Laufe, durch die Abneigung gehemmt worden, die du mir gestern gegen das Erscheinen auf dem Theater, mit unter hast sehn lassen. Wenn du dich bereden kanst mit mir auch noch dieses Abenteuer zu bestehen, einigen guten Menschen Freude zu machen und einige Hände Salz ins Publikum zu werfen, so will ich muthig ans Werck gehn. Ist aber dein Widerwille unüberwindlich so mag es auch mit andern ernstlicheren Planen und Hoffnungen in die stille Tiefe des Meeres versincken.


4/797.


An Charlotte von Stein

[15. März.]

Gut denn so wird mir ein Weeg gespaart, dafür mein Schimmel unterthänig danckt. Ich esse in Tiefurt und wenn die iunge Frau zu Tisch kommt so erwarten wir die alte zum Gouté. Addio und besten guten Morgen beyden.

G.[22]


4/798.


An Carl Ludwig von Knebel

Weimar, den 15. März.

Hier sind die drei Akte der Iphigenia; lies sie Herdern und Seckendorfen. Letzterem gieb sie mit unter der Bedingung der Stille.

Nimm doch auch ja den Prinzen Constantin vor, und leg ihm seine Scenen ein bischen aus und steh ihm mit gutem Rathe bei.

Adieu. Ich komme nicht eher von Ilmenau wieder, bis das Stück fertig ist.

G.


4/799.


An Charlotte von Stein

Einen guten Abend geb ich Ihnen durch den alten Hofmechanikus.

Mein Ritt war gut, unterweegs gute Wirthsleute.

Durch eine Dummheit von Philipp kam ich erst nach 10 aus Weimar und konnte Sie doch nicht sehn.

Grüsen Sie Frizzen, und halten Sich gesund und lassen nicht die Ärzte überhand nehmen. Ilmenau, d. 16. März 79.

G.


Eine ganze halbe Stunde hab ich mich noch mit Ihnen unterhalten, kanns aber nicht zu Papier bringen.[23]


4/800.


An Charlotte von Stein

Den ganzen Tag bin ich in allerley Händeln herumgeschleppt worden, und der Abend ist mir ohne viel dramatisches Glück hingegangen. Nur die wenigen Worte zur Erinnerung, dass Sie nicht ferne werden.

d. 17. März 1779 Ilmenau.

G.


4/801.


An Charlotte von Stein

Da mir Worte immer fehlen Ihnen zu sagen wie lieb ich Sie habe, schick ich Ihnen die schönen Worte und Hieroglyphen der Natur mit denen sie uns andeutet wie lieb sie uns hat.

d. 24. März 1779.

G.


4/802.


An Johann Friedrich Krafft

Diesen Monat bin ich wenig nach Hause gekommen und finde nunmehr Ihren Aufsatz. Ihrer Noth habe ich nicht vergessen. In Ilmenau hab ich mich nach einem Aufenthalt für Sie umgethan und das nothwendige würden Sie daselbst für 100 Thlr. haben, wofür ich mich von Viertel- zu Vierteljahren verbürgen würde; einiges Taschengeld würde sich denn[24] auch finden. Nur muß ich Ihnen aufrichtig wiederholen, zu keinem guten Dienste kann ich Ihnen nicht Hoffnung machen; sollten Sie mir in herrschaftlichen Aufträgen, deren ich in jener Gegend habe, an Hand gehen können; so würde ich im Falle sein, Ihnen auch etwas dafür zu reichen, es wäre eine Erleichterung und ein Anfang. Vielleicht fügt sich etwas weiter. Ihre Wohnung wäre in einem Bürgerhaus, allein Ihr Tisch auswärts bei andern rechtdenkenden braven Leuten, Jedermann würde Ihnen gut begegnen und es wäre wenigstens ein Schritt näher. Denn in Lotterie-Sachen ist wohl schwerlich bei uns zu hoffen. Dabei gesteh ich Ihnen, daß ich wünsche, daß das Wenige, was Sie von mir haben, in des Herzogs Landen verzehrt werde, da ich es von daher nehme.

Hier schick ich das Osterquartal, sehe aber wohl, daß Sie die Zeit her wieder schuldig worden sein werden, und daß es höchstens zur Reise hinreichen mag.

Entschliesen Sie sich bald. Der Vorschlag wird Sie wenigstens der Ruhe näher bringen, wenn er Ihnen auch weiter keine Aussichten giebt, an äußerlicher Achtung und Wartung in Krankheit wird's Ihnen nicht fehlen. Wir hoffen, daß das Bergwerk wieder in Umtrieb kommen soll, vielleicht giebt's dabei etwas zu thun. Um alsdenn empfohlen werden zu können, ist's nothwendig, daß Sie schon einige Zeit im Lande sind. Antworten Sie mir bald, erkundigen[25] Sie sich nach dem Wege. Alsdenn sollen Sie das Nähere von mir hören.

Ihre Schrift über Lottos ist recht sehr gut, sie zeugt von Ihren guten Einsichten und Gesinnungen.

Ich darf Ihnen die Geduld empfehlen, da Sie überzeugt sind, daß ich gern das Mögliche für Sie thue.

Weimar, den 26. März 1779.

G.


4/803.


An Charlotte von Stein

Ob Sie gleich gar nicht artig sind schick ich Ihnen doch zum freundlichen Guten Morgen, eine Blume wie sie der schöne Regen heraus gelockt hat. d. 10. Apr. 1779.

G.


4/804.


An Charlotte von Stein

Deine Grüse hab' ich wohl erhalten

Liebe lebt iezt in tausend Gestalten,

Giebt der Blume Farb und Duft

Jeden Morgen durchzieht sie die Lufft,

Tag und Nacht spielt sie auf Wiesen in Hainen,

Mir will sie offt zu herrlich erscheinen,

Neues bringt sie täglich hervor

Leben summt uns die Biene ins Ohr

Bleib ruf ich offt Frühling man küsset dich kaum

Engel so fliehst du wie ein schwankender Traum

[26] Immer wollen wir dich ehren und schäzzen,

So uns an dir wie am Himmel ergözzen.

d. 19. Apr. 1779.

G.


4/805.


An Charlotte von Stein

Soll mans gut oder bös deuten wenn man die kindischten Empfindungen nicht los werden kan. Ich gönne und wünsche Ihnen immer Freude, und dass Sie eine kleine Lust ohne mich geniessen macht mir einen Tag üblen Humor. Dass so viel selbstisches in der Liebe ist und doch was wär sie ohne das. Ich habe mich in die Büsche an der Strase versteckt um Sie herein fahren zu sehen, um wenige Minuten hätt ich ganz nah bey Ihnen verborgen stehen können, ich kam zu spät und musste in der Ferne bleiben. Wenn sie mit mir wäre dacht ich genösse sie des schönen Abends der über alles schön ist, nun fährt sie im Staub hinein. Doch weis ich dass Sie sich mein Andenken nicht aus der Seele rasseln noch musiciren lassen. Dass ich so viel schreibe ist wohl ein Zeichen dass mir nicht wohl ist. Adieu liebstes Herz. Ich schicke Ihnen das verlangte. Kommen Sie morgen ia in Garten. d. 20. Apr. 1779.

G.[27]


4/806.


An Charlotte von Stein

Noch einen guten Morgen. Der Tag kommt nach dem wenigen Regen unendlich schön, das Grün wird satter und die Gegend treibt sich in die Fülle. Ein recht willkommner Anblick dem der mit Gedancken aufwacht an das was er liebt. Adieu liebste.

d. 21. Apr. 1779.

G.


4/807.


An Charlotte von Stein

[Jena, 22.? April.]

Nur ein Wort auf dies Papier und das alte, dass ich Sie liebe, und Sonnabends früh wiederkomme. Wenn Sie unten umgehen, bin ich bey Ihnen. Wir sind überall herumgezogen und Herber ists nicht wohl in dieser Lufft geworden.

G.


4/808.


An Charlotte von Stein

Erst wollt ich noch zu Ihnen, nun heist mich das Wetter häuslich seyn am Caminfeuer drück ich mich und höre dem Sausen zu und dem spizzen Regen. Wenn Sie da wären liesse sich's schön schwäzzen.

d. 24. Apr. 1779.

G.[28]


4/808a.


An den Herzog Carl August

P. P.

Ew. pp. haben mittelst gnädigsten Rescripts vom 19. Januar des jetztlaufenden Jahres mir die Direction des hiesigen Land-Straßen-Baues, so wie solcher in vorigen Zeiten Höchstdero Cammer Praesident von Kalb über sich gehabt, und nachhero die Aufsicht über das hiesige Stadt-Pflaster Bauwesen und der um die Stadt gehenden Promenaden zu übertragen, huldreichst geruht.

Durch dieses in mich gesezte gnädigste Vertrauen von dem ohnbegrenztesten Eyfer belebet, habe ich, um den Befehlen Ew. pp. überall die schuldigste Folge leisten zu können, von dem dermahligen Bestand der Straßen-Bau-Casse erforderliche Erkundigung eingezogen, solchen aber, der aus dieser, wegen in vorigen Jahren geschehenen Baue und Besserungen, gegangenen Vorschüsse halber für dieses Jahr von sehr geringer Erheblichkeit befunden.

Wegen zweckmäßiger Verwendung nur bemerckter Casse bleibenden Gelder habe ich nun, mit Zuziehung des Ingenieurs und Artillerie Hauptmanns de Castrop diejenige Disposition, welche Ew. p. ich hierdurch im Anschluß unterthänigst überreiche, getroffen.

Aus solchen wird Höchstdenenselben gehorsamst vorgetragen werden können, wie daß die Haupt- und allzusehr ins Geld gehende Reparaturen vorerst noch ausgesezt zu lassen und in diesem Jahre nur die geringere,[356] nicht allzuviel betragende höchstnöthige Besserungen um deswillen vorzunehmen seyn werden, weil nach Abzug des gedachten Vorschusses und der jährlichen ordinairen Posten das sehr mäßige Quantum von 1555 Rthlr. 9 gr. 11 Pf. zu Unterhaltung sämtlicher Heer-Gleits-Straßen übrig bleibt, mithin auf jede einzelne Straße nur ein sehr weniges verwendet werden kann.

Ew. pp. höchsten Entschließung und huldreichster Genehmigung unterwerfe ich jedoch alles dieses in demjenigen Gehorsam, in dessen Gefolg ich nach Ablauf des Jahres schuldigst nicht verfehlen werde, eine Bilance von den vorgenommenen Straßen-Bau, und Reparaturen nebst einer Specification derjenigen Stücke, wohin die aufgegangene Kosten verwendet worden, nicht minder anderweites Verzeichniß von denen Land Straßen und Brücken die im folgenden Jahre durch neue Besserung in Stand zu sezen und was nach Beschaffenheit der Umstände und des Cassen Etats neu zu bauen seyn möchte, in tiefster Ehrfurcht vorzulegen.

Geruhen doch übrigens Ew. p. die devoteste Versicherung von mir anzunehmen, daß auch bey dieser mir gnädigst übertragenen Incumbenz Höchsderoselben höchstes Interesse ich überall nach allen meinen Kräfften zu befördern, und dadurch diejenige ohnverbrüchlichste Treue zu bewähren suchen werde, mit welcher ich zu ersterben die Gnade habe

Ew. pp.

Weimar d. [25.] Aprill 1779.[357]


4/808b.


An Jean Antoine de Castrop

Die Esplanade wird nicht allein in den Hauptgängen sehr verfahren sondern sie wenden sogar durch den Rasen und fahren die Pfäle um. Sehen Sie es doch an, lassen die Pfäle wieder sezzen und sagen mir ihre Gedancken.

G.[358]


4/809.


An C. L. A. von Scholley

P. P.

Wie sehr wünscht ich dass Ew. Hochwohlgeb. schon auf mein erstes voriähriges Schreiben die Hindernisse angezeigt hätten die der Befriedigung des Herrn von Salis und der Auszahlung des Legates an mich nach Ihren Gedanken im Weege stehn, so würde wohl diese Sache gegenwärtig ein erwünschtes Ende erreicht haben. Erlauben Sie dass ich zu Bestimmung und Berichtigung der Begriffe hierin einige bekannte Umstände nochmals wiederhole.

Als mein seeliger Freund den Peter im Baumgarten seiner damals noch lebenden Mutter abnahm, war es sein Vorsaz und Versprechen dem Knaben eine gute Erziehung zu geben und ihn in den Stand zu sezen sein Brod zu verdienen und mit wohlgebrauchten Fähigkeiten sein Glük in der Welt zu machen. Er that ihn deswegen zuerst nach Marschlins und übergab ihn der Fürsorge des Herrn von Salis dem er eine iährliche Pension dafür zu zahlen versprach.

Als er darauf Europa verlies war es seine Sorge dass nach seinem Tode den er sich immer vermuthete das bei dem Knaben angefangene nicht verlohren gehn und er wieder in die weite Welt gestossen werden möge. Er suchte also den Herrn von Salis auch für die Zukunft in Sicherheit zu sezen, und bat seine[29] hinterbleibende Schwestern diesem Pflegevater des Knabens zwei tausend Thaler nach Abzug der ersten Pension auszuzahlen die auf dessen Erziehung verwendet werden sollten.

Die Schwestern meines seeligen Freundes waren grosmütig genug, den lezten Willen, der sie rechtlich nicht verband ohne Schwierigkeit anzuerkennen und Petern im Baumgarten das Legat zuzugestehen. Wäre dieser Knabe bei dem Herrn v. Salis in Marschlins geblieben so war nach der ausdrüklichen Intention des Verstorbenen diesem Manne zu Erleichterung der Erziehungslast als dem eigentlichen Vormunde und nicht etwa den noch lebenden Eltern gedachtes Legat, auszuzahlen, und dieser hatte, nicht aber die Eltern oder sonst iemand anders aller übrigen Ansprüche zu entsagen, und eine gültige Quittung auszustellen. Der Umstand ist in nichts verändert als dass ich nach verschiedenen Schiksalen diesen Knaben aufgenommen habe. Der Herr v. Salis begnügt sich also mit dem was der Knabe ihm schuldig geworden und weisst Ew. Hochwohlgeb. mit der Auszahlung des übrigen Legates wohlbedächtlich an mich.

Aus Liebe zu meinem seeligen Freunde der mir vor seiner Abreise diesen Knaben so oft und dringend empfohlen als wenn er hätte voraus ahnden können wie es dem Kinde nach seinem Tode ohnerachtet seiner zärtlichen Vorsorge gehen würde nahm ich ihn vor zwei Jahren zu mir und sorgte so viel mir die Umstände[30] erlaubten in meinem Hause selbst für ihn. Auf ausdrükliche Versicherung der Frau v. Lindau zu Woumnen Ew. Hochwohlgeb. selbst, dass das Legat baldigst an mich ausgezahlt werden sollte, wendete ich zunehmend mehr an ihn. Ich habe diese Zeit her ihn in allem erhalten, die nöthige Lehrmeisters bezahlt ihn etlichemal gekleidet und da er iezo in Ilmenau die Jägerei erlernt bin ich vierteliährig in dem Fall immer wachsende Rechnungen für ihn zu bezahlen.

Dies alles hab ich vorschussweise aus meinem Beutel gethan. Von den übrigen Freunden des seeligen Lindau, denen er den Knaben auch mit empfohlen hatte, die sich zu einer Zubusse willig erklärten, konnte ich nichts annehmen, weil ich es vor unschiklich hielt, dass der Liebling meines Freundes vor den er selbst gesorgt hatte von der Gnade anderer leben sollte. Wer ist also des Knaben Vormund wenn ichs nicht bin? Der Herr v. Salis erkennt mich als seinen Nachfolger und weisst die Auszahlung des Legats an mich. Ich habe auf alle Weise den Willen meines seeligen Freundes erfüllt und es ist nicht abzusehen wie dessen entfernte Mutter nur irgend in dieses Geschäfte mit gezogen werden könnte.

Indessen verarg' ich Ew. Hochwohlgeb. nicht dass Sie so sicher als möglich dieses Geschäft zu beendigen wünschen. Deswegen hab ich von meiner Seite einen hiesigen treflichen Rechtsgelehrten um seine Meinung gefragt welche Sie aus beigehendem Promemoria einsehen[31] werden. Ich bitte ein gleiches auch von Ihrer Seite zu thun und ich zweifle ob iemand anders aussprechen wird, als dass an mich die quäst. Gelder auszuzahlen seien und eine von mir ausgestellte Quittung darüber zur Sicherheit Ew. Hochwohlgeb. und der Schwestern des Erblassers völlig hinreiche.

Der lezte in dem Promemoria gethane Vorschlag, dass ich mich oder einen andern bei hiesiger fürstlicher Regierung als Vormund solle bestellen lassen, ist mir zwar unangenehm, indem es sich nicht ganz ziemen will, dass ich wegen der kleinen auszugebenden Summen iährlich genöthigt seie diesem Collegio Rechnung abzulegen doch bin ich auch bereit wenn es erfordert wird auch diesen Weeg einzuschlagen so sehr der bisherige Treu und Glaube womit ich auf die Bitte meines seeligen Freunds und auf Ew. Hochwohlgeb. erste unbestimmte Versicherung mich diesem Geschäft unterzogen mir ein uneingeschränktes Zutrauen für die Zukunft erweken sollten. Ich habe seit den ersten Monaten was ich für diesen Knaben baar ausgelegt aufgezeichnet und werde damit fortfahren, ich mag nun solche Rechnung iährlich einem Gerichte, oder dem Knaben selbst in reifern Jahren vorzulegen haben.

Es falle Ew. Hochwohlgeb. Entschliessung aus wohin sie wolle so bitte ich um baldigste Antwort damit nicht der Knabe wider des seeligen Lindaus und seiner edlen Schwestern Willen und meinen ernstlichen Vorsaz in seinen besten Jahren behindert werde. Denn[32] ob ich ihm gleich wie bisher am nothwendigen nichts werde fehlen lassen so bin ich doch genöthigt mit manchem nüzlichen zurükzuhalten.

Mit der völligen Ueberzeugung dass meine gegenwärtige Erklärung iedes Hindernis aus dem Wege räumen wird nenne ich mich mit vollkommenster Hochachtung p.

Ew. Hochwohlgeb.

Weimar d. 26. Apr. 1779.

ganz gehorsamster Diener


4/810.


An Wilhelmine von Beaulieu-Marconnay

Hochwohlgeb. gnädige Frau.

Aus den Beilagen werden Ew. Gnaden ersehen was Herr v. Scholley wegen Peters im Baumgartens, das zu dessen Erziehung von dero seeligem Herrn Bruder meinem Freund ausgesetzte Legat betreffend, neuerdings an mich geschrieben, was ich demselbigen geantwortet und wie ich die Meinung eines Rechtsgelehrten über diesen Fall hinzugefügt.

In gedachten Papieren ist die Sache so weitläufig auseinander gesezt dass ich Hochdieselben mit keiner weitern Ausführung zu beschweeren habe, nur die Bitte füge ich hinzu dass es Ew. Gnaden gefällig sein möge das Ihrige zu endlicher Berichtigung dieses Geschäfts gütigst beizutragen und so den angelegentlichsten[33] Wunsch dero verstorbenen Herrn Bruders meines werthen Freundes wirklich zu erfüllen und die edeln Gesinnungen die Sie in Annahme seines lezten Willens gezeigt auch nunmehro zum Werk zu bringen, der ich mit aller Hochachtung mich unterzeichne.

Ew. Hochwohlgeb.

Weimar d. 26. Apr. 1779.

ganz gehorsamster Diener


4/811.


An Karl Ulysses von Salis

Hochwohlgeb. Hochgeehrtester Herr.

Aus den Beilagen werden Sie ersehen was

a) nach langem Zögern Herr von Schollei zu Malsfeld neuerdings an mich geschrieben, was

b) ich ihm sogleich darauf geantwortet und wie ich

c) die Gedanken eines Rechtsgelehrten dazu gefügt. Auch

d) der Frau von Markonai eine Abschrift dieser Papiere zugeschikt.

Da Sie in der weiten Entfernung wegen dieser unangenehmen Sache doch einigermassen in Verlegenheit sein müssen habe ich es vor meine Schuldigkeit erachtet Ihnen von der gegenwärtigen Lage umständliche Nachricht mitzutheilen. Was für eine Antwort ich erhalte und was weiters vorkommen wird werde ich auch sogleich übersenden. Ich empfehle mich zu[34] gütigem Andenken und unterzeichne mich mit wahrer Hochachtung

Ew. Hochwohlgeb.

Weimar d. [26.] Apr. 1779.

ganz gehorsamster Diener


4/812.


An Johann Gottfried Herder

[Anfang Mai?]

Hier lieber Bruder das Hamanns. Mich dünckt hätte nichts liebers und herrlichers von ihm gelesen. Der Brief au Salomon ist nun ganz ohne gleichen. Seine Briefe kriegst auch.

Hier noch eine Rattenjagd von Lenz, ein Puppenspiel von mir. und ich küss euch Adieu.

Habe noch keinen guten Tag gehabt die Offenbahrung zu lesen. Heut wirds wieder nicht. d.


4/813.


An Charlotte von Stein

Es hat mich verdrossen dass ich von fremden Leuten hören muss dass Sie doch noch nach Gotha gehn, ich habe mich lächerlich gemacht mit der gewissen Behauptung Sie gingen nicht. Weil ich nun nichts auf Sie haben kan wenn ich Sie sehe will ich mich verstecken und Sie nicht sehn und Picks haben bis Sie wiederkommen.[35] Reisen Sie indessen glücklich, und seyn Sie vergnügt und grüsen Sie Steinen.

d. 7. May 79.

G.


Ich seh Sie wohl auf dem Paradeplaz iezzo mit der Herzogin stehn aber ich will doch nicht hinauf gehn.


4/814.


An Charlotte von Stein

Von Ihnen kan ich doch nicht wegbleiben. Vergebens dass ich dencke das Wasser soll einen Fall irgend wohin nehmen, werd ich immer wie ein Kloz auf dem See auf einem Fleck herumgespült.

Blumen schick ich Ihnen und einige Früchte. Knebel liest im Pindar, der Herzog wird wegreiten und ich bleiben. Essen Sie meine Spargel und dencken an mich. Adieu. Tiefurt d. 12. May 1779.

G.


4/815.


An Charlotte von Stein

Ihr Frühstück hab ich noch in Tiefurt genossen. Knebel danckt fürs Andencken. Dass Sie's durch mich gegeben haben war auch freundlich, denn ich hätte doch sonst einige Eifersucht gehabt ob ich schon das grösere Herz gekriegt habe. Zu Tische kom ich bald. Hier schick ich indess ein doppelt A. Ich möchte Ihnen iede Stunde was zu geben haben. d. 13. May 1779.

G.[36]


4/816.


An Charlotte von Stein

Von denen zwey Exemplaren schicken Sie ein's der Waldnern. Da Sie kleine Herzgen durch mich verschencken, ist's billig dass ich Sie zur Austheilerinn meiner geringen Geists Produckte mache. Adieu Liebste. Ich habe das Zeug heute früh durchgeblättert, es dünckt einen sonderbaar wenn man die alt abgelegten Schlangenhäute auf dem weisen Papier aufgezogen findet. d. 14. May 1779.

G.


4/817.


An Johann Friedrich Krafft

Mit dem wenigen Geld, was ich schicken kann, bitt ich zu wirthschaften. Ende Juni will ich gleich Ihnen Wohnung und Tisch Geld schicken und noch etwas dazu. Ich wünsche, daß es Ihnen unter denen Bergen leidlich gehn möge. Bücher will ich schicken, nur bitt ich, da ich sie selbst zusammen borgen muß, sie bald und ordentlich transportweise zurück. Dem Boten hab ich gesagt, er soll bei Ihnen jederzeit anfragen, ob Sie etwas an mich haben. Dem neuen Amtmann, der hinaufkommt, will ich gleich von Ihnen sagen. Hauptmann Castrop weiß nichts mehr von Ihnen als die andern, und von Ihrem Verhältniß[37] zu mir gar nichts; ich sagt ihm nur: Ihre Gelder gingen durch meine Hände und so könnt ich für Logis und Tisch gut sagen. Es ist ein gefälliger dienstfertiger Mann, er wird ehstens zu Ihnen kommen. Er ist Artillerie-Hauptmann und beim Wegebau, und ich habe an ihm, da mir die Direktion des Militar- und Strasen-Wesens übergeben ist, einen fleisigen und braven Mann. Schreiben Sie doch, wenn Sie ruhig sind, mehrere Anekdoten zu Ihrem Leben auf; was Sie in verschiednen Ländern bemerkt haben, gehn Sie sie einzeln durch; es ist auch eine Zerstreuung und mich vergnügts. Der junge Dr. Scherf ist ein geschickter Medikus, es wäre vielleicht nicht übel, wenn Sie ihn gelegentlich konsulirten; wenn Sie wollen,

auch empfehlen lassen.

d. 22. May.

G.


4/818.


An Charlotte von Stein

Wenn ich nur was anders hätte Ihnen zu schicken als Blumen, und immer dieselbigen Blumen. Es ist wie mit der Liebe die ist auch monoton. d. 23. May 1779.

G.


4/819.


An Charlotte von Stein

Noch eine wohlriechende gute Nacht! Selbst kan ich mich nicht mehr aufmachen, ob ich das künftige[38] Wetter vorspüre oder was es ist. Gute Nacht Liebe! Liebste! d. 26. May 1779.

G.


Mein Egmont rückt doch ob ich gleich d. 1. Jun. nicht fertig werde.


4/820.


An Charlotte von Stein

Sie wissen was Sie mir für eine Freude gemacht haben, drum danck ich Ihnen nicht. So ein süses Gericht hofft ich nicht zum Desert.

Wir schwazzen viel, und heut bey Tisch war eine Menge Menschen die Kreuz und Queer schwazzten und mir viel zu dencken gaben. Morgen Abend seh ich Sie wieder. Adieu liebste. Sie auf unsern Weegen vergnügt zu wissen ist mein ganzer Wunsch. und dass Sie mich lieben mögen und mögen mirs gerne zeigen. Denn der Glaube lebt von dem himmlischen Manna der Sakramente. Adieu liebste. Merck ist noch nicht da. [Erfurt] d. 30. May 1779. Nachm. 3 Uhr.

G.


4/821.


An Ernst Josias Friedrich von Stein

[31. Mai.]

Heute muss ich nothwendig reiten. Ist mein Schimmel wieder in leidlichen Umständen? sonst soll mein Philipp zu Rogemann gehn. Wollten Sie mich[39] etwa abholen? und die Tour mitmachen? so mich sehr erfreuen würde.

G.


Allenfalls nähmen wir Herdern mit und ritten auf die Hottelstädter Ecke und nach Ettersburg.

Befehlen Sie nur Philipen wegen des Pferdes und was er thun soll.


4/822.


An Wolfgang Heribert von Dalberg

Hochwohlgeborner Freyherr

Der Innhalt derer mir zugeschickten Papiere war mir ganz neu, ich kan versichern dass von allem was mit Müllern in Rom vorgegangen ist, und was sich etwa davon nach Deutschland verbreitet haben mag, nicht das mindeste bis zu uns gekommen ist.

Sie werden die Güte haben ihn und seine Freunde darüber völlig zu beruhigen. Wir hoffen noch immer eben dasselbe von seinem mahlerischen Geiste, der gewiss, wenn er sich auf diese Kunst beschränckt, etwas sonderlichs hervorbringen wird.

Erlauben Sie mir dass ich bey dieser Gelegenheit Ihnen den Hofbildhauer Clauer, der vielleicht schon in Mannheim eingetroffen ist, auf das angelegentlichste empfehle.

Mit Aller Hochachtung nenne ich mich

Ew. Hochwohlgebebohrnen

Weimar

ganz gehorsamsten Diener

d. 1. Juni 1779.

Goethe.[40]


4/823.


An Charlotte von Stein

Dass ich Sie gestern vorbey lies sind zwey Ursachen, die nächste dass eben Bätty zu mir kommen war und mir von Kochberg erzählte, die entfernte weil ich nicht wohl war, denn ich habe schon einige Tage den Magen verdorben, dagegen ich heut früh einnehmen will. Ihr Guter Morgen war mir sehr werth wär er nur nicht ein Zeichen einer übeln Nacht gewesen. Adieu liebste.

d. 8. Jun. 1779.

G.


4/824.


An Charlotte von Stein

Gestern Abend hatt ich Ihnen noch eine Rose gebrochen die unterm Busch aufgeblüht war. Ich wurd aber unterweegs aufgefangen, und musste sie wieder mit nach hause nehmen.

Wenns Regen giebt blühen ganze Kränze auf. Gehn Sie heut zur Militair Operation.

d. 9. Jun. 79.

G.


4/825.


An Johann Friedrich Krafft

Danke Ihnen für das Überschickte; in acht Tagen sollen Sie einiges Taschengeld haben, und für die Befriedigung Ihrer Wirthe will ich auch sorgen.

[41] Die Bücher für Sie habe leider über so viel Sachen, die mir im Kopf schwärmen, vergessen; ich will heut noch eine Parthie besorgen.

Fahren Sie in Ihren Aufsätzen fort und was Sie sonst oben bemerken schreiben Sie mir auch.

d. 12. Jun 1779.

G.


4/826.


An Charlotte von Stein

Ich habe wieder die Medizin zu Hülfe gerufen, so lang sie als Schlotfeger zu würcken hat hab ich immer Vertrauen auf sie.

Aus Ihrer Tasse trinck ich Bouillon und schicke Ihnen in dem erwünschten Regen aufgeblühte Blumen.

d. 13. Jun. 1779.

G.


4/827.


An Johann Friedrich Krafft

Ihren Brief mit den Ilmenauer Nachrichten habe wohl und unverletzt erhalten und danke recht sehr. Fahren Sie fort, mir Alles zu melden; ist gleich nicht sobald und durchaus zu helfen, so giebts einem doch mancherlei Ideen. Morgen wird Hauptmann Castrop von hier abgehen; ich gebe ihm Geld an Sie mit, denn ich habe ihm schon ehmals gesagt, daß Sie Ihr Geld durch mich empfingen. Er soll erst Rechnung mit Ihren Wirthen machen, eine Art von Contrakt[42] schliesen, und ich will mich alsdenn verbinden, alle Vierteljahr die Leute zu bezahlen.

Hier etwas Papier und Sieglack.

W. 23. Jun. 79.

G.


4/828.


An Charlotte von Stein

Sie thun sehr wohl dass Sie mich durch Ihre Raben speisen lassen Morgends und Abends, denn es ist doch eins der sichtlichsten und gewissesten Zeichen dass man im Himmel an die Propheten denckt. Gestern Abend hab ich noch eine Scene in Egmont geschrieben, die ich kaum wieder deschiffriren kann. Ade.

d. 24. Jun. 79.

G.


4/829.


An Charlotte von Stein

Gestern bin ich erst neun Uhr erwacht, und habe Sie im Webicht gesucht, auf dem Pavillon, in dem Buchenplaz und auf dem Tiefurter Weeg. Wie ich Sie nicht fand ging ich nach Hause schrieb, las ging nach zwölfen noch durch den Stern, und die neuen Gänge. Ich hoffe solchen Tausch mit den Tagszeiten öffter zu machen es ist sehr schön. Hier haben Sie einen Einfall und guten Morgen. d. 4. Jul. 1779.

G.


Wenn Sie heute Mittag mit mir essen mögten, und mögten noch iemand mitbringen, etwa Ihre Mutter und Steinen oder wen Sie wollen.[43]


4/830.


An Charlotte von Stein

Ich weis nicht ob der 5. Jul. auch in Ihrem Kalender mit Charlotte bezeichnet ist, in meinem stehts so und ich hatte gehofft Ihnen zum Morgengrus ein Zeichen einer anhaltenden Beschäfftigung für Sie zu schicken. Es wollte mir nicht gelingen, drum schick ich Ihnen das schönste von meinem Hausrath. Ich kan diesen mir so ominosen Nahmenstag nicht vorbeygehn lassen ohne Ihnen anders als alle Tage zu sagen dass ich Sie liebe. d. 4. Jul. Nachts.

G.


4/831.


An Charlotte von Stein

Knebel wird Ihnen den Zettel geben bey dem ich diese Nacht geblieben bin. Wir sollten diesmal scheiden ohne Adieu gesagt zu haben. Schicken Sie mir ia irgend ein Zettelgen nach Ettersburg wenn es auch nicht mehr enthält als dieses. Mir ists sehr ruhig, aber auch kommt mirs heute früh vor als wenn ich in meinem Leben nichts gethan hätte. Adieu. liebe. d. 11. Jul. 79.

G.


Sehen Sie ob Sie machen können dass Knebel morgen nach Ettersburg geht.[44]


4/832.


An Johann Friedrich Krafft

Mir ist sehr lieb, daß Castrop den Contrakt auf diese Weise berichtigt hat und Sie nunmehr allein mit Hoes zu thun haben; diese verlangen hundert Thaler jährlich und ich will diesen Leuten vierteljährig die 25 Thlr. garantiren, und auch sorgen, daß Sie mit Ende Juli ein bestimmtes Taschengeld empfangen. Was ich in natura schicken kann, als Papier, Federn, Siegellack . will ich auch thun; hier sind indeß Bücher, die ich nach der Designation zurück bitte.

Für Ihre Nachrichten danck ich, fahren Sie fort. Der Wunsch, Gutes zu thun, ist ein kühner, stolzer Wunsch; man muß schon sehr dankbar sein, wenn einem ein kleiner Theil davon gewährt wird.

Nun hab ich einen Vorschlag. Wenn Sie in Ihrem neuen Quartier sind, wünscht ich, daß Sie einem Knaben, für dessen Erziehung ich zu sorgen habe, und der in Ilmenau die Jägerei lernt, einige Aufmerksamkeit widmeten. Er hat einen Anfang im Französchen, wenn Sie ihm darinne weiter hülfen! Er zeichnet hübsch, wenn Sie ihn dazu anhielten! Ich wollte Zeiten bestimmen, wenn er zu Ihnen kommen sollte; Sie würden mir viel Sorge, die ich oft um ihn habe, benehmen, wenn Sie in freundlichen Unterredungen ausforschten, mir von seinen Gesinnungen[45] Nachricht gäben und drauf sein Wachsthum ein Auge hätten. Alles kommt darauf an, ob Sie eine solche Beschäftigung mögen. Wenn ich von mir rechne, der Umgang mit Kindern macht mich froh und jung. Wenn Sie mir darauf antworten, will ich Ihnen schon nähere Weisung geben. Sie würden mir einen wesentlichen Dienst erzeigen, und ich würde Ihnen von dem, was zu des Knaben Erziehung bestimmt ist, monatlich etwas zulegen können.

Möchte ich doch im Stande sein, Ihren trüben Zustand nach und nach auszuhellen und Ihnen eine beständige Heiterkeit zu erhalten.

W. d. 13. Jul. 1779.


Die Nachrichten über Erfurt hab ich richtig erhalten, auch die übrigen Packete völlig rein an Siegeln.

Ich schicke hier einen Contrakt in duplo, den Sie mit Riethen auswechseln können. Sie wären also für dies nächste Jahr vor dem äußersten Mangel geschützt, und ich bitte Sie, sich möglichst zu beruhigen, und sich zu überzeugen, daß ich gern stufenweise für Sie thun will, was ich kann. Den Contrakt, unter den ich meine Garantie gesetzt habe, unterschreiben Sie an dem Platz wo das X mit Bleistift steht und geben ihn an Ried.

Ihr Brief ist mir gestern richtig überbracht worden.

W. d. 17. Jul. 1779

G.[46]


4/833.


An Karl Theodor von Dalberg

Ew. Excell. dancke nochmals aufs beste für den Mercken überschickten Kopf, seine Freude wird sehr gros seyn.

Was die Mittheilung meiner Iphigenie betrifft halt ich mir vor Ew. Excell. mündlich meine Bedencklichkeiten zu sagen. Ein Drama ist wie ein Brennglas wenn der Ackteur unsicher ist, und den focum nicht treffend findet, weis kein Mensch was er aus dem kalten und vagen Scheine machen soll. Auch ist es viel zu nachlässig geschrieben als dass es von dem gesellschafftlichen Theater sich sobald in die freyre Welt wagen dürfte. Ich wünsche bald Gelegenheit zu haben es Ew. Excell. selbst vorzulesen.

Den Brief leg ich hier wieder bey, und bitte mich dero Herrn Bruder bestens zu empfehlen und für sein Zutrauen zu dancken. Wäre ich in Mannheim und kennte Truppe und Publikum, mit Vergnügen wollt ich was man verlangte versuchen, aber ohne diese Data, halt ich für mein geringes Talent unmöglich etwas treffendes hervorzubringen, wie ein Dekorations Mahler schweerlich einen Platfond würde anzugeben wagen, wenn er nicht die Form des Gewölbes und die Weite des Standpuncktes und andre Lokale Umstände bestimmt wüsste und beherzigt hätte.

Behalten mir Ew. Excell. dero Gewogenheit. Weimar d. 21. Jul. 1779.

Goethe.[47]


4/834.


An Johann Friedrich Krafft

Sein Sie unbesorgt, wenn Sie nicht immer von mir hören. Der Bote hat Packet und den Brief vom 2. August wohl überbracht.

Meine Gesinnungen und Handlungen werd ich nie gegen Sie ändern, wie ich's auch von Ihnen hoffe. Behalten Sie Ihre Freimüthigkeit und schreiben mir Alles, was Ihnen vorkommt, ohne Furcht, mich zu beleidigen.

Hier sind Gel. Zeitungen und 6 Thlr. Münze.

Tuch zu einem Kleide sollen Sie nächstens haben, auch vor dem Winter sonst noch das Nöthige; ich komme vielleicht selbst nach Ilmenau, wo wir mehr sprechen können.

Wegen Rieds werd ich sehn was mir die Umstände zu thun erlauben. Sonst rath ich in solchen Fällen nicht leicht zu Ausnahmen. Wegen des Knabens will ich nächstens weitläufiger schreiben.

Hierbei kommt auch Leinwand zu ein halb Dutzend Hemden.

W. d. 7. Aug. 1779

G.


Ein junger Mensch Namens Seidel, der mein Hauswesen versieht, wird bei Ihnen einsprechen und wegen des jungen Peter im Baumgarten das nöthige mit Ihnen abreden, auch sonst besorgen, weil zu schreiben es zu weitläufig ist.

G.[48]


4/835.


An Charlotte von Stein

Einen guten erquickten Morgen! Bis gegen Mittag ists sehr schön also lad ich Sie zum Essen mit Ihren Kindern und Kestnern. Denn Stein ist doch heute nicht zu haben.

d. 8. Aug. 1779.

G.


4/836.


An Katharina Elisabeth Goethe

Mein Verlangen Sie einmal wiederzusehen, war bisher immer durch die Umstände in denen ich hier mehr oder weniger nothwendig war, gemäsigt. Nunmehr aber kann sich eine Gelegenheit finden, darüber ich aber vor allem das strengste Geheimniss fordern muss. Der Herzog hat Lust den schönen Herbst am Rein zu geniesen, ich würde mit ihm gehen und der Cammerherr Wedel. wir würden bey Euch einkehren wenige Tage da bleiben um den Messfreuden auszuweichen dann auf dem Wasser weiter gehn. Dann zurück kommen und bey euch unsre Städte aufschlagen um von da die Nachbaarschafft zu besuchen. Wenn sie dieses prosaisch oder poetisch nimmt so ist dieses eigentlich das Tüpfgen aufs i, eures vergangnen Lebens, und ich käme das erstemal ganz wohl und vergnügt und so ehrenvoll als möglich in mein Vaterland zurück. Weil ich aber auch mögte dass, da an[49] den Bergen Samariä der Wein so schön gediehen ist auch dazu gepfiffen würde, so wollt ich nichts als dass Sie und der Vater offne und seine Herzen hätten uns zu empfangen, und Gott zu dancken der Euch euren Sohn im dreisigsten Jahr auf solche Weise wiedersehen lässt. Da ich aller Versuchung widerstanden habe von hier wegzuwitschen und Euch zu überraschen, so wollt ich auch diese Reise recht nach Herzenslust geniessen. Das unmögliche erwart ich nicht. Gott hat nicht gewollt dass der Vater die so sehnlich gewünschten Früchte die nun reif sind geniessen solle, er hat ihm den Apetit verdorben und so seys. ich will gerne von der Seite nichts fordern als was ihm der Humor des Augenblicks für ein Betragen eingiebt. Aber Sie mögt ich recht fröhlich sehen, und ihr einen guten Tag bieten wie noch keinen. ich habe alles was ein Mensch verlangen kan, ein Leben in dem ich mich täglich übe und täglich wachse und komme diesmal gesund, ohne Leidenschafft, ohne Verworrenheit, ohne dumpfes Treiben, sondern wie ein von Gottgeliebter, der die Hälfte seines Lebens hingebracht hat, und aus Vergangnem Leide manches Gute für die Zukunft hofft, und auch für künftiges Leiden die Brust bewährt hat, wenn ich euch vergnügt finde, werd ich mit Lust zurück kehren an die Arbeit und die Mühe des Tags die mich erwartet. Antworte Sie mir im ganzen Umpfang sogleich – wir kommen allenfalls in der Hälfte Septembers das nähere bis[50] auf den kleinsten Umstand soll Sie wissen wenn ich nur Antwort auf dies habe. Aber ein unverbrüchlich Geheimniss vor der Hand auch gegen den Vater Mercken Bölling pp allen muss unsre Ankunft Überrraschung sein. ich verlasse mich drauf. Hier vermuthet noch niemand nichts. d. 9. Aug. 1779.

G.


Wie ich mir unsre Quartiere gedacht habe und was wir brauchen pp das alles soll in meinem nächsten Brief folgen wenn Sie mir erst ihre Ideen geschrieben hat.


4/837.


An Katharina Elisabeth Goethe

[Mitte August.]

So eine Antwort wünscht ich von Ihr liebe Mutter, ich hoffe es soll recht schön und herrlich werden. Also eine nähere Nachricht von unsrer Ankunft. Ohngefähr in der Hälfte September treffen wir ein und bleiben ganz still einige Tage bey Euch. Denn weil der Herzog seine Tanten und Vettern die auf der Messe seyn werden nicht eben sehen möchte wollen wir gleich weiter und auf dem Mayn und Rhein hinab schwimmen. Haben wir unsre Tour vollendet; so kommen wir zurück und schlagen in forma unser Quartier bey Ihr auf, ich werde alsdenn alle meine Freunde und Bekannte beherzigen, und der Herzog wird nach Darmstadt gehen und in der Nachbaarschaft[51] einigen Adel besuchen. Unser Quartier wird bestellt wie folgt. Für den Herzog wird im kleinen Stübgen ein Bette gemacht, und die Orgel wenn sie noch da stünde hinausgeschafft. Das grose Zimmer bleibt für Zuspruch, und das Peckin zu seiner Wohnung. Er schläfft auf einem saubern Strohsacke, worüber ein schön Leintuch gebreitet ist unter einer leichten Decke.

(Das Papier schlägt durch drum fahr ich hier fort.)

Das Caminstübgen wird für seine Bedienung zurecht gemacht ein Matraze Bette hinein gestellt.

Für Herrn v. Wedel wird das hintere Graue Zimmer bereitet auch ein Matrazze Bette pp.

Für mich oben in meiner alten Wohnung auch ein Strohsack pp wie dem Herzog.

Essen macht ihr Mittags vier, Essen, nicht mehr noch weniger, kein Geköch, sondern eure bürgerlichen Kunststück aufs beste, was ihr frühmorgens von Obst schaffen könnt wird gut seyn.

Darauf reduzirt sichs also dass wir das erstemal wenn wir ankommen iederman überraschen, und ein paar Tage vorbeygehn eh man uns gewahr wird, in der Messe ist das leicht. In des Herzogs Zimmern thu sie alle Lustres heraus, es würde ihm lächerlich vorkommen. Die Mondleuchter mag sie lassen. Sonst alles sauber wie gewöhnlich und ieweniger anscheinende Umstände ie besser. Es muss ihr seyn als wenn wir 10 iahr so bey ihr wohnten. Für Bedienten[52] oben im Gebrochnen Dach bey unsren Leuten sorgt sie für ein oder ein Paar Lager. Ihre Silbersachen stellt sie dem Herzog zum Gebrauch hin Lavor, Leuchter pp. keinen Caffe und dergleichen trinckt er nicht. Wedel wird ihr sehr behagen, der ist noch besser als alles was sie von uns Mannsvolck gesehen hat.

Also immer ein tiefes Stillschweigen, denn noch weis kein Mensch hier ein Wort. Was ihr noch einkommt schreibe sie mir. Ich will auf alles antworten, damit alles recht gut vorbereitet werde.

Merck darf noch nichts wissen.


4/838.


An Charlotte von Stein

Ich sehne mich gar sehr nach Ihnen, und so bald es möglich ist werd ich kommen, seit Sie weg sind, bin ich überall herumgezogen, war einen Tag in Ettersburg, in Tiefurth, auf der Jagd in Troistädt, es ist wie mit einer Erbschafft die nach dem Abgang des einigen Besizzers an viele zerfällt. Mir wirds nicht recht wohl dabey, denn ich habe keinen Ort woher ich komme und wohin ich gehe.

Die Weste sizt gar schön, es ist die erste die so passt zu meiner grosen Freude. Sie sieht gar lieblich, und ich hoffte drinn mit Ihnen einen Englischen durchzuführen.

In Ettersburg fing ich aus zufälliger Laune an[53] nach oeserischen Zeichnungen zu krizzeln, es ging gut und nun mach ich mehr, Sie sollen ehstens etwas haben; der Herzog hat eine Zeichnung von mir für eine schöne Dame verlangt, der er wie er sagt sie versprochen hat. Hier schick ich etwas Obst. Adieu sagen Sie mir durch die Botin ein Wort und grüsen die Kinder. Weimar d. 18 Aug. 1779.

G.[54]


4/838a.


An Carl Christian von Herda

Hochwohlgebohrner

Hochgeehrtester Herr,

Das gute Zeugniss das Ew. Hochwohlgeb. als ein Sachkundiger dem Landkommissar geben, hat mir viel Vergnügen gemacht und mein Vertrauen auf diesen Mann vermehrt. Wenn die Zeit herankommt da Sie ihn zu dem Theilungsgeschäffte brauchen wollen, erwart in Nachricht, da ich denn ungesäumt von Durchl. Urlaub für diesen Mann erbitten werde.

Die vortheilhaffte Art, mit der er bey seiner Rückkehr von Hochwohlgeb. mir gesprochen, konnte zwar nichts zu der Hochachtung hinzuthun, die ich Ihnen lange gewidmet habe, aber angenehm war mir's meine Gesinnungen auch seinem Munde zu hören.

Ew. Hochwohlg.

ganz gehorsamster

Diener

Weimar d. 20 Aug. 1779.

Goethe.[9]


4/839.


An Charlotte von Stein

Ich muss wohl aushalten, merck ich, es ist nicht anders. Heut Abend hofft ich bey Ihnen zu seyn, der Mond scheint recht schön und hatte mich gut bis in Ihre Berge gebracht, den Montag wollt ich zurück, das soll mir auch nicht werden. Denn der Herzog ist seit gestern weg, und kommt erst Morgen, und da sind Sachen wenn sie nicht Montags früh in Bewegung gehn, geschehn sie die ganze Woche nicht. Dem Fürsten wird eine Stunde nach der andern gestohlen, und dagegen ist er offt in der Noth uns ganze Tage zu rauben.

Diese Woche hat die Last die ich trage wieder stärcker gedrückt. An Orten wo die Weiber Vicktualien und andres in Körben auf dem Kopfe tragen, haben sie Kringen wie sies nennen von Tuch mit Pferdehaar ausgestopft dass der harte Korb nicht auf den Scheitel drückt, manchmal wird mirs als wenn[54] eins das Küssen wegnähme und manchmal wieder unterschöbe. Steinen seh ich wenig, er ist nie zu hause wenn ich nach ihm frage. Ihre Tauben wissen gar nicht wie ihnen geschieht dass das Fenster sich nicht öffnen will. Das Eichhörngen ist wohl. In mein Haus kommt nun gar kein Mensch, ausser dem schönen Misel, wir sind gar artig zusammen, denn wir sind in gleichem Falle, mir ist mein liebstes verreist, und ihr fürstlicher Freund hat andre Weege gefunden.

Sonst seh ich recht wie ich von allen Menschen, und alle Menschen von mir fallen. Knebeln besuch ich manchmal, von Herdern hör ich gar nichts. Indess ist ein neu Drama unterweegs, und Sie werden ia auch wieder kommen. Gute Nacht wenigstens schrifftlich. d. 21. Aug. Sonnab. 1779.

G.


d. 28. Nur mit Einem Wort kan ich für den Beutel und die Manschetten dancken. Es ist heute ein schöner Tag. Möge er Ihnen auch sehr hold seyn. Von Büchern was ich habe folgt hier! grüsen Sie alles.

G.


4/840.


An Charlotte von Stein

[25. August.]

Noch eine gute Nacht sollen Sie zum Morgen Grus haben. Ich bin glücklich mit wenigem Regen[55] gegen neun angekommen und fand den Herzog mit Grothaufen und Knebeln auf der Wiese, es ist Gr. eine edle, reine, brave Figur. Und es war in manchem Betracht gut dass ich herkam. Hier sind Pfirschen die ich finde. Lassen Sie mein Andencken bey sich seyn. Nachts eilfe.

G.


4/841.


An Charlotte von Stein

Einen Korb mit Früchten und einen Grus. Die Trauben sind freylich nicht vom Rhein, machen Sies damit wie Sies mit mir selbst halten müssen, lesen Sie die reifen Beeren aus, und wo Sie was sauers spüren werfen Sie's weg. Wir machen uns viel Bewegung nach der alten und neuen Religion das ist mit reiten und laufen. Schreiben Sie mir etwas von sich. Noch gehts in der neuen Epoche ganz wacker mit mir. Adieu. Weimar d. 1. Sept. 1779. Grüsen Sie alles und theilen von süs und saurem mit.

G.


4/842.


An Charlotte von Stein

Sonnabends [4. September]

mit Sonnenuntergang.

Morgen eh ich erwache soll der Bote an Sie fort der einen Korb mit Äpfeln und die Preise der Zeichenschule für Carl und Kestner überbringt. Es ist schade[56] dass Sie nicht zugegen waren und die Ausstellung unsres kleinen Anfangs sahen. Jederman hatte doch auf seine Art eine Freude dran, und es ist gewiss die unschuldigste Art der Aufmunterung wenn doch ieder weis dass alle Jahre einmal öffentlich auf das was er im Stillen gearbeitet hat reflecktirt, und sein Nahme in Ehren genannt wird. Übrigens haben wirs ohne Sang und Klang und Prunck auf die gewöhnliche Weise gemacht.

Den Herzog hats vergnügt dass er doch einmal was gesehn hat das unter seinem Schatten gedeiht, und dass ihm Leute dafür dancken dass er ihnen zum Guten Gelegenheit giebt.

Grüsen Sie Steinen und alles was um Sie ist. Wie gern wär ich wieder einige Tage bey Ihnen. Sie geniessen der schönen Tage hoff ich recht im ganzen ich nehme nur danckbaar meine Portion davon. Adieu.

G.


Der Besuch der schönsten Götter die den weiten Himmel bewohnen dauert bey mir immer fort, ich thue mein möglichstes sie gut zu bewirthen, und wenn sie ia wieder scheiden sollten, so bitt ich dass sie mögen meine Hütte zum Tempel verwandlen in dem sie nie abwesend sind.[57]


4/843.


An Charlotte von Stein

Ihre Weste trag ich bey ieder Feyerlichkeit, ich möchte ein ganz Gewand haben das Sie gesponnen und gewürckt hätten um mich drein zu wickeln.

Ich schicke Ihnen was von Egmont fertig ist, und alle meine andre Sachen, heben Sie mir sie auf. Da ich zulezt von Ihnen ging schied ich ungerner als Sie mich liessen, denn ich wusste dass ich Sie sobald nicht wiedersehen würde. Wir verreisen und zwar eine gewünschte und gehoffte Reise, wie wir einen Schritt vorsezzen sollen Sie Nachricht haben. Und Sie schreiben mir auch hoff ich. Leben Sie wohl. und recht wohl.

Gestern hab ich der Herzoginn Louise eine Zeichnung von mir gegeben, da ich bey der lezten Ausstellung nichts vorlegen konnte. Sie verzeihen mir die Untreue. Dafür sollen Sie von der Reise manches sehen, wills Gott. Gestern war in Ettersburg Euridice eine Parodie, nach dem Englischen von Einsiedel. es machte sich recht hübsch und Wedel spielte den Orpheus recht brav. Weil doch ieder auf sich zurückkehrt, so hoff ich er soll künftig den Crugantino spielen, so haben wir die ganze Claudine besezt.

NB der Herzog hat Schnaufen, Lynckern und mir den Geheimdenraths Titel gegeben, es kommt mir wunderbaar vor dass ich so wie im Traum, mit dem[58] 30ten Jahre die höchste Ehrenstufe die ein bürger in Teutschland erreichen kan, betrete. On ne va jamais plus loin que quand on ne scait ou l'on va. Sagte ein groser Kletterer dieser Erde.

Adieu, wenn Sie noch in Kochberg sind wenn wir zurückkommen, seh ich Sie gleich. Grüsen Sie alles. Adieu.

Wir gehen erst künftigen Sonntag also erwart ich noch ein Wort von Ihnen.

Weimar d. 7. Sept. 1779.

G.


4/844.


An Johann Friedrich Krafft

Was Sie an Petern thun, dank ich Ihnen vielmals, denn der Junge liegt mir am Herzen, es ist ein Vermächtniß des unglücklichen Lindaus. Thun Sie nur gelassen Gutes an ihm. Wie Sie ihm ankommen können! Ob er liest, ob er französch treibt, zeichnet . mir ist alles recht, nur daß er für die Zeit etwas thue und daß ich von ihm höre wie Sie ihn finden und was Sie über ihn denken. Gegenwärtig lassen Sie ihn ja den Jägerstand als sein erstes und letztes betrachten und hören Sie von ihm, wie er sich dabei benimmt, was ihm behagt, was nicht und was weiter. – Denn glauben Sie mir, der Mensch muß ein Handwerk haben, das ihn nähre.

[59] Auch der Künstler wird nie bezahlt, sondern der Handwerker. Chodowiecki der Künstler, den wir bewundern, äße schmale Bissen, aber Chodowiecki der Handwerker, der die elendsten Sudeleien mit seinen Kupfern illuminirt, wird bezahlt. Wähnen Sie ja nicht, Peter habe die Geduld und das Ausharren zum Künstler, jetzt da er in den Wald soll, will er zeichnen, er würde eine Begier nach dem Holz haben, wenn er an die Staffelei sollte.

Ich verreise von hier auf einige Wochen und schicke etwas klein Geld. Castrop hat den Auftrag, die 25 Thlr. an Rieds zu bezahlen.

Wenn ich wieder komme, sollen Sie von mir hören.

W. d. 9. Sept. 1779

G.


4/845.


An Charlotte von Stein

Noch einmal Adieu, und Danck für den Talisman. Nach Franckfurt gehen wir, ich weis Sie freuen sich mit in der Freude meiner Alten. Schreiben Sie mir grad dorthin unter meiner Adresse. Adieu Liebst. Die Schule der Liebhaber ist beym Buchbinder.

Weimar d. 10. Sept. 1779.

G.


4/846.


An Charlotte von Stein

Wir gehen unter denen Cassler Herrlichkeiten herum und sehen eine Menge in uns hinein. Die Gemählde[60] Gallerie hat mich sehr gelabt, wir sind wohl und lustig, es war Zeit dass wir in's Wasser kamen.

Schön Wetter haben wir bisher, und klare Augen. Schreiben Sie mir ia nach Franckfurt. Ich kan nichts sagen in der Zerstreuung in der wir iezt schweben. Die Gräfinn Wartensleben will ich besuchen. Adieu. Cassel d. 15. Sept. 1779.

G.


4/847.


An Ernst Josias Friedrich von Stein


Caßel den 15ten Sept. 1779.

Guten Morgen lieber Stein. Ich schlage diese beyliegenden in Ihrem Paquet ein, theils weil es in einem Gasthof zu vornehm klingt wenn man an Hertzoginnen schreibt, wo man unerkant ist, theils auch um meiner Familie das Postgeld zu ersparen. Was neues schreibe ich Ihnen alleweile nicht, dieses soll von Franckfurth aus geschehn. weiter nichts als daß es mir und allen wohl geht, und es mir hier, zumahl die gegend sehr gefällt. Nur noch eins, laßen Sie doch Wedeln seinen drey Pferden daß Futter geben was Sie derweil, auf 3 von meinen Pferden ersparen. Adieu lieber Stein. Grüßen Sie Ihre Frau, die Waldnern, und Ihre kleine Schwägerin.

C. A.


Auch grüs ich Sie recht schön und bitte innliegenden Brief nach Kochberg zu bestellen. Wir sind glücklich und lustig in Cassel angelangt, haben uns schon meistens umgesehen und recht schöne Sachen gefunden. Der Junge Forster hat mit uns gegessen und ist viel[61] ausgefragt worden wies in der Südsee aussieht. Empfehlen Sie mich denen allerschönsten Hofdamen. Bald werden Sie aus dem gelobten Franckfurt mehr von uns hören.

G.


4/848.


An Charlotte von Stein

Nur einen guten Morgen vorm Angesicht der Väterlichen Sonne. Schreiben kan ich nicht.

Wir sind am schönsten Abend hier angelangt und mit viel freundlichen Gesichtern empfangen worden. Meine alten Freunde und bekannte haben sich sehr gefreut. Den Abend unsrer Ankunft wurden wir von einem Feuerzeichen empfangen das wir uns zum allerbessten deuteten. Meinen Vater hab ich verändert angetroffen, er ist stiller und sein Gedächtniss nimmt ab, meine Mutter ist noch in ihrer alten Krafft und Liebe.

Adieu beste! heut erwart ich ein Briefgen von Ihnen. Bald rücken wir weiter von Ihnen weg, doch nicht mit Herzen. Adieu, grüsen Sie alles. d. 20ten Sept. Frfurt. 79.

G.


4/849.


An Charlotte von Stein

Gegen Speyer über am Rhein. d. 24. Sept. 79.

Wir warten auf die Fähre indess will ich im Schatten Ihnen einige Worte schreiben.

[62] Wir streichen wie ein stiller Bach immer weitergelassen in die Welt hin, haben heute den schönsten Tag, und bisher das erwünschte Glück. Auf diesem Weege rekapitulir ich mein ganz vorig Leben sehe alle alte bekannte wieder, Gott weis was sich am Ende zusammen summiren wird. Dem Herzog thuts sehr wohl, Wedel ist vergnügt. Die Schweiz liegt vor uns und wir hoffen mit Beystand des Himmels in den grosen Gestalten der Welt uns umzutreiben, und unsre Geister im Erhabnen der Natur zu baden. Lassen Sie immer etwas nach Franckfurt gehen, es wird mir nachgeschickt oder erwartet mich. Leben Sie wohl! auf der andern Seite ein leichtes Schattenbild der Gegend.

G.


Rheinzabern d. 25ten Sept. früh.

Ich hatte mir vorgenommen ein klein Diarium zu schreiben, es ging aber nicht weil es mir keinen nahen Zweck hatte, künftig will ich Ihnen täglich, einfach aufschreiben was uns geschieht. Gestern Mittag kamen wir zu Speyer an, wie Sie aus der Bleystifft Beylage sehen, und suchten den Domher Beroldingen auf. Er ist ein lebhafter, grader, und rein theilnehmender Mann. Wir fasteten mit ihm sehr gut. sahen den Dom ein halb neues halb aus dem Brand überbliebnes Gebäude dessen erste Anlage wie die alten Kirchen zusammen in dem wahren Gefühl der Andacht gemacht ist. Sie schliesen den Menschen in den einfachen[63] grosen Formen zusammen, und in ihren hohen Gewölben kan sich doch der Geist wieder ausbreiten, und aufsteigen, ohne wies in der grosen Natur geschieht ganz ins unendliche überzuschweifen. Neuerdings haben sie diese Kirche blaulich ausgemahlt und mit Schniz und Kriz possen ausstaffirt dass man gern wieder herausgeht. Wir sahen den Schaz wo alte Messgewande sind, wo ieder Künstler sein Ganz Talent dem Priester auf den Rücken gehängt hat. In allen diesen, wenigstens den ältsten ist sehr Viel Herzlichkeit, Manigfaltigkeit in Köpfen und Figuren, ein wunderbaar Studium mit Perlen ein Clair obscür hervorzubringen da die grösten auf die höchsten Lichter gesezt sind und bis hinten in die Schatten die kleineren und kleinsten. Wie alles neu und beysammen, alles blanck und bunt war, bin ich überzeugt muss es schön und in seiner art vollkommen gewesen seyn. Wir sahen in der Sessionsstube des Capitels die Scizze zur Hochzeit von Cana durch Paul Veronese ein treffliches Stück, mit groser liebe und leichtigkeit gemahlen und gewalt und tüchtigkeit. Die meisten Köpfe sieht man sind Portraits auffallend lebendig. Wir sahen die Gemählde Sammlung des Dechanten der sehr viel und manches gute besizzt. Die Landschafften zogen mich besonders an, denn ich hoffe immer noch etwas zu lernen. Bis iezt stehn mir einige starcke Redouten noch entgegen, auf dieser Reise hoff ich wenigstens eine mit sturm einzunehmen. Wir[64] fanden bei Beroldingen selbst manches Gute an Gemählden und Kupfern, aber alles durcheinander gekramt, eben eine Hagestolzen Wirthschafft. Er ist des Jahrs 5 Monate in Hildesheim die übrige Zeit theils hier theils auf Touren, und so kommt er nicht zur Ruhe und Ordnung. Er kennt und liebt die Kunst sehr lebhafft, und weis was ein Mahler thut. Abends bey schönem Mondschein fuhren wir hierher, da wir unsre Pferde Zeitiger vorausschickten. Hier ist nichts zu sagen wir kamen um eilf Uhr an schliefen lange, und reiten gleich weiter.

Selz Mittags. Ein ungemein schöner Tag eine glückliche Gegend, noch alles grün, kaum hie und da ein Buchen und Eichenblat gelb. Die Weiden noch in ihrer silbernen schönheit. ein milder willkommner Athem durchs ganze Land. Trauben mit iedem Schritt und Tage besser. Jedes Bauerhaus mit Reben bis unters Dach, ieder Hof mit einer grosen vollhangenden Laube. Himmelsluft weich, warm, feuchtlich, man wird auch wie die Trauben reif und süs in der seele. Wollte Gott wir wohnten hier zusammen, mancher würde nicht so schnell im Winter einfrieren und im Sommer austrocknen. Der Rhein und die klaren Gebürge in der Nähe, die abwechselnden Wälder Wiesen und Gartenmäsigen Felder, machen dem Menschen wohl und geben mir eine Art Behagens das ich lange entbehre.

[65] Emmedingen d. 28. Sept. Ich kan nur zuerst die himmlischen Wolcken preisen und verherrlichen die bisher noch, wie ein Baldachin am Feyertage, über uns schwebten, und sich als Freunde und Führer unsres Unternehmens bekannten. In Demuth hoff ich dass es so weiter gehn wird, Lufft und Wetterglas geben Hoffnung. Nachts die klarsten Himmel, früh mit Sonnen Aufgang leicht auf und absteigende Nebel, die erhabensten Lufterscheinungen. Regen wenn wir ins Quartier kommen pp.

Ich fahre in meiner Erzählung fort.

d. 25. Abends ritt ich etwas seitwärts nach Sessenheim, indem die andern ihre Reise grad fortsezten, und fand daselbst eine Famielie wie ich sie vor acht Jahren verlassen hatte beysammen, und wurde gar freundlich und gut aufgenommen. Da ich iezt so rein und still bin wie die Luft so ist mir der Athem guter und stiller Menschen sehr willkommen. Die Zweite Tochter vom Hause hatte mich ehmals geliebt schöner als ichs verdiente, und mehr als andre an die ich viel Leidenschafft und Treue verwendet habe, ich musste sie in einem Augenblick verlassen, wo es ihr fast das Leben kostete, sie ging leise drüber weg mir zu sagen was ihr von einer Kranckheit iener Zeit noch überbliebe, betrug sich allerliebst mit soviel herzlicher Freundschafft vom ersten Augenblick da ich ihr unerwartet auf der Schwelle ins Gesicht tratt, und wir mit den Nasen aneinander stiesen dass mir's ganz[66] wohl wurde. Nachsagen muss ich ihr dass sie auch nicht durch die leiseste Berührung irgend ein altes Gefühl in meiner Seele zu wecken unternahm. Sie führte mich in iede Laube, und da musst ich sizzen und so wars gut. Wir hatten den schönsten Vollmond. ich erkundigte mich nach allem. Ein Nachbaar der uns sonst hatte künsteln helfen wurde herbeygerufen und bezeugt dass er noch vor acht Tagen nach mir gefragt hatte, der Barbir musste auch kommen, ich fand alte Lieder die ich gestifftet hatte, eine Kutsche die ich gemahlt hatte, wir erinnerten uns an manche Streiche iener guten Zeit, und ich fand mein Andencken so lebhaft unter ihnen als ob ich kaum ein halb Jahr weg wäre. Die Alten waren treuherzig man fand ich sey iünger geworden. Ich blieb die Nacht und schied den andern Morgen bey Sonnenaufgang, von freundlichen Gesichtern verabschiedet dass ich nun auch wieder mit Zufriedenheit an das Eckgen der Welt hindencken, und in Friede mit den Geistern dieser ausgesöhnten in mir leben kan.

d. 26. Sonntags traff ich wieder mit der Gesellschafft zusammen, und gegen Mittag waren wir in Strasburg. Ich ging zu Lili und fand den schönen Grasaffen mit einer Puppe von sieben Wochen spielen, und ihre Mutter bey ihr. Auch da wurde ich mit Verwundrung und Freude empfangen. Erkundigte mich nach allem, und sah in alle Ecken. Da ich denn zu meinem ergözzen fand dass die gute Creatur[67] recht glücklich verheurathet ist. Ihr Mann aus allem was ich höre scheint brav, vernünftig, und beschäfftigt zu seyn, er ist wohlhabend, ein schönes Haus, ansehnliche Famielie, einen stattlichen bürgerlichen Rang pp. alles was sie brauchte pp. Er war abwesend. Ich blieb zu Tische. Ging nach Tisch mit dem Herzog auf den Münster, Abends sahen wir ein Stück L'Infante de Zamora mit ganz trefflicher Musick von Paesiello. Dann as ich wieder bey Lili und ging in schönem Mondscheinweg. Die schöne Empfindung die mich begleitet kan ich nicht sagen. So prosaisch als ich nun mit diesen Menschen bin, so ist doch in dem Gefühl von durchgehendem reinen Wohlwollen, und wie ich diesen Weeg her gleichsam einen Rosenkranz der treusten bewährtesten, unauslöschlichsten Freundschafft abgebetet habe eine recht ätherische Wollust. Ungetrübt von einer beschränckten Leidenschafft treten nun in meine Seele die Verhältnisse zu den Menschen die bleibend sind, meine entfernten Freunde und ihr Schicksaal liegen nun vor mir wie ein Land in dessen Gegenden man von einem hohen Berge oder im Vogelflug sieht.

Hier bin ich nun nah am Grabe meiner Schwester, ihr Haushalt ist mir, wie eine Tafel worauf eine geliebte Gestalt stand die nun weggelöscht ist. Die an ihre Stelle Getrettne Fahlmer, mein Schwager, einige Freundinnen sind mir so nah wie sonst. Ihre Kinder sind schön, munter, und gesund. Von hier[68] wirds nun auf Basel gehn. Wenn Sie wieder von mir hören weis ich nicht. Von Ihnen hab ich noch nichts. Obgleich andre Briefe von Franckfurt aus nachgeschickt sind.

Adieu. Grüsen Sie Alles.


Emmedingen d. 28. Sept. 1779.

d. 27. früh sind wir von Strasburg ab und Abends hier angekommen.

Lavatern zu sehn und ihn dem Herzog näher zu wissen ist meine gröste Hoffnung. Ich unterhalte Sie nur von mir. Es ist meine alte Sünde. Adieu.


4/850.


An Charlotte von Stein

Münster den 3. Okt. Sonntag Abends.

Ich eile nur von der lezten Station einige Worte aufzuzeichnen.

Von wo wir zu Mittag gegessen hatten, kamen wir bald in den engen Pass der hierher führt.

Durch den Rüken einer hohen und breiten Gebirgkette hat die Birsch ein mässiger Fluss sich einen Weeg von uralters gesucht. Das Bedürfniss mag nachher durch diese Schlüchter ängstlich nachgeklettert seyn. Die Römer erweiterten schon den Weeg und nun ist er sehr bequem durchgeführt. Das über Felsstüke rauschende Wasser und der Weeg gehen neben[69] einander weg und machen an den meisten Orten die ganze Breite des Passes der auf beiden Seiten von Felsen beschlossen ist, die ein gemächlich aufgehobenes Auge fassen kann. Hinterwärts heben Gebirge sanft ihre Rüken, deren Gipfel uns von Nebel bedekt waren.

Bald steigen an einander hängende Wände senkrecht auf, bald streichen gewaltige Lagen schief nach dem Fluss und dem Weeg ein, breite Massen sind auf ein ander gesezt, und gleich darneben stehen scharfe Klippen abgesezt. Grosse Klüfte spalten sich aufwärts und Platten von Mauerstärke haben sich von dem übrigen Gesteine losgetrennt. Einzelne Felsstüke sind herunter gestürzt, andere hängen noch über und lassen nach ihrer Lage fürchten dass sie dereinst gleichfalls herein kommen werden. Bald rund, bald spiz, bald bewachsen, bald nakt sind die Firsten der Felsen, wo oft noch oben drüber ein einzelner Kopf kahl und kühn herübersieht, und an Wänden und in der Tiefe schmiegen sich ausgewitterte Klüfte hinein.

Mir machte der Zug durch diese Enge eine grosse ruhige Empfindung. Das Erhabene giebt der Seele die schöne Ruhe, sie wird ganz dadurch ausgefüllt, fühlt sich so gros als sie seyn kann, und giebt ein reines Gefühl, wenn es bis gegen den Rand steigt ohne überzulaufen. Mein Aug und meine Seele konnten die Gegenstände fassen, und da ich rein war, diese Empfindung nirgends falsch wiedersties, so würkten sie was sie sollten. Wenn man solch ein Gefühl mit[70] dem vergleicht, wenn wir uns mühseelig im Kleinen umtreiben alle Mühe uns geben ihm so viel als möglich zu borgen und aufzufliken und unserm Geist durch seine eigne Kreatur eine Freude und Futter zu geben, so sieht man erst wie ein armseelig behelf es ist.

Ein iunger Mann den wir von Basel mitnahmen sagte es sei ihm lange nicht wie das erste mal und gab der Neuheit die Ehre. Ich möchte aber sagen wenn wir einen solchen Gegenstand zum erstenmal erbliken so weitet sich die ungewohnte Seele erst aus und es macht dies ein schmerzlich Vergnügen eine Überfülle die die Seele bewegt und uns wollüstige Thränen ablokt, durch diese Operation wird die Seele in sich grösser ohne es zu wissen und ist iener ersten Empfindung nicht mehr fähig, der Mensch glaubt verlohren zu haben, er hat aber gewonnen, was er an Wollust verliert gewinnt er an innrem Wachsthum hätte mich nur das Schicksaal in irgend eine grosse Gegend heissen wohnen, ich wollte mit iedem Morgen Nahrung der Grosheit aus ihr saugen, wie aus meinem lieblichen Thal Geduld und Stille.

Am Ende der Schlucht stiege ich ab und kehrte einen Theil alleine zurük. Ich entwikelte noch ein tiefes Gefühl, was das Vergnügen auf einen hohen Grad für aufmerksame Augen vermehrt. Man ahndet im Dunkeln die Entstehung und das Leben dieser seltsamen Gestalten. Es mag geschehen seyn wie und wann es wolle, so haben sich diese Massen nach der[71] Schweere und Aehnlichkeit ihrer Theile gros und einfach zusammengesezt. Was für Revolutionen sie nachhero bewegt, getrennt, gespalten haben, so sind auch diese auch nur einzelne Erschütterungen gewesen und selbst der Gedanke einer so ungeheuren Bewegung giebt ein hohes Gefühl von ewiger Festigkeit. Die Zeit hat, auch gebunden an die ewige Geseze, bald mehr bald weniger auf sie gewirkt.

Sie scheinen innerlich von gelblicher Farbe zu seyn, allein das Wetter und die Luft verändern die Oberfläche in graublau, dass nur hier und da in Streifen und in frischen Spalten die erste Farbe sichtbar ist. Langsam verwittert der Stein selbst und rundet sich an den Eken ab, weichere Fleken werden weggezehrt, und so giebts gar zierlich ausgeschweifte Hölen und Löcher, die wenn sie mit scharffen Kannten und Spizzen zusammentreffen sich seltsam zeichnen.

Die Vegetation behauptet ihr Recht, auf iedem Vorsprung, Fläche und Spalt fassen Fichten Wurzel, Moos und verwandte Kräuter säumen die Felsen. Man fühlt tief, hier ist nichts willkürliches, alles langsam bewegendes ewiges Gesez und nur ~~~ ~~~ ~~~ ~~~ Menschenhand ist der bequeme Weeg über den man durch diese seltsame Gegenden durchschleicht.[72]


4/851.


An Johann Kaspar Lavater

Thun d. 8. Oktbr. 79.

So nah bin ich bey dir lieber Bruder wie dir der Ruf schon wird gemeldet haben.

Wir sind im Begriff auf die Gletscher so weit es die Jahrszeit erlaubt zu gehen. Dann solls noch durch einen Umweeg zu dir.

Schreibe mir doch mit umlaufender Post nach Bern in den Falcken ein Wort ob etwa in Bern Lausanne Genf Luzern Zug pp einige Menschen sind die du kennst und die zu kennen mir auch Freude machte, ich will sie besuchen und von dir grüsen, und dir ihre Grüse bringen.

Ja lieber Bruder dich wieder zu sehen, ist einer meiner beständigsten Wünsche diese vier Jahre her und wird nun auch bald erfüllt.

Ich habe dir viel zu sagen, und viel von dir zu hören, wir wollen wechselsweis Rechnung von unserm Haushalten ablegen, einander seegnen, und für die Zukunft stärcken, wieder ganz nah zusammenrücken, und uns freuen dass wir noch in einer Lufft athemholen. Von dem was ich mitbringe unterhalt ich dich nicht im Voraus.

Mein Gott dem ich immer treu geblieben bin hat mich reichlich geseegnet im Geheimen, denn mein Schicksaal ist den Menschen ganz verborgen, sie können[73] nichts davon sehen noch hören. Was sich davon offenbaaren lässt, freu ich mich in dein Herz zu legen. Adieu Bruder. Bisher sind wir glücklich gereist, bete auch dass uns die himmlischen Wolcken günstig bleiben, und wir an allen Gefahren vorüber gehn.

G.


Sonntag d. 10ten denck ich sollst du diesen Brief haben und Dienstag d. 12. könnte nach der Postrechnung ein Brief von dir wieder in Bern seyn. Auf alle Fälle schreibe so bald du kannst.


4/852.


An Charlotte von Stein

Lauterbrunnen den 9. Oktbr. 1779.

Abends 1/2 7 Uhr.

Wir sind 1/2 5 wirklich hier in der Gegend angelangt und alles was ich bisher gewünscht, wir haben den Staubbach bei gutem Wetter zum erstenmal gesehen die Wolken der Obern Luft waren gebrochen und der blaue Himmel schien durch. An den Felswänden hielten Wolken, selbst das Haupt wo der Staubbach herunter kommt, war leicht bedekt. Es ist ein sehr erhabener Gegenstand. Und es ist vor ihm, wie bei allem grossen, so lang es Bild ist so weis man doch nicht recht was man will. Es lässt sich von ihm kein Bild machen, die Sie von ihm gesehen haben sehen sich mehr oder weniger ähnlich;[74] aber wenn man drunter ist, wo man weder mehr Bilden noch beschreiben kann, dann ist man erst auf dem rechten Flek. Jezo sind die Wolken herein ins Thal gezogen und deken alle die heitern Gründe. Auf der rechten Seite steht die hohe Wand noch hervor über die der Staubbach herab kommt. Es wird Nacht, wir sind beim Pfarrer in Lauterbrun eingekehrt, es ist ein aus ein ander liegendes Dorf, genannt, wie die Leute sagen weil lauter Brunnen nichts als Brunnen in dieser Gegend von den Felsen herunter kommen.

Über das Münsterthal wodurch wir gekommen sind hab ich ein eigen Papier geschrieben die Gegenstände darinn sind sehr erhaben aber proportionirter zu dem Begriff der menschlichen Seele als wie die gegen die wir näher rüken, gegen das übergrosse ist und bleibt man zu klein. Ich werde mich entschliessen müssen Ihnen rükwärts ein Tagbuch so leicht und leidlich als möglich von unserer Reise zu machen. Heute Sonnabend den 9ten gingen wir früh von Thun ab zu Schiff über den See. Die Nebel fielen wann wir in unserer Landssprache sagen es regnete, die Gipfel der Berge waren eingehüllt wir sassen in einem bedekten Schiff ich las den Gesang aus Bodmers Homer. Gegen zwölfe kamen wir in Untersewen an assen eine grosse Forelle, examinirten einen Augenarzt wovon ich den Zettel hier beischliesse und fuhren auf einem engen Leiterwägelgen zusammen gepackt ab gingen aber bald zu Fusse durch das Thal bis nach Lauterbrunn.[75] NB. man sagt auch hier zu Land auf dem Wagen reiten.

Den 8ten konnte ich in Bern früh mit dem Perükenmacher nicht fertig werden, suchte Leute auf die ich nicht fand und durchstrich bei der Gelegenheit die Stadt, sie ist die schönste die wir gesehen haben in Bürgerlicher Gleichheit eins wie das andere gebaut, all aus einem graulichen weichen Sandstein, die egalitaet und Reinlichkeit drinne thut einem sehr wohl, besonders da man fühlt, dass nichts leere Decoration oder Durchschnitt des Despotismus ist, die Gebäude die der Stand Bern selbst aufführt sind gros und kostbar doch haben sie keinen Anschein von Pracht der eins vor dem andern in die Augen würfe, wir nahmen ein Frühstük statt des Mittagsessens und ritten drauf nach Thun, wo wir bei zeiten anlangten um noch die schöne Aussicht vom Kirchhof auf den See zu sehen und an der Aar bis gegen den See zu spazieren Wir machten mit einem Bürger Bekanntschaft, der uns geleitete, drauf unser Schiffer war und künftig unter Geleitsman seyn wird.

Den 7. brachen wir von Annet auf, es rieselte stark, wir mussten durch den Moor und Moos was man bei uns durch Rieder nennen möchte, wodurch uns der Wirth begleitete, wo wir doch oft unsere Pferde führen mussten aus Furcht nicht einzusinken. Wir kamen tüchtig im Regen nach Murten ritten aufs Beinhaus und ich nahm ein Stükgen Hinterschädel[76] von den Burgundern mit, in Murten assen wir zu Mittag und lassen aus einem treflich geschriebenen Buche die Geschichte der Murten Schlacht. Es ist äusserst rührend, von einem Zeugen und Mitstreiter die Thaten dieser Zeit erzählen zu hören. Das Wetter klärte sich auf als wir von Murten wegritten und wir zogen durch die schöne Landschaft nach Bern wo alles gar glüklich abgetheilt und genuzt ist und frölich und nahrhaft und reich aussieht.

Den 6ten hatten wir einen etwas verworrnen Tag wurden aber doch von einem guten Geist irre geführt. Früh ritten wir von Bielaus am See weg über Erlach nach Annet von da wollt ich nach La Sauge allein der Weeg war wiedrig und wir verirrten uns im Ried, wir waren gezwungen auf die Hauptstrasse zurük zu gehen und genöthigt von Ort zu Ort wo theils keine Wirthshäusser waren theils die Leute uns nicht aufnehmen konnten bis nach St. Blaise zu gehen das zu oberst des Neustädter Sees liegt, es war eben ein schöner Mittagsblik der Sonne aus dem Gewölk als wir ankamen, wir freuten uns des und genossens recht sehr assen zu Mittag, sezten uns wieder an den See und ritten endlich auf Annet wieder zurük, wo wir in einem leidlichen Wirthshaus über Nacht blieben.

Den 5. fuhren wir früh auf dem Rathsschiffe von Bielaus nach der Insel des Bieler Sees wohin Rousseau sich begab als er von Geneve weggetrieben[77] wurde. Die Insel gehört dem Hospital zu Bern und der Schaffner und seine Frau die die Wirthschaft selbst führen sind noch eben dieselben die Rousseau bewirtheten.

Gute Nacht für heute. es ist wenigstens etwas und mehr als ich von Ihnen die Zeit gehört habe.

G.


Thun d. 14. Oktb. Abends 7. wir sind glücklich wieder hier angekommen. Diese vier Tage das schönste Wetter, heut und gestern keine Wolcke am Himmel, und die merckwürdigsten Gegenden ganz rein in dem himmlischen Lichte genossen. Es fällt schweer nach allem diesem zu schreiben, ich will nachher aus meinem Bleystifft Gekrizzel Phillippen wieder dicktiren.

Die merckwürdige Tour durch die Bernischen Glätscher ist geendigt wir haben leicht vorübergehend die Blüte abgeschöpft an einigen Orten hätt ich mit dem Bogen noch einmal schlagen können aber es ist auch so gut. Wär ich allein gewesen ich wäre höher und tiefer gegangen aber mit dem Herzog muss ich thun was mäsig ist. Doch könnt ich uns mehr erlauben wenn er die böse Art nicht hätte den Speck zu spicken, und wenn man auf dem Gipfel des Bergs mit Müh und Gefahr ist, noch ein Stiegelgen ohne Zweck und Noth mit Müh und Gefahr suchte. Ich bin auch einigemal unmutig in mir drüber geworden, dass ich heut Nacht geträumt habe ich hätte mich drüber mit[78] ihm überworfen, wäre von ihm gegangen, und hätte die Leute die er mir nachschickte mit allerley Listen hintergangen. Wenn ich aber wieder sehe, wie iedem der Pfahl in's Fleisch geben ist den er zu schleppen hat, und wie er sonst von dieser Reise wahren Nuzzen hat, ist alles wieder weg. Er hat gar eine gute Art von Aufpassen, Theilnehmen, und Neugier, beschämt mich offt wenn er da anhaltend oder bringend ist, etwas zu sehen oder zu erfahren, wenn ich offt am Flecke vergessen oder gleichgültig bin.

Es soll recht gut werden denck ich und bisher hat uns das Glück gar unerhört begleitet. Kein Gedancke, Keine Beschreibung noch Erinnerung reicht an die Schönheit und Grösse der Gegenstände, und ihre Lieblichkeit in solchen Lichtern Tageszeiten und Standpunckten.

Wedel hat des Tags hundert tolle Einfälle, und wenn ihn nicht manchmal der Schwindel ankäme und ihn auf Augenblicke böser Laune machte, wäre kein Gesellschaffter über ihn.

Von dem Gesange der Geister hab ich noch wundersame Strophen gehört, kann mich aber kaum beyliegender erinnern. Schreiben Sie doch sie für Knebeln ab, mit einem Grus von mir. Ich habe offt an ihn gedacht.


Nun geht die Erzählung wieder ordentlich von Lauterbrunn an. Wie wir von Emmedingen[79] nach der Bieler Insel gekommen sind. Wird wohl Lücke bleiben.


4/853.


An Charlotte von Stein

(Mit Seidels Tagebuch.)


Den 11. Okt. um 10 Uhr von Lauterbrunn ab. Der Regen hatte die Weege sehr schlimm gemacht. Herrliche Felsen und Felsenbrüche. Die Sonne kam hervor die Wolken hoben sich von den Bergen. Hier und da kam der schöne blaue Himmel hervor. Um 4 Uhr Nachmittags kamen wir nach Gründelwald sahen noch vor Tische den sogenannten untern Glätscher der bis ins Thal dringt und daran die herrliche Eishöle woraus das Eiswasser seinen Ablauf hat. und suchten Erdbeern in dem Hölzgen das gleich darneben steht.

Den 12. Okt. früh um 7 ab. Es war sehr kalt und hatte gefrohren. Ich verirrte mich half mir aber wieder zur Gesellschafft wir sahen den Obern Glätscher. Von allem diesem nähere mündliche Auslegungen. Den Scheidek hinauf wurd es uns sämtlich warm. Streit über den Mettyberg und Jungfrauhorn. Hier wächst zwischen den Steinen ein hartes Gewächs, Bergrose genannt dessen Blätter einen starken balsamischen Geruch haben. Auf dem Gipfel ist ein kleiner See. Um 1 Uhr waren wir im Schwarzwald. Hier sieht man auf der rechten Seite das Wollhorn, Wetterhorn und Engelhorn. Das Wetter war heiter. Hier assen wir bei einem Bauer was wir mit genommen hatten. Der Weeg ins Haslithal ist der angenehmste[80] den man gehen kann. Wir besahen einen Käsespeicher die hier aller Enden stehn nun aber nach und nach gegen den Winter geleert und verlassen werden. Die Hirten waren erst selbigen Morgen mit dem Vieh abgetrieben. Der Weeg geht an hohen Felswänden vorbey. Der erste Blik vom Berg herab in das Hasliland ist frappirend, die Gegend ist erstaunend weit und angenehm. Vom Gipfel des Scheideks bis ins Haslithal geht man über 4 Stunden immer Berg ab. Hier gingen wir links an dem Berg nach dem Reichenbach und dann nach Hof wo wir etwas assen. Von hier auf Gutannin. Der Weeg ist bös weil man so oft über elende Stiege über die Aar muss, an Felsenwänden weg wo ein bloser Pfad ausgehauen ist und unten immer grosse Abgründe. Hierzu kam die einbrechende Nacht. Herr v. Wedel und Wagner waren wegen ihres Schwindels übel dabei zu Muthe. Eine halbe Stunde vor Guotanin nahmen wir Zuflucht in einem Bauernhauss. ich ging Wagnern der noch zurük war mit einer Laterne entgegen. Schöne Familie in dem Hauss. Wir kamen endlich mit Schindelfakeln nach 8 Uhr daselbst an. Schlechter Wein und schlechte Wirtschaft daselbst.

Den 13. Okt. um 7 Uhr ab und wieder zurük. Wir kehrten wieder bei der schönen Familie ein und frühstükten noch einmal, der Weeg den wir nun mit mehr Muse und Vergnügen machten ist über allen Ausdruk schön. Er krümmt zwischen den hohen Bergen bald herüber bald über die Aar die bei Hof sich zwischen zwei hohen Felsenwänden durchdrängt und eine halbe Stunde drauf wieder heraus kommt. Das Thal bei Hof im Grund genannt ist rund mit Bergen umgeben das gar schön aussieht. Aus dem Meiringer Wirthshauss wo wir zu Mittag assen sieht man[81] zwei kleine Wasserfälle angenehm den Berg herabkommen. Von Petern haben wir niemand zu sprechen können kriegen. Wir gingen um 3 wieder ab und der Herr Geh. Rath voraus. Der Weeg nach Brienz ist grad und schön von fruchtbaren Bergen eingefasst. Auf der linken Seite kommt man an dem Wandel- und Olzibach vorbei. Abends 1/2 7 waren wir in Brienz. Ein Schwager des Peters war denen Herrns nachgelaufen und gab ihnen einen Brief mit, ausser dieser Schwester hat er noch einen Bruder eine Stiefmutter und Stiefgeschwiester. Vor dem Wirthshauss musten zwei Bursche nach Schweizermanier in dem Gras mit einander ringen. Die Aussicht von dem Brienzer See nach den Haslibergen und den Schneegebirgen bei untergehender Sonne ist gros. Es war schon Nacht als auf den Schneebergen oben noch die Sonne glänzte.


Den 14. früh 8 Uhr ab. Es war wieder der schönste heiterste Tag. um 11 Uhr waren wir in Unterlachen einem Kloster wo man anlandet und biss Untersewen zu Fuse geht. In dem Wirthshauss trafen wir wieder den berühmten Doktor Tavaros an mit seiner ganzen Famielie und übrigen Rotte die zusammen 12 Personen ausmachen. 1/2 3 gingen wir ab. Der Herr Geh. Rath las aus dem Homer von den Sirenen. Eine Stunde nach Untersewen erscheint die Beatushöle wir stiegen aus und kletterten den Berg hinan wo man expres einen Weeg in den Berg eingehauen hat. Aus der Höhle die vorn über 3 Mannshöhe hat hinten aber steigend niedriger wird und sehr tief hinein geht komt ein schönes Wasser, daneben ist noch eine d° zwischen beiden ist ein heiliger Epheustamm hoch den Fels hinangelaufen dessen Zweige feierlich drüber herabhängen, eine Kanaillehand hat ihn und wohl erst vor einigen Tagen unten durchgehauen.[82] Der Stamm war drei Spannendick, er ist noch frisch und grün. Herrliches Grün des Sees von oben. Wasserfall. Der Mond kam hervor. Der See ward bewegt und bildete allerlei schöne Wellungen und Kräusel auf der Fläche. Um 7 in Thun.


Den 15. früh 9 3/4 ab. Der Herr Geh. Rath wollte auf der Aar bis Bern fahren, es gebrach an Gelegenheit und unterblieb. Um 1 Uhr waren wir in Bern.


So weit also mit diesem. Nun lass ich noch ein Blat abschreiben das ich im Münsterthal schrieb d. 3. Octbr. Es liegt zwischen Basel und Biel. Ich nahm soviel möglich war alles zusammen was ich an Gegenständen des Tags gesehn und bey ihnen in mir vorgegangen war. nicht immer hat man soviel reinheit nicht immer die Gedult und Entschlossenheit aufs Papier mit seinen Erscheinungen zu gehn. Adieu.

Heut Abend schwäzt meine Feder wie ein Specht.

Avis au Relieur.

Erst kommt das Tagebuch nach seinen Numern 1. bis 6. Sodann der Gesang, sodann die Beschreibung des Münsterthals. Und wenn man will zulezt das Avertissement des Docktors. Grüsen Sie ihre Mutter und die kleine. Und wenn Sie in Kochberg noch sind die Schleusingen.

Grüsen Sie Kästner und die Kinder.[83]


4/854.


An Charlotte von Stein

Sonntags den 10ten früh sahen wir eben den Staubbach wieder und wieder aus dem Pfarrhause an, er bleibt immer eben derselbe und macht einen unendlich angenehmen und tiefen Eindruk. Weil wir die Eißgebirge nicht selbst besteigen wollten, so schikten wir uns zu einem Stieg an auf einen Berg der gegen über liegt und der Steinberg genannt wird. Er macht die andere Seite von einem engen Thal aus wo sie gegen über liegen, biss er sich selbst endlich hinten an sie anschliesst. Was man aus einer kleinen gedrukten Beschreibung des Pfarer Wittenbachs sehen kann will ich hier nicht wiederholen. Eine Weile steigt der Weeg über Matten, dann windet er sich rauh den Berg hinauf, die Sonne gieng uns über den Gletschern auf und wir sahen sie der Reihe nach gegen über liegen. Wir kamen auf die Steinbergs Alp, wo der Zingelgletscher an den Steinberg stösst, die Sonne brannte mit unter sehr heiss. Wir stiegen biss zum Ausbruch des Zingelgletschers und noch höher hinauf, wo vor dem Zingelhorn aus dem Eise sich ein kleiner See formirt. Horn heissen sie hier den höchsten Gipfel eines Felsens, der meist mit Schnee und Eiss bedekt ist und in einer seltsamen Horngestalt oft in die Luft steht. Wir kamen gegen drei oben an, nachdem wirs uns vorher auf der Alpen wohl hatten schmeken[84] lassen. Es fällt mir unmöglich das merkwürdige der Formen und Erscheinungen bei den Gletschern iezt anschaulich zu machen, es ist vieles gut was drüber geschrieben worden, das wir zusammen lesen wollen und dann lässt sich viel erzählen. Wir verweilten uns oben, kamen in Wolken und Regen und endlich in die Nacht, zerstreut und müde in dem Pfarrhauss an, ausser Wedel und Wagnern, die schon früh Morgens ihres Schwindels wegen beizeiten umgekehrt waren.


Bern Sonnabends. d.16. Octb.

9 Uhr Nachts.

Vorstehendes dicktirt ich an Philipp noch in Thun, nun wird mirs unmöglich weiter fortzufahren. Die Weege stehen besser in der schlechtesten Reisebeschreibung, und was mir dabey durch den Kopf geht kan ich nicht wieder auflesen. Philipp soll also aus seinem Tagebuch abschreiben das will ich anfügen.

Wenigs in einzelnen Worten von Bern, wenn ich zurück komme will ichs ausführen.

Gegend, Stadt, wohlhabend, reinlich, alles benüzt, geziert, allgemeines Wohlbefinden, nirgend Elend, nirgend Pracht eines einzelnen hervorstechend nur die Werde des Staats an Wenigen Gebäuden kostbaar pp. Mythologie der Schweizer. National Religion, Tell, die Berner Bären pp. Schallen Werck. War bey Aberli. Im Zeughaus. Naturalien Cabinet bei[85] Sprünglein. Sinner, Tscharner Kilchberger. Prof. Wilhelmi. Vielerley über Hallern. Äuserer Stand pp.

Gestern erst erhielt ich Ihren Brief vom 25ten Sept. So weit sind wir schon aus einander.

Die Wartensleben war nicht in Cassel ich fragte nach ihr.

Es wird noch eine Weile währen biss wir uns wiedersehn, indes Adieu beste. Ich komme nach allem doch wieder zu Ihnen zurück. Lavater schreibt mir »Bey der entsezlichen Dürre an lebenden Menschen kannst du dencken wies mir wohl thun wird mich an dir zu wärmen«. Und ich mag auch wohl sagen »Kinderlein liebt euch!« Wahrhafftig man weis nicht was man an einander hat wenn man sich immer hat. Adieu.


4/855.


An Johann Heinrich Merck

Bern, den 17. Oct. 1779.

Wir hatten immer das glücklichste Wetter gehabt. In Speier mit Beroldingen gegessen, einen ganzen Nachmittag mit ihm. In Emmendingen Alles recht gut und brav; hinter Freiburg in die Hölle, einen guten Tag mit Schlossers und den Mädels. In Basel Mechel; bei ihm interessante Wiener Portraits pp., Gegend, Bibliothek, Holbeins pp., Antiquitäten, Fabriken pp. Durch Münsterthal, eine herrliche Felsgegend, abwechselnd, durch Münster auf Biel.[86] In die Weinlese kamen wir, da, wo die Trauben berühmt sind; halbstürmischen, schönen Tag auf dem See, nach Rousseau's Insel, eben im Weinlesen begriffen, für drei Jahr Trauben gessen. Auf Anet, sodann wieder bis Blaise, am Neuburger See einen Mittag gefeiert, hohe Sonnenblicke auf Murten, der einzige Regentag. Auf Bern; nach einer kleinen gedruckten Anweisung Wyttenbachs auf die Glätscher. Über Thun, Unterseen ins Lauterbrunn, Staubbach, auf den Steinberg, die Glätscher gegenüber bis ans Tschingelhorn, zurück, dann in Grindelwald, die beiden Glätscher und unbeschreibliche Tage über den Scheideck ins Oberhasli durch den Grund bis Guttanen zurück auf Meyringen. In der höchsten Klarheit des Himmels, Wärme und Kühle, ein grün über alles, und Farben an den abstehenden noch ganz beblätterten Bäumen!! In Tracht bei Brienz schlafen. Mit Sonnenaufgang auf den Brienzer See. Über Unterseen auf den Thuner, nach Thun, auf Bern, auf Langenau. Beim alten Micheli eine Nacht, auf Hindelbank das Grab der Langhans, nach Bern zurück, immer vollkommen Wetter! Die Bibliothek, das Zeughaus, Sprünglin's Sammlung, höchst interessant. Bei Wyttenbachen war ich diesen Morgen drei Stunden, er ist sehr instructiv. Er hat von allen Bergen und Enden der Schweiz die Steinarten zusammengelesen, ist ein recht artiger Mann. Allerlei Leute besucht. Aberli, ein Mahler! Der junge Wocher[87] wird recht brav. In Biel einen kennen lernen, Hartmann, von dem ich mitbringe. Über alles, was sich denken läßt, zeichnet der junge Schütz, der jetzt bei einem Handelsmann, Burkhardt in Basel, ist. Aberli macht seine Studien nach der Natur in Öl trefflich.

Wir sind wohl, mit unter recht lustig, der Herzog grüßt und Wedel. Von Lavatern hab ich mir allerlei interessante Menschen nennen lassen pp. So viel im Vogelflug von unserer Tour, daß du folgen kannst und siehst, daß bisher die Götter mit uns waren. Morgen gehen wir auf Lausanne.

Eben da ich so schrieb, sah ich durch die Schornsteine, daß die Sonne untergieng, und lief schnell auf die Terasse hinter dem Münster. Sie war schon untergegangen und an den Schneebergen stand noch das Roth, und der Mond oben darüber, du kennst den Anblick. Adieu. Schick diesen Brief, wenn du ihn gelesen hast, meinen Eltern. Adieu.

Meine Mutter soll künftig alle Packete an Herrn Gedeon Burkhardt in Basel adressiren. Was sie bisher abgeschickt hat, haben wir zu verschiedenenmalen erhalten. Es ist uns nachgekommen.


4/856.


An Johann Kaspar Lavater

Lieber Bruder, deine Leute hier hab ich meist gesehen, Kirchbergern noch heut Abend spät anderthalb[88] Stunden auf seinem Landhaus gesprochen. Es ist ein Mann mit dem sich gut reden lässt und ich habe die Zapfen meiner Gefäse, wie er angeklopft hat, gar freundlich ausgezogen, und mir auch dagegen von dem seinigen reichen lassen. Auf alles was er gefragt hat, hab ich ihm in meiner Art geantwortet, und durch Gleichnisse und anschlagen wurden wir bald bekannt. Auch hab ich ihm hie und da mehr gesagt als er gefragt hat, denn es hängt alles gar hübsch bey ihm zusammen, und er hat für sein Alter und dass er viel für sich durchdacht hat, eine schöne Gelencksamkeit der Gedancken.

Nun wirds weiter gehn. Verschiedne Packete sollen an dich geschickt werden hebe mir sie auf. Wir gehen auf Lausanne und Genv. Bey Neuburg sind wir schon gewesen, es thut mir leid die Generalinn nicht zu sehen, ich schick ihr deinen Brief. Wenn du mir was noch zu sagen hast, so schicks an Toblern den ich gewiss aufsuche. Von Genv hörst du weiter von mir.

Was der treue Cameralische Okulist mit dem Braunschweiger Herzog will, versteh ich ausser dem Zusammenhang nicht. Wenn's so ist wie ich vermuthe, mag er's immer noch ein Paar Jahrhunderte aufschieben, und es soll auch dann wills Gott nicht passen. Es ist nur seit man die Kazzen weis gemacht hat, die Löwen gehören in ihr Geschlecht, dass sich ieder ehrliche Hauskater zutraut er könne[89] und dürfe Löwen und Pardeln die Tazze reichen und sich brüderlich mit ihnen herumsielen, die doch ein vor allemal von Gott zu einer andern Art Thiere gebildet sind. Adieu. Eh wir Zürch nahen hörst du mehr von mir. Bern d. 17. Otbr. 79.

Grüs dein Weib und die kleine, es soll mich wundern ob und wie wir uns verändert finden.


4/857.


An Charlotte von Stein

Payerne Peterlingen d. 20. Oktbr. 79 Abends.

Nur wenig Worte dass ich nicht ganz aus dem Faden komme, und Sie uns folgen können. Heut früh sind wir von Bern ab, nachdem wir uns was möglich war umgesehen und auch einige interessante Leute kennen lernen. In Murten zu Mittage. In Avanche einen Fusboden Mosaique von der Römer Zeit gesehen, schlecht erhalten, und geht täglich mehr zu Grunde, dass es Jammer ist. Mit schönem Mondschein hier angelangt. Auch kan ich diesen Brief wieder mit Preis der Witterung anfangen. Vom Docktor in Langnau werd ich manches erzählen. Er geht für Alter sehr zusammen und war auch nicht guter Humor des Tags, er hatte Honig gegessen den er nicht verdauen kan, und seine Frau war abwesend, doch ist sein Auge das gegenwärtigste das ich glaube gesehn zu haben. Blau, offen, vorstehend, ohne Anstrengung[90] beobachtend pp. Vom Grabmal der Pfarren zu Hindelbanck zu hören werden Sie Geduld haben müssen, denn ich habe mancherley davon, darüber und dabey vorzubringen. Es ist ein Text worüber sich ein lang Capitel lesen lässt. Ich wünschte gleich iezt alles aufschreiben zu können. Ich hab soviel davon gehört und alles verbertucht pour ainsi dire. Man spricht mit einem allzeit fertigen Enthusiasmus von solchen Dingen, und niemand steht drauf was hat der Künstler gemacht, was hat er machen wollen.


Moudon d. 21. Wir machen kleine Tagreisen wie es neugierigen Reisenden ziemt. Den Morgen haben wir zugebracht wieder ein Mosaisches Pflaster bei Chaire gegen den Neustädter See zu besuchen. Es ist ziemlich erhalten geht aber auch nach und nach zu Grunde. Die Schweizer tracktiren so etwas wie die Schweine. Der vorige Landvogt fand es erst vor zwey Jahren, der iezzige wird sich nicht drum kümmern, besonders da es in einem benachbaarten Amt liegt und er nur die Schlüssel dazu hat Ich schrieb ihm ein anonym billet, ihm zu berichten dass das Mäuergen umher einzufallen anfinge, und bat ihn es wieder herstellen zu lassen. Doch hilft auch das nichts wenn ers auch thut ppp. Es stellt den Orpheus vor in einem Rund, und in den Feldern umher die Thiere, es ist mittelmäsige Arbeit. Dagegen das gestrige trefflich muss gewesen seyn, aus einem einzigen Kopf zu schliesen[91] den wir von allem noch finden konnten der aber auch bald wird zerstört seyn. Ganz herrlich aber war die Zeichnung von einem die wir gestern sahen, das aber schon lange aus Muthwill von Bauern bey nachtzeit ist ruinirt worden. Meine ganz immer gleiche herzliche Freude und Liebe zu der bildenden Kunst macht mir so was noch viel auffallender und unerträglicher.

Übrigens bin ich ruhig und recht wohl in meiner Seele. So bald eine ewige Abwechslung tausend manigfaltige Stückgen auf meinem Psalter spielt bin ich vergnügt. Dem Herzog bekommts auch recht sehr, ich hoffe ihr sollt des alle geniessen.

Lausanne d. 23ten. Wenn es was zu schreiben giebt merck ich wohl wird nichts geschrieben und von alten Fusboden die Sie nichts angehn unterhalt ich Sie weitläufig. Gestern den 22ten kamen wir gegen Mittag hier an und sahen den Genfer See, den Meister von allen Seen die wir bisher gesehen haben, wovon doch ieder sein eignes hat. Lausanne liegt allerliebst, ist aber ein leidig Nest, Lusthäuser sind umher von trefflichen Aussichten, auch Spaziergänge. Wir gingen Nachmittag Spazieren und sahen uns satt. Abends ging ich zu Mad. Branconi. Sie kommt mir so schön und angenehm vor dass ich mich etlichemal in ihrer Gegenwart stille fragte, obs auch wahr seyn möchte dass sie so schön sey. Einen Geist! ein Leben! einen Offenmuth! dass man eben nicht weis woran man ist.

[92] d. 23. früh den schönsten Morgen. Jeder Tag ist so schön dass man glaubt er sey schöner als der Vorhergehende. Wir fuhren nach Beway, ich konnte mich der Trähnen nicht enthalten, wenn ich nach Melleraye hinüber sahe und den dent de Chamant und die ganze Pläzze vor mir hatte, der die der ewig einsame Rousseau mit empfindenden Wesen bevölckerte. Der Genfer See wird hier von den Walliser und Savoyer Gebürgen eingeschlossen die steil herab gehn, die Einsicht ins Wallis ist ahndungsvoll und die Schweizerseite mit Weinbergen sorgfältig und fröhlig genuzt.

Wir badeten im See, assen zu Mittag fuhren nach Hause, puzten uns, fuhren zur Herzogin von Curland, strichen uns balde, und mich führte der Geist wieder zur M. Branconi. Eigentlich darf ich sagen, sie lies mir durch Mathäi der bey ihrem Sohn ist gar artig sagen wenn ich noch eine Stunde sie sehen könnte würd es ihr recht seyn. Ich blieb zum Essen. Am Ende ist von ihr zu sagen was Ulyff von den Felsen der Scylla erzählt. »Unverlezt die Flügel streicht kein Vogel vorbey, auch die schnelle Taube nicht die dem Jovi Ambrosia bringt, er muss sich für iedesmal andrer bedienen.« Pour la colombe du jour elle a echappé belle doch mag er sich für das nächstemal andrer bedienen.


d. 24. Octbr. a la Vallee de Joux. Der heutige Tag war wieder sehr glücklich. Wir ritten früh halb[93] achte mit schönem Wetter aus, doch war ich schon seit gestern Abend in stillen Sorgen, der Wind hatte gewendet und kam von Genv das hier Regen deutet, die Sonne stach, die Nebel logen vom Jura nach den Savoyer und Wallis Bergen, wir kamen nach eilf auf Rolles. Der See war unendlich schön, die Gegend die la Cote heisst ist fast vom See an bis hoch an die Berge hinauf mit Reben bepflanzt, mit unzähligen Häusern besezt und ist iezt voll von Menschen, es geht mit der Weinlese zu Ende. In Rolle nahm ich ein Miethpferd auf Mont zu Mercks Schwiegereltern zu reiten das ein halb stündgen aufwärts liegt. Dort blieb ich zu Tische, und fing ohngefähr an vom Lac de Joux zu reden. Merck hatte uns diese Tour sehr empfolen von Lausanne aus zu machen, die bedeckten Berge hatten uns den Gedancken verlöscht. Man pries die Gegend sehr und erzählte dass eigentlich der beste Weeg von Rolle hinauf gehe, eine Chaussee bis zu oberst des Bergs, und dass wir zu Nacht besonders bey Mondschein oben seyn könnten. Ich schrieb dem Herzog ein Billet, und kam mit Merckens Schwager der diese Reviere als Oberforstmeister unter sich hat, und alles wohl kennt, den Herzog und Wedeln abzuholen. Wir machten uns mit den Pferden, erstlich Mont hinan, und hatten steigend die herrlichste Aussicht auf den Genfer See die Savoyer und Wallis Gebürge hinter uns konnten Lausanne erkennen, und durch einen leichten Nebel auch die Gegend von Genv.

[94] Grad übersahen wir den Mont blanc der über alle Gebürge des Faucigny hervorsieht. Die Sonne ging, klar unter es war ein so groser Anblick, dass ein menschlich Auge nicht hinreicht ihn zu sehen. Der fast volle Mond kam herauf, und wir höher; durch Tannen Wälder stiegen wir immer den Jura hinan, und sahen den See im Duft und den Wiederschein des Mondes drinne. es wurde immer heller. Der Weeg ist eine bequeme Chaussee, nur angelegt um das Holz aus den Gebürgen bequemer ins Land zu bringen. Wir waren wohl drey Stunden gestiegen, als es hinterwärts sachte wieder hinab zu gehen anfing und in einer Stunde zeit waren wir wieder im Thal de Joux das also hoch auf dem Berge liegt einen schönen See hat und wo in zerstreuten Häusern bey 2000 Seelen wohnen. Davon haben wir alle nichts gesehen denn der Nebel lag im Thal wie wir herunter kamen der Mond schien hoch drauf, wir sahen einen Mondbogen im Nebel ganz geformt. Breiter als der Regenbogen aber niedrig weil der Mond hoch stand. nun sind wir in einem recht guten Wirthshaus wo die Menschen aussehn wie im flachen Land, wir haben sogar hübsch gepuzte Misels zum Besuch angetroffen. Um halb 10 Abends.

a la Vallee de Joux. d. 25. Abends 9.

Wir haben heute einen delizieusen Tag gehabt, die Tour vom Thal zu machen, auf die Dent de Vaulion zu steigen und uns von da in alle Welt[95] umzusehen. Leider will mir's nicht aus der Feder eine Beschreibung zu machen so sehr es verdiente. Gute Nacht. Mündlich ein mehres.


Ich hab es doch noch über mich vermocht geschwind eine leichte Skizze vom heutigen Tag auf ein ander Papier zu werfen, das ich aber Philippen wenn wir nach Genv kommen abdicktiren muss. Nur einen Brief vom Ende Sept. hab ich von Ihnen. In einem ganzen Monat nichts von Ihnen gehört. Wenn ich in Genv nichts finde wer weis was dann.

d. 26ten Oktbr. Nion Abends achte. Vom Camin wo ich den Glanz des Monds über den ganzen See gar herrlich sehn kan. Auch diesen Tag hat uns das Glück wie verdorbne Kinder behandelt, alle unsre Wünsche erfüllt, und auch unsre Nachlässigkeiten zum besten gekehrt. Ich will geschwind das mögliche zum gestrigen zusammenkrizzeln. Freylich wenn man den ganzen Tag genossen hat fällt Abends die Wiederholung schweer. Adieu! Ich verlasse Sie, um Sie auf einem andren Blat wieder zu suchen.

Gegen neun. Auch soviel Geduld hab ich gefunden um die äussersten Linien wenigstens unsrer Schicksaale zu ziehen.

Mit dem Gestrigen will ich so bald wir nach Genv morgen kommen auch dies dicktiren. Die Nacht ist klar, ruhig, der See still und der Breite Wiederschein des Monds drinn unendlich schön.

[96] Nion d. 27. Morgends gegen achte. Nach sechsen war heut der See und Himmel gar lieblich in vielen wechselnden Farben der aufsteigenden Sonne sie selbst blieb hinter Wolcken den Bergen gegen über, und nun liegt die ganze Gegend unter Nebel. Wir sind nun unter eben dem Vorhang wieder eingewickelt auf den wir gestern aus stolzer Klarheit hinunter sahen. Der Herzog pflegt der Rute noch, in wenig Stunden sind wir in Genf.


4/858.


An Charlotte von Stein

Genf den 28. Oktbr. 1779.

Wir haben diese Tage her einen sehr glüklichen Seitenweeg auf die höchsten Gipfel des Jura gemacht, davon ich eine eilige Beschreibung zusammen diktiren will.

Die grosse Bergkette, die von Basel biss Genf, Schweiz und Frankreich scheidet, wird, wie Ihnen bekannt, der Jura genannt; die grössten Höhen davon ziehen sich über Lausanne biss ohngefehr über Rolle und Nion. Auf diesen höchsten Rüken ist ein merkwürdiges Thal von der Natur eingegraben (ich mögte sagen, eingeschwemmt, da auf allen diesen Kalchhöhen die Würkungen der uralten Gewässer sichtbar sind) das la vallée de Joux genannt wird, welcher Nahme, da Joux in der Landsprache einen Felsen oder Berg bedeutet, Teutsch das Bergthal hiesse. Eh ich zur[97] Beschreibung unsrer Reise fortgehe, will ich mit wenigem die Lage davon geographisch angeben. Seine Länge streicht, wie das Gebürg selbst, ziemlich von Mitag gegen Mitternacht und wird an iener Seite von den sept moncels und an dieser von der dent de vaulion, welche nach der Dole der höchste Gipfel des Jura ist, begränzt und hat, nach der Sage des Landes, neun kleine, nach unsrer ohngefehren Reiserechnung aber sechs starke Stunden. Der Berg, der es die Länge hin an der Morgenseite begränzt und auch von dem flachen Land herauf sichtbar ißt, heisst le noir mont. Gegen Abend streicht der Risou hin und verliert sich almählich gegen die franche comté. Frankreich und Bern theilen sich ziemlich gleich in dieses Thal, so dass ienes die obere schlechte Helfte und dieses die untere bessere besizt, welche leztere eigentlich la vallé du lac de Joux genannt wird. Ganz zu oben in dem Thal, gegen den Fus der sept moncels liegt der Lac des rousses, der keinen sichtlichen einzelnen Ursprung hat, sondern sich aus quelligtem Boden und den überall auslaufenden Brunnen sammlet, aus demselben fliesst die Orbe, durchstreicht das ganze französische und einen grossen Theil des Berner Gebiets, biss sie wieder unten gegen den Dens de vaulion sich zum Lac de Joux bildet, der seitwärts in einen kleinen See abfällt, woraus das Wasser endlich sich unter der Erde verliert. Die Breite des Thals ist verschieden, oben beym lac des rousses etwa eine halbe[98] Stunde, alsdann verengert sich's und läuft wieder unten auseinander, wo etwa die gröste Breite anderthalb Stunden wird. So viel zum bessern Verständniss des folgenden, wobei ich Sie einen Blik auf die Carte zu thun bitte.

Den 24. Okt. ritten wir, in Begleitung eines Hauptmanns und Oberforstmeisters dieser Gegenden erstlich Mont durch die Weinberge und Landhäufer hinan. Das Wetter war sehr hell, wir hatten, wenn wir uns umkehrten, die Aussicht auf den Genfersee, die Savoier und Wallisgebürge, konnten Lausanne erkennen und durch einen leichten Nebel auch die Gegend von Genf. Der mont blanc, der über alle Gebürge des faucigné ragt, kam immermehr hervor. Die Sonne ging klar unter, es war so ein grosser Anblik, dass ein menschlich Auge nicht dazu hinreicht. Der fast volle Mond kam herauf und wir immer höher. Durch Fichtenwälder stiegen wir weiter den Jura hinan, und sahen den See im Duft und den Wiederschein des Monds drinn. Es wurd immer heller. Der Weeg ist eine wohlgemachte Chaussée, nur angelegt um das Holz aus dem Gebürg bequemer in das Land herunter zu bringen. Wir waren wohl drei Stunden gestiegen, als es hinterwärts sachte wieder hinab zu gehen anfing. Wir glaubten unter uns einen grossen See zu erbliken, indem ein tiefer Nebel das ganze Thal, was wir übersehen konnten, ausfüllte. Wir kamen ihm endlich näher, sahen einen weisen Bogen[99] den der Mond drinn bildete und wurden bald ganz vom Nebel eingewikelt. Die Begleitung des Hauptmanns verschafte uns Quartier in einem Hause, wo man sonst nicht Fremde aufzunehmen pflegt. Es unterschied sich in der innern Bauart von gewöhnlichen Gebäuden in nichts, als dass der grosse Raum mitten inne zugleich Küche, Versammlungsplaz, Vorsaal ist und man von da in die Zimmer gleicher Erde und auch die Treppe hinauf geht. Auf der einen Seite war an dem Boden auf steinernen Platten das Feuer angezündet, davon ein weiter Schornstein, mit Brettern dauerhaft und sauber ausgeschlagen, den Rauch aufnahm. In der Eke waren die Thüren zu den Baköfen, der ganze Fussboden übrigens gedielet, biss auf ein kleines Ekgen am Fenster um den Spühlstein, gepflastert, übrigens rings herum, auch in der Höhe über den Balken, eine Menge Hausrath und Geräthschaften in schöner Ordnung angebracht, alles nicht unreinlich gehalten.

Den 25. Morgens war helles kaltes Wetter, die Wiesen bereist. Hier und da zogen leichte Nebel, wir konnten den untern Theil des Thals ziemlich übersehen, unser Haus lag am Fus des östlichen noir monts. Gegen achte ritten wir ab, und um der Sonne gleich zu geniesen, an der Abendseite hin. Der Theil des Thals an dem wir hinritten, besteht in abgetheilten Wiesen, die gegen den See zu etwas sumpfiger werden. Die Orbe fliesst in der[100] Mitte durch. Die Einwohner haben sich theils in einzelnen Häusern an der Seite angebaut, theils sind sie in Dörfern näher zusammengerukt, die einfache Namen von ihrer Lage führen. Das erste, wodurch wir kamen, war le sentier. Wir sahen von weitem die dent du vaulion, über einem Nebel der auf dem See stand hervorsehen, das Thal wird breiter, wir kamen hinter einen Felsgrat, der uns den See dekte, durch ein ander Dorf le lieu genannt, die Nebel stiegen und fielen wechselsweise vor der Sonne. Hier nahe bei ist ein kleiner See, der keinen Zu- und Abfluss zu haben scheint. Das Wetter klärte sich völlig auf und wir kamen gegen den Fus der dent de vaulion und trafen hier an's nördliche Ende des grossen Sees, der, indem er sich westwärts wendet, in den kleinen, durch einen Damm, unter einer Brüke weg seinen Ausfluss hat. Das Dorf drüben heisst le pont. Die Lage des kleinen Sees ist wie in einem eigenen kleinen Thal, was man niedlich sagen kann. An dem westlichen Ende ist eine merkwürdige Mühle in einer Felskluft angebracht, die ehemals der kleine See ausfüllte, nunmehr ist er abgedämmt, und die Mühle in die Tiefe gebaut, das Wasser läuft durch Schleussen auf die Räder, es stürzt sich von da in Felsrizen, wo es eingeschlukt wird und erst eine Stunde von da in Valorbe hervorkommt, wo es wieder den Namen des Orbeflusses führet. Diese Abzüge, (entonnoirs) müssen rein gehalten werden, sonst würde der See[101] steigen, die Kluft wieder ausfüllen und über die Mühle weggehen, wie es schon mehr geschehen ist, sie waren stark in der Arbeit begriffen, den morschen Kalchfelsen, theils wegzuschaffen, theils zu befestigen. Wir ritten zurük über die Brüke nach Pont, nahmen einen Weegweiser auf la dent. Im Aufsteigen sahen wir nunmehr den grossen See völlig hinter uns. Ostwärts ist der noir mont seine Gränze, hinter dem der kahle Gipfel der Dole hervorkommt, westwärts hält ihn der Felsrüken, der gegen den See ganz nakt ist, zusammen. Die Sonne schien heiss, es war zwischen eilf und Mittag. Nach und nach übersahen wir das ganze Thal, konnten in der Ferne den Lac des Rousses erkennen, und weiter her biss zu unsern Füssen, die Gegend durch die wir gekommen waren und den Weeg der uns rükwärts noch überblieb. Im Aufsteigen wurde von der grossen Streke Landes und den Herrschaften die man oben unterscheiden könnte, gesprochen und in solchen Gedancken betraten wir den Gipfel, allein uns war ein ander Schauspiel zubereitet. Nur die hohen Gebürgketten waren unter einem klaren und heitern Himmel sichtbar, alle niederen Gegenden mit einem weisen wolkigten Nebelmeer überdekt, das sich von Genf bis nordwärts an den Horizont erstrekte und in der Sonne glänzte. Daraus stieg ostwärts die ganze reine Reihe aller Schnee- und Eissgebürge, ohne Unterschied von Namen der Völker und Fürsten, die sie zu besizen glauben, nur Einem[102] grossen Herrn und dem Blik der Sonne unterworffen, der sie schön röthete. Der mont blanc gegen uns über schien der höchste, die Eisgebürge des Wallis und des Oberlandes folgten, zulezt schlossen niedere Berge des Canton Berns. Gegen Abend war an einem Plaze das Nebelmeer unbegränzt, zur linken in der weitsten Ferne zeigten sich sodann die Gebirge von Solothurn, näher die von Neufchatel, gleich vor uns einige niedere Gipfel des Jura, unter uns lagen einige Häuser von Vaulion dahin der Zahn gehört, und daher er den Namen hat. Gegen Abend schließt die franche comté mit flachstreichenden waldigten Bergen den ganzen Horizont, wovon ein einziger ganz in der Ferne gegen nordwest sich unterschied. Grad ab war ein schöner Anblick. Hier ist die Spize die diesem Gipfel den Namen eines Zahns giebt, er geht steil und eher etwas einwärts hinunter, in der Tiefe schliesst ein kleines Fichtenthal an mit schönen Graspläzen, gleich drüber liegt das Thal valorbe genannt, wo man die Orbe aus dem Felsen kommen sieht und rükwärts zum kleinen See ihren unterirrdischen Lauf in Gedanken verfolgen kann.

Das Städtgen Valorbe liegt auch in diesem Thal. Ungern schieden wir ab. Einige Stunden länger, indem der Nebel um diese Zeit sich zu zerstreuen pflegt, hätten mir das tiefere Land mit dem See entdeken lassen, so aber musste, damit der Genuss vollkommen werde, noch etwas zu wünschen übrig bleiben. Abwärts hatten wir unser[103] ganzes Thal in aller Klarheit vor uns, stiegen bei Pont zu Pferde, ritten an der Ostseite den See hinauf, kamen durch l'Abbaye de Joux, welches iezo ein Dorf ist, ehemals aber ein Siz der Geistlichen war, denen das ganze Thal zugehörte. Gegen viere langten wir in unserm Wirthshaus an, und fanden ein Essen, wovon uns die Wirthin versicherte, dass es um Mittag gut gewesen sei, aber auch übergar treflich schmekte.

Dass ich noch einiges, wie man mir es erzählt, hinzufüge. Wie ich eben erwähnte, soll ehedem das Thal an Mönche gehört haben, die es denn wieder vereinzelt, und zu Zeiten der Reformation mit den übrigen ausgetrieben worden, iezo gehört es zum Canton Bern und sind die Gebürge umher die Holzkammer von dem païs de vaud. Die meisten Hölzer sind Privatbesizungen, werden unter Aufsicht geschlagen und so ins Land gefahren. Auch werden hier die Dauben zu fichtenen Fässern geschnitten, Eimer, Bottge und allerlei hölzerne Gefäse verfertiget. Die Leute sind gut gebildet und gesittet, neben dem Holzverkauf treiben sie die Viehzucht, sie haben kleines Vieh und machen gute Käse, sie sind geschäftig und ein Erdschollen ist ihnen viel werth, wir fanden einen, der die wenige aus einem Gräbgen aufgeworfene Erde mit Pferd und Karren in einige Vertiefungen eben der Wiese führte, die Steine legen sie sorgfältig zusammen und bringen sie auf kleine Haufen. Es sind[104] viele Steinschleifer hier, die für Genfer und andere Kaufleute arbeiten, womit auch die Frauen und Kinder sich beschäftigen. Die Häuser sind dauerhaft und sauber gebaut, die Form und Einrichtung nach dem Bedürfniss der Gegend und der Bewohner, vor jedem Hause läuft ein Brunnen und durchaus spürt man Fleiss, Rührigkeit und Wohlstand. Über alles aber muss man die schöne Weege preissen für die, in diesen entfernten Gegenden, der Stand Bern, wie durch den ganzen übrigen Canton sorgt. Es geht eine Chaussée um das ganze Thal herum, nicht übermässig breit, aber wohl unterhalten, so dass die Einwohner mit der grössten Bequemlichkeit ihr Gewerbe treiben, mit kleinen Pferden und leichten Wagen fortkommen können. Die Luft ist sehr rein und gesund.

Den 26ten ward beim Frühstük überlegt, welchen Weeg man zurük nehmen wolle? Da wir hörten dass die Dole, der höchste Gipfel des Jura nicht weit von dem obern Ende des Thals läge, da das Wetter sich auf das herrlichste anlies und wir hoffen konnten, was uns gestern noch gefehlt, heute vom Glük alles zu erlangen, so wurde dahin zu gehen beschlossen. Wir pakten einem Boten Käs, Butter Brod und Wein auf, und ritten gegen achte ab. Unser Weeg ging nun durch den obern Theil des Thals, in dem Schatten des noir monts hin. Es war sehr kalt, hatte gereift und gefrohren, wir hatten noch eine Stunde im Bernischen zu reiten, wo man eben die Chaussée zu Ende[105] zu bringen beschäftiget ist. Durch einen kleinen Fichtenwald rükten wir ins französische Gebiet ein. Hier veränderte sich der Schauplaz sehr. Was wir zuerst bemerkten waren die schlechte Weege, der Boden ist sehr steinigt, überall liegen sehr grosse Hauffen zusammen gelesen, wieder ist er eines Theils sehr morastig und quelligt, die Waldungen umher sind sehr ruiniret, den Häusern und Einwohnern sieht man, ich will nicht sagen Mangel, aber doch bald ein sehr enges Bedürfniss an, sie gehören fast als Leibeigne an die Canonicos von St. Claude, sie sind an die Erde gebunden, viele Abgaben liegen auf ihnen, sujets á la main morte et au droit de la suite, wovon mündlich ein mehreres, wie auch von dem neusten Edikt des Königs, wodurch das droit de la suite aufgehoben wird, die Eigenthümer und Besizer aber eingeladen werden, gegen ein gewisses Geld sich von der main morte zu entsagen. Doch ist auch dieser Theil des Thals sehr angebaut, sie nähren sich mühsam und lieben doch ihr Vaterland sehr, stehlen gelegentlich den Bernern Holz und verkaufen's wieder in's Land. Der erste Sprengel heisst le bois d'amont, durch den wir in das Kirchspiel les Rousses kamen, wo wir den kleinen Lac des Rousses und les sept moncels, sieben kleine, verschieden gestallte und verbundene Hügel, die mittägige Gränze des Thals, vor uns sahen. Wir kamen bald auf die neue Strasse die aus dem païs de vaud nach Paris führt, wir[106] folgten ihr eine Weile abwärts, und waren nunmehro von unserm Thale geschieden, der kahle Gipfel der Dole lag vor uns, wir stiegen ab und Wedel ging mit den Pferden auf der Strase voraus nach Sergues, und wir stiegen die Dole hinan. Es war gegen Mitag, die Sonne schien heiss, aber es wechselte ein kühler Mitagswind. Wenn wir, auszuruhen, uns umsahen, hatten wir les sept moncels hinter uns, wir sahen noch einen Theil des Lac des Rousses und um ihn die zerstreuten Häuser des Kirchspiels, der noir mont dekte uns das übrige ganze Thal, höher sahen wir wieder ungefehr die gestrige Aussicht in die franche comté und näher bei uns, gegen Mitag, die lezten Berge und Thäler des Jura. Sorgfältig hüteten wir uns, nicht durch einen Bug der Hügel uns nach der Gegend umzusehen, um derent willen wir eigentlich herauf stiegen. Ich war in einiger Sorge wegen des Nebels, doch zog ich aus der Gestalt des obern Himmels einige gute Vorbedeutungen. Wir betraten endlich den obern Gipfel und sahen mit grösstem Vergnügen uns heute gegönnt, was uns gestern versagt war. Das ganze Païs de vaud und de Gex lag wie eine Fluhrkarte unter uns, alle Besizungen mit grünen Zäunen abgeschnitten, wie die Beete eines Parterrs. Wir waren so hoch dass die Höhen und Vertiefungen des vordern Landes gar nicht erschienen. Dörfer, Städtgen, Landhäuser, Weinberge und höher herauf, wo Wald und Alpen angehen, Sennhütten, meist[107] weis und hell angestrichen, leuchteten gegen die Sonne; vom See hatte sich der Nebel schon zurüke gezogen, wir sahen den nächsten Theil an unsrer Küste deutlich, den sogenannten kleinen See, wo sich der grosse verenget und gegen Genf zu geht, dem wir gegen über waren, ganz, und gegen über klärte sich das Land auf, das ihn einschliesst. Über alles aber behauptete der Anblik über die Eis- und Schneeberge seine Rechte. Wir sezten uns vor der kühlen Luft in Schuz hinter Felsen, liessen uns von der Sonne bescheinen, das Essen und Trinken schmekte treflich. Wir sahen dem Nebel zu, der sich nach und nach verzog, ieder entdekte etwas, oder glaubte was zu entdeken, wir sahen nach und nach Lausanne mit allen Gartenhäusern umher, Vevay und das Schloss von Chillon ganz deutlich, das Gebirg, das uns den Eingang vom Wallis verdekte, biss in den See, von da an der Savoier Küste Evian, Ripaille, Tonon, Dörfgen und Häusgen zwischen inne, Genf kam endlich rechts auch aus dem Nebel, aber weiter gegen Mitag, gegen den mont Crédo und mont vauche, wo das fort l'ecluse inne liegt, zog er sich gar nicht weg. Wendeten wir uns wieder links so lag das ganze Land von Lausanne biss Solothurn in leichtem Duft, die nähere Berge und Höhen auch alles, was weise Häuser hatte, konnten wir erkennen, man zeigte uns das Schloss Chanvan blinken, das vom Neuburgersee links liegt, woraus wir seine Lage muthmassen, ihn aber in dem blauen Duft nicht erkennen konnten.

[108] Es sind keine Worte für die Grösse und Schöne dieses Anbliks, man ist sich im Augenblik selbst kaum bewusst, dass man sieht, man ruft sich nur gern die Namen und alten Gestalten, der bekannten Städte und Orte zurük und freut sich in einer taumelnden Erkenntniss dass das eben die weisen Punkte sind, die man vor sich hat.

Und immer wieder zog die Reihe der glänzenden Eisgebürge das Aug' und die Seele an sich. Die Sonne wendete sich mehr gegen Abend und erleuchtete ihre grössere Flächen gegen uns zu. Schon was vom See auf für schwarze Felsrüken, Zähne, Thürme und Mauern in vielfachen Reihen vor ihnen aufsteigen! wilde ungeheure, undurchdringliche Vorhöfe bilden! wann sie dann erst selbst in der Reinheit und Klarheit in der freien Luft mannichfaltig da liegen; man giebt da gern iede Prätension an's Unendliche auf, da man nicht einmal mit dem Endlichen im Anschauen und Gedanken fertig werden kann.

Vor uns sahen wir ein fruchtbar bewohntes Land, der Boden, worauf wir stunden, ein hohes, kahles Gebürge, trägt noch Gras, Futter für Thiere, von denen der Mensch Nuzen zieht, das kann sich der einbildische Herr der Welt noch zueignen; Aber iene sind wie eine heilige Reihe von Jungfrauen, die der Geist des Himmels in unzugänglichen Gegenden, vor unsern Augen, für sich allein, in ewiger Reinheit aufbewahrt. Wir blieben und reizten einander wechselsweise Städte,[109] Berge und Gegenden bald mit blossem Auge bald mit dem Teleskop, zu entdeken und gingen nicht eher abwärts, als biss die Sonne im Weichen, den Nebel seinen Abendhauch über den See breiten lies. Wir kamen mit Sonnen Untergang auf die Ruinen des fort de St. Sergues. Auch näher am Thal waren unsre Augen nur auf die Eisgebürge gegen über gerichtet. Die lezten, links im Oberland, schienen in einem leichten Feuerdampf aufzuschmelzen, die nächsten standen noch mit wohl bestimmten rothen Seiten gegen uns, nach und nach wurden iene weis-grün-graulich. Es sah fast ängstlich aus. Wie ein gewaltiger Körper von aussen gegen das Herz zu abstirbt, so erblassten alle langsam gegen den mont blanc zu, dessen weiter Busen noch immer roth herüber glänzte und auch zulezt uns noch einen röthlichen Schein zu behalten schien, wie man den Tod des Geliebten nicht gleich bekennen, und den Augenblik, wo der Puls zu schlagen aufhört, nicht abschneiden will. Auch nun gingen wir ungern weg, die Pferde fanden wir in St. Sergues, und dass nichts fehle, stieg der Mond auf und leuchtete uns nach Nion, wo unter Weegs unsere gespannten Sinnen sich wieder lieblich falten konnten, wieder freundlich wurden und mit frischer Luft aus den Fenstern des Wirthshausses den breitschwimmenden Wiederglanz des Monds im ganz reinen See geniesen konnten.[110]


4/859.


An Johann Kaspar Lavater

Genf d. 28ten Oct. Lieber Bruder deinen Brief hat mir Tobler gegeben, der mich nur in Gegenwart Diodatis gesprochen hat wo's ihm nicht so von der Brust will und ich bin auch nicht so, in Gesellschafft mich aufzuknöpfen.

Wir ziehen langsam bis iezt noch mit schönem Glück und Vorteil, sind vorgestern in der Vallee du lac de Joux und auf der Dole gewesen, beym schönsten Wetter und Umständen. Heut warten wir das Trübe in Genv ab.

Noch weis ich nicht wenn wir kommen, du sollst noch mehr von mir hören. Ich halte sonst viel vom überraschen, diesmal ist das herumziehen eh wir uns sehn auch gut. Nicht allein vergnüglich sondern geseegnet uns beyden soll unsre Zusammenkunft seyn. Für ein Paar Leute die Gott auf so unterschiedne Art dienen sind wir vielleicht die einzigen, und dencke wir wollen mehr zusammen überlegen und ausmachen als ein ganz Concilium mit seinen Pfaffen Huren und Mauleseln. Eins werden wir aber doch wohl thun dass wir einander unsre particular Religionen ungehudelt lassen. Du bist gut darinne, aber ich bin manchmal hart und unhold, da bitt ich dich im Voraus um Geduld.

Denn z.E. da hat mir Tobler deine Offenbarung[111] Johannis gegeben, an der ist mir nun nichts nah als deine Handschrifft, darüber hab ich sie auch zu lesen angefangen. Es hilft aber nicht ich kan das göttliche nirgends und das poetische nur hie und da finden, das Ganze ist mir fatal, mir ists als röch ich überall einen Menschen durch der gar keinen Geruch von dem gehabt hat der da ist A. und O. Siehst du lieber Bruder wenn nun deine Vorerinnerung grade das Gegentheil besagt und unterm 24. September 1779!! da werden mir wohlthun wenn wir irgend ein sittsam Wort zusammen sprechen, ich bin ein sehr irdischer Mensch, mir ist das Gleichniss vom ungerechten Haushalter vom Verlohrnen Sohn, vom Saemann, von der Perle, vom Groschen ppp. göttlicher (wenn ia was göttlichs da seyn soll) als die sieben Bischoffe Leuchter, Hörner Siegel Sterne und Wehe. Ich dencke auch aus der Wahrheit zu seyn, aber aus der Wahrheit der fünf Sinne und Gott habe Geduld mit mir wie bisher. Gegen deine Messiade hab ich nichts, sie liest sich gut, wenn man einmal das Buch mag, und was in der Apokalypse enthalten ist, drückt sich durch deinen Mund rein und gut in die Seele, wie mich dünckt. Das willst du da, wozu denn aber die ewigen Trümpfe mit denen man nicht sticht, und kein Spiel gewinnt, weil sie kein Mensch gelten lässt. Du siehst Bruder ich bin immer der alte, dir wieder von eben der Seite wie vormals zur Last. Auch bin ich in Versuchung gewesen das Blat wieder zu zerreisen.[112] Doch da wir uns doch sehn werden so mags gehn.

Vom Herzog sag ich dir nichts voraus, noch haben ihn die gescheutsten Leute falsch beurtheilt. Du sollst ihm das Haupt salben wie mit köstlichem Balsam, und ich will mich mit dir im stillen über ihn freuen, denn weis Gott ausser der Sonne und dem Mond und den ewigen Sternen lass ich neuerdings niemand zu Zeugen des was mich freut oder ängstet.

Du bist ein bescheidener Mensch dass du nur eine Ahndung von meinem Biss auf das neue Systema Naturae in deinen Gliedern gespürt hast. Sey nur ruhig alter Paradiesvogel man darf dich wohl mit anderm raren Vieh für gleiches Geld sehen lassen.

Dein Strumpfwürcker ist von Franckfurt aus besorgt und wird sein Geld haben. Nun leb wohl. Es ist spät verzeih mir mein Wesen, und sieh an dem Brief wie wohl mirs ist dir nahe zu seyn, und nach der ganzen Schweiz noch den reinen Eindruck von dir mit fortzunehmen.

Grüs dein Weib, sey hübsch fleisig, vor 14 Tagen kommen wir noch nicht. Du hörst indess wieder von mir. Ich liebe dich wie ich lieben kan.

d. 29. früh.

NB. in Lausanne habe ich die gar liebliche Branckoni zwey mal gesehn, und über sie den Brandes vernachlässigt, und den Dubois vergessen. Sie war so artig mir wenigstens glauben zu machen dass ich[113] sie interessire, und ihr mein Wesen gefalle, und das glaubt man diesen Sirenen gerne. Mir ist herzlich lieb dass ich nicht an Matthäis Plaz bin denn es ist ein verfluchter Posten das ganze Jahr par devoir wie Butter an der Sonne zu stehn.

Grüs mir herzlich die Schulthess und Pfenningern und Kaysern. Was von Füesli bey dir ist zu sehen verlangt mich sehnlich. Adieu. Schreib mir doch ein Wörtgen auf Luzern früh oder spat find ich's da.


4/860.


An Charlotte von Stein

Genv d. 29. Oktbr. Vorgestern sind wir endlich hier angekommen, und werden abwarten wo es mit dem Regen hinwill der sich seit heute Nacht eingelegt hat.

Adieu liebe. Ich hoffe Sie werden sich an Philipps Petitschrifft erbauen. Hier hab ich noch keinen Brief von Ihnen gefunden, vielleicht ist er sehr nahe, doch werd ich ihn späte erhalten, denn in die Gegenden wo wir hingehen folgt kein Bote. Adieu auf eine Weile.

G.


4/861.


An Johann Kaspar Lavater

Genf den 2. 9br. 1779.

Eh ich von hier weggehe noch einige Worte lieber Bruder eh wir uns tiefer in die Gebürge verlieren[114] in die wir unter Garantie des Herrn de Saussure einen Versuch wagen, von hier aus gehts in die Savoiischen Eisgebürge und ins Wallis.

Deine Offenbarung hat mir viel Vergnügen gemacht. Ich habe sie recht und vieles davon mehr als einmal gelesen. Schon da Tobler mir sagte du habest darüber von Amts wegen gepredigt, gabs mir ein ganz neues Interesse, denn ich konnte nunmehr begreiffen, wie du mit diesem Buche so lange beschäftigt, du es ganz in dich hinüber empfunden hast und es in einem so fremden Vehiculo ohne fremden, vielmehr eigentlich heterogenen Zusaz wieder aus dir herausquellen lassen konntest, denn nach meiner Empfindung macht deine Ausmahlung keinen andern Eindruk als die Original Skize macht, wenigstens einer Seele aus diesem Jahrhundert, wo man die Ideen die du hineinlegst selbst von Kindheit an gröstentheils hineinzulegen pflegt. Die Arbeit selbst ist dir glüklich von statten gangen, einige trefliche Züge der Auslegung und Erfindung sind drinne. Ausgemahlt sind viele Stellen ganz treflich, besonders alle die der innern Empfindung von Zärtlichkeit und Kraft, w.z.B. die Verheissung des ewigen Lebens, das Weiden der Schaafe unter Palmen, das siegende Gefühl der Engel, eh und indem sie die Schlacht anfangen. In einigen Gestalten und Gleichnissen hast du dich auch gut gehalten nur schwinden deine Ungeheuer für mich zu schnell in allegorischen Dampf auf, doch ist auch[115] dies, wenn ichs recht bedenke das klügste Theil das du ergreiffen konntest. Es ist mir leid dass ich die zwölf folgende Gesänge nicht gleich habe. Bei dieser Gelegenheit lies ich mir den griechischen Text wieder geben und sah auch Piscators Übersezung an.

Nun noch ein herzlich Wort der Sehnsucht an dich, und der Hoffnung, sie wird alle Tage stärcker. Lass uns ia einander bleiben, einander mehr werden denn neue Freunde und Lieben mach ich mir nicht.

Mit Toblern weis ich nicht wies war. Er hat wohl nähe und Vertrauen zu mir. Aber leider fühl ich meine 30 Jahr und Weltwesen!! schon einige Ferne von dem werdenden, sich entfaltenden, ich erkenns noch mit Vergnügen, mein Geist ist ihm nah aber mein Herz ist fremd. Grose Gedancken, die dem Jüngling ganz fremd sind, füllen iezt meine Seele, beschäfftigen sie in einem neuen Reiche, und so kann ich nicht als nur geborgt nieder ins Thal des Thaus und der Morgenbe gattung lieblicher Turteltauben. Er sagt dir vielleicht wie's ihm mit mir war. Wohl ists uns zusammen nicht worden.

Adieu guter. Meine Seele ist immer bey dir.

G.[116]


4/862.


An Charlotte von Stein

d. 2. November. Genv. 79. Auch hier sind wir länger geblieben als wir dachten, und müssen doch noch leider interessante Personen und Sachen, ungekannt und ungesehn zurücklassen. Die Stadt selbst macht mir einen fatalen Eindruck. Die Gegend ist mit Landhäusern besäet, und offen, freundlich, und lebendig. Der Herzog hat sich von einem Juel mahlen lassen, wir haben Bonnet, Diodati, Mr. de Chateauvieux, Hubern gesehen und fahren noch heute zu Saussuren. Waren in Furney. Mad. Van der Borch eine Bekanntschafft aus Pyrmont hat sich nach Ihnen erkundigt. Nun haben wir einen wichtigen Weeg vor uns wo wir das Geleit des Glückes nötiger haben als iemals. Morgen solls nach den Savoyer Eisgebürgen und von da durch ins Wallis. Wenn es dort schon so aussähe wie man es uns hier mahlt so wärs ein Stieg in die Hölle. Man kennt aber schon die Poesie der Leute auf den Sophas und in den Cabriolets. Etwas zu leiden sind wir bereit, und wenn es möglich ist im Dezember auf den Brocken zu kommen, so müssen auch Anfangs November uns diese Pforten der Schröcknisse auch noch durchlassen. Ich hoffe Schritt vor Schritt Ihnen erzählen zu können wohin wir gehn und was wir sehn. Beschrieben ists zwar schon besser, doch unser Schicksaal nicht. Adieu[117] liebste. Vor 14 Tagen kan ich nichts an Sie auf die Post geben, also hören Sie vor 4 Wochen von heut an nichts von mir. Adieu Grüsen Sie Steinen und alles, ich dencke Sie sind in der Stadt.

Mich hat Genv ganz in mich hineingestimmt um alles blieb ich nicht noch 8 Tage in dem Loche.

Dass man bey den Franzosen auch von meinem Werther bezaubert ist hätt ich mir nicht vermuthet, man macht mir viel Complimente, und ich versichre dagegen dass es mir unerwartet ist, man fragt mich ob ich nicht mehr dergleichen schriebe, und ich sage: Gott möge mich behüten, dass ich nicht ie wieder in den Fall komme, einen zu schreiben und schreiben zu können. Indess giebt mir dieses Echo aus der Ferne doch einiges Intresse mehr an meinen Sachen, vielleicht bin ich künftig fleisiger und verpasse nicht wie bisher die guten Stunden. Ade.


Abends gegen 10.

Auch hab ich mich heute bei schönem Wetter in der Rhone gebadet wozu man ein gar artig Häusgen hat da das grüne Wasser unten durchfliesst. Und weil es denn überall Frau Basen giebt, die vom Müssiggange mit dem Rechte beliehen sind sich um andrer Leute Sachen zu bekümmern, so wollte man hier den Herzog von der Reise in die Savoyischen Eisgebürge die er sich selbst imaginirt hat und von der er sich viel Vergnügen verspricht mit den ernsthaftesten[118] Protestationen abhalten. Man wollte eine Staats und Gewissenssache daraus machen, dass wir glaubten am besten zu thun, wenn wir uns erst des Raths eines erfahrenen Mannes versicherten. Wir kompromittirten daher auf den Professor de Saussure und nahmen uns vor nichts zu thun oder zu lassen als was dieser zu oder abrathen würde. Es fuhr iemand von der Gegenparthei mit zu ihm hinaus und auf ein simples exposé entschied er zu unserm grossen Vergnügen, dass wir ohne die geringste Fahr noch Sorge den Weeg in dieser so gut als in einer frühern Jahrszeit machen könnten. Er zeigte uns an was in den kurzen Tagen zu sehen würde möglich seyn, wie wir gehen und was für Vorsorge wir gebrauchen sollten. Er spricht nicht anders von diesem Gange als wie wir einem Fremden vom Buffarthischen Schloss oder vom Etterischen Steinbruche erzählen werden. Und das sind dünckt mich die Leute die man fragen muss, wenn man in der Welt fort kommen will.

Sehr ungern nehm ich Abschied.

adieu.


4/863.


An Charlotte von Stein

d. 13. Nov. 79.

Auf dem Gotthart bey den Capuzinern.

Glücklich durch eine Kette Merckwürdiger Gegenden[119] sind wir hier angekommen, was ich seit Genf aufgezeichnet will ich Philippen sobald ich ihn wieder treffe dicktiren. Hier ist der Herzog mit mir allein, und dem Jäger. Auf dem Gipfel unsrer Reise. Bis Genf gings von Ihnen weg, bisher sind wir in der Queer ziemlich gleich weit weggeblieben, und von Morgen an geht ieder Schritt wieder zurück. Zum zweitenmal bin ich nun in dieser Stube, auf dieser Höhe, ich sage nicht mit was für Gedancken. Auch iezt reizt mich Italien nicht. Dass dem Herzog diese Reise nichts nüzzen würde iezzo, dass es nicht gut wäre länger von Hause zu bleiben, dass ich Euch wiedersehen werde, alles wendet mein Auge zum zweitenmal vom gelobten Lande ab, ohne das zu sehen ich hoffentlich nicht sterben werde, und führt meinen Geist wieder nach meinem armen Dache, wo ich vergnügter als iemals Euch an meinem Camin haben, und einen guten Braten auftischen werde. Dabey sollen die Erzählungen die Abende kurz machen von braven Unternehmungen, Entschlüssen, Freuden und Beschweerden.

Im Kurzen nur! Von Genf haben wir die Savoyer Eisgebürge durchstrichen sind von da ins Wallis gefallen, haben dieses die ganze Länge hinauf durchzogen und endlich über die Furcke auf den Gotthart gekommen. Es ist diese Lienie auf dem Papier geschwind mit dem Finger gefahren, der Reichthum von Gegenständen aber unbeschreiblich, und das Glück in dieser Jahrszeit seinen Plan rein durchzuführen über[120] allen Preis. Hier oben ist alles Schnee. seit gestern früh 11 Uhr haben wir keinen Baum gesehen. Es ist grimmig kalt, Himmel und Wolcken Rein wie Saphir und Crystall. Der neu Mond ist untergangen mit seltsamen Lichte auf dem Schnee. Wir stecken im Hause beym Ofen. Morgen steht uns nun der herrliche Weeg den Gotthart hinab noch vor. Doch sind wir schon durch so vieles grose durchgegangen dass wir wie Leviathane sind die den Strom trincken und sein nicht achten. Mehr oder weniger versteht sich. Gute Nacht. Diesen Brief geb ich auf die nächste Post die ich treffe. Wenn Sie ihn erhalten bin ich schon viel näher. Adieu bestes.

G.


4/864.


An Johann Kaspar Lavater

d. 14. Nov. 79.

Auf dem Gotthart bey den Capuzinern.

Eh wir absteigen dir einen guten Morgen lieber Bruder.

Seit Genf haben wir das Thal Chamouny durchstrichen, sind von da ins Wallis gefallen habens aufwärts ganz durchzogen, und sind endlich über die Furcka hier angekommen. Mit dem preiswürdigsten Glücke durch die erhabensten Gegenden. Nun lieber Bruder gehts nach dir zu Den 19. oder 20. bin ich bey dir, und so steht mir das liebste von der ganzen[121] Reise noch vor. mache mir ein Bett zurechte dass ich allenfalls bey dir übernachte. Grüs deine Frau und theile meine Freude.

G.


4/865.


An Charlotte von Stein

[Luzern, Mitte November.]

Hier und da auf der ganzen Reise ward so viel von der Merkwürdigkeit der Savoier Eisgebirgen gesprochen und wie wir nach Genf kamen, hörten wir, dass es immer mehr Mode würde, dieselben zu sehen, dass der Herzog eine sonderliche Lust kriegte, seinen Weeg dahin zu nehmen, von Genf aus über Cluse und Salenche in's Thal Chamouni zu gehen, die Wunder zu betrachten, dann über Valorsine und Trient nach Martinach in's Wallis zu fallen. Dieser Weeg, den die meisten Reisenden nehmen, schien, wegen der Jahrszeit etwas bedenklich. Der Herr de Saussure wurde deswegen auf seinem Landgute besucht und um Rath gefragt. Er versicherte, dass man ohne Bedenken den Weeg machen könnte, es liege auf den mittlern Bergen noch kein Schnee und wenn wir in der Folge auf's Wetter und auf den guten Rath der Landleute achten wollten, der niemals fehl schlüge, so könnten wir mit aller Sicherheit diese Reise unternehmen.

Hier ist die Abschrifft eines sehr eiligen Tageregisters.

[122] Cluse in Savoiien den 3ten Nov. 1779.

Heute früh ist der Herzog mit mir und einem Jäger von Genf ab, Wedel mit den Pferden durch's pa? de vaud in's Wallis. Wir, in einem leichten Cabriolet, mit vier Rädern, fuhren erst, Hubern auf seinem Landgute zu besuchen, den Mann, dem Geist, Imagination, Nachahmungsbegierde zu allen Gliedern heraus will, einen der wenigen ganzen Menschen, die wir angetroffen haben. Er sezte uns auf den Weeg und wir fuhren sodann, die hohen Schneegebürge, an die wir wollten, vor Augen, weiter. Vom Genfersee lauffen die vordern Bergketten gegen einander, biss da, wo Bonneville, zwischen der Mole, einem ansehnlichen Berge und der Arve, inne liegt. Da assen wir zu Mittag. Hinter der Stadt schliesst sich das Thal, obgleich noch sehr breit an, die Arve fliesst sachte durch, die Mittagseite ist sehr angebaut und durchaus der Boden benuzt. Wir hatten seit früh etwas Regen, wenigstens auf die Nacht befürchtet, aber die Wolken verliessen nach und nach die Berge und theilten sich in Schäfgen, die uns schon mehr gute Zeichen waren. Die Luft war so warm, wie Anfangs September und die Gegend sehr schön, noch viele Bäume grün, die meisten braungelb, wenige ganz kahl, die Saat hochgrün, die Berge im Abendroth rosenfarb in's violette und diese Farben auf grossen, schönen, gefälligen Formen der Landschaft. Wir schwazten viel Gutes. Gegen fünfe kamen wir[123] nach Cluse, wo das Thal sich schliesset und nur einen Ausgang lässt, wo die Arve aus dem Gebürge kommt und wir morgen hinein gehen. Wir stiegen auf einen Berg und sahen unter uns die Stadt an einen Fels gegen über mit der einen Seite angelehnt, die andere mehr in die Fläche des Thals hingebaut, das wir mit vergnügten Bliken durchliefen und, auf abgestürzten Granitstüken sizend, die Ankunft der Nacht, mit ruhigen und mannichfaltigen Gesprächen, erwarteten. Gegen sieben, als wir hinab stiegen, war es noch nicht kühler, als es auf dem Sommer um neun Uhr zu seyn pflegt. In einem schlechten Wirthshaus, bei muntern und willigen Leuten, an deren Patois man sich erlustigt, erschlafen wir nun den morgenden Tag, vor dessen Anbruch wir schon unsern Stab weiter sezen wollen. Abends gegen 10.


Salenche den 4. Nov. Mitags.

Bis ein schlechtes Mitagessen von sehr willigen Händen wird bereitet seyn, will ich versuchen, das merkwürdigste von heute früh aufzuschreiben. Mit Tags Anbruch gingen wir zu Fuse von Cluse ab, den Weeg nach Balme. Angenehm frisch war's im Thal das lezte Mondsviertel ging vor der Sonne hell auf und erfreute uns, weil man es selten so zu sehen gewohnt ist, leichte, einzelne Nebel stiegen aus den Felsrizen aufwärts, als wenn die Morgenluft iunge Geister aufwekte, die Lust fühlten, ihre Brust[124] der Sonne entgegen zu tragen und sie an ihren Bliken zu vergülden. Der obere Himmel war ganz rein, nur, wenig quer, strichen durchleuchtete Wolkenstreiffen. Balme ist ein elendes Dorf, unfern vom Weeg, wo sich eine Felsschlucht wendet. Wir verlangten von den Leuten, dass sie uns zur Höle führen sollten von der der Ort seinen Ruhm hat. Da sahen sich die Leute unter einander an und sagten einer zum andern: Nehm' du die Leiter, ich will den Strik nehmen, kommt ihr Herrn nur mit! Diese wunderbare Einladung schrökte uns nicht ab, ihnen zu folgen. Der Stieg ging durch abgestürzte Kalchfelsenstüke erst hinauf, die durch die Zeit vor die steile Felswand aufgestufet worden und mit Hasel- und Buchenbüschen durchwachsen sind. Auf ihnen kommt man endlich an die Schicht der Felswand wo man mühseelig und leidig auf der Leiter und Felsstufen, mit Hülfe übergebogener Nussbäumen-Äste hinauf klettern muss, dann steht man fröhlich in einem Portal des Felsen, übersieht das Thal und das Dorf unter sich. Wir bereiteten uns zum Eingang, in die Höle, zündeten Lichter an und luden eine Pistole, die wir losschiessen wollten. Die Höle ist ein langer Gang, meist ebnes Bodens, auf einer Schicht, bald zu ein, bald zu zwei Menschen breit, bald über Mannshöhe, dann wieder zum büken und auch zum durchkriechen. Gegen die Mitte steigt eine Kluft aufwärts und bildet einen spizigen Dohm. In einer Eke schiebt eine Kluft abwärts,[125] wo wir immer gelassen siebzehn bis neunzehn gezählt haben, eh' ein Stein, mit verschiedentlich wiederschallenden Sprüngen, endlich in die Tiefe kam. An den Wänden sintert ein Tropfstein, doch ist sie an den wenigsten Orten feucht, und bilden sich lange nicht die reichen, wunderbaren Figuren, wie in der Baumannshöle. Wir drangen so weit vor, als es die Wasser zuliesen, schossen im Herausgehn die Pistole los, davon die Höle von einem starken dumpfen Klang erschüttert wurde und um uns wie eine Gloke summte. Wir brauchten eine starke viertel Stunde wieder heraus zu gehen, machten uns die Felsen wieder hinunter, fanden unsern Wagen und fuhren weiter. Wir sahen einen schönen Wasserfall auf Staubbachsart, er war weder sehr hoch noch sehr reich, doch weil die Felsen um ihn, wie eine runde Niche bilden, in der er herab stürzt und weit die Kalchschichten an ihm, in sich selbst umgeschlagen, neue und ungewohnte Formen bilden, sehr interessant. Bei hohem Sonnenschein kamen wir hier an, nicht hungrig gnug, das Mitagessen, das aus einem aufgewärmten Fisch, Kuhfleisch und hartem Brod bestehet, gut zu finden. Von hier geht weiter in's Gebürg kein Fuhrweeg für eine so stattliche Reisekutsche, wie wir haben, diese geht nach Genf zurük und ich nehme Abschied von Ihnen, um den Weeg weiter fort zu sezen. Ein Maulesel mit dem Gepäk wird uns auf dem Fuse folgen.

[126] Chamouni, den 4. Nov. Abends gegen 9.

Nur dass ich mit diesem Blat Ihnen um so näher rüken kann, nehme ich die Feder, sonst wär' es besser meine Geister ruhen zu lassen. Wir liesen Salenche in einem schönen, ofnen Thale hinter uns, der Himmel hatte sich, während unsrer Mitagrast, mit weisen Schäfgen überzogen, von denen ich hier eine besondre Anmerkung machen muss: Wir haben sie so schön und noch schöner, an einem heitern Tag, von den Berner Eisbergen aufsteigen sehen, auch hier schien es uns wieder so, als wenn die Sonne die leiseste Ausdünstungen von den höchsten Schneegebürgen, gegen sich aufzöge und diese ganz feine Dünste von einer leichten Luft, wie eine Schaumwolle, durch die Atmosphäre gekämmt würden. Ich erinnre mich nie in den höchsten Sommertagen, bei uns, wo dergleichen ähnliche Lufterscheinungen vorfallen, etwas so durchsichtiges, leichtgewobenes gesehen zu haben. Schon sahen wir die Schneegebürge, von denen sie aufsteigen, vor uns, das Thal fing an zu stoken, die Arve schoss aus einer Felskluft hervor, wir mussten einen Berg hinan und wanden uns, die Schneegebürge rechts vor uns, immer höher. Abwechselnde Berge, alte Fichtenwälder zeigten sich uns rechts, theils in der Tiefe, theils uns gleich. Links über uns waren die Gipfel des Bergs kahl und spizig. Wir fühlten dass wir einem stärkern und mächtigern Saz von Bergen immer näher rükten. Wir kamen[127] über ein breites troknes Beet von Kieseln und Steinen, das die Wasserfluthen die Länge des Bergs hinab zerreissen und wieder füllen. Von da in ein sehr angenehmes, eingenommnes, flaches Thal worinn das Dörfgen Serves liegt, von da geht der Weeg, um einige sehr bunte Felsen, wieder gegen die Arve. Wenn man über sie weg ist, steigt man einen Berg hinan, die Waffen werden hier immer grösser, die Natur hat hier mit sachter Hand, das Ungeheure zu bereiten angefangen. Es wurde dunkler, wir kamen dem Thale Chamouni näher und endlich darein. Nur die grossen Massen waren uns sichtbar, die Sterne gingen nach einander auf und wir bemerkten über den Gipfeln der Berge, rechts vor uns, ein Licht, das wir nicht erklären konnten, hell, ohne Glanz wie die Milchstrasse, doch dichter, fast wie die Pleïaden, nur grösser, unterhielte es lang unsre Aufmerksamkeit, biss es endlich, da wir unsern Standpunkt änderten, wie eine Piramiede, von einem innern, geheimnissvollen Lichte durchzogen, das dem Schein eines Johanniswurms am besten verglichen werden kann, über den Gipfeln aller Berge hervorragte und uns gewiss machte, dass es der Gipfel des mont blanc's war. Es war die Schönheit dieses Anbliks ganz auserordentlich, denn, da er mit den Sternen, die um ihn herumstunden, zwar nicht in gleich raschem Licht, doch in einer breitern zusammenhängendern Masse leuchtete, so schien er den Augen zu iener[128] höhern Sphäre zu gehören und man hatte Müh', in Gedanken seine Wurzeln wieder an die Erde zu befestigen. Vor ihm sahen wir eine Reihe von Schneegebürgen, dämmernder auf den Rüken von schwarzen Fichtenbergen liegen und wir sahen ungeheure Gletscher zwischen den schwarzen Wäldern herunter in's Thal steigen.

Meine Beschreibung fängt an unordentlich und ängstlich zu werden, auch braucht es eigentlich immer zwei Menschen, einen der's sähe und einen der's beschriebe.

Wir sind hier in dem mittelsten Dorfe des Thals, le Prieuré genannt, wohl logieret, in einem Hause, das eine Wittwe den vielen Fremden zu Ehren, vor einigen Jahren erbauen lies. Wir sizen am Camin und lassen uns den Muskatellerwein, aus der vallée d'aost besser schmeken, als die Fastenspeissen, die uns aufgetischt werden.


den 5ten Nov. Abends.

Es ist immer eine Revolution als wie wenn man in's kalte Wasser soll, ehe ich die Feder nehmen mag, zu schreiben. Hier hätt' ich nun grade Luft, Sie auf die Beschreibung der Savoiischen Eisgebürgen, die Bourit, ein passionirter Kletterer herausgegeben hat, zu verweisen.

Erfrischt durch einige Gläser guten Wein und den Gedancken, dass diese Blätter eher als die Reisenden[129] und Bourit's Buch, bei Ihnen ankommen werden, will ich mein möglichstes thun. Das Thal Chamouni, in dem wir und befinden liegt sehr hoch in den Gebürgen, es ist etwa sechs bis sieben Stunden lang und gehet ziemlich von Mitag gegen Mitternacht, der Charakter, der mir es vor andern auszeichnet, ist, dass es in seiner Mitte fast gar keine Fläche hat, sondern das Erdreich, wie eine Mulde sich gleich von der Arve aus gegen die höchsten Gebürge anschmiegt. Der Mont blanc und die Gebürge, die von ihm herabsteigen, die Eismassen, die diese ungeheure Klüfte ausfüllen, machen die östliche Wand aus, an der die ganze Länge des Thals hin sieben Gletscher, einer grösser als der andre herunter kommen. Unsere Führer, die wir gedingt hatten, das Eismeer zu sehen, kamen bei Zeiten. Der eine ist ein rüstiger, iunger Bursche, der andre schon älter und sich klug dünkender mit allen gelehrten Fremden Verkehr gehabt hat, von der Beschaffenheit der Eisberge sehr wohl unterrichtet und ein sehr tüchtiger Mann ist. Er versicherte uns, dass seit acht und zwanzig Jahren, so lang führ' er Fremde auf die Gebürge, er zum erstenmal so spät im Jahr, nach Allerheiligen, iemand hinaufbringe und doch versicherte er, dass wir alles eben so gut, wie im August sehen sollten. Wir stiegen, mit Speisse und Wein gerüstet den mont Anvert hinan, wo uns der Anblik des Eismeers überraschen sollte. Ich würde es, um die Baken[130] nicht so voll zu nehmen, eigentlich das Eisthal oder den Eisstrom nennen. Denn die ungeheuren Massen von Eis, dringen aus einem tiefen Thal, von oben anzusehn, in ziemlicher Ebne hervor. Grad hinten endigt ein spizer Berg, wo von beiden Seiten Eisflüsse sich in den Hauptstrohm ergiessen. Es lag noch nicht der mindeste Schnee auf der zakigten Fläche und die blauen Spalten glänzten gar schön hervor. Das Wetter fing nach und nach an sich zu überziehen und ich sahe wogige, graue Wolken, die Schnee anzudeuten schienen, wie ich sie niemals gesehen. In der Gegend wo wir stunden, ist die kleine von Steinen zusammengelegte Hütte für das Bedürfniss der Reisenden, zum Scherz das Schloss von Montanvert genannt. Monsieur Blaire, ein Engländer, der sich zu Genf aufhält, hat eine geräumigere, an einem schiklichern Ort, etwas weiter hinauf, erbauen lassen, wo man, am Feuer sizend, zu einem Fenster hinaus, das ganze Eisthal übersehen kann. Die Gipfel der Felsen gegen über und auch in die Tiefe des Thals hin, sind sehr spizig ausgezakt, es kommt daher, weil sie aus einer Gesteinart zusammen gesezt sind, deren Schichten fast ganz perpendikular in die Erde einschiessen, wittert eine leichter aus, so bleibt die andere spiz in die Luft stehen, solche Zaken werden Nadeln genennet und die aiguille du dru ist eine solche hohe merkwürdige Spize, grade dem mont anvert gegen über. Wir wollten nunmehro auch das Eismeer betreten[131] und diese ungeheure Massen auf sich selbst beschauen. Wir stiegen den Berg hinunter und machten einige hundert Schritte auf den wogigen Cristallklippen herum. Es ist ein ganz treflicher Anblik, wenn man, auf dem Eise selbst stehend, denen oberwärts sich herabdrängenden und durch seltsame Spalten geschiedenen Massen entgegen sieht, doch wollt' es uns nicht länger auf diesem schlüpfrigen Boden gefallen, wir waren weder mit Fuseisen, noch mit beschlagenen Schuhen gerüstet, vielmehr waren unsere Absäze durch den langen Marsch abgerundet und geglättet, wir machten uns also wieder zu denen Hütten hinauf und nach einigem Ausruhen zur Abreise fertig. Wir stiegen den Berg hinab und kamen an den Ort, wo der Eisstrohm stufenweis biss hinunter in's Thal dringt und traten in die Höle in der er sein Wasser ausgiesst. Sie ist weit, tief, von dem schönsten Blau, und es steht sich sichrer im Grund als vorn an der Mündung, weil an ihr sich immer grosse Stüke Eis schmelzend ablösen. Wir nahmen unsern Weeg nach dem Wirthshause zu, bei der Wohnung zweier Blondins vorbei: Kinder von zwölf bis vierzehn Jahren die sehr weise Haut, weise, doch schroffe Haare, rotte und bewegliche Augen wie die Kaninchen haben.

Die tiefe Nacht, die im Thale liegt, lädt mich zeitig zu Bette und ich habe kaum noch so viel Munterkeit Ihnen zu sagen, dass wir einen iungen zahmen Steinbok gesehen haben, der sich unter den[132] Ziegen ausnimmt, wie der natürliche Sohn von einem grossen Herrn, dessen Erziehung in der Stille einer bürgerlichen Famielie aufgetragen ist. Von unsern Diskursen geht's nicht an, dass ich etwas aus der Reihe mittheile, an Graniten, Gestellsteinen, Lerchen und Zirbelbäumen finden Sie auch keine grose Erbauung, doch sollen Sie ehestens merkwürdige Früchte von unserm botanisiren zu sehen kriegen. Ich bilde mir ein, sehr schlaftrunken zu sein und kann nicht eine Zeile weiter schreiben.


Chamouni den 6. Nov. früh.

Zufrieden mit dem, was uns die Jahrszeit hier zu sehen erlaubte, sind wir reisefertig noch heute in's Wallis durchzudringen. Das ganze Thal ist über und über biss an die Helfte der Berge mit Nebel bedekt, wir müssen erwarten, was Sonne und Wind zu unserm Vortheil thun werden. Unser Führer schlägt uns einen Weeg über den col de balme vor. Ein hoher Berg, der an der nördlichen Seite des Thals gegen Wallis zu liegt und auf dem wir, wenn wir glüklich sind, das Thal Chamouni, mit seinen meisten Merkwürdigkeiten, noch auf einmal von seiner Höhe übersehen können. Indem ich dieses schreibe geschieht an dem Himmel eine herrliche Erscheinung: Die Nebel, die sich bewegen und die sich an einigen Orten brechen, lassen, wie durch Tagelöcher den blauen Himmel sehen und die Gipfel der Berge, die[133] oben, über unsrer Dunstdeke, von der Morgensonne beschienen werden. Auch ohne die Hofnung eines schönen Tags, ist dieser Anblik dem Aug' eine rechte Weide. Erst iezo hat man einiges Maas für die Höhe der Berge. Erst in einer ziemlichen Höhe vom Thal auf, streichen die Nebel an dem Berg hin, hohe Wolken steigen von da auf und alsdenn sieht man noch über ihnen die Gipfel der Berge in der Verklärung schimmern. Es wir Zeit! Ich nehme zugleich von diesem geliebten Thal und von Ihnen Abschied.


Martinach im Wallis den 6. Nov. Abends.

Glüklich sind wir herüber gekommen und so wäre auch dieses Abentheuer bestanden. Die Freude über unser gutes Schiksaal wird mir noch eine halbe Stunde die Feder lebendig erhalten.

Unser Gepäk auf ein Maulthier geladen, zogen wir gegen neune früh von Prieuré aus. Die Wolken wechselten, dass die Gipfel der Berge bald erschienen bald verschwanden, bald die Sonne streifweis in's Thal dringen konnte, bald die Gegend wieder verdekt wurde. Wir gingen das Thal hinauf, den Ausguss des Eisthals vorbei, ferner den glacier d'argentiére hin, der höchste von allen, dessen oberster Gipfel uns aber von Wolken bedekt war. In der Gegend wurde Rath gehalten, ob wir den Stieg über den col de balme unternehmen und den Weeg über Valorsine[134] verlassen wollten. Der Anschein war nicht der vortheilhafteste, doch da hier nichts zu verlieren und viel zu gewinnen stund, traten wir unsern Weeg kek gegen die dunkle Nebel- und Wolkenregion an. Als wir gegen den glacier du tour kamen, rissen sich die Wolken aus einander und wir sahen auch diesen schönen Gletscher in völligem Lichte. Wir sezten uns nieder, tranken eine Flasche Wein aus und assen etwas weniges. Wir stiegen nunmehro immer den Quellen der Arve auf rauhern Matten und schlecht berasten Gegenden, entgegen und kamen dem Nebelkreis immer näher, biss er uns endlich völlig aufnahm. Wir stiegen eine Weile gedultig fort, als es auf ein mal wieder über unsern Häuptern helle zu werden anfing, und wir aufschritten. Wenig dauerte es, so traten wir aus den Wolken heraus, sahen sie in ihrer ganzen Last, unter uns auf dem Thale liegen und konnten die Berge, die es rechts und links einschliessen ausser dem Gipfel des mont blanc's, der mit Wolken verdekt war, sehen, deuten und mit Namen nennen.

Wir sahen einige Gletscher von ihren Höhen biss zu der Wolkentiefe herabsteigen, von andern sahen wir nur die Pläze, indem uns die Eismassen durch die Bergschründe verdekt wurden. Über die ganze Wolkenfläche sahen wir, ausser dem mittägigen Ende des Thales, ferne Berge im Sonnenschein. Was soll ich Ihnen die Namen von denen Gipfeln, Spizen, Nadeln, Eis- und Schneemassen vorerzählen, die Ihnen[135] doch kein Bild weder vom Ganzen noch vom Einzeln in die Seele bringen, merkwürdiger ist's, wie die Geister der Luft sich unter uns zu streiten schienen. Kaum hatten wir eine Weile gestanden und uns an der grossen Aussicht ergözt, so schien eine feindseelige Gährung in dem Nebel zu entstehen, der auf einmal aufwärts strich und uns auf's neue einzuwikeln drohte. Wir stiegen stärker den Berg hinan, ihm nochmals zu entgehen, allein er überflügelte uns und rollte uns ein. Wir stiegen immer frisch aufwärts und bald kam uns ein Gegenwind vom Berge selbst zu Hülse, der durch den Sattel, der zwei Gipfel verbindet, hereinstrich und den Nebel wieder in's Thal zurüktrieb. Dieser wundersame Streit wiederholte sich öfters und wir langten endlich glüklich auf dem col de balme an. Es war ein seltsamer, eigner Anblik, der höchste Himmel, über den Gipfeln der Berge, war überzogen, unter uns sahen wir durch den manchmal zerissnen Nebel in's ganze Thal Chamouni und zwischen diesen beiden Wolkenschichten waren die Gipfel der Berge alle sichtbar. Auf der Ostseite waren wir von schroffen Gebürgen eingeschlossen, auf der Abendseite sahen wir in ungeheure Thäler, wo doch auf einigen Matten sich menschliche Wohnungen zeigten. Vorwärts lag uns das Wallisthal, wo man mit einem Blik bis Martinach hinein sehen konnte. Von allen Seiten von Gebürgen umschlossen, die sich weiter gegen den Horizont immer zu vermehren und[136] aufzuthürmen schienen, so standen wir auf der Gränze von Savoiien und Wallis. Einige Contrebandiers kamen mit Mauleseln den Berg herauf und erschraken vor uns, da sie an dem Plaz iezo niemand vermutheten. Sie thaten einen Schuss, als ob sie sagen wollten: »damit ihr seht dass sie geladen sind« – und es ging einer voraus um uns zu recognosciren. Da er unsern Führer erkannte und unsre harmlose Figuren sah, rükten die andre auch näher und wir zogen, mit wechselseitigen Glükwünschen von ein ander vorbei. Der Wind ging scharf und es fing ein wenig an zu schneien. Nunmehro ging es durch einen sehr rauhen und wilden Stieg abwärts, durch einen alten Fichtenwald, der sich auf Platten von Gestellstein eingewurzelt hatte. Vom Wind übereinander gerissen, verfaulten hier die Stämme mit ihren Wurzeln und die zugleich losgebrochne Felsen lagen schrof durcheinander. Endlich kamen wir in's Thal, wo der Trientfluss aus einem Gletscher entspringt, liessen das Dörfgen Trient ganz nahe rechts liegen und folgten dem Thale durch einen ziemlich unbequemen Weeg, biss wir endlich gegen sechse hier in Martinach auf flachem Wallisboden angekommen sind, wo wir uns zu weitern Unternehmungen ausruhen wollen.[137]


4/866.


An Johanna Schlosser, geb. Fahlmer

Luzern d. 16. Nov. 79.

Da ich in Genf liebe Schwester von Philippen auseinander ging, trug ich ihm auf er solle dir abschreiben einige Blätter die ich von unsrem Seitenweg auf die Dole pp. dicktirt hatte. Hier fand ich's fertig und noch einen Brief von ihm in dem er dir eine andre Tour auf seine Weise erzählt. Ich schicke dir's zusammen und sage dir nur noch dass mir von Genv durch die Savoyer Eisberge und Wallis auf den Gotthart dann herab über den 4 Waldstätter See hier glücklich angekommen sind. Grüse Schlosser und die Mädgen; Eh ich aus der Schweiz gehe hörst du noch von mir. Gezeichnet habe ich keine Linie. Adieu! Ich habe nun des grosen fast zu viel. Seit ich euch verlassen habe ist kein unbedeutender überflüssige Schritt geschehen. Lass es uns wohl bekommen und Kindelein (sagt der heil. Johannes) liebt euch!

G.

Der Herzog lässt Schlossern und Euch schönstens grüsen.


4/867.


An Friedrich Justin Bertuch

Zürch d. 20. Nov. 1779.

Die Brossard hat mir von Mez einen erbärmlichen Brief geschrieben, dass ihre Pension ausbleibt,[138] und Bauer keine Ordre hat ihr das Geld zu zahlen. Sey so gut die Sache gleich zu berichtigen, das arme Mädgen ist in groser Verlegenheit. Wir sind hier glücklich und gesund angekommen. Wenig fehlt so haben wir alles interessante der Schw. Gegenden gesehen. Leb wohl! dass wir wenigstens nicht nach Italien gehen, sondern wie recht enthaltsame Leute auf dem Gotthart umgekehrt sind, werdet ihr uns hoff ich Danck wissen, und uns freundlich und artig empfangen. Adieu.

Goethe.


Ihre Adresse Metz a l'abbaye Royale des Dame de la Magdeleine.


4/868.


An Charlotte von Stein

[Zürch, etwa 24. November.]

Meine vielgeliebte, sehr vergnügt und wohl sind wir schon vor einigen Tagen hier in Zürch angekommen. Vom Gotthart fuhren wir über den Luzerner See, nach Schwiz und Luzern, von da ritten wir hierher.

Was ich auf unsrer Savoyer Tour theils mit Dinte theils mit Bleystift gekrizzelt, hab ich Ph. in Luzern dicktirt, und es liegt hierbey. Nun steht noch die Reise durchs Wallis auf den Gotthart und von da hier her zurück, wozu ich auch Zettelgen habe.

[139] Ihren Brief vom 12. Nov. aus Kochberg hab ich, nun werden Sie wohl in der Stadt seyn, bereiten Sie uns dort einen freundlichen Empfang von allen guten Geistern, denn meine Seele sehnt sich starck zurück. Die Bekanntschafft von Lavatern ist für den Herzog und mich was ich gehofft habe Siegel und oberste Spizze der ganzen Reise, und eine Weide an Himmelsbrod wovon man lange gute Folgen spüren wird. Die Trefflichkeit dieses Menschen spricht kein Mund aus, wenn durch Abwesenheit sich die Idee von ihm verschwächt hat, wird man auf's neue von seinem Wesen überrascht. Er ist der beste grösste weiseste innigste aller sterblichen und unsterblichen Menschen die ich kenne. Adieu beste. Die Post eilt und ich war gestern faul.

G.

Ich habe nicht einmal die Reise Nachricht durchsehen können es sind wohl schreibfehler drinne.


4/869.


An Friedrich Justin Bertuch

Der Herzog trägt mir auf 12 Rahmen zu bestellen. 6 von der Gröse wie beyliegender Faden anzeigt, und 6 etwa die Hälfte. Sie sollen für die Zeichen Ackademie, also nur von weichem braungebeiztem Holz ganz glatt, und Gläser darein. Wir bringen sehr schöne Zeichnungen mit die Krausen freuen und dem[140] Institut ein neues Leben geben werden. Am besten wird seyn du siehst erst zu was für Gläser da sind, dass wenn sie etwa um ein Theil gröser wären dass man auch statt sie zu verschneiden die Rhamen grosser machte denn es ist immer besser, weil man doch mit Zeichnungen wechselt. Mache dass sie fertig werden eh der Herzog zurückkommt, und übergieb sie Krausen, dass man gleich etwas aufstellen könne.

Der Herzog und wir beyde sind sehr wohl und wünschen euch alles gute, hoffen euch gesund und vergnügt anzutreffen.

Zürch d. 29. Nov. 79.

Goethe.


4/870.


An Johann Kaspar Lavater

[Ende November.]

Ich kann nicht weiter gehn ohne dir über eine Idee zu schreiben die mir sehr am Herzen liegt. Du weisst wie wichtig in vielem Betracht diese Reise dem Herzog gewesen ist und wie gewiss eine neue Epoche seines und unsers Lebens sich davon anfängt. Wenn wir nach Hause kommen lebt er wieder in seinen Gärten und Gebüschen fort, dorthin an einen schönen Plaz mögt ich ihm ein Monument dieser glüklich vollbrachten Reise sezen, das ihm in guten Augenbliken eine fröhliche Erinnerung wäre. Es[141] sind auch Nebenabsichten dabei. Überall spielt man iezt mit Monumenten und Urnen deren leere Hülfen und Bäuche ihm immer fatal gewesen sind. In den kleinen Anlagen die er gemacht hat, steht noch gar nichts dergleichen, dieses wär' das erste und wahrhaftig wahre denn wir haben unterweegs mancherleinlas gehabt, dem guten Glük einen Stein der Dankbarkeit zu widmen und das ex voto ist keine blose Phrase. Wir haben bei uns einen Bildhauer, einen Mann von leichtem Begriff und schneller Hand, der sich täglich durch das Studium der Natur und der Antike bessert, dem es aber an Imagination fehlt und der, wenn man ihm so was überlässt, wie andre seines gleichen in den neuen leeren Decorations Gusto verfällt. Zu diesem Monument habe ich in meinem Kopf allerlei Gedancken und Bilder herum getrieben und mir etwas, was ich durch die Künstler die um mich sind, könnte zusammen posseln lassen herbey gesucht, doch seh' ich zum voraus, es wird eine Plakerei geben und am Ende doch was schwaches und halbes herauskommen. Immer, seitdem mich der Gedancke beschäfftigt, habe ich gewünscht: du möchtest Füessli bereden können dass er aus seinem ungeheuren Reichthum etwas zu diesem guten Werke herüber gäbe! das ist der einzige Weeg; wenn alsdann unser Bildhauer nicht ganz von Gott verlassen ist, dass wir etwas auserordentliches und wills Gott vollkommenes kriegen können. Mein erster Gedanke war so: Ich[142] wollte dem Monument eine vierekigte Form geben, etwas höher als breit, ganz einfach wie man in den alten Überbleibseln dergleichen Steine oben mit einem eingekerbten Dach findet. Von drei Seiten sollte iede eine einzelne bedeutende Figur und die vierte eine Innschrifft haben. Zuförderst sollte das gute heilsame Glük stehen durch das die Schlachten gewonnen und die Schiffe regiret werden, günstigen Wind im Naken, die launische Freundinn und Belohnerinn keker Unternehmungen mit Steuerruder und Kranz, im Felde zur Rechten hatte ich mir den Genius, den Antreiber, Wegmacher, Wegweiser, Fakelträger mutigen Schrittes gedacht. In dem Felde zur lincken sollte Terminus der ruhige Gränzbeschreiber, der bedächtige mäßige Rathgeber stillstehend mit dem Schlangenstabe einen Gränzstein bezeichnen. Jener lebend rührig vordringend, dieser ruhend sanft, in sich gekehrt zwey Söhne einer mutter der altere iener der iüngere dieser. Das hinterste Feld hatte die Innschrifft:

Fortunae

Duci reduci

natisque

Genio

et

Termino

ex Voto.

Du siehst was ich vor Ideen dadurch zusammenbinden wollte. Es sind keine Geheimnisse noch tiefe[143] Räzel, aber sowohl auf dieser Reise als im ganzen Leben, sind wir diesen Gottheiten sehr zu Schuldnern geworden. Das erstemal dass wir nach einer langen nicht immer fröhligen Zeit aus dem Loche in die freye Welt kommen, zusammen den ersten bedeutenden Schritt wagen, gleich mit dem schönsten Hauche des Glücks fortgetrieben zu werden, in der späten Jahrszeit alles mit günstiger Sonne und Gestirnen. Den ganzen Weeg den wir machen begleitet von einem guten Geiste der überall die Fackel vorträgt hierhin lockt dorthin treibt dass wenn ich zurücksehe wir, zu so manchem das unsre reise ganz macht nicht durch unsern Wiz und Wollen geleitet worden sind. Und dan am Ende dass wir auch durch den schönen Glückssohn bedeutet wurden wo wir aufhören, wo wir einen Gränzbogen beschreiben und wieder zurückkehren sollten, das wieder einen unglaublichen Einfluss auf unsre Zurückgebliebnen hat und haben wird. Das alles zusammen giebt uns eine Empfindung die ich nicht schöner zu ehren weis als womit alle Zeiten durch die Menschen Gott verehrt haben.

Im Beywesen und Verzierungen dacht ich manches anzubringen das eine Schweizerreise deren bester Theil zu Fus gemacht worden bezeichnete. Wanderstock mit Eisen beschlagen und mit Gemshorn zum Knopf. Gott weis was weiter.

Meine Gedancken wollt ich einigen Künstlern mittheilen, sie hinüber herüber mit ihnen durchtreiben[144] und sehen ob ihnen einer vielleicht einen besseren Körper gäbe.

Seitdem ich aber bei dir Fuesslis lezte Sachen gesehen habe, kann ich dich nicht loslassen, du musst versuchen ob du ihn bewegen kannst eine Zeichnung dazu zu machen. Den Gedanken und Entzwek weisst du, den sag ihm ganz rein und einfach und da es ihm fatal sein muss, wenn ihm iemand was vorerfinden oder angeben will, so geb ich gern meine Form des Ganzen meine einzelne Figuren und die Innschrifft dazu auf, wenn er sich des Dings annehmen will. Er wird gewiss die Idee stärker grösser treffender und neuer ausdrüken. Du müsstest ihn bitten, er mag nun bei meinem Vorschlag bleiben oder nicht dass er eine bestimmte Zeichnung von der Form des Ganzen mit den Masen gäbe, auch so von den einzelnen Figuren und sie auf eine Weise zeichnete dass sich leicht ein Basrelief darnach arbeiten liese. Vielleicht sind ihm, der alles mit Geist und Feuer durcheinander arbeitet die einzelstehende Figuren widrig, er bringe sie zusammen auf eins wenn er will, allenfalls nehme er statt des Vierecks eine runde Form, doch das würde freilich wieder bei der Ausführung in Stein mehrere Hinderniss geben. Noch muss ich dir dabei sagen, dass wir einen auserordentlich schönen lichtgrauen sanften Stein, der an Marmor gränzt und keiner Witterung weicht, zu dieser Arbeit haben. Du müsstest Füesslien bitten, dass er selbst die Grösse[145] vom ganzen Monument nach seinen Gedanken angäbe, das man allenfalls um es etwas aus dem Auge zu rüken auf einen Rasen gegen ein Felsstück pp sezen könnte. Genug er denke sich das wie er's wolle so wird es gut seyn und wir haben so viel und mancherlei Stüke Steine vorräthig dass wir zum zusammensezen des ganzen nicht verlegen sein werden. Sieh, ob du etwas über ihn vermagst und ob du, der frölichen Zeiten, die wir wieder gelebt haben, immer gegenwärtiges Siegel dadurch, auf unsere Rechnung druken kannst. Wenigstens hat er gewiss in seinem Leben manchen Strich gemacht, der nicht so erkannt und ihm so gedankt worden ist, als wie das was ich durch dich hoffe. Welchen Preiss er auch auf diese Arbeit sezen möge ist völlig einerlei. Nun ist aber noch ein Hauptpunkt nemlich die Geschwindigkeit. Ich wünsche es diesen Winter fertig zu kriegen und auf das Frühiahr zum ersten Willkomm mit den Blüthen und Blättern aufzustellen. Versuche also, ich bitte dich deine Wunderkräfte um mir zu verschaffen was nicht ein eitler Wunsch ist. Schaff dass er es macht und schnell macht und kröne mir auch dies Jahr und sein Glük mit diesem lezten Zeichen.[146]


4/871.


An Carl Ludwig von Knebel

Lieber Bruder ich hatte gehofft du würdest aus deiner Einsamkeit einmal ein Wörtgen zu mir herüber reden, so aber seh ich wohl ich muss anklopfen, und aus meiner Zerstreuung dir zurufen. So schön und glücklich dass man sich nicht unterstehn darf zu preisen ist unsre Reise bisher gewesen. Helfe die willige Glücksluft weiter und führe uns gesund wieder zu Euch. So wohl mir's geht, so manigfaltig das Leben ist sehn ich mich wieder nach Hause, und ausdrücken kan ich dir nicht wie lieb ihr mir täglich werdet, und wie ich Gott bitte dass er uns auch wenn wir wieder näher rücken, immer fort möge fühlen und geniessen lassen was wir an einander haben. Dass die ehrenen, hölzernen und pappenen Schaalen die uns offt trennen, mögen zertrümmert und auf ewig ins höllische Feuer geworfen werden. Wann werden wir lernen uns der eingebildeten Übel entschlagen und die wahren alsdann einander zutraulich im Momente ans Herz legen. Hebe diesen Brief auf ich bitte dich und wenn ich unhold werde zeig mir ihn vor dass ich in mich kehre.

Hier bin ich bey Lavatern, im reinsten Zusammen genuss des Lebens, in dem Kreise seiner Freunde ist eine Engelsstille und Ruh, bey allem Drange der Welt und ein anhaltendes mitgeniessen von Freud[147] und Schmerz, da hab ich deutlich gesehen dass es vorzüglich darinn liegt dass ieder Sein Haus Frau, Kinder und eine reine menschliche Existens in der nächsten Nothdurft hat: das schliest an einander, und speut was feindlich ist sogleich aus. Von der Reise selbst lass dir doch die Stein die Tour durch die Savoyer Gletscher zeigen. Den Zug durchs Wallis hoff ich auch ehstens zu schicken.

Lavater ist und bleibt ein einziger Mensch, den man, nur 3 Schritte von ihm, gar nicht erkennen kan. Solche Wahrheit, Glauben, Liebe, Gedult, Stärcke, Weisheit, Güte, Betriebsamkeit, Ganzheit, Manigfaltigkeit, Ruhe pp ist weder in Israel noch unter den Haiden. Von Kunstsachen haben wir eine Menge mit uns gerollt. Treffliche Sachen mit unter. Ich habe per fas et nefas einige Fueslische Gemählde und Skizzen erwischt, über die ihr erschröcken werdet, grüs Herdern, und gieb ihm seinen Theil von diesem Briefe. Leb wohl und vergnügt, und thut das eurige wenn wir zurückkommmen, dass es uns wohl bleibe, wie wir ganz in der Stimmung sind, euch freundlicher als iemals, entgegen zu gehen, Adieu Alter lass mir nach Franckfurt etwas hören.

Zürch d. 30. Nov. 79.

G.[148]


4/872.


An Charlotte von Stein

Ihre erste Weimarer Worte erhalt ich hier und freue mich Sie wieder meine Nachbaarinn zu wissen, und dass Ihnen der Schreibtisch Vergnügen macht. Glauben Sie mir ich halt ihn auch für kostbaar und muss, denn seit Anfang dieses Jahrs hab ich mich beschäfftigt ihn zusammenzutreiben, alles selbst ausgesucht, aufgesucht, davon viel Aneckdoten zu erzählen wären, bin offt vergnügt von Ihnen weg zum Tischer gegangen weil etwas im Werck war das Sie freuen sollte, das nicht auf der Messe erkauft, das von seinem ersten Entwurf meine Sorge, meine Puppe, meine Unterhaltung war. Wenn Freundschafft sich bezahlen lässt; so ist dünckt mich das die einzige von Gott und Menschen geliebte Art. Also meine beste – Verzeihen Sie mir diese Rodomondate! Ich werde verleitet Sie auf den eigentlichen Preis des Dings zu weisen, da Sie nur einen Augenblick an einen andern dencken konnten.

Wir sind in und mit Lavatern glücklich, es ist uns allen eine Cur, um einen Menschen zu seyn, der in der Häuslichkeit der Liebe lebt und strebt, der an dem was er würckt Genuss im Würcken hat, und seine Freunde mit unglaublicher Aufmercksamkeit, trägt, nährt, leitet und erfreut. Wie gern mögt ich ein Vierteljahr neben ihm zubringen, freylich nicht müsig[149] wie iezt. Etwas zu arbeiten haben, und Abends wieder zusammen lauffen. Die Wahrheit ist einem doch immer neu, und wenn man wieder einmal so einen ganz wahren Menschen sieht meynt man, man käme erst auf die Welt. Aber auch ists im moralischen wie mit einer Brunnen Cur alle Übel im Menschen tiefe und flache kommen in Bewegung, und das ganze Eingeweide arbeitet durch einander. Erst hier geht mir recht klar auf in was für einem sittlichen Todt wir gewöhnlich zusammen leben, und woher das Eintrocknen und Einfrieren eines Herzens kommt das in sich nie dürr, und nie kalt ist. Gebe Gott dass unter mehr grosen Vortheilen auch dieser uns nach Hause begleite, dass wir unsre Seelen offen behalten, und wir die guten Seelen auch zu öffnen vermögen. Könnt ich euch mahlen wie leer die Welt ist, man würde sich an einander klammern und nicht vun einander lassen. Indess bin ich auch schon wieder bereit dass uns der Sirocko von Unzufriedenheit, Widerwille Undanck, Lässigkeit und Prätension entgegen dampfe.

Adieu meine Beste. Noch hab ich mein unleserliches Tagbuch an Sie von Martinach bis hierher nicht abdicktiren können. Wills Gott heut Abend oder morgen. Adieu. Grüsen Sie alles. Zürch d. 30. Nov. 79.

G.


Übermorgen gehn wir von hier ab, und haben noch den Costnizer See, und den Rheinfall vor uns.[150]


4/873.


An Ernst Josias Friedrich von Stein

Sie sind recht brav lieber Stein dass Sie fortfahren uns Nachrichten von dem possierlichen Zustand unsers geliebten Weimars zu geben. Lassen Sie sich die Zeit nicht lang werden, biss wir wiederkommen, und schreiben Sie mir immer etwas nach Franckfurt wohin wir balde abgehen. Wir sind schon eine Weile in Zürch und haben ein gutes Leben mit Lavatern, sehen alle Cabinets, Zeichnungen und Kupfer, Menschen und Thiere. Wohnen in einem allerschönsten Wirthshause das an der Brücke steht die die Stadt zusammen hängt, eine liebliche Aussicht auf den Fluss, See, und Gebürge pp. Trefflich zu essen, gute Betten, und also alles was sonst in bezauberten Schlössern um Ritter zu erquicken herbeygewinckt wird. Nun haben wir noch den Costnizer See und den Rheinfall vor uns, wohin uns auch das gute Glück begleiten wird. Haben Sie die Güte innliegende Zettelgens zu bestellen, und auf Philipps beyliegende Bitte, ein Paar Schlüssel an Gözzen aus meiner hintersten, oder respecktive vordersten Stube zu geben. Adieu leben Sie recht wohl und vergnügt, und grüssen alle schöne Damen.

Zürch d. 30. Nov. 1779.

G.


bitten Sie doch Ihre Frau dass Sie der Herzoginn meine Reisediarien gelegentlich vorliest[151]


4/874.


An Jakob Friedrich von Fritsch

Hochwohlgeborner

Insonders hochgeehrtester

Herr Geheimderath,

Erlauben Ew. Excellenz dass ich, im Begriff mich Weimar wieder zu nähern, bey Ihnen mein Andencken erneure.

Wie glücklich bisher unsre Reise gewesen, wie wohl und vergnügt sich unser gnädigster Herr befunden, werden Sie aus dessen eigenhändigen Briefen von Zeit zu Zeit ersehen haben.

So gar iezo da Anstalten zur Abreise von hier gemacht werden, heitert sich das bisher sehr trübe und wilde Wetter auf, und lässt uns Hoffnung zu einem fröhligen Rückzug.

Die anhaltenden guten Nachrichten von Weimar haben Serenissimi Zufriedenheit bey Ihrer Tour vollgemacht, und uns andre an unsrem Theil nicht weniger erfreut.

Auch was mich betrifft kann ich diese Zeit unter die glücklichsten meines Lebens rechnen, und wenn ich bey meiner Rückkunft die alten freundschafftlichen Gesinnungen und die Gewogenheit von Ew. Exc. noch unverändert antreffe; so bleibt mir nichts für den Augenblick zu wünschen übrig.

Der Frau Geheimderäthin empfehle ich mich auf[152] das beste, und unterzeichne mich mit der vollkommensten Achtung

Ew. Excellenz

Zürch den 30. Nov.

ganz gehorsamster Diener

1779.

Goethe.


4/875.


An Charlotte von Stein

Schafhausen d. 7. Dez. 79.

Mit allem meine beste bleib ich zurück, meine Reisebeschreibung stockt vom Wallis aus und doch kan ich die Schweiz nicht verlassen ohne Ihnen zu sagen dass wir auch hier schön Glück gehabt, und den Rheinfall gestern im hohen Sonnenschein gesehen haben. Lavater auch hat uns hier überrascht, sich zu Hause losgemacht und ist gestern hier hergekommen. Wir haben heut zusammen den Rheinfall wieder doch bey trüben Wetter gesehen, und immer glaubt man er wäre stärcker als gestern. Wir haben einen starcken Dialog übers Erhabne geführt den ich auch aufzuschreiben schuldig bleiben werde. Es ist mit Lavater wie mit dem Rheinfall man glaubt auch man habe ihn nie so gesehen wenn man ihn wiedersieht, er ist die Blüte der Menschheit, das Beste vom besten. Adieu Morgen gehn wir von hier auf Stuttgard. Der Raum schwindet zwischen uns und es wird ein Augenblick seyn da wir uns wiedersehn.

G.[153]


4/876.


An Charlotte von Stein

Carlsruh, d. 20. Dez. 79.

Weil uns die Briefe nicht mehr in die Schweiz folgen durften, ist ein gros Packet in Franckfurt liegen blieben, und hier erhalt ich also vier Ihrer Briefe auf einmal. Sie sind recht Lieb und gut dass Sie fortfahren mir zu schreiben. Ich habe vergebens etlichemal angesezt meine Reise Beschreibung ins reine zu bringen, ieder Tag war wieder so ganz besezt dass ich leider zurückbleiben muss.

Hier freut mich die kleine Staff am meisten, doch ist die arme Seele auch schon stiller und in sich gebracht, es geht ihr in so fern wohl und sie weis sich ziemlich zu schicken.

In Stuttgard haben wir den Feyerlichkeiten des Jahrstags der Militär Akademie beygewohnt, der Herzog war äuserst galant gegen den unsrigen, und ohne das incognito zu brechen hat er ihm die möglichste Aufmercksamkeit bezeigt.

Uns andre hat er auch sehr artig behandelt, und in allem Betracht war dieser achttägige Aufenthalt sehr merckwürdig und instrucktiv für uns.

Nun gehts über Mannheim auf Franckfurt. Von da sollen Sie weiter hören. Hier findet man den Herzog wohl aussehend, doch hat sich bisher noch keine Herzlichkeit zwischen den hohen Herzen spüren[154] lassen. Es muss sich heute geben oder nie denn morgen früh verreisen wir. Adieu beste grüsen Sie Steinen. Dancken Sie der Herzoginn für ihre Antwort. Der Waldnern für das Zettelgen u.s.w. Die Grasaffen werden wohl gewachsen seyn, und das durchlauchtige Grasäffgen auch. Hier sind die Kinder schön und allerliebst. Der Marckgraf gefällig und unterhaltend. Die Markgräfin gefällig und gesprächig, der Erbprinz in seine Augbrauen retranchirt aber gutwillig, die Erbprinzess sehr passiv am Gängelbande der Frau Schwiegermama. Der zweite Prinz artig und möchte gern, der iüngste ganz ins Fleisch gebacken. So viel von der unterthänigsten Sensation des ersten Tags. Nochmals Adieu.

G.


Mannheim d. 22. Dez. Von Carlsruh sind wir gestern früh ab. Die Langeweile hat sich von Stund zu stund verstärckt. Von der armen Albertine hab ich sehr zärtlichen Abschied genommen, so ein Würmgen ist doch recht übel dran. Adieu Gold. Gott im Himmel was ist Weimar für ein Paradies!


4/877.


An Philipp Christoph Kayser

Frankfurt am Main den 29. Dez. 1779.

Ich schike Ihnen hier, lieber Kaiser eine Operette die ich unterweeges für Sie gemacht habe. Es sind[155] die aller einfachsten Umrisse, die Sie nunmehr mit Licht, Schatten und Farben herausheben müssen wenn sie frappiren und gefallen sollen. Über das Stük selbst will ich Ihnen nichts sagen biss Sie es gelesen haben, alsdann bitt' ich dass Sie mir weitläufig schreiben ob Sie's unternehmen wollen und wie Sie's anzugreiffen gedenken. Sie werden ohne meine Erinnerung sehen, dass es mir drum zu thun war, eine Menge Gemüthsbewegungen in einer lebhaft fortgehenden Handlung vorzubringen, und sie in einer solchen Reihe folgen zu lassen, dass der Komponist sowohl in Übergängen als Contrasten seine Meisterschaft zeigen kann. Hierüber ein mehreres, wenn Sie mir selbst erst Ihre Gedanken geschrieben haben. Nur eins muss ich noch vorläufig sagen: Ich bitte Sie darauf acht zu geben, dass eigentlich dreierlei Arten von Gesängen drinne vorkommen.

Erstlich Lieder, von denen man supponiret, dass der Singende sie irgendwo auswendig gelernt und sie nun in ein und der andern Situation anbringt. Diese können und müssen eigne, bestimmte und runde Melodien haben, die auffallen und iedermann leicht behält.

Zweitens Arien, wo die Person die Empfindung des Augenbliks ausdrükt und, ganz in ihr verlohren, aus dem Grunde des Herzens singt. Diese müssen einfach wahr, rein vorgetragen werden, von der sanftesten biss zur heftigsten Empfindung. Melodie und[156] Akkompagnement müssen sehr gewissenhaft behandelt werden.

Drittens kommt der rytmische Dialog, dieser giebt der ganzen Sache die Bewegung, durch diesen kann der Componist die Sache bald beschleunigen, bald wieder anhalten, ihn bald als Deklamation in zerrissnen Takten traktiren, bald ihn in einer rollenden Melodie sich geschwind fortbewegen lassen. Dieser muss eigentlich der Stellung Handlung und Bewegung des Akteurs angemessen sein und der Komponist muss diesen immer fort vor Augen haben, damit er ihm die Pantomime und Aktion nicht erschweere. Dieser Dialog, werden Sie finden, hat in meinem Stük fast einerlei Sylbenmaas und wenn Sie so glüklich sind ein Hauptthema zu finden, das sich gut dazu schikt, so werden Sie wohl thun solches immer wieder hervor kommen zu lassen und nur durch veränderte Modulation, durch Major und Minor, durch angehaltenes oder schneller fortgetriebenes Tempo die einzelne Stellen zu nüanciren. Da gegen das Ende meines Stüks der Gesang anhaltend fortgehen soll, so werden Sie mich wohl verstehen was ich sage, denn man muss sich alsdenn in acht nehmen dass es nicht gar zu bunt wird. Der Dialog muss wie ein glatter goldner Ring sein, auf dem Arien und Lieder wie Edelgesteine aufsizen. Es versteht sich dass ich hier nicht von dem vordern prosaischen Dialog rede, denn dieser muss nach meiner Intention gesprochen[157] werden, ob Ihnen gleich frei bleibet nach Gefallen hier und da Akkompagnement einzuweben. Übrigens werden Sie wohl von selbst finden, dass viel Gelegenheit da ist, manichfaltigen musikalischen Reichthum anzubringen. Sollten Sie sich entschliessen es zu komponiren, so muss ich bitten, sich sein balde drüber zu machen, damit es bei uns zu einer Zeit noch aufgeführet werden kann, wo das Interesse der Schweizererzählungen noch nicht verraucht ist.

Ich erwarte schleunige Antwort und verspare biss dahin was ich weiter zu sagen habe.

Leben Sie wohl. Ihrem Vater hab ich von Ihnen erzählt, schicken Sie doch dem Manne etwas von Ihrer Composition, man muss den Menschen Freude machen solang sie leben.

Goethe.


Quelle:
Goethes Werke. Weimarer Ausgabe, IV. Abteilung, Bd. 4, S. 54-158.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Auerbach, Berthold

Schwarzwälder Dorfgeschichten. Band 5-8

Schwarzwälder Dorfgeschichten. Band 5-8

Die zentralen Themen des zwischen 1842 und 1861 entstandenen Erzählzyklus sind auf anschauliche Konstellationen zugespitze Konflikte in der idyllischen Harmonie des einfachen Landlebens. Auerbachs Dorfgeschichten sind schon bei Erscheinen ein großer Erfolg und finden zahlreiche Nachahmungen.

554 Seiten, 24.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon