1790

[171] 9/2796.


An Christian Friedrich Schnauß

Mit herzlichem Wunsche zum Eintritt in das neue Jahr, sende ich den mir kommunicirten Extractum Protocolli zurück.

Es wird einen guten Effeckt haben, wenn Ew. Hochwohlgeboren Herrn Lips auf der Akademie einführen und vorstellen wollen. Von den Stunden Mittwochs und Sonnabends wird er wohl zu dispensiren seyn, da er nur zum Unterrichte der jungen Künstler da ist, und solche ihn zu Hause sprechen und seinen Rath und Lehre einhohlen können.

Das schöne Wetter macht mir mein neues Quartier gar angenehm. Behalten Sie mich in gütigem freundschaftlichen Andencken.

Ew. Hochwohlgeb.

v. Hs.

gehorsamster Freund und Diener

d. 2. Jan. 90.

Goethe.[171]


9/2797.


An Georg Joachim Göschen

Die Probebogen des sechsten Bandes sind angekommen; ich wünschte nun das Manuscript zurück und zugleich zu dem dritten Exemplar des Tasso die fehlenden Bogen A, B, C, habe ich dreimal, die übrigen nur zweimal erhalten.

Weimar, d. 4. Jan. 90.

v. Goethe.


9/2798.


An Carl Ludwig von Knebel

[Ende Januar.]

Hier schicke ich dir endlich das mühsam ausgearbeitete Werckchen. Wenn du des Freytags lesen könntest, so würde ich es Sonnabends früh an Batsch überschicken, den ich doch noch einmal darüber hören will. Wenn ich es dann wieder vornähme, sollte es doch noch eine reinere Gestalt kriegen. Ich habe indeß mein möglichstes gethan und was abgeht hoffe ich durch eine Fortsetzung, durch einen Commentar nachzuhohlen. Vale.

G.


9/2799.


An den Herzog Carl August

Daß Sie Sich, unter den gegenwärtigen Umständen, noch mit der mechanischten aller Wissenschaften,[172] dem deutschen Theater abgeben mögen, läßt uns andre Verehrer der Irene hoffen daß diese stille Schöne noch eine Zeitlang regieren wird.

Wir haben wenigstens diese Tage her uns mit dem Schloßbau Plane so ernstlich beschäftigt als ob wir dem friedlichen Reiche Salomons entgegen sähen. Arens hat uns recht schön aufs Klare geholfen und wir können den ersten Schritt mit Zutrauen und gutem Muth wagen.

Arens hat auch einige artige Zeichnungen für den Parck hinterlaßen und sich durchaus als ein geschickter, verständiger und redlicher Mann gezeigt.

Der Coadjutor hat ihm aufgetragen eine Façade zu dem Stutterheimischen Gebäude zu zeichnen. In Gotha sind wir wohl aufgenommen worden, und der Herzog hat einen Riß zu einem kleinen Gartenhaus von ihm begehrt.

Hier werden Sie bey Ihrer Rückkunft alles bereit finden und man wird sogleich mit der Arbeit anfangen können. Die meiste Zeit des vergangnen Monats habe ich auf dieses Geschäfte verwendet. Auserdem noch Fausten und das Botanikon in Buchhändlers Hände geliefert.

Mit Vergünstigung der Göttin Lucina hat man auch der Liebe wieder zu pflegen angefangen. Der kleine Pathe wird mager, die Frauen sagen aber: bey dieser Diät geschehe es so. Biß in die zwölfte Woche müßte man Geduld haben.

[173] Gestern ist das erste Eroticon in diesem Jahre zu Papier gekommen.

Wir erwarten täglich Nachricht von Baldauf und werden sodann nach Ilmenau gehen. Der Bergrath Voigt beträgt sich sehr brav oben, es war das einzige Mittel das Geschäft wieder in Schwung zu bringen.

Der arme Meyer in Rom kann Ihre gute Gesinnungen, ihm dort einen Zuschuß zu gönnen, nicht wie zu wünschen wäre genießen. Seinen traurigen Zustand beschreibt beyliegendes Blat. Er mag nur vorerst in die Schweiz schleichen. Hat er sich ein wenig erhohlt, so mag er zu uns kommen. Wenn er stirbt, so verlieren ich einen Schatz den wiederzufinden ich fürs ganze Leben verzweifle.

Ich lege einen Brief vom Prinz August zum Gegengewicht bey. Er ist lustiger und wohler als er jemals war.

Die Wiederkunft Ihrer Frau Mutter verzieht sich und es ist mir sehr lieb. Wenn Sie Ende Mays wieder hier ist, wird ihr der Wechsel doch nicht sogleich empfindlich. In Italien sollen himmlische Tage seyn. Nach unsrer Witterung läßt sichs dencken.

Ihre Frau Gemahlinn hat uns einige Sorge gemacht, sie wird selbst schreiben; auch der Kleine war nicht wohl ist aber jetzt wieder hergestellt; sein Bild von Lips ist ganz fürtrefflich gerathen.

So viel von privatis und privatissimis indessen Sie in publicis versiren. Vollenden Sie Ihre Geschäfte[174] glücklich und bringen uns die Beschäftigung des lieben Friedens mit. Denn da eigentlich der Zweck des Kriegs nur der Friede seyn kann; so geziemt es einem Krieger gar wohl wenn er ohne Krieg Friede machen und erhalten kann.

Hierbey liegt eine Visitenkarten als Document daß Hetzer endlich Anstalt macht würcklich aufzubrechen.

Doch Sie recht wohl und lieben mich.

W. d. 6. Febr. 90.

Goethe.


9/2800.


An den Herzog Carl August

[Mitte Februar.]

Wenn Sie denken, daß Ihre längere Abwesenheit einiger Entschuldigungen bedürfe, so muß ich Ihnen zur Stärkung des Glaubenssagen, daß ich unter gleichen Umständen auch den einmal gefaßten Posten nicht verlassen würde. Für Sie ist es von der größten Bedeutung, im gegenwärtigen Moment von Allem unterrichtet zu werden, wo nicht gar kräftig mitzuwirken.

Jetzt wird das Eisen geschmiedet und wenn es keinen Krieg giebt, so wird eine neue Weile sich consolidiren.

Aus beiliegendem Aufsatze werden Sie noch besser[175] als aus dem Hetzerschen Promemoria über die Lage der Sache berichtet werden. Sie haben aber zu wenig gerechnet. Es sind Sieben Millionen und zweimal hundert Tausend Thaler. Aber auch diese Summe ist das Land wohl werth und müßte auch rabattiren. Die verlangte Deduction soll in vier Wochen fertig seyn. Voigt macht sich eine große Freude daraus.[176]


9/2800a.


An Carl Chassot von Florencourt

Hochwohlgebohrner

Hochgeehrtester Herr,

Ew. Hochwohlgeb. Schreiben, worinn Sie um Überlassung einer gewissen Quantität Frucht ansuchen, habe ich zu seiner Zeit richtig erhalten, auch solches sogleich an die Commission, welcher dieses Geschäfte obliegt, abgegeben. Zwar wußte ich wohl daß keine Ausnahme würde zu Ihren Gunsten gemacht werden können und wollte Ihnen sogleich diese untröstliche Nachricht überschrieben. Die Herrn Commissarien aber vertrösteten mich daß im Werke sey wegen des Atems Alstädt eine Ausnahme zu machen und in dieser Erwartung habe ich meine Antwort von Posttage zu Posttage verschoben.

Da aber die Zeit verfließt und man wegen Mehrheit der Interessirten noch nicht zum Schlusse kommen können; so habe ich wenigstens dieses anzeigen und die Versicherung hinzufügen sollen, daß ich sobald wegen des Amtes Altstädt eine Verfügung ergeht, solches Ew. Hochwohlgeb. anzuzeigen nicht ermangeln werde, damit Sie, wenn es nicht zu spät seyn sollte, Sich dorther mit dem nöthigen versehen könnten. Der ich mich mit besonderer Hochachtung unterzeichne

Ew. Hochwohlgeb.

gehorsamer Diener

Weimar, d. 17. Febr. 1790.

J. W. v. Goethe.[15]


9/2801.


An den Herzog Carl August

Ihr Packet ist mir nach Ilmenau gefolgt, aber mit solcher Behendigkeit, daß, da ich es gleich Retour schicke nur wenige Stunden versäumt werden sollen. Alles wird richtig besorgt werden.

Was zu Ihrem Heil und zu Ihrer Freude gereicht theile ich von Herzen, ich bin recht neugierig Sie dießmal wieder zu sprechen.

Ihren Auftrag wegen der Deduktion habe ich folgendermaßen ausgerichtet.

Ich habe mir sogleich die Materialien, welche Schnauß gesammelt mittheilen laßen, solche fleißig gelesen und mir einen Begriff von der Sache gesprochen um erst zu hören wie er sie ansieht und wie er glaubt daß sie angegriffen werden müße. Er sagte daß er vor allen Dingen ein Werck des Jüngern Senckenbergs herbeyschaffen wolle, welches viel Gutes und hierher[176] einschlagendes enthalte. Das erwarte wir nun. Ihr Brief sagt mir auch dießmal nicht daß Sie die Deducktion gleich nach Berlin haben wollen. In Schnaußens Materialien liegt alles, so daß es nur geschrieben zu werden braucht. Ich will gleich mit Voigten einen Plan konzertiren, den sollen Sie bey Ihrer Zurückkunft finden und geschrieben ists alsdann bald. Sie wollen die Wahrheit, da wirds desto leichter.

Wegen der Lausnitz wird die Wahrheit nicht tröstlich seyn. Das Ernestinische Hauß ist nicht Mitbelehnt. Altenburg war es einmal. In Chur Sachsen scheint man anzunehmen daß es auf die weiblichen forterben könnte. Darmstadt soll eine Anwartschaft darauf haben, die aber uns noch nicht klar ist. In Preusischen Staatsschriften hat man öffentlich behauptet daß die Lausnitz an die Herzoge von Sachse falle. Aus was für Gründen? sollten jene angeben können. Das alles soll noch beßer eruirt werden. Verzeihen Sie die stumpfe Eile meiner Feder.

Der Geschworne Baldauf ist angekommen, ein wackrer Mann, mit dem wir den unterirdischen Neptun zu bezwingen hoffen. Leben Sie wohl in der obersten Welt und behalten mich lieb.

Ilmenau d. 18. Febr. 90.

G.


Reichart ist sehr von Ihrer Idee wegen des Theaters eingenommen. Ich schreibe ihm nächstens.[177]


9/2802.


An den Herzog Carl August

Ein Brief von Einsiedel veranlaßt mich Ihnen diesen Boten zu schicken. Ich schrieb ihm neulich: daß ich der Herzoginn, wenn sie nicht so eilig aus Italien zurückgekommen wäre, wohl hätte ein Stückchen entgegen gehen mögen. Da sie nun durch ihre Frau Schwester und den Erbprinzen von Braunschweig in Neapel aufgehalten worden, so nimmt sie mich beym Worte und Einsiedel schreibt mir wenn ich es nicht ausführte täuschte ich die Herzoginn in einer sehr angenehmen Erwartung, er sey selbst dabey interessirt und dringt in mich daß ich meinen Vorsatz nicht soll fahren laßen.

Wenn Sie also nichts dagegen hätten, so machte ich mich gleich auf und ging nach Augsburg, wo ich Briefe von Einsiedel finden werde, um zu sehen ob ich ihnen noch weiter entgegen zu gehen Zeit hätte. Das gelinde Wetter lädet zu einer solchen Reise ein.

Was von Geschäften einigermassen an mich geknüpft ist, liegt alles gut vorbereitet. Die Schloßbausache durch die Arbeiten mit Arens; das Bergwerck durch Baldaufs Bemühungen, an dem wir einen sehr braven Mann gefunden haben; die Steuersachen, die mich aufs neue interessiren und die Ihnen gewiß dereinst Freude machen sollen, sind auch für dieses[178] Jahr eingeleitet, daß also eine Abwesenheit von 6 Wochen nicht bemercklich werden wird.

Ohne Kosten macht mirs einen großen Spas, denn ich muß wieder einmal etwas fremdes sehen. Auch bin ich gewiß Ihrer Frau Mutter nützlich u.s.w. Ich richte mich daher ein, wenn der Bote zurückkommt und mir keine Contreordre bringt sogleich abzureisen.

Über ein und die andre Sache laß ich Ihnen noch einen Aufsatz zurück. Z.B. über die Rechnungs Termin Sache welche in meiner Abwesenheit wohl entschieden werden dürfte.

Sagen Sie mir doch auch ein Wort wie es Ihnen geht? und wann dießjahr die Revüen fallen? wenn kein Krieg wird. Ich möchte das 90 er Jahr gern unter freyem Himmel, soviel möglich zubringen.

Eben erhalte ich von Ihrer Frau Gemahlinn den Brief, welchen Sie unterm 16. Febr. schrieben. Da auch dieser das friedlichste hoffen läßt, so kann ich umsomehr die Hoffnung meiner Reise unterhalten.

Leben Sie recht wohl. Verzeihen Sie die üble Handschrift. Hierbey liegt ein offner Brief an Reichart mit einigen Glaubens Bekänntniß Artickeln.

W. d. 28. Febr. 90.

G.


Ich weiß nicht ob ich Sie schon einmal ersucht habe es dahin zu bringen daß wir Schwefel Abgüße von dem Königlichen Gemmen Cabinet erhielten Es wäre dünckt mich etwa unter dem Vorwande zu erlangen:[179] daß die Akademie der Künste, durch solche Abgüße auch Nutzen haben werde.

Ihre Frau Gemahlinn hat mir einen freundlichen Gruß aufgetragen.

Noch muß ich eine Vergeßenheits Sünde gestehen. Sie sagten mir was Sie Oertels Sohn jährlich auf der Akademie geben wollten und ich habe die Summe vergeßen.


9/2803.


An Johann Friedrich Reichardt

Wundern Sie Sich nicht, wenn ich den Schröderischen Brief nicht gar so toll finde wie Sie ihn finden. Ich wußte voraus daß er so antworten würde, da ich seine Verhältniße kenne. Ein deutscher Direcktor wäre thörigt anders zu dencken. Von Kunst hat unser Publicum keinen Begriff und so lang solche Stücke allgemeinen Beyfall finden, welche von mittelmäßigen Menschen ganz artig und leidlich gegeben werden können, warum soll ein Direcktor nicht auch eine sittliche Truppe wünschen, da er bey seinen Leuten nicht auf vorzügliches Talent zu sehen braucht, welches sonst allein den Mangel aller übrigen Eigenschaften entschuldigt.

Die Deutschen sind im Durchschnitt rechtliche, biedere Menschen aber von Originalität, Erfindung, Charackter, Einheit, und Ausführung eines Kunstwercks sie nicht den mindesten Begriff. Das[180] heißt mit Einem Worte sie haben keinen Geschmack. Versteht sich auch im Durchschnitt. Den rohren Theil hat man durch Abwechslung und Übertreiben, den gebildetern durch eine Art Honettetät zum Besten. Ritter, Räuber, Wohlthätige, Danckbare, ein redlicher biederer Tiers Etat, ein infamer Adel pp. und durchaus eine wohlsoutenirte Mittelmäßigkeit, aus der man nur allenfalls abwärts ins Platte, aufwärts in den Unsinn einige Schritte wagt, das sind nun schon zehen Jahre die Ingredienzen und der Charackter unsrer Romane und Schauspiele. Was ich unter diesen Aspeckten von Ihrem Theater hoffe, es mag dirigiren wer will, können Sie dencken.

Machen Sie es indeß immer zum besten. Ihre Bearbeitung von Elmiren freut mich sehr und wünschte Sie hier bey mir schon am Claviere zu sehen. Nur verziehen Sie noch. Ich gehe wahrscheinlich der Herzoginn Mutter entgegen, ist diese zurück, dann wird es in mehr als Einem Sinne das rechte Tempo seyn hierher zu kommen.

Tasso haben Sie vielleicht schon. Faust kommt Ostern und wird auch Ihnen manches zu thun geben.

Leben Sie recht wohl und schreiben bald wieder und grüßen Moriz.

W. d. 28. Febr. 90.

G.[181]


9/2804.


An den Herzog Carl August

Von Emilien werden Sie durch den Boten, den ich an Sie abschickte einen Brief erhalten haben. Die guten Kinder sind noch in Gotha, der Alte ist kranck und sie führen, scheint es ein erbärmlich Leben.

Ich mache mich Reisefertig um aufzubrechen, wenn Sie es gut finden, es macht mir diese Exkursion viel Freude.

Die römische Kayser Krönung in Franckfurt werden wir doch auch nicht versäumen, das sind lustige Aussichten.

Die Äusserung des Preusischen Ministerii über die Succession oder vielmehr die Einlösung der Lausniz hat Schnauß exzerpirt, ich habe aber das Allegat nicht berichtigen können. Mit der Donnerstag Post schicke ich es an Sie noch ab, denn ich bin überzeugt daß Sie sobald noch nicht von Berlin wegkommen. Leben Sie bald wohler und vergessen uns nicht.

W. d. 1. März 1790.

G.


9/2805.


An Johann Christian Kestner

Euer Brief, lieber Kestner, hat mir viel Freude gemacht, besonders das Zettelchen vom Brocken, welches mir ein rechter Beweiß Eures dauernden Andenckens[182] ist; dafür habe ich auch oft an Euch gedacht wenn es mir wohl ging.

Heute sage ich wenig, das ihr für viel nehmen mögt weil ich gleich schreibe. Es folgt auch der sechste Band meiner Schriften, zu dessen Genuß ich Euch gute Stunden wünsche.

Lebet wohl, grüßet Lotten und die Eurigen. Ich bin wieder auf dem Sprunge zu verreisen, wie weit weiß ich selbst nicht.

Adieu! Behaltet mich lieb.

W. d. 2. März 1790.

G.


9/2806.


An Friedrich Heinrich Jacobi

Solange habe ich dir nicht geschrieben und auch heute weiß ich nicht ob du ein vernünftig Wort von mir hören wirst. Meine Lage ist glücklich, wie sie ein Mensch verlangen kann. Dieses Jahr habe ich mich durch manches durchgearbeitet. Die zwey letzten Bände meiner Schriften werdet ihr Ostern haben, nehmt vorlieb. mir ist diese Epoche wichtig, ich habe damit vieles abgethan. Ostern betret ich auch die Bahn der Naturgeschichte als Schriftsteller; ich bin neugierig was das Schriftchen machen wird, das über die Metamorphose der Pflanzen einen Versuch enthält. Im Studio bin ich viel weiter vorwärts und[183] hoffe übers Jahr eine Schrift über die Gestalt der Thiere herausgeben. Ich brauche aber wahrscheinlich Zeit und Mühe eh ich mit meiner Vorstellungs Art werde durchdringen können. Es soll mich freuen wenn durchdringen könne. Es soll mich freuen wenn du mich auch auf diesem Wege zu begleiten Geduld hast. In einigen Jahre wird sichs zeigen.

Daß die Französische Revolution auch für mich eine Revolution war kannst du dencken.

Übrigens studire ich die Alten und folge ihrem Beyspiel so gut es in Thüringen gehn will.

Meinen Tasso wirst du nun wohl haben.

Ich bereite mich zu einer kleinen Reise, wahrscheinlich gehe ich der Herzoginn Mutter, welche aus Italien zurückkehrt entgegen, und thue in diesem schönen Frühjahr einen Blick über die Alpen.

Lebe indeßen wohl und liebe mich.

W. d. 3. März 1790.

G.[184]


9/2806a.


An Georg Joachim Göschen

Hier übersende ich den Überrest des Manuscripts. Jery und Bätely wird zuerst, Scherz List und Rache zuletzt gedruckt.

Den Betrag dieses Bandes haben Sie die Güte gelegentlich H. Leg. R. Bertuch zuzustellen, und davon abzuziehen was ich Ihnen indessen schuldig geworden.

H. Lips wird Titelkupfer und Vignette beylegen. Lassen Sie mir von beyden einige Abdrücke machen.

Leider sind die Vignetten des sechsten Bandes wenigstens in den Exemplaren die ich erhalten habe, sehr übel und schmutzig gedruckt. Schärfen Sie doch dem Kupferdrucker ein daß es beym siebenten Bande nicht wieder geschehe.

Ich verreise auf einige Zeit, also senden Sie mir nichts und schreiben Sie mir auch nicht. Die Exemplare des siebenten Bandes, wenn sie fertig sind, senden Sie mir in der Zahl und Art wie des sechsten. Ich wünsche wohl zu leben und dancke für das deutsche Museum. W. d. 3. März 1790.

v. Goethe.


9/2806b.


An Friedrich Justin Bertuch

Herr Legationsr. Bertuch erhalten zu Wiedererstattung der Leipzig ausgezahlten 50 rh. nach hiesigen Cour. 55 rh. und zwar wie folgt.[47]


Anbey baar8:17: 4

Von Jen. Cabinet14: 9: 8

Von Hr. R. Ludekus31:21; –

rh.55: – : –


Ew. Wohlgeb. verzeihen daß ich Ihnen durch die zerstückte Anweisung dieser Posten noch eine Mühe mache.

W. d. März 1790

Goethe.[48]


9/2807.


An Johann Gottfried Herder

[Jena, 10. März.]

Ich bin glücklich in Jena angekommen, und mein Geschäft geht so ziemlich; es ist ein verwickeltes Übel. Für den Moment hoffe ich es zu bemänteln.

Dieses schreibe ich dir eigentlich nur, um dich zu bitten, du mögest mir ein schon gegebenes Geschenk zum zweitenmal geben. Ich habe des Fortis Beschreibung[184] des Val di Ronca vergessen. Sei doch so gut und verfüge dich in meine Wohnung, laß dir Bibliotheculam meam aufschließen und such das Werkchen, das du allein finden kannst.

Wenn ich nach Bassano komme, bin ich nahe in der Gegend. Verzeihe mir, aber mir geschieht ein großer Gefalle. Grüße Frau und Kinder, besonders Gusteln; er hat sich männlich gehalten, als ich fortfuhren, und von einem andern Abschied ganz mürbe war. Lebe wohl. ich schicke einen Boten, dem gib das Buch mit.

G.


9/2808.


An Jakob Friedrich von Fritsch

Hochwohlgebohrner Freyherr,

Insonders hochgeehrtester Herr Geheimrath.

Vergebens habe ich biß auf diesen Augenblick gehofft die Sache hier nach einer von Major Bentheim abgefaßten Sentenz abzuthun, weil ich nur im äussersten Falle den Feldwebel Wachtel durch ein Commando nach Weimar schicken möchte, um nicht alle Mühe dieser Tage verlohren zu haben und diese höchstverdrüßliche Sache gleichsam von vorn vor Durchl. den Herzog und sein Ministerium zu bringen. Eigentlich sind es blos personal Verhältnisse welche diese Angelegenheit so verwickelt machen. Noch gebe ich die Hoffnung nicht auf und werde auf eine oder[185] die andre Weise nähere Nachricht geben. Beruhigt übrigens ist alles für den Moment. Ich empfehle mich zu Gnaden

Ew. Excellenz

Jena,

ganz gehorsamster

d. 12. März 1790.

Goethe.


9/2809.


An Friedrich Constantin von Stein

Jena, den 12. März 1790.

Ich hätte wohl gewünscht, dich noch einmal vor meiner Abreise zu sehen, und dir ein Lebewohl zu sagen. Noch bin ich nicht aus Jena, ich bin in eine böses Netz gefallen. Morgen früh denke ich mich herauszuwickeln. Die freie Luft wird mir desto besser schmecken.

Lebe wohl! Ich kann dir nichts weiter sagen, denn der Kopf ist mir ganz wüste. Grüße die deinen und behalte mich lieb, wie ich dich immer lieb und werth behalten werde. Nach Augsburg hat Sutor meine Adresse.

G.


9/2810.


An Johann Gottfried Herder

Der Flecken ist zwar nicht ganz ausgetilgt, das Schloß noch nicht ganz bewohnbar, ich gehe aber doch weiter, das Übrige wird auch gethan werden.

[186] Noch bin ich in Jena, und wenn mir dieser Ort verhaßt werden könnte, so hätt' er es diese Tage werden müssen. So ein Greuel von Mißverhältnissen, als ich nur einigermaßen zu balanciren hatte, ist mit Gedancken kaum zu fassen, mit Worten nicht auszudrücken.

Habt Dank für Eure Liebe und Andenken. Ich gehe diesmal ungern von Hause, und dieser Stillstand in der Nähe macht mir die Sehnsucht rückwärts noch mehr rege. Ich will suchen morgen fortzukommen.

da man gegen das Ende weich und sorglich zu werden anfängt, so viel mir erst ein, daß nach meiner Abreise mein Mädchen und mein Kleiner ganz und gar verlassen sind, wenn ihnen irgend etwas zustieße, worin sie sich nicht zu helfen wüßte. Ich habe ihr gesagt, sich in einem solchen äußersten Falle an dich zu wenden. Verzeih!

Für Augusten lege ich ein Blatt bei. Es that mir herzlich leid, daß ich ihn zurücklassen mußte; es ging aber in manchem Betracht nicht an, ihn mitzunehmen.

Heute verdrießts mich bei so schönem Wetter in der Stube bleiben und mein Geschäft endigen zu müssen. Ohne die Jenaischen Händel wäre ich in Nürnberg. Lebt wohl und grüßt alles. Knebel und die Frau von Kalb. Ich dachte selbst daran, Knebeln mitzunehmen. Er ist so gut und es ist so gefährlich, sich mit ihm zu gesellen, und ich habe so ganz meine[187] eigne Weise nach der ich leben muß oder ganz elend bin. Lebt wohl. Gedenckt mein in Liebe.

Jena, den 12. März 1790.

G.

Danke für Ronca.


9/2811.


An Jakob Friedrich von Fritsch

Hochwohlgeb. Freyherr

Insonders hochzuehrender

Herr Geheimrath,

Ew. Excellenz werden aus beyliegendem unterthänigen Berichte die Ausenseite von dem was in diesen Tagen vorgekommen zu ersehen geruhen. Schon dreymal habe ich ihn verändert, eben so oft einen Brief an Ew. Excellenz angefangen und noch weiß ich nicht wie die Sache welche beynahe in jeder Stunde ein ander Ansehn gewinnt, sich endigen werde. Mein Wunsch ist sie noch ganz abzuthun, wozu sich die Hofnung bald nähert bald entfernt.

Ich müßte ein Buch Papier verschreiben, wenn ich alles was mir in diesen Tagen vorgekommen, und vertraut worden ist aufzeichnen wollte. Denn leider ist das gegenwärtige Geschwür nicht die Kranckheit, sondern die Anzeige eines tiefer liegenden complicirten Übels.

[188] Das Mißverhältniß der Jägercompagnie zu ihrer hiesigen Bestimmung und zum Commandanten kennen Ew. Excellenz. Besonders scheint der Feldwebel Wachtel, eben der unkluge Anführer am 4. März, Relationen zu haben die ihn trozig und gegen den Major wie den Capitain widersprüchig machen.

Die jungen Studirenden waren äussert aufgebracht und vielleicht war es nötig sie an jenem Abend durch feyerliche Zusage der eklatantesten Satisfaction worauf sie jetzt bestehen zu begütigen, man hat sich aber freylich dadurch kompromittirt und ihre Prätensionen hochgespannt.

Ich kann Ew. Excellenz im Vertrauen sagen daß Hofr. Loder in diesem Falle zu seyn scheint, ob ich gleich auch gestehen muß daß er diese Tage seinen ganzen Einfluß gebraucht hat um die jungen Leute ins Gleis zu bringen, der Prorecktor, ich selbst haben auf eine schickliche Weise ihnen zuzureden gesucht, man hätte auch wahrscheinlich reüssirt wenn nicht (und wie sogar verlauten will, dem ich jedoch wie hundert andern Sagen keinen Glauben beimeße, von Professoren selbst) die jungen Leute aufs neue aufgehetzt und sie mit Gründen gegen unsere Vorstellungen unterstützt worden wären.

Ohngeachtet alles dieses hätte ich heute früh einen entscheidenden Schritt gethan und die Bentheimische Sentenz exequiren lassen, wenn nicht Griesbach selbst, der bißher und noch gestern Nacht halb zwölfe standhafter[189] Gesinnungen war, nun sich auch, ganz wieder Erwarten, auf jene Seite geneigt hätte, welche sich zu sehr für den Studenten zu fürchten scheint. Könnte ich noch vierzehn Tage hier bleiben, so hätte ich es doch durch zu setzen gesucht und für die Folgen gestanden. Es kommt nun noch darauf an was der Prorecktor ausrichtet. Es muß sich biß heute Abend entscheiden.

Überhaupt habe ich in diesen wenigen Tagen eine Verwicklung von Personen, Leidenschaften, Umständen und Zufällen auseinander zu setzen und mir deutlich zu machen gehabt um nicht falsche Schritte zu thun, daß ich keinen Augenblick zur Ruhe gekommen bin. Ich habe auch deßwegen Protokolle und Registraturen zu führen so wenig möglich als räthlich gehalten. Schon die erste Session war so stürmisch indem Bentheim mit wenigem Menagement allen seinen Griefs gegen Lodern Lust ließ und ich viel zu thun hatte sie a l'ordre du jour zurückzubringen und den Faden durch das Labyrinth so vieler Mißverhältnisse fest zu halten. Nachher habe ich alles diskursive tracktirt, und das beste ist in einzelnen Gesprächen oder Nachtische ausgemacht worden.

Ich fand bey meiner Ankunft die Acten der Mil. Gerichte instruirt, die Sentenz gefällt und mein ganzes Geschäft bestand in Negotiationen ob es räthlich und thulich sey die Sentenz zu exequiren oder die Entscheidung ins weitere zu spielen.

[190] So eben verläßt mich der Prorecktor und die Sache scheint eine nicht ganz ungünstige Wendung zu neh men. Er hat die laesos gesprochen, die sich sehr artig bezeigt, für die bißherigen Bemühungen gedanckt, auch ihre Personen versichert haben: »daß sie geneigt seyen nachzugeben, allein sie seyen nicht im Stande, ohne die Menge gegen sich selbst aufzuhetzen, gegen dieselben diese Gesinnungen zu äussern, da man von Seiten der Commission, der Akademie, der Militairgerichte, glaubte das mögliche gethan zu haben, so bäten sie daß man ihnen erlauben möchte sich mit ihrer Beschwerde an Serenissimum unmittelbar zu wenden und ihm die ganze Sache in die Hände zu legen. Sie bäten nur um Sicherheit gegen das Militare biß zu Austragen der Sache.«

Ich glaube nicht daß ihnen das auf irgend eine Weise zu verwehren seyn möchte, vielmehr beschäftigt und besänftigt sie dieser Gedancke wieder und es wird Serenissimo leicht fallen sie ganz und gar zu befriedigen.

Ich laße indessen Wachteln hier in Arrest und schicke auch die Militargerichts Akten nebst der Sentenz nur blos zur Notiz ein, wie ich auch die Geh. Canzl. Ackten remittire. Und bitte: daß nichts in der Sache möge beschlossen werden ohne daß man zuvor des Prorecktors Sentiment darüber gehört hat, denn die Sache steht auf einer zarten Spitze. Keinen Tumult erregen sie wahrscheinlich, aber zu einer starcken Emigration könnte es Anlaß geben.[191]

Indeß wünsche ich daß ein verehrtes Ministerium meine Bemühungen nicht ganz für unnütz erkennen möge. Auch darf ich mir schmeicheln daß die Lage der Sache seit meiner Anwesenheit nicht schlimmer geworden. Durch den Ernst den man gezeigt ihnen wenigstens eine Satisfaction geben zu wollen, durch das was man ihnen bey dieser Gelegenheit vorstellen können, durch die Ehre die man den Wortführern erzeigt sind die Gemüther um vieles besänftigt, die Anführer, die Verletzten sind gewonnen, die Argumente pro und contra kursiren unter den jungen Leuten, ein großer Theil der Studirenden ist doch bey der Sache nicht interessirt, von den übrigen wird ein Theil auf Ostern fortgehen, zum Theil sich abkühlen.

Nur muß ich wiederhohlen: reel wird die Satisfaction seyn müssen die man ihnen giebt. Denn wenn sie auch nicht, wie man glaubt, instigirt und instruirt werden, so sind sie selbst so sehr kompromittirt und werden nun schon wie man hört hier und da von Bürgern pp. vexirt worinn denn ihre große Satisfaction bestehen werde.

Bentheim gesteht in Vertrauen selbst: daß wenn es seine eignen Leute gewesen wären er strenger verfahren hätte.

Noch bemercke ich daß ich rem integerrimam zu erhalten gesucht habe, daß ich auch eben deßwegen Wachteln nicht hinüberschicke damit jeder Weg offen bleibe den man erwählen möchte.

[192] Den wunderlichen Vorfall beym Militar daß die Jäger im Begriff waren auszutreten wird Lieutenant Trütschler erzählt haben. Der gute Major war ganz ausser sich. Gestern Abend fingen zwey Jäger an zu wetzen, die Wache ging nach ihnen fand sie nicht, Studenten arretirten sie und brachten sie dem Capitain ins Hauß. Es ist eine Ordnung in dieser Anarchie die oft ins Lächerliche fällt.

Ew. Excellenz empfehle ich mich mit diesem zu Gnaden und bitte Herrn Geh.R. Schnaus und Schmidt mich gleichfalls bestens zu empfehlen. Da mir nun nichts zu thun übrig bleibt, so will ich mit anhoffender Genehmigung meine Reise Morgen frühe weiter fortsetzen.

Ich bitte nur die Eile und Verwirrung meines Schreibens zu entschuldigen und versichert zu seyn daß ich mit lebenswürdiger Verehrung mich unterzeichnen darf

Ew. Excellenz

Jena,

ganz gehorsamen

d. 12. März 1790.

Goethe.


N. S. Noch muß ich des Vorfalls beym Jägerkorps mit einem Worte gedencken wovon Lieutenant Trütschler Ew. Excellenz schon wird benachrichtiget haben. Es hatte sich unter den Jägern die Sage verbreitet als wenn sie mit harter Leibesstrafe angesehen werden sollten. Sie versammelten sich also,[193] kamen Haufenweis zum Hauptmann, baten um Erlaubniß nach Weimar gehen zu dürfen, andre kamen zum Major, andre hatten sich schon wie man sagte auf den Weg nach Weimar gemacht, ich war im Begriff Ew, Excellenz einen reitenden Boten zu schicken, als alles wieder bald im Gleise war. Der alte Major war außer sich, Trütschler betreten und ich im Moment dieser Gährung für die gelindesten Mittel und für die gelindeste Art die Sache anzusehn. Heute bey der Parade hat der Hauptmann die Leute im Schloßhof einen Kreis schließen laßen und sie haranguirt, auch ist alles ruhig. Der Lieutenant ist hinüber um mündlichen Rapport abzustatten, den Major habe ich ersucht nichts davon zu melden und versprochen die allenfallsige Verantwortung über mich zu nehmen. In diesen Momenten ist Gelindigkeit und Festigkeit nötig, um nicht alles durcheinander zu werfen.

So eben geht Rupprecht ein Franckfurter, der Masaniello dieses Moments von mir. Er kam wohl geputzt mir in dem Nahmen aller Beleidigten, Verletzten und Interessirten für die Mühe zu dancken die ich mir hätte in ihrer Angelegenheit nehmen wollen. Sie erkannten daß meine Absicht gewesen sey ihnen Genugthuung zu verschaffen, daß es aber nicht an mir sondern an den Umständen gelegen habe daß sie biß her nicht hätten befriedigt werden können, sie hätten sich deßwegen den Weg an Sereniss. zu gehen vorgenommen pp.

[194] Was sagen Ew. Excellenz zu dieser Manier? Ich sagte ihm was ich in dem Augenblicke dienlich hielt und entließ ihn.

Ich würde nicht endigen wenn ich alle interessante Scenen dieser Tage erzählen sollte und es thut mir in diesem Augenblicke manchmal leid mich zu entfernen, ob ich gleich in gewißem Betracht Gott dancken will wenn ich dießmal die Rasenmühle hinter mir habe.

Mich wie im Briefe angelegentlich empfehlend.

G.


Ich endige auch würcklich noch nicht.

Eins muß ich noch bemercken. Es ist ein Vorschlag gethan, worden, den man plausibel findet, der aber mir die gefährlichsten Folgen zu haben scheint. Die Studenten wollen selbst patroulliren und Unfug verhüten.

Ich brauche die Consequenzen nicht Ew. Excellenz zu detailliren. Leider haben sie schon Gestern zwey Jäger, wie oben gesagt, arretirt und abgeliefert, das war im Augenblick gut und doch wollte ich wir wären nicht in dem Falle. Leipzig hieß sonst klein Paris, Jena verdiente jetzt wohl eher diesen Nahmen.

Verzeihen Ew. Excellenz dieses entstellte Blatt, es fehlte nichts als daß ich noch in der Eile das Dintenfaß darüber schüttete. Ich kann es nicht abschreiben sondern muß siegeln weil die Botenmädchen warten.[195]


9/2812.


An Johann Gottfried und Caroline Herder

Nürnberg den 15. März 1790.

Das schöne Wetter hat sich in Schnee verwandelt, auf einmal ist die frohe Welt trüb und kothig. Ich muß nun sehn, wie ich durchkomme; ich fürcht nur, dieses Wetter ist sehr weit ausgebreitet, und macht mir in den Gebirgen Händel.

Keine neuen Begriffe habe ich bis jetzt noch nicht erobert, desto mehr eile ich weiter. Der Aufenthalt in Jena hat mich verspätet; es wäre verdrüßlich, wenn ich vor Palmarum nicht Venedig erreichte. Um als eine Heide von dem Leiden des guten Mannes auch einigen Vortheil zu haben, muß ich die Sängerinnen der Conservatorien nothwendig hören und den Doge im feierlichen Zuge sehen. Nach Ansbach geh' ich nicht. Es macht gleich so viele Umstände, wenn man sich aufhalten und umziehen soll; ich denke, bis Augsburg nicht aus der Chaise zu steigen.

Lebet wohl, grüßet Augusten und die ganze kleine Schaar. Knebel, Frau von Kalb. Behaltet mich lieb. Die Reise wird mir an den Leib und Geist wohl thun, ob ich sie gleich eigentlich ohne rechten innerlichen Trieb fortsetze. Chairete!

G.[196]


9/2813.


An den Herzog Carl August

Am 31. März bin ich in Venedig glücklich angelangt, nach einer vergnüglichen Reise. Das Wetter war meist schön, besonders durch Tyrol.

Diesseits der Alpen von Verona biß hierher habe ich immer Nordost gehabt, hellen Himmel aber kalt. Heute den zweyten Aprill hat es hier geschneyt. Auf dem Lande sind die Bäume noch sehr zurück, bey Botzen blühten Mandeln und Pfirschen, um Verona war es auch sehr schön, an den Hügeln hin, das flache Land sieht aber noch nicht Italiänisch aus. Nun bin ich unter Amphibien und werde mich bald daran gewöhnen. Von Ihrer Frau Mutter habe ich noch keine Spur und Einsiedelei hat mir einen Gasthof angezeigt, der gar nicht in Venedig existirt. Durch einen Zufall bin ich in eine Gute Wohnung gekommen und habe den wahrhaften Musäus dieser seltsamen Stadt und gehe das merckwürdigste darin durch.

Diese Reise hat mich recht zusammengeschüttelt und wird mir an Leib und Seele wohlthun.

Übrigens muß ich im Vertrauen gestehen, daß meiner Liebe für Italien durch diese Reise ein tödtlicher Stos versetzt wird. Nicht daß mirs in irgend einem Sinne übel gegangen wäre, wie wollt es auch? aber die erste Blüte der Neigung und Neugierde ist[197] abgefallen und ich bin doch auf oder ab ein wenig Schmelfungischer geworden. Dazu kommt meine Neigung zu dem zurückgelaßnen Erotio und zu dem kleinen Geschöpf in den Windeln, die ich Ihnen beyde, wie alles das meinige, bestens empfehle. Ich fürchte meine Elegien haben ihre höchste Summe erreicht und das Büchlein möchte geschloßen seyn. Dagegen bring ich einen Libellum Epigrammatum mit zurück, der sich Ihres Beyfalls, hoff ich, erfreuen soll.

In manchen Augenblicken wünsch ich Sie mit mir zu sehen, nur damit Sie ich in Deutschland besser freuten.

Das ist nun hier mitten im Wasser und wir sind mitten im Land! das ist das beste Element wo man sich seiner und der seinigen freuen kann. Leben Sie recht wohl. Venedig d. 3. Apr. 90.

G.


9/2814.


An Johann Gottfried Herder

Ich sollte Euch allerlei Guts sagen, und ich kann nur sagen, daß ich in Venedig angekommen bin, Ein wenig intoleranter gegen das Sauleben dieser Nation als das vorigemal. Recht wunderbar ists, daß ich das Tagebuch meiner vorigen Reise mitzunehmen vergessen habe. Also meinen alten Pfaden nicht folgen kann und wieder von vorne anfangen muß. Das ist indessen auch gut. Von der Herzogin hör' und seh'[198] ich nichts. Ich habe mich eingerichtet, daß ichs abwarten kann. Ich will das Wassernest nun recht durchstören. Wie einfach und wie complicirt sind doch alle menschliche Dinge! Ich wohne am Rialto ohngefähr 20 Häuser näher als der Scudo di Francia, auf derselben Seite. Habe einen Wirth. wie Musäus war, und ich bin schon leidlich zu hause. meine Elegien sind wohl zu Ende; es ist gleichsam keine Spur dieser Ader mehr in mir. Dagegen bring' ich Euch ein Buch Epigrammen mit, die, hoff' ich, nach dem Leben schmecken sollen. Ich wollte mehr schreiben; die Post nicht zu versäumen, schließ ich. Lebt wohl.

Venedig. d. 3. April 90.

G.


Grüßt mir Augusten; er fehlt mir sehr. Hier sind tausend Sachen, die er genösse und an denen ich vorbeigehen muß. Grüßt ihn.

G.


Schreibt mir ja. Euer Brief findet mich bei S. Corrado Reck.


9/2815.


An Johann Gottfried Herder

Venedig d. 15. April 1790.

Hier schick' ich ein Blatt Epigramme, die von meinem Dasein zeugen mögen; übrigens hab' ich nicht viel zu sagen. Ich studire die venetianische Malerschule[199] von vorne herein fleißig durch und habe daran viele Freude; auch präsentiren sich mir allerlei Resultate und Bemerkungen, wo nicht ganz neue, doch von neuen Seiten. Ich bitte Euch, die Freunde vielmals zu grüßen und die Epigramme ihnen mitzutheilen. Dem Herzog hab' ich eins besonders geschickt; das laßt Euch auch zeigen. Der Herzogin ist den 10. dieses von Neapel hinweg, und will zu Ende des Monats hier sein. Ich werde bis zu dieser Zeit meiner Erlösung aus diesem Stein- und Wasserneste noch mancherlei Unterhaltung finden. Indessen verlang' ich sehr nach Hause. Noch hab' ich keine Briefe weder von Euch noch von sonst jemand. Ich habe wieder nach Augsburg geschrieben, wo sie wohl liegen geblieben sind. Von Angelika hab' ich einen Brief; sie ist gar freundlich und gut, wie immer. Reichardt trägt ihr seine Opera vor und macht ihr viel Freude. Lebt wohl. Grüßt alles. Augustens gedenke ich bei gar manchen Gelegenheiten; grüßt ihn. Leider ist kein Schauspiel vor Himmelfahrt. Das Wetter ist leidlich. Die wenigen Bäume, die hier in den Klostergärten stehn, sind noch gar nicht grün. Lebt wohl, und gedenkt mein.

G.


9/2816.


An Carl Ludwig von Knebel

Hier schicke ich dir, lieber Bruder, ein Blättchen Gedichte alle Eines Inhalts. Herder wird ein manigfaltigeres[200] mitgetheilt haben. Besser ist es immer mit den Resultaten unseres Daseyns die Freunde ein wenig ergötzen, als sie mit Confessionen wie uns zu Muthe ist wo nicht traurig doch nachdencklich zu machen. Grüße alle. Bald send ich wieder ein Blat. Lebe wohl. Mich verlangt sehr wieder nach Hause.


[Venedig] d. 23. Apr. 90.

Heute erhalt ich einen Brief von Frau v. Kalb, das erste Wort das ich von Hauß sehe. Grüße sie und dancke ihr. Über acht Tage erhält sie auch ein Blat Epigrammen. Sie wachsen hier wie die Pholaden. Leb wohl. Behalte mich lieb. Die Herzoginn kommt den 7. Mai hier an.

G.


9/2817.


An Charlotte Sophie Juliane von Kalb

Ihr freundliches Schreiben war das erste Wort was nach meiner Abreise zu mir von Hause kam. Von Herders hab ich noch gar nichts gehört. Hier schicke ich ein Blättchen Epigrammen welche ich den Freunden mitzutheilen bitte. Es sind dieses Früchte die in einer großen Stadt gedeihen, überall findet man Stoff und es braucht nicht viel Zeit sie zu machen. Ich habe mich recht umgesehen, indeßen ist es immer nur unvollkommen wie ein Reisender seyn kann. In Gesellschaft Durchlaucht der Herzoginn[201] werde ich manches wiedersehen und mein Aufenthalt in Venedig wird mir in mehr als einem Betracht nützlich sein, da er vergnüglich genug war. Wenn ich nur auch diese vergangene sechs Wochen einen Freund oder eine Freundinn bei mir gehabt hätte! Unter andern löblichen Dingen die ich auf dieser Reise gelernt habe ist auch das: daß ich auf keine Weise mehr allein seyn, und nicht außerhalb des Vaterlandes leben kann. Erhalte uns ein gut Geschick den Frieden und gebe uns zusammen eine freundliche Wohnung.

Sagen Sie Herdern daß ich der Thiergestalt und ihren mancherley Umbildungen um eine ganze Formel näher gerückt bin und zwar durch den sonderbarsten Zufall. Auch habe ich durch die Betrachtung der Fische und der Seekrebse viel gewonnen.

Noch ist mir der Aufenthalt hier von einer andern Seite merckwürdig geworden. Da man jetzt immer von Constitution spricht, die wunderlichste und complicirteste Constitution in der Nähe, mit lebendigerem Interesse zu sehen.

Ich habe wie Sie bemercken können meine Thätigkeit auf allerley Gegenstände ausgedehnt und so meine Zeit mannichfaltig zu nutzen gesucht, es sind die vier Wochen gar schön herumgegangen, nur manchmal zeigten sich kleine Bewegungen der Ungedult. Kommt nun Durchlaucht die Herzoginn, so wird eine neue Lebensart angehen, neue Freuden eintreten die uns hoff ich bald zurückführen sollen. Mein sehnlichster[202] Wunsch ist Weimar bald wiederzusehen und die schöne Jahrszeit mit meinen Freunden zuzubringen. Empfehlen Sie mich Ihrem Herrn Gemahl und den übrigen Freunden. Bleiben Sie mir gewogen. Die Herzoginn wird den 6ten oder 7. Mai hier ankommen.

Venedig, d. 30. Apr. 90.

G.


9/2818.


An die Herzogin Amalia

Daß ich Ew. Durchl. nicht biß Padua entgegen komme werde ich besser mündlich entschuldigen können. Durch gegenwärtiges heiße ich Sie nur in der Nähe herzlich willkommen. Ich freue mich unaussprechlich Sie bald hier am Rialto endlich wieder zu sehen.

Venedig, d. 2. May 90.

G.


9/2819.


An Caroline Herder

Venedig, d. 4. Mai 90.

Ihr Brief vom 19. April, liebe Frau, ist mir gestern in die Hände gekommen; es war das Erste, was ich von Ihnen sah. Nun wird auch mein Blatt mit den Epigrammen angekommen sein und Ihr werdet daraus gesehen haben, daß ich nicht ganz müßig war. Das Büchlein ist schon auf 100 Epigramme angewachsen; wahrscheinlich gibt mir diese Reise noch[203] eins und das andre. Ich bedaure sehr, daß der Mann krank und unbehäglich ist; nur ein paar Zeilen von seiner Hand hätten mich sehr erfreut. Ich kann nicht läugnen, daß manchmal diesen Monat über sich die Ungeduld meiner bemächtigen wollte. Ich habe aber auch gesehen, gelesen, gedacht, gedichtet, wie sonst nicht in einem Jahr, wenn die Nähe der Freunde und des guten Schatzes mich ganz behaglich und vergnügt macht. Seit acht Tagen ist sehr schön Wetter, nur das Grüne fehlt hier dem Frühling.

Der alte Zucchi beträgt sich sehr freundschaftlich gegen mich. Er hält mir Vorlesungen über den Adreßkalender und erklärt mir die wunderliche Constitution dieses Staats, indeß ich die Venetianische Geschichte durchlaufe. An Gemälden habe ich mich fast krank gesehen, und wirklich eine Woche pausiren müssen.

Durch einen sonderbar glückliche Zufall, daß Götze zum Scherz auf dem Judenkirchhof ein Stück Thierschädel aufhebt und ein Späßchen macht, als wenn er mir einen Judenkopf präsentirte, bin ich einen großen Schritt in der Erklärung der Thierbildung vorwärts gekommen. Nun steh' ich wieder vor einer andern Pforte, bis mir auch dazu das Glück den Schlüssel reicht. Die Meerungeheuer habe ich auch nicht versäumt zu betrachten, und habe auch an ihnen einige schöne Bemerkungen gemacht. Sobald ich nach Hause komme, fange ich an zu schreiben und[204] hoffe, daß unterm Schreiben sich mir noch manches darbieten soll. Von anderm Fleiß und Unfleiß, von Abentheuern, Launen und dergl. muß das epigrammatische Büchlein dereinst des mehrern zeugen.

Knebels Lage betrübt auch mich. Sie würde Euch noch mehr betrüben, wenn Ihr das ganze Innere von der Sache wüßtet, das ich aber nicht entdecken kann. Ich habe nach meiner Überzeugung gehandelt, und gewiß mehr als einmal, seine Zufriedenheit zu bewirken, ernstliche Plane gemacht. Es war aber nicht möglich, sie zu vollführen. Was noch zu thun ist, will ich immer gern thun.

Die Herzogin erwarte ich in einigen Tagen. Was sie interessiren kann, hat sie bald gesehen, und auf Neapel kann Venedig nicht schmecken. Vor Pfingsten, hoffe ich, kommen wir hier weg und sind in dem halben Juni zu Hause. Meine Gesinnungen sind häußlicher, als Sie denken.


Weit und schön ist die Welt, doch o! wie dank' ich dem Himmel,

Daß ein Gärtchen beschränkt zierlich mir eigen gehört.

Bringet mich wieder nach Hause! Was hat ein Gärtner zu reisen?

Ehre bringt's ihm und Glück, wenn er sein Gärtchen besorgt.


Grüßen Sie den Mann herzlich und die Kinder. An August liegt ein Blättchen bei. Wenn Sie mir[205] auf diesen Brief bald etwas sagen wollen, so schicken Sie es auf Trent poste restante.

Ich danke Ihnen für die Inlage, die Sie mir schickten; sie enthielt die Nachricht, daß mein Kleiner wieder besser ist; er war 14 Tage sehr übel. Es hat mich sehr beunruhigt, ich bin daran noch nicht gewohnt.

Daß Sie aber in Ihrem Briefe, meine Liebe, die hohen Trümmern und Künste heruntersetzen und uns dafür Fleiß, Mühe und Noth anpreisen, soll als eine Hausfrauenlaune verziehen werden. Diese drei letzten allerliebsten Schwestern sind freilich des Menschen Gefährten, aber warum soll man nicht alles verehren, was das Gemüth erhebt und uns durchs mühselige Leben hindurchhilft! Wenn ihr das Salz wegwerft, womit soll man salzen!


Den 5. Mai.

Meyer ist eben angekommen, und sagt, die Herzogin werde morgen hier sein. Ich schließe den Brief nicht eher, als bis sie angelangt ist. Die Gegenwart des alten auferstandnen Schweizers macht mir die grüßte Freude. Nun kann ich hoffen, daß ihn das Schicksal erhält und in ihm auch für mich eine schöne Zierde des Lebens.


Den 7. Mai.

Gestern Abend ist die Herzogin gesund hier angekommen, gesund ist alles ihr Gefolge. Büry ist auch mit hier. Lebt wohl! Lange bleiben wir nicht aus.

G.[206]


9/2820.


An Johann Gottfried und Caroline Herder

Mantua d. 28 Mai 1790.

Nun ist die Herzogin im Begriff, aus Italien zu gehn. Wir haben bisher sehr vergnügt gelebt. Venedig, Padua, Vicenz, Verona und Mantua sind besucht und durchsucht worden. Meyer ist nach der Schweiz, Büry bleibt hier. Euern Brief Venedig poste restante habe ich erhalten. Ich danke Euch; er hat mir viel Freude gemacht. Wenn ich nur nicht hören müßte, daß dich eine böse Krankheit heimgesucht hat. Ich hoffe Euch wohl zu finden. Für die Gesinnungen gegen meine Zurückgelaßnen danke ich Euch von Herzen; sie liegen mir sehr nahe und ich gestehe gern, daß ich an sie geknüpft bin, habe ich erst auf dieser Reise gefühlt.

Sehnlich verlange ich nach Hause. Ich bin ganz aus dem Kreise des Italiänischen Lebens gerückt. Den 1. Juni sind wir in Trent und wahrscheinlich den 15. oder 16. in Weimar.

Von Augsburg schreibe ich noch einmal. Lebt wohl. Ich hoffe auf einen guten Sommer und frohen Herbst unter Euch. Grüßt alles. Besonders Augusten. Euern Bedienten wird die Herzogin in Diensten neh men.

Macht allenfalls ein Couvert um inliegenden Brief und schickt ihn an Sutor.

G.[207]


9/2821.


An Carl Ludwig von Knebel

Verona d. 31. May. Die Herzoginn hat oft nach dir mit aufrichtigem Antheil gefragt, sie hat noch gestern gesagt daß es ihr Freude machen würde dich in Nürnberg einen Tag zu sehen. Ich zeige dir lieber Freund, dieses um so lieber an, da ich dich auch wieder zu sehen wünsche. Wir sind d. 11. oder 12. Juni wahrscheinlich in Nürnberg und steigen dort im rothen Roß a. Meine Reise, mein Aufenthalt in Venedig ehe die Herzogin ankam waren glücklich und angenehm. Du hast wohl einen Brief und einige Epigrammen erhalten.

Den Brief an deine Frl. Schwester bringe ich wieder zurück. Erst nach vierwöchentlichem Aufenthalt in Venedig bemerckte ich daß Geld darin war und mochte ihn der Post um so weniger anvertrauen.

Lebe wohl. Ich habe dieses Vierteljahr gar vergnüglich zugebracht und für meine Lieblingsfächer manches gesammelt. Lebe wohl. In Mantua haben wir zwey schöne Tage zugebracht. Morgen gehn wir ab und hoffen d. 16.-17. Juni zuhause einzutreffen.

G.


9/2822.


An Johann Gottfried Herder

Augsburg d. 9. Juni.

Doppelt und dreifach hat mich dein Brief erfreut, den ich hier finde. In Insbruck hatten wir einen[208] leidigen Schröcken; denn am Hofe der Erbherzogin begrüßte uns ein Fremder mit der Nachricht, daß Herder todt sei, zu Bedauerniß aller, die ihn gekannt hätten. wie solches in der Augsburger Zeitung stehe. Wir glaubtens nicht, aber es war doch unleidlich. Glücklicherweise sagten uns die Augsburger Zeitungen, deren letzten Monat Dr. Huschke gleich in der Nacht durchlief, daß Heinicke in Leipzig gestorben sei. Dem gönnten wir die ewige Freude und waren beruhigt.

Die Herzogin ist wohl und vergnügt, wie man ist, wenn man aus dem Paradiese zurückkehrt. Ich habe nun schon eine Habitude, und es war mir diesmal recht wohl aus Italien zu gehen. Tyrol hat uns sehr höflich behandelt; es war das schönste Wetter.

Dr. Huscke ist sehr brav und hat vier glückliche Eigenschaften zum Arzt. Wir müssen ihn halten und behalten. Alles grüßt. Ich bin diese Zeit her sehr fleißig gewesen. Wenn mir der Himmel günstig ist, will ich noch einiges vor mich bringen.

Grüße deine liebe Frau. Empfiehl mich der regierenden Herzogin aufs beste. Vermuthlich ist der Herzog noch in Aschersleben.

Ich sehne mich herzlich nach Hause. Lebe wohl, du Wiederauferstandner. Es war ein verfluchter Begriff, wenn ich mir einige Augenblicke denken mußte, daß du abgetreten seist.

Ob wir Knebeln in Nürnberg sehn werden? Ich[209] hab' ihm geschrieben, die Herzogin wünsche ihn zu sehen, eh' wir den traurigen Fall wußten.

Leb wohl. Daß ich dich und die deinigen gesund antreffe. Verzeih die abscheuliche Schrift.

G.


9/2823.


An den Herzog Carl August

Ihre Frau Mutter ist glücklich wieder angekommen, sie wünscht sehr Sie hier zu finden. Da Sie abwesend waren hat sie die erste und beste ihrer Freuden vermißt. Ich habe das möglich gethan ihr die Rückreise wo nicht angenehm doch leidlich zu machen.

Die Einladung ins Lager bestätigt, ist mir sehr erfreulich. Ich werde alles einrichten um bald abgehen zu können. Manches möchte ich nicht unvollendet laßen. Die völlig Einrichtung Ihrer Frau Mutter, Einsiedels Situation pp. Der Schloßbau wird mir auch einige Zeit nehmen.

Eine Wunde am Fuße die mich hindert Stiefel anzuziehen wird auch biß dahin heilen; ich erwarte überhaupt noch nähere Nachricht von Ihnen. Daß Voigt Gelegenheit gehabt hat sich zu zeigen freut mich sehr. Leben Sie recht wohl. Nach so langer Zeit verlangt mich sehr Sie wieder zu sprechen. Würcken Sie glücklich und behalten mich lieb.

W. d. 22. Jun. 90.

G.[210]


9/2824.


An den Herzog Carl August

W. d. 1. Juli. 90.

Nach dem letzten Briefe an Ihre Frau Gemahlinn sind Sie wohl jetzt in Ihren Quartieren ein wenig eingerichtet und haben vom Marsch einige Tage ausgeruht. Ich wünsche daß diese grose Demonstration eines kriegerischen Vorhabens zum Heil und Frommen von Deutschland und Europa ausschlagen möge.

Ich habe indeßen alles eingerichtet und eingeleitet daß ich bald von hier abgehen kann. Ich bereite mich nun auf die Reise vor daß ich sie auch nutze wie sichs gebührt. Montags zieht Ihre Frau Mutter nach Belvedere. Dieser Aufenthalt wird ihr und andern hoffe ich wohlthätig seyn.

Meiner Mutter hab ich geschrieben sie solle die Zimmer welche der Reichsquartiermeister nicht wegnimmt, ja nicht weggeben. Sie freut sich schon in der Hofnung Sie bey alsdann den Prinzen mitnehmen, es wird das Kind auf einmal weit vorwärts bringen.

Der Schloßbau geht ganz munter fort, an Arends schreibe ich gleich sobald man über das Geschencke was man ihm geben will einig ist. Die übrigen Angelegenheiten die noch einigermaßen an mich geknüpft[211] sind habe ich auch wieder angesehen und im etwas befördern helfen.

Voigt ist sehr zufrieden und neubelebt zurückgekehrt, er war in Berlin recht in seinem Elemente.

Da mein letzter Band nunmehr gedruckt ist scheine ich mir erst ein freyer Mensch, in der letzten Zeit druckte dieses Unternehmen doch zu starck auf mich.

Desto mehr laß ich jetzt blos den Genius walten. An meinem Büchlein Epigrammen schreibe ich ab. Es sind freylich viele ganz local und können nur in Venedig genoßen werden.

Das botanische Werckchen macht mir Freude, denn ich finde bey jedem Spaziergange neue Belege dazu.

Was ich über die Bildung der Thiere gedacht habe werde ich nun auch zusammenschreiben. Und die Reise die ich zu Ihnen mache giebt mir die schönste Gelegenheit in mehr als einem Fache meine Begriffe zu erweitern.

Knebel empfiehlt sich bestens, ich lege einen Brief von ihm bey. Er und seine Schwester tragen den Todt des Bruders standhafter, als sich dencken ließe.

Von mancherley Verhältnißen habe ich noch mancherley zu erzählen und verspare es biß ich zu Ihnen komme.

Meine Wohnung dancke ich Ihnen täglich, sie wird immer lustiger und anmuthiger.

Das Chaischen das Sie so weit herumgeführt hat, ist auch diesmal ganz glücklich von W. nach Verona[212] und von da zurückgekommen. Es soll mich auch wieder zu Ihnen bringen. Leben Sie recht wohl. Es gehe Ihnen nach Wunsch.

G.


Hier liegt auch ein Brief von dem Usingischen Ziegesar bey. Er hat mir in einem weitläufigen Briefe seine Fata erzählt die schon wunderlich genug sind.

Docktor Huschke unternimmt Lichtenbergen, ich bin sehr neugierig was er würcken wird. Ich habe viel Vertrauen zu ihm. Lassen Sie uns diesen jungen Mann ja festhalten.

Leben Sie recht wohl und gedencken mein.[213]


9/2824a.


An Georg Joachim Göschen

[Weimar, Anfang Juli 1790.]

. . . Ich habe eine sehr angenehme Reise vollendet und dießmal den obersten Theil von Italien mit mehr Muße als das erstemal zu betrachten Gelegenheit gehabt. . .[48]


9/2825.


An Carl Ludwig von Knebel

Meinen Faust und das botanische Werckchen wirst du erhalten haben, mit jenem habe ich die fast so mühsame als genialische Arbeit der Ausgabe meiner Schriften geendigt, mit diesem fange ich eine neue Laufbahn an, in welcher ich nicht ohne manche Beschwerlichkeit wandeln werde. Mein Gemüth treibt mich mehr als jemals zur Naturwissenschaft, und mich wundert nur daß in dem prosaischen Deutschland, noch ein Wölckchen Poesie über meinem Scheitel schweben bleibt. Mein Libellus Epigrammatum ist zusammengeschrieben,[213] du sollst ihn dereinst sehen, aus der Hand kann ich ihn noch nicht geben.

Kaum habe ich mich von meiner Venetianischen Reise erhohlt, so werde ich zu einer andern berufen, von der ich mir ausser mancherley Beschwerden viel Vergnügen und Nutzen verspreche. Der Herzog hat mich nach Schlesien berufen, wo ich einmal statt der Steine und Pflanzen die Felder mit Kriegern besät finden werde. Unterwegs gedencke ich Dresden zu sehn, im Rückweg Freyberg.

Sollte ich irgendwo lange Stunden haben, so schreibe ich das zweyte Stück über die Metamorphose der Pflanzen, und den Versuch über die Gestalt der Thiere: beydes möchte ich künftige Ostern herausgeben.

Soviel von mir wenn ich gleich noch manches zu sagen hätte.

Die Herzoginn Mutter ist nach Belvedere gezogen, sie beträgt sich würcklich heroisch und verbirgt was sie schmerzt unter einer Affabilität die jedem wohlthut. Wenn es nur einigermaßen schön Wetter wird, so wird ihr Aufenthalt in Belvedere ihr angenehm werden. Es werden viele Menschen sich um sie versammeln und sie wird für den trostlosen Winter einige Stärckung gewinnen.

Empfiehl mich deiner Frl. Schwester, ich habe mir recht sehnlich gewünscht länger mit ihr zu seyn und über manches mich mit ihr auszuschwätzen. Vielleicht wird mir es künftig so wohl.

[214] Deinen Brief habe ich dem Herzog geschickt, wenn ich ihn spreche werde ich deinen Auftrag ausrichten.

Meine Casse für den jungen Steinschneider ist durch seine Reisen diesen Sommer und durch die Erbauung seiner Maschine etwas schmal geworden. Ich kann deßwegen den obgleich vortheilhaften Handel de Petschaft Steine nicht machen. Schicke mir gelegentlich einige zur Probe und zum Versuch, in einiger Zeit kann ich sie vielleicht alle nehmen.

Grüße die Frau Castellan schönstens und den Holzschuher. Murr hat mir schon geschrieben und mir wieder einen Handel angeboten. Was ich auch mit ihm schachre will ich, wenn du magst, durch deine Vermittlung thun. Zu den Aretinis habe ich noch immer Lust. Laß dir doch gelegentlich den Catalogus geben.

Lebe wohl. Dießmal sag ich nicht mehr. Aus Schleßien sollst du ein Wort hören. Lebe in deinem Kreise glücklich und laß uns die Hoffnung, daß wir dich wieder sehen. W. d. 9. Jul. 90.

G.


9/2826.


An August Johann Georg Carl Batsch

Ew. Wohlgeb.

dancke recht vielmals für die überschickten Wercke, sie sind mir von mehr als einer Seite angenehm und lehrreich. Ich wünsche Ihnen eine lange Reihe gesunder[215] Tage und Sie werden gewiß die Wissenschaft in der Sie Sich bemühen erweitern und aufklären.

Was die botanische Anlage betrift hoffe ich nächstens mich mit Ihnen zu besprechen und werde gern das meinige thun um der Anstalt eine festere Constitution zu geben und Sie dadurch zu beruhigen. Leben Sie indessen recht wohl.

W. d. 9. Jul. 1790.

Goethe.


9/2827.


An die Herzogin Amalia

Ew. Durchl.

sende ich hierbey den deutschen Catalog der Sammlung welche Goeni erhalten.

Ich glaube der G. R. R. Voigt wird am besten aushelfen können wenn er den jungen Karsten in Berlin um die Übersetzung ersucht, diesem ist es eine Kleinigkeit sie zu machen.

Noch ein Anliegen habe ich das Ew. Durchl. in diesen Tagen vortragen wollte, es betrifft Einsiedeln und sein häusliches Wesen. Ich glaube wenn man ihm für eine nicht große Summe etwa für 1800 rh. Credit machte, daß er nur die kleinen drückenden Schulden abbezahlen könnte, welche theils zu hohen Procenten stehen theils bey Veränderung der Gläubiger und sonstigen Juden-Versuren immer zu wachsen pflegen. Die gewöhnlichen Interessen könnte er gar[216] wohl bezahlen, besonders wenn Durchl. die Gnade hätten ihm etwa den Mikol abzunehmen, da Sie doch gegenwärtig noch Bediente brauchen.

Haben Sie die Gnade darüber zu dencken und bey meiner Rückkunft ein Wort darüber zu sagen wenn es nicht gefällig wäre vorher etwas zu beschließen. Verzeihen Sie daß ich dieser Angelegenheit erwähne. Es ist aber früh oder spät daran zu dencken weil Einsiedel immer tiefer auf dem gegenwärtigen Weg ins Übel kommt und er jetzt noch leichter als in der Folge zu retten ist. Leben Sie tausendmal wohl. Und behalten mich in gnädigem Andencken.

W. d. 26. Jul. 90.

Goethe.


9/2828.


An Johann Gottfried und Caroline Herder

[Dresden] d. 30. Juli 90.

Eh' ich von hier abgehe, muß ich Euch ein Wort sagen und bitten, daß es den Freunden mitgetheilt werde.

Den 26. früh 10 Uhr ging ich, wie Ihr wißt, von Weimar ab, kam gegen 11 in der Nacht nach Gera und wartete die Mittagshitze des 27. in Rochlitz ab, kam um 11 Uhr Nachts nach Rossen und war den 28, früh halb achte in Dresden. Ich besuchte gleich Racknitz, welcher Hausmarschall geworden und sehr beschäftigt ist, sah seine schönen und artigen Sachen,[217] ergötzte und erquickte mich an der Gallerie, den Antiken und Gipsen; sah Graf Geßler, Körner's, Titius, Casanova, Adelung pp. und gehe nun heute den 30. Nachts wieder ab, um über die Stolpischen Basalte nach Schlesien zu eilen. Ich habe in diesen zwei Tagen viel Guts genossen, wünsche Euch das Beste, was Weimar geben kann, und schreibe bald wieder. Lebt wohl!

G.


9/2829.


An Johann Gottfried und Caroline Herder

Grebischen vor Breslau, d. 10. August 90.

Nach geschloßnem Frieden macht nun die ganze Armee sachte Rückbewegungen. Die Brigade des Herzogs liegt auf Dörfern ohnweit Breslau. Heute war ich in der Stadt und habe nur den Minister Hoym einen Augenblick gesprochen.

Seit Anfange des Monats bin ich nun in diesem zehnfach interessanten Lande, habe schon manchen Theil des Gebirgs und der Ebne durchstrichen, und finde, daß es ein sonderbar schönes, sinnliches und begreifliches Ganze macht. Manche Unannehmlichkeiten und Plage wird durch neue Begriffe und Ansichten vergütet. Ich werde viel zu erzählen haben, wenn es mir im Winter wieder erzählerisch wird. Schreiben kann ich nicht, daß wißt Ihr.

Also nur, daß der Herzog wohl ist, starck und dick, auch der besten Laune. Aller Wahrscheinlichkeit[218] nach bricht die Armee vor Ende des Monats aus Schlesien auf. ich mache eine Reise durch die Grafschaft Glatz und kehre nach Dresden, dann über Freiberg zu Euch zurück.


Breslau, den 12.

Der König kam gestern früh an. Es war gleich große Cour, wo sich sehr verschiedne Gestalten neben einander zeigten. Der Herzog hat ein Absteigquartier in Breslau genommen; ich werde wohl ganz hier bleiben, sehen und hören, was ich kann. Man weiß noch nicht, wie und wann sich der Feldzug endigen wird. Man sagt, es komme noch auf die Erklärung der Russen an.

Lebet wohl und liebt mich. Sehr gerne kehr' ich zurück. Schreibt mir nicht; denn eh' dieses zu Euch kommt, bin ich schon von Breslau wahrscheinlich weg. Grüßt Augusten und die andern Kinder. Empfehlt mich den Herzoginnen und allen Freunden.

G.


9/2830.


An Johann Gottfried Herder

Wenn du ein Freund von Resultaten wärst, so könnt' ich gegenwärtig damit aufwarten. Gegenstände genug habe ich gesehen und mir manches dabei denken können. Schlesien ist ein sehr interessantes Land, und der Augenblick ist interessant genug. Eine Menge[219] Menschen lerne ich kennen, neue Verbindungen werd' ich wohl schwerlich eingehn. In wenigen Tagen hoffe ich von hier abzugehn. Der Herzog ist wohl. Wenn Ihr mir schreiben wollt, so gebt ein Blättchen an Sutor. Ich sehne mich nach Hause; ich habe in der Welt nichts mehr zu suchen. Lebt wohl. Grüßt August. Empfehlt mich den Herzoginnen und den Freunden. Schreibt mir, wie es Euch geht.

Breslau, d. 21. August 90.

G.


Wegen der geistlichen Stellen habe ich mit dem Herzog gesprochen. Es ist noch nichts darüber an ihn gekommen, und er wird, wenn es geschieht, die Sache bis zu seiner Rückkunft verschieben. Die Sache liegt gegenwärtig zu sehr außer dem Kreise seiner Aufmerksamkeit, als daß ich hätte in ein näheres Detail gehn und auf einen Entschluß wirken können.


Grün ist der Boden der Wohnung, die Sonne scheint durch die Wände,

Und das Vögelchen singt über dem leinenen Dach.

Kriegerisch reiten wir aus, besteigen Schlesiens Höhen,

Sehen mit muthigem Blick vorwärts nach Böhmen hinein;

Aber es zeigt sich kein Feind – und keine Feindin! – O! bringe,

Wenn uns Mavors betrügt, bring' uns Cupido den Krieg.[220]


Wie sieht es denn mit der Frau aus? Ist denn noch kein Augustkindchen da?


9/2831.


An Christian Gottlob Voigt

Nur ein Wörtchen mit dieser Staffete. Ihren Brief vom 12ten habe ich erhalten. Der Herzog ist sehr wohl, er hat das Unglück daß die Welt gern alberne Mährchen auf seine Rechnung erzählt. Ich bin gesund und unter dem großen Haufen nach meiner Art still, ich sehe und höre viel worüber ich mich mit Ihnen zu besprechen wünsche.

Wegen des Prof. Hufland werde ich mit Ser. sprechen, sobald ein ruhiger Augenblick kommt welche hier selten. Ich wünsche sehr daß der Mann uns erhalten werde.

Die bewußte Angelegenheit möchte wohl nicht weiter vorrücken als sie von Ew. Wohlgeb. gebracht worden. Es scheint als wenn erst unsern Nachkommen aufbehalten wäre dabey Ehre einzulegen. Wenn die Summe zur Gewältigung nicht reicht werden wir wohl den Rest noch aufnehmen müssen. Bringe uns nur das gute Glück vor Winter hinab.

Empfehlen Sie mich den Ihrigen.

Weiland ist ein gar wackrer Mann.

Breslau d. 21. Aug. 90.

G.[221]


Ich habe Gelegenheit genommen noch vor Abgang der Stafette wegen Prof. Hufl. mit Seren. zu sprechen. Durchl. scheinen nicht abgeneigt und haben mir befohlen zu veranlaßen daß die Sache zum Vortrage kommen möge. Ew. Wohlgeb. werden also die Güte haben zu sorgen, daß diese Angelegenheit beym geh. Consilio zur Sprache komme.

G.


9/2832.


An Joseph Friedrich von Racknitz

Die vierzehn Tage sind vorüber in welchen ich hoffte wieder bey Ihnen zu seyn und es scheint als wenn ich noch nicht sobald das geliebte Dresden wieder sehen würde. Heute geh ich nach der Grafschaft Glaz auf etwa sechs Tage und nach meiner Rückkehr wird wohl eine Reise nach den Österreichischen Salzwercken unternommen. Der Herzog grüßt Sie schönstens und wünscht daß es Ihnen Ihre Geschäfte erlauben möchten Ihm, auf seiner Rückreise durch Lausnitz etwa bis Flinsberg entgegen zu kommen, eine kleine Tour mit ihm zu machen und ihn sodann in Dresden einzuführen. Wen er von hier abgeht werden Sie zeitig erfahren. Vor der zweyten Hälfte des Septembers gewiß nicht. Dann hoffe ich auch Sie wieder zu umarmen. Behalten Sie mich in freundschaftlichem Andencken wie ich nie aufhöre Sie zu lieben.

Breslau d. 26. Aug. 90.

Goethe.

Wir wohnen im rothen Hause.[222]


9/2833.


An Friedrich Constantin von Stein

Landshut, den 31. August 1790.

Ich danke dir für dein Briefchen. Ich schreibe dir von einem Orte, der, wenn du ihn auf der Karte suchst, nah an der böhmischen Gränze liegt. Ich gehe aber wieder zurück auf Breslau, nachdem ich einige Tage in der Grafschaft Glatz zugebracht. Recht Vieles habe ich gesehen, das ich dir gönnte, das du brauchen könntest, und das bei überlei ist. Manches kann ich dir mittheilen, wenn ich nur nicht oft eben so wenig redselig wäre, als ich schreibselig bin. In allem dem Gewühlen hab' ich angefangen, meine Abhandlung über die Bildung der Thiere zu schreiben, und damit ich nicht gar zu abstrakt werde, daß mein Naturell aushält, ich wünsche dir desgleichen.

Lebe wohl. Grüße deine Eltern. Behalte mich lieb, so wunderlich ich bin.

G.


9/2834.


An Johann Gottfried und Caroline Herder

Ich habe lange von dir nichts gehört, lieber Bruder, bin wieder hier in Breslau, nachdem wir von einer Reise nach Tarnowitz, Krakau, Wilitzka, Czenstochowa glücklich gestern zurückgekommen sind.[223] Ich habe in diesen acht Tagen viel Merkwürdiges, wenn es auch nur meist negativ merkwürdig gewesen wäre, gesehen. An dem Grafen Reden, dem Director der Schlesischen Bergwerke, haben wir einen sehr guten Gesellschafter gehabt. Nun sind wir wieder hier in dem lärmenden, schmutzigen, stinkenden Breslau, aus dem ich bald erlöst zu sein wünsche. Noch will nichts rücken, von der Abreise des Königs wird gar nichts gesprochen, indessen wünscht sich alles nach Hause, weil doch kein Anschein ist, daß es zum Ernste kommen könnte. Ob der Courier, der aus Petersburg jede Stunde erwartet wird, Epoche macht, wird sich zeigen.

Auch bei mir hat sich die vis centripeta mehr als die vis centrifuga vermehrt. Es ist all und überall Lumperei und Lauserei, und ich habe gewiß keine eigentlich vergnügte Stunde, bis ich mit Euch zu Nacht gegessen und bei meinem Mädchen geschlafen habe. Wenn Ihr mich lieb behaltet, wenige Gute mir geneigt bleiben, mein Mädchen treu ist, mein Kind lebt, mein großer Ofen gut heizt, so hab' ich vorerst nichts weiter zu wünschen. Der Herzog ist sehr gut gegen mich, und behagt sich in seinem Elemente.

Lebt wohl. Es erwähnt kein Brief, daß Eure Familienkette um Ein Glied oder ein Paar vermehrt worden sei. Der neue Ankömmling wurde, däucht mich, früher erwartet. Lebt wohl. Grüßt Augusten und die übrigen.

Breslau d. 11. September 90.

G.[224]


9/2835.


An Christian Gottlob Voigt

Breslau d. 12. Sept. 90.

Für das gütige Andencken und die mir gegebenen Nachrichten dancke ich schönstens, ich sollte von hier aus auch mit einigen Neuigkeiten aufwarten; alles steht so still, daß wir uns haben eine Bewegung machen müssen um nicht einzuschlafen. Durchl. der Herzog haben eine Tour nach Tarnowitz, Cracau, Censtochowa, Wielitzka gemacht wohin ich sie begleitet habe. Graf Reden war auch von der Gesellschaft und wir haben sehr angenehme und nützliche Tage verlebt, wenn gleich die meisten Gegenstände unterwegs wenig Reitz und Interesse haben.

In Tarnowitz habe ich mich über Ilmenau getröstet; sie haben, zwar nicht aus so großer Tiefe, eine weit größere Wassermasse zu heben und hoffen doch. Zwey Feuermaschinen arbeiten und es wird noch eine angelegt, dabey noch ein Pferde Göpel der aus vier Schächten Wasser hebt. Mehreres erzähl ich bey meiner Rückkunft. Interessant genug ist der schlesische Bergbau.

Haben Sie etwa beym Einwechseln der Louisd. bemercken können daß sie um etwas gefallen sind? in Schlesien wenigstens will man es fühlen und schreibt dieses Fallen der großen Masse Goldes zu welche der Krieg aus dem Schatze erlöst hat.

[225] Nun wünscht ich aber auch daß wir aus Breslau erlöst würden, denn es ist bey manchem Guten hier doch immer ein traurig Leben. Das ganze Militar das hier nicht zu Hause ist, sehnt sich, da es doch nicht vorwärts geht, nach seinen Hütten.

Ich habe hier viele interessante Männer kennen lernen, nur ist leider die Zerstreuung so groß daß wenig Folge in den Unterhaltungen seyn kann.

Leben Sie recht wohl.

G.


9/2836.


An Joseph Friedrich von Racknitz

Endlich kann ich Ihnen werthester Herr und Freund mit Vergnügen melden, daß ich morgen d. 19. S. von Breslau abgehe. Eine Woche bringe ich wohl im Gebirge Schlesiens zu, hoffe aber Sonnabend d. 25ten in Dresden einzutreffen. Durchl. der Herzog gehen erst Donnerstag d. 23. ab und dencken eine militärische Tour zu machen und d. 26ten in Schandau einzutreffen. Nun wünscht der Herzog sehr, daß Sie Sich entschließen könnten, Sonntags d. 26ten nebst mir von Dresden aufzubrechen und biß Schandau zu kommen, wo dann die vereinte Gesellschaft sich zu[226] Wasser oder Lande wieder nach Dresden begeben würde.

Ich habe in Schlesien manches Gute genossen, manches Merckwürdige gesehen, mache interessante Bekanntschaft gemacht, davon ich allerley erzählen werde. Nun hoffe ich in Dresden mit Ihnen noch einige glückliche Tage. Meine Verehrung und Liebe für Sie ist beständig gewesen und nur durch unsere letzte Zusammenkunft vermehrt worden.

Leben Sie recht wohl in Hoffnung eines baldigen Wiedersehens und wenn es möglich ist, so machen Sie Sich frey um nach Schandau gehen zu können. Leben Sie tausendmal wohl. Ich bringe Ihnen schöne Stufen gewachsnen Schwefels mit.

Breslau d. 18. Sept. 1790.

Goethe.


9/2837.


An Johann Cornelius Rudolf Ridel

Ew. Wohlgeb.

haben von Durchl. dem Herzoge eine Antwort aus Breslau erhalten und daraus gesehen daß ich den Auftrag ausgerichtet habe. Wenn Sie von mir erst jetzt ein Wort empfangen so ist es weil ich bißher kaum einen Moment zur Ruhe gekommen und überhaupt ein übler Correspondente bin. Dagegen sind Sie überzeugt daß ich herzlichen Antheil nehme an allem was Ihnen gutes begegnen kann und daß ich[227] in dem gegenwärtigen Falle doppelt und dreyfach interessirt bin. In wenigen tagen wiederhohle ich Ihnen dieses mündlich und wir sprechen weiter. Leben Sie recht wohl. Entschuldigen bey Herrn Geh. R. R. Voigt mein Schweigen nebst vielen Empfehlungen. Dresden d. 3. Octbr.

Goethe.


9/2838.


An Johann Christoph Schmidt

Da ich bey Untersuchung der Saal Ufer gefunden daß der sehr niedrige Wasserstand gegenwärtig erlaubt den neuen Durchstich über der Rasenmühle noch um einige Stiche auszuheben, so habe ich dem Conduckteur Vent aufgetragen dieses bewerckstelligen zu laßen. Es ist eine Arbeit welche mit zwölf Mann etwa in acht Tagen wird geendet werden können.

Ew. Hochwohlgeb. ersuche daher um Verordnung an den Jenaischen Rentbeamten daß derselbe die von gedachtem Vent authorisirten Zettel bezahle.

Übrigens kann ich vorläufig anzeigen daß ich nicht ungegründete Hoffnung habe ich das ganze Wasserbau Geschäfte endlich in den rechten Weg zu leiten, wobey Ew. Hochwohlgeb. patriotische und freundschafftliche Assistenz das Beste thun wird.

Unter Anwünschung eines guten Morgens unterzeichne ich mich

Ew. Hochwohlgeb.

Weimar

gehorsamsten Diener

d. 14. Octbr. 1790.

Goethe.[228]


9/2839.


An Johann Gottlob Immanuel Breitkopf

Ew. Hochedelgeb. haben die Güte gehabt mir vor einiger Zeit drey Stücke der Bachischen Sonaten für Kenner und Liebhaber zu senden und zwar das . . . Stück. Sie versprachen mir die übrigen nachzusenden, ich habe sie aber bißher noch nicht erhalten. Sollten Ew, Hochedelgeb. die drey fehlenden Stücke noch nicht gefunden haben oder es vielleicht gar unmöglich seyn sie zu auffinden, so bitte ich mir gefällige Nachricht davon aus, damit ich mich etwa anderwärts umsehen kann.

Ich lege einige Abdrücke meines Wappens bey welche Sie verlangten.

Mit besonderer Hochachtung unterzeichne ich mich

Ew. Hochedelgeb.

Weimar

ergebenster

d. 14. Octbr. 1790.

Goethe.


9/2840.


An Christian Gottlob Voigt

[15. October.]

Da mich der Gedancke die Schiefer durch Pochen und Schlemmen zu bearbeiten sehr verfolgt und mir die Möglichkeit jelänger ich ihm nachhänge immer wahrscheinlicher wird, so habe ich ein P. N. entworfen und zugleich eine Verordnung ans Bergbauamt mit[229] beygefügt. Haben Ew. Wohlgeb. nichts zu erinnern so könnte die Expedition bald möglichst nach Ilmenau abgehen und Sie hätten die Güte die Sache noch besonders in einem Schreiben dem Bergrath ans Herz zu legen. Hören wir nur einigermassen ihre Meynung so können wir weiter vorschreiten. Ich habe indeß auch an Professor Göttling deßhalb geschrieben.

Noch frage ich an ob Sie wohl die Güte haben wollten Durchl. der Herzoginn Mutter eine zur Naturgeschichte der Chrystoprase dienstliche Suite von dem Bergrathe zu verschaffen und allenfalls Stücke aus Ihrer eignen Sammlung dazu zu legen. Ferner bitte ich um die Italiänische Mineralogie des Volta um zu sehen was für neue Mineralien er vielleicht noch nicht hat, deren Absendung die Italiänischen Freunde vergnügen könnte.

Ein Stück Quarz mit Braunsteindendriten verschaft ja wohl der Bergrath auch.

G.


9/2841.


An das Bergbauamt zu Ilmenau

Aus der abschriftlichen Anlage hat das Bergbauamt zu Ilmenau zu ersehen was wegen Bearbeitung des zu gewinnenden Schiefers durch Pochen und Schlemmen in Vorschlag gekommen, und hat dasselbige in Überlegung zu ziehen was etwa für oder gegen diese Idee anzuführen wäre.

[230] Zugleich hat dasselbe mit Zuziehung des Steigers Süß einen Plan zu entwerfen wie ohne große Umstände und Unkosten ein Versuch im Kleinen, allenfalls mit Einem Centner Schiefer, welche man von außen herbeyzuschaffen suchen wird, anzustellen wäre.

Weimar d. 15. Octbr. 1790.

Fürstl. Commission.


P. N.

Verschiedene auf meiner letzten Reise durch Schlesien angestellte mineralogische und chemische Beobachtungen haben mich auf den Gedanken gebracht: ob man nicht die Kupferschiefer eben so gut, ja wohl noch bequemer als andere Erze durch Pochen und Schlemmen behandeln, und das darin befindliche Metall als Schlich ins Enge bringen, die ganze Rohsteinarbeit ersparen und die gewonnenen Schliche gleich zur Amalgamation bringen könnte. Ich theile diesen Gedanken zur weiteren Prüfung mit und wünschte, daß wenigstens sogleich ein Versuch im Kleinen gemacht würde.

W. d. 15. Octbr. 1790.

J. W. v. Goethe.


9/2842.


An Carl Ludwig von Knebel

Wir sind nun wohl und glücklich aus Schlesien zurückgekommen und ich begrüße dich wieder aus Thüringen. Ich kann sehr zufrieden von meiner Reise seyn denn ich habe sehr viel interessantes gesehen,[231] besonders hat mich Dresden zuletzt recht glücklich gemacht. Sehn wir uns wieder so werde ich manches erzählen und mittheilen können. Meine kleine Arbeiten gehen auch immer fort und ich dencke noch vor Ende des Jahrs das anatomische Werckchen zu endigen.

Heute schreibe ich dir in einer eignen Angelegenheit die ich wohl zu überlegen, vorerst aber zu verheimlichen bitte daß keine Lust davon hierher wehe.

Die Herzoginn Mutter ist schon seit einem Jahr mit der Göchhausen radicaliter broullirt, es ist nicht möglich daß sich das Verhältniß wiederherstelle. Die Herzoginn wünscht sie je eher je lieber loß zu werden und da die Notiz gestorben, so wird die Sache erleichtert. Sie hat Absicht auf deine Frl. Schwester und das ist es wovon ich dir Nachricht geben wollte. Überlege mit den deinigen ob auf diese Weise euer Verhältniß zu uns und in diesem Lande nicht angenehmer und fester werden könnte. Du hattest Absicht zu einem kleinen Besitzthum etwa in Jena, vielleicht läßt sich das zusammen verbinden. Daß ich die Möglichkeit wünsche kannst du dencken, ich sage aber nichts weiter biß ich ein Wort von dir höre ob du es ganz ablehnst oder darauf reflecktiren magst. Heute sag ich nichts weiter. Lebe wohl und liebe mich. W. d. 17. Octbr. 1790.

Goethe.[232]


9/2843.


An Gottlieb Hufeland

Wohlgeborner Hochgeehrtester Herr.

Ew. Wohlgeb. dancke ergebenst für das mir zugesendete Werck, ich hoffe nächstens Zeit zu finden mich damit bekannt zu machen und bald die angenehme Gelegenheit zu finden mich mündlich über die darin abgehandelten wichtigen Materien zu unterhalten. Mit vollkommner Hochachtung unterzeichne ich mich

Ew. Wohlgeb.

W. d. 20. O.

ergebenster

1790.

Goethe.


9/2844.


An Christian Gottfried Körner

Es ist gut sich gleich zu Anfang einer Bekanntschaft zu zeigen wie man ist, damit die Freunde gleich unverbesserliche Fehler nachsehen und verzeihen lernen. Nichts wird mir saurer als Briefe zu schreiben und mehr als einmal versäume ich darüber Pflicht und Schicklichkeit. Hier also ohne weitere Entschuldigung meinen Danck für Ihre Freundschaft und Güte später als billig. Dresden hat mir mehr gegeben als ich hoffen konnte, Sie mir in Dresden mehr als ich wünschen durfte, der Gedancke an die schöne und[233] interessante Stadt und an das liebe Ehpaar ist und bleibt unzertrennlich. ich bin zur Stunde hier angekommen und freundlich empfangen worden. Den Hausmarschall erwarte ich schon einige tage vergebens.

Hier sende ich einige Epigramme, sie neigen sich mehr nach der Martialischen als nach der bessern griechischen Manier. Man muß allerley machen. Leben Sie beyde recht wohl, küssen Sie die Kleine und grüßen Sie die Freunde die ja wol jetzt vom Lande zurück sind. Gedencken Sie mein an stillen Winterabenden. Ich suche mich jetzt erst von meiner Reisezerstreuung zu erhohlen und hoffe die kleine anatomische Schrift nach Ostern heraus zu geben. Leben Sie aber und abermal wohl.

Weimar, d. 21. Octbr. 1790.

Goethe.


Die Epigrammen sollen nachkommen sonst müßte der Brief noch einen Posttag warten.


9/2845.


An Johann Friedrich Reichardt

Ihr Brief, mein lieber Reichard, trifft mich in einer sehr unpoetischen Lage. Ich arbeite an meinem anatomischen Werkchen und möchte es gern noch auf Ostern zu Stande bringen. ich danke Ihnen daß Sie Sich meiner emancipirten Kinder annehmen,[234] ich denke nicht mehr an sie. machen Sie damit was Ihnen gut däucht, es wird mir lieb und recht seyn.

Eine große Oper zu unternehmen würde mich jetzt viel Resignation kosten, ich habe kein Gemüth zu allem diesen Wesen, wenn es aber der König befehlen sollte, so will ich mit Vergnügen gehorchen, mich zusammen nehmen und nach bestem Vermögen arbeiten.

Auf Jery und Bätely verlange ich sehr, wie auch auf die andern Sachen.

An den Conte hab ich nicht wieder gedacht. Es können die Geschöpfe ich nur in ihren Elementen gehörig organisiren. Es ist jetzt kein Sang und Klang um mich her. Wenn es nicht noch die Fideley zum Tanze ist. Und da können Sie mir gleich einen Gefallen thun, wenn Sie mir auf das schnellste ein halbdutzend oder halbhundert Tänze schicken aus Ihrem rhythmischen Reichthume, zu Englischen und Quadrillen. Nur recht charakteristische, die Figuren erfinden wir schon.

Verzeihen Sie daß ich mit solcher Frechheit mich an einen Künstler wende. Doch auch selbst das geringste Kunstwerk muß der Meister machen. wenn es recht und ächt werden soll.

Geht mirs dann im Tanze und Leben leidlich, so klingt ja wohl auch eine Arie wieder einmal an.

Kants Buch hat mich sehr gefreut und mich zu seinen früheren Sachen gelockt. Der teleologische[235] Theil hat mich fast noch mehr als der ästhetische interessirt.

Für Moritz hoffe ich noch immer, er ist noch jung und hilft sich wohl durch. Grüssen Sie ihn herzlich.

Ihr Freund Schuckmann ist mir sehr lieb geworden. Sagen Sie mir: sitzt er in Schlesien so fest daß er gar nicht zu verpflanzen wäre?

Leben Sie recht wohl. Diesen Winter komme ich schwerlich nach Berlin. Grüßen Sie die Ihrigen und lieben mich.

W. d. 25. O. 90.

G.[236]


9/2845a.


An Johann Friedrich Reichardt

Sie haben mir durch die überschickten Tänze viel Vergnügen gemacht und weil die Freude alles in Bewegung bringt was im Menschen ist, so soll sie hoffentlich auch das tiefere, ernstere regen.

Schicken Sie mir nur bald ihre Gedanken über die Oden. Hier sind einige Epigramme; Gedichte die sich am weitesten vom Gesang entfernen; unter meinen Elegien finden Sie eher etwas singbares. Zur Oper bereite ich mich. Schon habe ich in Gedancken Fingaln, Ossianen, Schwawen und einige nordische Heldinnen und Zauberinnen die Opern Stelzen untergebunden und lasse sie vor mir auf und abspaziren. Um so etwas zu machen muß man alles poetische Gewissen, alle poetische Scham nach dem edlen Beyspiel der Italiäner ablegen. Leben Sie wohl und grüßen die Ihrige.

W. d. 8. Nov. 90.

Goethe.[41]


9/2846.


An Friedrich von Schuckmann

Daß ich Ihnen nicht geschrieben, nicht für die freundliche Aufnahme und für so manches Gute gedanckt, verzeihen Sie mir gewiß. Ich bin aus einer Zerstreuung in die andere gerathen und auch diesen Brief erhielten Sie nicht, wenn nicht eine ernsthafte Veranlassung mich dazu dränge.

Welches Vertrauen ich zu Ihnen gefaßt, haben Sie gewiß in den letzten Zeiten unseres Umganges gefühlt, und mit Vergnügen habe ich bemerckt, Sie auch aus der großen Menge unterschieden und ein besonderes Vertrauen auf Sie geworfen.

[236] Es fragt sich also: ob Sie Sich wohl entschlössen aus einem großen und weiten Kreise in einen kleinen und engen zu gehen. Beyde Arten zu existiren haben ihre Vorzüge; wenn man in einem Großen Zirckel weiter würckt, so würckt man in einem kleinen sicherer und reiner; der Abdruck unseres eigenen Geistes kommt uns geschwinder entgegen.

Doch ich will nur fragen, nicht schildern und überreden.

Der Platz der Ihnen zugedacht ist, ist ein Platz im Geheimen Conseil, es ist die letzte Instanz, wohin alle Dinge gelangen, wohin alle Arten von Geschäften gebracht werden.

Für einen wohldenckenden, thätigen Mann ist schon Beschäftigung genug da und das Feld nicht klein. Es besteht dieses Collegium gegenwärtig aus drey Männern, alle von Jahren. Mein Stuhl, der dritte, steht seit sechs Jahren leer, aus Ursachen die ich Ihnen rein sagen werde. Nehme ich je wieder Besitz davon, so werde ich mich freuen mit Ihnen arbeiten und ich hoffe auch zu Ihrer Zufriedenheit.

Sie sehen es ist eine der ersten Stellen in unserm kleinen Staate; etwa 1400 Thlr. würde die Besoldung seyn. Mehr sage ich nicht für dießmal. Sollten Sie den Antrag nicht ganz ablehnen, so werden Sie mir soviel special Fragen vorlegen als Sie mögen, und ich will sie gern beantworten. Ich bitte[237] bald um ein Wort, dann bitte ich besonders, daß Sie den Antrag geheim halten, weil ich sonst, besonders wenn Sie ihn ablehnten, auf mehr als eine Weise compromittirt werden könnte.

Leben Sie recht wohl und behalten Sie mir Ihre Freundschaft.

Weimar d. 25. Nov. 90.

Goethe.


Quelle:
Goethes Werke. Weimarer Ausgabe, IV. Abteilung, Bd. 9, S. 236-238.
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