[253] 36/206.
[Concept.]
Ew. Königliche Hoheiten
vergönnen gnädigst, daß heute, nach den treusten und aufrichtigsten Wünschen, eine, wie ich hoffen darf, nicht unangenehme Gabe hiedurch zu Füßen lege.
Schon vor einigen Jahren ersuchte ich einen mit dem Orient in Verbindung stehenden Freund, echten Mocca-Caffee zu verschaffen, welches nicht gelang und in Vergessenheit gerieth. Ganz unvermuthet schreibt er mir nun in diesen Tagen:
»Nach lang vergeblichen Versuchen glückte es mir endlich, eine obgleich nur sehr geringe Menge von echtem und reinem Mocca-Caffee und zwar direct aus dem Harem des Paschas von Ägypten zu verschaffen, wohin ein bestimmtes Tantieme von der gesammten Ein- und Durchfuhr dieses Artikels... aber nicht gemischt und vermischt, sondern Korn vor Korn ausgelesen, als Zoll in natura abgegeben werden muß.«
Da nun dieser wackere Mann nicht zu scherzen gewohnt ist, so darf ich wohl seine Worte im Ernst [254] nehmen und das Packet, wie es angekommen, ohne weitere Untersuchung, übersenden. Möge es mir gelingen, etwas Schmackhaftes in dieser Seltenheit zu überreichen, wobey ich denn höchster Huld und Gnade unter Betheurung ewiger Anhänglichkeit mich wohl empfehlen darf.
Weimar den 1. Januar 1823.
36/207.
[Concept.]
Ew. Hochwohlgeboren
gefälliges Schreiben geziemend zu erwidern, vermelde sogleich, daß ich mich zwar noch wohl erinnere, bey einer früheren Anwesenheit in Dresden den fraglichen Laokoon gesehen und auch für unsere Anstalten ein Exemplar gewünscht zu haben, die indeß vergangene Zeit aber hat so mancherley Veränderungen herbey geführt, daß ich gegenwärtig nicht wüßte, zu welchen Zwecken und für welche Abtheilung ich ein solches Kunsterzeugniß anschaffen sollte. Bedauern Sie daher bey Herrn Inspector Matthäi, daß ich von seinem freundlichen Anerbieten keinen Gebrauch mache, wenn auch schon die Hochschätzung des vorzüglichen Mannes und seiner glücklichen Arbeit immer dieselbe bleibt.
Nehmen Sie bey dem gegenwärtigen Jahreswechsel die Versicherung ganz besonderer Hochachtung und[255] erlauben bey irgend einer Gelegenheit um eine kleine Gefälligkeit anzusuchen.
Weimar den 1. Januar 1823.
36/208.
Es ist mir peinlich, mein Werthester, indem ich Ihres freundlichen Besuches entbehren muß, Sie leidend zu wissen; halten Sie sich möglichst inne, denn die Jahrszeit ist angreifend für Gesunde, wieviel mehr für Kranke.
Empfangen Sie Beygehendes mit Neigung und lassen mich von Zeit zu Zeit erfahren daß es Ihnen besser gehe.
treulichst
Weimar den 2. Januar 1823.
G.
36/209.
Tausend Dank für alles Gute an Gesinnung und Nachricht, heute nur wenig Worte, das kleine Geschäft abzuthun.
Ich acceptire die fraglichen Münzen für die Summe von: Vierhundert drey und sechzig Gulden rheinisch, bitte sie wohl eingepackt gegen beyliegende Anweisung in Empfang zu nehmen und mit dem Postwagen unfrankirt anher zu lassen.
[256] Möge Herr Binder jederzeit seine Forderungen, die Procente mitgerechnet, sogleich aussprechen, so könnte schnellere Resolution erfolgen. Auf die Münzen des kleineren Blattes renuntiire vorerst, bis ich die neue Sendung geordnet und eingerichtet habe. Möge alles Gute bey Ihnen seyn.
Wegen der Zahlung an Sie ist der Großherzogliche Schatullcassir erinnert.
Weimar den 3. Januar 1823.
Da mir noch Zeit übrig bleibt, bemerke Folgendes: Lord Byron wollte mir seinen Sardanapal dediciren, es verspätete und zerschlug sich, doch ward mir die Handschrift deshalb für einen Augenblick mitgetheilt und ich ließ sie geschwind lithographiren. Hiebey ein Abdruck: es ist dem Alter wohl vergönnt, sich an solchen Stärkungen zu erquicken. Werner hab ich selbst noch nicht gesehen.
G.
36/210.
Mögen Sie, mein Theuerster, beykommenden wunderlichen Brief eines von jeher als wunderlich bekannten Mannes durchstudiren, damit uns die Seltsamkeiten eines Abends zur Unterhaltung dienen. Weimar den 3. Januar 1823.
G.
[257] 36/211.
[Concept.]
Ew. Wohlgeboren
erhalten hiebey die Übersetzung der Ode des Herrn Manzoni mit Bitte, solche nach Mayland mit meinen besten Empfehlungen zu befördern und zugleich meinen herzlichen Dank für das Prachtexemplar der an sich selbst so verdienstlichen Tragödie gefällig abzustatten.
Herr Cattaneo wird mir verzeihen, wenn ich auf seine freundliche Zuschrift nicht sogleich antworte; ich glaube solches am besten zu thun, wenn ich das höchst schätzbare Stück recht ernstlich studire und meine beyfälligste Überzeugung dem Publicum baldmöglichst mittheile.
Grüßen Sie zum allerschönsten Ihre dortigen lieben Nahverwandten so wie hiesigen Orts Ihre theure Gattin und erhalten mir ein freundliches theilnehmendes Andenken.
Weimar den 3. Januar 1823.
36/212.
Ew. Wohlgeboren
zu der neuen Ausbreitung so wichtiger Eroberungen Glück wünschend, übersende das Schreiben eines [258] Mannes, welcher gute Sachen zu besitzen scheint. Wollen Sie etwa anstreichen was wünschenswerth wäre, so würde solches anzuschaffen kein Gedenken tragen. Freylich möchte es schwer seyn, in den Reichthümern unseres Kabinetts eine Lücke zu finden; Dank sey Ihrer Thätigkeit, welche diesen schönen Besitz auf so einen hohen Grad gesteigert hat.
Der ich recht wohl zu leben und was noch allenfalls von der Insel Staffa übrig seyn möchte mit den lieben Ihrigen fröhlich zu verzehren wünsche.
ergebenst
Weimar den 4. Januar 1823.
J. W. v. Goethe.
36/213.
[Concept.]
Ew. Wohlgeboren
erhalten hiebey die verlangten Abdrücke, sie werden gegen dem Haupttitel über geheftet; wobey anfrage ob Dieselben die Kosten des Stichs und Abdrucks auslegen oder ob ich solches thun soll.
Eiligst mich schönstens und bestens empfehlend.
Weimar den 4. Januar 1823.
[259] 36/214.
[Concept.]
[4. Januar 1823.]
Ew. Hochwohlgeboren
angenehme Sendung ist mir zur rechten Zeit geworden und ich säume nicht länger, dafür meinen verbindlichsten Dank abzustatten.
Ihro Königlichen Hoheit meinem gnädigsten Herrn habe sogleich nach Ihrem Wunsch die Zufälligkeiten vorgetragen, welche einer näheren persönlichen Bekanntschaft in Töplitz im Wege gestanden. Höchst Dieselben haben darauf nach gewohnter aufrichtiger Sitte und Sinnesart erwidert, daß Höchst sie nichts mehr gewünscht hätten, als einen so schätzenswerthen Mann persönlich zu kennen und sich mit ihm über manche Gegenstände zu unterhalten.
Fürwahr, dieser unser Fürst nimmt einen so reinen gründlichen Antheil an den Wissenschaften als man nur wünschen kann, sucht sie in seinem Kreise zu beleben und ihren Einfluß auf's Praktische immerfort in Thätigkeit zu erhalten.
Erlauben Sie mir nun auch, indem ich mich Ihrem Andenken bestens empfehle, einen Wunsch, dessen Gewährung nur mit größter Bequemlichkeit zu erfüllen bitte. In meiner nicht unansehnlichen und seit vielen Jahren her einer fortschreitenden Belehrung [260] gewidmeten Sammlung ist gerade das Titanische Fach am schwächsten versehen und berathen. Möchten Dieselben gelegentlich und ohne Beschwerde mir aus den Reichthümern, die Ihnen im Norden zu Gebote stehen, einiges mittheilen, so würde ich es dankbarlichst erkennen, wobey ich zugleich bekennen will, daß Ihre gütige schnelle Bewährung meines Wunsches nach einigen Zinnstufen jenes Landes diese gewissermaßen unbescheidne Bitte hervorgelockt hat.
Auch eine solche Mittheilung wird Ihr Andenken, welches ohnehin bey uns stets lebendig ist, noch im Besondern beleben, denn ich kann nicht verschweigen, daß gerade in diesen Tagen das chemische Mineralsystem, was wir schon längst bey uns kennen, abermals und zwar in der Pariser Ausgabe von 1819 eine entschiedene Theilnahme mir abgefordert hat. Herr v. Leonhard, welcher in seinem neuen Handbuch auf die chemischen Verhältnisse vorzüglich Rücksicht nimmt, ruft und dazu auf, und ich darf wohl sagen, daß mich Ihre Darstellungen der Wernerischen, Hausmannischen, Karsten'schen Systeme auf's neue höchlich interessiren, weil ich in der allgemeinen Geschichte meine besondere, in so fern ich mich diesen Wissenschaften ergab, nothwendig erkennen mußte; wobey mir denn höchst angenehm ist, eine Gelegenheit zu finden, die ganz vorzügliche Hochachtung auszusprechen, mit der ich Ew. Hochwohlgeboren schon längst zugethan bin, und welche durch das erfreuliche [261] obgleich kurze Zusammenseyn nur vermehrt werden konnte. Herr Soret von Genf, welcher als frischer gewandter Naturforscher mir neuen Muth gibt, mich in dem immer erweiterten Felde ferner umzusehen, empfiehlt sich zum allerschönsten.
Weimar den 3. Januar 1823.
36/215.
Auch dieser kleine Trupp möge sich eilig dem theuren Freunde darstellen und bitten, in die Cadres wohlwollend aufgenommen zu werden. Gar manches bereitet sich noch, um sich an die theuren Alliirten anzuschließen. Übrigens geht's zum neuen Jahr ein wenig wild bey mir zu; möge ich vernehmen, daß Sie auch diese klare Witterung glücklich überstehen. Aus dem Hause komm ich seit Monaten nicht, kaum aus der Stube, und da geht denn was zu leisten ist doch immer noch allenfalls seinen Weg.
Möge auch Ihnen alle gute Förderniß zu Theil werden.
treulichst
Weimar den 4. Januar 1823.
J. W. v. Goethe.
[262] 36/216.
Ew. Wohlgeboren
übersende hiermit abschläglich auf unsere Wein-Rechnung 50 Thaler Cassageld und bitte mir solche gut zu schreiben; zugleich ersuche um einige Proben von petit Burgunder, wonach ich einiges bestellen werde.
mich bestens empfehlend
Weimar den 4. Januar 1823.
J. W. v. Goethe.
36/217.
Beykommendes bitte Herrn Grafen Reinhard, sobald er ankömmt, zu überreichen; wie sehr verdient der Würdige sogleich begrüßt zu werden!
Ferner bitte mich Herrn Andreä recht angelegentlichst zu empfehlen; er ist wie die heiligen Könige auf einem andern Weg in sein Land gezogen, und wir mußten ihn vergebens erwarten. Danken Sie ihm also, mein Theuerster, zum allerbesten und schönsten für die colossale Pflanze, welche freylich an den Elephanten-Fuß erinnert. Diese kostbare Gabe ist, begünstigt durch das gelinde Wetter, glücklich angekommen und sogleich nach Belvedere den geübtesten Kunstgärtnern zur Pflege übergeben worden, wo sie sich denn unter so vielen botanischen Wundern noch immer wundervoll [263] genug ausnimmt. Ein sehr viel kleineres Exemplar steht ihr zur Seite und seltsam genug ist es, daß es einem unserer jungen, thätigen, gereif'ten Gärtner gelang, einige aus jenen Reisen merklich contrastiren. Auch unsere gnädigsten Herrschaften, als Kenner und Freunde der Botanik, besuchen selbst in Wintertagen den neuen Ankömmling fleißig; Fremde betrachten ihn mit Aufmerksamkeit und des freundlichen Gebers wird dabey immer gedacht.
Nun aber eine literarische Anfrage: im Sauerländerischen Verlag ist ein Büchlein herausgekommen: die Priesterinnen der Griechen, von Dr. Adrian. Ich wünschte einige Nachricht von diesem Manne, wo er sich aufhält, was er etwa sonst geschrieben, woher er ist, wie alt und dergl. Eine solche Notiz würde mir viel Vergnügen machen, da mir das Büchlein selbst wohl gefallen hat.
Dagegen hoff ich sollen durch Eis und Schnee einige bunte Vögel in diesen Tagen angekommen seyn, welche mit Kindern und Freunden zu verzehren, auch Herrn gute vorzulegen bitte.
Gar viel wäre noch zu sagen, ich aber füge nur noch die schönsten Grüße an eine liebenswürdige, schalkische Freundin hinzu, die nicht allein trauliche Mittheilungen verspätet, sonder sich auch über poetische Dedicationen gar schelmisch aufhält. Zugestehn muß man ihr zwar, daß gewisse privatisirende Herzenswidmungen [264] von größerer Bedeutung sind, besonders wenn sich dauernder Gefühle schmeicheln dürfte.
Das liebenswürdige Gold- und himmelblaue Blättchen scheint dergleichen anzudeuten und war deshalb herzlich willkommen. Soviel sey dießmal dem Papier anvertraut.
treulichst
Weimar den 6. Januar 1823.
G.
36/218.
Gegenwärtiges geht eilig ab, um den verehrten, hoffentlich glücklich zurückkommenden Freund gleich bey der Ankunft zu begrüßen. Möge die Reise nach Wunsch vollbracht seyn ich bald davon einige Nachricht erhalten.
Die letzten drey Monate war ich vorzüglich beschäftigt, beyliegende Bogen, an meine abwesenden Freunde gedenkend, zusammenzustellen, und sende solche in der Überzeugung, daß sie zu einem Gespräch im Geiste und vielleicht auch auf Briefblättern Anlaß geben werden.
Seit Monaten komm ich nicht aus dem Hause, kaum aus der Stube; nur bedeutende Gönner und Freunde besuchen mich; und so bin ich von der Welt abgesondert, ohne von ihr getrennt zu seyn.
[265] Wie anders haben Sie diese Zeit zugebracht! Lassen Sie mich das Mittheilbare erfahren. Die herzlichsten Grüße.
treulichst
Weimar den [6.] Januar 1823.
Goethe.
36/219.
[Concept.]
[6. Januar 1823.]
Ew. Wohlgeboren
zutrauliches Schreiben erwidere mit gleicher Aufrichtigkeit. Ich will nicht läugnen, daß die Weimarischen Kunstfreunde die Ankündigung eines Steindrucks nach Overbeck durch den höchst kunstfertigen Herrn Bendixen mit Antheil vernahmen und die unterbliebene Ausführung gegenwärtig bedauern, jedoch die Übersendung des Originals, begleitet von dem Original eines andern werthen Künstlers, dankbar abzulehnen Ursache finden.
Wir sind tagtäglich veranlaßt, uns in einem engern Kreis zurückzuziehen, besonders auch mit Urtheilen über lebende Künstler sparsam zu werden, da man bey Anerkennung vorzüglicher Talente doch wegen Anwendung derselben und wegen der von den Künstlern ergriffenen Maximen in Widerstreit gerathen kann, wodurch ohne daß die Kunst gefördert werde, Künstler, Kenner, Liebhaber sich für einen [266] Augenblick verwirren; wovon wir schon unerfreuliche Fälle erlebten. Danken Sie also jenem wackern Manne und Beschützer für sein Zutrauen, welches wie um so mehr zu schätzen wissen, als eine solche Sendung immer mit einiger Gefahr verknüpft ist.
Nehmen Sie zugleich meinen Dank für den neusten Band der Stolbergischen Werke, in welchem sogleich das Leben Alfreds mit Vergnügen gelesen und bey den übrigen Aufsätzen mit heitere Wehmuth vergangener Jahre mich erinnert habe. Leben Sie recht Wohl und fahren fort, meiner mit theilnehmendem Zutrauen zu gedenken.
Weimar den 4. Januar 1823.
36/220.
Ew. Hochwohlgeboren
muß, damit nur wieder einmal ein Anfang sey, bey'm Jahreswechsel ein flüchtiges Wort zusenden, mit der Versicherung, daß ich Ihrer zeither täglich gedacht habe.
Die crystallographischen Andeutungen bey persönlicher, nur allzu schnell vorübergegangener Gegenwart habe nicht los werden können, bin aber, in Ermanglung gehoffter Modelle, der weiteren Ausführung im Handbuch der Oryktognosie unter meinen Verhältnissen nicht gewachsen, ob ich gleich Hoffnung habe, auch darin mich weiter zu bewegen.
[267] Denn mich ermuntert und fördert Herr Soret von Genf; er ist bey unserem jungen Prinzen angestellt und aus der Hauyischen Schule mit schöner Freyheit und Umsicht hervorgegangen.
Die chemisch-oryktognostischen Ansichten, die ich durch persönliche Bekanntschaft des Herrn Berzelius mir theilnehmender zu eigen machte, führen mich auch Ihrem Handbuche näher, welches als Nachweisung von Literatur, Synonymen, chemischen Bestandtheilen, örtlichen Vorkommnissen immer zur Hand ist. Nehmen Sie also dafür meinen schönsten Dank.
Lassen Sie mich von Ihrer Pariser Reise was mir frommt baldigst wissen; so wie denn auch das, was Sie über die Gebirgsfolgen herauszugeben gedenken, von mir sehnlichst erwartet wird.
Ferner aber werd ich Sie ersuchen, mir mit diesem und jenem Naturkörper, wie sonst freundlich geschehen, wenn es ohne Aufopferung thunlich ist, manche Lücke auszufüllen, die in meiner compendiosen Sammlung bisher unvermeidlich blieb; nun aber, nach Ihrem Handbuch untersucht, nur allzu sicher an den Tag kommt.
Der ich mich zu wohlwollenden Andenken bestens empfehle und mich hochachtungsvoll unterzeichne.
gehorsamst
Weimar den 6. Januar 1823.
J. W. v. Goethe.
[268] 36/221.
[Concept.]
Ew. Hochwohlgeboren
haben mir so oft auf Wunsch und Begehren die allerfreundlichsten Gefälligkeiten erwiesen, und doch überrascht mich gegenwärtig die Erinnerung an ein früheres Verlangen, wobey noch die wunderbarsten Umstände zusammentreffen, daß diese Gabe höchst gelegen kam und doppelt angenehm wurde. Möge es mir an Gelegenheit nicht gebrechen, für so manches Gute auch einiges Willkommene erwidern zu können.
Das thätige Zeugniß Ihres fortwährenden gewogenen Andenkens, indem es zu Anfang des Jahres eintritt, bestätigt auch Glauben und Hoffnung für die Zukunft.
Erlauben Sie, daß ich von Zeit zu Zeit anfrage, auch wohl einen Reisenden zu günstiger Förderniß empfehle. Das Gleiche erbitte mir von Ew. Hochwohlgeboren, und werde jeden der sich in Ihrem Namen bey mir einfindet freundlichst willkommen heißen.
Und nun zum Schlusse das Vorzüglicheste. Ihro Königliche Hoheit mein gnädigster Herr erwidern Gruß und Wunsch auf das allerbeste, daß Ew. Hochwohlgeboren alles was Höchst Deroselben Zwecken entspricht auf das angelegentlichste besorgen werden.
Weimar den 8. Januar 1823.
[269] 36/222.
Ihr holder Brief, meine Theure, hat mir das größte Vergnügen gewährt, und zwar doppelt wegen eines besonderen Umstands. Denn wenn auch der liebende Papa seiner treuen schönen Tochter immer gedenckt, so war doch seit einiger Zeit Ihre willkommne Gestalt lebendiger und klarer vor dem innern Sinne als je. Nun aber entwickelt sich's! Es sind gerade die Tage und Stunden, da Sie mein auch in einem Höheren Grade gedachten und Neigung fühlten es auch aus der Ferne auszubrechen.
Dreyfachen Dank also, meine Liebe, zugleich die besten Wünsche und Grüße der guten Mutter, deren ich, als eines glänzenden Sterns meines früheren Horizonts, gar gern gedencke. Der treffliche Arzt der sie völlig herstellt soll auch mir ein verehrter Aesculap seyn.
Und so bleiben Sie überzeugt daß meine schönste Hoffnung fürs ganze Jahr sey in den heitern Familien-Kreis wieder hinein zu treten und alle Glieder so wohlwollend-freundlich gesinnt zu finden als da ich Abschied nahm, und ein würdiger, neuerworbener Freund das unwillkommne Scheidegefühl, durch theilnehmendes Geleit, einigermaßen zu beschwichtigen suchte.
Vergessen darf ich hierbey nicht der süßen Nachkost, [270] die mir in der Entfernung durch ihn zu Theil ward, die ich aber mit niemanden theilte.
Und also meine Liebste nehm ich Ihre töchterlichen Besinnungen auch für die nächste Zeit in Anspruch. Möge mir an Ihrer Seite jenes Gebirgsthal mit seinen Quellen so heilbringend werden und bleiben als ich wünsche Sie froh und glücklich wieder zu finden.
treu anhänglich
Weimar d. 9. Januar 1823.
J. W. v. Goethe.
36/223.
Zum vergangenen Weinachtsfeste verehrte mir mein gnädigster Herr das höchst ähnliche Bildniß eines trefflichen Freunden, den es mir früher als Unbekannten darstellen sollte, nun aber den Wohlbekannten doppelt und dreyfach näher bringt.
Hiebey kam zur Sprache: sollte man wünschen, sich früher gekannt zu haben? Hierauf ward erwidert: wenn zwey Reisende, aus zwey entfernten Weltgegenden nach einen Punct zusammenstrebend, sich endlich auf demselben treffen, ihren Erwerb vergleichen und das einseitig Gewonnene wohlwollend austauschen, so möcht es wohl vortheilhafter seyn, als wenn sie die Reise zusammen angetreten und vollbracht hätten.
[271] Und nun einiges Wissenschaftliche mitzutheilen.
Das so freundlich- als reichhaltige Schreiben nach glücklicher Zurückkunft hat mir neue Nahrung für den Augenblick, für die nächste Zukunft viel Trost und Hoffnung gegeben. v. Martius ist noch im Spätherbst an den Rhein gekommen, und ich weiß durch Nees v. Efenbeck ungefähr, wie es mit den besondern und den gemeinsamen Vorarbeiten der brasilianischen Schätze allenfalls werden kann. Durchaus aber läßt sich er kennen, wie wirksam die reise der trefflichen östreichischen Naturforscher gewesen. Unser Präsident ist nicht ohne Hoffnung, daß die preußischen Brasiliensia sich gleichfalls anschließen werden.
Frauenhofers Bemühungen kenn ich; sie sind von der Art die ich ablehne, mehr darf ich nicht sagen. Gott hat die Natur einfältig gemacht, sie aber suchen viel Künfte.
Daß ich einem so werthen neuerworbenen Gönner und Freunde das einzige trübe Scheibchen, den einzigen Cubus überließ, geschah nicht ohne Ahnung, daß dadurch ein Segen in das ganze Geschäft kommen müsse; und so war es auch: gleich in Redwitz erfand der junge Fikentscher eine leichte Methode das Glas zu trüben, die Erscheinungen sind auffallend erfreulich. Nun kommen mir von Berlin her entoptische Glasplättchen nach Wunsch, durch deren Trefflichkeit noch eine concisere Darstellung als ich in meinem Hefte gegeben möglich wird, überdieß auch Phänomene auffallend [272] anmuthig, so curios als belehrend dem Auge darzubieten sind. Von allem übersende Musterstücke zu erfreulicher Betrachtung.
Das geologisch Mitgetheilte ist in die übrige Erkenntniß aufgenommen worden. Daß dieses nun leichter und consequenter geschehen könne, dafür sind wir Reserstein Dank übrig.
Wenn ein anderer bey vorkommenden Phänomenen, die wir gern auf der Räthselseite der Natur stehen lassen, gleich die Erdrinde durchbricht und, um das Unbekannte zu erklären, zu unbekanntesten Regionen seine Zuflucht nimmt, starrt der Menschenverstand, fängt an sich selbst zu mißtrauen.
Über diesen Unfug langte schon vor einiger Zeit ein Klageschreiben bey mir ein, welches hier mit Vergunst einen Platz finden möge.
»Neufohl in Ungarn.
Professor Pusch, der durch vier Monate unser Gast war, hat Ungarn in mehreren Richtungen durchreis't. Er wird die ungereimten Nachrichten des Beudant in seiner Voyage mineralogique en Hongrie, besonders über die Perlstein-Formation kräftig widerlegen. Es ist in der That ärgerlich, daß ganz Europa einem Manne, der sich in der Schule der Vulkanisten bildete, blindlings nachplappert. Beudants Ansichten sind aus der Auvergne her, und nun sieht er auch Ungarn mit denselben Augen wieder an. Daraus entsteht der Nachtheil, daß man in Gefahr kommt zu [273] wähnen, die Schemnitzer und Kremnitzer Erzniederlagen seyen durch vulkanische Processe entstanden. Auch die Hartmann'sche Übersetzung der Geographie von d'Aubuisson de Boisins erwähnt schon Beudants Ansichten; und so verbreitet sich eine falsche Lehre von Mund zu Munde, weil man das Behauptete, besonders in wie fern es Bezug auf Ungarn hat, ohne Untersuchung nachspricht. In wie weit durch die ungarischen Sammlungen des Dr. Zipfer, die nach allen Gegenden hin verbreitet sind, diesen Irrthümern Einhalt geschehen, wird die Zeit lehren.«
Wer die Kirchen- und Ketzer-Geschichte recht gut kennt, wird sich nicht so bitter wie unsere Ungarn über die Wiederkehr der gewaltsamen Brandepoche beklagen. Irrthümer haben so gut wie Wahrheiten ihre Jahres- und Tageszeiten, ihres Gehens und Kommens. Der gute alte Fichtel hielt bis an sein Lebensende bey der Gluth und kam nach und nach so weit, daß er das Steinfalz vulkanischen Gebirgen zuschreiben mußte; wie die Neuern jetzt Gold- und Silberadern daher ableiten müssen. Und das kommt alles daher, daß die Menschen die Natur durch und durch erklären wollen; sie begreifen nicht, daß man bis auf einen gewissen Punct sehr sicher fortschreiten kann, dann aber sich entschließen muß, irgend ein Problem stehen zu lassen, dessen Lösung andern, vielleicht uns selbst in einiger Zeit vorbehalten ist.
Wegen des zu Eger gefundenen, in's Prager [274] Museums gestifteten fossilen Backzahns betrachtete ich sorgfältig die Kupfer zu Cuviers Pachydermen und versäumte nicht, den dazu gehörigen Text zu studiren. Ich sendete hierauf einen Gypsabguß Herrn d'Alton nach Bonn mit der Äußerung: »Dieser Backzahn möchte wohl zwischen die kleineren Mastodonten und größeren Tapir mitten innen zu stellen seyn; Sie werden ihm seinen Platz am sichersten anweisen.« Hierauf erhielt ich folgende Antwort: »Der fossile Zahn scheint mir sehr merkwürdig. Bey einer unverkennbaren Verwandtschaft mit dem Mastodont unterscheidet er sich doch wesentlich von allen dahin gehörigen, mir bis jetzt bekannt gewordenen Formen. Genehmigen Sie es, so denke ich darüber eine kleine Abhandlung mit einer Abbildung in die Acta der Leopoldinischen Akademie zu geben. Höchst erwünscht und besonders wichtig sind nach meiner Ansicht an diesem schätzbaren Fragment die äußeren, noch unentwickelten, maschenförmigen Lamellen, welche zu beweisen scheinen, daß überall noch ursprüngliche Entwickelungsformen vorliegen und die eigenthümliche Gestalt der Kauflächen nicht durch Abreiben der Spitzen entstanden. Ohne dieses besondere Merkmal könnte dieser Zahn wohl auf ein tapirartiges Thier gedeutet werden. –«
Damit aber ja diese Blätter, deren Inhalt sehr bunt durch einander geht, nicht noch länger verweilen, [275] so schließe mit den aufrichtigsten Versicherungen unwandelbarer Anhänglichkeit. Zugleich lege des [Herrn] von Henning Einleitung zu seinen Vorlesungen über meine Farbenlehre bey, welche ich einer gültigen Nachsicht besonders zu empfehlen habe. Denn meistens wird uns der Controvertirende lästig, sogar wenn wie geneigt sind, ihm recht zu geben. Dieses Unternehmen füge sich nun an den gang der Wissenschaft wie es kann; für mich ist es von dem größten Werthe, weil ich dadurch alles Haders los bin und künftighin nur die friedlichen Erweiterungen und Bestätigungen meiner Lehre und Lehrart mitzutheilen nöthig habe. Gönnen Sie diesem allen, wie es auch sey, eine freundliche Theilnahme.
Eine merkwürdige geologische Frage wird bey uns praktisch erörtert, da ich denn auf die Antworten der lieben Mutter Natur höchst neugierig bin. Es gilt nichts weniger als in unsern Flözgebirgen nicht etwa nur Sole, sondern sogar Steinsalz zu finden.
Herr Salinen-Inspector Glenck, der wegen großen Salzgewinnes im Württembergischen und Darmstädtischen berühmt ist, arbeitet gegenwärtig in unserer Nähe; er hat bey Gera den bunten Sandstein mit 400 Fuß durchbohrt, den älteren Zechstein gleichfalls und ist nun im alten Gyps, wo er Anhydrit findet und salzhaltigen Thon entdeckt hat. Ich bin ungläubig an den glücklichen Folgen dieser Operation, doch, wie ich gern gestehe, aus alten, vielleicht veralteten Vorstellungen, [276] und mir sollte sehr angenehm seyn, hierüber moderner aufgeklärt zu werden.
Da man bey erhöhtem Mechanismus mit dem Erdbohrer ganz umzuspringen weiß und ein glückliches Surrogat für die so kostbaren als langweiligen Schächte gefunden hat, so läßt sich freylich einer Überzeugung, wie es im Tiefsten des Gebirges aussehen möchte, leichter nachgehen und eine abschlägliche Antwort der alt-jungen Dame bringt den Freywerber nicht gleich in Verzweiflung.
Resersteins zweytes Heft des zweyten Bandes kommt zu diesen Betrachtungen sehr gelegen; doch ist das dort Ausgeführte nicht hinreichend, eine Analogie mit unseren Gegenden zu begründen. Übrigens ist es höchst erfreulich, einen so wichtigen Punct entschieden wieder angeregt zu sehen. In Ländern, wo das Unternehmen glückte, hat man die Salzpreise fast auf ein Fünftel reducirt, wodurch denn freylich jedermann, besonders aber die großen ökonomischen und technischen Anstalten höchst begünstigt werden. Ich verfehle nicht, so wie über das Ganze also auch besonders über das, was in unserer Gegend vorgeht, von Zeit zu Zeit Nachricht zu geben, wobey ich mich wohl auf Reserstein beziehen darf.
Da ich diesen Namen nenne, so will ich gern gestehen, daß ich ihn auch schon zu jenen Zwecken im Sinne hegte. Haben Sie die Güte, fernerhin Wunsch und Absicht zu überdenken. Lassen Sie mich aber[277] vorläufig gestehen, daß ich bey den mannichfaltigen Ansichten, wie sie jetzt auf das Mineralreich gerichtet sind: als nach äußeren Kennzeichen und mäßig chemischem Antheil, nach crytallographischen Messungen und Bestimmungen, wo man mit den Chemikern in Händel geräth, nach chemischen endlich, die uns das Gränzenlose der Erfahrung erst recht aufdecken, daß ich endlich von der geologischen Seite eine Hülfsmethode zu ahnen glaubte, wodurch wir auf ein Vierteljahrhundert uns wieder einige Bequemlichkeit verschaffen und den Unterricht möglich machen pp.
treulichst
W. d. 12. Jan. 1823.
J. W. v. Goethe.
(die Fortsetzung nächstens.)
36/224.
Ew. Wohlgeboren
erhalten hiebey die schuldigen Zwölf Thaler mit vielem Danke, daß Sie mir die schönen Medaillen sobald übersenden wollen. Lassen Sie mich ferner von dem, was unter Ihrer Anleitung geschieht, von Zeit zu Zeit etwas Angenehmes erfahren. Auf eine Rückseite zu meinem Bilde habe ich auch schon gedacht. Nahes und Fernes ist mir im Kunstsache gleich angelogen; senden Sie mir einen Probedruck, so überlege ich, ob es passen möge; denn alles schickt [278] sich nicht zu allem. Die wunderliche Capelle auf dem Schlosse zu Eger habe ich oft gesehen, aber da ich in diesem Felde niemals gearbeitet, so konnte kein Urtheil bey mir feststellen; doch scheint mir Ihre Ansicht dieser Dinge so plausibel, daß ich ihr gern beytreten möchte. Bey allen solchen Vorkommnissen ist gewiß so viel Willkürliches und Zufälliges, daß mir wohl thun, nicht überall Bedeutung zu wittern.
Möge alles bis zum gehofften glücklichen Wiedersehn gelingen.
Hochachtungsvoll ergebenst
Weimar den 12. Januar 1823.
J. W. v. Goethe.
36/225.
[Concept.]
Ew. Wohlgeboren
empfangen hiebey zu gefälliger Aufnahme und Beförderung eine mehrfache Sendung:
1) Bericht von Sartorius, der nach Anweisung Ihro Königlichen Hoheit des Herrn Erbgroßherzogs an Dieselben gelangen soll;
2) Vorausberechnung und Zeichnung der dießjährigen Mondfinsternisse würden wohl von Serenissimo eines Blicks gewürdigt; dient auch zum Beweise, daß Schrön für die ihm gegönnte gnädige Beförderung sich dankbar und thätig zu erweisen für Pflicht hält;
[279] 3) Den Katalogen der Diamanten wünschte von einem Schönschreiber recht deutlich abgeschrieben; Ew. Wohlgeboren würden aber wegen der Terminologie demselben, da manches darunter für denjenigen, der mit der Materie nicht bekannt ist, schöner zu lesen seyn möchte.
Weimar den 17. Jänner 1823.
36/226.
Da unter uns die Passage doch einigermaßen wieder geöffnet ist, so sende alsgleich die versprochenen und erinnerten Bände. Mir kommen sie selbst, wenn ich sie aufschlage, wie ein Mährchen vor und so hab ich ein frisches Heft gleich wieder angefangen; das neuste von Kunst und Alterthum erhältst du nächstens.
Sonst hämmere ich gar manches durch in meiner einsamsten Schmiede; aus dem Hause komm ich nicht, kaum aus der Stube, und da kann ich denn doch hoffen den Freunden noch etwas zu werden.
Wenn der Wunderlichste, von dem du mir ein so sonderbares Document sendest, an mich schreibt, werd ich ihm freundlichst antworten. Nimm folgende Betrachtung nachdenklich auf.
Mit Philologen und Mathematikern ist kein heiteres Verhältniß zu gewinnen; das Handwerk der ersten ist zu emendiren, der andern zu bestimmen; da [280] nun am Leben so viele Mängel (mendae) sich finden und ein jeder Einzelne Tag nach Tag genug an sich selbst zu bestimmen [hat], so kommt in den Umgang mit ihnen ein gewisses Unleben, welches aller Mittheilung den Tod bringt. Wenn ich denken müßte, daß ein Freund, an den ich einen Brief dictirte, über Wortgebrauch und Stellung, ja wohl gar über Interpunction, die ich dem Schreibenden überlasse, sich formalisire, so bin ich augenblicklich paralysirt und keine Freyheit kann statt finden.
Für das Liedchen dank ich zum allerschönsten; ich hab es erst mit den Augen gehört und mich abermals deiner liebenswürdigen charakteristischen Consequenz gefreut.
Die andern Gedichte hast du ihrem übereinstimmenden Sinne nach ganz richtig gefaßt; man möchte es eine Duettcantate, vom unmittelbaren Scheiden bis in immer weiter. und weitere Entfernung nennen, da denn der Regenbogen abschließt, der Nahes und Fernes verbindet.
Ob nun die Musik, die freylich dem Gefühle alles anzunähern vermag, was dem Begriff und selbst der Einbildungskraft fremd bleibt, auch hier eingreifen könne, wolle? sey dem Meister anheim gegeben.
Allen guten Geistern empfohlen.
für ewig
Weimar den 18. Jänner 1823.
G.
[281] 36/227.
[Concept.]
Ew. Hochwohlgeboren
verzeihen, wenn ich den mir zugedachten angenehmen Besuch dießmal ablehne; mich hält eine kleine Indisposition bey dieser Kälte im Zimmer und bitte daher, mich auf einige Tage zu entschuldigen. Wobey ich aufrichtig versichern kann, daß es mir sehr angenehm seyn wird, unseren Reisenden zu sprechen, ja mich mit ihm länger zu unterhalten, da mir eben gegenwärtig nähere Kenntniß von den nordischen Gebirgen höchst erwünscht wäre. Erlauben Sie daher, daß ich nächstens anfrage, welche Stunde beiderseits gefällig seyn möchte.
Weimar den 23. Jänner 1823.
36/228.
Ew. Königlichen Hoheit
nehme mir die Freyheit vorzustellen, daß unser oberes Bibliothekspersonal, theils leidend, theils reconvalescirend, zu Bibliotheksarbeiten nicht wohl angehalten werden könne. Copist und Diener sind in der Einrichtung noch zu unerfahren und reichen auch allein nicht hin einem Ausleihetag vorzustehen.
[282] Wir bitten daher um Erlaubniß morgen, Sonnabend den 25., und Mittwoch den 29. Januar vorläufig schließen zu dürfen, welches um so räthlicher seyn möchte, als das Geschäft des Bücher-Ausleihens bey so höchst gefährlich ist, ein bey Nacht unbewachtes Haus den Tag über und stärker als sonst zu heizen.
Sollten Höchst Dieselben etwas von der Bibliothek befehlen, so würden Sie die Gnade haben, den Ingenieur-Geograph Weise an den Bibliothekar Vulpius zu schicken, welcher ihm die Schlüsseln zu überantworten und die nöthige Einleitung zu geben hätte.
Verehrungsvoll
unterthänigst
Weimar den 24. Januar 1823.
J. W. v. Goethe.
36/229.
Mögen Sie, mein Theuerster, sich an beykommendem Hefte in der durch die strenge Kälte gebotnen Einsamkeit einigermaßen unterhalten und mir freundlich vermelden, wie es Ihnen ergeht. Ich rufe Sie nicht aus einer erwärmten Stube, die wahrscheinlich wie die meinige in abweichenden Thermometer-Graden schwankt.
Vielleicht werden Sie durch beykommendes Verzeichniß angeregt, einiges zum nächsten Stücke vorzuarbeiten. [283] Phaethon ist hinüber, und Herr Frommann verspricht ihn im ferneren Laufe nicht zu hindern. So eben erhalt ich Ihr liebes Blättchen und erfreue mich daran, da Sie der äußern Luft doch wieder genießen wollen. Des Abends würde ich gern den Wagen schicken, wenn Sie ihn nur verlangen wollten; es gibt denn gar mancherley zu besprechen.
Tausend Lebewohl!
treulichst
Weimar den 26. Jänner 1823.
J. W. v. Goethe.
36/230.
In sehr kalter und kaum durch Einheizen zu bezwingender Stunde vermelde schuldigst, daß die Münzen glücklich angekommen sind. Möge Herr Binder, da er weiß, was wir besitzen, auf das Mangelnde gefällig acht haben und für das Neuste, aus Spanien, Portugal, Amerika und von Griechenland her, seine monetarische Aufmerksamkeit bethätigen.
Auf die Note: daß über eine hübsche Sammlung von böhmischen Münzen des Mittelalters ein besonderer Katalog mitgetheilt werden könnte, erwidere hiermit, daß ich zwey Freunde kenne die auf diese Gegenstände ein Auge werfen, jedoch nur mäßige Preise zu zahlen gewohnt sind, meistens aber zu tauschen pflegen.
Ihrer Anfrage wegen der Solly'schen Sammlung kann ich nur vorläufig im Allgemeinen entgegen: [284] daß ich von einsichtigen Freunden, die solche längere und kürzere Zeit gesehen und studirt, nur immer das Hefte davon vernommen habe. Ich werde Meyern, ohne Ihrer Anfrage zu erwähnen, darüber auf's neue besprechen.
Mit Herrn Oersted hätt ich wohl noch einen Tag Unterhaltung gewünscht; es war mit wenigem viel von ihm zu lernen, und zugleich weiß er aufzunehmen. Er steht auf einer so hohen Stufe wissenschaftlicher und sittlicher Cultur, daß es nur noch einen Ruck am Vorhang bedurfte, um mein Farbenwesen ihm ganz in's Klare zu setzen. Das alles wird sich denn nach und nach ausgleichen; mit diesem würdigen Manne wäre es leicht gewesen.
Nähere Kenntniß der Statue so wie der mir noch unbekannten Freundlichkeit Lord Byrons erwarte in stiller bescheidener Thätigkeit; vielleicht haben Ihnen die Aushängebogen des letzten Stückes von Kunst und Alterthum (dessen Versendung, ich weiß nicht warum, retardirt wird) schon gesagt, was ich in Absicht meiner früheren Unternehmungen, und um die Zeugnisse meines Daseyns festzuhalten, gethan.
Seit der Zeit hab ich fortgefahren, den Epitomator mein selbst zu machen: denn es ist gewissermaßen noch lustiger, ein vorliegendes Leben als ein vorliegendes Buch auszuziehen. Den Hauptbegriff hab ich vorerst gefaßt, daß man es epochenweise behandeln müsse; denn obgleich sich alles an einander schließt, so gibt's doch Absätze und Einschnitte.
[285] Die vier Jahre von 1806 bis 1809 einschließlich sind angegriffen und bauen sich schon wunderlich hervor; nun will ich nicht ruhen, bis diese Epoche zu einer gewissen Vollständigkeit und Befriedigung zusammensteht, damit rück- und vorwärts ein Beyspiel sey. Man lernt indessen, was zu thun ist und was man thun kann.
Im Jahre 1810 finde ich Ihre freundliche Sendung durch Buchhändler Zimmer, vermittelt durch Graf Reinhard. Diese Grundlage und was daraus erwuchs verdient wohl, einer neuen Aera den Charakter zu geben. Wie herrlich steht nun das Gelingen eines so bedeutenden, redlichen, folgerechten Strebens in Ihren Blättern vor mir! Erinnerung und Gegenwart begegnen sich so schön.
Nun will ich aber doch inne halten und mich erfreuen, daß ein ganz stiller und einsamer Abend diese Mittheilung hervorlockte.
treulichst
Weimar den 27. Jänner 1823.
J. W. v. Goethe.
36/231.
[Concept.]
Ew. Hochwohlgeboren
haben durch Vermittelung Herrn Hofrath Rehbeins das Facsimile einer bedeutenden Handschrift gefällig[286] einzuleiten geruht; nun ist davon unter inn- und auswärtigen Freunden die Rede, die mich darum angehen. Sollte die Platte noch nicht abgeschliffen seyn, so würde noch um einige Dutzend Exemplare ersuchen.
Indem ich das Neuste, was ich in's Publicum förderte, hier zur gefälligen Theilnahme vorlege, frage zugleich an, ob es beliebig wäre, morgen Abend und jeden folgenden Dienstag, wo ich werthe Freunde in größeren und kleineren Cirkeln versammelt wünsche, mir das Vergnügen Ihrer Gegenwart zu schenken.
Mit vorzüglicher Hochachtung mich unterzeichnend.
[Weimar den 27? Januar 1823.]
36/232.
Ew. Wohlgeboren
vermelde zuerst, dankbarlich anerkennend, daß die mir zugesagten Hefte glücklich angekommen; sodann erhalten Dieselben:
1) die beiden Titel des nächsten Heftes von Kunst und Alterthum und Text zu ungefähr dem ersten Bogen, in Hoffnung daß der Inhalt auch Sie und die theuren Ihrigen interessiren werde; sodann liegt
2) die Schwerdgeburth'sche quittirte Rechnung bey; mögen Sie mir den Betrag auf der fahrenden Post unfrankirt übersenden, so wird auch dieses abgethan seyn.
[287] Die unerwartete und mehr als billig anhaltende Kälte such durch freywillige Gefangenschaft in meinem Zimmer einigermaßen zu besänftigen, wohin minder frostige Freunde manchmal einen Besuch wagen.
Die Ungleichheit der Temperatur hat mich oft an Herrn Wesselhöft denken machen, dessen Talent, eine Gleichheit hierein einzuleiten, so vorzüglich ist; um desto mehr thut es mir leid, die lieben Ihrigen von den Unbilden der Zeit angegriffen zu wissen. Grüßen Sie solche zum allerschönsten und erhalten mir bis auf fröhliches Wiedersehn ein geneigtes Andenken.
ergebenst
Weimar den 29. Jänner 1823.
J. W. v. Goethe.
36/233.
[Concept.]
Sehr ehrwürdiger Herr!
Das Schreiben, welches Dieselben gefällig an mich erließen, habe zur rechten Zeit, wie das Recepisse Ihnen schon zugekommen seyn wird, erhalten. Kürzlich erwidere dagegen, daß mir die alte angebotene Medaille sehr angenehm seyn wird; Sie dürfen selbige nur mit dem Postwagen wohl eingepackt gleichfalls gegen Recepisse anher einsenden.
Was Ihre Mineraliensammlung betrifft, so werde sie nicht aus dem Auge verlieren und, wenn Sie mir[288] einige Zeit gönnen, nach und nach gute instructive Stufen einsenden. Für die im Verzeichniß bemerkten kann ich jedoch nicht einstehn, denn als Edelsteine sind sie selten doppelt in Kabinetten und sonst auch schwer anzuschaffen. Doch gibt es wohl auch Gelegenheiten, wo dergleichen zu erhalten sind, da ich denn Ihrer gewiß nicht vergessen werde. Komme ich dieses Jahr, wie ich wohl wünsche, wieder nach Böhmen, so erfahren Sie mehr von mir, und ich bringe auch wohl einiges zu Ihren Zwecken Wünschenswerthes mit.
Sehen Sie sich übrigens in Ihrer nächsten Gegend wohl um, sowohl im geologischen als oryktognostischen Sinne, bringen Sie was möglich ist zusammen und ordnen die Mineralien Ihres Kreises wissenschaftlich. Senden Sie sodann Exemplare an das Prager Nationalmuseum, so wird Ihnen dieses in jedem Sinne zur wissenschaftlichen Kenntniß sowohl als zu Vermehrung und Belebung Ihrer eignen Sammlung vortheilhaft seyn. Soviel sage nur in Hoffnung und Erwartung fernerer Mittheilung.
Weimar den 29. Jänner 1823.
36/234.
Mit herzlicher Theilnahme an dem guten Geschick, das deinem lieben Sohne zu leuchten anfängt, begrüße dich, mein theurer alter Freund, zugleich die Früchte[289] meiner dreymonatlichen Arbeit übersendend; mögest du daraus dir manches Heft zum Drucke; wie wollt ich aber sonst auch die Winterzeit überleben, da, so wie ich, fast alle Freunde in ihre Zimmer eingesperrt sind; Riemern und Meyern habe in vierzehn Tagen nicht gesehen. Sonst ist doch manches Hübsche zu mir gekommen, und Herr Soret, überhaupt sehr wohl unterrichtet, hilft in der Crystallographie redlich nach, und so erleuchtet man sich noch immer mehr über die Werke der Natur, die doch zuletzt, immer neu und immer verschieden, höchst ehrwürdig bleiben.
Soviel für dießmal das Packetchen nicht retardirt werde. Mit der etwas wärmern Atmosphäre wirst du denn wohl auch zufrieden seyn.
Treulich wünschend.
anhänglichst
Weimar den 29. Januar 1823.
G.
36/235.
Zu gefälliger Beachtung. mit dem Wunsch bald völlig wieder hergestellter Gesundheit.
Weimar den 29. Januar 1823.
G.
[290] 36/236.
[Concept.]
Vor Ew. Königlichen Hoheit an dem heutigen frohsten Tage, [mit] dem treusten eifrigsten Wunsch für Ihro Wohl und Zufriedenheit, nicht ganz leer zu erscheinen, nehme mir die Freyheit, beyliegendes Heft zu überreichen.
Im demselben habe der für mich so bedeutenden Mittheilung erwähnt, die wegen der Hemsterhuis-Galizinischen Gemmensammlung an mich ergangen. Vielleicht beliebten Höchst Dieselben, dorthin diese Blätter gelangen zu lassen, wo sie in Absicht auf ihren Inhalt nicht unangenehm und vielleicht einer weiteren gewünschten Wirkung günstig wären.
Möge alles Gute, was Ew. Königliche Hoheit um sich her und auch um mich verbreiten, doppelt auf Höchst Dieselben und die so theuren Ihrigen auch in der nächsten Zeit zurückkehren.
[Weimar den 30. Januar 1823.]
36/237.
Hiebey abermals eine alterthümliche Neuigkeit, die sich Ihrer Aufmerksamkeit empfiehlt. Wir leben wirklich wie auf Montserrat in einer Gemeinschaft, die sich nicht versammelt, indessen müssen wir doch[291] auch diese Zeiten vorüber gehen lassen. Hiedurch will ich Sie nun keineswegs aufgerufen haben, aus Ihrem Innern an solchen feuchten, überfeuchten Tagen hervorzutreten. Finden Sie sich im Zustande, den Freund zu besuchen, so winken Sie nur, der Wagen soll sogleich vor der Thüre seyn; manches Bedeutende und auch wohl mitunter Erfreuliche ist in diesen Tagen zu mir gelangt.
Weimar den 30. Januar 1823.
G.
36/238.
Ew. Wohlgeboren
erhalten hiebey die beiden Instructionen, auf deren zweckmäßige Befolgung dieselben nach Ihrer gewohnten Genauigkeit durchaus halten werden.
Der regelmäßig – gleiche Gang der Barometer-Veränderungen an weit entfernten Orten wird nach meiner Überzeugung bald als das Fundament der ganzen Meteorologie angesehen werden; es ist daher keine Bemühung zu scheuen, um sich darüber wie über Ungleichheiten und Abweichungen derselben aufzuklären.
Die aufgefundenen Beobachtungen für London und Boston würde rathen, vorerst in eine besondere Tabelle verzeichnen zu lassen, da man sie denn immer neben unsere graphischen Darstellungen, die ohnehin[292] etwas überladen sind, legen und also vergleichen könnte; wahrscheinlich sind genannte Beobachtungen nach englischen Fußen angestellt, welches, wie Conducteur Schrön schon bey einer andern Gelegenheit bemerkt, vorerst auszumitteln wäre.
Zugleich übersende was Herr v. Eschwege aus Brasilien mitgetheilt; diese Beobachtungen scheinen auch nach englischen Fuß gemacht zu seyn. Die der Tabellen sind 1822 Fuß über der Meeresfläche angestellt, wo sich das Barometer doch kaum über 28 französische Zollheben kann.
Ew. Wohlgeboren werden gewiß auch dabey merkwürdig finden, daß hier kein eigentliches Steigen und fallen, sondern nur eine Art Oscillation ist, wovon Juli, August, September der Bischoffischen graphischen Zeichnung ein Analogen darstellt. Das beygefügte Journal liefert auch schon eine Jahresreihe am Meersufer von Brasilien; wollten Sie das alles näher betrachten und mir Ihre Meynung eröffnen. Sollten Sie über einzelne Puncte dieser brasilianischen Mittheilungen nähere Auskunft verlangen, so bitte mir solches anzuzeigen. Herr v. Eschwege wird gern an Hand gehen.
Ferner wünsche, daß Sie einige Tafeln graphischer Collectaneen einrichteten, wo aus entfernten Gegenden, und wenn es nur Wochen und Monate sind, Einzelheiten eingetragen würden; dadurch käme man viel schneller zum Ziel und die Aufmerksamkeit würde[293] mehr erhalten und angeregt als bey einer Reihe von Erfahrungen, bey welchen man zuletzt ermüdet.
Abdrücke der gegitterten Platte sende soviel als verlangt werden; wenn wir den Raum blos zu Barometer-Beobachtungen anwenden, so wird sich vieles zusammenstellen lassen.
Übrigens werd ich diese Angelegenheit nicht aus den Augen lassen in Hoffnung, daß bey milderer und mehr angenehmer Jahreszeit Ew. Wohlgeboren mich einmal mit Ihrem Besuche erfreuen.
Das Beste wünschend.
ergebenst
Weimar den 31. Januar 1823.
J. W. v. Goethe.
36/239.
Beykommendes neustes Heft von Kunst und Alterthtum fordert mich auf, auch wieder einmal an Ew. Wohlgeboren Wort und Gruß gelangen zu lassen; da ich denn zuvörderst den Wunsch ausspreche, daß die höchst schätzbaren Bilder auch Ihr eigenes Gefühl ansprechen mögen.
Hiezu füge eine Anfrage, der ich den zweyten Wunsch beygeselle; möchten Sie mir für das nächste Heft morphologischen Inhalts nur irgend einen kleinen Beytrag geben? meinen Zwecken gemäß, die Ihnen [294] genugsam bekannt sind. Vielleicht sagen Sie etwas über Ihr neustes Werk, welchem wir zu Ostern entgegen sehen. Wenn es auch nur wenige Blätter sind, so wäre es mir angenehm als ein Zeugniß theilnehmenden wechselseitigen Verhältnisses; ich habe noch einige Freunde um die gleiche Gefälligkeit ersucht.
Möge nach der strengen Kälte die milde Witterung auch Ihnen zu Gute kommen und das bevorstehende Frühjahr in den herrlichen Dresdner Gegenden Ihnen vollkommen genußreich werden. Mein Befinden ist von der Art, daß ich die vergangenen drey Monate zu manchen Arbeiten und Vorarbeiten ununterbrochen benutzen konnte.
Mit den aufrichtigsten Wünschen.
ergebenst
Weimar den 31. Januar 1823.
J. W. v. Goethe.
36/240.
[Concept.]
Hochwohlgeborner,
insonders hochgeehrtester Herr!
In Gedanken nach jenen Gegenden mich zu begeben, wo ich schon so angenehme Monate verlebt, war diesen Winter bey der größten Kälte eine angenehme Aufforderung; ich sah unsere gnädigsten jungen Herrschaften nach Pilsen abreisen, in der Überzeugung, daß [295] sie sich dort in jedem Sinne wohl und glücklich befinden sollten, indem nichts gewisser war, als daß Ew. Hochwohlgeboren genugsam gekannte Thätigkeit und Vorsorge auch den höchsten Gästen die möglichsten Bequemlichkeiten verschaffen würde, wie Sie es uns allen, die wir Marienbad so gern besuchen, wohlwollend zu bereiten wissen.
Auch kann ich versichern, daß die erste Unterhaltung mit unsern verehrten, geliebten jungen Herrschaften die dortigen guten, mit Aufopferung bewirkten Anstalten zum Gegenstand hatte.
Nehmen Ew. Hochwohlgeboren die Versicherung, daß es mir höchst angenehm sey, eine Gelegenheit zu finden, wo ich meinen Dank für so viele Gefälligkeiten der vergangenen zwey Jahre aussprechen kann; wie denn gar manche schöne Stufe, die ich Ihrer Geneigtheit schuldig bin, bey Unterhaltung über Gebirg und Gestein vorgewiesen und dabey die Bereitwilligkeit dortiger Freunde aufrichtig zu rühmen niemals versäumt wird.
Mit dem Wunsch, Dieselben auch in den dießmaligen Sommermonaten auf das freundliche zu begrüßen, vielleicht in Pilsen selbst mich anzumelden, sey gegenwärtig geschlossen.
Mich hochachtungsvoll unterzeichnend.
Weimar [den 2.] Februar 1823.
[296] 36/241.
Es freut mich gar sehr, mein Werthester, daß in Ihre Wintertage eine so hoch erfreulich Erscheinung sich niederließ; das Bild vorzügliche Menschen, besonders wenn die Natur ihnen auch eine schöne Gestalt verleihen wollen, treu im Sinne zu hegen, ist eine schöne Gebe für's Leben, das sich nicht genug an's Würdige und Ehrwürdige anklammern kann.
Daß Sie mir von den Unbilden Ihrer literarischen Prüfungszeit Nachricht geben, ist sehr schön, denn ich hebe dadurch Gelegenheit, Ihnen einiges zu sagen und Sie auf gar manches dergleichen, das Sie in den nächsten Jahren erwartet, vorzubereiten.
Halten Sie fest an dem, was Sie Ihrer Natur gemäß fühlen, und da hier vom ästhetischen Sinn die Rede ist, prüfen Sie sich immerfort am diamantnen Schild der Griechen, in welchem Sie Ihre Tugenden und Mängel jederzeit am klarsten erblicken können.
Horchen Sie auf die Mitlebenden nur, um sie kennen zu lernen, um gewahr zu werden, was sich Ihnen nähert, was sich von Ihnen entfernt, was Sie fördert oder hindert.
Mich betreffend bleiben Sie ganz ruhig; ich weiß so wenig was für und gegen mich geschieht, als ich mitten in Deutschland von den Stürmen der Nord-[297] und Ostsee oder auch des Mittel- und adriatischen Meeres etwas gewahr werde; ich suche die vielen Vorarbeiten, die ich zu eigenem Gebrauch seit Jahren gehäuft, auch noch, in so fern es möglich ist, für andere nützlich und erfreulich zu machen und dabey solche Einrichtung zu treffen, daß so wenig als möglich verloren gehe, wenn ich früher oder später abgerufen werde.
Überhaupt kann ich wohl sagen, daß ich von allem dem, was seit fünfzig Jahren gegen mich gewirkt wird, großen Nutzen gezogen; denn ich lernte dadurch meine Nation kennen, und dieß ist auch jetzt der Fall, in so fern etwas von meinen neuen Widersachern in meine Zelle gelangt, die einsamer ist als die Ihrige; denn ich lerne ja daran die Zeitgesinnung am besten einsehen, die ich an dem, was ich auf die Zeit wirken wollte und gewirkt habe, am besten prüfen kann.
Und so fahren auch Sie fort, sich selbst gewissenhaft zu bilden und Bildung gewissenhaft mitzutheilen. Grüßen Sie den Herrn Präfecten zum schönsten, gedenken Sie mein unter den Ihrigen, indessen ich der Hoffnung lebe, bald wieder in Ihre Mitte zu treten.
aufrichtig theilnehmend
Weimar den 2. Februar 1823.
J. W. v. Goethe.
[298] 36/242.
[Concept.]
Es war mir sehr angenehm zu erfahren, daß nicht Übelbefinden, sondern eine würdige Beschäftigung, die in ihren Folgen auch mir viel Freude macht, Sie die vorige Woche in der Einsamkeit gehalten. Haben Sie Dank für die baldige Mittheilung.
Beachten Sie Beykommendes gefällig und sagen mir zunächst Ihre Gedanken. Ich wünschte daß wir wieder zusammen einen Abend zubrächten; ich sende den Bogen, sobald Sie ihn verlangen.
Mit den besten Wünschen.
Weimar den 2. Februar 1823.
36/243.
Ew. Wohlgeboren
sende hiebey einige fragmentarische Blätter, ich notirte die Einzelnheiten auf meinen Sommerreisen in Gefolge manches Gespräches, einsamen Nachdenkens und zuletzt angeregt durch Ihre Briefe. Das hier Angedeutete auszuführen, in Verbindung zu bringen, die hervortretenden Widersprüche zu vergleichen, fehlt es mir gegenwärtig an Sammlung, die ein folgerechtes Denken allein möglich macht; indessen wollte ich im nächsten [299] Hefte der Morphologie diese Blätter abdrucken lassen und Sie zu einer prüfenden Theilnahme freundlichst einladen; nun aber halte ich es für gerathener, Ihnen das Manuscript zuzusenden und Sie zu ersuchen, diese paradoxen Sätze als Text oder als Anlaß zum eigenen Betrachten anzusehen und mir einiges darüber [zu] schreiben, das ich gleichfalls in das morphologische Heft unter Ihrem Namen einrücken könnte. Ein solches Zeugniß reiner Sinn- und Geistesgemeinschaft würde mir sehr erfreulich seyn.
Der ich mit den besten Wünschen und in Hoffnung, von Ihrer fortgesetzten Thätigkeit zu vernehmen, für dießmal abschließe, nur noch für die botanische Monographie dankend, die mich zu Betrachtung der Kupfer dieses Geschlechts, welche mir unseres Fürsten botanische Bibliothek reichlich lieferte, eine Zeitlang bey diesen mir sonst nicht wohl unterscheidbaren Gestalten festhielt.
Das schönste Lebewohl.
treulich theilnehmend
Weimar den 2. Februar 1823.
J. W. v. Goethe.
36/244.
Mit herzlichem Danke für Schreiben und Sendung durch Gräfin Beust und anderes Gleichzeitige überliefere hier das gewünschte Facsimile; damit verhält [300] es sich folgendermaßen: Lord Byron beabsichtigte mir seinen Sardanapal zu widmen, er schickte das Blatt, das vorgedruckt werden sollte, nach England, man wollte mich es erst wissen lassen, das verschob und verzog sich, nun bestimmte man es für die zweyte Ausgabe des Sardanapals, und es gelangte endlich zu mir. Den Werth einer solchen zurückzusendenden Handschrift erkennend, besorgten mir schnell ein Facsimile, welches um soviel mehr bedeutet, als diese Widmung nie wird abgedruckt werden und er mir sein Trauerspiel Werner, wie ich höre, zugeschrieben hat. Sie sind überzeugt, daß ich eine solche auszeichnende Anerkennung tief empfinde und zu dem übrigen großen Capital von freundschaftlich-theilnehmendem Wohlwollen hinzufüge, wodurch mein innerstes Leben für ewige Zeiten gesichert ist.
Für Herrn Raeke sende nächstens ein besonderes Blatt, welches von der wunderlichen Symbolik zeugen mag, in die wir bey langem Leben und beharrlichem Arbeiten am Ende verschlungen werden. Danken Sie ihm schönstens; das Manuscript schicke sodann zurück.
Der Zahn des Megatherium ist höchst merkwürdig, für Deutschland überhaupt und besonders für Böhmen.
Wenn Sie meinen Elephanten-Schädel mit Herrn d'Altons Erklärung und Erläuterung noch in den 11. Band aufnehmen wollen, verbinden Sie mich gar sehr; seh ich die Platten vor mir, vernehme, was Herr d'Alton sagt, so wird das alte Interesse gewiß [301] erregt und manche Betrachtung aus der Lethe hervorgezaubert. Jetzt bin ich gar zu weit aus dem Organischen; Ästhetisches und Physisches sind die beiden Extreme, in denen ich sprungweise verweile.
Deswegen scheint auch wirklich der morphologische Theil meines neuen Heftes eher mager zu bleiben, und es ist mir schon einigemal in Sinne gekommen, meine werthen Freunde um Succurs anzurufen. Ich will es auch gleich aussprechen, was mir im Gedanken liegt; wäre es Ihnen und Herrn d'Alton gefällig, zu meinen Zwecken mitzuwirken, so wäre es erfreulich und ermunternd; nur Manuscript zu wenigen Octavblättern, es sey im Allgemeinen oder im Besondern, würde mich zu neuem Zutrauen stählen; ich hoffe dergleichen noch von wenigen Freunden und versehe mich auch hiedurch gern mit einem Zeugniß, wie ich mit den Heften der Nation im besten Verhälniß stehe.
Der erste Aushängebogen der Morphologie folgt nächstens. Möge er zum Faden, zum Stäbchen dienen, woran sich der Freunde Wohlwollen crystallisirt.
Kann ich einen Abdruck meines Bildes von Dawe beylegen, so thue ich es gern; diese Abbildungen sind ja nicht der Mensch, der Freund, sondern wie er einmal dem oder jenem erschienen ist und wie ihn dieser oder jener nachzubilden Lust oder Talent hatte.
Mit meinen ersten Exemplaren bin ich unhaushälterisch verfahren; nun muß ich die in Anspruch nehmen, die manchmal hier niedergelegt sind. Wunderlich genug, [302] daß dieses auch als Kunstwerk lobenswürdige Blatt in Deutschland völlig unbekannt geblieben.
Was die Jenaische Zeitung mir von Ihnen bringt, sey durchaus willkommen; der Einklang unseres Denkens und Wirkens ist zu entschieden, als daß nicht jede Äußerung davon Zeugniß geben sollte.
Die Rolle ist einige Posttage liegen geblieben und so konnte mehreres als ich dachte beygefügt werden. Möge alles freundliche Aufnahme finden und eine baldige Erwiderung in den wachsenden Tagen mich ergötzen.
und so für und für!
Weimar den 2. Februar 1823.
G.
36/245.
Ew. Hochwohlgeboren
mir jederzeit willkommenes Schreiben war es dießmal doppelt, weil es mir Herrn Dr. Adrian um soviel näher führt. Die Frankfurter Freunde sagten mir von ihm das Allerbeste nun durch Ihr Zeugniß und durch seinen Brief ferner sich bethätigt.
Das an ihn beygelegte Schreiben sagt das Weitere und ich bin überzeugt, daß seine Antwort mich völlig gewinnen wird, alsdann möchte es Zeit seyn, von[303] einem Unternehmen zu sprechen, welches allerdings von Bedeutung ist.
Der ich mit den besten Wünschen und Versicherung treuer Anhänglichkeit mich bestens empfehle.
Gehorsamst
Weimar den 3. Februar 1823.
J. W. v. Goethe.
36/246.
[Concept.]
Ihr kleines Heft, mein Werthester, führte mir am ruhigen Winterabende die griechischen Priesterinnen, wie ich sie wohl gerne sehen mochte, anständig vorüber.
Manches kannt ich, manches erfuhr ich und gewahrte beides in mäßiger freundlicher Darstellung. Ich erkundigte mich nach Ihnen, weil es mir wünschenswerth schien, in dieser verworrenen Zeit einen wohl unterrichteten, sinnigen, ruhig und bedächtig vorschreitenden jungen Mann näher zu kennen, für den mich besonders der Umstand einnahm, daß ich weder mystisches Pfaffenwesen noch Etymologie noch Lüsternheit bemerken konnte.
Da Sie sich nun glücklicherweise mir selbst nähern und überdieß ein geschätzter und geprüfter Mann Sie einführt, so freue ich mich gar sehr der neuen Aussicht auf einen jungen Freund, mit dem ich harmonirend wirken könnte, wonach ich jeden Tag trachten[304] muß und kaum zu hoffen wagte. Sagen Sie mir daher von Ihrem Thun, von Ihren Aussichten das Hinreichende, damit ich das Weitere bedenke und mich dar über ausspreche. Mehr sag ich nicht, damit die Einleitung nicht vorschreite dem Wünschenswerthen.
Weimar den 3. Februar 1823.
36/247.
Hab ich Ihnen, mein Werthester, unter den verschiedenen Sendungen ein Heft griechischer architektonischer Alterthümer zugesandt, so erbitte mir solche zurück; es gehört dem Oberbaudirector Coudray.
Das Beste wünschend.
Weimar den 3. Februar 1823.
G.
36/248.
[Concept.]
Gibt es eine Zeit des Schweigens, so muß es ja wohl auch eine Zeit des Mittheilens geben. Zu Anfang dieses Jahrs denk ich an so manche Unterlassungssünden des vorigen; ich will sie nicht entschuldigen, aber sage doch soviel, daß ein paar Monate auswärts zugebracht uns in neue Verbindung und Obliegenheit verwickelt, aus denen wir uns im [305] Spätherbst und Winter besonders in meinen Jahren so leicht nicht heraushelfen.
Beykommende Rolle liegt schon fast ein halbes Jahr vor mir; ich sende sie gegenwärtig, um so lieber, da unser verehrtester Herr Präsident derselben vielleicht an einem Wintertage größere Aufmerksamkeit schenkt. Man hat, wie Sie, mein Theuerster, sehen werden, die einem Facsimile sich nähernde Vergleichung aufgegeben und ist so weiter fortgeschritten; der geschickte junge Mann hielt inne, da das Bibliotheksgeschäft, bey dem er angestellt ist, schärfer angegriffen wurde; ich habe ihm 8 Thaler unseres Geldes darauf gezahlt, welches ohngefähr 13 1/2 fl. rheinisch betragen möchte. Nach einem Überschlag, den ich ihn machen ließ, würde das Ganze etwa 52 rh., ohngefähr 8 Carolin zu stehen kommen. Zu einer zweyten Abschrift kann er sich nicht entschließen und dürft es auch nicht wohl bey den Forderungen des Bibliotheksgeschäftes an seine Zeit; auch würde, da ohnehin nur für dir Zukunft vorgearbeitet wird, eine kleine Retardation vergönnt seyn.
Möchte unterdessen dieser Abschnitt geneigt aufgenommen und das Weitere nach Befinden beschlossen werden.
Ihrem Herrn Bruder, von dessen Wohlbefinden Herr Graf Reinhard mir das beste Zeugniß gegeben, bitte mich schönstens zu empfehlen; seine frühern Wünsche sind mir nicht aus den Gedanken gekommen und ich hoffe, sie nächstens erfüllen zu können.
[306] Behalten Sie mir ein geneigtes Andenken auch in Entfernung und Schweigsamkeit.
Weimar den 3. Februar 1823.
36/249.
Mit herzlichen Dank, theuerster ältester Freund, für deine lebhafte und motivirte Theilnahme sende den Triumph des Paulus Aemilius, aus Plutarch übersetzt. Hier wird ein fürchterliches Gedränge der Einbildungskraft vorbeygeführt, wie es auf den Bildern den Augen dargestellt ist, welche gelegentlich wiederzusehen dich gewiß freuen wird. Auch lege Riemers neustes Gedicht bey, welches, von Musik begleitet, am 2. Februar sehr gut aufgenommen worden.
Über die häuslichen Angelegenheiten melde nächstens wenigstens nicht ganz Unbefriedigendes und Aussichtliches, indem ich den gegenwärtigen Zustand sämmtlicher Interessenten gar wohl einsehe.
Mit Gruß und Wunsch.
for ever
Weimar den 5. Februar 1823,
G.
36/250.
Beykommende kleine Aufsätze wären, wie mir scheint, noch einmal ernstlich durchzudenken, denn sie [307] enthalten Stoff der vielfach anregt. Mögen Sie solche durchgehen und Ihre Gedanken dabey eröffnen, daß weder zu wenig noch zu viel geschehe.
Sollten Sie das was Sie über Schrift- und Redestyl, welcher letztere Miene, Ton, Gebärde fordert, anstatt daß der erste durchaus mit dem Denken vertragen muß, einige Worte schriftlich aussprechen, so würde dieß ein Schmuck des nächsten Stückes werden.
In Hoffnung baldiger Zusammenkunft.
Weimar den 5. Februar 1823.
G.
36/251.
[Concept.]
Ew. Wohlgeboren
geneigtes Schreiben erwidere durch die mir zugegangene Notiz auf folgendem Blatt, wobey ich denn auch die dort angegebene kleine Summe hinzufüge. Sollte das Manuscript und die Kupfertafeln zu weiterm Gebrauch verlangt werden, so können solche sogleich abgehen.
Sehr unangenehm war mich in der Hoffnung getäuscht zu sehen, daß Sie die Kälte glücklich überstanden hätten, da ich selbst Unerfreuliches dabey empfunden und mich mehrmals hin- und widerflüchten müssen. Erholen wie uns von diesen Unbilden desto [308] froher in diesen eingetretenen leidlichen Tagen, einem erquicklichen Frühjahr entgegensehend.
Mit den treusten Wünschen.
Weimar den 9. Februar 1823.
36/252.
Ew. Wohlgeboren
haben Serenissimo ein Schreiben von Herrn Thienemann aus Leipzig nebst einem Verzeichnisse isländischer und norwegischer Naturalien übersendet, welches beides von Höchst Denenselben an mich abgegeben worden mit gnädigster Resolution, daß Höchst Dieselben geneigt wären, einen Theil der Naturalien für das jenaische Kabinett anzuschaffen und zwar von folgenden Rubriken:
1) Säugethiere, wofür gefordert wird36Rthlr.
2) Vögel186"
3) Eier40"
4) Pflanzen30"
292Rthlr
Da jedoch Ihro Königliche Hoheit nur die Summe von 150 Rthlr. so ersuche ich Dieselben, mit dem Besitzer deshalb Rücksprache zu nehmen, wie allenfalls eine Übereinkunft zu treffen wäre, da Ihro Königliche Hoheit eine sehr gute Meynung von [309] Herrn Thienemann haben und demselben gnädig zugethan sind. Bey dieser Gelegenheit mich nach Ihrem Wohlbefinden erkundigend und zugleich anfragend, ob vielleicht ein säulenförmiges Eis auch bey diesem Froste sich möchte wiedergefunden haben.
Mich zu geneigtem Andenken bestens empfehlend und der neulich lehrreich vergangenen Tage mich mit Vergnügen erinnernd.
ergebenst
Weimar den 9. Februar 1823.
J. W. v. Goethe.
Schreiben und Verzeichniß leg ich wieder bey, weil sie zu näherer Bestimmung des Geschäftes dienen können, erbitte mir aber solche sodann wieder zurück.
36/253.
[Concept.]
Ew. Hochwohlgeboren
übersende, nur allzu spät, die früher angemeldeten Bände, mit dem Wunsch, daß auch Ihnen Anklänge an Erfahrung und Überzeugung daraus hervorgehen mögen.
Das ungleiche Papier, das selbst Entschuldigung bedarf, entschuldige das Verspäten; es war nicht mehr möglich, ein ganz gleiches Exemplar zusammenzubringen.
[310] Noch eine Retardation meines Schreibens und Sendens darf ich wohl aufrichtig aussprechen: ich wünschte Ihrem höchst willkommenen Werke einiges Einzelne bekräftigend zu erwidern; dieß wollte mir nicht sogleich gelingen; nun aber kann ich sagen, daß bey fleißigem und aufmerksamen Lesen in diesen Winterabenden ich aus der Lethe meiner Vergangenheit recht Erfreuliches zu diesem Zweck herausgefischt habe, worunter ich eine ganz befriedigende Auflösung des Räthseltempels zu Puzzuol, wovon ich Zeichnung und Erklärung in meinen Papieren fand, wohl zuerst nennen darf. Die Blätter datiren sich. Neapel, Sonnabend den 19. May 1787, also nach meiner Rückkehr von Sicilien; ich ließ bey'm Abdruck meiner Reisebeschreibung diese Stelle weg, weil ich ein Kupfer dazu nothwendig fand. Die von einem Architekten deshalb entworfene Tafel liegt schon einige Jahre unter andern Papieren und wäre ohne Ihre Anregung vielleicht verloren gegangen. Es läßt sich die Erscheinung gar wohl örtlich deuten, ohne daß man das Mittelmeer, seit den Zeiten Diocletians, etliche und dreyßig Fuß über sein Niveau bey Puzzuol zu bemühen braucht. Wunderlich genug, daß gewisse Köpfe solche desperate Erklärungsweisen für ganz bequem und natürlich finden. Ich müßte den übrigen Raum dieses Blatts mit Ausrufungszeichen füllen, wenn ich meine Besinnungen über die desperaten Erklärugsweisen auszudrücken [versuchte], womit bald [311] ganze Reiche erhoben, bald das Meer aufsteigend, bald Continente zum Versinken verdammt werden; ist mir's doch, als wenn Neptun und Pluto nach Christi Geburt mit einander wetteiferten.
Ew. Hochwohlgeboren haben das große Verdienst, diese Thorheiten mit größter Mäßigung zur Sprache zu bringen, und es muß ein jeder Sinnige für Pflicht halten, sich an Sie anzuschließen. Was ich in meinem neusten Hefte zur Wissenschaftslehre hierüber zu äußern gedenke, sende vorher im Manuscript, um mich einer so werthen Mitwirkung zu erfreuen. Mögen Ew. Hochwohlgeboren auch hierin Anerkennung, Vertrauen und Werthschätzung gewahr werden und freundlichst aufnehmen, die ich Denenselben von jeher gewidmet habe.
Weimar den 9. Februar 1823.
[263] 35/224.
Wegen des fraglichen Geschäftes vermelde folgendes; bey der Bibliothek ist jetzt für unsern Freund keine Zulage zu bewirken, soll aber jene Veränderung und Absonderung sich nöthig machen; so kann ich über funfzig Thaler jährlich disponiren, gäbe der wohlmeynende Erbgroßherzog auch so viel, würden die hundert Thaler beysammen seyn. Der Prinz besucht Euch nächstens und da wäre die Bitte wohl anzubringen. Von Osten anliesse sich der Termin, also Johanni zum erstenmal, gar wohl bestimmen. Alles Gute.
W. d. 9. Febr. 1823.
G.
[311] 36/254.
[Concept.]
Ew. Wohlgeboren
sende nach eigenem Verlangen das mitgetheilte Manuscript eilig zurück, da es mir unmöglich fällt, in meiner Lage etwas nach Ihren Wünschen zu bewirken; deshalb mir nichts übrig bleibt, als mein Beyleid zu bezeugen und zu hoffen, daß sich Ihnen sonstige Aussichten eröffnen möchten.
Weimar den 14. Februar 1823.
[312] 36/255.
[Concept.]
Ew. Königlichen Hoheit
wage aus dem tiefsten katarrhalischen Zustande ein anmuthiges Werk vorzulegen welches, wenn nicht bekannt, gewiß einen erfreulichen Anblick gewähren wird.
Womit mir die Erlaubniß erbitte, nächstens noch manches andere schuldigst bey- und nachzubringen.
Weimar den 14. Februar 1823.
36/256.
Durchlauchtigste Erbgrosherzoginn,
gnädigste Fürstinn und Frau.
Ew. Kayserlichen Hoheit von fern und nah zum Heutigen schönen Tage die treuempfundenste Verehrung darzubringen gereicht mir, in meinen abgesonderten Zuständen zur größten Freude.
Mögen Ihrem weitumfassenden Geist, Ihrem weitausgreifenden und wirckenden Gemüth diejenigen nicht fern seyn die das herrliche Fest in stiller, frommer Eingezogenheit begehen.
Und wie Höchsderoselben gnädig freundliche Gegenwart dem böhmischen Winter Blumen zu erschaffen [313] wußte; also möge dieselbe Sonne ferner immerfort meinen Winter mit wohlthätiger Einwirckung beleben!
Verehrend,
unterthänigst
Weimar d. 16. Februar 1823.
J. W. v. Goethe.
36/257.
Mit freundlichstem Ersuchen, beykommenden trefflichen Aufsatz nochmals durchzugehen und zu prüfen, in wie fern der Abschreiber das Seinige geleistet.
Weimar den 15. März 1823.
G.
36/258.
Herr Soret kündigt mir einen Petersburger Reisenden an, der etwas vom Herrn von Köhler bringt; zugleich aber lithographische Blätter mit sich führt, von denen man das Beste sagt. Sie kommen um halb 1 Uhr zu mir. Vielleicht können Sie sich ein halb Stündchen abmüßigen; es wäre doch hübsch, wenn Sie auch diese Arbeiten beurtheilen könnten.
Weimar den 22. März 1823.
G.
[314] 36/259.
Erstes Zeugniß
erneuten Lebens und Liebens
danckbar anhänglich
[Weimar de 23. März 1823.]
J. W. v. Goethe.
36/260.
Da bey diesem Bogen ein besonderer Fall eintritt, lege ich mein Revisions-Exemplar bey und bemerke Folgendes: Auf Seite 31. muß das Wort: Erwiederung eingeschaltet werden, wie ich es eingeschrieben. Damit dieses schicklich geschehen könne, thu ich den Vorschlag, auf der vorhergehenden 30. Seite den mit der sechsten Zeile sich abschließenden Paragraph mit zwey Gedanken-Strichen zu endigen, den Unterscheidungsstrich wegzunehmen, den Paragraph: Der Mensch pp um zwey Zeilen höher zu rücken, mit den zwey ersten Zeilen der 31. Seite herüber zu gehen und so Platz für das Wort Erwiederung zu gewinnen, welches keine größere Lettern braucht als das Wort Probleme auf der 28. Seite, Zeile 5 von unten. Wenn Sie als ein typographisch Erfahrener diesen Vorschlag billigen, so bitte hiernach [315] zu corrigiren, wo nicht, mir Ihre gefällige Meynung zu eröffnen.
Das Beste wünschend.
Weimar den 28. März 1823.
G.
36/261.
Ew. Königliche Hoheit
haben wohl schon vernommen, daß unser guter Posselt aus dem Reiche der Lebendigen geschieden ist. Indem wir seinen Verlust betrauern, haben wir auf die Wiederbesetzung seiner Stelle zu denken.
In dem Verhälnisse, in welchem Höchst Dieselben zu Staatsminister von Lindenau stehen, werden wohl von demselben die besten Vorschläge und Anleitungen zu erwarten seyn, da wir denn in unserer Lage vorzüglich einen tüchtigen vorurtheilsfreyen Meteorologen zu wünschen hätten.
Was die Anstalt selbst betrifft, so war schon vorläufig Vorsorge getroffen und wird sogleich das weiter Nöthige verfügt und angeordnet werden.
unterthänigst
Weimar den 31. März 1823.
J. W. v. Goethe.
[1] 37/1.
Ew. Königliche Hoheit
lege im Namen des Professor Büschings in Bresslau die nochmalige Darstellung des Schlosses Marienburg zu Füßen. Die deutsche Buchbinderkunst scheint der englischen nacheifern zu wollen.
Zugleich liegen einige Hefte bey, deren Inhalt, wie ich weiß, früherhin Höchstdieselben interessirte.
Mich zu Hulden und Gnaden empfehlend.
unterthänigst
Weimar den 1. April 1823.
J. W. v. Goethe.
37/2.
Hier, mein Theuerster, eilig damit die Post nicht Versäumt werde, der schönste Dank für deine Charwoche, an der du mich so lebhaften Theil nehmen lässest. Hiebey ein kleines Gabelfrühstück, woraus du dir etwas deinem Gaumen Willkommenes ausstochern wirst. Lebe wohl und pausire nicht zu lange im Mittheilen.
treulichst
Weimar den 2. April 1823.
G.
[2] 37/3.
Nur mit wenigen Worten herzlichen Dank für alle Theilnahme, ingleichen für das liebenswürdige Gedicht, das die Jahreszeiten sehr angenehm ankündigt und die Menschen auf den Gott an der Natur gar schön hinweist.
Zugleich meine besten Glückwünsche zu dem erfreulichen Zustand, in welchem sich Carl befindet: ich kann mir übrigens recht gut denken, wie seine Persönlichkeit in einem so hohen und doch so natürlichen Kreise willkommen seyn mußte. Grüße die lieben Deinigen und gedenke mein.
treulichst
Weimar den 2. April 1823.
G.
37/4.
[Concept.]
Ew. Wohlgeboren
verfehle nicht anzuzeigen, daß das im Innern so bedeutende und auch im Äußern so wohl ausgestattete Werk glücklich angekommen und von Serenissimo freundlichst aufgenommen worden. Es freut mich, daß ich bey dieser Gelegenheit, nebst dem allerbesten Dank, Serenissimi wohlgeratenes Bildnis zugleich[3] übersenden kann, und sage nicht mehr, als daß dieses eins der ersten Geschäfte ist, die mir seit meiner Wiedergenesung aufgetragen worden und daher doppelt angenehm.
Mögen Sie zu meiner Beruhigung und Legitimation, nur mit wenig Worten, die Ankunft des Gegenwärtigen Vermeiden, so werd ich es dankbarlichst erkennen. Wie ich denn unter Versicherung aufrichtiger Theilnahme mich hochachtungsvoll unterzeichne.
Weimar den 6. April 1823.
37/5.
Ew. Hochwohlgeboren
verzeihen geneigtest bey'm Anblick des Vorliegenden mein langes Schweigen und scheinbaren Undank. Sie sehen, wie mich Ihre wichtige Gabe sogleich beschäftigt, wozu sie mich aufgefordert, und ermessen hiernächst wie ich von einer so schweren Aufgabe, nach verwegenem Angriff, mich doch wieder zurückziehen mußte. Auf einem geschriebenen Blatt lege indessen vor Augen, was ich, in dem gegenwärtigen Hefte, wovon dieß die ersten Aushängebogen sind, noch weiter nachzubringen gedenke; in Erwartung ob ein glücklicher Augenblick jenes Unternehmen wohl fördern möchte. Was aber auch auf diesem Wege von mir geleitet worden, es möchte doch die Freunde der alterthümlichen Dichtkunst [4] einigermaßen auf dieß herrliche Werk aufmerksam zu machen geeignet sehn.
Auch muß ich vermelden, daß vor kurzem mir das höchst schätzbare Programm über die Tetralogien der Alten in die Hände gelangt, wodurch ich veranlaßt worden, einige neuere Beyspiele solcher unzusammenhängend gesteigerten theatralischen Darstellungen in's Gedächtniß zurück zu führen und an dasjenige, was Ew. Hochwohlgeboren behaupten, unmittelbar anzuknüpfen.
Ich schließe mit der Bitte mir doch Günstig alles, was in dieser Art von Ihnen ausgeht, ungesäumt gefälligst mitzutheilen, weil es mir immer neue lebendige Veranlassung gibt, dasjenige wieder vortreten zu lassen, was sich bey mir vielleicht in den tiefsten Hintergrund Zurückgezogen hat.
Unbemerkt möge übrigens nicht bleiben, daß gegenwärtiger Brief mit zu der ersten Sendung gehört, die ich nach meiner Wiederherstellung ausfertige; Ihres freundschaftlichen Antheils an der glücklichen Auflösung eines so schweren pathologischen Räthsels gewiß, empfehle mich zum wohlwollenden Andenken.
gehorsamst
Weimar den 6. April 1823.
J. W. v. Goethe.
[5] 37/6.
[Concept.]
[Etwa 9. April 1823.]
Ew. Wohlgeboren
früheres Schreiben nebst der interessanten Tabelle ist mir seiner Zeit als dem Vorgesetzten der jenaischen Sternwarte zu Handen gekommen, und mich hat die Äußerung: daß doch der großen Bedeutsamkeit des Barometerwechsels mehr Aufmerksamkeit möge gewidmet werden, sehr erfreut, sie trifft mit meiner Überzeugung völlig zusammen. Die ganz außerordentliche Congruenz des Quecksilberstandes in verschiedenen Höhen deutet auf eine gemeinsame Ursache. Wie ich darüber denke, zeigt beykommende Abschrift eines Druckbogens welcher nächstens im wissenschaftlichen Hefte öffentlich erscheinen wird. Möge die beyliegende Tabelle Übereinstimmung und Abweichung der Quecksilber-Bewegung noch mehr bethätigen und dem hypothetisch Ausgesprochenen ein Gewicht zulegen.
Die mitgetheilte höchst interessante Tabelle habe Herrn Professor Posselt übergeben, nach seinem höchst bedauerlichen tödtlichen Hintritt kommt sie durch meine Hand mit vielem Dank zurück.
Sollten Ew. Wohlgeboren Barometerbeobachtungen besonders von solchen Gegenden besitzen, die mehr als 2000 Fuß über der Meeresfläche angestellt worden, und wollten selbige mittheilen, so würde es zu weiterer Vergleichung erwünschten Anlaß geben.
[6] 37/7.
[Concept.]
Ew. Wohlgeboren
überraschend angenehme Nachricht fordert mich zum gefühltesten Dank auf; Sie haben den Antheil an meiner Wiedergenesung in fernen Land, in so würdiger Gesellschaft erregt, daß dadurch für mich ein ganz eigenes glückliches Ereigniß entspringt. Wie sehr ich diese Geneigtheit zu schätzen weiß, davon möchte Dieselben durch irgend eine Gefälligkeit überzeugen.
Der ich in Hoffnung des zugesagten Diploms mich fernerem geneigten Andenken empfohlen wünsche.
Weimar den 9. Apri1 1823.
37/8.
Höchst erquicklich waren mir die lieben Gedichte, höchst erfreulich die Nachricht von dem Doppelfeste; möge mir in dem erneuten Leben Ihre freundschaftliche Neigung für und für erhalten seyn.
Und nunmehr im Vertrauen das Bedeutendste, dessen ich nur in stiller Bescheidenheit zu erwähnen mich getraue.
Sogleich am zehnten Tage, als mein körperliches Daseyn den Ärzten gerettet schien, dacht ich an den[7] Erzbischof von Toledo und that im Stillen die Frage: ob mich wohl das große allwaltende Wesen, in gleichem Falle, für gleichem Schicksal bewahr haben möchte?
Wohl überzeugt, daß niemand außer mir selbst die Antwort hierauf ertheilen könne, fing ich an, obgleich ohne Scheu und Sorge, mein geistiges Wesen, wie es konnte und wollte, für sich walten zu lassen. Sie gestehen mir gewiß, daß es eine schwierige Sache ist solche psychische Beobachtungen gegen sich selbst auszuüben, indessen scheint es wohl zu gelingen; ich arbeitete zuerst das nächste aufgeschwollene Gleichgültigere weg, die abschließliche Redaction der Hefte, deren Druck während meiner Krankheit fortgegangen, deutete mir nach allen Seiten; in verschiedenen Fächern unterstützten die Freunde mich thätig, und so habe ich mich mit jedem Tage freyer und heiterer befunden, ja viel glücklicher und entschiedener als vor dem Eintritt der Krankheit, von der ich denn doch einige Vorahndung hatte, ohne zu wissen, wie ich ihr entgehen oder ihr vorbeugen sollte.
Nehmen Sie dieses Bekenntniß, mein Theuersten so freundlich auf, als es mir wichtig scheinen muß denn in dieser letzten Zeit war doch nur eine geistige Unterhaltung nach allen Seiten mein einziger Genuß, ja das Element meines Daseyns, worauf zu verzichten schwer gefallen wäre. Wir wollen indessen in Demuth und Bescheidenheit dem Fernern entgegen gehen, was uns die Unerforschlichen zubereitet haben mögen.
[8] Beyliegendes Gedicht gibt zu erkennen, daß es eines bedeutenden Seitensprungs bedurfte, um dem Tartaren aus dem Wege zu kommen und ihm noch eine Weile hintennach zu sehen. Das nächste Stück von Kunst und Alterthum bringt noch mancherley, das ich Ihnen und Ihrer theuren Gräfin Tochter, so wie mich selbst, bestens empfehlen darf.
and so for ever
treulichst
Weimar den 10. April 1823.
J. W. v. Goethe.
37/9.
Und so will ich denn wieder einmal mich unmittelbar vernehmen lassen und schönstens danken für das, was bisher durch meinen Sohn und sonst an mich gelangt ist. Von Ihrer Theilnahme an meinem unerwarteten Geschick war ich überzeugt, und eben so gewiß wird es Ihnen seyn, daß ich bey dem ersten Erwachen in's neue Leben Ihrer vorzüglich gedacht habe.
Doppelt und dreyfach empfand ich den Werth trefflicher jüngerer Männer, denen ich so gern im Gedanken folge, weil sie in einem Sinne vorschreiten, den ich für den rechten halten muß, weil es der meinige ist; lassen Sie uns immerfort redlich nach [9] den verschiedensten Zwecken die doch am Ende nur als einer anzusehen sind, getrost hinwirken.
Wahrscheinlich haben Sie schon, wie sonst durch Aushängebogen erfahren, daß Kunst und Alterthum immer vorschreitet. Bald nach meiner Genesung gelangte ich wieder zu Betrachtungen unserer altdeutschen Baukunst, daraus entsprang ein kleiner Aufsatz, dem ich Ihre Billigung wünsche. Nach meiner Überzeugung muß man das Publicum, das gegen diese Gegenstände sich schon zu verkühlen anfängt, mit erneuter Erinnerung in Aufmerksamkeit erhalten. Im vorigen Stücke war eine allgemeine Anzeige des Inhalts Ihres Unternehmens; dießmal ist die Absicht, ein einleitendes kurzes Vorwort aufzustellen, und so werden wir immer theilweise vorwärts gehen; der Artikel kann in meinen Heften stehend werden, und nach und nach läßt sich alles aussprechen, was zu sagen ist.
Hiebey liegt ein Päckchen, dem in sonderbares Schicksal bereitet war. Sobald ich einigermaßen mich umsehen und einiges anordnen konnte, ließ ich den von Herrn Jäger verlangten Carlsbader Catalog vorläufig abgehen. Der Scharfblick Stuttgarter Postofficianten unterschied nicht das kleine e über dem a und ihre Sagacität stieß sich an den Titel, den sie im Staatskalender nicht finden mochten. Und so muß denn das Heftchen den Weg zweymal machen, den ich einmal zurückzulegen gar wohl zufrieden gewesen wäre. Denn ich vernehme so manches Gute und Schöne von [10] Ihrer Einrichtung, sowie von neuen Acquisitionen, daß ich von so viel Gutem auch einmal Zeuge seyn möchte. Leider aber zaudert man so lange in der Welt, ohne zu bemerken, daß die Beweglichkeit nach und nach sich verliert, bis wir uns in einem ganz engen Kreis eingeschlossen fühlen. Zum Glück, daß eine geistige Wirkung in die Ferne noch lange genug offen bleibt. Lassen Sie uns diesen Vortheil möglichst benutzen.
Denen Herren v. Cotta und Adrian vermelden Sie ja wohl meine besten Grüße; bleiben Sie allerseits versichert, daß mich Ihre Theilnahme herzlich rührt und erquickt, doppelt und dreyfach, da sie mich gleicher Wohlthat für's künftige Leben versichert. Doch hab ich allzu viel um mich her aufzuräumen und zu beseitigen, deshalb mich zu entschuldigen bitte, wenn meine Erwiderung nicht, wie sie sollte, sich lebhaft erweist.
treulichst
Weimar den 10. April 1823.
J. W. v. Goethe.
37/10.
Nicht ganz leer wollte ich vor Ihnen, theuerster Freund, erscheinen; hier folgen daher einige Bogen, während meiner Krankheit abgedruckt. Mein Vorsatz, von Ihren mitgetheilten Bemerkungen Gebrauch zu machen, war dadurch vereitelt, und bewahre solche zu [11] Nachträgen, deren Forderung man sich nicht verläugnen kann.
Indessen sind die Hefte durch Freundes Theilnahme vorgeschritten, und ich habe sowohl für Kunst und Alterthum, als für das Wissenschaftliche mehr Manuscript, als ich bedarf und bin wegen des Auslesens beynahe in Verlegenheit. Mögen diese ersten Zeugnisse meiner Wiedererstehung auch Ihnen freundlich willkommen seyn.
Die treffliche Dame ist mein Ergötzen und jedermannes; auch Meyer, nach genauer Untersuchung, rühmt den Restaurator. Wie viel Dank sind wir Ihnen deshalb schuldig, daß Sie uns die Augen über diesen Schatz eröffnen und zugleich dessen Genießbarkeit thätig bewirken wollen.
Über das gefleckte Fellchen, das über der Schulter hängt, haben wir weitere Untersuchung angestellt; wir finden noch drey Beyspiele in Portraiten aus dem Anfange des sechzehnten Jahrhunderts; fragen Sie doch Herrn Professor Lichtenstein, mit meiner schönsten Empfehlung, ob ihm so kleine Panther bekannt seyen, ohngefähr in der Größe einer mittlern Katze. Ich hege den Gedanken, daß es junge Thiere sind, deren Felle durch venetianischen oder genuesischen Handel in jener Zeit nach Ober-Italien gekommen; man muß sie aber rar gehalten und kostbar geachtet haben, daß die höhern Stände sich damit schmücken mögen.
Der Gedanke, dem Sie Beyfall gaben den Barometerwechsel einer veränderlichen Schwerkraft der Erde[12] zuzuschreiben, erlaubte mir schöne Ableitungen; wir geben nächstens eine graphische Darstellung von Boston bis nach Tepl, von der Meeresfläche bis etwa 2000 Fuß drüber. Die Vergleichung gibt die herrlichsten Ansichten und vindicirt dieses Phänomen ganz dem Erdball. Dem sey, wie ihm wolle und wäre es ein Irrthum, so ist er fruchtbar.
Von vielen andern Dingen hätte ich noch zu sagen, doch mögen sie nach und nach hervortreten soviel aber muß ich melden, daß mein körperliches Befinden mich mit jedem Tage aufnimmt, und daß meine geistige Thätigkeit sich so erweist, daß ich sie eher zurückhalten als antreiben muß; ich bin zu allem weit besser disponirt als in der letzten Zeit vor meinem Übel, das ich herankommen fühlte, ohne zu wissen, wie ihm vorzubeugen.
Nehmen Sie nun das schönste Lebewohl und lassen Sie von Zeit zu Zeit uns in Zeit briefliches Gespräch treten; es muß ja nicht immer ausführlich seyn, und in unterer Lage gibt es doch jederzeit etwas der Mittheilung Würdiges.
Da mir der in diesen Tagen gehoffte Aushängebogen ausgeblieben ist, so laß ich doch Gegenwärtiges abgehen, damit die eingetretne Pause sich nicht noch länger ziehe.
liebend und verehrend
treulichst
Weimar den 10. April 1823.
J. W. v. Goethe.
[13] 37/11.
Mögen Sie, mein Werthester, Beykommendem einige Aufmerksamkeit schenken, zugleich dem Sinne wie dem Vortrag. Sie werden mir in einer so bedeutenden Angelegenheit einen besonderen Gefallen erweisen.
Weimar den 11. April 1823.
G.
37/12.
Ew. Wohlgeboren
verfehle nicht zu vermelden, daß Herr Hoym aus Dänemark seiner Zeit glücklich angekommen und ich ihn, da ich mir es eben zumuthen konnte, eine kurze Zeit, gesprochen; ich habe an ihm einen ganz wackern jungen Mann gefunden, und unser Hofrath Meyer, der ihn öfter gesehen, gibt ihm auch das beste Zeugniß und hat ihn gewiß in seinem Fache gefördert.
Für Ew. Wohlgeboren Theilnahme an meiner Wiedergenesung danke zum allerbesten; bey meinem Wiedereintritt in's Leben erfreut ich mich doppelt und dreyfach derjenigen Männer, welche auf so trefflichem Weg sind, und fand es höchst wünschenswerth, noch eine Zeitlang in ihrer Nähe zu verweilen und Zeuge von ihren Fortschritten zu seyn.
Zugleich sey mir eine Anfrage erlaubt, ob die den 12. März von hier abgegangene, für die Morphologie[14] bestimmte Zeichnung richtig zu Ihnen gelangt ist, und ob ich hoffen kann, die erbetene Kupfertafel bald zu erhalten? Der verdienstvolle Aufsatz ist abgedruckt, und die Hefte gehen ihren gemessenen Schritt vorwärts.
Sehr gern würde ich ein Trinkglas, wie Sie bey mir gesehen, überlassen, wenn noch eins vorräthig wäre; das vorgezeigte ist mein letztes; sie sind überhaupt seltener, als ich anfangs dachte; bey meinem vorjährigen Aufenthalt in Böhmen konnte keins erlangen. Indessen sende nächstens auf eben die Weise getrübte Glasscheiben, welche dieselben Phänomene, nur nicht mit solcher Anmuth, vor Augen bringen; ich füge noch einige Bemerkungen alsdann hinzu.
Der ich mich auf's neue zu fortdauerndem wohlwollenden Andenken, so wie zu gelegentlicher Mittheilung schönstens empfohlen haben will.
ergebenst
Weimar den 14 April 1823.
J. W. v. Goethe.
37/13.
Nur wenig Worte als Zeichen erneuten Lebens und Liebens. Tausend Dank für herzliche Theilnahme in Leid und Freud, mit dem bringenden Wunsche, bald wieder von den Freunden Gutes zu vernehmen. Wie befindet sich Marianne? Ich höre, sie litt einige Zeit.
[15] Möge das Frühjahr uns Allen fröhlich und heilsam werden!
Treulichst
W. d. 14. Apr. [1823.]
Goethe.
37/14.
Ew. Wohlgeboren
herzlicher Theilnahme an meiner gefährlichen Krankheit und deren glücklicher Wendung war ich überzeugt und der Ausdruck Ihrer Gesinnungen in einem gefühlvollen Schreiben wahrhaft rührend; denn in solchen Augenblicken empfindet man erst den hohen Werth eines thätig übereinstimmenden Zusammenseyns. Lassen Sie, was an uns ist, die gegönnten Tage mit Freudigkeit, zu dem so lange verfolgten edler Zweck, treulich benutzen.
Wollen Sie ein schriftlich Diplom für Ihre Majestät den König von Bayern entwerfen und es mir baldigst herüberschicken, so könnte es diesem Wissenschaft liebenden Herrn wohl schicklich bey seiner Anwesenheit in Jena überreicht werden; wir ließen es durch Compter auf einen schönen Velinbogen schreiben, unterzeichneten es eigenhändig, und so dürften wir eine gnädige Aufnahme hoffen. Eine cylindrische Kapsel bestellen Sie gleichfalls. Was den Kronprinzen von Schweden betrifft, so wollen wir dieses nachher bereden.
[16] Die merkwürdigen und folgereichen Briefe sende hiebey dankbar zurück; die Zunahme von freudigen Gebern ist auf alle Weise anzuerkennen.
Auch ohne mein Erinnern werden Sie zur Ankunft Ihro Majestät des Königs und wahrscheinlich aller hohen Herrschaften gewiß alles in der schönsten Ordnung bereit halten.
Mit den besten Wünschen.
ergebenst
Weimar den 16. April 1823.
J. W. v. Goethe.
An Färbern haben Sie die Gefälligkeit folgenden Auftrag zu ertheilen: ich wünsche auf kurze Zeit die Exemplare der Lepas, die in dem zoologischen Kabinett befindlich sind:
Lepas anatifera
– polliceps
und ersuche solche wohl eingepackt baldigst herüber zu senden.
37/15.
Nach einer bedeutenden Krisis, welche gar manche krankhafte Affectionen des Organismus, an denen ich seit längerer Zeit gelitten, in einen besseren Zustand wieder hergestellt, fühle ich lebhafter als sonst, was ich besitze und was ich vermisse. Unter das letzte habe ich alle Ursache die unterbrochene Mittheilung mit Ihnen, theurer verehrter Freund, zu zählen: ich[17] spreche dieß in den ersten Tagen einer heiteren Wiederherstellung um desto lieber aus, als ich eine solche Erneuerung unserer schönen früheren Verhältnisse für ein Gut halten muß, dessen ich nicht länger entbehren darf. Einige Zeilen von Ihrer Hand als Erwiderung des Gegenwärtigen werden mich deshalb höchlich erfreuen; wobey ich denn auch von Ihren Beschäftigungen zu vernehmen wünsche, von denen immerfort, obgleich nur allgemeine Kenntnis mir zukommt. Was mir über vergangenen harten Winter hinweggeholfen, überliefern die nächsten Hefte: möge daraus einiges willkommen seyn. Wobey die Hoffnung bleibt, daß Sie mir für die nächsten Stücke auch wohl eine abermalige Mitteilung gönnen mögen. Mit unwandelbaren Gesinnungen.
treulichst
Weimar den 16. April 1823.
Goethe.
37/16.
Hiebey erfolgt ein kleiner einfacher Apparat an der Stelle eines wünschenswertheren Trinkglases. Wollen Sie indessen, bey hellem Tage, im Sonnenscheine selbst, diese Blättchen bald auf weißem, bald auf schwarzem Grunde betrachten, so werden Sie sehen, wie schön das größere über dem Weißen gelb erscheint und über dem Schwarzen in's Violette hinüber äugelt.
[18] Das kleinere Glas zeigt über dem Weißen Chamois und über dem Schwarzen ein reines Himmelblau.
Von diesem letzten hätt ich gern auch ein größeres Scheibchen gesendet, allein sie gelingen bey der chemischen Operation seltener und werden so spröde, daß sie leicht zerspringen; indessen zeigt doch diese kleine Scherbe, worauf es eigentlich ankömmt; hier ist der Grund aller Chroagenesie; wem er sich entfaltet, der ist geborgen.
Ew. Wohlgeboren mußte dieß alles bey dem schönen Blick in die Natur nicht fremd seyn; doch ist es immer fördernd, wenn wir die Gesetze kennen dessen, was wir aus innerm Antrieb praktisch geleistet haben. Erhalten Sie mir ein freundliches Andenken.
ergebenst
Weimar den 16. April 1823.
J. W. v. Goethe.
37/17.
Von der frühsten, im Herzen wohlgekannten, mit Augen nie gesehenen, theuren Freundin endlich wieder einmal Schriftzüge des traulichsten Andenkens zu erhalten war mir höchst erfreulich-rührend; und doch zaudere ich unentschlossen was zu erwidern seyn möchte. Lassen Sie mich im Allgemeinen bleiben, da von besondern Zuständen uns wechselseitig nichts bekannt ist.
[19] Lange leben heißt gar vieles überleben, geliebte, gehaßte, gleichgültige Menschen, Königreiche, Hauptstädte, ja Wälder und Bäume, die wir jugendlich gesäet und gepflanzt. Wir überleben uns selbst und erkennen durchaus noch dankbar, wenn uns auch nur einige Gaben des Leibes und Geistes übrig bleiben. Alles dieses Vorübergehende lassen wir uns gefallen; bleibt uns nur das Ewige jeden Augenblick gegenwärtig, so leiden wir nicht an der vergänglichen Zeit.
Redlich habe ich es mein Lebelang mit mir und andern gemeint und bey allem irdischer Treiben immer auf's Höchste hingeblickt; Sie und die Ihrigen haben es auch gethan. Wirken wir also immerfort, so lang es Tag für uns ist, für andere wird auch eine Sonne scheinen, sie werden sich an ihr hervorthun und uns indessen ein helleres Licht erleuchten.
Und so bleiben wir wegen der Zukunft unbekümmert! In unseres Vaters Reiche sind viel Provinzen, und da er uns hier zu Lande ein fröhliches Ansiedeln bereitete, so wird drüben gewiß auch für beide gesorgt seyn; vielleicht gelingt alsdann, was uns bis jetzo abging, uns angesichtlich kennen zu lernen und uns desto gründlicher zu lieben. Gedenken Sie mein in beruhigter Treue.
Vorstehendes war bald nach der Ankunft Ihres lieben Briefes geschrieben, allein ich wagte nicht es wegzuschicken, denn mit einer ähnlichen Äußerung[20] hatte ich schon früher Ihren edlen wackern Bruder wider Wissen und Willen verletzt. Nun aber, da ich von einer tödlichen Krankheit in's Leben wieder zurückkehre, soll das Blatt dennoch zu Ihnen, unmittelbar zu melden: daß der Allwaltende mir noch gönnt, das schöne Licht seiner Sonne zu schauen; möge der Tag Ihnen gleichfalls freundlich erscheinen und Sie meiner im Guten und Lieben gedenken, wie ich nicht aufhöre mich jener Zeiten zu erinnern, wo das noch vereint wirkte, was nachher sich trennte.
Möge sich in den Armen des allliebenden Vaters alles wieder zusammen finden.
wahrhaft anhänglich
Weimar den 17. April 1823.
Goethe.
37/18.
Sogleich, weil sich einiger Raum findet, vermelde, theuerster verehrtester Freund, die Ankunft des Paquets durch Herrn Wilmans, mit der Versicherung, daß es mir viel Vergnügen gemacht hat.
Zuvörderst also hab ich mich selbst in fremder Sprache wieder zu studiren, denn ich erinnere mich kaum jenes früheren Unternehmens; soviel aber weiß ich recht gut, daß ich damals meinen Landsleuten den Genuß des wundersamen Dialogs, der mich so sehr interessirte, möglichst zu fördern wünschte. Wie [21] es sich nun jetzt als selbstständiges, als bedeutend angekündigtes Werk ausnehme, muß ich erwarten.
Auf alle Fälle kann ich zum voraus versprechen, daß ich den Übersetzern und Commentatoren ein freundlich Wort sagen werde, dem ich aber auch einigen Gehalt verleihen möchte, den ich nur aus näherer Kenntniß des Büchleins selbst zu schöpfen im Stande bin. Zugleich denk ich mich noch einer andern Schuld zu entledigen, und dem Übersetzer mein dramatischen Werke gleichfalls zu antworten, was ich schon längst versäumt habe.
Herrn Oelsner danken Sie für seine Theilnahme; seine Schrift über Mahomed ist mir längst bekannt und traf vollkommen mit der Idee zusammen, die ich mir von dem außerordentlichen Manne gemacht, als ich ihn zum Helden einer Tragödie mir ausersehen.
Und nun noch ein Wort von den Meinigen in absteigender Linie. Von dem ältesten Enkel kann man nicht Gutes genug sagen, er zeigt eine große Klarheit über alles, was ihn umgibt, hat eine glückliche Erinnerungskraft und es läßt sich leidlich mit ihm umgehen, ein musikalisches Talent scheint bey ihm vorwaltend. Was den jüngern betrifft, so muß man sich hüten ihn mehr als den ältesten zu schätzen; er besitzt alle jene Vorzüge nur mit mehr Kraft und Entschiedenheit wie er denn auch auf dem Wege ist, dem Bruder körperlich über den Kopf zu wachsen; woraus zu ersehen, daß wenn uns das Glück werden [22] sollte Sie gelegentlich zu bewirthen, wir einen erfreulichen Pathen darzustellen hätten.
Schließlich bemerke, daß Herr Canzler v. Müller jenen Auftrag gern übernommen, wobey zu wünschen ist, daß ihm das Geschäft gerathe.
Tausend Lebewohl.
treulichst
Weimar den 18. April 1823.
Goethe.
37/19.
[Concept.]
Ew. Wohlgeboren
für die schleunige Besorgung der Kupferplatte zum allerbesten dankend übersende hiebey den quittirten Betrag von 7 Thaler Sächsisch; zugleich die wohlbehaltene Ankunft der unter den 16. dieses abgesendeten trüben Glasblättchen wünschend und mich zu fernerem wohlwollenden Andenken bestens empfehlend.
Weimar den 19. April 1823.
37/20.
Ew. Wohlgeboren
danke zum allerschönsten für die abermalige geneigte Mittheilung, und bitte damit von Zeit zu Zeit fortzufahren, damit ich vernehme, was alles Gute unserer herrlichen Anstalt widerfährt.
[23] Wie das Diplom für Ihro Majestät den König von Bayern einzurichten will ich überlegen und nächstens meinen guten Rath vermelden.
Der ich recht wohl zu leben wünsche.
ergebenst<