1823

[253] 36/206.


An den Großherzog Carl Augustund die Großherzogin Louise

[Concept.]

Ew. Königliche Hoheiten

vergönnen gnädigst, daß heute, nach den treusten und aufrichtigsten Wünschen, eine, wie ich hoffen darf, nicht unangenehme Gabe hiedurch zu Füßen lege.

Schon vor einigen Jahren ersuchte ich einen mit dem Orient in Verbindung stehenden Freund, echten Mocca-Caffee zu verschaffen, welches nicht gelang und in Vergessenheit gerieth. Ganz unvermuthet schreibt er mir nun in diesen Tagen:

»Nach lang vergeblichen Versuchen glückte es mir endlich, eine obgleich nur sehr geringe Menge von echtem und reinem Mocca-Caffee und zwar direct aus dem Harem des Paschas von Ägypten zu verschaffen, wohin ein bestimmtes Tantieme von der gesammten Ein- und Durchfuhr dieses Artikels... aber nicht gemischt und vermischt, sondern Korn vor Korn ausgelesen, als Zoll in natura abgegeben werden muß.«

Da nun dieser wackere Mann nicht zu scherzen gewohnt ist, so darf ich wohl seine Worte im Ernst[253] nehmen und das Packet, wie es angekommen, ohne weitere Untersuchung, übersenden. Möge es mir gelingen, etwas Schmackhaftes in dieser Seltenheit zu überreichen, wobey ich denn höchster Huld und Gnade unter Betheurung ewiger Anhänglichkeit mich wohl empfehlen darf.

Weimar den 1. Januar 1823.


36/207.


An Heinrich Ludwig Verlohren

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

gefälliges Schreiben geziemend zu erwidern, vermelde sogleich, daß ich mich zwar noch wohl erinnere, bey einer früheren Anwesenheit in Dresden den fraglichen Laokoon gesehen und auch für unsere Anstalten ein Exemplar gewünscht zu haben, die indeß vergangene Zeit aber hat so mancherley Veränderungen herbey geführt, daß ich gegenwärtig nicht wüßte, zu welchen Zwecken und für welche Abtheilung ich ein solches Kunsterzeugniß anschaffen sollte. Bedauern Sie daher bey Herrn Inspector Matthäi, daß ich von seinem freundlichen Anerbieten keinen Gebrauch mache, wenn auch schon die Hochschätzung des vorzüglichen Mannes und seiner glücklichen Arbeit immer dieselbe bleibt.

Nehmen Sie bey dem gegenwärtigen Jahreswechsel die Versicherung ganz besonderer Hochachtung und[254] erlauben bey irgend einer Gelegenheit um eine kleine Gefälligkeit anzusuchen.

Weimar den 1. Januar 1823.


36/208.


An Friedrich Wilhelm Riemer

Es ist mir peinlich, mein Werthester, indem ich Ihres freundlichen Besuches entbehren muß, Sie leidend zu wissen; halten Sie sich möglichst inne, denn die Jahrszeit ist angreifend für Gesunde, wieviel mehr für Kranke.

Empfangen Sie Beygehendes mit Neigung und lassen mich von Zeit zu Zeit erfahren daß es Ihnen besser gehe.

treulichst

Weimar den 2. Januar 1823.

G.


36/209.


An Sulpiz Boisserée

Tausend Dank für alles Gute an Gesinnung und Nachricht, heute nur wenig Worte, das kleine Geschäft abzuthun.

Ich acceptire die fraglichen Münzen für die Summe von: Vierhundert drey und sechzig Gulden rheinisch, bitte sie wohl eingepackt gegen beyliegende Anweisung in Empfang zu nehmen und mit dem Postwagen unfrankirt anher zu lassen.

[255] Möge Herr Binder jederzeit seine Forderungen, die Procente mitgerechnet, sogleich aussprechen, so könnte schnellere Resolution erfolgen. Auf die Münzen des kleineren Blattes renuntiire vorerst, bis ich die neue Sendung geordnet und eingerichtet habe. Möge alles Gute bey Ihnen seyn.

Wegen der Zahlung an Sie ist der Großherzogliche Schatullcassir erinnert.

Weimar den 3. Januar 1823.


Da mir noch Zeit übrig bleibt, bemerke Folgendes: Lord Byron wollte mir seinen Sardanapal dediciren, es verspätete und zerschlug sich, doch ward mir die Handschrift deshalb für einen Augenblick mitgetheilt und ich ließ sie geschwind lithographiren. Hiebey ein Abdruck: es ist dem Alter wohl vergönnt, sich an solchen Stärkungen zu erquicken. Werner hab ich selbst noch nicht gesehen.

G.


36/210.


An Johann Heinrich Meyer

Mögen Sie, mein Theuerster, beykommenden wunderlichen Brief eines von jeher als wunderlich bekannten Mannes durchstudiren, damit uns die Seltsamkeiten eines Abends zur Unterhaltung dienen. Weimar den 3. Januar 1823.

G.[256]


36/211.


An Carl August Constantin Schnautz

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

erhalten hiebey die Übersetzung der Ode des Herrn Manzoni mit Bitte, solche nach Mayland mit meinen besten Empfehlungen zu befördern und zugleich meinen herzlichen Dank für das Prachtexemplar der an sich selbst so verdienstlichen Tragödie gefällig abzustatten.

Herr Cattaneo wird mir verzeihen, wenn ich auf seine freundliche Zuschrift nicht sogleich antworte; ich glaube solches am besten zu thun, wenn ich das höchst schätzbare Stück recht ernstlich studire und meine beyfälligste Überzeugung dem Publicum baldmöglichst mittheile.

Grüßen Sie zum allerschönsten Ihre dortigen lieben Nahverwandten so wie hiesigen Orts Ihre theure Gattin und erhalten mir ein freundliches theilnehmendes Andenken.

Weimar den 3. Januar 1823.


36/212.


An Johann Georg Lenz

Ew. Wohlgeboren

zu der neuen Ausbreitung so wichtiger Eroberungen Glück wünschend, übersende das Schreiben eines[257] Mannes, welcher gute Sachen zu besitzen scheint. Wollen Sie etwa anstreichen was wünschenswerth wäre, so würde solches anzuschaffen kein Gedenken tragen. Freylich möchte es schwer seyn, in den Reichthümern unseres Kabinetts eine Lücke zu finden; Dank sey Ihrer Thätigkeit, welche diesen schönen Besitz auf so einen hohen Grad gesteigert hat.

Der ich recht wohl zu leben und was noch allenfalls von der Insel Staffa übrig seyn möchte mit den lieben Ihrigen fröhlich zu verzehren wünsche.

ergebenst

Weimar den 4. Januar 1823.

J. W. v. Goethe.


36/213.


An Carl Friedrich Ernst Frommann

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

erhalten hiebey die verlangten Abdrücke, sie werden gegen dem Haupttitel über geheftet; wobey anfrage ob Dieselben die Kosten des Stichs und Abdrucks auslegen oder ob ich solches thun soll.

Eiligst mich schönstens und bestens empfehlend.

Weimar den 4. Januar 1823.[258]


36/214.


An Johann Jakob von Berzelius

[Concept.]

[4. Januar 1823.]

Ew. Hochwohlgeboren

angenehme Sendung ist mir zur rechten Zeit geworden und ich säume nicht länger, dafür meinen verbindlichsten Dank abzustatten.

Ihro Königlichen Hoheit meinem gnädigsten Herrn habe sogleich nach Ihrem Wunsch die Zufälligkeiten vorgetragen, welche einer näheren persönlichen Bekanntschaft in Töplitz im Wege gestanden. Höchst Dieselben haben darauf nach gewohnter aufrichtiger Sitte und Sinnesart erwidert, daß Höchst sie nichts mehr gewünscht hätten, als einen so schätzenswerthen Mann persönlich zu kennen und sich mit ihm über manche Gegenstände zu unterhalten.

Fürwahr, dieser unser Fürst nimmt einen so reinen gründlichen Antheil an den Wissenschaften als man nur wünschen kann, sucht sie in seinem Kreise zu beleben und ihren Einfluß auf's Praktische immerfort in Thätigkeit zu erhalten.

Erlauben Sie mir nun auch, indem ich mich Ihrem Andenken bestens empfehle, einen Wunsch, dessen Gewährung nur mit größter Bequemlichkeit zu erfüllen bitte. In meiner nicht unansehnlichen und seit vielen Jahren her einer fortschreitenden Belehrung[259] gewidmeten Sammlung ist gerade das Titanische Fach am schwächsten versehen und berathen. Möchten Dieselben gelegentlich und ohne Beschwerde mir aus den Reichthümern, die Ihnen im Norden zu Gebote stehen, einiges mittheilen, so würde ich es dankbarlichst erkennen, wobey ich zugleich bekennen will, daß Ihre gütige schnelle Bewährung meines Wunsches nach einigen Zinnstufen jenes Landes diese gewissermaßen unbescheidne Bitte hervorgelockt hat.

Auch eine solche Mittheilung wird Ihr Andenken, welches ohnehin bey uns stets lebendig ist, noch im Besondern beleben, denn ich kann nicht verschweigen, daß gerade in diesen Tagen das chemische Mineralsystem, was wir schon längst bey uns kennen, abermals und zwar in der Pariser Ausgabe von 1819 eine entschiedene Theilnahme mir abgefordert hat. Herr v. Leonhard, welcher in seinem neuen Handbuch auf die chemischen Verhältnisse vorzüglich Rücksicht nimmt, ruft und dazu auf, und ich darf wohl sagen, daß mich Ihre Darstellungen der Wernerischen, Hausmannischen, Karsten'schen Systeme auf's neue höchlich interessiren, weil ich in der allgemeinen Geschichte meine besondere, in so fern ich mich diesen Wissenschaften ergab, nothwendig erkennen mußte; wobey mir denn höchst angenehm ist, eine Gelegenheit zu finden, die ganz vorzügliche Hochachtung auszusprechen, mit der ich Ew. Hochwohlgeboren schon längst zugethan bin, und welche durch das erfreuliche[260] obgleich kurze Zusammenseyn nur vermehrt werden konnte. Herr Soret von Genf, welcher als frischer gewandter Naturforscher mir neuen Muth gibt, mich in dem immer erweiterten Felde ferner umzusehen, empfiehlt sich zum allerschönsten.

Weimar den 3. Januar 1823.


36/215.


An Christoph Ludwig Friedrich Schultz

Auch dieser kleine Trupp möge sich eilig dem theuren Freunde darstellen und bitten, in die Cadres wohlwollend aufgenommen zu werden. Gar manches bereitet sich noch, um sich an die theuren Alliirten anzuschließen. Übrigens geht's zum neuen Jahr ein wenig wild bey mir zu; möge ich vernehmen, daß Sie auch diese klare Witterung glücklich überstehen. Aus dem Hause komm ich seit Monaten nicht, kaum aus der Stube, und da geht denn was zu leisten ist doch immer noch allenfalls seinen Weg.

Möge auch Ihnen alle gute Förderniß zu Theil werden.

treulichst

Weimar den 4. Januar 1823.

J. W. v. Goethe.[261]


36/216.


An Gebrüder Ramann

Ew. Wohlgeboren

übersende hiermit abschläglich auf unsere Wein-Rechnung 50 Thaler Cassageld und bitte mir solche gut zu schreiben; zugleich ersuche um einige Proben von petit Burgunder, wonach ich einiges bestellen werde.

mich bestens empfehlend

Weimar den 4. Januar 1823.

J. W. v. Goethe.


36/217.


An Johann Jacob von Willemer

Beykommendes bitte Herrn Grafen Reinhard, sobald er ankömmt, zu überreichen; wie sehr verdient der Würdige sogleich begrüßt zu werden!

Ferner bitte mich Herrn Andreä recht angelegentlichst zu empfehlen; er ist wie die heiligen Könige auf einem andern Weg in sein Land gezogen, und wir mußten ihn vergebens erwarten. Danken Sie ihm also, mein Theuerster, zum allerbesten und schönsten für die colossale Pflanze, welche freylich an den Elephanten-Fuß erinnert. Diese kostbare Gabe ist, begünstigt durch das gelinde Wetter, glücklich angekommen und sogleich nach Belvedere den geübtesten Kunstgärtnern zur Pflege übergeben worden, wo sie sich denn unter so vielen botanischen Wundern noch immer wundervoll[262] genug ausnimmt. Ein sehr viel kleineres Exemplar steht ihr zur Seite und seltsam genug ist es, daß es einem unserer jungen, thätigen, gereif'ten Gärtner gelang, einige aus jenen Reisen merklich contrastiren. Auch unsere gnädigsten Herrschaften, als Kenner und Freunde der Botanik, besuchen selbst in Wintertagen den neuen Ankömmling fleißig; Fremde betrachten ihn mit Aufmerksamkeit und des freundlichen Gebers wird dabey immer gedacht.

Nun aber eine literarische Anfrage: im Sauerländerischen Verlag ist ein Büchlein herausgekommen: die Priesterinnen der Griechen, von Dr. Adrian. Ich wünschte einige Nachricht von diesem Manne, wo er sich aufhält, was er etwa sonst geschrieben, woher er ist, wie alt und dergl. Eine solche Notiz würde mir viel Vergnügen machen, da mir das Büchlein selbst wohl gefallen hat.

Dagegen hoff ich sollen durch Eis und Schnee einige bunte Vögel in diesen Tagen angekommen seyn, welche mit Kindern und Freunden zu verzehren, auch Herrn gute vorzulegen bitte.

Gar viel wäre noch zu sagen, ich aber füge nur noch die schönsten Grüße an eine liebenswürdige, schalkische Freundin hinzu, die nicht allein trauliche Mittheilungen verspätet, sonder sich auch über poetische Dedicationen gar schelmisch aufhält. Zugestehn muß man ihr zwar, daß gewisse privatisirende Herzenswidmungen[263] von größerer Bedeutung sind, besonders wenn sich dauernder Gefühle schmeicheln dürfte.

Das liebenswürdige Gold- und himmelblaue Blättchen scheint dergleichen anzudeuten und war deshalb herzlich willkommen. Soviel sey dießmal dem Papier anvertraut.

treulichst

Weimar den 6. Januar 1823.

G.


36/218.


An Carl Friedrich von Reinhard

Gegenwärtiges geht eilig ab, um den verehrten, hoffentlich glücklich zurückkommenden Freund gleich bey der Ankunft zu begrüßen. Möge die Reise nach Wunsch vollbracht seyn ich bald davon einige Nachricht erhalten.

Die letzten drey Monate war ich vorzüglich beschäftigt, beyliegende Bogen, an meine abwesenden Freunde gedenkend, zusammenzustellen, und sende solche in der Überzeugung, daß sie zu einem Gespräch im Geiste und vielleicht auch auf Briefblättern Anlaß geben werden.

Seit Monaten komm ich nicht aus dem Hause, kaum aus der Stube; nur bedeutende Gönner und Freunde besuchen mich; und so bin ich von der Welt abgesondert, ohne von ihr getrennt zu seyn.

[264] Wie anders haben Sie diese Zeit zugebracht! Lassen Sie mich das Mittheilbare erfahren. Die herzlichsten Grüße.

treulichst

Weimar den [6.] Januar 1823.

Goethe.


36/219.


An Friedrich Christoph Perthes

[Concept.]

[6. Januar 1823.]

Ew. Wohlgeboren

zutrauliches Schreiben erwidere mit gleicher Aufrichtigkeit. Ich will nicht läugnen, daß die Weimarischen Kunstfreunde die Ankündigung eines Steindrucks nach Overbeck durch den höchst kunstfertigen Herrn Bendixen mit Antheil vernahmen und die unterbliebene Ausführung gegenwärtig bedauern, jedoch die Übersendung des Originals, begleitet von dem Original eines andern werthen Künstlers, dankbar abzulehnen Ursache finden.

Wir sind tagtäglich veranlaßt, uns in einem engern Kreis zurückzuziehen, besonders auch mit Urtheilen über lebende Künstler sparsam zu werden, da man bey Anerkennung vorzüglicher Talente doch wegen Anwendung derselben und wegen der von den Künstlern ergriffenen Maximen in Widerstreit gerathen kann, wodurch ohne daß die Kunst gefördert werde, Künstler, Kenner, Liebhaber sich für einen[265] Augenblick verwirren; wovon wir schon unerfreuliche Fälle erlebten. Danken Sie also jenem wackern Manne und Beschützer für sein Zutrauen, welches wie um so mehr zu schätzen wissen, als eine solche Sendung immer mit einiger Gefahr verknüpft ist.

Nehmen Sie zugleich meinen Dank für den neusten Band der Stolbergischen Werke, in welchem sogleich das Leben Alfreds mit Vergnügen gelesen und bey den übrigen Aufsätzen mit heitere Wehmuth vergangener Jahre mich erinnert habe. Leben Sie recht Wohl und fahren fort, meiner mit theilnehmendem Zutrauen zu gedenken.

Weimar den 4. Januar 1823.


36/220.


An Carl Cäsar von Leonhard

Ew. Hochwohlgeboren

muß, damit nur wieder einmal ein Anfang sey, bey'm Jahreswechsel ein flüchtiges Wort zusenden, mit der Versicherung, daß ich Ihrer zeither täglich gedacht habe.

Die crystallographischen Andeutungen bey persönlicher, nur allzu schnell vorübergegangener Gegenwart habe nicht los werden können, bin aber, in Ermanglung gehoffter Modelle, der weiteren Ausführung im Handbuch der Oryktognosie unter meinen Verhältnissen nicht gewachsen, ob ich gleich Hoffnung habe, auch darin mich weiter zu bewegen.

[266] Denn mich ermuntert und fördert Herr Soret von Genf; er ist bey unserem jungen Prinzen angestellt und aus der Hauyischen Schule mit schöner Freyheit und Umsicht hervorgegangen.

Die chemisch-oryktognostischen Ansichten, die ich durch persönliche Bekanntschaft des Herrn Berzelius mir theilnehmender zu eigen machte, führen mich auch Ihrem Handbuche näher, welches als Nachweisung von Literatur, Synonymen, chemischen Bestandtheilen, örtlichen Vorkommnissen immer zur Hand ist. Nehmen Sie also dafür meinen schönsten Dank.

Lassen Sie mich von Ihrer Pariser Reise was mir frommt baldigst wissen; so wie denn auch das, was Sie über die Gebirgsfolgen herauszugeben gedenken, von mir sehnlichst erwartet wird.

Ferner aber werd ich Sie ersuchen, mir mit diesem und jenem Naturkörper, wie sonst freundlich geschehen, wenn es ohne Aufopferung thunlich ist, manche Lücke auszufüllen, die in meiner compendiosen Sammlung bisher unvermeidlich blieb; nun aber, nach Ihrem Handbuch untersucht, nur allzu sicher an den Tag kommt.

Der ich mich zu wohlwollenden Andenken bestens empfehle und mich hochachtungsvoll unterzeichne.

gehorsamst

Weimar den 6. Januar 1823.

J. W. v. Goethe.[267]


36/221.


An Carl Franz Anton von Schreibers

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

haben mir so oft auf Wunsch und Begehren die allerfreundlichsten Gefälligkeiten erwiesen, und doch überrascht mich gegenwärtig die Erinnerung an ein früheres Verlangen, wobey noch die wunderbarsten Umstände zusammentreffen, daß diese Gabe höchst gelegen kam und doppelt angenehm wurde. Möge es mir an Gelegenheit nicht gebrechen, für so manches Gute auch einiges Willkommene erwidern zu können.

Das thätige Zeugniß Ihres fortwährenden gewogenen Andenkens, indem es zu Anfang des Jahres eintritt, bestätigt auch Glauben und Hoffnung für die Zukunft.

Erlauben Sie, daß ich von Zeit zu Zeit anfrage, auch wohl einen Reisenden zu günstiger Förderniß empfehle. Das Gleiche erbitte mir von Ew. Hochwohlgeboren, und werde jeden der sich in Ihrem Namen bey mir einfindet freundlichst willkommen heißen.

Und nun zum Schlusse das Vorzüglicheste. Ihro Königliche Hoheit mein gnädigster Herr erwidern Gruß und Wunsch auf das allerbeste, daß Ew. Hochwohlgeboren alles was Höchst Deroselben Zwecken entspricht auf das angelegentlichste besorgen werden.

Weimar den 8. Januar 1823.[268]


36/222.


An Ulrike von Levetzow

Ihr holder Brief, meine Theure, hat mir das größte Vergnügen gewährt, und zwar doppelt wegen eines besonderen Umstands. Denn wenn auch der liebende Papa seiner treuen schönen Tochter immer gedenckt, so war doch seit einiger Zeit Ihre willkommne Gestalt lebendiger und klarer vor dem innern Sinne als je. Nun aber entwickelt sich's! Es sind gerade die Tage und Stunden, da Sie mein auch in einem Höheren Grade gedachten und Neigung fühlten es auch aus der Ferne auszubrechen.

Dreyfachen Dank also, meine Liebe, zugleich die besten Wünsche und Grüße der guten Mutter, deren ich, als eines glänzenden Sterns meines früheren Horizonts, gar gern gedencke. Der treffliche Arzt der sie völlig herstellt soll auch mir ein verehrter Aesculap seyn.

Und so bleiben Sie überzeugt daß meine schönste Hoffnung fürs ganze Jahr sey in den heitern Familien-Kreis wieder hinein zu treten und alle Glieder so wohlwollend-freundlich gesinnt zu finden als da ich Abschied nahm, und ein würdiger, neuerworbener Freund das unwillkommne Scheidegefühl, durch theilnehmendes Geleit, einigermaßen zu beschwichtigen suchte.

Vergessen darf ich hierbey nicht der süßen Nachkost,[269] die mir in der Entfernung durch ihn zu Theil ward, die ich aber mit niemanden theilte.

Und also meine Liebste nehm ich Ihre töchterlichen Besinnungen auch für die nächste Zeit in Anspruch. Möge mir an Ihrer Seite jenes Gebirgsthal mit seinen Quellen so heilbringend werden und bleiben als ich wünsche Sie froh und glücklich wieder zu finden.

treu anhänglich

Weimar d. 9. Januar 1823.

J. W. v. Goethe.


36/223.


An Kaspar von Sternberg

Zum vergangenen Weinachtsfeste verehrte mir mein gnädigster Herr das höchst ähnliche Bildniß eines trefflichen Freunden, den es mir früher als Unbekannten darstellen sollte, nun aber den Wohlbekannten doppelt und dreyfach näher bringt.

Hiebey kam zur Sprache: sollte man wünschen, sich früher gekannt zu haben? Hierauf ward erwidert: wenn zwey Reisende, aus zwey entfernten Weltgegenden nach einen Punct zusammenstrebend, sich endlich auf demselben treffen, ihren Erwerb vergleichen und das einseitig Gewonnene wohlwollend austauschen, so möcht es wohl vortheilhafter seyn, als wenn sie die Reise zusammen angetreten und vollbracht hätten.

[270] Und nun einiges Wissenschaftliche mitzutheilen.

Das so freundlich- als reichhaltige Schreiben nach glücklicher Zurückkunft hat mir neue Nahrung für den Augenblick, für die nächste Zukunft viel Trost und Hoffnung gegeben. v. Martius ist noch im Spätherbst an den Rhein gekommen, und ich weiß durch Nees v. Efenbeck ungefähr, wie es mit den besondern und den gemeinsamen Vorarbeiten der brasilianischen Schätze allenfalls werden kann. Durchaus aber läßt sich er kennen, wie wirksam die reise der trefflichen östreichischen Naturforscher gewesen. Unser Präsident ist nicht ohne Hoffnung, daß die preußischen Brasiliensia sich gleichfalls anschließen werden.

Frauenhofers Bemühungen kenn ich; sie sind von der Art die ich ablehne, mehr darf ich nicht sagen. Gott hat die Natur einfältig gemacht, sie aber suchen viel Künfte.

Daß ich einem so werthen neuerworbenen Gönner und Freunde das einzige trübe Scheibchen, den einzigen Cubus überließ, geschah nicht ohne Ahnung, daß dadurch ein Segen in das ganze Geschäft kommen müsse; und so war es auch: gleich in Redwitz erfand der junge Fikentscher eine leichte Methode das Glas zu trüben, die Erscheinungen sind auffallend erfreulich. Nun kommen mir von Berlin her entoptische Glasplättchen nach Wunsch, durch deren Trefflichkeit noch eine concisere Darstellung als ich in meinem Hefte gegeben möglich wird, überdieß auch Phänomene auffallend[271] anmuthig, so curios als belehrend dem Auge darzubieten sind. Von allem übersende Musterstücke zu erfreulicher Betrachtung.

Das geologisch Mitgetheilte ist in die übrige Erkenntniß aufgenommen worden. Daß dieses nun leichter und consequenter geschehen könne, dafür sind wir Reserstein Dank übrig.

Wenn ein anderer bey vorkommenden Phänomenen, die wir gern auf der Räthselseite der Natur stehen lassen, gleich die Erdrinde durchbricht und, um das Unbekannte zu erklären, zu unbekanntesten Regionen seine Zuflucht nimmt, starrt der Menschenverstand, fängt an sich selbst zu mißtrauen.

Über diesen Unfug langte schon vor einiger Zeit ein Klageschreiben bey mir ein, welches hier mit Vergunst einen Platz finden möge.

»Neufohl in Ungarn.

Professor Pusch, der durch vier Monate unser Gast war, hat Ungarn in mehreren Richtungen durchreis't. Er wird die ungereimten Nachrichten des Beudant in seiner Voyage mineralogique en Hongrie, besonders über die Perlstein-Formation kräftig widerlegen. Es ist in der That ärgerlich, daß ganz Europa einem Manne, der sich in der Schule der Vulkanisten bildete, blindlings nachplappert. Beudants Ansichten sind aus der Auvergne her, und nun sieht er auch Ungarn mit denselben Augen wieder an. Daraus entsteht der Nachtheil, daß man in Gefahr kommt zu[272] wähnen, die Schemnitzer und Kremnitzer Erzniederlagen seyen durch vulkanische Processe entstanden. Auch die Hartmann'sche Übersetzung der Geographie von d'Aubuisson de Boisins erwähnt schon Beudants Ansichten; und so verbreitet sich eine falsche Lehre von Mund zu Munde, weil man das Behauptete, besonders in wie fern es Bezug auf Ungarn hat, ohne Untersuchung nachspricht. In wie weit durch die ungarischen Sammlungen des Dr. Zipfer, die nach allen Gegenden hin verbreitet sind, diesen Irrthümern Einhalt geschehen, wird die Zeit lehren.«

Wer die Kirchen- und Ketzer-Geschichte recht gut kennt, wird sich nicht so bitter wie unsere Ungarn über die Wiederkehr der gewaltsamen Brandepoche beklagen. Irrthümer haben so gut wie Wahrheiten ihre Jahres- und Tageszeiten, ihres Gehens und Kommens. Der gute alte Fichtel hielt bis an sein Lebensende bey der Gluth und kam nach und nach so weit, daß er das Steinfalz vulkanischen Gebirgen zuschreiben mußte; wie die Neuern jetzt Gold- und Silberadern daher ableiten müssen. Und das kommt alles daher, daß die Menschen die Natur durch und durch erklären wollen; sie begreifen nicht, daß man bis auf einen gewissen Punct sehr sicher fortschreiten kann, dann aber sich entschließen muß, irgend ein Problem stehen zu lassen, dessen Lösung andern, vielleicht uns selbst in einiger Zeit vorbehalten ist.

Wegen des zu Eger gefundenen, in's Prager[273] Museums gestifteten fossilen Backzahns betrachtete ich sorgfältig die Kupfer zu Cuviers Pachydermen und versäumte nicht, den dazu gehörigen Text zu studiren. Ich sendete hierauf einen Gypsabguß Herrn d'Alton nach Bonn mit der Äußerung: »Dieser Backzahn möchte wohl zwischen die kleineren Mastodonten und größeren Tapir mitten innen zu stellen seyn; Sie werden ihm seinen Platz am sichersten anweisen.« Hierauf erhielt ich folgende Antwort: »Der fossile Zahn scheint mir sehr merkwürdig. Bey einer unverkennbaren Verwandtschaft mit dem Mastodont unterscheidet er sich doch wesentlich von allen dahin gehörigen, mir bis jetzt bekannt gewordenen Formen. Genehmigen Sie es, so denke ich darüber eine kleine Abhandlung mit einer Abbildung in die Acta der Leopoldinischen Akademie zu geben. Höchst erwünscht und besonders wichtig sind nach meiner Ansicht an diesem schätzbaren Fragment die äußeren, noch unentwickelten, maschenförmigen Lamellen, welche zu beweisen scheinen, daß überall noch ursprüngliche Entwickelungsformen vorliegen und die eigenthümliche Gestalt der Kauflächen nicht durch Abreiben der Spitzen entstanden. Ohne dieses besondere Merkmal könnte dieser Zahn wohl auf ein tapirartiges Thier gedeutet werden. –«


Damit aber ja diese Blätter, deren Inhalt sehr bunt durch einander geht, nicht noch länger verweilen,[274] so schließe mit den aufrichtigsten Versicherungen unwandelbarer Anhänglichkeit. Zugleich lege des [Herrn] von Henning Einleitung zu seinen Vorlesungen über meine Farbenlehre bey, welche ich einer gültigen Nachsicht besonders zu empfehlen habe. Denn meistens wird uns der Controvertirende lästig, sogar wenn wie geneigt sind, ihm recht zu geben. Dieses Unternehmen füge sich nun an den gang der Wissenschaft wie es kann; für mich ist es von dem größten Werthe, weil ich dadurch alles Haders los bin und künftighin nur die friedlichen Erweiterungen und Bestätigungen meiner Lehre und Lehrart mitzutheilen nöthig habe. Gönnen Sie diesem allen, wie es auch sey, eine freundliche Theilnahme.

Eine merkwürdige geologische Frage wird bey uns praktisch erörtert, da ich denn auf die Antworten der lieben Mutter Natur höchst neugierig bin. Es gilt nichts weniger als in unsern Flözgebirgen nicht etwa nur Sole, sondern sogar Steinsalz zu finden.

Herr Salinen-Inspector Glenck, der wegen großen Salzgewinnes im Württembergischen und Darmstädtischen berühmt ist, arbeitet gegenwärtig in unserer Nähe; er hat bey Gera den bunten Sandstein mit 400 Fuß durchbohrt, den älteren Zechstein gleichfalls und ist nun im alten Gyps, wo er Anhydrit findet und salzhaltigen Thon entdeckt hat. Ich bin ungläubig an den glücklichen Folgen dieser Operation, doch, wie ich gern gestehe, aus alten, vielleicht veralteten Vorstellungen,[275] und mir sollte sehr angenehm seyn, hierüber moderner aufgeklärt zu werden.

Da man bey erhöhtem Mechanismus mit dem Erdbohrer ganz umzuspringen weiß und ein glückliches Surrogat für die so kostbaren als langweiligen Schächte gefunden hat, so läßt sich freylich einer Überzeugung, wie es im Tiefsten des Gebirges aussehen möchte, leichter nachgehen und eine abschlägliche Antwort der alt-jungen Dame bringt den Freywerber nicht gleich in Verzweiflung.

Resersteins zweytes Heft des zweyten Bandes kommt zu diesen Betrachtungen sehr gelegen; doch ist das dort Ausgeführte nicht hinreichend, eine Analogie mit unseren Gegenden zu begründen. Übrigens ist es höchst erfreulich, einen so wichtigen Punct entschieden wieder angeregt zu sehen. In Ländern, wo das Unternehmen glückte, hat man die Salzpreise fast auf ein Fünftel reducirt, wodurch denn freylich jedermann, besonders aber die großen ökonomischen und technischen Anstalten höchst begünstigt werden. Ich verfehle nicht, so wie über das Ganze also auch besonders über das, was in unserer Gegend vorgeht, von Zeit zu Zeit Nachricht zu geben, wobey ich mich wohl auf Reserstein beziehen darf.

Da ich diesen Namen nenne, so will ich gern gestehen, daß ich ihn auch schon zu jenen Zwecken im Sinne hegte. Haben Sie die Güte, fernerhin Wunsch und Absicht zu überdenken. Lassen Sie mich aber[276] vorläufig gestehen, daß ich bey den mannichfaltigen Ansichten, wie sie jetzt auf das Mineralreich gerichtet sind: als nach äußeren Kennzeichen und mäßig chemischem Antheil, nach crytallographischen Messungen und Bestimmungen, wo man mit den Chemikern in Händel geräth, nach chemischen endlich, die uns das Gränzenlose der Erfahrung erst recht aufdecken, daß ich endlich von der geologischen Seite eine Hülfsmethode zu ahnen glaubte, wodurch wir auf ein Vierteljahrhundert uns wieder einige Bequemlichkeit verschaffen und den Unterricht möglich machen pp.

treulichst

W. d. 12. Jan. 1823.

J. W. v. Goethe.

(die Fortsetzung nächstens.)


36/224.


An Gottfried Bernhard Loos

Ew. Wohlgeboren

erhalten hiebey die schuldigen Zwölf Thaler mit vielem Danke, daß Sie mir die schönen Medaillen sobald übersenden wollen. Lassen Sie mich ferner von dem, was unter Ihrer Anleitung geschieht, von Zeit zu Zeit etwas Angenehmes erfahren. Auf eine Rückseite zu meinem Bilde habe ich auch schon gedacht. Nahes und Fernes ist mir im Kunstsache gleich angelogen; senden Sie mir einen Probedruck, so überlege ich, ob es passen möge; denn alles schickt[277] sich nicht zu allem. Die wunderliche Capelle auf dem Schlosse zu Eger habe ich oft gesehen, aber da ich in diesem Felde niemals gearbeitet, so konnte kein Urtheil bey mir feststellen; doch scheint mir Ihre Ansicht dieser Dinge so plausibel, daß ich ihr gern beytreten möchte. Bey allen solchen Vorkommnissen ist gewiß so viel Willkürliches und Zufälliges, daß mir wohl thun, nicht überall Bedeutung zu wittern.

Möge alles bis zum gehofften glücklichen Wiedersehn gelingen.

Hochachtungsvoll ergebenst

Weimar den 12. Januar 1823.

J. W. v. Goethe.


36/225.


An Carl Emil Helbig

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

empfangen hiebey zu gefälliger Aufnahme und Beförderung eine mehrfache Sendung:

1) Bericht von Sartorius, der nach Anweisung Ihro Königlichen Hoheit des Herrn Erbgroßherzogs an Dieselben gelangen soll;

2) Vorausberechnung und Zeichnung der dießjährigen Mondfinsternisse würden wohl von Serenissimo eines Blicks gewürdigt; dient auch zum Beweise, daß Schrön für die ihm gegönnte gnädige Beförderung sich dankbar und thätig zu erweisen für Pflicht hält;

[278] 3) Den Katalogen der Diamanten wünschte von einem Schönschreiber recht deutlich abgeschrieben; Ew. Wohlgeboren würden aber wegen der Terminologie demselben, da manches darunter für denjenigen, der mit der Materie nicht bekannt ist, schöner zu lesen seyn möchte.

Weimar den 17. Jänner 1823.


36/226.


An Carl Friedrich Zelter

Da unter uns die Passage doch einigermaßen wieder geöffnet ist, so sende alsgleich die versprochenen und erinnerten Bände. Mir kommen sie selbst, wenn ich sie aufschlage, wie ein Mährchen vor und so hab ich ein frisches Heft gleich wieder angefangen; das neuste von Kunst und Alterthum erhältst du nächstens.

Sonst hämmere ich gar manches durch in meiner einsamsten Schmiede; aus dem Hause komm ich nicht, kaum aus der Stube, und da kann ich denn doch hoffen den Freunden noch etwas zu werden.

Wenn der Wunderlichste, von dem du mir ein so sonderbares Document sendest, an mich schreibt, werd ich ihm freundlichst antworten. Nimm folgende Betrachtung nachdenklich auf.

Mit Philologen und Mathematikern ist kein heiteres Verhältniß zu gewinnen; das Handwerk der ersten ist zu emendiren, der andern zu bestimmen; da[279] nun am Leben so viele Mängel (mendae) sich finden und ein jeder Einzelne Tag nach Tag genug an sich selbst zu bestimmen [hat], so kommt in den Umgang mit ihnen ein gewisses Unleben, welches aller Mittheilung den Tod bringt. Wenn ich denken müßte, daß ein Freund, an den ich einen Brief dictirte, über Wortgebrauch und Stellung, ja wohl gar über Interpunction, die ich dem Schreibenden überlasse, sich formalisire, so bin ich augenblicklich paralysirt und keine Freyheit kann statt finden.

Für das Liedchen dank ich zum allerschönsten; ich hab es erst mit den Augen gehört und mich abermals deiner liebenswürdigen charakteristischen Consequenz gefreut.

Die andern Gedichte hast du ihrem übereinstimmenden Sinne nach ganz richtig gefaßt; man möchte es eine Duettcantate, vom unmittelbaren Scheiden bis in immer weiter. und weitere Entfernung nennen, da denn der Regenbogen abschließt, der Nahes und Fernes verbindet.

Ob nun die Musik, die freylich dem Gefühle alles anzunähern vermag, was dem Begriff und selbst der Einbildungskraft fremd bleibt, auch hier eingreifen könne, wolle? sey dem Meister anheim gegeben.

Allen guten Geistern empfohlen.

für ewig

Weimar den 18. Jänner 1823.

G.[280]


36/227.


An Carl Friedrich Anton von Conta

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

verzeihen, wenn ich den mir zugedachten angenehmen Besuch dießmal ablehne; mich hält eine kleine Indisposition bey dieser Kälte im Zimmer und bitte daher, mich auf einige Tage zu entschuldigen. Wobey ich aufrichtig versichern kann, daß es mir sehr angenehm seyn wird, unseren Reisenden zu sprechen, ja mich mit ihm länger zu unterhalten, da mir eben gegenwärtig nähere Kenntniß von den nordischen Gebirgen höchst erwünscht wäre. Erlauben Sie daher, daß ich nächstens anfrage, welche Stunde beiderseits gefällig seyn möchte.

Weimar den 23. Jänner 1823.


36/228.


An den Großherzog Carl August

Ew. Königlichen Hoheit

nehme mir die Freyheit vorzustellen, daß unser oberes Bibliothekspersonal, theils leidend, theils reconvalescirend, zu Bibliotheksarbeiten nicht wohl angehalten werden könne. Copist und Diener sind in der Einrichtung noch zu unerfahren und reichen auch allein nicht hin einem Ausleihetag vorzustehen.

[281] Wir bitten daher um Erlaubniß morgen, Sonnabend den 25., und Mittwoch den 29. Januar vorläufig schließen zu dürfen, welches um so räthlicher seyn möchte, als das Geschäft des Bücher-Ausleihens bey so höchst gefährlich ist, ein bey Nacht unbewachtes Haus den Tag über und stärker als sonst zu heizen.

Sollten Höchst Dieselben etwas von der Bibliothek befehlen, so würden Sie die Gnade haben, den Ingenieur-Geograph Weise an den Bibliothekar Vulpius zu schicken, welcher ihm die Schlüsseln zu überantworten und die nöthige Einleitung zu geben hätte.

Verehrungsvoll

unterthänigst

Weimar den 24. Januar 1823.

J. W. v. Goethe.


36/229.


An Johann Heinrich Meyer

Mögen Sie, mein Theuerster, sich an beykommendem Hefte in der durch die strenge Kälte gebotnen Einsamkeit einigermaßen unterhalten und mir freundlich vermelden, wie es Ihnen ergeht. Ich rufe Sie nicht aus einer erwärmten Stube, die wahrscheinlich wie die meinige in abweichenden Thermometer-Graden schwankt.

Vielleicht werden Sie durch beykommendes Verzeichniß angeregt, einiges zum nächsten Stücke vorzuarbeiten. [282] Phaethon ist hinüber, und Herr Frommann verspricht ihn im ferneren Laufe nicht zu hindern. So eben erhalt ich Ihr liebes Blättchen und erfreue mich daran, da Sie der äußern Luft doch wieder genießen wollen. Des Abends würde ich gern den Wagen schicken, wenn Sie ihn nur verlangen wollten; es gibt denn gar mancherley zu besprechen.

Tausend Lebewohl!

treulichst

Weimar den 26. Jänner 1823.

J. W. v. Goethe.


36/230.


An Sulpiz Boisserée

In sehr kalter und kaum durch Einheizen zu bezwingender Stunde vermelde schuldigst, daß die Münzen glücklich angekommen sind. Möge Herr Binder, da er weiß, was wir besitzen, auf das Mangelnde gefällig acht haben und für das Neuste, aus Spanien, Portugal, Amerika und von Griechenland her, seine monetarische Aufmerksamkeit bethätigen.

Auf die Note: daß über eine hübsche Sammlung von böhmischen Münzen des Mittelalters ein besonderer Katalog mitgetheilt werden könnte, erwidere hiermit, daß ich zwey Freunde kenne die auf diese Gegenstände ein Auge werfen, jedoch nur mäßige Preise zu zahlen gewohnt sind, meistens aber zu tauschen pflegen.

Ihrer Anfrage wegen der Solly'schen Sammlung kann ich nur vorläufig im Allgemeinen entgegen:[283] daß ich von einsichtigen Freunden, die solche längere und kürzere Zeit gesehen und studirt, nur immer das Hefte davon vernommen habe. Ich werde Meyern, ohne Ihrer Anfrage zu erwähnen, darüber auf's neue besprechen.

Mit Herrn Oersted hätt ich wohl noch einen Tag Unterhaltung gewünscht; es war mit wenigem viel von ihm zu lernen, und zugleich weiß er aufzunehmen. Er steht auf einer so hohen Stufe wissenschaftlicher und sittlicher Cultur, daß es nur noch einen Ruck am Vorhang bedurfte, um mein Farbenwesen ihm ganz in's Klare zu setzen. Das alles wird sich denn nach und nach ausgleichen; mit diesem würdigen Manne wäre es leicht gewesen.

Nähere Kenntniß der Statue so wie der mir noch unbekannten Freundlichkeit Lord Byrons erwarte in stiller bescheidener Thätigkeit; vielleicht haben Ihnen die Aushängebogen des letzten Stückes von Kunst und Alterthum (dessen Versendung, ich weiß nicht warum, retardirt wird) schon gesagt, was ich in Absicht meiner früheren Unternehmungen, und um die Zeugnisse meines Daseyns festzuhalten, gethan.

Seit der Zeit hab ich fortgefahren, den Epitomator mein selbst zu machen: denn es ist gewissermaßen noch lustiger, ein vorliegendes Leben als ein vorliegendes Buch auszuziehen. Den Hauptbegriff hab ich vorerst gefaßt, daß man es epochenweise behandeln müsse; denn obgleich sich alles an einander schließt, so gibt's doch Absätze und Einschnitte.

[284] Die vier Jahre von 1806 bis 1809 einschließlich sind angegriffen und bauen sich schon wunderlich hervor; nun will ich nicht ruhen, bis diese Epoche zu einer gewissen Vollständigkeit und Befriedigung zusammensteht, damit rück- und vorwärts ein Beyspiel sey. Man lernt indessen, was zu thun ist und was man thun kann.

Im Jahre 1810 finde ich Ihre freundliche Sendung durch Buchhändler Zimmer, vermittelt durch Graf Reinhard. Diese Grundlage und was daraus erwuchs verdient wohl, einer neuen Aera den Charakter zu geben. Wie herrlich steht nun das Gelingen eines so bedeutenden, redlichen, folgerechten Strebens in Ihren Blättern vor mir! Erinnerung und Gegenwart begegnen sich so schön.

Nun will ich aber doch inne halten und mich erfreuen, daß ein ganz stiller und einsamer Abend diese Mittheilung hervorlockte.

treulichst

Weimar den 27. Jänner 1823.

J. W. v. Goethe.


36/231.


An Friedrich Ludwig von Froriep

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

haben durch Vermittelung Herrn Hofrath Rehbeins das Facsimile einer bedeutenden Handschrift gefällig[285] einzuleiten geruht; nun ist davon unter inn- und auswärtigen Freunden die Rede, die mich darum angehen. Sollte die Platte noch nicht abgeschliffen seyn, so würde noch um einige Dutzend Exemplare ersuchen.

Indem ich das Neuste, was ich in's Publicum förderte, hier zur gefälligen Theilnahme vorlege, frage zugleich an, ob es beliebig wäre, morgen Abend und jeden folgenden Dienstag, wo ich werthe Freunde in größeren und kleineren Cirkeln versammelt wünsche, mir das Vergnügen Ihrer Gegenwart zu schenken.

Mit vorzüglicher Hochachtung mich unterzeichnend.

[Weimar den 27? Januar 1823.]


36/232.


An Carl Friedrich Ernst Frommann

Ew. Wohlgeboren

vermelde zuerst, dankbarlich anerkennend, daß die mir zugesagten Hefte glücklich angekommen; sodann erhalten Dieselben:

1) die beiden Titel des nächsten Heftes von Kunst und Alterthum und Text zu ungefähr dem ersten Bogen, in Hoffnung daß der Inhalt auch Sie und die theuren Ihrigen interessiren werde; sodann liegt

2) die Schwerdgeburth'sche quittirte Rechnung bey; mögen Sie mir den Betrag auf der fahrenden Post unfrankirt übersenden, so wird auch dieses abgethan seyn.

[286] Die unerwartete und mehr als billig anhaltende Kälte such durch freywillige Gefangenschaft in meinem Zimmer einigermaßen zu besänftigen, wohin minder frostige Freunde manchmal einen Besuch wagen.

Die Ungleichheit der Temperatur hat mich oft an Herrn Wesselhöft denken machen, dessen Talent, eine Gleichheit hierein einzuleiten, so vorzüglich ist; um desto mehr thut es mir leid, die lieben Ihrigen von den Unbilden der Zeit angegriffen zu wissen. Grüßen Sie solche zum allerschönsten und erhalten mir bis auf fröhliches Wiedersehn ein geneigtes Andenken.

ergebenst

Weimar den 29. Jänner 1823.

J. W. v. Goethe.


36/233.


An Domitianus Nowak

[Concept.]

Sehr ehrwürdiger Herr!

Das Schreiben, welches Dieselben gefällig an mich erließen, habe zur rechten Zeit, wie das Recepisse Ihnen schon zugekommen seyn wird, erhalten. Kürzlich erwidere dagegen, daß mir die alte angebotene Medaille sehr angenehm seyn wird; Sie dürfen selbige nur mit dem Postwagen wohl eingepackt gleichfalls gegen Recepisse anher einsenden.

Was Ihre Mineraliensammlung betrifft, so werde sie nicht aus dem Auge verlieren und, wenn Sie mir[287] einige Zeit gönnen, nach und nach gute instructive Stufen einsenden. Für die im Verzeichniß bemerkten kann ich jedoch nicht einstehn, denn als Edelsteine sind sie selten doppelt in Kabinetten und sonst auch schwer anzuschaffen. Doch gibt es wohl auch Gelegenheiten, wo dergleichen zu erhalten sind, da ich denn Ihrer gewiß nicht vergessen werde. Komme ich dieses Jahr, wie ich wohl wünsche, wieder nach Böhmen, so erfahren Sie mehr von mir, und ich bringe auch wohl einiges zu Ihren Zwecken Wünschenswerthes mit.

Sehen Sie sich übrigens in Ihrer nächsten Gegend wohl um, sowohl im geologischen als oryktognostischen Sinne, bringen Sie was möglich ist zusammen und ordnen die Mineralien Ihres Kreises wissenschaftlich. Senden Sie sodann Exemplare an das Prager Nationalmuseum, so wird Ihnen dieses in jedem Sinne zur wissenschaftlichen Kenntniß sowohl als zu Vermehrung und Belebung Ihrer eignen Sammlung vortheilhaft seyn. Soviel sage nur in Hoffnung und Erwartung fernerer Mittheilung.

Weimar den 29. Jänner 1823.


36/234.


An Carl Ludwig von Knebel

Mit herzlicher Theilnahme an dem guten Geschick, das deinem lieben Sohne zu leuchten anfängt, begrüße dich, mein theurer alter Freund, zugleich die Früchte[288] meiner dreymonatlichen Arbeit übersendend; mögest du daraus dir manches Heft zum Drucke; wie wollt ich aber sonst auch die Winterzeit überleben, da, so wie ich, fast alle Freunde in ihre Zimmer eingesperrt sind; Riemern und Meyern habe in vierzehn Tagen nicht gesehen. Sonst ist doch manches Hübsche zu mir gekommen, und Herr Soret, überhaupt sehr wohl unterrichtet, hilft in der Crystallographie redlich nach, und so erleuchtet man sich noch immer mehr über die Werke der Natur, die doch zuletzt, immer neu und immer verschieden, höchst ehrwürdig bleiben.

Soviel für dießmal das Packetchen nicht retardirt werde. Mit der etwas wärmern Atmosphäre wirst du denn wohl auch zufrieden seyn.

Treulich wünschend.

anhänglichst

Weimar den 29. Januar 1823.

G.


36/235.


An Friedrich Wilhelm Riemer

Zu gefälliger Beachtung. mit dem Wunsch bald völlig wieder hergestellter Gesundheit.

Weimar den 29. Januar 1823.

G.[289]


36/236.


An die Großherzogin Louise

[Concept.]

Vor Ew. Königlichen Hoheit an dem heutigen frohsten Tage, [mit] dem treusten eifrigsten Wunsch für Ihro Wohl und Zufriedenheit, nicht ganz leer zu erscheinen, nehme mir die Freyheit, beyliegendes Heft zu überreichen.

Im demselben habe der für mich so bedeutenden Mittheilung erwähnt, die wegen der Hemsterhuis-Galizinischen Gemmensammlung an mich ergangen. Vielleicht beliebten Höchst Dieselben, dorthin diese Blätter gelangen zu lassen, wo sie in Absicht auf ihren Inhalt nicht unangenehm und vielleicht einer weiteren gewünschten Wirkung günstig wären.

Möge alles Gute, was Ew. Königliche Hoheit um sich her und auch um mich verbreiten, doppelt auf Höchst Dieselben und die so theuren Ihrigen auch in der nächsten Zeit zurückkehren.

[Weimar den 30. Januar 1823.]


36/237.


An Johann Heinrich Meyer

Hiebey abermals eine alterthümliche Neuigkeit, die sich Ihrer Aufmerksamkeit empfiehlt. Wir leben wirklich wie auf Montserrat in einer Gemeinschaft, die sich nicht versammelt, indessen müssen wir doch[290] auch diese Zeiten vorüber gehen lassen. Hiedurch will ich Sie nun keineswegs aufgerufen haben, aus Ihrem Innern an solchen feuchten, überfeuchten Tagen hervorzutreten. Finden Sie sich im Zustande, den Freund zu besuchen, so winken Sie nur, der Wagen soll sogleich vor der Thüre seyn; manches Bedeutende und auch wohl mitunter Erfreuliche ist in diesen Tagen zu mir gelangt.

Weimar den 30. Januar 1823.

G.


36/238.


An Johann Friedrich Posselt

Ew. Wohlgeboren

erhalten hiebey die beiden Instructionen, auf deren zweckmäßige Befolgung dieselben nach Ihrer gewohnten Genauigkeit durchaus halten werden.

Der regelmäßig – gleiche Gang der Barometer-Veränderungen an weit entfernten Orten wird nach meiner Überzeugung bald als das Fundament der ganzen Meteorologie angesehen werden; es ist daher keine Bemühung zu scheuen, um sich darüber wie über Ungleichheiten und Abweichungen derselben aufzuklären.

Die aufgefundenen Beobachtungen für London und Boston würde rathen, vorerst in eine besondere Tabelle verzeichnen zu lassen, da man sie denn immer neben unsere graphischen Darstellungen, die ohnehin[291] etwas überladen sind, legen und also vergleichen könnte; wahrscheinlich sind genannte Beobachtungen nach englischen Fußen angestellt, welches, wie Conducteur Schrön schon bey einer andern Gelegenheit bemerkt, vorerst auszumitteln wäre.

Zugleich übersende was Herr v. Eschwege aus Brasilien mitgetheilt; diese Beobachtungen scheinen auch nach englischen Fuß gemacht zu seyn. Die der Tabellen sind 1822 Fuß über der Meeresfläche angestellt, wo sich das Barometer doch kaum über 28 französische Zollheben kann.

Ew. Wohlgeboren werden gewiß auch dabey merkwürdig finden, daß hier kein eigentliches Steigen und fallen, sondern nur eine Art Oscillation ist, wovon Juli, August, September der Bischoffischen graphischen Zeichnung ein Analogen darstellt. Das beygefügte Journal liefert auch schon eine Jahresreihe am Meersufer von Brasilien; wollten Sie das alles näher betrachten und mir Ihre Meynung eröffnen. Sollten Sie über einzelne Puncte dieser brasilianischen Mittheilungen nähere Auskunft verlangen, so bitte mir solches anzuzeigen. Herr v. Eschwege wird gern an Hand gehen.

Ferner wünsche, daß Sie einige Tafeln graphischer Collectaneen einrichteten, wo aus entfernten Gegenden, und wenn es nur Wochen und Monate sind, Einzelheiten eingetragen würden; dadurch käme man viel schneller zum Ziel und die Aufmerksamkeit würde[292] mehr erhalten und angeregt als bey einer Reihe von Erfahrungen, bey welchen man zuletzt ermüdet.

Abdrücke der gegitterten Platte sende soviel als verlangt werden; wenn wir den Raum blos zu Barometer-Beobachtungen anwenden, so wird sich vieles zusammenstellen lassen.

Übrigens werd ich diese Angelegenheit nicht aus den Augen lassen in Hoffnung, daß bey milderer und mehr angenehmer Jahreszeit Ew. Wohlgeboren mich einmal mit Ihrem Besuche erfreuen.

Das Beste wünschend.

ergebenst

Weimar den 31. Januar 1823.

J. W. v. Goethe.


36/239.


An Carl Gustav Carus

Beykommendes neustes Heft von Kunst und Alterthtum fordert mich auf, auch wieder einmal an Ew. Wohlgeboren Wort und Gruß gelangen zu lassen; da ich denn zuvörderst den Wunsch ausspreche, daß die höchst schätzbaren Bilder auch Ihr eigenes Gefühl ansprechen mögen.

Hiezu füge eine Anfrage, der ich den zweyten Wunsch beygeselle; möchten Sie mir für das nächste Heft morphologischen Inhalts nur irgend einen kleinen Beytrag geben? meinen Zwecken gemäß, die Ihnen[293] genugsam bekannt sind. Vielleicht sagen Sie etwas über Ihr neustes Werk, welchem wir zu Ostern entgegen sehen. Wenn es auch nur wenige Blätter sind, so wäre es mir angenehm als ein Zeugniß theilnehmenden wechselseitigen Verhältnisses; ich habe noch einige Freunde um die gleiche Gefälligkeit ersucht.

Möge nach der strengen Kälte die milde Witterung auch Ihnen zu Gute kommen und das bevorstehende Frühjahr in den herrlichen Dresdner Gegenden Ihnen vollkommen genußreich werden. Mein Befinden ist von der Art, daß ich die vergangenen drey Monate zu manchen Arbeiten und Vorarbeiten ununterbrochen benutzen konnte.

Mit den aufrichtigsten Wünschen.

ergebenst

Weimar den 31. Januar 1823.

J. W. v. Goethe.


36/240.


An Kreishauptmann von Breinl

[Concept.]

Hochwohlgeborner,

insonders hochgeehrtester Herr!

In Gedanken nach jenen Gegenden mich zu begeben, wo ich schon so angenehme Monate verlebt, war diesen Winter bey der größten Kälte eine angenehme Aufforderung; ich sah unsere gnädigsten jungen Herrschaften nach Pilsen abreisen, in der Überzeugung, daß[294] sie sich dort in jedem Sinne wohl und glücklich befinden sollten, indem nichts gewisser war, als daß Ew. Hochwohlgeboren genugsam gekannte Thätigkeit und Vorsorge auch den höchsten Gästen die möglichsten Bequemlichkeiten verschaffen würde, wie Sie es uns allen, die wir Marienbad so gern besuchen, wohlwollend zu bereiten wissen.

Auch kann ich versichern, daß die erste Unterhaltung mit unsern verehrten, geliebten jungen Herrschaften die dortigen guten, mit Aufopferung bewirkten Anstalten zum Gegenstand hatte.

Nehmen Ew. Hochwohlgeboren die Versicherung, daß es mir höchst angenehm sey, eine Gelegenheit zu finden, wo ich meinen Dank für so viele Gefälligkeiten der vergangenen zwey Jahre aussprechen kann; wie denn gar manche schöne Stufe, die ich Ihrer Geneigtheit schuldig bin, bey Unterhaltung über Gebirg und Gestein vorgewiesen und dabey die Bereitwilligkeit dortiger Freunde aufrichtig zu rühmen niemals versäumt wird.

Mit dem Wunsch, Dieselben auch in den dießmaligen Sommermonaten auf das freundliche zu begrüßen, vielleicht in Pilsen selbst mich anzumelden, sey gegenwärtig geschlossen.

Mich hochachtungsvoll unterzeichnend.

Weimar [den 2.] Februar 1823.[295]


36/241.


An Joseph Stanislaus Zauper

Es freut mich gar sehr, mein Werthester, daß in Ihre Wintertage eine so hoch erfreulich Erscheinung sich niederließ; das Bild vorzügliche Menschen, besonders wenn die Natur ihnen auch eine schöne Gestalt verleihen wollen, treu im Sinne zu hegen, ist eine schöne Gebe für's Leben, das sich nicht genug an's Würdige und Ehrwürdige anklammern kann.

Daß Sie mir von den Unbilden Ihrer literarischen Prüfungszeit Nachricht geben, ist sehr schön, denn ich hebe dadurch Gelegenheit, Ihnen einiges zu sagen und Sie auf gar manches dergleichen, das Sie in den nächsten Jahren erwartet, vorzubereiten.

Halten Sie fest an dem, was Sie Ihrer Natur gemäß fühlen, und da hier vom ästhetischen Sinn die Rede ist, prüfen Sie sich immerfort am diamantnen Schild der Griechen, in welchem Sie Ihre Tugenden und Mängel jederzeit am klarsten erblicken können.

Horchen Sie auf die Mitlebenden nur, um sie kennen zu lernen, um gewahr zu werden, was sich Ihnen nähert, was sich von Ihnen entfernt, was Sie fördert oder hindert.

Mich betreffend bleiben Sie ganz ruhig; ich weiß so wenig was für und gegen mich geschieht, als ich mitten in Deutschland von den Stürmen der Nord-[296] und Ostsee oder auch des Mittel- und adriatischen Meeres etwas gewahr werde; ich suche die vielen Vorarbeiten, die ich zu eigenem Gebrauch seit Jahren gehäuft, auch noch, in so fern es möglich ist, für andere nützlich und erfreulich zu machen und dabey solche Einrichtung zu treffen, daß so wenig als möglich verloren gehe, wenn ich früher oder später abgerufen werde.

Überhaupt kann ich wohl sagen, daß ich von allem dem, was seit fünfzig Jahren gegen mich gewirkt wird, großen Nutzen gezogen; denn ich lernte dadurch meine Nation kennen, und dieß ist auch jetzt der Fall, in so fern etwas von meinen neuen Widersachern in meine Zelle gelangt, die einsamer ist als die Ihrige; denn ich lerne ja daran die Zeitgesinnung am besten einsehen, die ich an dem, was ich auf die Zeit wirken wollte und gewirkt habe, am besten prüfen kann.

Und so fahren auch Sie fort, sich selbst gewissenhaft zu bilden und Bildung gewissenhaft mitzutheilen. Grüßen Sie den Herrn Präfecten zum schönsten, gedenken Sie mein unter den Ihrigen, indessen ich der Hoffnung lebe, bald wieder in Ihre Mitte zu treten.

aufrichtig theilnehmend

Weimar den 2. Februar 1823.

J. W. v. Goethe.[297]


36/242.


An Friedrich Wilhelm Riemer

[Concept.]

Es war mir sehr angenehm zu erfahren, daß nicht Übelbefinden, sondern eine würdige Beschäftigung, die in ihren Folgen auch mir viel Freude macht, Sie die vorige Woche in der Einsamkeit gehalten. Haben Sie Dank für die baldige Mittheilung.

Beachten Sie Beykommendes gefällig und sagen mir zunächst Ihre Gedanken. Ich wünschte daß wir wieder zusammen einen Abend zubrächten; ich sende den Bogen, sobald Sie ihn verlangen.

Mit den besten Wünschen.

Weimar den 2. Februar 1823.


36/243.


An Ernst Heinrich Friedrich Meyer

Ew. Wohlgeboren

sende hiebey einige fragmentarische Blätter, ich notirte die Einzelnheiten auf meinen Sommerreisen in Gefolge manches Gespräches, einsamen Nachdenkens und zuletzt angeregt durch Ihre Briefe. Das hier Angedeutete auszuführen, in Verbindung zu bringen, die hervortretenden Widersprüche zu vergleichen, fehlt es mir gegenwärtig an Sammlung, die ein folgerechtes Denken allein möglich macht; indessen wollte ich im nächsten[298] Hefte der Morphologie diese Blätter abdrucken lassen und Sie zu einer prüfenden Theilnahme freundlichst einladen; nun aber halte ich es für gerathener, Ihnen das Manuscript zuzusenden und Sie zu ersuchen, diese paradoxen Sätze als Text oder als Anlaß zum eigenen Betrachten anzusehen und mir einiges darüber [zu] schreiben, das ich gleichfalls in das morphologische Heft unter Ihrem Namen einrücken könnte. Ein solches Zeugniß reiner Sinn- und Geistesgemeinschaft würde mir sehr erfreulich seyn.

Der ich mit den besten Wünschen und in Hoffnung, von Ihrer fortgesetzten Thätigkeit zu vernehmen, für dießmal abschließe, nur noch für die botanische Monographie dankend, die mich zu Betrachtung der Kupfer dieses Geschlechts, welche mir unseres Fürsten botanische Bibliothek reichlich lieferte, eine Zeitlang bey diesen mir sonst nicht wohl unterscheidbaren Gestalten festhielt.

Das schönste Lebewohl.

treulich theilnehmend

Weimar den 2. Februar 1823.

J. W. v. Goethe.


36/244.


An Christian Gottfried Daniel Neesvon Esenbeck

Mit herzlichem Danke für Schreiben und Sendung durch Gräfin Beust und anderes Gleichzeitige überliefere hier das gewünschte Facsimile; damit verhält[299] es sich folgendermaßen: Lord Byron beabsichtigte mir seinen Sardanapal zu widmen, er schickte das Blatt, das vorgedruckt werden sollte, nach England, man wollte mich es erst wissen lassen, das verschob und verzog sich, nun bestimmte man es für die zweyte Ausgabe des Sardanapals, und es gelangte endlich zu mir. Den Werth einer solchen zurückzusendenden Handschrift erkennend, besorgten mir schnell ein Facsimile, welches um soviel mehr bedeutet, als diese Widmung nie wird abgedruckt werden und er mir sein Trauerspiel Werner, wie ich höre, zugeschrieben hat. Sie sind überzeugt, daß ich eine solche auszeichnende Anerkennung tief empfinde und zu dem übrigen großen Capital von freundschaftlich-theilnehmendem Wohlwollen hinzufüge, wodurch mein innerstes Leben für ewige Zeiten gesichert ist.

Für Herrn Raeke sende nächstens ein besonderes Blatt, welches von der wunderlichen Symbolik zeugen mag, in die wir bey langem Leben und beharrlichem Arbeiten am Ende verschlungen werden. Danken Sie ihm schönstens; das Manuscript schicke sodann zurück.

Der Zahn des Megatherium ist höchst merkwürdig, für Deutschland überhaupt und besonders für Böhmen.

Wenn Sie meinen Elephanten-Schädel mit Herrn d'Altons Erklärung und Erläuterung noch in den 11. Band aufnehmen wollen, verbinden Sie mich gar sehr; seh ich die Platten vor mir, vernehme, was Herr d'Alton sagt, so wird das alte Interesse gewiß[300] erregt und manche Betrachtung aus der Lethe hervorgezaubert. Jetzt bin ich gar zu weit aus dem Organischen; Ästhetisches und Physisches sind die beiden Extreme, in denen ich sprungweise verweile.

Deswegen scheint auch wirklich der morphologische Theil meines neuen Heftes eher mager zu bleiben, und es ist mir schon einigemal in Sinne gekommen, meine werthen Freunde um Succurs anzurufen. Ich will es auch gleich aussprechen, was mir im Gedanken liegt; wäre es Ihnen und Herrn d'Alton gefällig, zu meinen Zwecken mitzuwirken, so wäre es erfreulich und ermunternd; nur Manuscript zu wenigen Octavblättern, es sey im Allgemeinen oder im Besondern, würde mich zu neuem Zutrauen stählen; ich hoffe dergleichen noch von wenigen Freunden und versehe mich auch hiedurch gern mit einem Zeugniß, wie ich mit den Heften der Nation im besten Verhälniß stehe.

Der erste Aushängebogen der Morphologie folgt nächstens. Möge er zum Faden, zum Stäbchen dienen, woran sich der Freunde Wohlwollen crystallisirt.

Kann ich einen Abdruck meines Bildes von Dawe beylegen, so thue ich es gern; diese Abbildungen sind ja nicht der Mensch, der Freund, sondern wie er einmal dem oder jenem erschienen ist und wie ihn dieser oder jener nachzubilden Lust oder Talent hatte.

Mit meinen ersten Exemplaren bin ich unhaushälterisch verfahren; nun muß ich die in Anspruch nehmen, die manchmal hier niedergelegt sind. Wunderlich genug,[301] daß dieses auch als Kunstwerk lobenswürdige Blatt in Deutschland völlig unbekannt geblieben.

Was die Jenaische Zeitung mir von Ihnen bringt, sey durchaus willkommen; der Einklang unseres Denkens und Wirkens ist zu entschieden, als daß nicht jede Äußerung davon Zeugniß geben sollte.


Die Rolle ist einige Posttage liegen geblieben und so konnte mehreres als ich dachte beygefügt werden. Möge alles freundliche Aufnahme finden und eine baldige Erwiderung in den wachsenden Tagen mich ergötzen.

und so für und für!

Weimar den 2. Februar 1823.

G.


36/245.


An Johann Friedrich Cotta

Ew. Hochwohlgeboren

mir jederzeit willkommenes Schreiben war es dießmal doppelt, weil es mir Herrn Dr. Adrian um soviel näher führt. Die Frankfurter Freunde sagten mir von ihm das Allerbeste nun durch Ihr Zeugniß und durch seinen Brief ferner sich bethätigt.

Das an ihn beygelegte Schreiben sagt das Weitere und ich bin überzeugt, daß seine Antwort mich völlig gewinnen wird, alsdann möchte es Zeit seyn, von[302] einem Unternehmen zu sprechen, welches allerdings von Bedeutung ist.

Der ich mit den besten Wünschen und Versicherung treuer Anhänglichkeit mich bestens empfehle.

Gehorsamst

Weimar den 3. Februar 1823.

J. W. v. Goethe.


36/246.


An Johann Valentin Adrian

[Concept.]

Ihr kleines Heft, mein Werthester, führte mir am ruhigen Winterabende die griechischen Priesterinnen, wie ich sie wohl gerne sehen mochte, anständig vorüber.

Manches kannt ich, manches erfuhr ich und gewahrte beides in mäßiger freundlicher Darstellung. Ich erkundigte mich nach Ihnen, weil es mir wünschenswerth schien, in dieser verworrenen Zeit einen wohl unterrichteten, sinnigen, ruhig und bedächtig vorschreitenden jungen Mann näher zu kennen, für den mich besonders der Umstand einnahm, daß ich weder mystisches Pfaffenwesen noch Etymologie noch Lüsternheit bemerken konnte.

Da Sie sich nun glücklicherweise mir selbst nähern und überdieß ein geschätzter und geprüfter Mann Sie einführt, so freue ich mich gar sehr der neuen Aussicht auf einen jungen Freund, mit dem ich harmonirend wirken könnte, wonach ich jeden Tag trachten[303] muß und kaum zu hoffen wagte. Sagen Sie mir daher von Ihrem Thun, von Ihren Aussichten das Hinreichende, damit ich das Weitere bedenke und mich dar über ausspreche. Mehr sag ich nicht, damit die Einleitung nicht vorschreite dem Wünschenswerthen.

Weimar den 3. Februar 1823.


36/247.


An Johann Heinrich Meyer

Hab ich Ihnen, mein Werthester, unter den verschiedenen Sendungen ein Heft griechischer architektonischer Alterthümer zugesandt, so erbitte mir solche zurück; es gehört dem Oberbaudirector Coudray.

Das Beste wünschend.

Weimar den 3. Februar 1823.

G.


36/248.


An Johann Friedrich Heinrich Schlosser

[Concept.]

Gibt es eine Zeit des Schweigens, so muß es ja wohl auch eine Zeit des Mittheilens geben. Zu Anfang dieses Jahrs denk ich an so manche Unterlassungssünden des vorigen; ich will sie nicht entschuldigen, aber sage doch soviel, daß ein paar Monate auswärts zugebracht uns in neue Verbindung und Obliegenheit verwickelt, aus denen wir uns im[304] Spätherbst und Winter besonders in meinen Jahren so leicht nicht heraushelfen.

Beykommende Rolle liegt schon fast ein halbes Jahr vor mir; ich sende sie gegenwärtig, um so lieber, da unser verehrtester Herr Präsident derselben vielleicht an einem Wintertage größere Aufmerksamkeit schenkt. Man hat, wie Sie, mein Theuerster, sehen werden, die einem Facsimile sich nähernde Vergleichung aufgegeben und ist so weiter fortgeschritten; der geschickte junge Mann hielt inne, da das Bibliotheksgeschäft, bey dem er angestellt ist, schärfer angegriffen wurde; ich habe ihm 8 Thaler unseres Geldes darauf gezahlt, welches ohngefähr 13 1/2 fl. rheinisch betragen möchte. Nach einem Überschlag, den ich ihn machen ließ, würde das Ganze etwa 52 rh., ohngefähr 8 Carolin zu stehen kommen. Zu einer zweyten Abschrift kann er sich nicht entschließen und dürft es auch nicht wohl bey den Forderungen des Bibliotheksgeschäftes an seine Zeit; auch würde, da ohnehin nur für dir Zukunft vorgearbeitet wird, eine kleine Retardation vergönnt seyn.

Möchte unterdessen dieser Abschnitt geneigt aufgenommen und das Weitere nach Befinden beschlossen werden.

Ihrem Herrn Bruder, von dessen Wohlbefinden Herr Graf Reinhard mir das beste Zeugniß gegeben, bitte mich schönstens zu empfehlen; seine frühern Wünsche sind mir nicht aus den Gedanken gekommen und ich hoffe, sie nächstens erfüllen zu können.

[305] Behalten Sie mir ein geneigtes Andenken auch in Entfernung und Schweigsamkeit.

Weimar den 3. Februar 1823.


36/249.


An Carl Ludwig von Knebel

Mit herzlichen Dank, theuerster ältester Freund, für deine lebhafte und motivirte Theilnahme sende den Triumph des Paulus Aemilius, aus Plutarch übersetzt. Hier wird ein fürchterliches Gedränge der Einbildungskraft vorbeygeführt, wie es auf den Bildern den Augen dargestellt ist, welche gelegentlich wiederzusehen dich gewiß freuen wird. Auch lege Riemers neustes Gedicht bey, welches, von Musik begleitet, am 2. Februar sehr gut aufgenommen worden.

Über die häuslichen Angelegenheiten melde nächstens wenigstens nicht ganz Unbefriedigendes und Aussichtliches, indem ich den gegenwärtigen Zustand sämmtlicher Interessenten gar wohl einsehe.

Mit Gruß und Wunsch.

for ever

Weimar den 5. Februar 1823,

G.


36/250.


An Friedrich Wilhelm Riemer

Beykommende kleine Aufsätze wären, wie mir scheint, noch einmal ernstlich durchzudenken, denn sie[306] enthalten Stoff der vielfach anregt. Mögen Sie solche durchgehen und Ihre Gedanken dabey eröffnen, daß weder zu wenig noch zu viel geschehe.

Sollten Sie das was Sie über Schrift- und Redestyl, welcher letztere Miene, Ton, Gebärde fordert, anstatt daß der erste durchaus mit dem Denken vertragen muß, einige Worte schriftlich aussprechen, so würde dieß ein Schmuck des nächsten Stückes werden.

In Hoffnung baldiger Zusammenkunft.

Weimar den 5. Februar 1823.

G.


36/251.


An Carl Friedrich Ernst Frommann

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

geneigtes Schreiben erwidere durch die mir zugegangene Notiz auf folgendem Blatt, wobey ich denn auch die dort angegebene kleine Summe hinzufüge. Sollte das Manuscript und die Kupfertafeln zu weiterm Gebrauch verlangt werden, so können solche sogleich abgehen.

Sehr unangenehm war mich in der Hoffnung getäuscht zu sehen, daß Sie die Kälte glücklich überstanden hätten, da ich selbst Unerfreuliches dabey empfunden und mich mehrmals hin- und widerflüchten müssen. Erholen wie uns von diesen Unbilden desto[307] froher in diesen eingetretenen leidlichen Tagen, einem erquicklichen Frühjahr entgegensehend.

Mit den treusten Wünschen.

Weimar den 9. Februar 1823.


36/252.


An Johann Wolfgang Döbereiner

Ew. Wohlgeboren

haben Serenissimo ein Schreiben von Herrn Thienemann aus Leipzig nebst einem Verzeichnisse isländischer und norwegischer Naturalien übersendet, welches beides von Höchst Denenselben an mich abgegeben worden mit gnädigster Resolution, daß Höchst Dieselben geneigt wären, einen Theil der Naturalien für das jenaische Kabinett anzuschaffen und zwar von folgenden Rubriken:

1) Säugethiere, wofür gefordert wird36Rthlr.

2) Vögel186"

3) Eier40"

4) Pflanzen30"

292Rthlr

Da jedoch Ihro Königliche Hoheit nur die Summe von 150 Rthlr. so ersuche ich Dieselben, mit dem Besitzer deshalb Rücksprache zu nehmen, wie allenfalls eine Übereinkunft zu treffen wäre, da Ihro Königliche Hoheit eine sehr gute Meynung von[308] Herrn Thienemann haben und demselben gnädig zugethan sind. Bey dieser Gelegenheit mich nach Ihrem Wohlbefinden erkundigend und zugleich anfragend, ob vielleicht ein säulenförmiges Eis auch bey diesem Froste sich möchte wiedergefunden haben.

Mich zu geneigtem Andenken bestens empfehlend und der neulich lehrreich vergangenen Tage mich mit Vergnügen erinnernd.

ergebenst

Weimar den 9. Februar 1823.

J. W. v. Goethe.


Schreiben und Verzeichniß leg ich wieder bey, weil sie zu näherer Bestimmung des Geschäftes dienen können, erbitte mir aber solche sodann wieder zurück.


36/253.


An Carl Ernst Adolf von Hoff

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

übersende, nur allzu spät, die früher angemeldeten Bände, mit dem Wunsch, daß auch Ihnen Anklänge an Erfahrung und Überzeugung daraus hervorgehen mögen.

Das ungleiche Papier, das selbst Entschuldigung bedarf, entschuldige das Verspäten; es war nicht mehr möglich, ein ganz gleiches Exemplar zusammenzubringen.

[309] Noch eine Retardation meines Schreibens und Sendens darf ich wohl aufrichtig aussprechen: ich wünschte Ihrem höchst willkommenen Werke einiges Einzelne bekräftigend zu erwidern; dieß wollte mir nicht sogleich gelingen; nun aber kann ich sagen, daß bey fleißigem und aufmerksamen Lesen in diesen Winterabenden ich aus der Lethe meiner Vergangenheit recht Erfreuliches zu diesem Zweck herausgefischt habe, worunter ich eine ganz befriedigende Auflösung des Räthseltempels zu Puzzuol, wovon ich Zeichnung und Erklärung in meinen Papieren fand, wohl zuerst nennen darf. Die Blätter datiren sich. Neapel, Sonnabend den 19. May 1787, also nach meiner Rückkehr von Sicilien; ich ließ bey'm Abdruck meiner Reisebeschreibung diese Stelle weg, weil ich ein Kupfer dazu nothwendig fand. Die von einem Architekten deshalb entworfene Tafel liegt schon einige Jahre unter andern Papieren und wäre ohne Ihre Anregung vielleicht verloren gegangen. Es läßt sich die Erscheinung gar wohl örtlich deuten, ohne daß man das Mittelmeer, seit den Zeiten Diocletians, etliche und dreyßig Fuß über sein Niveau bey Puzzuol zu bemühen braucht. Wunderlich genug, daß gewisse Köpfe solche desperate Erklärungsweisen für ganz bequem und natürlich finden. Ich müßte den übrigen Raum dieses Blatts mit Ausrufungszeichen füllen, wenn ich meine Besinnungen über die desperaten Erklärugsweisen auszudrücken [versuchte], womit bald[310] ganze Reiche erhoben, bald das Meer aufsteigend, bald Continente zum Versinken verdammt werden; ist mir's doch, als wenn Neptun und Pluto nach Christi Geburt mit einander wetteiferten.

Ew. Hochwohlgeboren haben das große Verdienst, diese Thorheiten mit größter Mäßigung zur Sprache zu bringen, und es muß ein jeder Sinnige für Pflicht halten, sich an Sie anzuschließen. Was ich in meinem neusten Hefte zur Wissenschaftslehre hierüber zu äußern gedenke, sende vorher im Manuscript, um mich einer so werthen Mitwirkung zu erfreuen. Mögen Ew. Hochwohlgeboren auch hierin Anerkennung, Vertrauen und Werthschätzung gewahr werden und freundlichst aufnehmen, die ich Denenselben von jeher gewidmet habe.

Weimar den 9. Februar 1823.[311]


35/224.


An Carl Ludwig von Knebel

Wegen des fraglichen Geschäftes vermelde folgendes; bey der Bibliothek ist jetzt für unsern Freund keine Zulage zu bewirken, soll aber jene Veränderung und Absonderung sich nöthig machen; so kann ich über funfzig Thaler jährlich disponiren, gäbe der wohlmeynende Erbgroßherzog auch so viel, würden die hundert Thaler beysammen seyn. Der Prinz besucht Euch nächstens und da wäre die Bitte wohl anzubringen. Von Osten anliesse sich der Termin, also Johanni zum erstenmal, gar wohl bestimmen. Alles Gute.

W. d. 9. Febr. 1823.

G.[263]


36/254.


An Christian Nebbien

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

sende nach eigenem Verlangen das mitgetheilte Manuscript eilig zurück, da es mir unmöglich fällt, in meiner Lage etwas nach Ihren Wünschen zu bewirken; deshalb mir nichts übrig bleibt, als mein Beyleid zu bezeugen und zu hoffen, daß sich Ihnen sonstige Aussichten eröffnen möchten.

Weimar den 14. Februar 1823.[311]


36/255.


An den Großherzog Carl August

[Concept.]

Ew. Königlichen Hoheit

wage aus dem tiefsten katarrhalischen Zustande ein anmuthiges Werk vorzulegen welches, wenn nicht bekannt, gewiß einen erfreulichen Anblick gewähren wird.

Womit mir die Erlaubniß erbitte, nächstens noch manches andere schuldigst bey- und nachzubringen.

Weimar den 14. Februar 1823.


36/256.


An die Großherzogin Maria Paulowna

Durchlauchtigste Erbgrosherzoginn,

gnädigste Fürstinn und Frau.

Ew. Kayserlichen Hoheit von fern und nah zum Heutigen schönen Tage die treuempfundenste Verehrung darzubringen gereicht mir, in meinen abgesonderten Zuständen zur größten Freude.

Mögen Ihrem weitumfassenden Geist, Ihrem weitausgreifenden und wirckenden Gemüth diejenigen nicht fern seyn die das herrliche Fest in stiller, frommer Eingezogenheit begehen.

Und wie Höchsderoselben gnädig freundliche Gegenwart dem böhmischen Winter Blumen zu erschaffen[312] wußte; also möge dieselbe Sonne ferner immerfort meinen Winter mit wohlthätiger Einwirckung beleben!

Verehrend,

unterthänigst

Weimar d. 16. Februar 1823.

J. W. v. Goethe.


36/257.


An Johann Heinrich Meyer

Mit freundlichstem Ersuchen, beykommenden trefflichen Aufsatz nochmals durchzugehen und zu prüfen, in wie fern der Abschreiber das Seinige geleistet.

Weimar den 15. März 1823.

G.


36/258.


An Johann Heinrich Meyer

Herr Soret kündigt mir einen Petersburger Reisenden an, der etwas vom Herrn von Köhler bringt; zugleich aber lithographische Blätter mit sich führt, von denen man das Beste sagt. Sie kommen um halb 1 Uhr zu mir. Vielleicht können Sie sich ein halb Stündchen abmüßigen; es wäre doch hübsch, wenn Sie auch diese Arbeiten beurtheilen könnten.

Weimar den 22. März 1823.

G.[313]


36/259.


An Carl Friedrich Zelter

Erstes Zeugniß

erneuten Lebens und Liebens

danckbar anhänglich

[Weimar de 23. März 1823.]

J. W. v. Goethe.


36/260.


An Friedrich Wilhelm Riemer

Da bey diesem Bogen ein besonderer Fall eintritt, lege ich mein Revisions-Exemplar bey und bemerke Folgendes: Auf Seite 31. muß das Wort: Erwiederung eingeschaltet werden, wie ich es eingeschrieben. Damit dieses schicklich geschehen könne, thu ich den Vorschlag, auf der vorhergehenden 30. Seite den mit der sechsten Zeile sich abschließenden Paragraph mit zwey Gedanken-Strichen zu endigen, den Unterscheidungsstrich wegzunehmen, den Paragraph: Der Mensch pp um zwey Zeilen höher zu rücken, mit den zwey ersten Zeilen der 31. Seite herüber zu gehen und so Platz für das Wort Erwiederung zu gewinnen, welches keine größere Lettern braucht als das Wort Probleme auf der 28. Seite, Zeile 5 von unten. Wenn Sie als ein typographisch Erfahrener diesen Vorschlag billigen, so bitte hiernach[314] zu corrigiren, wo nicht, mir Ihre gefällige Meynung zu eröffnen.

Das Beste wünschend.

Weimar den 28. März 1823.

G.


36/261.


An den Großherzog Carl August

Ew. Königliche Hoheit

haben wohl schon vernommen, daß unser guter Posselt aus dem Reiche der Lebendigen geschieden ist. Indem wir seinen Verlust betrauern, haben wir auf die Wiederbesetzung seiner Stelle zu denken.

In dem Verhälnisse, in welchem Höchst Dieselben zu Staatsminister von Lindenau stehen, werden wohl von demselben die besten Vorschläge und Anleitungen zu erwarten seyn, da wir denn in unserer Lage vorzüglich einen tüchtigen vorurtheilsfreyen Meteorologen zu wünschen hätten.

Was die Anstalt selbst betrifft, so war schon vorläufig Vorsorge getroffen und wird sogleich das weiter Nöthige verfügt und angeordnet werden.

unterthänigst

Weimar den 31. März 1823.

J. W. v. Goethe.


37/1.


An den Großherzog Carl August

Ew. Königliche Hoheit

lege im Namen des Professor Büschings in Bresslau die nochmalige Darstellung des Schlosses Marienburg zu Füßen. Die deutsche Buchbinderkunst scheint der englischen nacheifern zu wollen.

Zugleich liegen einige Hefte bey, deren Inhalt, wie ich weiß, früherhin Höchstdieselben interessirte.

Mich zu Hulden und Gnaden empfehlend.

unterthänigst

Weimar den 1. April 1823.

J. W. v. Goethe.


37/2.


An Carl Friedrich Zelter

Hier, mein Theuerster, eilig damit die Post nicht Versäumt werde, der schönste Dank für deine Charwoche, an der du mich so lebhaften Theil nehmen lässest. Hiebey ein kleines Gabelfrühstück, woraus du dir etwas deinem Gaumen Willkommenes ausstochern wirst. Lebe wohl und pausire nicht zu lange im Mittheilen.

treulichst

Weimar den 2. April 1823.

G.[1]


37/3.


An Carl Ludwig von Knebel

Nur mit wenigen Worten herzlichen Dank für alle Theilnahme, ingleichen für das liebenswürdige Gedicht, das die Jahreszeiten sehr angenehm ankündigt und die Menschen auf den Gott an der Natur gar schön hinweist.

Zugleich meine besten Glückwünsche zu dem erfreulichen Zustand, in welchem sich Carl befindet: ich kann mir übrigens recht gut denken, wie seine Persönlichkeit in einem so hohen und doch so natürlichen Kreise willkommen seyn mußte. Grüße die lieben Deinigen und gedenke mein.

treulichst

Weimar den 2. April 1823.

G.


37/4.


An Johann Gustav Büsching

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

verfehle nicht anzuzeigen, daß das im Innern so bedeutende und auch im Äußern so wohl ausgestattete Werk glücklich angekommen und von Serenissimo freundlichst aufgenommen worden. Es freut mich, daß ich bey dieser Gelegenheit, nebst dem allerbesten Dank, Serenissimi wohlgeratenes Bildnis zugleich[2] übersenden kann, und sage nicht mehr, als daß dieses eins der ersten Geschäfte ist, die mir seit meiner Wiedergenesung aufgetragen worden und daher doppelt angenehm.

Mögen Sie zu meiner Beruhigung und Legitimation, nur mit wenig Worten, die Ankunft des Gegenwärtigen Vermeiden, so werd ich es dankbarlichst erkennen. Wie ich denn unter Versicherung aufrichtiger Theilnahme mich hochachtungsvoll unterzeichne.

Weimar den 6. April 1823.


37/5.


An Johann Gottfried Jacob Hermann

Ew. Hochwohlgeboren

verzeihen geneigtest bey'm Anblick des Vorliegenden mein langes Schweigen und scheinbaren Undank. Sie sehen, wie mich Ihre wichtige Gabe sogleich beschäftigt, wozu sie mich aufgefordert, und ermessen hiernächst wie ich von einer so schweren Aufgabe, nach verwegenem Angriff, mich doch wieder zurückziehen mußte. Auf einem geschriebenen Blatt lege indessen vor Augen, was ich, in dem gegenwärtigen Hefte, wovon dieß die ersten Aushängebogen sind, noch weiter nachzubringen gedenke; in Erwartung ob ein glücklicher Augenblick jenes Unternehmen wohl fördern möchte. Was aber auch auf diesem Wege von mir geleitet worden, es möchte doch die Freunde der alterthümlichen Dichtkunst[3] einigermaßen auf dieß herrliche Werk aufmerksam zu machen geeignet sehn.

Auch muß ich vermelden, daß vor kurzem mir das höchst schätzbare Programm über die Tetralogien der Alten in die Hände gelangt, wodurch ich veranlaßt worden, einige neuere Beyspiele solcher unzusammenhängend gesteigerten theatralischen Darstellungen in's Gedächtniß zurück zu führen und an dasjenige, was Ew. Hochwohlgeboren behaupten, unmittelbar anzuknüpfen.

Ich schließe mit der Bitte mir doch Günstig alles, was in dieser Art von Ihnen ausgeht, ungesäumt gefälligst mitzutheilen, weil es mir immer neue lebendige Veranlassung gibt, dasjenige wieder vortreten zu lassen, was sich bey mir vielleicht in den tiefsten Hintergrund Zurückgezogen hat.

Unbemerkt möge übrigens nicht bleiben, daß gegenwärtiger Brief mit zu der ersten Sendung gehört, die ich nach meiner Wiederherstellung ausfertige; Ihres freundschaftlichen Antheils an der glücklichen Auflösung eines so schweren pathologischen Räthsels gewiß, empfehle mich zum wohlwollenden Andenken.

gehorsamst

Weimar den 6. April 1823.

J. W. v. Goethe.[4]


37/6.


An den Salineninspector Bischoff

[Concept.]

[Etwa 9. April 1823.]

Ew. Wohlgeboren

früheres Schreiben nebst der interessanten Tabelle ist mir seiner Zeit als dem Vorgesetzten der jenaischen Sternwarte zu Handen gekommen, und mich hat die Äußerung: daß doch der großen Bedeutsamkeit des Barometerwechsels mehr Aufmerksamkeit möge gewidmet werden, sehr erfreut, sie trifft mit meiner Überzeugung völlig zusammen. Die ganz außerordentliche Congruenz des Quecksilberstandes in verschiedenen Höhen deutet auf eine gemeinsame Ursache. Wie ich darüber denke, zeigt beykommende Abschrift eines Druckbogens welcher nächstens im wissenschaftlichen Hefte öffentlich erscheinen wird. Möge die beyliegende Tabelle Übereinstimmung und Abweichung der Quecksilber-Bewegung noch mehr bethätigen und dem hypothetisch Ausgesprochenen ein Gewicht zulegen.

Die mitgetheilte höchst interessante Tabelle habe Herrn Professor Posselt übergeben, nach seinem höchst bedauerlichen tödtlichen Hintritt kommt sie durch meine Hand mit vielem Dank zurück.

Sollten Ew. Wohlgeboren Barometerbeobachtungen besonders von solchen Gegenden besitzen, die mehr als 2000 Fuß über der Meeresfläche angestellt worden, und wollten selbige mittheilen, so würde es zu weiterer Vergleichung erwünschten Anlaß geben.[5]


37/7.


An Christian Friedrich Schwägrichen

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

überraschend angenehme Nachricht fordert mich zum gefühltesten Dank auf; Sie haben den Antheil an meiner Wiedergenesung in fernen Land, in so würdiger Gesellschaft erregt, daß dadurch für mich ein ganz eigenes glückliches Ereigniß entspringt. Wie sehr ich diese Geneigtheit zu schätzen weiß, davon möchte Dieselben durch irgend eine Gefälligkeit überzeugen.

Der ich in Hoffnung des zugesagten Diploms mich fernerem geneigten Andenken empfohlen wünsche.

Weimar den 9. Apri1 1823.


37/8.


An Carl Friedrich von Reinhard

Höchst erquicklich waren mir die lieben Gedichte, höchst erfreulich die Nachricht von dem Doppelfeste; möge mir in dem erneuten Leben Ihre freundschaftliche Neigung für und für erhalten seyn.

Und nunmehr im Vertrauen das Bedeutendste, dessen ich nur in stiller Bescheidenheit zu erwähnen mich getraue.

Sogleich am zehnten Tage, als mein körperliches Daseyn den Ärzten gerettet schien, dacht ich an den[6] Erzbischof von Toledo und that im Stillen die Frage: ob mich wohl das große allwaltende Wesen, in gleichem Falle, für gleichem Schicksal bewahr haben möchte?

Wohl überzeugt, daß niemand außer mir selbst die Antwort hierauf ertheilen könne, fing ich an, obgleich ohne Scheu und Sorge, mein geistiges Wesen, wie es konnte und wollte, für sich walten zu lassen. Sie gestehen mir gewiß, daß es eine schwierige Sache ist solche psychische Beobachtungen gegen sich selbst auszuüben, indessen scheint es wohl zu gelingen; ich arbeitete zuerst das nächste aufgeschwollene Gleichgültigere weg, die abschließliche Redaction der Hefte, deren Druck während meiner Krankheit fortgegangen, deutete mir nach allen Seiten; in verschiedenen Fächern unterstützten die Freunde mich thätig, und so habe ich mich mit jedem Tage freyer und heiterer befunden, ja viel glücklicher und entschiedener als vor dem Eintritt der Krankheit, von der ich denn doch einige Vorahndung hatte, ohne zu wissen, wie ich ihr entgehen oder ihr vorbeugen sollte.

Nehmen Sie dieses Bekenntniß, mein Theuersten so freundlich auf, als es mir wichtig scheinen muß denn in dieser letzten Zeit war doch nur eine geistige Unterhaltung nach allen Seiten mein einziger Genuß, ja das Element meines Daseyns, worauf zu verzichten schwer gefallen wäre. Wir wollen indessen in Demuth und Bescheidenheit dem Fernern entgegen gehen, was uns die Unerforschlichen zubereitet haben mögen.

[7] Beyliegendes Gedicht gibt zu erkennen, daß es eines bedeutenden Seitensprungs bedurfte, um dem Tartaren aus dem Wege zu kommen und ihm noch eine Weile hintennach zu sehen. Das nächste Stück von Kunst und Alterthum bringt noch mancherley, das ich Ihnen und Ihrer theuren Gräfin Tochter, so wie mich selbst, bestens empfehlen darf.

and so for ever

treulichst

Weimar den 10. April 1823.

J. W. v. Goethe.


37/9.


An Sulpiz Boisserée

Und so will ich denn wieder einmal mich unmittelbar vernehmen lassen und schönstens danken für das, was bisher durch meinen Sohn und sonst an mich gelangt ist. Von Ihrer Theilnahme an meinem unerwarteten Geschick war ich überzeugt, und eben so gewiß wird es Ihnen seyn, daß ich bey dem ersten Erwachen in's neue Leben Ihrer vorzüglich gedacht habe.

Doppelt und dreyfach empfand ich den Werth trefflicher jüngerer Männer, denen ich so gern im Gedanken folge, weil sie in einem Sinne vorschreiten, den ich für den rechten halten muß, weil es der meinige ist; lassen Sie uns immerfort redlich nach[8] den verschiedensten Zwecken die doch am Ende nur als einer anzusehen sind, getrost hinwirken.

Wahrscheinlich haben Sie schon, wie sonst durch Aushängebogen erfahren, daß Kunst und Alterthum immer vorschreitet. Bald nach meiner Genesung gelangte ich wieder zu Betrachtungen unserer altdeutschen Baukunst, daraus entsprang ein kleiner Aufsatz, dem ich Ihre Billigung wünsche. Nach meiner Überzeugung muß man das Publicum, das gegen diese Gegenstände sich schon zu verkühlen anfängt, mit erneuter Erinnerung in Aufmerksamkeit erhalten. Im vorigen Stücke war eine allgemeine Anzeige des Inhalts Ihres Unternehmens; dießmal ist die Absicht, ein einleitendes kurzes Vorwort aufzustellen, und so werden wir immer theilweise vorwärts gehen; der Artikel kann in meinen Heften stehend werden, und nach und nach läßt sich alles aussprechen, was zu sagen ist.

Hiebey liegt ein Päckchen, dem in sonderbares Schicksal bereitet war. Sobald ich einigermaßen mich umsehen und einiges anordnen konnte, ließ ich den von Herrn Jäger verlangten Carlsbader Catalog vorläufig abgehen. Der Scharfblick Stuttgarter Postofficianten unterschied nicht das kleine e über dem a und ihre Sagacität stieß sich an den Titel, den sie im Staatskalender nicht finden mochten. Und so muß denn das Heftchen den Weg zweymal machen, den ich einmal zurückzulegen gar wohl zufrieden gewesen wäre. Denn ich vernehme so manches Gute und Schöne von[9] Ihrer Einrichtung, sowie von neuen Acquisitionen, daß ich von so viel Gutem auch einmal Zeuge seyn möchte. Leider aber zaudert man so lange in der Welt, ohne zu bemerken, daß die Beweglichkeit nach und nach sich verliert, bis wir uns in einem ganz engen Kreis eingeschlossen fühlen. Zum Glück, daß eine geistige Wirkung in die Ferne noch lange genug offen bleibt. Lassen Sie uns diesen Vortheil möglichst benutzen.

Denen Herren v. Cotta und Adrian vermelden Sie ja wohl meine besten Grüße; bleiben Sie allerseits versichert, daß mich Ihre Theilnahme herzlich rührt und erquickt, doppelt und dreyfach, da sie mich gleicher Wohlthat für's künftige Leben versichert. Doch hab ich allzu viel um mich her aufzuräumen und zu beseitigen, deshalb mich zu entschuldigen bitte, wenn meine Erwiderung nicht, wie sie sollte, sich lebhaft erweist.

treulichst

Weimar den 10. April 1823.

J. W. v. Goethe.


37/10.


An Christoph Ludwig Friedrich Schulz

Nicht ganz leer wollte ich vor Ihnen, theuerster Freund, erscheinen; hier folgen daher einige Bogen, während meiner Krankheit abgedruckt. Mein Vorsatz, von Ihren mitgetheilten Bemerkungen Gebrauch zu machen, war dadurch vereitelt, und bewahre solche zu[10] Nachträgen, deren Forderung man sich nicht verläugnen kann.

Indessen sind die Hefte durch Freundes Theilnahme vorgeschritten, und ich habe sowohl für Kunst und Alterthum, als für das Wissenschaftliche mehr Manuscript, als ich bedarf und bin wegen des Auslesens beynahe in Verlegenheit. Mögen diese ersten Zeugnisse meiner Wiedererstehung auch Ihnen freundlich willkommen seyn.

Die treffliche Dame ist mein Ergötzen und jedermannes; auch Meyer, nach genauer Untersuchung, rühmt den Restaurator. Wie viel Dank sind wir Ihnen deshalb schuldig, daß Sie uns die Augen über diesen Schatz eröffnen und zugleich dessen Genießbarkeit thätig bewirken wollen.

Über das gefleckte Fellchen, das über der Schulter hängt, haben wir weitere Untersuchung angestellt; wir finden noch drey Beyspiele in Portraiten aus dem Anfange des sechzehnten Jahrhunderts; fragen Sie doch Herrn Professor Lichtenstein, mit meiner schönsten Empfehlung, ob ihm so kleine Panther bekannt seyen, ohngefähr in der Größe einer mittlern Katze. Ich hege den Gedanken, daß es junge Thiere sind, deren Felle durch venetianischen oder genuesischen Handel in jener Zeit nach Ober-Italien gekommen; man muß sie aber rar gehalten und kostbar geachtet haben, daß die höhern Stände sich damit schmücken mögen.

Der Gedanke, dem Sie Beyfall gaben den Barometerwechsel einer veränderlichen Schwerkraft der Erde[11] zuzuschreiben, erlaubte mir schöne Ableitungen; wir geben nächstens eine graphische Darstellung von Boston bis nach Tepl, von der Meeresfläche bis etwa 2000 Fuß drüber. Die Vergleichung gibt die herrlichsten Ansichten und vindicirt dieses Phänomen ganz dem Erdball. Dem sey, wie ihm wolle und wäre es ein Irrthum, so ist er fruchtbar.

Von vielen andern Dingen hätte ich noch zu sagen, doch mögen sie nach und nach hervortreten soviel aber muß ich melden, daß mein körperliches Befinden mich mit jedem Tage aufnimmt, und daß meine geistige Thätigkeit sich so erweist, daß ich sie eher zurückhalten als antreiben muß; ich bin zu allem weit besser disponirt als in der letzten Zeit vor meinem Übel, das ich herankommen fühlte, ohne zu wissen, wie ihm vorzubeugen.

Nehmen Sie nun das schönste Lebewohl und lassen Sie von Zeit zu Zeit uns in Zeit briefliches Gespräch treten; es muß ja nicht immer ausführlich seyn, und in unterer Lage gibt es doch jederzeit etwas der Mittheilung Würdiges.

Da mir der in diesen Tagen gehoffte Aushängebogen ausgeblieben ist, so laß ich doch Gegenwärtiges abgehen, damit die eingetretne Pause sich nicht noch länger ziehe.

liebend und verehrend

treulichst

Weimar den 10. April 1823.

J. W. v. Goethe.[12]


37/11.


An Friedrich Wilhelm Riemer

Mögen Sie, mein Werthester, Beykommendem einige Aufmerksamkeit schenken, zugleich dem Sinne wie dem Vortrag. Sie werden mir in einer so bedeutenden Angelegenheit einen besonderen Gefallen erweisen.

Weimar den 11. April 1823.

G.


37/12.


An Carl Gustav Carus

Ew. Wohlgeboren

verfehle nicht zu vermelden, daß Herr Hoym aus Dänemark seiner Zeit glücklich angekommen und ich ihn, da ich mir es eben zumuthen konnte, eine kurze Zeit, gesprochen; ich habe an ihm einen ganz wackern jungen Mann gefunden, und unser Hofrath Meyer, der ihn öfter gesehen, gibt ihm auch das beste Zeugniß und hat ihn gewiß in seinem Fache gefördert.

Für Ew. Wohlgeboren Theilnahme an meiner Wiedergenesung danke zum allerbesten; bey meinem Wiedereintritt in's Leben erfreut ich mich doppelt und dreyfach derjenigen Männer, welche auf so trefflichem Weg sind, und fand es höchst wünschenswerth, noch eine Zeitlang in ihrer Nähe zu verweilen und Zeuge von ihren Fortschritten zu seyn.

Zugleich sey mir eine Anfrage erlaubt, ob die den 12. März von hier abgegangene, für die Morphologie[13] bestimmte Zeichnung richtig zu Ihnen gelangt ist, und ob ich hoffen kann, die erbetene Kupfertafel bald zu erhalten? Der verdienstvolle Aufsatz ist abgedruckt, und die Hefte gehen ihren gemessenen Schritt vorwärts.

Sehr gern würde ich ein Trinkglas, wie Sie bey mir gesehen, überlassen, wenn noch eins vorräthig wäre; das vorgezeigte ist mein letztes; sie sind überhaupt seltener, als ich anfangs dachte; bey meinem vorjährigen Aufenthalt in Böhmen konnte keins erlangen. Indessen sende nächstens auf eben die Weise getrübte Glasscheiben, welche dieselben Phänomene, nur nicht mit solcher Anmuth, vor Augen bringen; ich füge noch einige Bemerkungen alsdann hinzu.

Der ich mich auf's neue zu fortdauerndem wohlwollenden Andenken, so wie zu gelegentlicher Mittheilung schönstens empfohlen haben will.

ergebenst

Weimar den 14 April 1823.

J. W. v. Goethe.


37/13.


An Johann Jacob von Willemer

Nur wenig Worte als Zeichen erneuten Lebens und Liebens. Tausend Dank für herzliche Theilnahme in Leid und Freud, mit dem bringenden Wunsche, bald wieder von den Freunden Gutes zu vernehmen. Wie befindet sich Marianne? Ich höre, sie litt einige Zeit.

[14] Möge das Frühjahr uns Allen fröhlich und heilsam werden!

Treulichst

W. d. 14. Apr. [1823.]

Goethe.


37/14.


An Johann Georg Lenz

Ew. Wohlgeboren

herzlicher Theilnahme an meiner gefährlichen Krankheit und deren glücklicher Wendung war ich überzeugt und der Ausdruck Ihrer Gesinnungen in einem gefühlvollen Schreiben wahrhaft rührend; denn in solchen Augenblicken empfindet man erst den hohen Werth eines thätig übereinstimmenden Zusammenseyns. Lassen Sie, was an uns ist, die gegönnten Tage mit Freudigkeit, zu dem so lange verfolgten edler Zweck, treulich benutzen.

Wollen Sie ein schriftlich Diplom für Ihre Majestät den König von Bayern entwerfen und es mir baldigst herüberschicken, so könnte es diesem Wissenschaft liebenden Herrn wohl schicklich bey seiner Anwesenheit in Jena überreicht werden; wir ließen es durch Compter auf einen schönen Velinbogen schreiben, unterzeichneten es eigenhändig, und so dürften wir eine gnädige Aufnahme hoffen. Eine cylindrische Kapsel bestellen Sie gleichfalls. Was den Kronprinzen von Schweden betrifft, so wollen wir dieses nachher bereden.

[15] Die merkwürdigen und folgereichen Briefe sende hiebey dankbar zurück; die Zunahme von freudigen Gebern ist auf alle Weise anzuerkennen.

Auch ohne mein Erinnern werden Sie zur Ankunft Ihro Majestät des Königs und wahrscheinlich aller hohen Herrschaften gewiß alles in der schönsten Ordnung bereit halten.

Mit den besten Wünschen.

ergebenst

Weimar den 16. April 1823.

J. W. v. Goethe.


An Färbern haben Sie die Gefälligkeit folgenden Auftrag zu ertheilen: ich wünsche auf kurze Zeit die Exemplare der Lepas, die in dem zoologischen Kabinett befindlich sind:

Lepas anatifera

– polliceps

und ersuche solche wohl eingepackt baldigst herüber zu senden.


37/15.


An Thomas Johann Seebeck

Nach einer bedeutenden Krisis, welche gar manche krankhafte Affectionen des Organismus, an denen ich seit längerer Zeit gelitten, in einen besseren Zustand wieder hergestellt, fühle ich lebhafter als sonst, was ich besitze und was ich vermisse. Unter das letzte habe ich alle Ursache die unterbrochene Mittheilung mit Ihnen, theurer verehrter Freund, zu zählen: ich[16] spreche dieß in den ersten Tagen einer heiteren Wiederherstellung um desto lieber aus, als ich eine solche Erneuerung unserer schönen früheren Verhältnisse für ein Gut halten muß, dessen ich nicht länger entbehren darf. Einige Zeilen von Ihrer Hand als Erwiderung des Gegenwärtigen werden mich deshalb höchlich erfreuen; wobey ich denn auch von Ihren Beschäftigungen zu vernehmen wünsche, von denen immerfort, obgleich nur allgemeine Kenntnis mir zukommt. Was mir über vergangenen harten Winter hinweggeholfen, überliefern die nächsten Hefte: möge daraus einiges willkommen seyn. Wobey die Hoffnung bleibt, daß Sie mir für die nächsten Stücke auch wohl eine abermalige Mitteilung gönnen mögen. Mit unwandelbaren Gesinnungen.

treulichst

Weimar den 16. April 1823.

Goethe.


37/16.


An Carl Gustav Carus

Hiebey erfolgt ein kleiner einfacher Apparat an der Stelle eines wünschenswertheren Trinkglases. Wollen Sie indessen, bey hellem Tage, im Sonnenscheine selbst, diese Blättchen bald auf weißem, bald auf schwarzem Grunde betrachten, so werden Sie sehen, wie schön das größere über dem Weißen gelb erscheint und über dem Schwarzen in's Violette hinüber äugelt.

[17] Das kleinere Glas zeigt über dem Weißen Chamois und über dem Schwarzen ein reines Himmelblau.

Von diesem letzten hätt ich gern auch ein größeres Scheibchen gesendet, allein sie gelingen bey der chemischen Operation seltener und werden so spröde, daß sie leicht zerspringen; indessen zeigt doch diese kleine Scherbe, worauf es eigentlich ankömmt; hier ist der Grund aller Chroagenesie; wem er sich entfaltet, der ist geborgen.

Ew. Wohlgeboren mußte dieß alles bey dem schönen Blick in die Natur nicht fremd seyn; doch ist es immer fördernd, wenn wir die Gesetze kennen dessen, was wir aus innerm Antrieb praktisch geleistet haben. Erhalten Sie mir ein freundliches Andenken.

ergebenst

Weimar den 16. April 1823.

J. W. v. Goethe.


37/17.


An Auguste Gräfin zu Stolberg

Von der frühsten, im Herzen wohlgekannten, mit Augen nie gesehenen, theuren Freundin endlich wieder einmal Schriftzüge des traulichsten Andenkens zu erhalten war mir höchst erfreulich-rührend; und doch zaudere ich unentschlossen was zu erwidern seyn möchte. Lassen Sie mich im Allgemeinen bleiben, da von besondern Zuständen uns wechselseitig nichts bekannt ist.

[18] Lange leben heißt gar vieles überleben, geliebte, gehaßte, gleichgültige Menschen, Königreiche, Hauptstädte, ja Wälder und Bäume, die wir jugendlich gesäet und gepflanzt. Wir überleben uns selbst und erkennen durchaus noch dankbar, wenn uns auch nur einige Gaben des Leibes und Geistes übrig bleiben. Alles dieses Vorübergehende lassen wir uns gefallen; bleibt uns nur das Ewige jeden Augenblick gegenwärtig, so leiden wir nicht an der vergänglichen Zeit.

Redlich habe ich es mein Lebelang mit mir und andern gemeint und bey allem irdischer Treiben immer auf's Höchste hingeblickt; Sie und die Ihrigen haben es auch gethan. Wirken wir also immerfort, so lang es Tag für uns ist, für andere wird auch eine Sonne scheinen, sie werden sich an ihr hervorthun und uns indessen ein helleres Licht erleuchten.

Und so bleiben wir wegen der Zukunft unbekümmert! In unseres Vaters Reiche sind viel Provinzen, und da er uns hier zu Lande ein fröhliches Ansiedeln bereitete, so wird drüben gewiß auch für beide gesorgt seyn; vielleicht gelingt alsdann, was uns bis jetzo abging, uns angesichtlich kennen zu lernen und uns desto gründlicher zu lieben. Gedenken Sie mein in beruhigter Treue.


Vorstehendes war bald nach der Ankunft Ihres lieben Briefes geschrieben, allein ich wagte nicht es wegzuschicken, denn mit einer ähnlichen Äußerung[19] hatte ich schon früher Ihren edlen wackern Bruder wider Wissen und Willen verletzt. Nun aber, da ich von einer tödlichen Krankheit in's Leben wieder zurückkehre, soll das Blatt dennoch zu Ihnen, unmittelbar zu melden: daß der Allwaltende mir noch gönnt, das schöne Licht seiner Sonne zu schauen; möge der Tag Ihnen gleichfalls freundlich erscheinen und Sie meiner im Guten und Lieben gedenken, wie ich nicht aufhöre mich jener Zeiten zu erinnern, wo das noch vereint wirkte, was nachher sich trennte.

Möge sich in den Armen des allliebenden Vaters alles wieder zusammen finden.

wahrhaft anhänglich

Weimar den 17. April 1823.

Goethe.


37/18.


An Carl Friedrich von Reinhard

Sogleich, weil sich einiger Raum findet, vermelde, theuerster verehrtester Freund, die Ankunft des Paquets durch Herrn Wilmans, mit der Versicherung, daß es mir viel Vergnügen gemacht hat.

Zuvörderst also hab ich mich selbst in fremder Sprache wieder zu studiren, denn ich erinnere mich kaum jenes früheren Unternehmens; soviel aber weiß ich recht gut, daß ich damals meinen Landsleuten den Genuß des wundersamen Dialogs, der mich so sehr interessirte, möglichst zu fördern wünschte. Wie[20] es sich nun jetzt als selbstständiges, als bedeutend angekündigtes Werk ausnehme, muß ich erwarten.

Auf alle Fälle kann ich zum voraus versprechen, daß ich den Übersetzern und Commentatoren ein freundlich Wort sagen werde, dem ich aber auch einigen Gehalt verleihen möchte, den ich nur aus näherer Kenntniß des Büchleins selbst zu schöpfen im Stande bin. Zugleich denk ich mich noch einer andern Schuld zu entledigen, und dem Übersetzer mein dramatischen Werke gleichfalls zu antworten, was ich schon längst versäumt habe.

Herrn Oelsner danken Sie für seine Theilnahme; seine Schrift über Mahomed ist mir längst bekannt und traf vollkommen mit der Idee zusammen, die ich mir von dem außerordentlichen Manne gemacht, als ich ihn zum Helden einer Tragödie mir ausersehen.

Und nun noch ein Wort von den Meinigen in absteigender Linie. Von dem ältesten Enkel kann man nicht Gutes genug sagen, er zeigt eine große Klarheit über alles, was ihn umgibt, hat eine glückliche Erinnerungskraft und es läßt sich leidlich mit ihm umgehen, ein musikalisches Talent scheint bey ihm vorwaltend. Was den jüngern betrifft, so muß man sich hüten ihn mehr als den ältesten zu schätzen; er besitzt alle jene Vorzüge nur mit mehr Kraft und Entschiedenheit wie er denn auch auf dem Wege ist, dem Bruder körperlich über den Kopf zu wachsen; woraus zu ersehen, daß wenn uns das Glück werden[21] sollte Sie gelegentlich zu bewirthen, wir einen erfreulichen Pathen darzustellen hätten.

Schließlich bemerke, daß Herr Canzler v. Müller jenen Auftrag gern übernommen, wobey zu wünschen ist, daß ihm das Geschäft gerathe.

Tausend Lebewohl.

treulichst

Weimar den 18. April 1823.

Goethe.


37/19.


An Carl Gustav Carus

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

für die schleunige Besorgung der Kupferplatte zum allerbesten dankend übersende hiebey den quittirten Betrag von 7 Thaler Sächsisch; zugleich die wohlbehaltene Ankunft der unter den 16. dieses abgesendeten trüben Glasblättchen wünschend und mich zu fernerem wohlwollenden Andenken bestens empfehlend.

Weimar den 19. April 1823.


37/20.


An Johann Georg Lenz

Ew. Wohlgeboren

danke zum allerschönsten für die abermalige geneigte Mittheilung, und bitte damit von Zeit zu Zeit fortzufahren, damit ich vernehme, was alles Gute unserer herrlichen Anstalt widerfährt.

[22] Wie das Diplom für Ihro Majestät den König von Bayern einzurichten will ich überlegen und nächstens meinen guten Rath vermelden.

Der ich recht wohl zu leben wünsche.

ergebenst

Weimar den 19. April 1823.

J. W v. Goethe.


37/21.


An den Großherzog Carl August

Ew. Königlichen Hoheit

verfehle nicht unterthänigst anzuzeigen, daß die von den Mailänder Freunden verlangte Medaille, bey Gelegenheit des Erfurter Congresses wirklich von Facius gestochen und von den hiesigen Technikern geschlagen worden sey.

Erster Stempel, die Brustbilder Kaiser Alexanders und Napoleons darstellend; dieser ist abgeschliffen und zu einem andern Gebrauch verwendet worden.

Zweyter Stempel, die Stadt Erfurt.

Dritter Stempel, ein Greis, der auf einen großen Stein zwischen Weimar und Erfurt eine Inschrift einschreibt; von beiden letzteren liegen Abdrücke bey, doch sind sie so vom Rost angegriffen, daß keine reinen Exemplare davon zu prägen seyn möchten.

[23] Ferner ist zu bemerken, daß diese Münzen sehr selten geworden und im Handel nicht leicht vorkommen; auf großherzoglichem Münzkabinett ist nur Ein Exemplar in Silber und Eins in Kupfer vorhanden. Ich wüßte also nicht, wie man den ultramontanen Liebhabern Genüge leisten sollte. Vielleicht verschaffen die Goldschmiede, bey denen solche Medaillen manchmal angeboten werden, in der Folge dergleichen, wenn man ihnen darauf gebührende Aufmerksamkeit empfiehlt.

2) Lege die letzten Lebenstage Werners und dessen Testament bey. Im Fall es noch nicht zugekommen seyn sollte, wird es gewiß interessiren.

3) Zugleich entrichte meinen verpflichteten Dank für die schöne sonnenäugige Tulpe.

Möge alles zu Ew. Königlichen Hoheit Beyfall und Vergnügen immerfort grünen und blühen.

unterthänigst

Weimar den 20. April 1823.

J. W. v. Goethe.


37/22.


An Christian Ernst Friedrich Weller

Mit vielen Grüßen und den besten Wünschen vermelde, daß mein Sohn Freytags früh nach Jena kommt und die sämmtlichen Anstalten nochmals durchgehen wird; welchem denn das Wünschenswerthe anzuzeigen wäre. Die Quittungen liegen gleichfalls bey.

Weimar den 23. April 1823.

G.[24]


37/23.


An Heinrich Ludwig Friedrich Schrön

Sie erhalten hiebey, mein guter Schrön, die Bibliothèque universelle und zwar das Heft, worin sich die Witterungsbeobachtungen von Genf und dem Bernhardsberg für den Monat December befinden.

Da beide nur innerhalb zwey Zollen wechseln und allzu weit auseinander stehen, so würde ich rathen, die graphischen Darstellungen nur auf schmale Riemen zu verzeichnen, welche man alsdann nach Belieben an andere Tafeln anfügen könnte.

Würde diese kleine Arbeit baldigst: gefördert, so geschähe mir ein besonderer Dienst, weil mich eben diese Betrachtungen gegenwärtig vorzüglich beschäftigen.

Mit den besten Wünschen

Weimar den 23. April 1823.

J. W. v. Goethe.


37/24.


An Carl Cäsar von Leonhard

Nach so langer Pause von Ew. Hochwohlgeboren durch Schreiben und Sendung zugleich einen unmittelbaren Beweis eines theilnehmenden Andenkens zu erhalten und neue Aussichten auf Wissenschaftliche Gegenstände eröffnet zu sehen, war mir besonders in diesen Augenblicken, höchst erfreulich, wo ich bey erneutem[25] Leben mich nach den schätzenswerthen Freunden umsehe, mit denen ich früher in so glücklichem Verhältniß gestanden. Nehmen Sie den aufrichtigsten Dank und fahren Sie fort, insofern es Ihre neugehäusten Geschäfte vergönnen, mir von vergangenen Genüssen und wissenschaftlichen Gewinne manches wissen zu lassen.

So wie Ihr Handbuch Herrn Soret und mich aus gar mancher Verlegenheit zu ziehen geeignet ist, so wird auch künftighin Ihre Behandlung der Felsmassen uns immer zur Seite stehn. Haben Sie die Güte mit den Aushängebogen fortzufahren man kommt dadurch nach und nach in ein so bedeutendes Werk bequemer hinein und weiß, das Folgende mehr zu schätzen, wenn man sich mit dem Vorhergehenden rechts bekannt gemacht hat. Und so werd ich Veranlassung genug finden, davon öffentlich dankbare Erwähnung zu thun.

Das Anerbieten einer instructiven Stufe des Nephelins in Dolerit nehm ich dankbar auf, wobey ich noch den Wunsch äußere: daß Sie mir einige Exemplare von Trachit, trachitartigem Porphyr und Domit möchten zukommen lassen; die Benennungen sind aus späterer Zeit, vielleicht finde ich durch Vergleichung mit meinem Gesammelten ähnliches unter andern Namen.

Herr Soret, der unser werthes Studium wieder in Weimar belebt und mir zu höchst angenehmer[26] belehrender Unterhaltung manche Stunde widmet, empfiehlt sich zum allerschönsten, wie ich mich denn auch zum wohlwollender Andenken hiemit andringlichst empfehle.

mit wahrhafter Theilnahme

Weimar den 23. April 1823

J. W. v. Goethe.


37/25.


An Christian Gottfried Daniel Neesvon Esenbeck

Von Ew. Hochwohlgeboren erreicht mich eine angenehme Gabe nach der andern, und ich kann gegenwärtig nur ein dankbares Lebenszeichen zurückgeben; doch überzeugt mich Ihre herzliche Theilnahme an meiner Gefahr und Rettung, daß der Beginn einer frischen Mittheilung manches Erfreuliche für die Zukunft verspricht.

Daß Sie mich bey so einer herrlich ausgezeichneten Pflanze zum Gevattersmann berufen und meinem Namen dadurch eine so schöne Stelle unter den wissenschaftlichen Gegenständen anweisen, ist wie Sie selbst fühlen und bemerken, im gegenwärtigen Augenblick doppelt rührend und eingänglich. Wenn man nahe dran war sich selbst aufzugeben und nun wieder mit Wohlwollen und öffentlichem Zeugniß desselben überhäuft wird, so erregt dieß ein Gefühl dem man sich nicht hingeben, gegen daß man sich eher in's Gleichgewicht setzen müßte.

[27] Finden Sie es der Sache gemäß mich, so danken Sie, mich zum besten empfehlend, des Prinzen von Neuwied Durchlaucht, ohne dessen Genehmigung einer seiner vorzüglichsten Reiseschätze wohl nicht zu meinen Gunsten verwendet werden können; danken Sie Herrn v. Martius, welcher sich namentlich zu dieser Begünstigung bekannte; Herrn d'Alton für seine Theilnahme, durch welche das Ganze so außerordentlich schön ausgestattet worden.

Ferner hab ich denn auch der handschriftlichen Mittheilungen zu meinen Heften dankbarlichst zu erwähnen; doch muß ich deren Gebrauch bis auf das Nächste verschieben, da meine thätigen Freunde während meiner Krankheit am Drucke nicht nachgelassen und die vorhandenen Artikel typographisch gefördert, so daß ich Morphologie und Naturwissenschaftliches ihrem Ziele nahe finde. Indessen auch Herrn Nöggerath die verbindlichste Anerkennung seines Andenkens.

Die schöne Auslegung, die Sie in Ihrem letzen Schreiben der zugeeigneten Pflanze geben, erhöht den Werth der Gabe; sollte sich in der Folge ein colorirtes Exemplar möglich machen, so würde ich mich auf jede Weise zum Schuldner bekennen.

Herr Professor v. Münchow hat meine Grüße gewiß freundlich lebhaft ausgerichtet; er versetze mich durch Gegenwart und Erzählung in Ihren schönen Kreis, in dem ich mich wohl auch einmal zu erfreuen wünschte.

[28] Gar manches wäre noch zu erwähnen, doch schließe mein wiederholter Dank und Wunsch zur Fortsetzung alles Freundlichen und Geneigten.

in der Ferne gegenwärtig

Weimar den 24. April 1823.

J. W. v. Goethe.


37/26.


An Friedrich Wilhelm Riemer

Zu einer Stunde, die Ihnen gelegen wäre, wünscht ich Sie, mein Werthester, zu sprechen, und noch einiges vorzuzeigen, was wir Abends versäumten.

Nur ein Wort, wann ich Sie erwarten kann.

10 Weimar den 26. April 1823.

G.


37/27.


An Ludwig Friedrich Victor Hans von Bülov

[Concept.]

Ew. Excellenz

haben, durch geneigte Mittheilung des fortgesetzten fürtrefflichen Werks, mich auf's neue verpflichtet und erlauben meinem gefühltesten Dank die Versicherung hinzuzufügen, daß die Weimarischen Kunstfreunde höchst bewundernd anerkennen, wie ein möglichst sorgfältig begonnenes Werk mit größter Sorgfalt fortgeführt worden, so daß man sich wirklich enthalten muß, die zweyte Sendung nicht höher als die erste zu schätzen.

[29] Möge von Ausstellung zu Ausstellung die Wirksamkeit eines so bedeutenden Unternehmens immer sichtbarer werden! wie denn durch das Anschauen solcher Muster der gute Geschmack sich bis in die letzten Zweige der technischen Thätigkeit nothwendig ergießen, und der Beförderer mit gar schönen Kunst und Sittenfrüchten sich belohnt sehen muß.

Verehrend mich zu fernerem Wohlwollen empfehlend.

Weimar den 27. April 1823.


37/28.


An Friedrich Wilhelm Riemer

Mögen Sie mich heut Abend, mein Werthester, und wenn es auch nur auf eine kurze Zeit wäre, besuchen? So könnten wir die Sache, die neulich an Herrn Director Peucer durch Sie gelangt, besprechen und zu einem erwünschten Ziele führen. Er hat den Antrag freundlich aufgenommen, und ich möchte Ihnen das, was ich auf Mittheilung erwidern wollte, vorlegen, commentiren und anvertrauen. Mit den besten Wünschen.

Weimar den 30. April 1823.

G.


37/29.


An Heinrich Ludwig Friedrich Schrön?

Hiezu Anfrage und Auftrag. Ich habe, vor geraumer Zeit, unter Glas und Rahmen ein Bild[30] hinübergegeben, worauf in einem Kreise die Thermometer Veränderungen eines Jahrs gezeichnet sind. Findet sich solches auf der Sternwarte oder sonst wo, so wäre mir dasselbe baldigst herüber zu Schicken.

Weimar den 30. April 1823.

Goethe.


37/30.


An Johann Wolfgang Döbereiner

Ew. Wohlgeboren

erhalten hiebey einige Blätter, worauf Sie finden werden:

1) Die Geschichte der Greiswalder Kugeln und deren Untersuchung.

2) Ew. Wohlgeboren Auslegung dieses Phänomens.

3) Eine andere Auslegung, von dorther gesendet.

Ehe ich diese Theile in Zusammenhang bringe und einen kleinen Aufsatz für mein wissenschaftliches Heft daraus bilde, wollte bey Ew. Wohlgeboren nachfragen, ob Sie vielleicht diese Zeit her die Sache weiter bedacht oder sonst etwas darüber vernommen hätten; welches mir gefällig mitzutheilen bitte.

In Hoffnung baldigen persönlichen Zusammenwirkens.

ergebenst

Weimar den 30. April 1823.

J. W. v. Goethe.[31]


37/31.


An den Großherzog Carl August

Ew. Königliche Hoheit

verzeihen gnädigst, wenn ich diese Tage sprachlos geblieben. Möge eine glückliche fortschreitende Genesung uns Leben, Geist und Rede wieder verleihen.

Zuvörderst liegt der wundersame, gnädigst mitgetheilte Druckbogen wieder bey; ist immer überraschend, wenn wir das, was im Allgemeinen schon bekannt ist, auf einmal im ganz Besondern enthüllt erblicken; man wird allerdings auf die Folgen neugierig.

2) Sodann finde das offenbar facettirte Stückchen Bernstein aus dem Schanzenkies merkwürdig genug; indessen ist schon einiges Gebildete dort hervorgegangen, welches auf eine ältere Verschüttung hindeutet. Sollten sich diese Dinge nicht von dem Schlößchen herschreiben, von dem man erzählt, es habe dort gestanden?

3) Nahm mir gestern die Freyheit, die beiden von Mailand verlangten Medaillen einzusenden; sie fanden sich von jener Zeit in der kleinen Münzsammlung meines Sohns, welcher sie zu diesem Zwecke unterthänigst willig zu Füßen legt.

4) Gegenwärtig füge die bunten Edelsteine bey und bemerke zugleich, daß die mit rothen Punkten oben bezeichnete von Paris gekommen, die übrigen[32] von Soret aus einer Genfer Fabrik dazu gestiftet worden.

Verehrend, hoffend

unterthänigst

Weimar den 30. April 1823.

J. W. v. Goethe.


37/32.


An Carl Gustav Carus

[Concept.]

Die Sendung vom 19. April, womit die 7 Thaler Sächsisch übermachte, wird glücklich angekommen seyn; Gegenwärtiges sollte der junge Preller mitnehmen, da es sich jedoch verspätet, so sende ihm einige Worte nach. Ein Bildchen, was er diesen Sommer nach der Natur gefördert, bringt er mit, und Sie werden am besten beurtheilen, wie er sich anläßt; in anderes, auf meine Veranlassung nach einem Niederländer copirt, ist auch ganz gut gerathen. Ich wünsche, daß Sie Ihre Gewogenheit gegen ihn fortsetzen und zu einer künftigen erfreulichen Kunst verhelfen mögen.

Der ich mich selbst zum geneigten Andenken auf das allerschönste empfohlen haben will.

Weimar den [30?] April 1823.


37/33.


An Friedrich Wilhelm Riemer

Mögen Sie, mein Theuerster, daß beykommende schon Bekannte mit scharfem kritischen Blick im Ganzen[33] und Einzelnen nochmals durchstehen, so verbinden Sie mich höchlich, denn ich wünschte, daß es gut sey, um einen guten Eindruck zu machen.

Fahren Sie ja fort die Abende, und wär es auch nur auf kürzere Zeit, mich zu besuchen.

Weimar den 5. May 1823.

G.


37/34.


An Christoph Ludwig Friedrich Schultz

Mit erleichtertem Herzen kann ich Ihnen, verehrter Freund, in diesem Augenblicke schreiben; denn Sie haben Sich gewiß die traurigen Zustände unserer letzten 14 Tage gedacht, wenn Sie die tödtliche Krankheit unserer verehrten Großherzogin vernahmen, die in gewissen Augenblicken wenig Hoffnung ließ. Kaum war ich von meinem schweren Übel genesen und trachtete mich nach und nach zu erholen, als diese harte Prüfung über uns verhängt war, von der wir uns noch nicht ganz hergestellt haben. Indessen um zum zweytenmal in's Leben zurückzukehren erwidere ich auf Ihre reiche freundliche Sendung und Theilnahme, das Nächste dankbar ergreifend.

Erstlich soll die Zibetkatze gerühmt seyn, die mir, wie jener Widder im Busche dem voreilig opfernden Alten, aus aller Verlegenheit hilft.

Dagegen gibt mir das Schubarthische Heft viel zu denken. Es freut mich, daß Sie ihn auf diesen[34] Weg geführt haben; grüßen Sie ihn zum allerschönsten; wenn er seinen Scharfblick nach allen Seiten hin wendet, so wird es diesen Heften an Mannichfaltigkeit nicht fehlen. An einigen, gegen den Zeitsinn gerichteten und wohl angebrachten Äußerungen hab ich den Verfasser wohl erkannt; lassen Sie diese Rubrik nicht ausgehen. In diesem Augenblick geziemt sich wohl dergleichen zu wagen. Wie sehr wünscht ich einmal wieder eine mündliche Unterhaltung über die so wichtigen Gegenstände des Tags.

Der theilnehmende Verein wird von meiner Schwiegertochter sehr gelobt welche in allen Auctionen meine früheren Ausgaben, sogar theilweise einzeln aufkaufen läßt; bey einigen, Hackert, Winckelmann, die Propyläen, ist sie zu ihrem großen Verdruß überboten worden. Ich werde dankbar erkennen, wenn der löbliche Verein einer vollständigen Ausgabe meiner Schriften vorarbeitet und sich ferner hin ausspricht, was davon zu wünschen und zu erwarten wäre.

So eben bin ich im Begriff jene zwanzig Bände um zehn bis zwölf zu vermehren und theils die im kleineren Format herausgekommen letzteren Arbeiten heranzuziehen, theils Zerstreutes anzufügen; sobald sich dieß näher entscheidet, melde ich's umständlicher.

Die so glücklich restaurierte Dame hat die Hoffnung erregt, daß es mit andern beschädigten Bildern gleich[35] günstigen Erfolg haben werde, ich lege daher ein einzelnes Blatt bey zur Bequemlichkeit wenn Sie allenfalls einen Künstler darüber sprechen wollten.

Die Gypssendung ist glücklich angekommen. Dante scheint mir auch ein Kunstwerk aber sehr nahe an der Natur; der kleine Bacchus ist himmlich, der Tänzer, wahrscheinlich eine Bronce, höchst schätzenswerth. Können Sie mir ähnliche kleine Dinge von Zeit zu Zeit zusenden, so verpflichten Sie mich höchlich. Die Brosamen von dem reichen Tisch der Alten sind es doch eigentlich wovon ich lebe; wie Sie aus dem restaurirten Phaeton nächstens erfahren werden.

Nur noch eine trauliche Bitte. In dem VIII. Heft von Tischbeins Homer nach Antiken gezeichnet stellt die erste Tafel den Ulysses nackt dar, er hat die gewöhnliche Mütze auf dem Haupte, trägt auf der linken Schulter ein Ruder und in der rechten Hand eine Fackel.

Die antike Paste, wornach dieses Blatt gezeichnet ist, soll in den Händen des Herrn Staatsrath Uhden seyn, und ob wir gleich für die Tischbeinische Mittheilung dankbar sind, so möchten wir denn doch das Original sehen das für eins von den schätzbarsten Denkmalen dieser Art gar wohl zu halten ist; können Sie uns einige Abdrücke oder Abgüsse davon verschaffen, so werden wir es dankbarlichst anerkennen.

[36] Die beiden Kupferblätter nach de Madonna del Pesce sind mir noch nicht zu Gesicht gekommen, ich werde mich darnach umthun, und unser guter Meyer, der sich dergleichen annimmt, wird Ihren Wünschen hierin gern entgegen kommen.

Es war ein Glück, daß ich zu den Heften soviel vorgearbeitet hatte, sonst wär ich den dringenden Setzern und Druckern nicht nachgekommen; und doch gesteh ich, daß mir dießmal die letzte Redaction und Revision viel Pein gemacht, die ich ohne Beystand Freund Riemers nicht hätte bewirken können. So große Sorge, Angst und Bangigkeit mit einer sich erst herstellenden Natur ertragen zu sollen ist freylich zu viel verlangt; es ist schwer, nach solchen Anstrengungen wieder zu Athem zu kommen. Möge den Freunden aus diesem Bestreben etwas Erfreuliches hervorgehen.

Hiezu noch eine Anfrage: könnten Sie mir ein Exemplar von dem Nachdruck meiner früheren Schriften, welche Himburg in Berlin in den Jahren 73 oder 74 veranstaltet, verschaffen, so würde meine Schwiegertochter sehr dadurch erfreut werden; vielleicht kann ich dem wohlwollenden Verein mit etwas Ähnlichem dagegen dienen.

and so for ever!

Weimar den 7. May 1823.

G.[37]


[Beilage.]

Wir besitzen hier ein Bild von Hackert in mäßiger Größe, für seinen Freund Herrn Gore mit großer Liebe und Sorgfalt gemalt; dieses, gegenwärtig in den Zimmern unserer gnädigsten Herrschaft, betrübt die Eigenthümer durch eine wunderliche Erscheinung. Die Luft nämlich, die mit dem übrigen Abendglanze der Landschaft sehr schön harmonirt, hat da, wo sie an die Ferne gränzt, unzählige kleine Risse gewonnen, die man zwar in einiger Entfernung nicht sieht, die aber den Genuß, wenn man sich dem Bilde nähert, unterbrechen und stören. Kunstverständige glauben, es werde der ganzen Sache geholfen seyn, wenn man das Bild auf eine andere Leinwand aufzöge, die Risse würden von selbst zugehen und weiter an dem Bilde nichts zu thun seyn; wäre dieß, so würde jeder Wunsch erfüllt; denn ob man am Bilde mit Farbe zu retouchiren wagen dürfe, daran zweifle ich sehr, wegen der großen Übereinstimmung und Reinheit des Tons. Nun kommt es darauf an, ob ein vorzüglicher Landschaftskünstler, wie Sie in Berlin besitzen, nach dieser Äußerung selbst einige Hoffnung hegt, so würde man das Bild zu übersenden nicht verfehlen; es ist nicht groß und würde sich ohne Schwierigkeit und sicher transportiren lassen. Worüber mir denn gefällige Entschließung erbitte.

G.[38]


37/35.


An den Großherzog Carl August

[Concept.]

Ew. Königlichen Hoheit

verfehle nicht schuldigst anzuzeigen, daß der Italiäner Thioli, der Restaurator der Paula Gonzaga Trivulzio, sich auf seiner Durchreise gegenwärtig hier befindet. Wir haben ihm schon einige Bilder vorgewiesen und seinen Rath deshalb verlangt.

Wollten Höchstdieselben die Landschaft von Hackert mir gnädigst zusenden, so würde auch diese ihm vorstellen und seine Gedanken darüber vernehmen. Er wird morgen früh sich bey mir einfinden.

Mich zu Gnaden und Hulden empfehlend.

Weimar den 9. May 1823.


37/36.


An Joseph Sebastian Grüner

Ew. Wohlgeboren.

Nach einer für mich freylich sehr bedenklichen Zeit, will sich auch wieder einmal ein Lebenszeichen gar wohl geziemen, besonders da die Wochen herankommen, in welchen ich Sie persönlich zu begrüßen hoffe.

Kaum war ich von einer schweren Krankheit genesen, als unsere angebetete Großherzogin gleichfalls von einem bedeutenden Übel überfallen wurde, von[39] welchem wir sie nur seit einigen Tagen befreyt sehen. Was alles von weimarischen Freunden dieses Jahr nach Böhmen ziehen wird, ist hoch ungewiß, von mir selbst kann ich es auch noch nicht entschieden behaupten.

Lassen Sie übrigens sich beykommende Blätter willkommen seyn und senden solche nach Ellbogen, mit meinen besten Empfehlungen. Das ganze Heft, wenn es beysammen ist, erhalten Sie zu gleich freundlicher Aufnahme.

Möchte dem schwer vom Schicksal belästigten Fürnstein diese vorläufige Anerkennung, einiges Vergnügen machen und seine Gönner zu Herausgabe auserlesener Gedichte veranlassen. Will er noch eins auf meinen Rath unternehmen, so würde mir ein Weberlied ausbitten, zu welchem der Tact und Rhythmus ihm wohl nicht fehlen können.

Wie sieht es aus mit dem coge intrare? Hat sich nichts Neues in der Gegend hervorgethan? Was ist mit der uralten Heideneiche geworden? Hat der Anthracit mit gediegenem Silber sich weiter finden lassen?

Empfehlen Sie mich den werthen Ihrigen und schreiben mir ein Wort von dem allseitigen Befinden.

Mit den herzlichsten Wünschen.

ergebenst

Weimar den 13. May 1823.

J. W. v. Goethe.[40]


37/37.


An Kaspar von Sternberg

Zuvörderst bedarf es also wohl keiner Betheuerung, daß ich mich oft genug nach Prag begebe, seitdem es für mich lebendig geworden und ich daselbst einen theuren, verehrten, theilnehmenden Freund zu besuchen habe; es geschieht dieß in guten Tagen und in schlimmen hat es auch nicht daran gefehlt.

Denn es bedurfte mancherley tröstlicher Aussichten vom 11. Februar an, wo sich mir eine schwere Krankheit ankündigte, bis heute zum 11. May, da wir einen frohen Tag begehen, die Genesung unserer herrlichen Großherzogin zu feyern. Gedenkt man nun, daß in jener Epoche auch unser Fürst von Zeit zu Zeit krankhaft bedroht war, so denkt man eine Reihe von geistigen und körperlichen Leiden, die kaum zu übertragen schienen; ich fand mich so gedrängt und gedrückt, als ich mich kaum je gefühlt.

Nun aber von Leiden und Sorgen befreyt, blick ich schon freyer in die Ferne. Die Nachricht von der Feyerlichkeit des 23. Decembers kam mir sehr bald zu, und ich sah mit Freuden eine der würdigsten Anstalten gegründet, eröffnet und in die zuverlässigsten Hände gegeben. Möge Glück und Segen so großes Unternehmen und so bedeutende Aufopferungen begleiten, und möge ich lange Zeuge seyn des Gedeihens so wohlgemeynter und kräftiger Bemühungen.

[41] Das erquickliche Schreiben vom 16. März kam gerade zur Zeit, da ich mich meiner Wiedergenesung erfreuen durfte und ich nach wenig, unterbrochener Thätigkeit wieder in alles eingreifen konnte, was mir oblag; die einigermaßen retardirten Hefte schließen sich ab und sollen nach und nach Rechenschaft geben, womit ich mich vergangenen Winter beschäftigt. Möge einiges davon auch Ihrem Zwecke nicht fremd seyn. Von Bonn und Berlin ist mir viel Gutes geworden, das ich durch eine wohlgemeynte Thätigkeit und redliche Theilnahme zu erwidern hoffe.

Freylich drängt sich von allen wissenschaftlichen Seiten gar mannichfaltiges auf uns ein, da denn oft die Frage entsteht, wie man sich davor retten soll, um seinem eigenen Daseyn treu zu bleiben. Möge mir auch dieses Jahr gelingen durch mündliche Unterhaltung glückliche und folgereiche Stunden zu genießen.

Auf's angelegentlichste mich empfehlend.

treulichst angeeignet

Weimar den 14. May 1823.

J. W. v. Goethe.


37/38.


An Carl Ludwig von Knebel

Hiebey mein Theuerster, ein Briefchen an Herrn Doctor Noehden, welches die guten Reisenden wenigstens bequem in's Museum einführen wird. An Herrn Hüttner wollt ich nicht schreiben, denn ob er gleich[42] ein vortrefflicher Commissionair ist, so wird man ihm durch Empfehlung von Fremden, wie ich aus Erfahrung weiß, nur lästig. Auch Herrn v. Humboldt darf ich nach altem Herkommen nur wissenschaftliche Männer empfehlen. Meine guten Wünsche geleiten die Reisenden, und bitte mit dem, was ich in meinen Verhältnissen thun konnte, einigermaßen zufrieden zu seyn.

In tumultuarischer Eile

Weimar [den] 17. May [182]3.

G.


37/39.


An Georg Heinrich Noehden

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

empfangen freundlich den Sohn unsers literarischen hochgeschätzten Veteranen, Herrn Hauptmann v. Knebel, welcher das Glück hat, den Herrn Fürsten Reuß von Ebersdorf nach London zu begleiten. Durch gefällige Förderung beider werthen Reisenden im eigenen Wirkungskreise verbinden Sie mich auf's neue.

Ein zu Anfang Februar hier abgegangenes Stück von Kunst und Alterthum werden Ew. Wohlgeboren erhalten haben, als dessen vornehmste Zierde der Schild Wellingtons wohl angesehen werden mag. Es war von keinem Briefe begleitet, indem es in die Epoche einer gefährlichen Krankheit fiel, die mich überhaupt sehr zurücksetzte. Nächstens wird das[43] folgende Stück fertig, welches durch Ihre geneigte Mittheilung über Mantegnas Triumphzug besondern Werth erhält. Auch dieses wird auf dem gewohnten Wege sogleich abgehen. Möge es Dieselben in guter Gesundheit antreffen.

Eine schwere Krankheit unserer höchst verehrten Frau Großherzogin hat uns alle besonders mich auf dem Wege der Reconvalescenz sehr gedrückt. Möge dergleichen von allen Freunden entfernt bleiben.

Weimar den 17. May 1823.


37/40.


An Carl Friedrich von Reinhard

Die beiden hierher gesendeten Exemplare, mein Theuerster, und einige andere, von Leipzig angekommene brachten sogleich unter den hiesigen Literatoren große Bewegung hervor; da nun das Verneinen sich immer lebhafter bezeigt als das Bejahen, so war im Augenblick schon eine mißwollende Recension auf dem Wege zur Presse, die freylich im eigentlichen Sinne nicht unrecht hatte, weil sie sich auf die einem Deutschen leicht zu entdeckenden Irrthümer der französischen jungen Männer warf, aber eben deswegen ungrazios einen üblen Effect hatte thun müssen. Ich erregte darauf die um mich versammelten, mäßig denkenden Freunde zu einem kleinen Aufsatz, wodurch denn auch jener erster Versuch verdrängt ward.

[44] Ich lege die Abschrift bey zu gefälliger Mittheilung an die Pariser Freunde, daß sie wenigstens vorläufig einen guten Willen von meiner Seite gewahr werden.

Mehr nicht für diesesmal, denn obgleich eigensinnig, zu Hause bleibend kann ich mich doch den zuströmenden Fremden nicht ganz entziehen, welche, durch die Gegenwart Ihro Majestät des Königs von Bayern und Familie hierher gelockt nicht unterlassen die Genesung unserer herrlichen Fürstin zu feyern, wobey aber ein solches Geschwirre entsteht, daß man sich der Freude kaum erfreuen kann.

Schon fast wochenlang mit dieser Sendung zaudernd schicke sie gewissermaße übereilt ab, da noch so manches zu sagen ist. Mögen die in den nächsten Heften vorgetragenen Bemühungen den Freund überzeugen, daß trotz aller widerwärtigen Zufälligkeiten doch anhaltend scharf gearbeitet worden.

treu angehörig

Weimar den 17. May, 1823.

G.


37/41.


An Christoph Ludwig Friedrich Schultz

Und so geben Sie mir denn auch einige Nachricht von Herrn v. Henning; ich höre, er heirathet, und da mag ihm denn das Übrige nachgesehen seyn. Er wollte mir etwas zum neusten naturwissenschaftlichen Hefte über sein chromatisches Thun und Lassen mittheilen,[45] es ist nicht geschehen; auch hat er gar nichts von sich hören lassen, und ich helfe mir durch eine kurze Anzeige seiner Einleitung, damit man diese bedeutende Sache nicht ganz mit Stillschweigen übergehe.

Für gesendete entoptische Glasplatten bin ich ihm noch eine Kleinigkeit schuldig, ich wünschte aber eine ähnliche Sendung, damit ich Freunden diesen einfachen Apparat, der alle complicirte werth ist, mittheilen könne.

Ich habe jetzt den Biotischen Apparat im Hause, der gleichfalls mit einem kleinen Löchlein und abgeleiteten Erscheinungen operirt. Man muß mit Augen sehen, wie die Menschen sich selbst verwirren und durch die Mittel den Zweck entfernen. Ich lege ein Blättchen bey, was ich noch wünsche; das Geld sende mit dem Hefte Kunst und Alterthum, das nicht lange mehr ausbleiben darf.

Herr Thioli besuchte mich heute, er ist ein gar freundlicher verständiger Mann, ich habe ihn Hofrath Meyer empfohlen; dieser wird sich seiner freundlich annehmen. Ob er hier etwas von seinen Kunstwerken anbringt, dieß bezweifle ich; die Krankheit unserer herrlichen Großherzogin hat alles dergestalt in Confusion gebracht, daß an irgend etwas Kunstreichem Freude zu haben erst späterhin wieder an die Tagesordnung kommen kann.

Vorstehendes sollte eben abgehen, als Ihr werthes Schreiben vom 12. May anlangt. Seitdem hat sich[46] eine Unterhandlung mit Thioli wegen Restauration einiger Bilder hervorgethan, deren Resultat noch nicht entschieden ist.

Daß Sie sich Immermanns annehmen, freut mich sehr, ich denke gut von ihm, mußte aber ein Verhältniß zu ihm scheuen; ich bin zu alt, um reisende Talente abwarten zu können. Wenn er sich einmal selbst verstehen lernt, so kann er den Deutschen willkommen heißen; nehmen Sie sich desselben aus Ihrer höhern Sphäre kräftig an, so ist er geborgen.

Was diesen Sommer aus mir werden wird, wüßt ich nicht zu sagen; wahrscheinlich bleib ich ganz zu Hause, und da wäre mir ein Besuch des Freundes höchst willkommen; von Zeit zu Zeit gebe Nachricht.

and so for ever!

Weimar den 18. May 1823.

G.


[Beilage]

Ich würde wünschen:

Einige kleine Spiegel von schwarzem Glase.

Viereckte Glasplättchen stärker und schwächer.

Dreyeckte ebenfalls.

Zwey runde und zwey achtseitige Glasplatten, vier Linien stark.

Eine runde von Holz gedrehte Vorrichtung mit zwey kreuzweis gelegten, vier Linien starken, zehn Linien breiten und beynahe drey Zoll langen Glasplatten.

[47] Herr v. Henning, von dem ich die ersten erhalten, wird gefällig auch die zweyten besorgen.

Mechanicus Dure, an der Ecke der Kloster- und Stralauerstraße, ward mir genannt als Verfertiger; erbitte mir auch Rechnung der ersten Sendung. Das Ganze zahle sogleich.

Weimar den 14. May, 1823.

G.


37/42.


An den Großherzog Carl August

Königliche Hoheit.

In Erwartung des Glücks, Ihro Majestät in Jena zu verehren, hat man sich daselbst schuldigst vorbereitet. Unter andern versuchte der Bibliothekschreiber Compter die Geschicklichkeit zu zeigen, womit er Facsimilles alter Manuscripte aus freyer Hand nachzubilden weiß; er copirte einige Seiten aus dem Manessischen berühmten Codex, deren erstes Gedicht der zweyten Seite in Bezug auf einen edlen bayerischen Fürsten gesungen ist. Möge durch Ew. Hoheit günstige Vermittelung von einem großen Kenner und Besitzer solcher Schätze diese Probe allergnädigst aufgenommen werden und wir alle zu fortdauernden Hulden angelegentlichst empfohlen seyn.

unterthänigst

Weimar den 18. May 1823.

J. W. v. Goethe.[48]


37/43.


An Nikolaus Meyer

[Concept.]

[Etwa 18. Mai 1823.]

Gegenwärtiges nur eilig als Zeugniß der Ankunft Ihrer liebwerthen Sendung, nächstens das Weitere; Gruß und Wunsch Ihnen und den theuren Ihrigen.


37/44.


An Gräfin Josephine O'Donell

Vom 11. Februar an, wo sich mir eine schwere Krankheit ankündigte, bis zum 11. May, da wir einen frohen Tag begingen, die Genesung unserer herrlichen Großherzogin zu feyern, indessen gerade in jener Epoche auch unser Fürst von Zeit zu Zeit krankhaft bedroht war, hatte ich eine Reihe von körperlichen und geistigen Leiden zu erdulden, die kaum zu übertragen schienen; ich fand mich so gedrängt und gedrückt, als ich mich kaum je gefühlt, und mein ganzer Antheil war durch das Nächste verschlungen.

Nun da ich wieder freyer umherblicke, erquickt mich höchlich ein herzlicher Gruß aus der Ferne, ohne daß ich durch eine ausführliche Erwiderung mich dankbar erweisen könnte; nehmen Sie daher, meine Theuerste, dieses Lebenszeichen freundlich auf, wie ich es zu geben vermag, der ich kaum von der Nachtseite zurückgekehrt[49] mich auf der Tags- und Sonnenseite schon wieder vom wirbelnden Leben ergriffen fühle.

Herzlich wünsche, daß Ihnen alles wohl gelinge, und daß Sie mein in treuer Liebe und Freundschaft gedenken.

wahrhaft anhänglich

Weimar den 19. May 1823.

Goethe.


37/45.


An Carl Lebrecht Schwabe

[Concept.]

Sie erhalten, mein Werther, hiebey das Übersendete wieder zurück; die Kupfer sind weder mir, noch großherzoglicher Bibliothek erwünscht und brauchbar; das Formbuch besitzt die Bibliothek.

Mögen Sie den Abschluß der begonnenen Hefte beschleunigen, so geschieht mir ein besonderer Gefalle, weil ich mich zu einer baldiger Abreise einrichten muß. Ich werde nicht verfehlen, eine kleine Ergötzlichkeit sodann zu übersenden.

Weimar den 21. May 1823.


37/46.


An Friedrich Wilhelm Riemer

Sie haben ja wohl die Gefälligkeit, mein Werthester, einzurichten, daß ich die drey ersten Blätter des zuletzt mitgetheilten Manuscripts morgen mit dem 11. Bogen nach Jena senden kann.

Weimar den 23. May 1823.

G.[50]


37/47.


An Friedrich Wilhelm Riemer

Mögen Sie, mein Werthester, beykommendem Bogen noch einige Aufmerksamkeit schenken, besonders daß wir die Wort und Klangwiederholung zu guter letzt noch hinaus bringen. Schon manches habe ich bemerkt. Wenn wir auch erst morgen Abend darüber conferiren, so ist es noch Zeit. Das beste wünschend.

Weimar den 24. May 1823

G.


37/48.


An Georg Sartorius

[Concept.]

Ihre werthe Sendung, mein Theuerster, hat mir viel Freude gemacht; glücklich kam sie zu guter Zeit, als man wieder zu athmen wagte: denn vom 11. Februar an, wo sich meine schwere Krankheit ankündigte, bis zum 11. May, da wir den frohsten Tag begingen, die Genesung unserer herrlichen Fürstin zu feyern, indessen gerade in jener Epoche auch unser Großherzog von Zeit zu Zeit krankhaft bedroht war, hatte ich eine Reihe von körperlichen und geistigen Leiden zu erdulden, die kaum zu übertragen schienen; ich fand mich so gedrängt und gedrückt als je, mein, ganzer Antheil war durch das Nächste verschlungen.

Nun da ich wieder freyer umherblicke, erquickt mich höchlich manch herzlicher Gruß aus der Ferne, den[51] ich durch stille Thätigkeit in der Folge zu erwidern hoffe.

Und so wäre auch Sie, mein Theuerster, nach jener Epoche freundlichst willkommen gewesen, obgleich eine reine Heiterkeit nicht so schnell zurückkehrte.

Nun dient Ihr höchst bedeutendes und so sorgfältig ausgearbeitetes Werk uns die Abende zur besten Unterhaltung. Wir fragen den benannten groben Reichen meistens von Anfang des vorigen Jahrhunderts an sorgfältig nach, und so rücken wir nach und nach an das Erlebte und sehen uns synchronistisch neben manchem wunderlichen Ereigniß ganz im Stillen einhergehen; hiedurch sind wir Zeugen der allgemeinsten Ereignisse, da wir früher die Welt nur im Besondern erregt sahen. Einzelne Familienzwiste verwirrten die Welt, jetzt nöthigt die verwirrte Welt zu Versuchen, sie wieder auf den alten Fuß zu stellen.

Lassen Sie uns nach wie vor in guter theilnehmender Neigung verbleiben und wenigstens von Zeit zu Zeit einen Lebenswink unmittelbar wechseln.

Jedermann erzählt mir von Ihrer schönen Wohnung ist sie denn auch vor Hunden und Nachwächtern sicher? Erschrecken Sie nicht! Sieht doch diese Frage beynahe wie eine Anmeldung aus. Hofrath Meyer grüßt zum allerschönsten. Möge Ihnen und den theuren Ihrigen alles Gute zugedacht seyn.

Weimar den 25. May 1823.[52]


37/49.


An den Großherzog Carl August

[Concept.]

Ew. Königlichen Hoheit

hat man vielleicht schon den restaurierten Hackert vorgestellt; an beiden Bildern war er diese Woche her sehr fleißig wie Meyer versicherte. Möge alles zu Höchst Ihro Zufriedenheit gereichen.

Das erste Heft Verhandlungen der Gesellschaft des väterlichen Museums in Böhmen lege bey; ich fürchte auf Grafen Sternberg möchte in der nächsten Curzeit nicht zu rechnen seyn. Genau betrachtet macht ihm die Präsidenten-Stelle viel Bemühung, obgleich er darauf vorbereitet und gut secundirt ist. Er schreibt von einer Reise nach Wien, die freylich nöthig seyn möchte, um eine gewisse Einheit in die Naturforschung der österreichischen Staaten zu bringen, auch wegen der brasilianischen Angelegenheiten auf die übrigen deutschen Anstalten zu wirken.

Zu Hulden und Gnaden mich empfehlend.

Weimar den 26. May 1823.


37/50.


An Carl Ernst Adolf von Hoff

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

verzeihen, wenn ich den angekündigten Aufsatz in Revisionsbogen vorlegen die Versendung des vollständigen[53] Heftes möchte wohl noch eine Zeitlang zögern.

Möchten Dieselben, woran mir sehr viel gelegen ist, die Auflösung des Problems nicht verwerfen, wenigstens ist durch diese Blätter und das sie begleitende Kupfer ein entscheidender Schritt gethan; verbindet sich ein reisender Architekt mit einem Antiquar, so ergibt sich alsdann das Weitere.

Mich kurz vor der Abreise nach Marienbad, wohin Ihr treffliches Werk als Bibliothek mich begleiten wird zu Wohlwollendem Andenken hochachtungsvoll empfehlend.

Weimar den 2. Juni 1823.


37/51.


An Carl Jacob Alexander von Rennenkampff

Ew. Hochwohlgeboren

schönstens zu begrüßen und mich Ihrem theuren Andenken bestens zu empfehlen, ergreife gern eine sich darbietende Gelegenheit. Herr Thioli, Maler und besonders gewandter Restaurateur der bisher in Berlin gearbeitet und bey seiner Durchreise auch bey uns die Geschicklichkeit in Wiederherstellung verletzter Bilder gar lobenswerth bethätigt hat, gedenkt seinen Weg nach Oldenburg zu richten, und ich nehme keinen Anstand, denselben zu empfehlen. Er ist ein stiller gesitteter Mann, und seine Frau, des bekannten Landschafts-Malers[54] Fidanza Tochter, ist gleichfalls wacker und artig. Er führt einige Bilder mit sich welche zu sehen dem Liebhaber immer interessant seyn wird Vielleicht gäbe es dorten einiges zu restauriren, wobey ich wohl sagen darf, daß er billig ist, wie wir an ihm, mit und ohne Accord, erfahren haben.

Sollte es Gelegenheit seyn, mich den höchsten Herrschaften unterthänigst zu empfehlen; so würde ich mich sehr glücklich schätzen.

Schreiben Ew. Hochwohlgeboren diesen Brief dem erneuten Vertrauen zu, welches Ihre werthe Gegen wart in mir frisch belebt hat, und erhalten mir ein wohlwollendes Andenken.

gehorsamst

Weimar den 2. Juni 1823.

J. W. v. Goethe.


37/52.


An den Großherzog Carl August

[Concept.]

Ew. Königliche Hoheit

haben die gnädigsten Aufmerksamkeit gehabt zu befehlen daß man den bedenklichen Gesundheits-Umständen des Hofmechanicus Körner nachfragen solle; hierüber ist dem Museumsschreiber Färber Auftrag geschehen und von demselben folgendem Nachricht eingegangen:

»Ich begab mich gestern Nachmittag zu Doctor Körner, welchen ich wieder in seiner Arbeitsstube beschäftigt antraf; er äußerte, daß seine Krankheit sich[55] sehr bedenklich angelassen habe, weil eine förmliche Lungenentzündung zu befürchten gewesen, hätte nicht sein Arzt Doctor Winkler schleunige Gegenmittel angewendet. Der Patient ist sehr abgemagert, geht aber wieder aus, und der Appetit findet sich wieder ein. Hingegen ist ihm vom Arzt eine strenge Diät vorgeschrieben, vorzüglich geistige erhitzende Getränke und Speisen sind ihm gänzlich untersagt, und deshalb läßt er für das gnädige Anerbieten irgend einer Erquickung für jetzt unterthänig danken.

Da sein Arzt Doctor Winkler auf einige Tage von hier abwesend ist, so konnte ich über die näheren Krankheitsumstände des Doctor Körner mit demselben nicht sprechen; morgen wird derselbe wieder erwartet, wo ich zu ihm gehen werde.«

Sobald die angesagte Nachricht eingeht, vermelde solche alsbald.

Weimar den 4. Junius [1823].


37/53.


An Friedrich Jacob Soret

Thanatophyton Croci.

Gebirgsarten aus Auvergne.

Barometerstand von May und Juni.

Französische Zinnstufen mit Beygestein des Mines de Vautry (Haute Vienne) et de Piriac (Loire inferieure).

[56] Vorstehendes bescheidentlich wünschend und den werthen Reisenden glücklichen Sternen empfehlend, so wie sich selbst zu geneigtem Andenken. Für so manche Gefälligkeit dankbar.

Weimar den 5. Juni 1823.

J. W. v. Goethe.


37/54.


An Friedrich Jacob Soret

»Entrévernes, in Savoyen, ist ein hochliegendes Dorf, welches 1 1/2 Lieues südlich von dem Anfange des Sees von Annecy, gegenüber auf der anderen Seite desselben, ganz in der ungeheuern Vormauer versteckt liegt, welche die Centralkette der Alpen von der Ebene trennt. Es ist nicht die erste Kalkkette zwischen dieser und den Gletschern; die erste Kette bildet die Fortsetzung des Jura die sich zwischen Chambery und der Rhone bis zur Isère fortzieht, die zweyte beginnt jenseits des Thales von Chambery und bildet eine furchtbare Felsenkette von Alpenkalkstein.

In der Höhe am Anfange des Thales von Entrévernes steht ein senkrechter Fels, an welchem die Schichten fast so senkrecht, als der Fels selbst, sich folgen. Hier fiel das mehrere hundert Fuß hohe sichtbare Flötz zuerst den Baulustigen auf. Sie legten Stollen nebeneinander an, erbauten Magazine, richteten eine Schiffahrt auf dem See ein und führten eine kostbare und schöne Straße vom See zu den Berggebäuden.[57] Der Erfolg entsprach den großen Anstalten nicht; die Schichten standen zu senkrecht, um dauernde Güte der Kohlen erwarten zu lassen die Höhe in welcher die Berggebäude lagen, erforderte viele Anstrengungen.

Nach Herrn v. Buchs barometrischer Messung liegen die Berggebäude am Fuße des Felsens 2864 Fuß über dem Meere.«

(Vorsehendes ist ausgezogen aus Hèron de Villefosse, Mineral-Reichthum, deutsch von Carl Hartmann, 1822, Band 2, Seite 523 u.f.)

Sollte nun jener Bergbau noch betrieben werden und die Berggebäude bewohnt seyn, so wird man wahrscheinlich daselbst auch meteorologische Beobachtungen anstellen. Hievon die barometrischen mitgetheilt zu erhalten, würde für uns von der höchsten Bedeutung seyn, indem wir ein Mittelglied erhielten zwischen dem Stift Tepl, das 2000, und dem Bernhards-Hospiz, welches ohngefähr 7500 Fuß über dem Meere angegeben ist. Jede deshalb übernommene Bemühung würde mich höchlich verpflichten.

Zuvörderst wünschte jedoch die Beobachtungen vom December des vorigen Jahrs und, wenn es möglich wäre, die von dem laufenden nach und nach vollständig. Man würde gern etwas Angenehmes dagegen mittheilen.

Verzeihung erbittend.

ergebenst

Weimar den 8. Juni 1823.

Goethe.[58]


37/55.


An Carl Cäsar von Leonhard,

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

verpflichten mich ganz besonders durch die einzelne Übersendung der Aushängebogen, ich erwarte und lese sie mit Leidenschaft wie Zeitungen; Aufmerksamkeit und Theilnahme erhält sich von einem Sendungs-Tage zum andern, und mir dienen diese werthen Blätter ganz eigentlich zum gründlichsten Examen. Ich frage mich, von welchen vorgetragenen Gegenständen ich mir unmittelbare Anschauung erworben; dadurch sondert sich ab, wornach ich mich noch umzuthun habe; neue Namen werden anerkannt, wo die Sache gewiß ist, und die Zweifel des Augenblicks genau bemerkt. Hiedurch ist denn schon sehr viel gewonnen, und dieß verdanke ich Ihrer mittheilenden Geneigtheit.

Nun aber hatte ich kaum S. 104 den Diorit als Grünstein anerkannt, so macht mich S. 118 der Dolerit verlegen und unglücklich, denn die freundlich zugesagte Sendung, ist bis jetzt ausgeblieben, und ich sehne mich vergebens nach einem Blick auf diese merkwürdige Steinart, von welcher das ausführliche Heft Nephelin in Dolerit am Katzenbuckel so umständlich Bericht gab.

Leider bin ich nicht mehr so mobil, daß ich die große jenaische Sammlung öfters benutzen und mich[59] dort, wie sonst, von Zeit zu Zeit Raths erholen könnte; und so find ich mich denn gegenwärtig zu der Bitte genöthigt, Ew. Hochwohlgeboren möchten die zugesagte Sendung gefälligst beschleunigen und mein Verlangen, welches dem so vieler tausend Menschen nach spanischen Nachrichten gleichkommt, vollständig befriedigen.

Dagegen werde eine in Deutschland gefundene Gebirgsart, dem Itakolumit des Herrn von Eschwege, nach dessen eigener Zustimmung, ganz nahe verwandt, sogleich übersenden und anfragen, ob bey Ihrer ausgebreiteten Umsicht schon dergleichen vorgekommen? Ich gehe nun drauf aus, ob nicht auch hier wie in Brasilien der biegsame Stein sich in der Nähe findet.

Möge Ihrer großen und, man darf wohl sagen, gränzenlosen Thätigkeit Glück und Förderniß überall begegnen.

Zum Schlusse bemerk ich, daß mir die Anschauung des Dolerits um deswegen so wichtig ist, weil ich bey meiner vorhabenden Reise nach Böhmen den Wolfsberg bey Ezerlochin im Pilsner Kreis, wo nicht in Person, doch durch Abgeordnete werde besuchen lassen. Er liefert schöne, große, deutlich Augiten, und ich müßte mich sehr irren, wenn die bräunliche Masse, worin sie eingeschlossen sind, das Gebirg nicht zum Doleriten qualificiren sollte.

Weimar den 9. Juni 1823.[60]


37/56.


An Anton Radl

[Concept.]

Es war mir sehr angenehm, mein werthester Herr, Ihr zutrauliches Schreiben zu erhalten, weil ich längst wünschte von Ihren größeren Arbeiten etwas zu sehen, da mir die kleineren, wornach in Kupfer gestochen ist, gar wohl gefallen haben; doch muß ich dieses Vergnügen für den Augenblick entbehren, indem die höchsten Herrschaften und manche bedeutende Personen des Publicums sich von Weimar entfernen, auch ich selbst eine Badereise vorhabe; wollen Sie jedoch Ihre Sendung so einrichten, daß sie in der Hälfte Augusts anlangt, so kann ich wenigstens zusagen, daß sie zu Anfang Septembers bey unserer Kunstausstellungen mit erscheinen soll, wenn ich auch schon nicht voraus sehe, daß sich ein Liebhaber hier am Orte dazu finden werde. Bis dahin alles Wohl und Gute wünschend.

Weimar den 9. Juni 1823.


37/57.


An Johann Friedrich Cotta

Ew. Hochwohlgeboren

erwünschte, aber freylich zu kurze Anwesenheit ward leider durch manche zwar freundschaftliche, doch immer störende Dazwischenkunft unterbrochen, so daß gar manches unberedet blieb, was besser mündlich abgethan[61] würde. Wir wollen es also, insofern es möglich ist, schriftlich nachzuholen suchen.

Ich hatte vergessen mich nach Herrn Adrian zu erkundigen dessen so gemüthliches Schreiben gerade in die Zeit meiner Krankheit und ersten Wiedergenesung fiel, weshalb ich auch weiter nichts von mir vernehmen ließ; grüßen Sie ihn zum besten gefällig.

Hiebey muß ich gestehen, daß ich mich umsehe nach jungen Männern, denen man Redaction von Papieren übertragen könnte, welche selbst zu leisten man wohl die Hoffnung aufgeben muß.

Bis jetzt that ich das Möglichste um auszusondern und sodann wieder zu versammeln, was zusammen gehört (wie ich denn in den letzten Wochen die sämmtlichen Schillerschen Briefe von 1794 bis 1805, von der ersten Einladung zu den Horen an bis wenige Tage vor seinem Abscheiden, als den größten Schatz, den ich vielleicht besitze, zusammengebracht und geordnet habe). Allein die Zeit reicht nicht zu, und man muß nach und nach fremden Beystand einzuleiten suchen. Nun beobachte ich längst einen jungen Eckermann von Hannover, der mir viel Zutrauen einflößt; ich sende ein Manuscript mit der fahrenden Post, welches er von Ihrer Handlung verlegt wünscht; Sie werden beurtheilen, ob es zu Ihren Zwecken tauglich sey.

Die Klarheit und Freyheit der Handschrift besticht schon, und der Inhalt muß mir angenehm seyn, weil der junge Mann sich, wie Schubarth und Zauper, an[62] mir herangebildet hat. Er ist gegenwärtig hier, und ich denke ihn mit gewissen Vorarbeiten zu beschäftigen. Die Antwort an ihn bitte nur hierher, als bey mir abzugeben adressiert, da er sie denn erhalten wird, wenn ich auch nach Marienbad seyn sollte, welches etwa in vierzehn Tagen geschehen wird. Auch dort fahre ich fort, den großen Zweck zu verfolgen. Im Wissenschaftlichen Fache werde ich durch eine einsichtsvolle und günstige Recension meiner Hefte zur Morphologie und Naturwissenschaft in der Jenaischen Literaturzeitung Nr. 101 wieder aufgefordert; hiezu liegt eine große Masse von Papieren und Acten bey mir, vielleicht daß mir gelingt, den Stoff in einiger Ordnung zu hinterlassen.

Über meine Farbenlehre wird diesen Sommer in Berlin abermal gelesen, mit Vorzeigung eines sich immer mehr vervollständigenden Apparats; und so erleichtert sich, indem mehrere sich in die Arbeit theilen, das, was man selbst zu thun willig und schuldig wäre.

Die Hefte von Kunst und Alterthum, auch Morphologie nahen sich ihrer Vollendung; möchten Sie wohl anordnen, daß solche bald versendet werden.

Erlauben Sie, daß ich von, Zeit zu Zeit Hoffnung, Wunsch und Vorschlag wieder anknüpfe und mich indessen zu wohlwollendem Andenken empfehle.

gehorsamst

Weimar den 11. Juni 1823.

J. W. v. Goethe.[63]

In diesen Tagen beziehe von Frege achthundert Thaler Sächsisch, worauf denn bey nächster Berechnung einem oder dem andern Theil eine Kleinigkeit zu Gute kommen wird.


37/58.


An Friedrich Constantin von Stein

[Concept.]

Die glücklich angelangten Exemplare des wunderlich gebildeten Quarzgesteins haben mir sehr viel Freude gemacht; lassen Sie aber nicht nach, bis wir eine Abweichung ebendessen finden, wo die spindelförmigen Körper sich allmählig verlieren und ein gleichförmigeres Sandgestein erscheint. Sie werden zu weiterer Forschung gewiß bewogen, wenn ich Ihnen sage, daß es alsdann dem brasilianischen Itakolumit sehr ähnlich wird, einem Gestein, das außer dem südlichen Amerika sich sonst nicht finden soll. (Siehe Geognostisches Gemälde von Brasilien durch Herrn v. Eschwege, Weimar 1822, Seite 13 u.f.) Ihre mir übersendeten Stücke sehen auf den natürlichen Ablösung ihm schon völlig gleich.

In dieser Gebirgsart kommt aber der biegsame Sandstein vor (hört!), und es wäre merkwürdig, wenn sich dergleichen auch in Schlesien fände. (Hört!)

Geben Sie davon der vaterländischen Gesellschaft Nachricht und entschuldigen mich zugleich, daß ich gegen[64] Brief und Sendung mich nicht mittheilender erwiesen. Wir haben gar zu schlimme Tage erlebt, die nicht allein jede Thätigkeit lähmten, sondern die folgenden guten Stunden mit versäumten Pflichten und Geschäften belasteten.

Was bey uns im Jahre 1822 für Meteorologie geschehen, wird sobald das Heft beysammen, sogleich in einigen Exemplaren nach Breslau gesendet; auch die Ausführung dieser Arbeit war durch den frühzeitigen Tod des guten Doctor Posselt unterbrochen und ließ sich nur nach und nach wieder einleiten. Empfehlen Sie mich zugleich Herrn Brandes auf das angelegentlichste; möge er bey dem, was in diesem Fache von uns ausgeht, nicht ungern die Anlässe finden, die wir ihm aufrichtig zuschreiben.

Herrn Büsching danken Sie schönstens in meinem Namen für das übersendete Schloß Marienburg. Könnte ich erfahren, was zur Restauration desselben bisher geschehen, so würde ich mit Vergnügen Gebrauch davon machen; ich habe schon viel, von Reinigung der Keller, Säle, Remder, von Entfernung des falsch gebauten, von bunten Glasfenstern, von der Restauration einer kolossalen Mutter Gottes, welche mit Mosaik fourniert seyn soll, von einem zugleich mit dem Herrn Oberpräsidenten [von Schön] höchst thätigen Ortsgeistlichen u.s.w. gehört; das Nähere würde mir Freude machen.

Auch haben Sie die Güte meinen schuldigen Dank[65] der Liedertafel abzustatten. Gelingt es mir irgend einen fröhlichen Gesang zu rechter Stunde darzubieten, so ist ein Wunsch erfüllt, den ich im Augenblick hegte, als die muntere und freundliche Sendung zu mir herüber kam.

Nun aber soll Breslau und Ihnen besonders Glück auf! zugerufen seyn, daß Held Blüchner dem Gemeinwesen zunächst vorleuchten wird; er ist hör ich, in Berlin aufgestellt und wird seine Reise wohl bald antreten.

Hat der merkwürdige Granit-Kubus indessen einige Vorschritte gethan?

Erfreuen Sie sich, daß Sie Ihren Blinden so schöne Surrogate des edelsten Sinnes zu verschaffen wissen, und gedenken dagegen, als Theater-Mitdirector, an die Beharrlichkeit der Danaiden, die sich nicht abschrecken ließen und, in Gesellschaft mit Denus, immer gleich beeifert fortfuhren, das Unmögliche leisten zu wollen.

Diese fruchtlose Beharrlichkeit erinnert mich abermals an eine glücklichere; diese bat uns denn doch nach soviel Jahren zur Entdeckung des seltsamen und einzig merkwürdigen Sandgesteins verholfen. Sollten mir nicht auch wenn wir im Bestreben verharren, von den Blitzröhren zu Massel frische Exemplare entdecken? die sonst so häufig waren, daß [man] sie zu Staub gerieben und zu Küchlein geknetet als ein köstliches Heilmittel in den Apotheken anpries. (Silesia[66] subterranea tab. I fig. 15.) Nach Pastor Hermanns Maßlographie sollen sie armstark gefunden worden seyn.

Wie sieht es mit den Pflanzenabdrücken in der Steinkohlen-Decke weiter aus? Wir haben des Herrn Grafen Sternberg 3. Heft nächstens zu erwarten. Was hat Herr Rothe die Zeit über gefunden und was wird er mittheilen? Grüßen Sie ihn zum schönsten. Vielleicht läßt er auch wieder einmal hierher etwas gelangen, denn ich bin auf dem Wege, auch diesem Theil der Naturlehre mich zu nähern und das Entdeckte kurz gefaßt in meine Hefte aufzunehmen.

Die Bewußten Radierungen sind auf die fahrende Post gegeben, und ich habe einen Schein dagegen genommen, damit sie dießmal sicher zu Ihnen gelangen. Ich bitte um baldige Nachricht des Angekommenen, denn ich denke in vierzehn Tagen nach Marienbad zu gehen.

Schließlich wiederhole meine Bitte um mehrere Exemplare des merkwürdigen Sandsteins, besonders um solche, wo der spindelförmigen Körper weniger sind, und vielleicht Stücke ganz ohne dieselben, welche gewiß vorkommen. Könnte man dem geistlichen Herrn dagegen etwas Angenehmes erzeigen, da er doch wohl irgend eine Liebhaberey hat, so geben Sie mir Kenntniß davon, und es erfolgt sogleich.

Weimar den 11. Juni 1823.[67]


37/59.


An Christoph Ludwig Friedrich Schultz

So eben, mein theuerster Verehrter, als Ihr beyfälliger Brief bey mir ankam und die Geneigtheit verkündigte, das Hackertische Bild in Berlin restauriren zu lassen, war der gute Thioli beschäftigt, das Gewünschte hier an Ort und Stelle zu leisten, womit er auch glücklich zu Stande kam. Daneben hatte er eine treffliche Marine, wahrscheinlich von Bakhuzen, unternommen und machte sich damit gleichfalls viel Ehre. Erlauben Sie mir in ähnlichen Fällen mich, durch Ihre Vermittlung, an die Berliner Künstler wenden zu dürfen.

Verkauft von seinen geschnittenen Steinen und Gemälden hat er hier nichts; mir gab das Bild von Herodes und Herodias sehr viel zu denken und ich müßte viele Bogen schreiben, wenn ich aussprechen sollte, was mir bey dessen Anblick durch den Sinn ging; Sie kennen es wahrscheinlich und fanden es gewiß auch merkwürdig.

Ich habe dem guten Mann Empfehlung nach Oldenburg mitgegeben, wohin er sich zu wenden gedenkt. Ein großes bedeutendes Bild von Carracci, das freylich nicht in den besten Zuständen bey uns herum steht, erforderte zu viele Zeit, die er nicht aufwenden konnte, und wär auch theuer geworden, ob ich gleich die Restauration sehr gewünscht hatte. Er[68] glaubte, man verdiene daran vier bis fünf hundert Thaler.

Zu Ende des Monats geh ich nach Marienbad. Kunst und Alterthum erhalten Sie gewiß, die Naturhefte stehen am Schluß. Unseres Bräutigams versprochener Aufsatz ist heute, den 6. Juni, noch nicht angekommen; in wenigen Tagen bin ich genöthigt, fortzuschreiten. Ich hoffe, Sie werden manches Erfreuliche darin finden.

In jenem, von Ihnen gebilligten, barometrischen Gedanken ist mir wieder neue Noth zugewachsen; Umsicht nach allen Seiten wird gefordert, auch ist die Complication gränzenlos; doch indem ich festhalte, glaub ich hie und da übereinstimmende Puncte zu bemerken.

Die preußischen Abgeordneten, welche gegenwärtig Beobachtungen an der Ost- und Nordsee machen, haben uns auch eingeladen, und wir glauben das Nöthige beytragen zu können; ich bin verlangend über die mannichfaltigen Erfahrungen: denn sie haben ihr Netz weit ausgespannt. Sodann wäre neugierig, ob sie auf den Gedanken kommen, auch auf dem Meere in gewisser Entfernung correspondierende Beobachtungen anzustellen; mir würde das sehr bedeutend seyn, doch wollt ich mich unmittelbar nicht einmischen, es ergibt sich vielleicht auf andere Weise.

Ihr Namensvetter Botanicus ist sehr brav, und ich werde mir seine Schrift sogleich anschaffen.

[69] Einen trefflichen Aufsatz von Ernst Meyer, Privatdocent in Göttingen, mit meiner Anregung dazu, finden Sie im morphologischen Hefte; dort ist auch auf das gleiche Problem hingedeutet, womit hier der 125. Paragraph und besonders dessen Abschluß sich beschäftigt. Über die Sache, die so tief als weit ist, wüßt ich jetzt mich nicht zu erklären; möchten Sie aber näher herangehen, so ist nichts, was für den Augenblick mehr förderte, als eine so einsichtige als wohlwollende Recension meiner morphologischen und sonst wissenschaftlichen Hefte in der Jenaer Literatur-Zeitung Nr. 101. Es thaten sich verdienstvolle Männer zusammen, und ich habe Ursache genug ihren Bemühungen dankbar zu seyn.

Hier finden Sie nun, mein Bester, gerade was Sie zu wünschen scheinen, eine Übersicht dessen, was ich für Naturbetrachtung geleistet und in welchem Sinne. Es kommt mir wunderlich vor, daß ich noch einmal in's Leben zurückkommen mußte, um mich von dieser Seite so treulich abgespiegelt zu sehen. Und wenn es auch auf einen andern sich bezöge, würde mir die Behandlung Freude machen. Hier zeigt sich Scharf- und Tiefblick mit Wohlwollen verbunden, wodurch das Verdienstliche hervortritt und jede Bedingung, jede Berichtigung, die gewöhnlich hindert und verneint, sogleich förderlich und belebend ist.

Ihr mir zur Morphologie gegönnter Aufsatz, mein Werthester, hat schon in den Aushängebögen sehr[70] guten Effect gethan; dagegen kann man versichert seyn, die ablehnenden verneinenden Herren sterben nicht aus.

Herrn Uhden empfehlen Sie mich zum schönsten; der gebückte Ulysses kömmt nächstens zurück, ich habe ein paar Gypsabgüsse einer sehr schönen Medaille des 16. Jahrhunderts hinzugefügt. Es würde mir sehr angenehm seyn, wenn Herr Bischof Münter, der mir immer geneigt gewesen, und dem ich mich bestens empfehle, einen gleichen Abdruck wallte zukommen lassen; der Gedanke ist einer der schönsten, ich möchte ihn wohl von einem vortrefflichen Meister des Alterthums ausgeführt sehen.

Genauere Nachricht von Immermann wird mir viel Freude geben. Seit einiger Zeit hab ich wieder angefangen mich nach jungen Leuten umzusehen; aber freylich nach solchen, denen man einen Theil seines Nachlassens anvertrauen könnte. In Stuttgart findet sich ein schönes Individum dieser Art Namens Adrian, er hat ein verständiges Büchlein über die Priesterinnen der Griechen herausgegeben, woran mich vorzüglich besticht, daß weder Etymologie, noch Mystik, noch Sinnlichkeit darin spukt, von welchen lieben Ingredienzien die Productionen dieser Art jetzt selten frey sind.

Auch einem jungen Eckermann, der in Braunschweig lebt, hab ich eine Weile gefolgt, er hat sich gleichfalls an mir herangebildet und möchte zwischen[71] Schubarth und Zauper in die Mitte zu stehen kommen; nicht so kräftig und resolut wie jener nähert er sich diesem in Klarheit und Zartheit.

Sie haben aus meinen kurzen Sprüchen mit Ernst und Liebe sich ein Wort angeeignet; dieß freut mich höchlich, denn bey dieser Art, Samen auszustreuen, hat man keine Ahnung, was und wo es aufgehen möchte; erst wenn man es in andern wieder keinem sieht, versteht man, was es bedeutet.

Ist Schubarth fleißig an Paläophron und Neoterpe? wovon der Namensklang mir gar sehr will kommen klingt. Das gleichgenannte Drama war im Jahre 1800 zum Geburstage unserer hochgeliebten Herzogin Amalia aus dem Stegreif gedichtet und eingelernt, wie es vorschritt. Die Rolle des Alten für Graf Brühl, die der Neuen für das allergefälligste Wesen geschrieben, das ich je gekannt habe. Der Graf, vor etlich und zwanzig Jahren als trefflicher Jüngling durch die Maske des Bejahrten durchscheinend, und die junge frische Hebe paßten sehr gut zusammen, es waren schöne Tage und eine glückliche, dem Antiken sich annähernde Vorstellung. Zugleich erschien dieser Versuch als Ankündigung der Maskenspiele, die uns mehrere Jahre in Bewegung setzen und das Publicum unterhielten.

Und indem ich nun zu ruhiger Stunde mir solches Mittelalter gern wiederhole, so scheinen diese Gebilde abermals wohlthätig auf mich zu wirken. Vielleicht[72] kann ich nächstens zu Gunsten so werther Namensverwandten irgend etwas Nützliches und Erfreuliches leisten.

Die Sendung der Mutter-Gottes vom Tisch behalte mir bis zu meiner Rückkunft vor; Meyer geht nach Wiesbaden, und in drey Wochen ohngefähr hoff ich in Marienbad zu seyn, wenn nicht einige Wolken, die sich über unserer theuren Fürstin Gesundheit zusammenziehn, des Großherzogs Reise dorthin durch mehrere Verdüsterung aufschieben oder gar verhindern. Die Ärzte geben mir, auch selbst in der größten Vertraulichkeit, die beste Hoffnung; aber sorgliche Falten legen sich nach so manchen Unfällen in den Geist, daß man die Fähigkeit verliert, der Hoffnung die schuldige Nahrung zu geben.

Wann ich also wieder zu Hause seyn werde, wüßt ich nicht im voraus zu bestimmen, wahrscheinlich in der Hälfte Septembers; indessen erhalten Sie auf alle Fälle von Marienbad aus einige Nachricht. Auch nur eine entfernte Hoffnung, Sie wieder zu sehen, gibt mir neuen Muth, die Zwischenzeit möglichst zu nutzen. In der Stelle Ihres Briefes, wo Sie von Hackerts Gemälde sprechen, scheint es dem Ausdruck nach, als ob Ihr Restaurator das Gemälde von dem Tuch abnehme; man hat mir dieses Kunststück schon früher begreiflich machen wollen; hier ist denn freylich die Sicherheit einer kühnen Technik zu bewundern. Sehen wir doch eben in diesen Tagen zwey verwegene Pilger[73] auf dem Seil bis zum Glockenthurm steigen und von dorther, zu Rittern verwandelt, wieder herunterkommen; jedermann wird angst dabey, aber sie leisten es doch.

Maske sowohl als Drache sind auf Nr. 3 des Triumphzugs unverkennbar; ich bemerkte sie früher nicht, sonst hätt ich bey Herrn Roehden deshalb angefragt, welcher entscheiden konnte, ob schon der Maler die Ausdrückliche Intention gehabt, oder ob der Nachbildner sie erst hineingetragen? Allenfalls kann ich Gelegenheit nehmen es noch zu thun.

Indem ich diesen Brief fortzusenden zaudere, kommt unseres werthen Hennings Aufsatz noch nicht an; mag also Gegenwärtiges abgehen.

Vor einiger Zeit kam beykommender Brief von Eckermann bey mir an, den ich sende, weil er seinen Zustand ganz ausdruckt; nun so folgt er gestern selbst und erscheint als ein gar guter, feiner, verständiger Mensch. Da er keine weitere Bestimmung hat, so will ich ihn nach Jena einleiten und ihm dort einige Paquete abzudruckender Schriften zum Redigiren und Corrigiren geben. Nach dem Werke, das er mir geschickt hat, scheint er hiezu völlig geeignet. Da er sich an meinen Sachen heranbildete, so wird es keine Schwierigkeit haben, mit ihm sich zu verständigen.

In wenig Tagen, hoff ich, soll ein Exemplar Kunst und Alterthum wenigstens in Aushängebogen abgehen können, theilen Sie es Zeltern mit und grüßen ihn[74] schönstens. Die Jenaer Literatur-Zeitung Nr. 101-9 beschäftigt sich mit meinen Naturbetrachtungen; ich bin den Recensenten viel Dank schuldig, umsomehr, als ihre freundliche Anerkennung mich in den Stand setzt, über diese Dinge klarer zu denken und, mit mehr Sicherheit, schneller zu arbeiten.

herzlich zugethan

Weimar den 11. Juni 1823.

J. W. v. Goethe.


37/60.


An Carl Friedrich von Reinhard

Daß Sie, theuerster Verehrter, meinen kleinen Aufsatz billigten, ist mir höchst erwünscht, denn er war in unruhiger Zeit und nicht sonderlich vorbereitet geschrieben; der gute Wille mag dabey das Beste gethan haben.

Den Abdruck lege bey, nicht weniger eine französischen Übersetzung, verfaßt von dem Redacteur, welcher mir vielen Dank wußte, daß ich ihm von jener mißwollenden Anzeige loshalf.

Man hat nur immer zu thun, um die Verwirrungen, die mehr durch vorlaute als bösartige Menschen eingeleitet werden, wieder in's Gleiche zu bringen.

Kunst und Alterthum folgt bald; möge darin sich etwas Ihrem und der liebwerthen Tochter Sinn und Geschmack Wohlgemäßes befinden.

[75] Die naturwissenschaftlichen Hefte werd ich kaum vor meiner Abreise vollendet sehen, ein thypographisches Zaudern hält sie dießmal länger als billig zurück.

Denn ich denke zu Ende des Monats nach Marienbad zu gehen, um mich wieder in dem Winkel einer ansehlichen Gebirgshöhe zu prüfen und an bekannten Naturgegenständen meine Sinne herzustellen; es ist wirklich Zeit, daß ich von der Außenwelt wieder angeregt werde.

Daß die Heilquellen unsere Hoffnungen und Zutrauen wenigstens bis auf einen gewissen Grad erhalten, ist sehr schön; unsere Natur ricochettirt gleichsam alle Jahr einmal an solchem Orte, und reicht der Sprung auch nicht ganz aus, so ist doch wenigstens etwas gewonnen. In Baden wünscht ich auch wohl an Ihrer Seite zu wallfahrten, die Gegend muß sehr schön und auch geologisch höchst merkwürdig seyn, wie aus einer Charte von Gimbernat ersehen habe. Von persönlichen Abenteuern wußte Kanzler v. Müller viel zu erzählen. Möge uns beiden die abermalige Wallfahrt Glück bringen und eine höchst wünschenswerthe Zusammenkunft einleiten. In der Hälfte Septembers glaub ich wieder zu Hause zu seyn, wo Sie Großen und Kleinen durch Ihre theure Gegenwart die höchste Freude bringen werden. Vor meiner Abreise noch ein Lebenszeichen.

treulichst

Weimar den 11. Juni 1823

J. W. v. Goethe.[76]


27/61


An Christian Ernst Friedrich Weller

Hiebey, mein guter Doctor, die autorisierten Quittungen; wegen des Humboldistischen Werkes wird nachgefragt und das Weitere nächstens vermeldet.

Nun einen kleinen Auftrag, den mir nächstens zu besorgen bitte. Ein junger Mann, der sich in Jena einige Zeit aufzuhalten denkt und wohlfeil zu leben wünscht, fragt an, was er auf ein Vierteljahr nothwendig auszugeben brauche? Ich würde Ihnen solchen zuschicken mit dem Ersuchen ihn einzurichten, da ich Ursache habe mich für ihn zu interessiren und ihm allenfalls nachzuhelfen. Wollen Sie mir mit den Freytags-Boten hierüber Nachricht geben, auch von dem, was allenfalls zu beobachten ist, damit er ordnungsgemäß und ruhig daselbst verharren könne.

Grüßen Sie Herrn v. Knebel schönstens, sein letzter Besuch hat gar manches freundliche Gute bey uns aufgeregt; man sollte öfter, und wär es nur auf einige Stunden, eine Zusammenkunft veranstalten.

Leider bereit ich mich schon wieder nach Marienbad zu gehen. Die Sorge, die uns unsere unschätzbare Fürstin diese Tage her wieder gemacht, klärt sich auch wieder auf.

Leben Sie recht wohl und grüßen alles.

Weimar den 11. Juni 1823.

G.[77]


37/62.


An Johann Friedrich Cotta

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

verfehle nicht durch Gegenwärtiges zu vermelden, daß an Herrn Johann Friedrich Mayer, Königlich Spanischen pensionirten Bergwerks-Director zu Gengenbach eine Anweisung auf 25 fl. 12 Kreuzer Rheinisch unter dem heutigen Datum ausgestellt, welche gefälligst zu honoriren und mir zur Last zu schreiben bitte.

Der ich mit besonderer Hochachtung die Ehre habe mich zu unterzeichnen.

Weimar den 13. Juni 1823.


37/63.


An Johann Friedrich Mayer

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

verfehle nicht anzuzeigen, daß die Sendung von Mineralien am gestrigen Tage glücklich angekommen, die Stufen frisch und gut, auch von mäßigen Preisen gefunden worden. Wenn ich sie nun Liebhabern vorlege, so wird es darauf ankommen, ähnliche Bestellungen zu machen. Ich lege eine Anweisung auf die J. G. v. Cottaische Buchhandlung in Stuttgart von 25 fl. 12 Kreuzer Rheinisch bey, welche einzucassiren keine Schwierigkeiten haben wird. Den Avisbrief habe hinzugefügt, um das Geschäft zu erleichtern.

[78] Der ich das Beste wünschend mich zum geneigten Andenken empfehle.

Weimar den 13. Juni 1823.


37/64.


An Christian Gottfried Daniel Neesvon Esenbeck

Allerdings habe ich der Parze großen Dank abzustatten, daß sie mich, nicht etwa nur wie den Protesilaus auf Eine vergnügliche Nacht, sondern auf Wochen und Tage beurlaubt hat, um das Angenehmste, was dem Menschen begegnen kann, mit Heiterkeit zu genießen. Durch wohlwollende, einsichtige, vollkommen unterrichtete Männer sey ich mich günstig geschildert und zwar so recht durch und durch erkannt und aufgefaßt, mit Neigung das Gute, mit Schonung das Bedenkliche dargestellt; ein ehrwürdiges Beyspiel, wie Scharf- und Tiefblick, mit Wohlwollen verbunden, durch Beyfall wie durch Bedingen, Warnen, Berichtigen sogleich zur lebendigsten Förderniß behülflich sind.

Bekenn ich jedoch: es hat etwas Apprehensives, wenn das, was wir leidenschaftlich wollten und allenfalls leisteten, als Bilderreihe, wie Banquos Könige, an uns vorüber zieht; die Vergangenheit wird lebendig, und stellt sich uns dar, wie wir sie selbst niemals gewahr werden konnten. Dießmal freylich nicht als leere Schattenumrisse, sondern scharf in allen Theilen ergriffen und ausgeführt.

[79] Hiebey muß ich jedoch bemerken, daß jene höchst schätzenswerthe ehrenvolle Schilderung erst nur im Allgemeinen und von ferne betrachtet worden; ich nehme sie mit in die böhmischen Bäder, um mich daran zu prüfen und zu erbauen. Schon jetzt aber, durch so freundliche Forderungen angeregt, fühl ich mich sehr geneigt, manches Frühere wieder aufzunehmen, das mir, als zerstückelt, nirgend wo sich anzuschließen schien, nun aber, nach solcher mir gegebenen Übersicht, gar wohl sein Plätzchen finden wird.

Ferner ist in mir, soviel Übereinstimmung und Billigung, das, was mich im Stillen oft beunruhigt, abermals rege geworden, daß ich nämlich bey'm Bilden der Erdoberfläche dem Feuer nicht soviel, Einfluß zugestehn kann, als gegenwärtig von der ganzen naturforschenden Welt geschieht. Ich prüfe mich schon längst und glaube die Ursache darin zu finden: daß bis jetzt keine leitende Idee in mir aufgegangen ist, die mich durch dieses Labyrinth hindurch zu führen und ein der höheren Anschauung correspondierendes Wahre mir zu entwickeln vermocht hätte. Ungesäumt werd ich also das angeführte Werk vor die Hand nehmen, damit zu guter Stunde mir endlich Befriedigung und Friede gegönnt sey.

Zu allem, was ich Ihnen und Ihren Freunden bisher schuldig geworden, wäre alsdann der Schlußstein gefunden, und ich würde nur desto freudiger fortfahren,[80] durch thätigste Theilnahme das viele fördernde Gute einigermaßen dankbar zu erwidern.

treulichst verbündet

Weimar den 13. Juni 1823.

J. W. v. Goethe.


37/65.


An Carl Friedrich Ernst Frommann

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

erhalten hiebey zwey Kupfer in Octav und eins in Querfolio, von jedem 550 Stück Abdrücke.

a) Zur Morphologie, kleine Muscheln und Schnecken vorstellend, gegenüber von Seite 17.

b) Zur Naturwissenschaft, den Tempel von Puzzuol vorstellend, zu Seite 79.

c) Eine meteorologische Tabelle, ganz am Ende einzuheften, gebrochen, wie es das Format erheischt.

Die auf dem folgenden Blatte verzeichneten Auslagen kann ich Herrn v. Cotta auf seine Rechnung schreiben, wenn Sie mir solche nicht lieber wie bisher vergüten wollen.

Wegen Abschluß der beiden Hefte ergibt sich wohl das Nähere noch vor meiner Abreise, die zu Ende dieses Monats wohl erfolgen wird.

Die oben angezeigten Paquete haben wir wegen bedrohlichem Gewitter zurück gehalten, und sollen solche mit nächster fahrender Post nachfolgen.

Weimar den 14. Juni 1823.[81]


37/66.


An Christian Gottlob Frege und Comp.

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

verfehle nicht anzuzeigen, daß ich unter dem heutigen Datum an den hiesigen Banquier Julius Elkan eine Anweisung von achthundert Thaler Sächsisch abgegeben, welche gefällig zu honorieren und der J. G. v. Cottaischen Buchhandlung zu notiren bitte.

Mich vor meiner abermaligen Reise nach den böhmischen Bädern Ew. Wohlgeboren geneigten Theilnahme und Andenken bestens empfehlend

Weimar den 16. Juni 1823.


37/67.


An Christian Ernst Friedrich Weller

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

überbringt Gegenwärtiges der junge Eckermann, ein gar feiner und stiller Jüngling; er wünscht sich ein Vierteljahr in Jena aufzuhalten, und Sie werden die Gefälligkeit haben für seine Einrichtung Sorge zu tragen.

Damit er auch ruhig und ordnungsgemäß in Jena verweilen könne, so würden Sie in meinem Namen den Herrn Universitäts-Amtmann Doctor v. Gohren und vielleicht auch Herrn Consistorialrath Gruner mit dem freundlichsten Ersuchen begrüßen, genanntem[82] Eckermann die polizeiyliche Erlaubniß auf ein Vierteljahr ruhigen Aufenthalts in Jena zu ertheilen, welches dankbar erkennen werde.

Das Weitere mündlich, entweder in Jena oder hier vor dem 24. Juni.

Weimar den 17. Juni 1823.


37/68.


An Nikolaus Meyer

Von dem Antheil, den Sie an meiner Krankheit und Wiedergenesung nehmen würden, war ich völlig überzeugt; um so angenehmer ist mir die Versicherung desselben, so wie das gefällig Gesendete. Das Sonntagsblatt, ganz Ihrer Gegend angemessen, den nächsten Wünschen des Publicums zuvorkommend mancherlei Nützliches, Angenehmes, Unterhaltendes beibringen, mußte viel Theilnahme erregen, wodurch denn auch die Fortsetzung möglich ward. Sie werden immer so fortfahren und des Beyfalls versichert bleiben. Ich habe selbst gar manches darin gefunden, was ich mir anmerken und benutzen konnte.

Die Unannehmlichkeit, die Ihnen begegnet, hat so doch, wie ich sehe gute Früchte getragen; der geschnittene Stein ist allerdings interessant aus der römischen, obgleich späteren Zeit, gewiß aber nach einem ältern guten Muster gearbeitet; es stellt sich darauf die Medea vor, die der gefährlichen, vom[83] Baume herunter sich neigenden Schlange den Schlaftrunk vorhält, auf der andern Seite steht Jason, das goldne Vließ, von dem man nur das Haupt sieht, herunterzunehmen. Die Behandlung ist zwar etwas roh, doch geistreich.

Das Hogarthische Bild ist gut genug gedacht und lebhaft entworfen, doch finden sich gegenwärtig bey uns keine eigentliche Liebhaber dieser Kunstart.

Die mitgetheilte Erzählung ist sehr brav, dem Geist und Sinne der Zeitgemäß, worin sie gedichtet worden, so wie auch der alte Contract für höchst schätzenswerth zu achten ist.

Den Originalbrief des Herrn Bischof Münter lege ich in meine Sammlung; von mehreren bedeutenden Mitlebenden würde mir die Handschrift gleichfalls angenehm seyn.

Daß Ihre liebe Gattin noch als Mutter die Zierde jedes Kreises bleiben würde, ließ sich voraussetzen. Grüßen Sie solche schönstens mit Erinnerung an die guten Weimar-Jenaischen Stunden.

Sie wenden Ihre Zeit gut an, deswegen wird Ihnen so manches zu leisten möglich. Möge Ihnen dieß Glück noch lange gegönnt seyn.

Auch Ihrer Sammlungen erfreuen Sie sich immer mehr, denn würdige Gegenstände, die wir besitzen, haben die schöne Eigenschaft, daß die Freude daran sich mit den Jahren verdoppelt.

Was mich betrifft, so habe ich mich wieder in den[84] alten Gang einzuleiten gesucht, der durch eine so unerwartete Krankheit unterbrochen war. Möge das Resultat meiner Bemühungen, wie es öffentlich er scheint, auch Ihrer fortdauernden Theilnahme gewiß bleiben.

aufrichtig theilnehmend

Weimar den 18. Juni 1823.

J. W. v. Goethe.


37/69.


An Kaspar von Sternberg

Der sechs und zwanzigste Februar, als Datum des ehrenvollen mir zugewandten Diploms mußte mir höchst rührend seyn, da ich mich aus den Bülletins der Ärzte genugsam überzeugt hatte, daß gerade an demselben Tage die rückkehrende Hoffnung eines neuen Lebens eintrat. Wie bedeutend werden nicht solche Zufälligkeiten! und wie schön ist's, wenn wahrhafte Neigung und wechselseitig durchdringende Kenntniß des Charakters und des Bestrebens sie wohlwollend herbeyführen.

Den ausgezeichnet erfreulich-gewichtigen Brief hätte ich schon längst dankbar erwidert, wäre das neue Heft Kunst und Alterthum zur rechten Zeit fertig geworden; wie die Sache jetzt steht, glaube ich es selbst erst mit nach Böhmen bringen zu können.

Und so find ich denn unmittelbaren Anlaß zu melden, daß mein gnädigster Herr, der Großherzog,[85] im Begriff steht, nach Marienbad abzugehen, wohin ich ihm bald zu folgen gedenke; wir hoffen, daß einige krankhafte Anzeigen, die sich in diesen Tagen bey unserer unschätzbaren Großherzogin bemerken ließen, diesem löblichen und von den Ärzten als nothwendig ausgesprochenen Vorhaben nicht hinderlich seyn werden.

Was aber die Wünsche der zu der geistlichen Heilquelle Wallfahrtenden für einen Inhalt haben, darf ich wohl nicht mit Worten aussprechen. Möchten Sie dieser leisen Andeutung eine günstige Auslegung verleihen.

In dem nächsten Hefte zur Morphologie, welches freylich auch schon fertig seyn sollte, vielleicht aber auch von mir mitgebracht wird, empfehle einen Aufsatz von Ernst Meyer, geschrieben auf meine vorgedruckte Veranlassung. Er Bewegt sich um einen wichtigen Punct, der zur Erörterung reif ist; auch ein junger Botaniker, Doctor C. H. Schulz, Privatdocent in Berlin, von dessen Werke Die Natur der lebendigen Pflanzen ich nur einzelne Auszüge gesehen, dringt gleichfalls auf denselbigen. Man sieht, wie bey dem Vorstreben des menschlichen Geistes gewisse Ideen aller Orte reif werden und hervortreten.

Dürft ich wohl hoffen, Verehrtester, daß Sie mir zum nächsten morphologischen Hefte auch einen freundlichen Beytrag gäben? ich würd bitten, daß es ein Commentar wäre zu einer Stelle Ihrer gehaltreichen[86] Rede und zwar zu pag. 47 von lin. 11 bis pag. 48, lin. 10; ich wünsche mir selbst eine reine Übersicht, die Sie alleine geben können, da Ihnen das Einzelne so gründlich gegenwärtig ist.

Hier nur eine Vorfrage: wo gehören die in der Gegend von Falkenau sich häufig vorfindenden Pflanzenabdrücke in Sandstein hin? Ich glaube den Wegbreit und Buchen-ähnliche Blätter darin zu entdecken.

Von welcher Gegend hat der Pläner Kalk seinen Namen? und wär es wohl thunlich, auch uns einige Abdrücken davon mitzutheilen? Durch Ihre Güte besitzen wir nun das Älteste dieser Art. Sollten denn auch die Ilmenauer dahin zu rechnen seyn? in denen wir nur Farrenkräuter, Rohrstengel und Blätter bisher gewonnen haben. So manches Andere, was Sie mit anzukündigen die Güte haben, gibt mir schöne Aussichten in einem Fache, von dem ich mich nun einmal nicht lossagen kann.

Geheimerath v. Leonhard sendet mir die Aushängebogen seines Werks Charakteristik der Felsarten; ich danke ihm diese Freundlichkeit gar sehr, denn wenn es wird fertig seyn, so muß man sich zu einer so überschwänglichen Erfahrungsmasse ganz neu wieder einrichten. Der Geist hat denn doch nur einen gewissen Grad von Fassungskraft; was sich in das Nichtzuunterscheidende hinbewegt, hört auf begreiflich zu seyn. Indessen freut mich's, daß meine vieljährigen redlichen Bemühungen mich doch in den Stand setzen,[87] in diese sich immer erneuende und erweiternde Welt mit hineinzusehen.

Ein junger Genfer Namens Soret, der sich schon durch mancherley Aufsätze in der Bibliothèque universelle bekannt gemacht und gegenwärtig unserem jungen Prinzen beygegeben ist, waltet in der neusten crystallographisch und chemisch bestimmenden Erd- und Steinkunde frisch und bequem und ist mir, wie außer dem in andern Rücksichten, ein sehr angenehmer Nachbar und Gesellschafter.

Wie doch das Herkömmliche, schon lange Zeit Bekannte, sich nach und nach möglichst Entwickelnde und Erweiternde freundlich zusagt, habe ich erst jetzt wieder erfahren an der zweyten Ausgabe der Mineralogie von Cleaveland in Boston; er hat in Freiberg studirt, viel gereist und durch ausgebreitete Verhältnisse von allem Neuentdeckten und Neubesprochenen Kenntniß genommen. Es ist noch der alte Grund und Boden, auf dem man wandelt, der nicht jeden Augenblick mit uns auf- oder niederzugehen droht; und doch findet man das Werk vorschreitend und bis auf die neusten Zeiten hinlänglich; und so muß man sich zwischen Bestehen und Umwälzen hinhalten.

Die Jenaische Literatur-Zeitung begünstigt meine naturhistorischen Arbeiten durch eine gründliche Recension, die mich aber freylich wieder zu neuer Mühe verpflichtet. Sich genau gekannt, das Haltbare gebilligt, das Bedenkliche bemerkt zu sehen, fordert zu[88] besonderer Prüfung auf, welche jedoch anzustellen meine Jahre so wie meine Zustände geeignet und geneigt sind.

Die Bohrversuche wurden auch in unserer Gegend vorgenommen; doch scheinen sie in der neuern Zeit zu stocken. Bey Gera ging man sehr tief in den bunten Sandstein; etwa drey, vier Stunden von Weimar in der Fläche hinter dem Ettersberg machte man die Probe auf einem verlassenen früheren Versuch. Glenck sprach vor einiger Zeit bey mir ein und sagte mir zu, durch seinen Sohn, den er in der Gegend ließ, von Zeit zu Zeit Nachricht zu geben; dieser blieb aus, und da die Sache unmittelbar befohlen und eingeleitet worden, so konnt ich bey keiner Behörde Nachricht erhalten. Sonstige allenfallsigen Erfolg, auch meine Gedanken darüber theile nächstens mit. Im Geognostischen schaffen uns diese Unternehmungen manche Klarheit und müssen im Einzelnen gewiß Vortheil bringen.

Noch gar manches hätte zu sagen und zu erwidern, möge dieß in Böhmen mündlich geschehen. Auf alle Fälle melde die Ankunft in Marienbad sogleich, wenn auch nur mit wenig Worten. Tausendmal mich freundlichem Andenken empfehlend.

treu verbündet

Weimar den 20. Juni 1823.

J. W. v. Goethe.


Vorläufig erbitte mir eine geneigte Aufnahme des Wenigen, was ich über die Gesellschaft des vaterländischen[89] Museums in meinem letzten Hefte geäußert, welches leider auch noch nicht typographisch abgeschlossen ist.

G.


37/70.


An Carl Franz Anton von Schreibers

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

höchst freundlichen Antheils war versichert, als ich nach kurzen, aber schweren Leiden wieder in die Welt zurück trat und sogleich in Sorgen wegen unserer verehrtesten Großherzogin mehrere Tage schweben mußte; es waren trübe Wochen, die sich nach und nach aufklärten. Nehmen Sie meinen herzlichsten Dank zugleich auch für die warnende Vorsorge! Glauben Sie der Versicherung, daß ich nicht mehr arbeite, als nöthig ist, um Tag und Stunden mit einigem Interesse hinzubringen.

Die übersendeten Bücher sind, glücklich angekommen, und ich verfehle nicht, sie Serenissimo bey Höchst Ihro Rückkunft schuldigst vorzulegen. Gegenwärtig ist der Hof in Wilhelmsthal, wo sich unsere verehrteste Frau Großherzogin von harten Leiden völlig zu erholen hoffen kann.

Herr v. Froriep dankt zum schönsten für das übersendete Exemplar der brasilianischen Nachrichten; auch mir waren sie höchst angenehm, sodaß ich sie von Anfang bis zum Ende fleißig durchgelesen. Darf[90] ich wohl bitten, mich bey diesem Anlasse Herrn Doctor Pohl bestens zu empfehlen? Ich hatte das Glück, bey seiner Durchreise durch Eger, obgleich nur auf wenige Stunden, ihn zu begrüßen und höchlich zu schätzen.

Die Seite 111 und 112 der brasilianischen Nachrichten verzeichneten Mineralien wünschte freylich in vollständiger Reihe zu sehen und mich Ew. Hochwohlgeboren belehrender Erklärung dabey zu erfreuen; einiges ist mir durch Herrn v. Eschwege bekannt geworden, vielleicht daß, wie schon früher durch Ihre Güte geschehen, irgend eine Einzelnheit auch zu uns gelangen könnte.

Worum ich aber förmlich zu bitten wagen, ist um einige Musterstücke des Seite 113 gemeldeten Sandsteins, welchen Herr v. Eschwege Itakolumit benannt hat, worin sich denn auch der biegsame Sandstein, lagerweise, findet. Von dieser letzten Abänderung besitzen wir einige hübsche Stücke; allein mein Wunsch wäre, von dem Sandstein, der noch nicht biegsam ist, besonders da, wo er grobkörnig wird, ja sogar größere, pistazienähnliche, spindelförmige Quarzkörner in sich schließt, einige Stücke zu erhalten. Ich bin auf der Spur, ein gleiches oder ähnliches Gestein in Deutschland zu entdecken, und würde später nicht verfehlen, wenn es gelingt, Musterstücke zu übersenden.

Mit aufmerksamer Erwartung sehe ich allem dem entgegen, was Sie uns von jenen großen Unternehmungen[91] als Ausbeute versprachen. Wie ich denn schließlich die Erhaltung Ihrer höchst schätzbaren Gewogenheit mir angelegentlichst erbitte, auch den Wunsch hinzufüge, daß es mir nur einigermaßen gelingen könne, irgend etwas Gefälliges gegen so vieles Freundliche leisten zu können.

Weimar den 22. Juni 1823.


37/71.


An Wilhelm von Humboldt

Ihr Brief, theurer verehrter Freund, kam zur merkwürdigen Stunde, die ihn doppelt interessant macht; eben waren die Schillerschen Briefe gesammelt und ich betrachte sie vom Anfang durch, und da find ich denn die schönsten Spuren unseres glücklichen und fruchtbaren Zusammenseyns. Die Einladung zu den Horen macht den Anfang mit einem Schreiben vom 13. Juni 1794. Da es denn so weiter fortgeht und sich mit jedem Briefe die Verehrung des außerordentlichen Geistes, die Freude über dessen Einwirkung auf unsere Gesammtbildung steigert und erhöht. Seine Briefe sind ein unendlicher Schatz, dergleichen Sie auch reichlich besitzen; und wie man durch sie bedeutend vorwärts gekommen, so muß man sie wieder lesen, um vor Rückschritten bewahrt zu seyn, wozu uns die liebe Umwelt täglich und stündlich einzuladen geneigt ist.

[92] Denken Sie sich nun selbst, mein Werthester, wie höchst willkommen Ihre Anmeldung mir in diesem Augenblicke erscheint, worauf ich denn nach reiflichem Nachdenken freundlichst rathen wollte, gegen Ende Octobers bey uns einzutreffen. Sollten die Götter nicht anders über uns disponiren so finden Sie mich, und was Ihnen sonst lieb und werth ist, gewiß allhier versammelt; stille vertrauliche Communication kann mit geselligen Unterhaltungen gar anmuthig abwechseln, und wir erfreuen uns vor allen Dingen eben an dem Schillerschen Briefwechsel, da Sie denn auch von Ihrer Seite einige Jahrgänge mitbringen und wir in fruchtreicher Gegenwart uns an den früheren schönen Blüthen auf's neue auferbauen und erquicken können. Riemer empfielt sich auf's dringendste, es geht ihm gut, unser Verhältniß [ist] bleibend, wechselseitig, förderlich und nützlich. Hofrath Meyer ist nach Wiesbaden abgereist, seine Gesundheit ist leider nicht die beste.

Zwey neue Hefte, zu Kunst und Alterthum und zur Naturwissenschaft, sind im Begriff zu erscheinen; die Früchte meiner Winterbeschäftigung. Sie waren glücklicherweise so sorgfältig eingeleitet, daß meine Übel und die darauf folgende Krankheit unserer Frau Großherzogin, die uns alle, besonders aber er mich Wiedergenesenden in Furcht und Sorge setzte, kein bedeutendes Hinderniß entgegenstellen.

Darf ich mich Ihrer Frau Gemahlin bestens empfohlen[93] wissen, wobey ich nicht zu versichern brauche, daß Sie gewiß auch unseren gnädigsten Herrschaften höchst willkommen seyn werden. In meiner Häuslichkeit entgegnen Ihnen Kinder und Enkel mit fröhlichen Gesichtern, die nächsten Freunde versammeln wir nach Wunsch. Mögen Sie mir in der Zwischenzeit etwas vermelden, so bitte solches hieher unter meiner Adresse, da es mir denn jedesmal baldigst zukommen wird.

Und nun empfehle ich mich Ihrer theuren Frau Gemahlin zum allerbesten, möge das Glück mich unter diesen Umständen auch wieder einmal an ihre Seite bringen. Verzeihung einer etwas zerstreuten uns auf's Einpacken deutenden Schreibart.

Weimar den 22. Juni 1823.

G.


37/72.


An Carl Ludwig von Knebel

Zuvörderst also, mein Theuerster, muß ich Glück wünschen, daß es unserm Carl so wohl geht; für ihn war freylich nicht zu sorgen, er hat eine Art und Weise, die überall gefällt und Eingang findet. Wenn der Begleitete sich so gut hält als der Begleiter, so werden wir uns des Unternehmens freuen können; es ist keine Kleinigkeit, in solcher Jugend und bey so gesetztem Wesen diese weite herrliche Welt zu beschauen. Ich freue mich auch von ihm zu hören, daß die Engländer meiner im Guten gedenken.

[94] Der Brief des wohlgesinnten und wohlmeynend-beschäftigten hallischen Freundes liegt hier bey; grüß ihn schönstens und melde, daß er in diesen Tagen ein Schreiben mit einigem Beytrag zu seinen Endzwecken erhalten wird.

Heute geht ein gar feiner junger Mann von hier ab, mit Namen Eckermann, den du gewiß freundlich aufnehmen wirst. Er denkt sich ein Vierteljahr in Jena aufzuhalten, ist aus Niedersachsen gebürtig, kennt die deutsche Literatur und hat zu meinen Arbeiten besondere Neigung und Vertrauen. Er wird dir von Zeit zu Zeit eine angenehme Unterhaltung geben. Ich bereite mich zu meiner Abreise, welches mir dießmal besonders viel zu schaffen gibt; denn gar manches durch unsere Winter- und Frühjahrsübel Retardirte mußte nachgeholt werden.

Daß du auf's Tiefurter Thal verzichtest, freut mich zu hören; denn, wie ich den dortigen Zustand kenne, so wärst du in die größte Abhängigkeit geraten. Frühstück, Abendbrod, Nachtball folgen einander, vor welchen Überfreuden du dich nicht leicht hättest retten können. Ich sage dieß um den Entschluß zur Aufopferung auch noch hinterdrein zu billigen.

Unsere gnädigsten Herrschaften, vom Regen gar übel begleitet und empfangen, sind doch sämmtlich guten Muths und werden vom steigenden Barometer gar sehr ergötzt seyn.

[95] Unser gute Hofrath Meyer, nach Wiesbaden reisend, ward in Gotha durch ein bedenkliches Übel festgehalten, gerade zu der Zeit, als die Herrschaft durchging. Soret und Huschke konnte sich bey dieser Gelegenheit sehr freundlich und hülfreich erweisen; der erste blieb bey ihm zur Wartung, der andere kehrte gleich von Wilhelmsthal zurück. Ein entschlossener Arzt, Hofrath Dorl, hat ihn gut behandelt, doch setzt er seine Reise nicht fort und kehrt in diesen Tagen hierher zurück. Es ist für unsern kleinen Zirkel dießmal ein sehr unfreundliches Jahr.

Meine beiden Hefte retardirten sich, nicht ganz ohne meine Schuld, ob ich sie gleich mit andern theile; wenn du sie erhälst, wirf ihnen einen freundlichen Blick zu. Von den nächsten vier Wochen wollen wir das Beste hoffen, das sich denn doch nicht voraussehen, noch weniger sagen läßt. Mögen die Übel, die dich und die Deinigen ergriffen haben, wo nicht schon jetzt, doch bald vorüber seyn! Kaum werde ich, zu Ende der Woche durch Jena durchgehend, dich auf einen Augenblick besuchen können; durch die mittwochischen Boten würde noch etwas an mich gelangen; muntere Wellern auf, daß er mir irgend ein Wort sagt.

Tausend Freundliches zum Abschied.

dein

Weimar den 22. Juni 1823.

G.[96]


37/73.


An Johann Georg Lenz

Da sich die erste Hälfte des Jahrs so trefflich gehalten hat und so manches Gute Ihrer schönen Anstalt zufloß, so wünsche das Gleiche vom längsten bis zum kürzesten Tag.

Bey meiner Rückkehr von Marienbad, wohin abzugehen ich mich bereite, lebe der Hoffnung, Sie gesund, froh und neu begabt wieder zu finden. Gedenken Sie mein, ich hoffe dießmal auch mit einer böhmischen Suite meine Theilnahme bezeugen zu können.

ergebenst

Weimar den 22. Juni 1823.

J. W. v. Goethe.


37/74.


An Johann Carl Wesselhöft

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

begrüße vor meiner nächst instehenden Abreise nochmals zum freundlichsten, mit dem Wunsch durch rückkehrenden Boten Folgendes zu erhalten.

a) Die Revision beykommenden Bogens G. nochmals und zwar in Duplo.

b) Nachricht, ob zu dem Bogen H noch einige Columnen nöthig seyen?

c) Gleiche Nachricht, ob ich etwa den Bogen H Mittwochs durch die Boten erhalten könnte? Der Umschlag würde sodann gleich mit kommen.

[97] d) Ferner wünsche die Exemplare Schreibpapier von Kunst und Alterthum, die mir noch bestimmt sind, auch ungeheftet, durch den Boten zu erhalten.

Der ich mich zu geneigtem Andenken bestens empfehle.

Weimar den 22. Juni 1823.


e) Bemerke, daß die mir zukommenden Exemplare von Morphologie etc., wenn sie in Ordnung und geheftet sind unter meiner Adresse anher zu senden seyen.


37/75.


An den Großherzog Carl August

[Concept.]

Ew. Königliche Hoheit

hoffe nach Höchst Dero glücklicher Rückkehr, sowie nach wohl vollbrachter weiterer Fahrt, auf geistlichem Grund und Boden ehrerbietigst zu begrüßen. Möge das Wetter günstig seyn und alles Ihro getreuen Dieners eifrigen Wünschen vollkommen entsprechen.

Anbey erfolgt:


1) Im Auftrag des Directors v. Schreibers ein Paquet Trattinick'cher Flora.

2) Nachrichten aus Brasilien.

3) Samen-Verzeichnis zum Tausch angeboten.

Ferner

4) Elektromagnetische Versuche in Auftrag von Doctor Julius v. Yelin, aus München.

23. Juni 1823.[98]


37/76.


An Christoph Ludwig Friedrich Schultz

Das bis auf den letzten Augenblick meiner Abreise verspätete Heft zu übersenden ist meine letzte Pflicht in Weimar. Möge es den Freunden zu einiger Unterhaltung dienen und mich ihnen vergägenwärtigen, wie sie mir nahe waren, als ich es theilweise verfaßte und im Ganzen redigirte. Mehr ist mir nicht erlaubt zu sagen; die treusten Wünsche begleiten diese Sendung.

Von Marienbad hoffentlich ein mehreres. Mögen Sie gelegentlich Herrn C. H. Schultz für die Übersendung seines Werkes den schönsten Dank abtragen, es reist mit mir nach Böhmen. Gar vieles noch schwebt mir im Sinne, aber es kann sich dießmal nicht loswickeln.

Tausend Lebewohl

Weimar den [25.] Juni 1823.

G.


37/77.


An Carl Ludwig von Knebel

Das bis auf den letzten Augenblick meiner Abreise verspätete Heft zu übersenden ist meine letzte Pflicht in Weimar. Möge es den Freunden zu einiger Unterhaltung dienen und mich ihnen vergegenwärtigen, wie sie mir nahe waren, als ich es theilweise verfaßte und im Ganzen redigirte. Mehr ist[99] mir nicht erlaubt zu sagen; die treusten Wünsche begleiteten diese Sendung.

Und doch setzte noch Folgendes kürzlich hinzu: leider mußt ich mich so einrichten, daß ich bey'm Durchfahren dich nicht besuchen kann. Herrn Professor Göttling grüße zum schönsten und gib ihm das Inliegende; es enthält auch ein kleines Honorar, womit ich ihn zufrieden wünsche.

Möge dein Hauskreuz sich bald wenden! Grüße Wellern, dank ihm für die Vorsorge für Eckermann, den du wohl auch schon wirst freundlich empfangen und werth geschätzt haben. Vieler Drang beunruhigt mich vor der Abreise. Deshalb nichts weiter als Wiederholung aufrichtiger Wünsche und bester Hoffnung.

Hofrath Meyer erwarte von Gotha zurück; er ist außer Gefahr, aber kann die Reise nicht fortsetzen. Und so geht in diesem Moment Erfreuliches und Unerfreuliches durch einander, wodurch mir, wie ich nicht läugnen will, doch etwas schwirbelig wird.

Lebe und liebe.

Weimar den 25. Juni 1823.

G.


37/78.


An Johann Salomo Christoph Schweigger

[Concept.]

[25. Juni 1823.]

Ew. Wohlgeboren

ununterbrochene Sendung der schätzbaren Hefte des Jahrbuchs für Chemie und Physik, so wie die neuliche[100] durch Herrn Major v. Knebel sind mir günstige Winke, daß Sie mir noch immer mit Neigung zugethan bleiben, ob ich gleich das Lob eines fleißigen Correspondenten nicht verdiene. Empfangen Sie deshalb vor meiner Abreise nach Böhmen die Versicherung meines treuen Antheils und einen Beytrag zu Ihrem löblichen Unternehmen, wogegen ich mir ein näheres Verhältniß zu dem ehrwürdigen Verein erbitte. Empfehlen Sie mich allen Verbundenen und gedenken mein als eines, der, wo er sich auch aufhalte, niemals der Wissenschaft und seiner Freude vergessen werde.

Hochachtungsvoll mich unterzeichnend.

Weimar den 23. Juni 1823.


37/79.


An Friedrich Jacob Soret

In Erinnerung der großen Aufmerksamkeit und Sorgfalt, die Sie mir während meiner harten Krankheit erwiesen, in Betrachtung des erwünschten Beystandes, womit Sie Herrn Hofrath Meyer so theilnehmend beruhigt, ist Ihnen von schönen weiblichen Seelen der Name eines freundschaftlichen Genius unter heitern Lobeserhebungen ertheilt worden; wozu ich denn gern einstimme und auch von meiner Seite nichts mehr wünsche, als daß Sie zum wohlverdienten Lohn, nach einer glücklich vollbrachten Reise gesund[101] und froh wieder bey uns eintreffen mögen. Nehmen Sie zugleich meinen Dank für so manche Vermehrung meines naturwissenschaftlichen Besitzes, so wie für geneigte wissenschaftliche Aufklärung.

Lassen Sie mich in dem höchsten und hohen Kreise überall empfohlen seyn und erhalten mir ein wohlwollendes Andenken.

ergebenst

Weimar den 25. Juni 1823.

J. W. v. Goethe.


37/80.


An Carl Friedrich Ernst Frommann

Ew. Wohlgeboren

letztes Schreiben erschöpft das ganze bisherige Vornehmen, und ich habe daher in beykommender Sendung nur Geringes nachzuholen.

a) Die beiden Revisions-Bogen von G. und H. Naturwissenschaft.

b) Der Umschlag.

c) Ein Gedicht für die letzten beiden Columnen, Titel und zwey Strophen auf die erste Seite, zwey Strophen auf die zweyte Seite zu bringen.

d) Von b und c Revision an Herrn Professor Riemer.

Was mir von Kunst und Alterthum noch zukommt, sowie auch von Morphologie und Naturwissenschaft, haben Sie die Güte, so wie schon verabredet, unter meiner Adresse hierher zu senden.

[102] Glück und Gedeihen den Heimischen und Wandernden in Hoffnung fröhlichen Wiedersehens und unwandelbarer wechselseitiger Freundschaft.

ergebenst

Weimar den 25. Juni 1823.

J. W. v. Goethe.


37/81.


An Carl Friedrich Zelter

Das bis auf den letzten Augenblick meiner Abreise verspätete Heft zu übersenden ist meine letzte Pflicht in Weimar. Möge es den Freunden zu einiger Unterhaltung dienen und mich ihnen vergägenwärtigen, wie sie mir nahe waren, als ich es theilweise verfaßte und im Ganzen redigirte. Mehr ist mir nicht erlaubt zu sagen; die treusten Wünsche begleiten diese Sendung.

Die gute Doris hat uns durch ihre Ankunft sehr erfreut und zweymal das Mittagessen mit uns zu nehmen beliebt. Auch die übrigen Frauenzimmer habe gesehen und bin durch mancherley Erzählungen in deine gegenwärtigen turbulenten Zustände versetzt worden. Mögest du meiner freundlich gedenken, bis ich wieder einmal zu mehr umständlicher Mittheilung Raum finde.

Tausend Lebewohl!

Weimar den 26. Juni 1823.

G.[103]


37/82.


An Carl Friedrich von Reinhard

Das bis auf den letzten Augenblick meiner Abreise verspätete Heft zu übersenden ist meine letzte Pflicht in Weimar. Möge dieß dem theuren Freunde zu einiger Unterhaltung dienen und mich ihm vergegenwärtigen, wie er mir nahe war, als ich es theilweise verfaßte und im Ganzen redigirte. Mehr ist mir nicht erlaubt zu sagen; die treusten Wünsche begleiten diese Sendung.

Vorstehendes war geschrieben, als eben der erquickliche Brief ankommt, im Augenblick der Abreise, daher ich dieses wahrhaft aus dem Stegreife vermelde, mit Vorbehalt bey meinem Eintritt in Böhmen so gleich mehr von mir hören zu lassen.

treu anhänglich

Weimar den 26. Juni 1823.

J. W. v. Goethe.


37/83.


An Josephine O'Donell

So eben in Eger angelangt, um nach Marienbad zu gehen, lasse ich beykommendes, schon in Weimar bereitetes Paquet auf der Post zurück. Möge es glücklich eintreffen und Sie meiner dabey freundlichst gedenken. Als ich durch Franzenbrunn fuhr, erinnerte ich mich der schönen Stunde, die ich daselbst mit[104] Ihnen zugebracht. Verzeihung des kurzen Schreibens für dießmal! Wenn Sie die verschiedenen Gegenden sehen, durch welche der Freund vormals wanderte, wenn Sie die gedichteten Zeilen lesen, womit er sie commentirt, so gedenken Sie der mancherlei wunderlichen Lebenspfade und bleiben mir freundlich gewogen. Zu völliger Wiederherstellung meiner Gesundheit, die sich ganz leidlich anläßt, sollen die böhmischen Bäder, hoffe ich, abermals das Ihrige wirken.

In treuer Anhänglichkeit verharrend.

treulichst

Eger den 30. Juni 1823.

J. W. v. Goethe.


37/84.


An Johann Wendelin Gradl

[Concept.]

[Eger, 30. Juni 1823.]

In Hoffnung Dieselben baldigst wiederzusehen danke verpflichtet für die mir gegebene Nachricht und bitte: eins von den offenen Quartieren gefälligst zu besprechen, auch mich zugleich bey des Herrn Prälaten Hochwürden Gnaden bestens zu entschuldigen, wenn ich das so geneigte als ehrenvolle erbieten dankbar abzulehnen mir die Freyheit nehme, da ich sonst zu gleicher Zeit Seiner Hochwürden beschwerlich zu fallen und mich selbst in einige Verlegenheit zu setzen fürchten müßte. Der ich mich Marienbad wieder zu sehen, das dießmal meinen gnädigsten Herrn bewirthet, doppelt[105] erfreue und die früheren angenehmen Tage abermals daselbst zu verleben hoffe.

Mit wiederholter Dankbarkeit, manches Andere auf nächste Zusammenkunft versparend.


37/85.


An August von Goethe

Donnerstag den 26. Juni 1823.

Weggefahren nach acht Uhr mit meinem Sohn von Jena wo ich einen Augenblick im botanischen Garten abgetreten war; um in Kahla.


Freytag den 27. ejd.

Um 6 Uhr kamen die Meinigen; von Kahla halb 9. Uhr abgefahren, es regnete stark; mein Sohn fuhr etwas früher wieder retour. Heiterte sich nach und nach wieder auf. Gegen 10 Uhr in Naschhausen, einige Augenblicke verweilt. Halb 1 Uhr in Pößneck. Hofrath Rehbein und Rath Haage kamen Abends halb 6 Uhr daselbst an. Einige an meiner Biographie vom Jahr 1822 schematisirt. Blieben zusammen im Gasthof.


Sonnabend den 28. ejd.

Um 6 Uhr ab von Pößneck. Rehbein und Haage eine Stunde früher. Zwischen Pößneck und Volkmannsdorf brach die Wage, welche jedoch sogleich durch eine junge Tanne ersetzt wurde. Es regnete fortwährend.[106] 11 Uhr in Schleiz. Rehbein und Haage eine Stunde früher eingetroffen. Wurde Mittag gehalten. Halb 5 Uhr in Gfell; sehr starker Regen. Ich ließ mir einige Eier sieden. Abends 7 Uhr in Hof. Es heiterte sich auf. Wohnte in der Post.


Sonntag den 29. ejd.

6 Uhr ab von Hof. Hofrath Rehbein und Rath Haage waren eine halbe Stunde früher abgefahren. Wetter leidlich, starker Südwest. Rehau gegen 9 Uhr, wurden einige Augenblicke verweilt. Auf der Höhe vor dem Rehauer Wald zeigten sich vorzüglich schöne Cumulus, 10 Uhr. Asch zwölf Uhr; begrüßte mich der Postmeister Langheinrich sehr freundlich. Wurde mir ein Gedicht gereicht von einem hiesigen Naturdichter, einem Mautbeamten, einem gar guten Manne von etwa 58 Jahren, den ich lange sprach und ihn durch mancherlei freundlich belehrende Worte erfreute. Hofrath Rehbein fuhr eine halbe Stunde früher ab, um Franzenbrunnen zu besuchen. Halb 3 Uhr ab von Asch. Sehr schönes Wetter. Nach 5 Uhr in Franzenbrunnen; einige Augenblicke gehalten. Um 6 Uhr Abends in Eger. In der Sonne logirt. Polizey-Rath Grüner besuchte mich sogleich. Die Luft hatte sich in reinen West gestellt.


Montag den 30. Juni.

Rath Grüner hat seit einem Jahre die wundervollsten Schritte in der Mineralogie gethan; das Lenzische[107] Compendium, das ich ihm schickte, hat er zum Grund gelegt und seine Sammlung, die schon sehr angewachsen ist, darnach geordnet. Auch andere Compendien hat er zur Vergleichung herbeygezogen; er übt sich in den äußeren Kennzeichen, welche durch die Augen zu erkennen sind, fügt hinzu Getast, Geruch und sonstiges Gefühl; hiermit nicht zufrieden bedient er sich der Reagentien, des Löthrohrs u.s.w. genug er hat die Sache so angegriffen wie ein tüchtiger Geschäftsmann, dem ein neues Fach anvertraut würde. Zugleich ist er unermüdet im Bergbesteigen und hat herrliche Sachen gefunden; Andalusiten so schön als die Thyroler crystallisiert und in Masse, Menilithe u.w.s. Von jedem schafft er viele Exemplare zusammen und fing schon an zu tauschen; die wohlverpackten Exemplare sendet er mit den Franzenbrunnener Krugfuhren, der Freund erhält sie frachtfrey und ist also verpflichtet, die Gegengabe auf gleiche Weise zu übersenden. Dabey hat er sich eine Tabelle der Fundorte gemacht und betrachtet die Badegäste als solche Freunde, die von den bezeichneten Orten ihm Gegenstände liefern, die ihnen vor der Thüre liegen. Man muß recht wissen, was zu einem Geschäft gehört, um es in kurzer Zeit auf diesen Grad zu bringen. Seine Leidenschaft für die Sache wird durch Bemühung und Gelingen nur noch mehr erhöht.

Der junge Fikentscher sprach bey mir ein im Vorbeygehen, da er seinen Vater in Marienbad abzuholen[108] gedenkt. Er fährt fort in fabrikmäßiger Thätigkeit und läßt dabey nicht ab, seine Naturstudien zu erweitern. Er nahm viel Theil an dem, was wir für Witterungskunde thun, und hat mir einigen Beystand und Aufschlüsse versprochen.


Eger den 1. Juli 1823

Da ich keine rechte Gewißheit wegen des Quartiers erhalten konnte, so hab ich Stadelmann mit der Equipage und Effecten nach Marienbad geschickt, damit er dort alles einleite, ordne und mich des unerfreulichen ersten Ankommens überhebe. Morgen fahr ich nach und trete ruhig und beruhigt ein. Gestern Abend fuhr ich mit Grünen gegen die bayerische Gränze, wo es mir in der freyen Luft bey unterhaltender Gegend gar wohl ward. Es schien, als wenn es mir unter'm 50. Grade wieder vaterländisch werden wollte. Möge es weiter so fort gehen und ich von euch allen vernehmen, daß es euch im gewöhnlichen Lebensgange leidlich behagt.

Nächstens das Weitere.

G.


Nun füge ich hinzu, daß dein Wunsch erfüllt werden kann; man hat mir eine Glasfabrik gerühmt, wel che alle Art von Glasgefäßen nach dem Muster ganz vortrefflich arbeitet. Schicke mit deshalb allsogleich die Muster unseres Bedürfnisses, wie sie bey den Acten sind und ich leider mitzunehmen vergessen[109] habe; sende sie mit der reitenden Post, adressirt an Herrn Rath Grüner.


Eger den 2. Juli 1823.

Der Kutscher kommt eben zurück und bringt mir Beykommendes von Stadelmann, es ist gerade das Quartier das ich gewünscht habe und so wollen wir denn mit diesem Anfang zufrieden seyn. Der Kutscher hat sich sehr gut gehalten, schenk ihm noch eine Kleinigkeit, die er wohl verdient. Der Herr kriegt einen Conventions-Thaler über den Accord, wir haben den Wagen einen Tag länger behalten.

Gestern besuchte mich Burgemeister Fickentscher von Redwitz, welcher gerade mit meinen Übeln behaftet dahin ging und zufrieden zurückkehrt. Sogar ein offener Schaden am Fuße ward geheilt. Und so will ich denn mit besserem Muthe vorwärts, umsomehr als ich mich ungleich besser befinde.

Heute Mittag geh ich ab mit einer leichten Chaise, der Weg dorthin, hör ich, ist gut das Wetter läßt sich leidlich an. Überhaupt betrachte nur das Barometer weiter fleißig, so kannst du ungefähr wissen, wie es bey uns aussieht. Nun lebe wohl, grüße Frauen und Kinder und laß mich bald einiges vernehmen.

G.[110]


37/86.


An Johann Heinrich Meyer

[Eger, 2. Juli 1823.]

Ich darf Ihnen, mein Theuerster, nicht mit Worten aussprechen, wie sehr mich Ihr Unfall geschmerzt und bekümmert hat; glücklicherweise gelang täglich einigemal Nachricht von Ihrem Befinden zu mir und zwar von Stunde zu Stunde bessere, und ich wäre auch beruhigt von dannen geschieden, hätt ich Sie nur noch erwarten können; aber ich ward zu meiner ohnehin verspäteten Reise endlich genöthigt und hoffe nun sehnlich auf einige Worte von Ihnen, unmittelbar oder durch meinen Sohn.

Bey meiner Abreise befand ich mich nicht zum besten und wünschte mich wieder nach Hause, besonders da der zweyte Tag kalt, regnig und ungestüm war. Jetzt steht es mit mir und dem Himmel besser, möge die Folge gleichfalls günstig seyn und ich vernehmen, daß Sie sich nach und nach wieder möglichst herstellen.

Und so in Hoffen und Erwarten

herzlich theilnehmend

Eger den 1. Juli 1823.

G.[111]


37/87.


An Joseph Sebastian Grüner

[Concept.]

Mit vielem Dank für baldige Besorgung vermelde, daß ich glücklich hier angekommen und wohl logirt bin. Die verlangte Adresse ist:

An Herrn

Herrn Haage

Ritter und Großherzoglich Sächsischen Rath

Wohlgeboren

Marienbad.

Eilig, das Beste wünschend, für vieles Gute zum schönsten erkenntlich.

Marienbad den 3. Juli 1823.


Noch füge die Bitte hinzu, ein gewisses grün saffianes Kissen, welches hinter dem Ofen stehen geblieben, gelegentlich herüber zu senden.

G.


37/88.


An Christian Wilhelm Schweitzer

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

mit Gegenwärtigem aufwartend und die freundlichsten Grüße bey dieser Gelegenheit abstatten zu können, gibt mir abermals unser gnädigster Herr die Veranlassung, indem er die Angelegenheit der jenaischen Sternwarte in Erinnerung bringt. Nachdem ich Höchst[112] Denenselben meine Gesinnungen und Wünsche hierüber geäußert, schienen Sie damit einzustimmen und befahlen mir, Ew. Hochwohlgeboren dasselbige zu vermelden. In beyliegendem Aufsatz, welchen zu geneigter Förderniß bestens empfehle, habe dasjenige verfaßt, was den beiderseitigen Absichten am reinsten entsprechen möchte.

Der Berufung eines neuen Professors der Philosophie steht nun nichts entgegen, und was die inneren Angelegenheiten der Sternwarte betrifft, die ich mit dem gegenwärtigen Personal noch eine Zeitlang fortzuführen wünsche, kann das Nöthige gleich bey meiner Rückkunft besorgt und angeordnet werden.

Der ich in diesem wie in andern mich berühren den Geschäften Ew. Hochwohlgeboren freundliche Theil nahme als die wirksamste Aufmunterung fernerhin erhalten und fortgesetzt wünschen muß und mich zu gleich persönlich einem geneigten Wohlwollen angelegentlichst empfehle.

Marienbad den 8. Juli 1823.


37/89.


An August von Goethe

Beyliegendes Tagebuch wird des mehreren ausweisen, was bisher vorgegangen, womit man denn sehr zufrieden zu seyn Ursache hat. Ich befinde mich in diesen Tagen ungleich besser und werde mich möglichst[113] halten, damit es noch besser werde und ich, diese Wochen wenigstens in zufriedener Thätigkeit verharren könne. Ich lege ein Kupfer von Marienbad bey, woraus ihr sehen könnt, wie munter es hier aussieht; meine Wohnung ist das auf der Schattenseite liegende obere Eckhaus gleich links an der Reihe der größern Gebäude. Es Fliegt ein Vogel ganz gerade oben drüber. In dem größten Gebäude wohnt der Großherzog, und ich kann aus meinen Fenstern alles sehen, was auf der Terasse vorgeht, und mich auch ganz bequem hinüber bewegen. Wind und Wetter sind unstät, noch aber hat es keine ganze Stunde geregnet. Mehr wollen wir auch für die Folge nicht verlangen.

Von den hier vorgefunden vorjährigen Weinflaschen bring ich einige mit, auf daß du dich erzürnst und unsern Weinhändlern das Gewissen schärfst, wie sie, trotz allem Versprechen, uns auf's beste zu versorgen, nach und nach auf unsere Gutmüthigkeit sich verlassend, von dem trefflichsten zu dem schwächsten Weine herunter gesunken sind.

Noch muß ich anführen, daß auf dem Bildchen das Haus, worüber der Vogel fliegt und worin ich wohne, keineswegs so schwarz und unansehlich ist, wie hier gezeichnet, es hat die beste Morgensonne und überschaut den ganzen Platz vor den drey hellen Pallästen.

Und nun, von einem Hauptbedürfniß zu sprechen, kann ich wohl sagen, daß mein Tisch sehr gut ist;[114] ich lasse das Essen aus dem Traiteur-Hause holen, wo ich sechs Schüsselchen erhalte und mir soviel auswählen kann, daß ich satt werde, alles ist gut und schmackhaft gekocht. Der Graveswein in ist sehr gut wie vor'm Jahr, auch findet sich angenehmer Lünel und Ungarischer. Ich habe viel Anfechtung, mit des Großherzogs Gesellschaft und sonst zu speisen, hüte mich aber für aller öffentlichen Erscheinung, weil man sonst gleich nicht mehr sein eigner Herr ist. Heute früh wurde jedoch zu Madame Geymüller gezogen, die eine sehr schöne Stimme hat, und wo Stromeyer sich ganz allerliebst hören ließ. Ich erinnerte mich früheren Genüsse und nehme den Töchterchen gar nicht übel, wenn sie manchmal über seinen Gesang aus dem Häuschen kommen.

Marienbad ist beynahe ganz besetzt, am 1. Juli fanden sich 350 namhafte Personen eingezeichnet; gebildete Gesellschaft ist zahlreich, die Art zu leben ungenirt und angenehm. Bezahlte Bälle haben angefangen. Heute ist tanzender Thee bey'm Herzog von Württemberg; der Prälat hat dem Großherzog gestern eine Entenjagd veranstaltet, an Rehwildpret soll's auch nicht fehlen. In Tepl bereitet man ein Fest, und so wird eins dem andern folgen.

Das Wetter ist bisher ganz freundlich; wenn wir keine anhaltende Regen haben, so wird alles gut. Indessen schreibt John die atmosphärischen Erscheinungen auf; auch wird sonst fleißig dictirt, und[115] die Jahreschronik thut große Schritte von hinten nach vorn. Stadelmann hat schon die Gebirge tüchtig durchgeklopft, die vorjährige geordnete Sammlung haben wir wieder gefunden, wodurch denn alles erleichtert ist. Nun wird für die Freunde im Fernen gearbeitet.

Herrn Grafen Sternberg sehen wir nicht, er ist nach Ungarn abgereist; ein großer Verlußt, den wir müssen brieflich zu ersetzen suchen.

Überall Grüße!

Abgeschlossen d. 8. Juli früh 1823.

G.


[Beilage.]

Eger Montag den 30. Juni 1823.

Rath Grüner verzeichnete mitgebrachte Mineralien und, gab überhaupt weitere Rechenschaft von seinen Entdeckungen. Mit ihm ausgefahren bis auf die Höhe vor Mühlbach; daselbst merkwürdiges Quarzgestein gefunden. Abends Unterhaltung über dergleichen Gegenstände und weitere Aussicht. Nachts Bote von Marienbad. Antwort durch denselbigen.


Eger Dienstag, den 1. Juli 1823.

Stadelmann ging mit der Equipage nach Marienbad. Ich dictirte die Lebenschronik bis 1804 incl. Verbreitete mich weiter über das Ganze; vollendete das Schema von 1822. Bedachte ferner die Hauptepochen. Bemerkte manches, was zu thun sey und[116] wie? Fuhr mit Grüner aus gegen den Siechhof um 6 Uhr um 7 Uhr zurück. Blieb noch einige Zeit mit ihm zusammen. Hatte mich vorher Burgemeister Fikentscher und Sohn aus Redwitz besucht; ersterer war mit seiner Marienbader Reise sehr zufrieden; seine Übel waren den meinigen sehr ähnlich gewesen.


Eger den 2. Juli 1823.

Die gestrigen Arbeiten fortgesetzt. Kam der Kutscher von Marienbad zurück. Gab ihm Nebenstehendes mit nach Weimar. Um 12 Uhr Rath Grüner, blieb bis zur Abfahrt, welche halb 3 Uhr erfolgte. Halb 7 Uhr in Sandau. Um 8 Uhr in Marienbad. War eine Stunde vorher J. K. H. der Großherzog eingetroffen. Besuchten mich noch Hofrath Rehbein und Inspector Gradl.


Marienbad Donnerstag den 3. Juli 1823.

Früh 5 Uhr aufgestanden. Am Biographischen sogleich fortgefahren. Ich besuchte um 9 Uhr J. K. H. den Großherzog. Um 11 Uhr zu Hause. Besuchten mich Herr Präfect Steinhäuser von Pilsen, Kriegsrath Schultz von Magdeburg, Stromeyer und Professor Müller. Der Herr Prälat; dann Major v. Germar. Graf Gorcey und Rath Graff. Nach Tische am Selbstbiographischen fortgefahren. Hofrath Rehbein, Doctor Heidler.


[117] Freytag den 4. Juli 1823.

Um 5 Uhr aufgestanden, Brunnen getrunken. Das Jahr 1822 bis zu Ende geführt. Sonstiges angeordnet. Doctor Bran besuchte mich. Ich ging spazieren hinter dem Badehause weg, den Waldstieg hinauf bis an die Prager Straße. Als ich von da herunter in's Gebüsch kam, erreichten mich von oben Hofrath Rehbein und Hofrath Schäffer, Leibarzt des Herzogs von Württemberg. Ich fand den Großherzog, Doctor Heidler und ging, mich auszuruhen. Nach Tische bey der Fürstin Hohenzollern und Frau Gräfin Loeben. Besuchte mich Fürst Labanoff Rostoff. Fuhr mit Rehbein und seinem Schwager nach der Ferdinands-Quelle. Daselbst traf ich den Generalsuperintendent Schuderoff, Frau Präsident Bülow u.a.m. Waren vorher bey mir Major v. Wartenberg, Doctor Scheu. Eine große Gesellschaft war auf dem Hammerhofe bey Herrn v. Helldorf, zog Abends mit Musik in Procession herein.


Sonnabend den, 5. ejd.

Stand um 5 Uhr auf und trank den Brunnen zu Hause. Bearbeitete die Jahreschronik von 1821. Machte einen Spaziergang von anderthalb Stunden. Ruhte aus. Ging zu der Gesellschaft auf der Terrasse. Graf Klebelsberg war angekommen. Zusammen zu Grafen Nostitz in der unmittelbaren Nachbarschaft. Gemahlin und Tochter zugegen. Der Offaberg an[118] der Gränze von Bayern ward aufgesucht. Dessen Höhe und anderer im Dlask nachgesehen. Zu Tische bey mir. Doctor Heidler. Inspector Gradl. An dem Brunnen mit der Fürstin Hohenzollern. Vorher Hofrath Schäffer. Abends bey Brösigkes in Gesellschaft.


Sonntag den 6. ejd.

Um 6 Uhr aufgestanden. Das Schema von 1821 reiner ausgeführt. Kritik der geologischen Theorie angefangen. Zu Serenissimo, den ich in dem untern Zimmer fand. Scene wegen der jungen Thörin, welche mit Gewalt baden wollte. Die Hofräthe Schäffer und Rehbein, des Großherzogs Cur berathend. Mit letzterem spazieren gefahren gegen den Hammer. Mittag bey mir. Vorgemeldetes Heft zu Ende gelesen. Fing an Marienbader Gebirgs-Suiten zusammen zu stellen und zu numerieren. Blieb zu Hause, das schöne Wetter aus dem Zimmer genießend. Der Großherzog war auf die Entenjagd.


Montag den 7. ejd.

Halb 6 Uhr aufgestanden und Brunnen getrunken. Dictirt am Jahre 1821. Stadelmann holte Gestein. Besuch von Hofrath Rehbein und Schäffer. Auch hatte der Wirth von Eger angefragt. Braun von Braunthal, ein junger Schriftsteller von Wien, der mir schon früher nach Weimar geschrieben. Mit Serenissimo bey Frau v. Geymüller, wo Stromeyer sang. Mittag bey mir. Nach Tische General-Superintendent[119] Schuderoff von Ronneburg. Tagebuch und Gedichte des jungen Wieners gelesen. Abends zu Hause. Mit Stadelmanns geologischen Sammlungen beschäftigt. Brief an Herrn Geh. Staats-Rath Schultz.

in fidem.

G.


37/90.


An Christoph Ludwig Friedrich Schultz

Donnerstag den 26. Juni fuhr ich von Weimar ab und nach einer sorgfältig-bequemen Reise gelangte ich Sonntag den 29. nach Eger und, nachdem ich meine Equipage vorausgeschickt, Mittwoch den 2. Juli nach Marienbad. Ich sage dieß umständlich um auszudrücken, daß ich die ganze Fahrt als eine mannichfaltig-gemüthliche Spazierreise zu behandeln trachtete. Kurz vor mir langte der Großherzog an; wir wohnen in verschiedenen Häusern auf Einer Terasse, wie ich's nennen will, die meist den ganzen wunderbaren Ort von oben herunter beschaut. Das Ganze, das aus großen und ansehlichen Häusern besteht, hat etwas Wöhnlich-Freundliches, ich möchte wo anders nicht lieber wohnen. Auf den Großherzog thut es dieselbige Wirkung.

In allem sind gegen vierhundert Menschen hier, welche sämmtliche bedeutende Wohnungen einnehmen.

Lassen Sie das Drittheil davon zur höhern Gesellschaft[120] gehören; so sehen Sie, daß die gebildete Welt einen mäßig-angenehmen Cirkel macht.

Einer von meinen Begleitenden schreibt Wind, Wolken und Wetter sorgfältig auf: denn leider hat mich auch dieses Luftgetümmelwesen gewaltig ergriffen, und da muß man denn der lieben Erfahrung aufpassen und sehen, ob sie so höflich ist zu handeln, wie man wollte.

Ein anderer regsamer, leidenschaftlicher Bergfreund hat schon die Felsen rings umher zusammengepocht. Wir ließen vor'm Jahr eine vollständige Sammlung hier, machen nun Duplicate und Triplicate, finden wenig Neues, doch gibt es zu guten Gedanken Anlaß, die in der Geognosie und Geologie nöthiger sind als irgend wo, weil sich mancher hier mitzureden vermißt, dem die Natur weder Anschauungs-, noch Fassungs-, noch Ordnungsgabe verliehen hat.

Die Chronik meines Lebens, Zurechtstellung der Tagebücher und sonstiger Notizen hab ich auch schon um ein paar Jahre von hinten hervorgefördert, und so denke wird das frischere Gedächtniß die Einzelnheiten früherer Jahre wieder nach und nach beleben und mit sich aufrollen.

Kunst und Alterthum IV, 2 haben Sie erhalten. Den letzten Bogen vom wissenschaftlichen Hefte, sogar den Umschlag, habe noch vor dem Einsteigen revidirt. Ich wünschte, Sie erhielten das auch bald, denn es ist manches darin niedergelegt, was ich höchlich schätze,[121] was mir am Herzen liegt, und das ich an das Ihrige lege.

Die jenaischen Blätter haben mir einen größeren Dienst erzeigt, als denkbar ist, denn wie hätte ich zu solcher Erinnerung erst Gabe, dann Lust gefunden? Woher Fähigkeit und Trieb mich selbst zu reassummiren? In meinen Jahren muß man vorwärts gehen, aufwärts bauen und nicht mehr nach dem Grundstein zurückblicken, auf welchen man sich gut fundirt zu haben glaubt.

Es schweben mir noch wunderliche Dinge vor, davon wäre denn bey schicklichem Zusammentreffen löbliche Mittheilung zu, geben.

Wie lang mein hiesiger Aufenthalt dauern mag, seh ich nicht voraus; meine Absicht wäre bis Anfangs Augusts hier zu verbleiben, alsdann von Eger auf Gebirg und Land und mancherlei menschliche Zustände unmittelbar zu schauen. Denn mir scheint nichts nöthiger als äußere sinnliche Anregung, damit ich mich nicht in's Abstracte oder wohl gar Absolute verliere.

In der Hälfte September kehr ich alsdann wieder zu Hause; doch vernehmen Sie von Zeit zu Zeit den Verlauf meines Lebens; möge der Ihrige zu gedachter Epoche sich nähern und wir uns wieder unmittelbar berühren. Es gibt jetzo gar zu vieles, was man weder schreiben kann noch mag, was man wohl könnte und versteht, aber auch gern die Bestätigung von einem Freunde vernehmen möchte; und betet ich es[122] von vielen Seiten, so ist es unerläßlich, daß man sich spreche.

Man brachte mir die lateinische Übersetzung von Herrmann und Dorothea, es ward mir ganz sonderbar dabey; ich hatte dieses Lieblingsgedicht viele Jahre nicht gesehen, und nun erblickt ich es wie im Spiegel, der, wie wir aus Erfahrung und neuerlich aus dem Entoptischen wissen, eine eigene magische Kraft auszuüben die Fähigkeit hat. Hier sah ich nun mein Sinnen und Dichten, in einer viel gebildeteren Sprache, identisch und verändert, wobey mir vorzüglich auffiel, daß die römische nach dem Begriff strebt und, was oft im Deutschen sich unschuldig verschleyert, zu einer Art von Sentenz wird, die, wenn sie sich auch vom Gefühl entfernt, dem Geiste doch wohlthut. Ich möchte übrigens nicht weiter darüber nachdenken, denn eine solche Vergleichung führt zu tief in den Text.

Verzeihung! Sie sehen aus diesem Blatt, daß ich mir Sie schon als gegenwärtig vorstelle, wo man es nicht gar zu genau nimmt.

Tausend Lebewohl!

Marienbad den 8. Juli 1823.

G


37/91.


An Clemens Eckl

Ew. Wohlgeboren

gebe mir die Ehre Beykommendes nebst den besten Grüßen aus der Nähe zu übersenden; es wird Denenselben[123] die Tafel doppelt merkwürdig seyn, weil sie die sprunghaften Abänderungen des Tepler Barometers gegen andere recht auffallend zu Tage gibt. Die dazu gehörige Abhandlung wird in der Folge gleichfalls aufwarten. Zugleich nehme mir die Freyheit, den Barometerstand allein vom Stift Tepl auf diesen laufenden Monat zu erbitten, in Hoffnung, die vollständigen Beobachtungen des vergangenen halben Jahrs, wie schon früher geschehen, gelegentlich gefällig zu erhalten.

Der ich, unter angelegentlichen Empfehlungen an des Herrn Prälaten Hochwürden Gnaden, in der angenehmen Aussicht lebend, bald persönlich aufwarten zu können, mich eines wohlwollenden Andenkens getrösten darf.

ergebenst

Marienbad den 10. Juli 1823.

J. W. v. Goethe.


37/92.


An Carl Ludwig von Knebel

Herrn Doctor Bran darf ich nicht abreisen lassen, ohne dich schriftlich schönstens zu begrüßen und zu versichern, daß es mir besser geht, als ich hoffen konnte. Freylich war mein Zustand seit diesem Winter allzu stockend, ich wußte kaum, ob ich noch lebte und zu wirken vermochte. Alles regt sich nun wieder, sowohl der Körper als der Geist. Die[124] nächsten Umgebungen sind mannichfaltig gebessert und höchst erfreulich. Noch vor Thorschluß hab ich ein allerliebstes Quartier getroffen, denn jetzt findet niemand ein Unterkommen, wer nicht voraus bestellt hat.

Der Großherzog befindet sich verhältnißmäßig sehr wohl, indem er einsichtigen und zusammenstimmenden Ärzten getreue Folge leistet.

Die Gesellschaft ist sehr gut, man kann sagen glänzend; gestern ist noch der Herzog von Leuchtenberg angekommen. Schöne Frauen machen sich bemerken, zu Wagen, Pferde und Fuß; wöchentlich werden Bälle gegeben, und zu ernsterer Unterhaltung fehlt es nicht an gereiften Diplomaten und sonst erfahrnen Weltmenschen.

Durch ein sonderbares Glück wohnen in meinem Hause nur Frauenzimmer, die still und verträglich sind; eine sogar ist passionirt für die Minearologie, und da hat sie, indem Stadelmann schon Centner von Handstufen zusammengeklopft, die erfreulichste Auswahl.

Hiezu das Allerbeste und Nothwendigste, trocknes Wetter, manchmal bedeckten Himmel, manchmal klaren, oft auch heitern Sonnenschein; die schönsten Abende, wenn auch kühl. Und so sind mir seit meiner Abreise 14 Tage vergangen, die ich nicht anders als loben muß. Möge die Folge sich eben so verhalten und ich vernehmen, daß es euch wohlgehe. Vorläufig hat mich sehr gefreut zu hören, daß unser Weller[125] von seinem Augenübel, weshalb ich ihn sehr bedauert habe, sich wieder befreyt findet. Tausend Gruß und Wunsch auf Wiedersehen!

treu angehörig

Marienbad den 11. Juli 1823.

G.


37/93.


An August von Goethe

Vor drey Tagen sendete durch ein Canzley-Paquet mein bisheriges Tagebuch und sonstiges Memorandum. Indessen Vorgefallenes ersieh aus Nachfolgendem:

Der Großherzog befindet sich nach seiner Art recht gut, an Hofrath Schäffer von Regensburg hat er einen Arzt gefunden, der ihn zum Vortheilhaftesten gleichsam zu nöthigen weiß. Mir geht es trefflich, ich habe gestern das erste Moorfußbad genommen, welches mir im äußern Ganzen wohl und ich hoffe noch mehr im innern Stillen gut gethan hat.

Der Herzog Eugen von Leuchtenberg ist angekommen. Marienbad ist so voll, daß kein Unterkommens mehr zu finden ist, und Rehbein ist sehr zu rühmen, daß er das allerliebste wohlgelegene Quartier eilig gewählt hat.

Grüße die Abwesenden und küsse Wolfen vom Apapa, welcher sehr viele Pfeffernüsse mitbringen wird. Nun lebe wohl und fange an zu senden, wenn irgend etwas ankommen sollte.

[126] Möge es dir in den häuslichen Räumen behaglich seyn!

Daß du mir John mitgegeben, ist von der größten Bedeutung.

Marienbad den 11. Juli 1823.

G.


Mittwoch den 9. Juli 1823.

Kritik der Breislackischen Theorie und aller ähnlichen. Bildende Kunst für die Chronik rein schematisiert für 1821. Hofrath Schäffer, einladend zu dem Herzog von Württemberg. Machte einen Umgang, von den Füllhäusern bis zu Heidlers und dann wieder nach Hause. Nach Tische weniges an der Chronik. Hatte der Herzog von Württemberg eine Charte gelassen. Das Geologische gefördert. Die Charte von Catalonien mit der Zeitung verglichen. Kam ein Brief von meinem Sohn. Wurde die Rechnung abgethan. Zum Herzog von Würthemberg, woselbst ich den Großherzog fand.


Donnerstag den 10. ejd.

Bildende Kunst zu 1821. Nebenstehendes durch Hofrath Rehbein abgeschickt, welcher Serenissimum nach Tepl begleitete. Stadelmann brachte abermals Gebirgsarten. Frauenzimmer im Hause, das sich dafür interessirt. Doctor Bran, um Abschied zu nehmen. Brief und Sendung der Glaszeichnungen nach Redwitz vorbereitet. Der Großherzog und Gesellschaft fuhren nach Tepl. Speiste für mich. Schema der Naturforschung[127] vom Jahre 1821. John beschäftigte sich, die Gitter der graphischen Tabellen zu ziehen. Den Großherzog bey der Wiederkehr begrüßt. Abends am Brunnen. Der Herzog von Leuchtenberg war angekommen. Blieb bis nach Sonnenuntergang auf der Terrasse. Stadelmann hatte schönes Gestein zusammengebracht. Ein Barometer ward in's Haus gebracht, hatte aber leider eine willkürliche Scala. War das schönste Wetter.


37/94.


An Friedrich Christian Fikentscher

Sie haben, mein Werthester, erlaubt, daß ich in einer Angelegenheit, die zwar nicht von Bedeutung, aber doch für mich von Belang ist, Ihre Gefälligkeit zu weiterer Besorgung anspreche.

Hierbey folgen die Zeichnungen von mehreren Sorten von Gläsern, anatomischen und naturhistorischen Zwecken bestimmt, welche Sie die Gefälligkeit haben wollen auf der genannten Glashütte ohne weiteres zu bestellen, auch die Forderung der Arbeit bestens zu empfehlen.

Indessen wünschte zu meiner Kenntniß die Preise der Gläser zu erfahren, nicht um die Arbeit aufzuhalten, sondern nur die Behörde anzuweisen, was sie nach glücklicher Ablieferung der Glaswaren zu bezahlen habe.

[128] Ferner möchte benachrichtigt seyn, auf welchem Wege man die Bezahlung wünscht, welche von uns an jedem Handelsorte geleistet werden kann; denn wie es manchmal geschieht, daß dem Fuhrmann die Zahlung zu erheben aufgetragen ist, hab ich in solchen Fällen unbequem gefunden, weil die subalternen Personen sich nicht immer berechtigt finden und daher Stocken und Saumsal entsteht.

Zu adressieren wäre die Sendung an: Michael Färber, als Schreiber angestellt bey den großherzoglichen Museen zu Jena.

Könnt ich die Zeit erfahren, wann ungefähr die Sendung zu erwarten stünde, so würde dieses das kleine Geschäft noch sicherer machen.

Noch einen Umstand wünscht ich zu erfahren: zu welcher Zeit nämlich eine fernere Bestellung dem Glasmeister angenehm wäre, da ich mich erinnere, daß nicht zu allen Jahreszeiten dergleichen Arbeiten zu verfertigen vortheilhaft ist.

Sollte Ihnen, mein Werthester, noch irgend etwas beygehn, das bey der weiten Entfernung die Communication leichter und sicherer erhielte, so würden Sie mich sehr verbinden; wie ich denn auch zuletzt noch die Adresse der Glasfabrik zu allenfallsigen unmittelbaren Bestellungen erbitte, nicht minder nach vollen Arbeiten die Zeichnungen wieder zurückwünsche.

In Hoffnung, bey meiner Zurückkunft nach Eger das Nähere bestimmt zu sehen und, wenn meine[129] Wünsche gelingen, von Ihnen persönlich das Weiter zu erfahren.

Daß Ihr Herr Vater, wie in Eger der Fall war, mit seiner Cur noch immer zufrieden seyn möge, wünsche von Herzen und empfehle mich allerseits.

ergebenst

Marienbad den 13. Juli 1823.

J. W. v. Goethe.


So eben als Gegenwärtiges abgehen sollte, erhalte ich Ihr schnell gefördertes Schreiben, wofür ich ganz besondern Dank sage; denn es gibt den schönsten Beytrag zu denen von mir gesuchten und gesammelten Erfahrungen. Daß Sie schon einiges Glaswerk zur Probe bestellt, ist mir sehr angenehm; denn auch dieß können wir brauchen. Mit der Sendung, und was daraus folgt, bitte zu verfahren, wie gegenwärtiges Blatt anzeigt. Die barometrischen Mittheilungen bitte fortzusetzen. Schönstens grüßend, das Beste wünschend.

Marienbad den 13. Juli 1823.

G.


37/95.


An Joseph Sebastian Grüner

Tausend Dank für die deutlich unterrichtende Charte! In Hoffnung, sie zusammen zu durchwandern und zu durchforschen, sende hiebey eine Schachtel, den neusten Erwerb enthaltend. Die Schachtel jedoch erbitte mir wieder und dazu noch ein halb Dutzend anderer, wie[130] sie gewöhnlich in einander stecken; denn es gibt manches Zarte und Feine einzupacken. Herr v. Junker z.B. hat sehr schöne Stufen seines Silberwerks freundlich mitgetheilt. Hier ist alles froh des schönen Wetters, genießt es aber nur in Furcht und Zittern, indem das Barometer sich schon wieder herabneigt.

Behalten Sie mich im freundlichen Andenken und lassen Sie uns auf dem Wege der guten wechselseitigen Neigung, wie auf den Pfaden der Geognosie treulich verharren.

Marienbad den 22. Juli 1823.

G.


37/96.


An Joseph Sebastian Grüner

In freundlichster Erwiderung des werthesten Schreibens übersende hiebey die Augiten im Muttergesteine. Der Wolfsberg, noch genauer untersucht, wird wohl noch manches Wünschenswerthe abliefern.

Mit tausend aufrichtigen Wünschen.

Marienbad am 23. Juli 1823.

G.


37/97.


An die Großherzogin Louise

[Concept.]

Ew. Königlichen Hoheit

schriftlich unterthänigst aufzuwarten ist mein täglicher Wunsch und Vorsatz, und doch kann ich nicht dazu gelangen, da es mir an Stoff zu gebrechen scheint; denn ich glaubte nur wiederholen[131] zu müssen, was Höchst Dieselben unmittelbar schon vernommen haben, daß unserem theuren Fürsten die angefangene Cur wirklich zum Vortheil gereicht und, vorschriftsmäßig weiter gebraucht, gewiß von dem besten Erfolg seyn wird. Glücklicherweise hat sich ein vorzüglicher Arzt, Hofrath Schäffer von Regensburg, zu unserm Rehbein gesellt, und beide, vollkommen einverstanden, haben dem hohen Badegast so schöne Anleitungen gegeben, wie die hiesigen Wasser, zu Abwendung nicht nur des oberflächlichen, sondern auch des Grundübels möchten gebraucht werden; wozu sich denn auch eine Verlängerung der Badezeit nothwendig machen möchte. Von den Hauptpersonen, welche hier zugleich verweilen, werden Höchst Dieselben schon gründliche Nachricht und ein einsichtige Schilderung erhalten haben, so daß mir nichts als das bloße Namensverzeichniß übrig bliebe.

Auf einem gestern von unserm gnädigsten Herrn gegebenen, so anständigen als an angenehmen Hausball war die hiesige ganze, hohe und schöne Welt versammelt und jedermann nach seiner Weise unterhalten und befriedigt; es dauerte bis 12 Uhr, und ich konnte mich wegen anmuthiger Unterhaltung auch nicht früher entfernen.

So scheinen ferner die meisten Gäste nach ihrer Art die Zwecke zu erreichen und ziemlich zufrieden, ob sich gleich einige darunter finden, für die wenig Hoffnung bleiben möchte.

[132] In den letzten Tagen war die Witterung nicht die beste, nun erholt sie sich aber und verspricht neue gute Zeit, welches um so angelegener ist, als nach manchen Erfahrungen sich jeder Witterungszustand weit verbreitet und Höchst Dieselben daher mit den hiesigen Curgästen auf gleiche Weise sich wahrscheinlich zu erfreuen und zu leiden haben.

Vorstehendes hielt einige Tage zurück, um die Ankunft des theuersten Großherzogs melden zu können. Ich hatte das Glück, mit seinem hohen Herrn Vater ihm entgegen zu fahren und ihm erfreulichen Willkommen zu bieten. Sein Empfang ward zufällig und absichtlich durch Concert und Ball gefeyert, zu dessen, wie es schien, besonderem Vergnügen. Freylich hätten wir um sein und unseretwillen einen längeren Aufenthalt gewünscht doch muß man sich in den Rath der Ärzte wie in ein subalternes Fatum schicken und fügen.

Ew. Königlichen Hoheit und Höchst Ihro Familie und Hofkreise wünsche zu bedauernder Gnade und Wohlwollen für jetzt und immer angelegentlichst empfohlen zu seyn.

M. B. d. 24. Juli 1823.


37/98.


An Carl Friedrich Zelter

Da deine freundlich Stimme mir bis in diese Wälder folgt, entgegne sogleich mit heitern Worten, um zu vermelden, daß es mir besonders wohl geht;[133] denn vom Hause, nach einem so harten Winter, nach einer gewaltsamen Krankheit und einsam thätigen Monaten beynahe lebensunfähig wegzugehen, war nicht zu verwundern. Reise, neue Gegenstände, Veränderung aller Art, sogar auch Unbequemlichkeit, neue An- und Eingewöhnung riefen mich, eigentlich wieder in's Leben. Hier finde ich Berg und Berggenossen leidenschaftlich entzündet wieder der Funke, den sie von mir aufgefangen, lodert jetzt in ihnen auf den Grad, daß er mich selbst erleuchtet.

So thun auf manche frühere Menschen-Verhältnisse gar wohl, indem sie Zeuge sind, daß man nach einer Jahres-Nacht Neigung und Wohlwollen nicht verschlafen hat.

Das Locale im Ganzen, besonders auch wo ich wohne, ist der Geselligkeit günstig genug; es ist eine Terasse von drey ansehnlichen Häusern, flankirt von zwey gleich großen Gebäuden; in jeder Stadt würden diese Baulichkeiten für etwas gelten. Der Großherzog wohnt in der Mitte, und glücklicherweise ist die ganze Nachbarschaft von schönen Frauen und verständigen Männern eingenommen. Ältere Verhältnisse verknüpften sich mit neuen, und ein vergangenes Leben läßt an ein gegenwärtiges glauben.

Wie ich mit der Erdkunde mich vielleicht mehr als billig beschäftigt habe, so fange ich jetzt auch mit den atmosphärischen Reichen an; und wär es nur um zu erfahren, wie man denkt und denken kann, so[134] ist das schon ein Vorgewinn; man weiß recht gut, daß der Mensch alles, Gott selbst und das Göttliche an sich heranziehen, sich zueignen muß. Aber auch dieses Heranziehen hat seine Grade, es gibt ein hohes und ein gemeines.

Was ich aber eigentlich fördere, ist die Redaction meiner Lebenschronik. Nach mancherlei Versuchungen hab ich endlich von der neusten Zeit angefangen, da ich mich denn bey frischem Gedächtniß nicht lange um Stoff zu bemühen brauche; endlich merke, so rückwärts arbeitend, wie das Bekannte, Gegenwärtige das Verschwundene, das Verschollene wieder zurückruft.

In diesem Sinne muß es mir sehr bedeutend seyn, wenn ferne Freunde das, was von mir in Druck ausgeht, als an sie gerichtet ansehn; denn ich sehe die Zeit ganz nahe wo ich mich direct schriftlich nicht mehr werde vernehmen lassen. Daß ihr mein letztes Heft gut aufgenommen, ist mir deshalb sehr tröstlich; in jedem solchen Hefte ist mehr Leben niedergelegt, als man ihm ansieht. Leide liest niemand heut zu Tage, als nur das Blatt los zu werden; darum soll der Schreibende immer tüchtiger werden, um der Nachwelt ein Zeugniß zu hinterlassen, daß er nicht umsonst gestrebt hat.

Wenn du diese Briefblätter einstimmig findest mit den ernstesten Fichtengebirgen, auf hohem Standpunct, so gedenke dabey meiner Umgebung, wo eben Gewitter weit ausgedehnt von den Bergen bis hinab in's Land[135] blitzen, donnern und abregnen. Alle unsere nachbarliche Welt ist auswärts und ich auf diesem wunderbaren Punct so gut wie allein.

Nun laß mich aber in dein weit- und breites, herrliches Berlin hinabsteigen und dir Glück wünschen, daß deine Wallfahrt vollbracht ist. Setze ich mich an deine Stelle und gedenke an ein Umziehn, so würd ich wahrscheinlich in einem viel engern Raum mich auch behaglich finden, wie es mir ja schon zu Hause, besonders aber auf der Reise und in Bädern gar wohl gerathen kann.

Mich freut es, daß du mit unserm Griesgram näher zu leben kamst; im Grunde ist es ihm denn doch um Behaglichkeit zu thun, nur daß er nicht wußte, wo sie zu finden; grüß ihn schönstens, ich habe gute Zeit mit ihm verlebt; nur ist meinem Elemente das Widersprechen fremd, und da konnten wir, mit den besten beiderseitigen Willen, niemals lange zusammen auskommen. Und so sey denn geschlossen! vielleicht vernimmst du brieflich lange nichts von mir; dem ohngeachtet denke mein, und wenn du wieder einmal eine Reise antrittst, so laß von der ersten Stunde an mich gerichtet werden das Tagebuch, was und wie du gesehen hast.

Das alles war geschrieben im Vorgefühl, daß mir von dir was besonderes Gutes kommen werde, und so kommt ein allerliebstes Kind, mir Gruß und Reim bringend, wodurch ich mich überrascht und beynahe[136] verwirrt fühlte. Also den schönsten Dank zum Schluß und die Zusage, daß vor meinem Scheiden aus Böhmen noch ein, ich hoffe, glücklich nachrichtliches Wort erfolgen soll.

treulichst

Marienbad den 24. Juli 1823.

J. W. v. Goethe.


37/99.


An August von Goethe

Freytag den 11. ejd.

Beharrte das Barometer und so war auch Morgens heiterer Sonnenschein. Vom Jahre 1821 die Naturwissenschaft durchgeführt. Ferner nebenstehende Expeditionen. Hofrath Schäffer wegen räthlichem und unräthlichem Baden gesprochen. Mittag allein. Abends an den Brunnen. War Frau v. Levetzow und Töchter angekommen. Abends bey der Gesellschaft.

An diesem Tage waren abermals viele Partien angekommen, welche kaum Herberge fanden.


Sonnabend den 12. ejd.

Früh getrunken. Serenissimus frühstücken auf der Terasse. Auszug aus der Beurtheilung Breislacks.

Sonstige Expeditionen vorbereitet. Fürst Labanoff und sein Maler. Bey Serenissimo angefragt. Mittag für mich Abends auf der Terrasse. Expeditionen vorbereitet. Kam Herr Rath Grüner von Eger.


[137] Sonntag den 13. ejd.

Nichts Besonderes vorgenommen. Unterhaltung mit Rath Grüner, besonders über die mitgebrachten echt vulkanischen Producte. Umständliche Beschreibung einer Fahrt dahin, schriftlich verfaßt und nach der Landcharte durchgegangen. Aufwartung bey'm Großherzog. Kam die Frau Räthin mit Gesellschaft. Um 11 Uhr zeichnete der russische Maler mein Porträt. Unterhaltung mit ihm über gegenwärtige römische Kunst und Künstler, besonders deutsche. Mittag für mich. Der Maler nochmals; Vice-Präsident Nicolovius, Bruder des Berliner. Oberamtmann von Königswart, Rath Grüner, mit Gattinnen. Einige bedeutende Massen von zerschlagenem Bergcrystall einem Juden abgehandelt. Abends am Brunnen. Doctor Widnmann von Eichstädt erzählte mir die Krankheitsgeschichte des Herzogs von Leuchtenberg. Frau v. Geymüller gab einen Ball. Ich blieb im Freyen und kehrte nach Hause.


Montag den 14. ejd.

Grüners Relation über die geschmolzenen Erdproducte von Altalbenreuth und Boden revidirt. John fing an sie abzuschreiben. Ich revidirte meine vorjährige Tour auf Pograd. Zum Frühstück auf der Terrasse bey der Gesellschaft. Der russische Maler zeichnete fort. Mittag für mich. Ein starkes Gewitter im Anzug, erreichte uns nicht, ging westwärts ab.

[138] Auf die Terasse, die zum Caffee abfahrenden Damen zu begrüßen. Die Klebelsbergische Terasse hinauf und hinter der Traube herunter. Abschrift des Grünerischen Aufsatzes geendigt. In der geologischen Kritik zu lesen fortgefahren, auch auszuziehen. Späterhin Concert für die Armen. Wurde, auf der Terrasse auf- und abgehend, von außen zugehört. Major v. Germar hatte den Streit mit Strohmeyer geschlichtet, und dieser sang noch.


Dienstag den 15. ejd.

John mundirte die Fahrt nach Pograd. Ging auf die Terasse. Kiprinsky, Maler; dazu Fürst Labanoff. Die große Charte von Sorriot aufgeschlagen und darüber gesprochen. Mittags für mich. Nach Tische Oberforstmeister v. Lüttichau von Dresden. Las in v. Hoffs Geschichte der Erdoberfläche. Fuhr mit Rehbein spazieren. Abends auf der Terasse; Serenissimus kamen von der Jagd zurück. Stadelmann hatte Pechstein und Verwandtes geholt.


Mittwoch den 16. ejd.

Abschrift des Tagebuchs für August. Bey Serenissimo und Familie auf der Terasse. v. Hoffs Werk fortgelesen. Der russische Maler. Fürst Labanoff verreiste nach Carlsbad. Mittag für mich. v. Hoff fortgesetzt. Stadelmann brachte die Steinsammlungen immer weiter in Ordnung. Die Cataloge dazu abgeschrieben.[139] Abends auf der Terasse, ward besprochen der morgende Ball, welchen Serenissimus zu geben gedenken.


Donnerstag den 17. ejd.

Chronik von 1815 und 16 in's Reinere. Der russische Maler nach 11 Uhr. Mittags für mich. Nach Tische an der Chronik von 1818. Oberforstmeister v. Lüttichau von Dresden. Abends Ball bey Serenissimo im Klebelsbergischen Hause. Blieb man bis 12 Uhr.


Freytag den 18. ejd.

Chronik des Jahrs l818 fortgesetzt. Am Porträt fortgearbeitet; dasselbe abgeschlossen. Herr Baron v. Junker meldete sich an. Kam um 12 Uhr, bedeutende Stufen vom Sangerberg bringend. Mittag bey mir. Nach Tische der Maler, entwarf die Figur am Tische sitzend, in der rechten Hand die Feder, die linke verborgen. Abends zur Gesellschaft, der Großherzog war auf der Entenjagd. Kam zurück und verweilte. Frau v. Levetzow erzählte die Abenteuer vor und nach der Leipziger Schlacht.


Sonnabend den 19. ejd.

Ausführung des Jahrs 1815. Den ganzen Vormittag damit beschäftigt. Für mich gegessen. Das Jahr 1816 auszuführen angefangen. Professor Zauper. Unterhaltung mit ihm. Abends zu Brösigkens.[140]


Sonntag den 20. ejd.

Meteorologische Beobachtungen eingeschrieben und zur Tabelle gebracht. Auch die Pilsner. Professor Zauper, bedeutende Mineralien bringend vom Wolfsberg und der Pilsner Gegend. Unterhaltung mit Professor Zauper. Dann kurze Zeit zu Serenissimo. Abermals mit Zauper von seinen Studien, seinem Lehramte und sonstigen Verhältnissen. Vor Tische auf der Terasse. Für mich allein gespeist. Sodann Professor Zauper, das morgendliche Gespräch weiter fortgesetzt. Später Hofrath Eichler von Töplitz.

NB. Commerzien-Rath Widow von Hamburg. Gegen 7 Uhr zum Ball. Um 10 Uhr zu Hause. Hatte den Herzog von Leuchtenberg umständlich gesprochen.


Montag den 21. ejd.

Das Jahr 1816 durchgeführt. Frau v. Rehberg, Gruß vom Rhein bringend. Späterhin ihr Gemahl Geh. Kabinetts-Rath Rehberg aus Hannover. Nach Tisch beide zusammen. Abends Uhr mit Hofrath Rehbein spazieren gefahren, erst zur Flaschenfabrik. Sodann auf den Ferdinands-Brunnen. General Schack, den Vater, gefunden. Zurück, auf der Trasse bey schönem Abende, die Schackische Familie war unten. Nähere Bekanntschaft mit Dobrowsky gemacht. Sodann im Zimmer Abendessen, wo ich mich entfernte.[141]


Dienstag den 22. ejd.

Wie der gestrige ein sehr schöner Tag, bey sinkendem Barometer. Das Jahr 1816 abgeschlossen. Abbé Dobrowsky. Von böhmischen und andern Literaturen und Documenten, auch sonst verwandten Gegenständen sprechend. Herr Baron v. Junker, brachte den erbetenen Aufsatz über sein Silberbergwerk zu Sangerberg, nebst einer sehr schönen belehrenden Gebirgs- und Stufenfolge. Nahm ich Abschied von der Fürstin Acerenza. Blieb mit der Gesellschaft einige Zeit auf der Terasse. Suchte mich Bergmeister Beschorner von Mies; bedeutende Bleyspäte von daher überbringend und früherer Aufträge sich erinnernd. Ich suchte die von allen Seiten herzufließenden Mineralien einigermaßen zusammenzurücken und das Einpacken vorzubereiten. Ein von Osten zurückziehendes Gewitter begegnete sich mit einem von Westen herkommenden. (Stadelmann war Morgens früh 4 Uhr nach dem Wolfsberg abgegangen.) Brief Professor Zelter dictirt. Bey der Gesellschaft. Kamen Serenissimus von der Jagd; die Frauenzimmmer waren im Schauspiel gewesen. Unterhaltung über Kranke und Gesunde, besonders auch über Dobrowsky. Bey dieser Gelegenheit vom Prager Museum und andern Anstalten, wovon Herr v. Lützow die besten Kenntnisse besaß. Der Großherzog blieb lange, und die Gesellschaft trennte sich erst spät. Graf v. St. Leu war angekommen.


[142] Mittwoch den 23. ejd.

1817 nochmals schematisiert. An: Serenissimum die Mineralien vom Sanderberg mit Beschreibung. Einige Fremde. Mit Serenissimo ausgefahren gegen den Hammerhof und weiter hinaus. Minister v. Bülow präsentirt. Mittag zu Hause. Nach Tische zur Fürstin Hohenzollern, wo berlinische Damen. Später bey der Quelle, wo ich dieselbigen Frauenzimmer wieder antraf. Später bey Concert und Ball nur kurze Zeit Abends zu Hause. Stadelmann kam vom Wolfsberg zurück. Die mitgebrachten Stufen angesehen. Das Bad genommen.


Donnerstag den 24. ejd.

Schreiben von der Gräfin O'Donell. An den Mineralien vom Wolfsberg, ausgesucht und geordnet. Superintendent Schuderoff und Regierungsrath Herrmann. Zu Serenissimo, mit den Steinen vom Wolfsberg, welche jedoch niedergesetzt wurden, weil der Fürst nach dem Bade schlief. Bey der Familie, weitläufiges Gespräch mit Major v. Wartenberg, über mineralische Wasser und Badeorte. Er war, um eine zerrüttete Gesundheit herzustellen, in allen Bädern umhergereist und wußte davon sehr gute Rechenschaft zu geben. Anfall des Frauenzimmers, das über die Schwelle stolperte und mit dem Kopf auf die Schwelle fiel und sich beschädigte. Unruh deshalb die ganze Nacht. Dem Großherzog unter die Mineralien vorgelegt.[143] Wegen einfallendem Regenwetter fuhr der Fürst nicht nach Königswart, wie vorgesetzt. Zu Tische für mich. Nebenstehende Briefe abgeschlossen und abgeschickt. König Louis, wie ich ihn noch immer gerne nennen mag, besuchte mich, und, was wahre Verhältnisse Schönes haben, es war immer das Alte, als wenn man sich gestern gesehn hätte.


Hiezu will ich anfügen: ich habe dein Schreiben vom 14. Juli 1823 richtig erhalten und wünsche, du förderst, was zu fördern ist. Ferner versichere, daß ich dich bald nach meiner Ankunft im halben September aus dem Hause jagen werde. Ich dachte dich erst einzuladen, mit dem Fuhrmannn, der mich abholen wird, hierher zu kommen; es ist aber besser, du gehst auf eigenen Wegen und Weisen.

Wenn Dame Ottilie mir von Eisenacher Abenteuern etwas vertrauen will, so soll es mir sehr erfreulich seyn; weiß sie dagegen im Tagebuch den Worten Terrasse, Gesellschaft, Familie den rechten Sinn zu geben, so ist sie ganz in meinem Geheimniß. Ulriken viele Grüße; eine sehr zierliche Berlinerin, ja mehr als zierlich, will ihrem Andenken unter dem Namen Lili empfohlen seyn. Ich weiß nicht, wie sie sonst heißt, es war aber eine wundersam artige Erscheinung. Zum Ende der dritten Woche geht das Badeschicksal schon merklich an, die ersten Bekannten entfernen[144] sich, der herannahende neue Monat bringt neue Gesichter, und man ist schon nicht recht mehr zu Hause. Zum deutlichern Begriff, was Tepl für ein schönes Local sey, lege des Prälaten Visiten-Charte bey.

Und nun noch einen Auftrag. In meinem Schatzkästlein, du weißt es, liegt ein Brief mit der Überschrift Au Roi Louis, schicke mir diesen mit der nächsten Sendung hieher. Es ist wunderbar genug, daß ich dieses verjährte Document endlich noch abgeben kann.

Nach allem diesen ist es für uns höchst interessant zu melden, daß die Jahreschronik meines Lebens, wie ich sie begonnen, über alle Hoffnung vorgeschritten ist. Rückt sie in den nächsten Wochen nur einigermaßen fort, so ist es ein incalculabler Gewinn.

Und somit endlich das schönste Lebewohl. Grüße die Kinder und veranlasse die Frauenzimmer, auch wohl Kräutern und Riemern, etwas von sich vernehmen zu lassen.

Marienbad den 25. Juli 1823.

G.


37/100.


An Joseph Sebastian Grüner

Ew. Wohlgeboren

vermelde, durch vorkommende Gelegenheit, daß es mir und allem, was mich zunächst berührt, recht wohl und glücklich geht, wie ich denn das Gleiche wünsche.

[145] Stadelmanns Excursion auf den Wolfsberg hat uns sehr bereichert; die Folge von Gebirgs- und Gangarten in ihrer Natur, dann aber durch's Feuer verändert, verschafft eine höchst instructive Übersicht, woran Sie gewiß Freude haben werden; besonders wenn wir, wie zu hoffen steht, eine parallele Sammlung von Albenreuth daneben legen. Manches Andere hat sich gefunden, wird jetzt geordnet, gepackt, zum Theil nach Hause zum Theil in die Fremde gesandt. Exemplare für Ihre Sammlung werden ausgesucht und mitgebracht.

Herr Baron v. Junker hat mich auf's gefälligste besucht und die allerschönsten Exemplare seines Bergwerkes mitgetheilt. Wenn Sie Gelegenheit finden, haben Sie die Güte, ihm vielmals zu danken, daß er Ihren Wunsch und Empfehlung so freundlich erfüllt hat; er gab mir zugleich einen Aufsatz, den ich abdrucken lasse und der bergkundigen Welt dadurch gewiß viel Antheil errege. Der August kommt heran und winkt zum Rückzuge, den ich denn über Eger zu nehmen und Sie dort schönstens zu begrüßen nicht verfehlen werde.

ergebenst

Marienbad den 28. Juli 1823.

J. W. v. Goethe.[146]


37/101.


An Joseph Sebastian Grüner

Ew. Wohlgeboren

gefällige Sendung macht mich immer neugieriger auf Albenreuth und Boden, und vermehrt das Verlangen, die dortigen Vorkommenheiten in Reih und Glied zu sehen. Der Wolfsberg ist nah dran, uns seine Geheimnisse aufzuschließen, ich hoffe, daß die Herrn Vettern nicht eigensinniger seyn werden. Die Sammlung beläuft sich schon auf 24 Nummern, und wir können hoffen, sowohl Neptunisten als Vulkanisten gefällig zu seyn, wenn wir ihnen da das Gefundene vorlegen und die Auslegung einem jeden überlassen.

Leben Sie recht wohl mit den theuren Ihrigen und in Hoffnung, daß der bekannte sichere Fuhrmann mich bald zu Ihnen bringen wird.

ergebenst

Marienbad den 29. Juli 1823.

J. W. v. Goethe.


Ich wünschte ein Pfund von der feinsten Wiener Chocolade; findet sich dergleichen in Eger, so bitte um gefällige Sendung. Einiges Geld liegt bey.

Auch würde mir ein Gefalle geschehn, wenn der Sonnenwirth mir etwa 8 Flaschen von dem Weine schickte, den ich bey ihm getrunken habe

G.[147]


37/102.


An Ottilie von Goethe

Wenn ich auch, meine liebe Ottilie, diese ganze Zeit her nicht an dich gedacht hätte, welches doch oft genug bey manchem guten Ereigniß geschah; so hättest du doch gestern an deines Königs Geburtstag mir immer gegenwärtig seyn müssen; wie du denn auch von Morgens bis Abends und zwar in der besten liebenswürdigsten Gesellschaft bey mir warst.

Nun vernimm aber, wie hoch man den König verehrt, indem sein Fest nicht schlechtweg nur einmal, sondern dreyfach gefeyert worden, und zwar deshalb, weil seine Verehrer über die Art und Weise sich nicht vereinigen konnten.

Ernste bedeutende Männer beschlossen sogleich eine ansehnliche Summe zum Stiftungs-Capital des neuen Hospitals anzufügen; andere, mehr weltlich gesinnt, wozu auch Rehbein sich gesellte, gaben einen großen Schmaus im neuen Traiteur-Hause. Das Schönste kam aber doch hier oben bey uns zu Stande, wo ein Tanzthee von Herren und Damen zahlreich besucht ward. Es ist wahr, man trank Thee und tanzte; allein später ward ein kaltes Abendessen an kleinen Tischen aufgestellt, köstlich bereitet und mit gutem Wein geschmückt, da denn zuletzt der König, unter dem Schall der Champangnerpfröpfe, dreymal hoch lebte, wozu die lärmenden Trompeten den Ausschlag gaben.

[148] Ich gelangte erst um Mitternacht zu Hause, woraus du errathen wirst, daß außer Tanz, Thee, Abendessen und Champagner, wovon ich nichts mitgenoß, sich noch ein Fünftes müsse eingemischt haben, welches auf mich seine Wirkung nicht verfehlte. Der Tanz war anmuthig und wohlbelebt; prächtige, zierliche, niedliche Tänzerinnen mehrerer Nationen thaten sich hervor, dich hatte ich wohl zu einer sehr artigen Polin gesellen mögen.

Überhaupt trifft dießmal so vieles zusammen, daß du dich auch ganz wohl gefunden hättest. Des Großherzogs Anwesenheit gibt unserer Terasse entschiedene Bedeutung; hier oben wohnen meist nur Freunde des Hauses, und so ist man immer in guter und ansehnlicher Gesellschaft. Für den Fürsten fand sich einiges Anziehende, der Herzog von Leuchtenberg nahm keinen Anstand sich auch etwas Hübsches auszusuchen; und wenn der Graf St. Leu besser auf den Füßen wäre, so, dächt ich, könnte auch ihn das allgemeine Schicksal der Bezauberung hinreißen, welche sogar unsern Nachbar v. Helldorf ergriffen.

Zum völligen Schluß dürfte noch eine Verlobung statt finden; die Braut wäre hübsch und reich genug, der Bräutigam nicht von den Schlimmsten; dem ich das doppelte Glück gerne gönnen wollte.

Hiermit bin ich also am Ende meiner Comödie, die sich wenigstens auf eine befriedigende Weise nach altem herkommen abzuschließen trachtet. Lebe wohl,[149] schreibe mir bald mit ähnlicher Confidenz. Ich habe nicht Lust zunächst von hier wegzugehen; schöne Wohnung, die beste Nachbarschaft und; seit einiger Zeit das herrlichste Wetter. Von meinem Befinden will ich nichts sagen; aus Vorstehendem erhellt, daß meine Gebrechen mich wenigstens nicht hindern vergnügt, ja beynahe glücklich zu seyn. Grüße Ulriken, deren Name als vorzüglichstes Ingredienz dieser Zustände sich täglich beweist. Küsse die Kinder und wiederhole die Zusage von vielen Pfeffernüssen. Der Gemahl wird sich reisefertig halten, denn wie ich nach Hause komme, mag er sich denn auch einmal auf seine Weise in der lieben Welt umsehn. Alles Gute mit euch.

Der treue Apapa.

Marienbad den 4. August 1823.


37/103.


An August von Goethe

Zum 24. Juli.

Abends zum Ball aus dem Stegreife. Kleines Abendessen bis Mitternacht. Einige Herren sangen zur Guitarre muntere Lieder mit Chorus.


Freytag den 25. ejd.

Obenstehende Expeditionen gänzlich abgeschlossen und Rath Haagen übergeben. Bey der Gesellschaft. Der Großherzog kam nachher in meine Wohnung.

[150] Eversmanns Reise von Orenburg nach Bochara. Gespräch darüber. Stadelmann setzte das Einpacken fort. Serenissimus fuhren nach Königswart zur Herzogin von Württemberg. General Glitzky. Vor Tische bey der Familie. Kamen die Gäste; ich unterhielt mich mit Staats-Minister v. Bülow. Zu Hause gegessen. Das Einpacken fortsetzt. Auch Eversmanns Reise fortgelesen. Abends bey der Gesellschaft, kleine Spiele. Mit Minister v. Bülow wissenschaftlich-positiven Vortrag. Bald nach Hause.


Sonnabend den 26. ejd.

Das Jahr 1817 nochmals schematisirt und abgeschlossen. Gelesen Racine et Shakespeare; sodann Les hermites en prison, par E. Jouy et Jay, Paris 1823. Auf der Garten-Terasse. General Glitzky und Familie. Serenissimus waren nach Franzenbrunnen gefahren. Mittag für mich. Bey Graf St. Leu, den ich nicht antraf. Abends auf der Terrasse, wo ich mit v. Schack lange auf- und abging. Sodann zum Thee, Frau Gräfin Nostitz mit beiden Töchtern war gegenwärtig. Die Frauenzimmer tanzten nach dem Flügel, den Graf Klebelsberg schlug. Die französischen Hefte ausgelesen.


Sonntag den 27. ejd.

Meteorologische Beobachtungen von Tepl einigetragen in die Tabelle. Hefte von Pilsen. Die prosaische Übersetzung von Homer gelesen. Mittag für[151] mich. Suchte nach Tische den Grafen St. Leu, der indessen auf die Terasse, gekommen war. Mit mir auf's Zimmer; wir sprachen über die Nothwendigkeit des Reims in französischer Poesie, von der Möglichkeit, ihn abzuschaffen oder einzuschränken. Derselbe schickte mir nachher einige Hefte, worin ich las. Spazieren gefahren bis über'n Damm vom großen Teiche. Abends auf den Ball. Um 10 Uhr nach Hause. Einige Gedichte.


Montag den 28. ejd.

Die Hefte des Grafen St. Leu studirt. An der Ordnung der Mineralien des Wolfsbergs fortgefahren. Auf der Garten-Terrasse. Mittag für mich. Fortgesetzte Lectüre. Mit Rehbein an den Ferdinandsbrunnen. Serenissimus kamen ein Glas zu trinken. Auf der Terasse. Die gräflich Nostitzische Familie kam herab. Abends kleine Spiele und Tanz. Meteorologisches von Weimar.


Dienstag den 29 ejd.

Einiges aus dem Kalender abdictirt und selbst mundirt. Den Auszug der Kritik revidirt. Am Brunnen, gesprochen mit Grafen St. Leu, Grafen Nostitz und anderen mehr. Mittag, für mich. Regisseur Wolff und Maler Hensel von Berlin. Mit beiden spazieren gefahren nach dem Teiche von Kuttenplan. Abends bey der Gesellschaft. Nachts am Tische.


[152] Mittwoch den 30. ejd.

Wolff und Hensel; letzterer zeichnete. Graf Stroganoff; Minister Bülow später. Mittag Wolff und Hensel zu Tische. Die Fürstin Hohenzollern und Gräfin Loeben. Erbgroßherzog; v. Beulwitz. Abends auf den Ball. (Früh Serenissimo die Zeichnungen vorgewiesen, ingleichen der Familie.)


Donnerstag den 31. ejd.

Auszug der Kritik. Maler Hensel, vorher Wolff, über theatralische und eigene Angelegenheiten. Erinnerung voriger Jahre. Werthschätzung derselben. Fürstin Hohenzollern, Gräfin Loeben, zusehend Henkels Zeichnung. Auf der Terasse Herr Präsident v. Heydebreck, begleitete ihn in's Zimmer, wo wir seine kranke, von der Reise sehr angegriffene Frau fanden. Mittag bey mir; die beiden Berliner waren abgereist. Abends auf der Promenade bey'm Brunnen. Sodann auf der Terrasse mit Major v. Wartenberg. Später für mich. Einiges Naturwissenschaftliche bedacht. War nach Tische Piotrowsky da gewesen.


Freytag den 1. August.

Früh aufgestanden; in die Prommenade. Der Herzog und Prinz Gustav von Mecklenburg. Zu Hause einiges wenige an der Kritik. Mit den Schwestern spazieren gegen die Mühle. Zu dem Graf St. Leu. Bey Frau v. Struve vorgefragt. Dieselbe nebst[153] Tochter und v. Mannsbach auf der Allee gefunden. Herr v. Mannsbach war angekommen. Mittag zu Tische. Die Wolfsberger Suite immerfort eingepackt. Abends auf der Prommenade mit dem Grafen St. Leu viel auf- und abgegangen. Französisches Theather reihenweise durchgesprochen. Ingleichen Doctor Scheu wegen des Grafen Gesundheitszuständen. Herr v. Mannteufel ging nach Franzenbrunnen, seine Familie in den Stern zu holen. Abends auf der Terasse.


Sonnabend den 2. ejd.

Zu des Großherzogs Frühstück auf der Terasse; Versuch einiges zu arbeiten. Der schwarze Spiegel kam zurück. Sendung von Eckermann. Fortgesetztes Einpacken vulkanischer Vorkommenheiten. Frau Ober-Präsident v. Heydebreck. Abschrift des zweyten Gesangs der Ilias. Kurze Betrachtungen von Zauper. Mittag für mich. Nach Tische auf der Terrasse. Abends zu und von der Comödie. Frau v. Struve. Später im Freyen. Dann bey Tische.


Sonntag den 3. ejd.

Durch Zufälligkeiten aufgefordert zu Thätigkeiten. Manches Versäumte nachgeholt. Catalog der Wolfsbergs-Mineralien. Ein junger wackerer Studiosus Koren (wird ausgesprochen Korschen). Den zweyten Gesang der Ilias mundirt. Überlegung über Zaupers Brief. Mittag für mich. Nach Tische auf die Terrasse.

[154] Mit Hofrath Rehbein auf den Kuttenplaner Teich. Dreyfache Feyer des königlichen Geburstages. Differenzen deshalb. Staats-Minister v. Bülow. Geschichte der Aderlaß. Griechische Terminologie. Zurück. Spaß über den Tyrannen. Zum Thé dansant, wo mir viele ältere und neuere Badegäste bekannt wurden.


Montag den 4. ejd.

Briefe concipirt. Stadelmann war nach Sangerberg gefahren. In der Vorhalle gefrühstückt. Bey Baron v. Greiffenclau, Abschied zu nehmen. Die Dame kam noch herüber. Man blieb bis zur Tischzeit. Klarer und heißer Tag. Nach Tische Herr v. Piotrowsky. Erzählung der Tragödie Luidgarda. Alsdenn viel über bildende Kunst, Poesie und was er auf seinen vielen Reisen gesehen hat. Wegebauinspector Ritter von Prag, schöne Wawelliten bringend, die in seinem Bezirke vorkommen. Nachher auf der Terasse. Mit Serenissimo, der Familie und Oberpräsidenten Hydebreck; erst an den Ferdinandsbrunnen, dann ohne letztere nach dem Hammerhof. Drohende Gewitter hatten von allen Seiten den Horizont überzogen. Der obere Himmel war bey einbrechender Nacht wieder klar. Die Sterne und die Milchstraße zeigten sich hell. Um Mitternacht stand eine breite graue Nebelwolke im Mittag. Dann zogen Donnerwetter herauf von Westen und Süden. Es blitzte und regnete stark.


[155] Dienstag den 5. ejd.

Früh Berg-Dampf, der sich in die Luft verzog. Fortdauernde Tendenz des oberen Himmels zur Wasservereinung und Cirrusbildung. Erfindung gewisser Scenen. Nicht getrunken. Der Mann von funfzig Jahren. Abschriften fortgesetzt. Bey des Großherzogs Frühstück. Zum Grafen v. St. Leu, mit den Polinnen. Wieder herauf. Zu Grafen Mannteufel. Zur Familie. Die Kinder hatten einen großen Bergspaziergang gemacht. Der Großherzog fuhr nach Plan auf die Jagd. Mit General Schack, vor dem Hause mannichfaltiges Gespräch. Besonders über russische Verhältnisse. Fissel, Bankal-Inspector von Klattau; zu danken für die Freundlichkeit, die ich bisher für sein Kind gehabt hatte. Auf der Terasse. Mit Herrn und Frau v. Heydebreck gesprochen. Mit den Schwestern auf den Waldsitz. Über den Kreuzbrunnen nach Hause. Der Großherzog kam von der Jagd. Blieb bey der Gesellschaft und bey'm Abendtisch.


Den 25. Juli ist ein Brief mit Abschrift der Tagebücher, ingleichen zwey Schreiben, eins an die Frau Großherzogin, das andere an Zelter, an dich abgegangen, welcher am 31. bey dir noch nicht angekommen war, jetzt aber wohl in deinen Händen und besorgt seyn wird. Deine Sendung vom 31. hat mir Freude gemacht, und so folgt denn dagegen die Fortsetzung[156] des Tagebuchs, woraus meine Lebensweise zu ersehen ist. Ottilien hab ich überdieß noch die Festlichkeiten vom 3. August näher beschrieben.

Mehr wüßt ich kaum hinzuzusetzen; dem Großherzog bekommt das Bad sehr wohl, könnte er noch 14 Tage hier bleiben, so würde es höchst vortheilhaft seyn. Den 16. werdet ihr ihn in Weimar sehen.

Aus meiner Tagesgeschichte ist schon ersichtlich, daß es mir gut geht; ein leidliches Befinden nach meiner Art ist wenigstens niemals unterbrochen worden, und dieß muß man dankbar anerkennen. Bewegung, Zerstreuung und das gewohnte Wasser noch stärker und wirksamer haben den erwünschten Einfluß.

Ich denke Mitte Septembers wieder in Jena zu seyn, wo ich einige Tage mit dir zuzubringen und unsere öffentlichen und häuslichen Angelegenheiten zu besprechen wünsche. Richte dich ein, alsdann ungesäumt aufzubrechen, um deine vorgesetzte, Reise zu vollbringen; schreibe mir deine Gedanken; den Tag, wo du den Kutscher abzuschicken hast, bestimme nächstens, etwa den 13. dächte ich in Jena einzutreffen.

Lebe wohl, mein Bester, und erfreue dich des Umgangs mit dem Engländer; ich habe dir lange dergleichen gewünscht.

Und so möge noch manches Gute kommen und bleiben.

in Lieb und Treue

Marienbad den 6. August 1823.

G.[157]


37/104.


An Joseph Stanislaus Zauper

Nach einer bedeutenden Abwesenheit bey'm Wiedersehen nur auf kurze Zeit beysammen zu verweilen, ist nicht wohl gethan; man will sich bedeutend unterhalten, befleißigt sich einer gedrängten Rede; Prämissen überhüpft man und eilt auf's Resultat; Enthymeme glücken nicht immer, deren geheime Vordersätze leichter zu finden sind. Zu dieser Betrachtung veranlaßt mich eine Stelle Ihres Briefes, wo Sie sagen, daß Sie sich den ganzen Inhalt unseres Gesprächs noch nicht aneignen könnten. Indessen bleibt ein solches kurzes Zusammentreffen immer höchst erfreulich; man versichert sich abermals der Gegenwart, man erlangt die schönste Gewißheit beiderseitigen Daseyns und Antheils.

Für die Aphorismen danke zum schönsten; ich ließ Abschrift davon nehmen, denn der Werth der selben ist für mich höchst bedeutend; ich sehe daraus die Einwirkung meiner Arbeiten auf Sie abermals klarer und im Besondern, die frühere, spätere, Ihre Denkweise, und wie Ihr sich reiner anschließt. Ich nenne hier Urtheil: Lust und Liebe, alles an seinen Platz zu stellen, oder vielmehr an seinem Platz zu lassen.

Sodann, was außerdem nicht leicht zu mir kommt, erfahr ich, wie ein Theil der Ration über meine[158] Bemühungen dachte und denkt, woraus zu ersehen ist, wie wenig Förderliches hervorgeht aus der Menge.

Die rhythmische Übersetzung der Ilias ruhen zu lassen thaten Sie wohl; wie unser Öffentliches gegenwärtig steht, ist kein Dank dafür zu erwarten; aber ich rathe, von Zeit zu Zeit daran fortzufahren, theilweise, wenn Ihnen im Augenblick irgend eine Stelle besonders auffällt und lieb wird. Sie können nach und nach die beiden wichtigsten Gedichte der Welt Ihren Schülern immer näher heranbringen und sich selbst für alle Zeiten eine fortschreitende Belehrung sichern.

Die prosaische Übersetzung betrachte nicht weniger als ein sehr fruchtbares Unternehmen. Es ist mir dabey eine Einsicht gekommen, über die ich erstaunen mußte. Bey dieser Behandlung wird der außerordentliche Laconismus des Gedichtes auffallend, eine Keuschheit, Sparsamkeit, beynahe Kargheit in der Darstellung, bereichert durch Beywort und Gleichniß, belebt und aufgeschmolzen durch den Rhythmus.

Ich ließ vom zweyten Gesange eine Abschrift nehmen, um ihn neben mich hinzulegen und von Zeit zu Zeit, nach einigem Gefühl und Sinn, einiges umzuändern; daraus entwickelt sich am leichtesten, was man meynt, da es als Maxime oder Lehrbegriff sich nicht wohl mittheilen läßt, weil das Urbild organisch verschlungen und lebendig ist, die Nachbildung aber auch so werden soll.

[159] Und so gehe denn das Blatt ohne weiteres zu Ihnen und begleite freundlich das Mitgetheilte. Eh ich von hier abgehe, schreib ich noch einige Worte, Dank und Wunsch zum Abschied auszudrücken.

aufrichtig theilnehmend

Marienbad den 6. August 1823.

J. W. v. Goethe.


37/105.


An Joseph Stanislaus Zauper

[Concept.]

[Marienbad, 11. August 1823.]

Bey herannahender Abreise von Marienbad begrüß ich Sie noch einmal mein Werthester, mit Erinnerung an alles Gute, was Sie mir mitgetheilt, und im Bezug auf mein Voriges.

Zugleich vermelde, daß ich wahrscheinlich auf Ihre Anregung einen sehr angenehmen Besuch vom Herrn Wegebauinspector Ritter gehabt, der mir gleichfalls sehr instructive Wawelliten mitbrachte, wodurch nun die Formation dieses schönen Minerals den Naturfreunden deutlicher werden kann.

Obgleich nun Diener den Wolfsberg besucht und manches daher zurückgebracht, so bitte doch wenn unter der Zeit etwas daher oder sonstiges Instructive in Ihre Hände kommt, solches über's Jahr aufzuheben, wenn uns ein günstiges Geschick wieder zusammenführt. Für den übersendeten kleinen Riß des großen Gebäudes danke zum allerschönsten; erst wußt[160] ich, wie regelmäßig die Stadt Pilsen gebaut sey, nun ist mir auch vor Augen, wie palastartig die Studien wohnen.

Ihre Wünsche erfüll ich von Haus aus und wünsche Erfreuliches und Nützliches leisten zu können.


37/106.


An Johann Heinrich Meyer

Sie, mein theuerster Freund, so nahe und doch nicht in der besten Gesundheit zu wissen beunruhigt mich schon einige Zeit, und ich hätte schon eher geschrieben, wenn nicht in diesen Tage die Turbulenz des Abscheidens fast aller Gäste der ersten Epoche uns verwirrt und um die Zeit gebracht hätte. Schreiben Sie mir also ja einen Brief nach Eger, abzugeben in der Sonne, wohin ich mich nächstens verfügen werde. Mir ist es ganz gut gegangen, des Großherzogs Anwesenheit brachte Leben und Lust in die ganze Colonie; nun stirbt alles nach und nach aus, und ich werde nächstens also auch abscheiden.

Ob ich Sie in Carlsbad besuchen kann, weiß ich nicht; auf alle Fälle seh ich Sie in Eger bey Ihrer Durchreise denn ich bleibe noch etwas länger in dieser Gegend. Grüßen Sie mir Ihre liebe Gattin und Gesellschafterin bestens und schreiben Sie mir doch,[161] wen Sie von bedeutenden guten Menschen angetroffen und zur Gesellschaft gehabt haben.

Alles Gute mit Ihnen.

treulichst

M. B. d. 13. Aug. 1823.

J. W. v. Goethe.


37/107.


An Joseph Sebastian Grüner

Ew. Wohlgeboren

begrüße abermals zum allerschönsten! Nach der Abreise unseres gnädigsten Herrn

fehlt uns sehr viel; ein Mittelpunct, von dem das Leben ausgeht, und worin sich's wieder vereinigt.

Nun rückt denn auch die Zeit näher, wo ich das Vergnügen hoffe, Sie wieder zu sehen. Mögen Sie indeß Herrn Huß vermelden, daß ich zwey Medaillen für ihn vom Professor Zelter erhalten habe; es sind akademische Denkmünzen, die gegenwärtig sehr selten zu finden sind. Möge der Empfänger deshalb die Verspätung entschuldigen.

Wollten Sie wohl von Redwitz ein Kistchen mit Pfefferkuchen, wie ich sie vor'm Jahre erhalten, abermals bestellen und herüber kommen lassen, meine lieben Enkel warten darauf mit Sehnsucht. Will Herr Fikentscher die graphische Barometer-Darstellung von dort für die letzte Zeit beylegen, so kann die Wissenschaft auch bey dieser Gelegenheit gewinnen.

[162] Stadelmann zieht abermals auf den Wolfsberg, ich aber darf es nicht wagen; doch ist Stadelmann so wohl unterrichtet und hat bey seiner ersten Fahrt so viel geleistet, daß er uns gewiß befriedigen wird; auch dasjenige, worauf Sie in Ihrem Schreiben aufmerksam gemacht haben, ist ihm eingeschärft worden. Albenreuth hingegen, hoff ich, soll uns gesellig unterhalten und belehren.

Leben Sie wohl zum allerschönsten und haben Sie die Güte, am 19. den wackern Fährmann hier eintreten zu lassen, damit ich am 20. zeitig bey Ihnen sey. Möge alles Gute mit Ihnen und den Ihrigen verbleiben.

ergebenst

Marienbad den 13. August 1823.

J. W. v. Goethe.


37/108.


An Ottilie von Goethe

Liebe Tochter.

»Die schönen Tage von Aranjuez sind nun vorüber!« so pflegen die Weimaramer zu sagen, wenn sie eine vergangene heitere Zeit zu beklagen Ursache finden. Am 9. reiste der Großherzog ab, der vieles verband und belebte; die schönsten Ballkleider seh ich einpacken, die Hüte nebenbey, und in wenig Tagen ist die belobte Terrasse zur vollkommnen Wüste geworden. Das war nun also wieder einmal ein Badeleben, wo[163] alles in vier, fünf Wochen vorüber ist. Neuerlich sind zwar wieder schöne und hübsche verständige Personen angelangt, für die man aber weder Sinn noch Gespräch übrig hat. Graf St. Leu wird mir die übrigen Tage meines hiesigen Aufenthalts heitern, angenehm und nützlich machen. Damit du aber siehst, was für ein grundguter und anmuthiger Mann es ist; so send ich einige seiner Gedichte, die dich gewiß freuen werden; nur mußt du sie nicht mit den energischen Productionen des englischen Heros vergleichen. Mir wenigstens haben sie in gegenwärtiger Stimmung einen wahrhaft elegischen Effect gemacht. Am mehrere hab ich ihn noch ersucht, damit sich ein gewisser lyrischer Kreis bilde, der sich in sich selbst abschließt und so manifestire.

Stadelmann klopft noch immer im Lande herum, John beobachtet Barometer und Wolken, da ich denn beiden in Gedanken folge und nach meiner Weise Theil am Geschäft nehme.

Bis den 20. d. M. hab ich hier noch immer zu thun und zu schaffen, wobey die Einsamkeit sehr dienlich seyn wird, manches bisher gesellig Versäumte nachzuholen. Dann ist mein Vorsatz nach Eger zu gehen, mit Rath Grüner allerlei neue geognostische Untersuchungen zu revidiren. Ob ich nach Carlsbad komme, weiß ich nicht zu sagen.

In diesem Augenblick langt dein Schreiben an mit Byrons Brief u.s.w. Da muß ich, um zu erwidern,[164] andere Saiten aufziehen. In wenig Tagen ist das hiesige Mährchen ausgespielt; von Eger vernehmt ihr gleich das Weitere. Ich befinde mich so wohl, als ich wünschen kann.

Grüße und küsse die Kinder; es ist recht lustig, wenn die Enkel über des Großvaters Thorheit erstaunen und sie sich als wichtige Begebenheiten einprägen. Soviel für dießmal; was noch zu sagen wäre, muß auf eine mündliche, vielleicht wieder einmal mitternächtige Unterhaltung aufgespart werden.

Und doch, um keine leere Seite zu lassen, einige Fallsterne, wie sie in schöner klarer Nacht vorüber streifen.

Der Eurige

Marienbad den 14. August 1823.

G.


Du hattest längst mir's angethan,

Doch jetzt gewahr ich neues Leben:

Ein süßer Mund blickt uns gar freundlich an,

Wenn er uns einen Kuß gegeben.


Du Schüler Howards wunderlich

Siehst Morgends um und über dich,

Ob Nebel fallen? ob sie steigen?

Und was sich für Gewölke zeigen.


Auf Berges Ferne ballt sich auf

Ein Alpenheer, beeist zu Haus,

Und oben drüber flüchtig schweifen

Gefiedert weiße lustige Streifen;

Doch unten senkt sich grau und grauer

Aus Wolkenschicht ein Regenschauer.[165]


Und wenn bey stillem Dämmerlicht

Ein allerliebstes Treugesicht

Auf holder Schwelle dir begegnet,

Weißt du, ob's heitert? ob es regnet?


Wenn sich lebendig Silber neigt,

So gibt es Schnee und Regen,

Und wie es wieder aufwärts steigt,

Ist blaues Zelt zugegen;

Auch sinke viel, es steige kaum

Der Freude Wink, des Schmerzens,

Man fühlt ihn gleich im engen Raum

Des lieb-lebend'gen Herzens.


37/109.


An Johann Peter Eckermann

[Concept.]

Das Inhalts-Verzeichniß, mein Werthester, ist mir zur rechten Zeit gekommen und entspricht ganz meinen Wünschen und Zwecken. Lassen Sie mich die Frankfurter Zeitungsblätter bey meiner Rückkehr auf gleiche Weise redigirt finden, so zolle den besten Dank, welchen ich vorläufig schon im Stillen entrichte, indem ich Ihre Gesinnungen, Zustände, Wünsche, Zwecke und Plane mit mir theilnehmend herumtrage, um bey meiner Rückkunft mich über Ihr Wohl desto gründlicher besprechen zu können. Mehr sag ich heute nicht der Abschied von Marienbad gibt mancherlei[166] zu denken und zu thun, während man ein allzu kurzes Verweilen mit vorzüglichen Menschen gar schmerzlich empfindet.

Möge ich Sie in stiller Thätigkeit antreffen, aus der denn doch zuletzt am sichersten und reinsten Weltumsicht und Erfahrung hervorgehen. Leben Sie wohl; ich freue mich auf ein längeres und engeres Zusammenseyn.

Marienbad den 14. August 1823.

Goethe.


37/110.


An Joseph Sebastian Grüner

Ew. Wohlgeboren

und mir selbst wünsche Glück, daß alles meinem gnädigsten Herrn und auch denen, die mit ihm in Berührung kamen, zu vollkommener Zufriedenheit gediehen ist.

Meinem Schreiben vom 13. gemäß könnten Sie also, wie Sie unter'm 12. melden, am 19. hieher kommen, diesen Abend oder auch der folgenden Tag verweilen, da wir denn sodann die vorgeschlagene Tour antreten würden. Auf ein oder ein paar Tage kommt es nicht an; verfahren Sie ganz nach Gelegenheit und Bequemlichkeit. Ich freue mich gar sehr auf Wiedersehnen und wechselseitiges Treiben und Wirken.

Meine Equipage geht etwas später, wir werden also ganz leicht seyn.

ergebenst

Marienbad den 15. August 1823.

Goethe.[167]


37/111.


An Heinrich Christian Gottfried von Struve

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

durch Gegenwärtiges nach langer Zeit wieder einmal zu begrüßen ergreife die angenehmste Gelegenheit und übergebe Ihrer Frau Gemahlin Beykommendes, das wenn es auch das Gewünschte nicht enthält, wenigstens mein Andenken bey Denenselben auf's neue vermitteln wird.

Vielleicht kann ich bey dießmaligem Aufenthalt in Böhmen von den bemerkten Stücken noch einiges erhalten, zu Hause bin ich gewiß wenigstens einen Theil zu finden. Das Werk zu Schlackenwalde wird nicht schwunghaft betrieben, und der vorige, mir gewogene Bergmeister ist nach Mies versetzt.

Nehmen Ew. Hochwohlgeboren deshalb einen Mustertheil des dießjährigen Gewinns vom Wolfsberg bey Czerlochin.

Nr. 1) Augitfels, durch's Feuer verändert, mit eingeschlossenen dergleichen Crystallen.

Nr. 2) Größerer einzelner Crystall, dessen Abstumpfung man wohl der Gluth zuschreiben möchte.

Nr. 3) Dergleichen; man glaubte an den durchglühten Crystallen einen muscheligen Bruch hie und da zu bemerken.

Nr. 4) Ein Crystall, zur Hälfte mit fest anschließenden, wahrscheinlich eingebrannten Theilen von[168] rothem Thon. Das Übrige sind kleinere, jedoch deutliche Crystalle, wegen verschiedener, mehr oder weniger vollständigen Form einem oryktognostischen Kabinett vielleicht nicht unangenehm.

Verzeihen Hochdieselben die Anmaßung, Wasser in den Rhein zu tragen; sie entsprang in Erinnerung voriger guter Zeiten und wünschenswerther Geneigtheit. Der ich die Ehre habe mich hochachtungsvoll zu unterzeichnen.

Marienbad den 16. August 1823.


37/112.


An die Gesellschaftdes vaterländischen Museums in Böhmen

Des Herrn Präsidenten Grafen Kaspar v. Sternberg Excellenz haben vor einem Jahre die hier in Marienbad geognostisch beschäftigten Liebhaber und Sammler auf die höchst bedeutende Einwirkung aufmerksam gemacht, welche die Marienquelle über das festeste Gestein, so gelind als mächtig, ununterbrochen ausübt. Diesem Wink hat man im laufenden Jahre Folge zu leisten gesucht und bey günstiger Gelegenheit viele dergleichen angegriffene Steine zusammengebracht. Dadurch sieht man sich nun vorbereitet eine Sammlung aufzustellen, in welcher die verschiedensten originären Gebirgsarten ihrer Natur und Art gemäß auf die mannichfaltigste Weise verändert und zerstört erscheinen.

[169] Eine solche Sammlung hält man doppelt für Pflicht dem Prager hochansehnlichen Museum anzubieten; sie liegt oben in dem nächst abzusendenden Kästchen, man bittet sie behutsam auszupacken, da die meisten Stücke sich leicht zerbröckeln.

Unmittelbar unter dieser Sammlung liegt eine andere gleichfalls bedeutende. Es ist die Folge vom Wolfsberg bey Czerlochin, in welcher man erst das originäre Gebirg in seiner natürlichen unveränderten Gestalt, ferner dasselbe durch Feuer verwandelt, vom kenntlichen bis zum unkenntlichen Zustand geordnet hat.

Wie sich sodann diese Erfahrungen an das gegenwärtige Bedürfniß der Wissenschaft in diesem so streitvollen Capitel anschließen, wird ein umständlicher Aufsatz in der Folge, darzuthun suchen. Wie ich denn auch von Eger aus noch einiges hierin Einschlagende, nicht Unbedeutende zu übersenden hoffe.

Möge ich auf diese Weise meine ehrfurchtsvolle Dankbarkeit gegen das würdige National-Museum und dessen hohe Beförderer an den Tag legen, für das ausgezeichnete Wohlwollen, womit sie mich in ihrem wirksamen Kreise aufzunehmen geruhten. Mich fernerhin zu günstigem Andenken angelegentlichst empfehlend.

gehorsamst

Marienbad den 16. August 1823.

J. W. v. Goethe.[170]


Durch das Gas des Marien-Brunnens;

angegriffenes Grund-Gebirg.


1) Grobkörniger Granit mit schwarzem Glimmer.

2) Feinkörniger Granit.

3) Feinkörniger Granit mit schiefriger Textur.

Ein Stück von mittlerm Korn.

4) Quarzgang, worin die Zellen des Feldspats noch zu sehen.

Granit, wo der Quarz überwiegend war.

Drey kleinere dergleichen.

5) Gneis von mittlerm Korn.

6) Desgleichen etwas gröber.

7) Desgleichen noch gröber.

8) Beynahe dasselbe, nur seiner.

9) Desgleichen ganz leicht.

Desgleichen von dem allerfeinsten.

10) Hornblende mit Almandinen.

11) Gesundes Gestein, nur von außen angegriffen.

12) Desgleichen mehr und schon zellig.

13) Desgleichen beynahe ganz aufgezehrt.

14) Ganz zellig, die Almandinen nur wenig bemerkbar.

15) Ein kleines Stück mit noch aufsitzenden Almandinen.

16) Völlig bimsteinartig, ohne Spur des Gesteins.

17) Durch's Feuer weißgebranntes.

18) Ein dem Glimmerschiefer verwandtes Gestein[171] mit großen Almandinen, die im gesunden Zustande als schwarze Puncte sichtbar sind.

19) Ausgefressener Gneis von der rechten Seite der Straße nach Tepl.

20) Porphyrartiges Gestein als Gangart im Granit vorkommend, wo bloß die seinen Gänge vom Quarz stehen geblieben.


Gebirgs-Arten

des Wolfsbergs.


1) Thonschieser, ursprünglicher.

2) Derselbe, durch's Feuer gegangen, heller und dunkler geröthet.

3) Derselbe, ganz geröthet.

4) Dergleichen.

5) Quarzgestein, aus keilförmigen Stücken bestehend.

6) Diese Keilchen allein, auf den Klüften sehr geröthet.

(Diese Steinart schien sehr problematisch, bis man sie in ihrem natürlichen Zustand gefunden, nämlich:)

7) Stenglicher Quarz, oder vielmehr Amethyst-Gang aus einem ursprünglichen Quarzgange.

8) Dergleichen Crystalle einzeln.

9) Ursprünglicher Basalt.

10) Ursprünglicher Augitfels.

11) Dergleichen.

12) Dergleichen durch's Feuer verändert.

13) Dergleichen mit anliegendem Thonschieser.

[172] 14) Bis zur blasigen Schlacke verändertes Augitgestein mit vorstehendem deutlichen Crystall.

15) Dergleichen.

16) Verschlacktes und zusammengebacknes Stück.

17) Von außen verschlackter, inwendig noch zu erkennender Thonschiefer.

18) Dergleichen.

19) Feinlöchrige Schlacke.

20) Schlacke mit größern Löchern.

21) Augitcrystalle, schwarz.

22) Ähnliche, aber roth und seltener zu finden.

23) Schiefriger Quarzgang, durch's Feuer verändert.

24) Derselbe im natürlichen Zustande.

(NB: Beide letztern waren zwischen 4 und 5 zu legen.)

Ferner ist zu bemerken, daß, um die Sammlung an die vorjährige anzuschließen, die Erscheinungen des Grundgebirges zwischen hier und Tein einzuschalten sind.

Marienbad den 16. August 1823.

J. W. v. Goethe


37/113.


An Clemens Eckl

[Concept.]

[Marienbad, 18. August 1823.]

In Hoffnung, daß die beiden hier verzeichneten Gebirgs- und Mineralien-Folgen dem Tepler Museum[173] angenehm seyn werden, indem solche sich an die voriges Jahr übersendete mehr oder weniger anschließen, pack ich solche kurz vor meiner Abreise zusammen mit dem Wunsch, daß sie glücklich in Ihre Hände gelangen mögen. Stellen Sie dieselbe neben das übrige bedeutende, daselbst schon Verwahrte und gedenken meiner dabey zum besten. Des Herrn Prälaten Hochwürden mich angelegentlichst empfehlend.


37/114.


An Ottilie von Goethe

Dein Schreiben, allerliebste Tochter, kam wie aus einer andern Welt in dieses extemporirte Tags-Interesse, wo im Wirbel der verschiedensten Elemente sich ein gewisses Irrsal bewegt, das die Übel vermehrt, von welchen man sich befreyen möchte. Denke nun zwischen durch vieles Würdige, das man erst erkennt, wenn es vorüber ist; so begreifst du das Bittersüße des Kelchs, den ich bis auf die Neige getrunken und ausgeschlürft habe.

Wie ernst und groß Lord Byrons Abschied in solchen Augenblicken mir erschienen, fühlst du mit; es war als wenn man auf einer Maskerade das Wichtigste, was nur auf's Leben einwirken möchte, unvermuthet erführe.

Daß mein Gedicht an ihn, mit reinem Gemüth und Sinn geschrieben und abgesendet, wohl empfangen[174] seyn werde, war ungezweifelt; daß aber, durch die wunderbarste Verwicklung der Werth dieser Zeilen erhöht und die Erwiderung so bedeutend seyn sollte, das konnte nur eine dämonische Jugend bewirken, die etwas Frohes und Freundliches bezweckt und, selbst mehr als sie will und weiß, am Ende zu ihrem eigenen Erstaunen zu vollbringen berufen ist.

Ich freute mich schon, als August mir von seinem guten Willen gegen Sterling schrieb; vom ersten Augenblicke an war ich ihm geneigt, und daß er sich so in uns alle hereinfügt, ist mir eine wahre Lust. Verzeihung! – aber das Zusammenseyn so guter verständiger und geistreicher Menschen, als wir sind, war mitunter so stockend als möglich, zu meiner Verzweiflung; es fehlte ein Drittes oder Viertes, um den Kreis abzuschließen.


Marienbad den 18. August 1823.

Und so sag ich nunmehr, meine Liebe, die letzten Worte in Marienbad. Wenn dieses Blatt mit etwas tristen Betrachtungen anfing, so kann ich nun dagegen mit recht heitern Empfindungen schließen. Alles ist mir über Wissen und Wollen gut gelungen, befriedigend für Herz, Geist und Sinn, wie man sonst zu reden pflegt.

Madame Milder hab ich singen hören, im engen Kreise, kleine Lieder, die sie groß zu machen verstand; es ist auch gut, daß man dergleichen Musterstücke nur[175] unerwartet vernimmt. Madame Szymanowska, ein weiblicher Hummel mit der leichten polnischen Facilität, hat mir diese letzten Tage höchst erfreulich gemacht; hinter der polnischen Liebenswürdigkeit stand das größte Talent gleichsam nur als Folie oder, wenn du willst, umgekehrt. Das Talent würde einen erdrücken, wenn es ihre Anmuth nicht verzeilich machte.

So geh ich nun von Marienbad weg, das ich eigentlich ganz leer lasse; nur diese zierliche Tonallmächtige und den Grafen St. Leu noch hier wissend. Alles andere, was mich leben machte, ist geschieden, die Hoffnung eines nahen Wiedersehens zweifelhaft. Mittwoch den 20. geh ich von hier ab, Rath Grüner kommt mich wegzunehmen und zu dem todten und doch als pis aller so interessanten Gestein zurückzuführen.

Auch in diesem alten Irdischen, so wie im neusten Himmlischen, hab ich köstliche Erfahrungen gemacht; schöne Zusammenstellungen sind mir geworden, woran mir ganz alleine leid thut, daß ich dir davon nichts mittheilen kann. Hast du aber Geduld, so wird bey stiller Winternacht eine gewisse Vertraulichkeit nicht ausbleiben, die doch immer den Vortheil hat, daß der Vertrauende in einen Bezug zu der Vertrauten kommt, der ich weiß nicht was für Eigenheiten mit sich bringt. Möge das alles werden, wie ich's denke und wünsche.

[176] Von Eger hört ihr das Mehrere; August mag alles so einrichten, daß ich den 13. in Jena seyn kann, und so wird sein Ausflug, bey wahrscheinlich günstigem Spätjahr, erheiternd werden.

Hierbey noch einige Gedichte.

Im schönsten Sinne

dein liebender Vater

Marienbad den 19. August 1823.

G.


37/115


An Christoph Ludwig Friedrich Schultz

Ihr lieber Brief, Theurer, Verehrter, durch Hensel kommt mir zu guter Stunde, heute am 30. Juli, wo wir des schönsten Wetters genießen. Das Verlangen, mein Porträt von des jungen geschickten Malers Hand zu sehen, ward auch vom Herrn Wolff ausgesprochen, und ich bereit, es zu erfüllen. Leider gelang es nicht, welches ich mir folgendermaßen erkläre. Hensel ist zu sehr gewöhnt, in geselligen Cirkeln Ähnlichkeiten aufzufassen und sie skizzenhaft anmuthig vorzutragen, weswegen er im gegenwärtigen Falle nicht genug Sorgfalt auf den Umriß wendete, wobey mir gleich angst ward. Wie er nun die Ausführung der einzelnen Theile vornahm, erschien ein ganz anderer Mensch, der wenig Ähnlichkeit mit mir hatte. Unglücklicherweise kam die Fürstin Hohenzollern dazu, die ihn durch allerlei Belehrungen und Andeutungen zerstreute,[177] so daß er sein Werk endlich selbst mit Mißvergnügen ansah.

Kurz vorher hatte ich einem russischen, in Rom und Paris gebildeten Maler, der gut dachte und geschickt arbeitete, mehrere Stunden gesessen, welchem denn glückte, jedermann zufrieden zu stellen; auch den Großherzog, dem nicht leicht etwas in dieser Art genügt. Dieser denkt nach Berlin zu kommen und heißt Kiprinsky.

Die vier ersten Wochen der Cur sind, mit abwechselnder Witterung, glücklich und froh vorüber gegangen; schöne Wohnungen, liebenswürdige Nachbarschaft, vertraulicher Umgang, mit mehrjährigen Freunden und neuen Bekannten. Graf v. St. Leu ist auch hier zu meiner großen Freude. Mit einem Acteur der Weltgeschichte, der zugleich so ein guter und hochgebildeter Mann ist, gesellig, umzugehen, wirkt im höchsten Grade belehrend und anfrischend. Hab ich das Glück Sie zu sehen, so wird auch von ihm viel zu reden seyn..


Den 9. August 1823.

Heute ging der Großherzog von hier ab mit vor theilhaft gebrauchter Cur, doch hätt es noch besser seyn können, wenn er sie regelmäßiger und anhaltender genutzt hätte. Er wird nach Berlin kommen, um den Manövers beyzuwohnen.

Der Geburstag Ihres Königs ist vielfach, besonders auch in unserm Kreise froh gemüthlich begangen worden.

[178] Daß Sie meinen naturhistorischen Arbeiten näher getreten, sie noch lebhafter in sich aufgenommen, thut mir sehr wohl. Ich weiß daß diese sonderbaren Erzeugnissen eines sonderbaren Menschen sich nicht leicht in einem andern Geiste völlig zusammenhängend nach der ursprünglichen Reihenfolge wieder abspiegeln können; deswegen die Wirkung schon höchst erfreulich ist, wenn in dem Theilnehmenden, dessen einiges Grundprincip aufgeregt wird, nach individueller Art und Weise sich seine Welt daraus hervorthut, wodurch denn gewiß eine Annäherung an die meinige sich ergeben muß. Das allgemein Menschliche entwickelt sich aus jedem edlen Gemüth, das mit Ruhe auf sich wirken läßt und aus sich selbst heraus wirkt.

Eckermann ist in Jena und arbeitet schon in meinen Papieren, wie ich aus einer Probe sehe, mit Sinn und Verstand; ich werde suchen ihn fest zu halten, um die nächsten Monate weiter vorzurücken, welches immer schneller gehen wird, je mehr er sich mit dem Vorrath bekannt macht. Er ist übrigens mit meiner Denkweise so vertraut, daß er das Geschäft dem Sinne nach eben so gut und der Ausführung nach besser als ich selbst leisten dürfte.

Doctor Schultz sandte mir seine Arbeit, in die ich hinein gesehen habe und gerade die Stelle der Saftcirculation fand, von der Sie sprechen; sobald ich wieder in die hesperischen Gärten zurückkehre, werd ich mich ernstlich mit seinen Fortschritten beschäftigen.

[179] Ein von Leinwand auf Leinwand zu übertragendes Bild sende nächstens, wenn auch nicht von Werth, doch zum Versuch und Vergleichung.

Hier in Marienbad würden Sie sich diesen Monat sehr gefallen haben; nun zeigen sich neue Gäste, wir aber haben schon allen Antheil ausgegeben, und wer ihn empfing, nimmt ihn mit sich fort. Vom 20. denk ich in Eger zu verweilen, am Schluß des Monats zwischen Weimar und Jena; wie sollten Sie willkommen seyn! Mehr oder weniger bedeutende Menschen hab ich gesprochen und ein wunderliches Resultat herausgezogen: ihr Hauptstreben ist eine unmögliche Synthese, in der sie sich abquälen, die Verständigsten wie die Unverständigsten; Tod und Leben, Regiment und Freyheit, Meisterschaft und Bequemlichkeit, Leidenschaft und Dauer, Gewalt und Sittlichkeit pp., das soll vereinigt zur Erscheinung kommen. Ich sage nichts weiter, den Commentar machen Sie selbst, er wird uns manche Stunde beschäftigen.

Möge doch der Sommer Ihnen soviel Kraft und Lebenslust verliehen haben, daß Sie Ihre Reise zu uns in der Hälfte Septembers anzutreten sich geneigt fühlen; vieles, vieles hab ich mitzutheilen, Gethanes und Werdendes. Gern sendete ich das neuste Heft der Morphologie pp.; es ist aber noch kein vollständig Exemplar bis zu mir gekommen.

Den Aufsatz, dessen Sie erwähnen, senden Sie ja baldigst, den Nachtrag meyn ich zu dem Phosphor[180] im Auge; er kann im nächsten Hefte gar wohl abgedruckt werden und mir noch vorher besondere Dienste leisten; denn ich werde nunmehr einer weitläufigen Auszug aus Purkinje mit meinen Noten in's Engere bringen, wo ich gleichfalls vom Organischen bis zum höchsten Psychischen hinaussteige, und da kann ich denn durch das, was Sie auf Ihrem Wege entwickeln, höchlich gefördert werden, vielleicht einen Theil meiner Vorarbeit völlig entbehren.

Schubarth grüßen Sie wiederholt und sagen mir etwas von seiner ökonomischen Lage; ich war manchmal unzufrieden hie und da mit seinen Productionen, allzuscharf macht schartig, sagt ich mir. Vor kurzem hab ich wieder einiges von ihm nachgelesen, es ist jedenfalls ein höchst vorzüglicher Mann der noch viel Gutes und Echtes wirken wird, Ihrer Theilnahme vollkommen werth.

Die Methode, das Barometer als hauptwirksam bey allen atmosphärischen Erscheinungen anzusehen, hat mir sehr gefruchtet, ja mich beynahe übermäßig in diesem Fache beschäftigt. Außer dem, was das neuste Heft bringen wird, erfahren Sie noch manches sehr Erfreuliche; wenn man eigensinnig auf diesem Mittelpunct verharrt, so sieht man nach allen Seiten gar sicher hin; schon hab ich über den Einfluß der Jahrszeit und der damit zusammenhängenden Wärme mir fruchtbare Gedanken entwickelt und konnte das Bedingende der Örtlichkeit auf diesem hohen Standpuncte,[181] in der Nachbarschaft von dem sich weit erstreckenden Böhmer-Wald gar wohl beobachten und merken der Winter wird Zeit geben, das alles methodisch zu redigiren.

Nicht weniger bin ich im Geognostischen den streitigen Puncten näher gerückt. Auch da muß man sich lossagen von allem äußeren menschlichen Einfluß, nur genau acht geben auf alte bedeutende Stimme aus der Wüste. Die neuere Zeit ist in ihrem Unsinn versunken und wird sich schwerlich daraus retten, weil sie sich allzusanft gebettet fühlt; anstatt daß wir andere, die wir mit Mühe und Anstregung begonnen, auch so zu endigen genöthigt sind.

Und so kann ich noch das letzte Blatt mit Erfreulichem und Würdigem abschließen.

Madame Milder hab ich singen hören, im engen Kreise, kleine Lieder, die sie groß zu machen verstand; es ist auch gut, daß man vergleichen Musterstücke nur unerwartet vernimmt.

Madame Szymanovska, ein weiblicher Hummel mit der leichten polnischen Facilität, hat mir diese letzten Tage höchst erfreulich gemacht; hinter der polnischen Liebenswürdigkeit stand das größte Talent gleichsam nur als Folie oder, wenn Sie wollen umgekehrt. Das Talent würde einen erdrücken, wenn es ihre Anmuth nicht verzeihlich machte. Sie kommt nach Berlin.[182]


Zu Ablehnung des Vorwurfs,

als wenn ich mich zu viel mit dem Himmel abgäbe

und die Erde vernachlässige.


Wenn sich lebendig Silber neigt,

So gibt es Schnee und Regen,

Und wie es wieder aufwärts steigt,

Ist blaues Zelt zugegen.

Auch sinke viel, es steige kaum

Der Freude Wink des Schmerzens,

Man fühlt ihn gleich im engen Raum

Des lieb-lebend'gen Herzens.


Möge die Fortsetzung dieser quodlibetartigen Unterhaltung uns in der Hälfte Septembers gewiß seyn.

treulichst

Marienbad den 19. August 1823.

J. W. v. Goethe.[183]


37/115a.


An Maria Szymanowska

Malheureusement, Madame, étant condanné à partir demain il ne me reste que de soigner mes lèvres informes que déteste de tout mon coeur. Je me vois à grand regret privé de l'aimable societé qui me preparoit une si belle soirèe, et je serois tout à fait inconsolable si je ne me repetois toujours en prose ce que j'ai osé dire en Verse, y joignant l'espérance de me réjouir bientot à Weimar du plus beau talent et de la plus intéressante societé qu'on puisse imaginer.

Adieu donc, Madame, gardés moi Votre précieux Souvenir

M.[arien] B.[ad] 19 Aout 1823.

G.[52]


37/116.


An Joseph Sebastian Grüner

Dankend grüßend, bittend um Zeitungen,

Albenreuther Gestein,

Carlsbader Listen,

geneigten Besuch.

Eger den 21. August 1823.

Goethe


37/117.


An Ulrike von Levetzow

Dieser Sendung wird die allerliebste Ulrike wohl ein heitres Gesichtchen zuwenden das Ihr so wohl steht.

[183] Die Claviernoten sind vom Grospapa, die Stimmen vom wohlbekannten Freunde, da sie vielleicht gelegentlich angenehm seyn könnten.

Wie befindet sich die liebe Mutter? mit ihren schönen Kindern? Tausend Grüße, Wünsche und dergleichen.

treulich wie immer,

diesmal ungedultig.

Eger d. 21. August 1823.

Goethe.


37/118.


An Christian Gottfried Daniel Neesvon Esenbeck

Stadt Eger den 22. August 1823.

Seit sieben Wochen den ersten ruhigen Augenblick wende ich, aus dieser alten, wunderlichen, aber meiner Arbeit und Bemühung immer günstigen Stadt, an den klaren Rhein, zu Ihnen, dem ich soviel zu danken und manches zu melden habe.

Soviel also zuerst, daß ich die kurzvergangene Zeit in Marienbad ohne Unbilden, ja heiter und wie in's Leben zurückkehrend zugebracht habe, auch mich jetzt so wohl befinde, als ich mich lange Zeit nicht gefühlt.

Und so erkenn ich also vorerst die schleunige Gefälligkeit, mir die illuminirten Pflanzen nach meinem Wunsche zu senden, wie Ihr Schreiben sie mir ankündigt und ich sie nach meiner Zurückkunft anzutreffen[184] hoffe. Den großen Werth, den ich auf die Widmung derselben lege, druckt ich aus in jenem beynahe unbescheidenen Wunsch und erkenne in der Erfüllung desselben ganz Ihr geneigtes Wohlwollen.

Viel aber, viel wäre zu sagen, was jene merkwürdige Literatur-Blätter, in leichter reiner Luft einer bedeutenden Bergeshöhe, im Freyen und Stillen wiederholt gelesen und durchgedacht, für eine Wirkung auf mich ausgeübt. Möcht ich mich fromm und kurz fassen, so müßt ich sagen: es kam augenblicklich der Friede Gottes über mich, der, mich mit mir selbst und mit der Welt in's Gleiche zu setzen, sanft und kräftig genug war.

Auch in Freundesbriefen spiegelt sich dieß hin und wieder; die Verhältnisse sehr guter Menschen zu mir und unter einander haben sich dadurch herrlich gesteigert. Wie doch alles Höhere, im Wissenschaftlichen und so durchaus, alsbald ethisch wirkt und so viel sittlichen Vortheil bringt.

Die Hefte von Kunst und Alterthum, so wie von Morphologie wurden nach meiner Abreise retardiert, so daß von dem letzten die Aushängebogen noch nicht einmal in meinen Händen sind. Lange bleiben sie nicht mehr aus; mögen sie Ihnen und Ihrem Kreis empfohlen seyn! Sie enthalten das geistige Verhältniß zu meinen Freunden; was man vielen schreiben möchte, wird durch den Druck auf einmal geleistet, jeder nimmt günstig das Seinige.

[185] Hiernächst eine Frage wegen des folgenden Heftes. Nöthig wird es allerdings den wunderlichen concentrischen Basalt abermals abgebildet mitzugeben; da jedoch der Streindruck das Charakteristische schon einigermaßen abgestumpft hat, so wäre die Frage, ob die Original-Zeichnung mir nicht mitgetheilt werden könnte, um die Abbildung recht bedeutend abermals darzustellen.

Ferner eine Frage: wer ist der Verfasser der zwey Hefte: Kritik der geologischen Theorie, besonders der von Breislack und jeder ähnlichen. Bonn 1821 und 22? doch wohl Nose? Sagen Sie mir gefälligst etwas von des Mannes Alter, gegenwärtiger Beschäftigung, Lebensweise. Ich habe jene zwey Hefte vor kurzem in Marienbad ausgezogen, welches man nothwendig thun muß, wenn man seine humoristische Art zu Nutzen und Frommen verwenden will. Ich theile den Auszug wohl auch mit und nehme mir die Freyheit, daneben gleichfalls humoristisch zu seyn. Ich habe bey dieser Arbeit die merita causae nochmals durchgedacht und schöne Gelegenheit gehabt, zwey merkwürdige, bisher unbekannte, hieher bezügliche Fälle in Böhmen gewahr zu werden und näher zu betrachten; ich werde sie zweckmäßig darzubringen suchen.

Und nun zum Schluß noch Willkommen und Wunsch Ihren Acten! Gar sehr freu ich mich Ihrer großen Thätigkeit und der trefflichen Mitarbeiter,[186] die Sie sich zugesellt haben. Herr Doctor Carus ist in Franzenbrunn, wo ich ihn zu sehen hoffe.

Glück auf!

dem treusten Zusammenwirken!

J. W. v. Goethe.


37/119.


An Werner Moritz Maria Freiherrnvon Haxthausen

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

Zuschrift hat mich gar sehr erfreut, da Sie den Wink aufnehmen mögen, mit dem es mir aufrichtig ernst war. Geben Sie mir bald Nachricht von Ihrem fortschreitenden Geschäft; sobald ich nach Hause komme, besorge was Sie wünschen. Sie erhalten die Originale der Lieder mit den Übersetzungen, gebahren Sie nach Belieben. In dem neusten Hefte von Kunst und Alterthum finden sich der Charon, den ich schon von Ihnen gehört habe.

Um irgend ein kürzeres oder längeres Vorwort einigermaßen motiviren zu können, veranstalten Sie, daß die Aushängebogen mir mit der reitenden Post zugeschickt werden, es kann unfrankirt geschehen: denn eigentlich würde jede Einleitung überflüssig seyn, wenn man Ihr Schreiben an mich einigermaßen dazu gestaltete.

[187] In diesen Augenblicken besucht mich Herr v. Knorring, und seine höchsterfreuliche Unterhaltung bringt mich auch Ihnen und Ihren Geschäften, Studien um soviel näher, welches als glückliches Ereigniß und Omen gar wohl betrachtet werden darf. Er grüßt und empfiehlt sich schönstens; womit ich denn schließe, da ich wohl schwerlich auch für Sie anmuthiger und bedeutender endigen könnte. Möge ich Ew. Hochwohlgeboren bestens empfohlen seyn und bald wieder Geneigtes vernehmen.

Eger am 23. August 1823.


37/120.


An Carl Friedrich Zelter

Auf deinen theuren Brief, mein Werthester, der mir zur angenehmsten Stunde kam soll, zugesagter Maßen, noch vor meinem Austritt aus dem böhmischen Zauberkreise, dir abermals eine Zuschrift gewidmet seyn, die du um desto freundlicher und liebevoller empfangen wirst, da ich nichts als Gutes zu melden habe.

Soviel also zuerst: daß ich die kurzvergangene Zeit in Marienbad ohne Unbilden, ja heiter und wie in's Leben zurückkehrend zugebracht habe, auch mich jetzt so wohl befinde, als ich mich lange Zeit nicht gefühlt.

Ferner sey gemeldet, daß mir nach jenem Kuß dessen Spenderin du wohl errathen hast, noch eine[188] herrliche Gunst und Gabe von Berlin gekommen; Madame Milder nämlich zu hören, vier kleine Lieder, die sie dergestalt groß zu machen wußte, daß die Erinnerung dran mir noch Thränen auspreßt. Und so ist denn das Lob, das ich ihr seit so manchem Jahr ertheilen höre, nicht ein kaltes geschichtliches Wort mehr, sondern weckt ein wahrhaft Vernommenes bis zur tiefsten Rührung. Grüße sie zum schönsten; sie verlangte etwas von meiner Hand und erhält durch dich das erste Blättchen, das ihrer nicht ganz unwerth ist.

In völlig anderem Sinne und doch für mich von gleicher Wirkung hört ich Madame Szymanovska, eine unglaubliche Pianospielerin; sie darf wohl neben unsern Hummel gesetzt werden, nur daß sie eine schöne, liebenswürdige, polnische Frau ist. Wenn Hummel aufhört, so steht gleichsam ein Gnome da, der mit Hülfe bedeutender Dämonen solche Wunder verrichtete, für die man ihm kaum zu danken sich getraut; hört sie aber auf und kommt und sieht einen an, so weiß man nicht, ob man sich nicht glücklich nennen soll, daß sie aufgehört hat? Begegne ihr freundlich, wenn sie nach Berlin kommt, welches wohl nächstens geschehen wird, grüße sie von mir und sey ihr behülflich, wo du es angewendet findest.

Herr Huß, der derbe unermüdete Sammler, dank zum allerschönsten für das Andenken und die Schaumünzen. Er verdient wirklich, daß jeder Reisende[189] von seiner Gegend her ihm ein Scherflein beytrage; auch dieß Jahr ist er viel besucht gewesen.

Dieses führt mich auf Maler Hensel, der mir die Jetons überbrachte. Auch er, wie so manche andere, hat ein eingebornes Talent, was aber daraus werden kann, das weiß – nicht Gott, der sich um dergleichen schwerlich bekümmert – aber ich weiß es, der ich diesem Irrfall seit mehr als zwanzig Jahren zusehe. Auch er stickt in dem seichten Dilettantismus der Zeit, der in Alterthümley und Vaterländeley einen falschen Grund, in Frömmeley ein schwächendes Element sucht, eine Atmosphäre, worin sich vornehme Weiber, halbkennende Gönner und unvermögende Versuchler so gerne begegnen; wo eine hohle Phrasensprache, die man sich gebildet, so süßlich klingt, ein Maximengewand, das man sich auf den kümmerlichen Leib zugeschnitten hat, so nobel kleidet, wo man täglich von der Auszehrung genagt an Unsicherheit kränkelt, [und] um nur zu leben und fortzuwebeln, sich auf's schmächlichste selbst belügen muß.

Verzeihe und laß mich schweigen, denn es ist schon zuviel gesagt; dem redlich denkenden Einsichtigen aber bleibt es gräßlich, eine ganze nicht zu verachtende Generation unwiederbringlich im Verderben zu sehen. Die Älteren merken es schon, können aber weder sich selbst retten, noch mögen sie die andern warnen. Denn es ist schon Secte, die zusammen bleiben muß, wenn sie gelten will wo der Antretende[190] sich und der Austretende die Übrigen betrügt. Nochmals Verzeihung, denn ich erbitte sie von mir; man verdirbt sich immer eine Stunde, wenn man solche fruchtlose Schmerzen erneuert.

Auch ist es trostlos, von politischen Dingen, wohin man auch horcht, zu vernehmen. Mich von allen solchen, wie von ästethischen Gesprächen und Vorlesungen zu befreyen, hatte ich mich auf sechs Wochen einem sehr hübschen Kinde in Dienst gegeben, da ich denn vor allen äußern Unbilden völlig gesichert war.

Nun aber doch das eigentlich Wunderbarste! Die ungeheure Gewalt der Musik auf mich in diesen Tagen! Die Stimme der Milder, das Klangreiche der Szymanowska, ja sogar die öffentlichen musikalichen Exhibitionen des hiesigen Jägercorps falten mich aus einander, wie man eine geballte Faust freundlich flach läßt. Zu einiger Erklärung sag ich mir: du hast seit zwey Jahren und länger gar keine Musik gehört (außer Hummeln zweymal), und so hat sich dieses Organ, insofern es in dir ist, zugeschlossen und abgesondert; nun fällt die Himmlische auf einmal über dich her, durch Vermittlung großer Talente, und übt ihre ganze Gewalt über dich aus, tritt in alle ihre Rechte und weckt die Gesammtheit eingeschlummerter Erinnerungen. Ich bin völlig überzeugt, daß ich im ersten Tacte deiner Singakademie den Saal verlassen müßte. Und wenn ich jetzt bedenke, was das heißt, alle Woche nur einmal eine Oper zu[191] hören, wie wir sie geben, einen Don Juan, die heimliche Heirath in sich zu erneuern und diese Stimmung, in die übrigen eines thätigen Lebens aufzunehmen; so begreift man erst, was das heiße, einen solchen Genuß zu entbehren, der wie alle höheren Genüsse den Menschen aus und über sich selbst, zugleich auch aus der Welt und über sie hinaus hebt.

Wie schön, wie nothwendig wär es nun, daß ich an deiner Seite zu verweilen Gelegenheit fänd! Du würdest mich durch allmähliche Leitung und Prüfung von einer krankhaften Reizbarkeit heilen, die denn doch eigentlich als die Ursache jenes Phänomens anzusehen ist und mich nach und nach fähig machen, die ganze Fülle der schönsten Offenbarung Gottes in mich aufzunehmen. Nun muß ich sehen, durch einen klang und formlosen Winter durchzukommen, vor dem mir denn doch gewissermaßen graut. Doch wollen wir mit gutem Humor und Muth auch die schwarzen Tage für uns und die Freunde zu nutzen suchen. Tausendfältiges treues Lebewohl!

Eger den 24. August 1823.

G.


37/121.


An August von Goethe

Eger den 24. August 1823.

Durch den guten Hofrath Meyer, den ich heute Abend erwarte, send ich die letzten Worte meines[192] Aufenthalts in Böhmen. Für den trefflichen Freund war freylich nicht zu erwarten, daß er in einer so kurzen Zeit bedeutend herzustellen sey; doch hat ihm, wie ich aus seinem Schreiben sehe, das Carlsbad über manches hinausgeholfen und seine Hoffnung belebt. Auch ich habe euch wiederholten Dank zu sagen, daß ihr mich herausgetrieben habt; es ist nicht mit Worten auszudrücken, was diese acht Wochen freyen, heiter-geselligen Lebens mich wieder hergestellt haben. Nur ist noch eine gewisse Reizbarkeit übrig geblieben, die ich erst bey'm Anhören der Musik gewahr geworden; ohne die Frauen Milder und Szymanowska wär ich nie dazu gekommen. Da aber dieses bis zum Bewußtseyn emporgehoben ist, so wird auch darauf zu wirken seyn. Morgen will ich nach Carlsbad, um auch diese Bilder in mir zu erneuern; sodann zum Grafen Auersperg auf Hartenberg, worauf ich nach Eger zurückkomme. Sende, wie früher gemeldet, den Kutscher, daß ich Sonnabend den 13. September in Jena seyn kann; ängstige dich aber nicht, wenn ich einige Tage länger ausbleibe, denn ich ginge vielleicht über Wunsiedel, machte einen Besuch in Redwitz und Conradsreuth, welches mich retardiren, würde.

Rath Grüner setzt seine mineralogischen und geognostischen Geschäfte mit unglaublicher Thätigkeit fort; seit zwey Jahre hat er die Oryktognosie so studirt, daß er bald von allen Kunstgenossen wird respectirt seyn. Auch hat er gleich einen Tauschhandel eingeleitet,[193] der sein Kabinett ansehnlich bereichert; und da er seine Sendungen durch die Franzenbrunner Krugfuhren verschicken kann, so ist es mit wenig Kosten verknüpft.

Gar manches Andere wirst du aus den Tagebüchern ersehen; vieles wird zu erzählen seyn.

Danke Rehbein für sein gehaltvolles Schreiben; ich freue mich, ihn bald wieder zu sehen und zu sprechen.

Erst dachte ich dir ein kleines Schwänchen Mineralien zu schicken, es mag aber alles zusammen anlangen. Doch kann ich mich nicht enthalten, dir eine Masse Andalusiten beyzulegen, dergleichen sich Andalusien wohl nicht zu rühmen hat. Ich bringe noch schönere Gruppen mit.

Fräulein Meyer, Rehbeins Braut, ist hier; ein gar hübsches gutes Frauenzimmer, das einer allgemeinen Achtung genießt; auch Rath Grüner gibt ihr das beste Zeugniß und freut sich dieser Verbindung. Sie weiß sich recht gut zu betragen, wie ich diese sechs Wochen her täglich recht gut bemerken konnte.

Nun aber will ich noch von unserm Tische in Jena sprechen; es wäre wohl schicklich, daß du Herrn und Frau v. Lyncker darüber in meinem Namen ein Compliment machtest. Es wäre ihnen freylich, wie ich gemerkt habe, lieber, wenn wir bey ihnen das Mittags-Mahl einnähmen, wie auch ganz natürlich ist; in meiner jetzigen Stimmung bin ich es auch zufrieden,[194] damit ich nicht gleich wieder in's Einsidlerische verfalle.

Meyer ist angekommen, und ich schließe das Beste wünschend.

Eger den 24. August 1823.

G.


37/122.


An Friedrich Theodor Kräuter

Ich freue mich, mein guter Kräuter, von meinem Sohn zu hören, daß Sie unter'n Büchern beschäftigt waren, und auch da, so wie überall, Thätigkeit und Ordnung mich empfangen wird.

Senden Sie mir durch den Kutscher

3 Exemplare Morphologie pp.

1 Velin.

2 geringere.

3 Kunst und Alterthum, neustes Stück

1 Velin.

2 geringere.

Ingleichen 1 Schreibpapier Kunst und Alterthum IV, 1.

Findet sich das Mineralsystem, von Glockner in Breslau, unter meinen Büchern, so senden Sie es; wo nicht, so suchen Sie es durch Hoffmann zu erhalten daß Sie es noch mitschicken können.

Vielleicht ist sonst noch etwas unter dem Angekommenen, das mir lieb seyn könnte bald zu sehen.

[195] Leben Sie recht wohl, grüßen den Herrn Rath und gedenken mein.

Eger am 24. August 1823.

G.


37/123.


An August von Goethe

Aus Beykommendem wirst du sehen, vorerst wie dein herzlicher Brief genau im rechten Augenblick angekommen und mich sehr erfreut hat. Ferner erhellt daraus manches Gute und Lustige, sogar daß der Vater in das neue Jahr hinübertanzen mußte. Gern gesteh ich, daß ich mich solchen Wohlbefindens an Leib und Geist lange nicht erfreute, und wünsche nur diese thätige Heiterkeit mit zu euch zu bringen. Freylich ist sie gewirkt theils durch ein bleibendes, theils durch ein immerwechselndes Interesse; doch bin ich überzeugt, daß eure Liebe mir den Sommer in den Winter wird übertragen helfen.

So freu ich mich denn auch auf gar manches Eingesendete, das ich bey euch finden werde, so wie die Aussicht auf manche Arbeit, die ich hier nicht fortführen konnte. Der Druck der nächsten Hefte wird denn auch die laufende Zeit nicht unangenehm und ungenutzt vorüber führen.

Mit den Polen bin ich, wie ihr seht, auch in freundliche Berührung gekommen; und wenn ich mich nicht sehr zusammen hielte, so würde ich gar bald ganz zerzupft seyn.[196]

Das Wetter ist von der größten Schönheit, das Barometer verharrt auf einem hohen Standpuncte; nur verbietet die Hitze manche Besuche und Communication mit Menschen, die auch wünschenswerth wäre.

Meine frühere Freundin von Jaraczewska hat mir das Sketch Book of Geoffrey Crayon geborgt, welches ich mit Vergnügen lese. Sag dieß Ottilien, die, wenn ich nicht irre, mir das Büchlein schon gerühmt hat. Auch las ich den schwarzen Zwerg von Walter Scott, und sie sieht daraus, daß wenn ich eine Zeitlang in diesem halb zerstreuten, halb einsamen Zustande verharrte, ich in der neusten englischen Literatur wohl noch einige Fortschritte machen könnte.

Übrigens ist es gut, daß ich meinen Wagen bestellt habe, denn Witterung und Zustände sind so verführerisch, daß ich mich gar wohl dürfte verleiten lassen, in diesen böhmischen Zauberkreisen noch eine Zeitlang mit umzukräuseln. In der Zeit jedoch, die mir noch übrig bleibt, geh ich zum Grafen Auersperg auf Hartenberg, welches wenig seitwärts am Wege liegt; dann bin ich einige Tage in Eger, ehe der Kutscher kommt, und das Weitere wird sich ergeben. Im Ganzen hab ich viel Gutes erlebt und eingesammelt, empfangen und gegeben und kann mit allem sehr zufrieden seyn. Stadelmann setzte seine Bergforschungen, John seine Wetterbeobachtungen fort, und in beiden bin ich, sowohl was das Allgemeine als Besondere betrifft, wirklich weiter gekommen.

[197] Meine den 16. August abgesendeten Käse, als leibliche Speisen, werden hoffentlich angekommen seyn und euch gut schmecken. Wenn du ein Viertel oder sonst ein tüchtig Stück an Knebel schicken wolltest, wär es freundlich.


Und da wir nun so weit sind an Essen und Trincken zu dencken, so will ich melden daß ich in einem engen, reinlichen Felsen-Höschen, wo Keller- und Küchthüre die Hauptkoulissen vorstellen, da! die niedlichste Köchinn von der Welt am Heerde besuche wie sie das Mittagsessen bereitet. Ob es gut schmecke? werdet ihr unter einander ausmachen.

Möge das Beste uns allen fort und fort gegönnt seyn!

treulich verharrend

C. B. d. 30. Aug. 1823.

G.


[Beilage.]

Sonntag den 24. August 23.

Nebenstehendes expedirt. Das Tagebuch von 1823, die ersten Monate ausgezogen. Rath Grüner, die gestrigen Exemplare von Boden und Altalbenreuth arrangirend. Graf Trautmannsdorf und Bruder. Nach Tische die Mineralien überlegt. Grüners Abhandlung über die Eger-Trachten Um 4 Uhr kam Hofrath Meyer. Besprachen Carlsbadner Angelegenheiten, besonders Kunst betreffend. Vorbereitung zum Einpacken. Abends Herr Rath Grüner und Meyer.


[198] Montag den 25. ejd.

Hofrath Meyer nahm Abschied. Rath Grüner auch. Verabredung wegen des Grafen Auersperg. Gegen 7 Uhr ab von Eger, 10 Uhr in Zwotau. Schönstes Wetter. Vor Zwotau zeigte sich in Südost eine einzige Wolke Cumulus, ganz auf dem Horizont aufliegend. In Zwotau Gräfin von der Recke und Tiedge. Um 1 Uhr abgefahren. Gegen 4. Uhr in Carlsbad. Hinter Zwotau zeigten sich Wolken im Ost, Cumulus, aber sehr klein diese zehrten sich jedoch schnell auf. Meldung bey Frau v. Levetzow. Über ihr im 2. Stock vom goldnen Strauß eingezogen. Schönes Quartier, schöne Aussicht. Es war ein Wagen mit Früchten und sonstigen Victualien von Graf Klebelsberg angelangt. Köstliche Feigen und Aprikosen vorgesetzt. Polnischer junger Mann Nakwaski sehr heftig über die Unbilden seines Vaterlandes. Mit der Familie gegen Posthof. Abends vor der Thüre bey'm Thee. Graf Walleski, sehr verständiger, sowohl überhaupt, als auch im Deutschen sehr wohl unterrichteter Mann. Nachts mit der Familie. Der abnehmende Mond ging sehr klar über dem Dreykreuzberg auf.


Dienstag den 26. ejd.

Früh um 5 Uhr durchaus klarer Himmel wie gestern. Die Sonne ging Punct 6 Uhr über dem Dreykreuzberg gar herrlich auf. Ich besuchte den[199] Sprudel, wo ich Herrn v. Heydebreck fand. Sodann an den Neubrunnen. Unterwegs General Metsch. Am Neubrunnen niemand Bekanntes. Um 7 Uhr schon große Hitze. War von verschiedenen Personen angesprochen, auch von Frau Heilingötter und Tochter, am Meyerschen Laden. Mit der Familie gefrühstückt. Sodann für mich bis halb 2 Uhr. Nachher Almanache und andere kleine Kupfer mit Ulriken.

Nach 5 Uhr auf Aich gefahren an der Eger hinauf. Kaffee getrunken. Zurück über den Hammer. Herrlicher Abend. Auf der Wiese einige Zeit spazieren. Graf Walleski, ingleichen Kugeski, der von Marienbad kam und Notiz von meinen Gedichten für die zwey polnischen Damen hatte. Geniceo, der Dicke, Seltsame und gewissermaßen Geheimnißvolle. Abends Graf Fredro. Bey'm Abendessen war des neuen Anbaues in Marienbad gedacht worden. Verabredung wegen einer Partie nach Elbogen.


Mittwoch den 27, ejd.

Um 6 Uhr aufgestanden. Die Sonne ging schon um ein Geringes später auf als gestern. Abermals heiterer Tag. Carlsbad hat an Häusern sehr gewonnen; die Häuser sind nicht nur reinlich abgeputzt, sondern es sind auch wirkliche Paläste entstanden, besonders zu öffentlichen Vergnügungsorten, sowohl in der Stadt als in der Nähe, so daß das Bad übervoll seyn und doch die verschiedensten Gesellschaften ihr[200] Unterkommen finden werden. Der Weg nach Aich am rechten Ufer der Eger hinauf ist bey trocknem Wetter ganz leidlich; über den Hammer zurück sehr gut und angenehm. Von der großen Wasserfluth sieht man auch gar keine Spur, nur der Brückenbogen bey'm ersten Eingang, liegt noch in Ruinen; daß dieser zusammenbrach ist gar kein Wunder, er war so schlecht construirt, daß er von irgend einer drüber gehenden Last hätte zusammenstürzen können. – Nachmittags bewölkte sich der Himmel bey sehr heißer Atmosphäre. Nachts verzog sich alles wieder. Graf Geniceo gab, auf Ameliens Neckereyen, einen Tanzthee im sächsischen Saal, wo man vorher sitzend Thee trank und viele Süßigkeiten genoß. Die guten Tänzerinnen und Tänzer, deren nicht viel waren, kamen nicht vom Platze. Mir entstand bey dieser Gelegenheit das Angenehme, daß ich die bedeutenden, hier sich noch aufhaltenden Personen kennen lernte. Fürst Hohenzollern-Hechingen redete mich an; ingleichen Prinzessin Julie. Mehrere Polen und Polinnen ließen sich mir vorstellen. Ingleichen auch Madame de Gajewska, eine Dichterin. Zu der Schlußpolonaise forderte mich eine polnische Dame zum Tanz auf, den ich mit ihr herumschlich und mir nach und nach bey'm Damenwechsel die meisten hübschen Rinder in die Hand kamen. Nach 10 Uhr Schicht. Bey'm Abendessen noch lange zusammen.


[201] Donnerstag den 28. ejd.

Früh aufgestanden. Meist reiner Himmel, wenig Wolken am Horizonte. Man eilte, um 7 Uhr fortfahren zu können. Gegen 9 Uhr kamen wir in Elbogen an. Der Himmel hatte sich überzogen. Eine halbe Stunde mochte die Fahrt heiß gewesen seyn. Im weißen Roß eingekehrt, wo Stadelmann alles gestern bestellt hatte. Großer Spaziergang, erst am rechten Ufer der Eger durch die neuen Felsengänge; Bertha mit dem Gestein beschäftigt. Zuletzt sehr warm. Rückkehrend fanden wir Stadelmann und John, die mit dem Dessert angekommen waren. Lieber Brief von meinem Sohn. Glasbecher mit den drey Namen und dem Datum. Die Marienbader Geschichten recapitulirt und andere. Auf's Rathaus, den Meteorstein zu sehen. In die Porcellainfabrik. Erhielt Zwillingscrystalle. Nach 6 Uhr abgefahren bey kühler Luft und besonders gegen Nordost am Horizont bedecktem Himmel. Glücklich zurückgekehrt bey einbrechender Nacht. Nakwaski kam, sich beurlaubend, nach Marienbad gehend. Unterhaltung über des Grafen Klebelsbergs Gut, dessen Vater und Gesinnungen. Freundlichster Abschied.


Freytag den 29. ejd.

The Sketch Book of Geoffrey Crayon. London 1821. Brief an meinen Sohn. Bericht an den Grafen Sternberg nach dem Schema. Besuch bey[202] Fürst Hohenzollern-Sigmaringen. In Mayers Laden. Ferner mit einigen Carlsbadern gesprochen. Mit einigen Polen. Im Laden bey Zimmer. Kam unvermuthet Geh. Secretär Müller, der sich über die heftige Wirkung, welche wenige Becher Sprudel auf ihn ausüben, beklagte und fast die Absicht wegzugehen äußerte. Stadelmann hatte die Kisten bey Frau Heilingötter eröffnet und einiges davon mitgebracht. Die Absicht ist, Rath Grünern zu seinem Tauschhandel damit ein Geschenk zu machen. Brief von Herrn Rath Grüner, Glückwunsch zum gestrigen Tage. Mittag zusammen. Zimmer schickte eine Note mit unverschämten Preisen, wie ich sie erwartet hatte; 11 Louisd'or verlangte er für 4 Majolika-Teller, für anderes ebenso unsinnig. Er denkt sich nach seiner Erfahrung die Leute, die zu ihm kommen, vornehm, reich und unwissend. Meyer hatte mir schon davon gesagt. Der Mann hatte auch einige schöne Elfenbeine, zu denen der Erbgroßherzog Lust bekam. Gegen Abend gingen wir aus; gemäßigte Wärme; auf dem Chotheckischen Weg hin und wieder. Graf Walleski gesellte sich zu uns. Auf dem Ma riannensitze lange verweilt, es gab mancherlei gute unterrichtende Gespräche. Bey der Rückkehr noch eine Zeitlang auf der Wiese. Der Abend war kühl, ohne feucht zu seyn. Bey Tische Wirkung der Nachricht von meiner Krankheit in Dresden und auf die Familie. Sonstiges Vertrauen. Präsident v. Bülow mit Gemahlin[203] gingen durch. v. Heydebreck wollte nach Marienbad zurück, weil dort sein Kind sehr krank geworden war. Unter uns Geschichten der Marienbader Verhältnisse. Charakter der Bauherren, Hausherren und Hausfrauen; Mängel und Vortheile der verschiedenen Quartiere; nicht weniger die Geschichten des Aufbauens selbst, welches denn freylich ganz wunderliche Blicke gab in das Innere eines solchen Zustandes. Sketch Book und schwarzer Zwerg fortgelesen.


37/124.


An Joseph Sebastian Grüner

Ew. Wohlgeboren

danke auf's verbindlichste für die Theilnahme an einem Tage, der mir selbst immer werther und heiliger wird, je öfter ich ihn erlebe, da mich so viele wohlgesinnte Gemüther immerfort überzeugen, daß der Allwaltende mir so viele Jahre nicht umsonst gefristet habe.

Dießmal hab ich diese Epoche still und gleichsam anonym in Elbogen gefeyert.

Unsere alte Niederlage in den drey Mohren haben wir versiegelt und unversehrt wieder gefunden; Stadelmann wird das Beste aussuchen, einpacken und auf die fahrende Post geben; es sind Dinge darunter, welche theils Ihre Sammlung vermehren, theils zu[204] Versendungen beygelegt, manchen Liebhaber freuen können.

Mein Plan ist, Freytag gegen Abend in Hartenberg zu seyn, den Sonnabend daselbst zuzubringen und allenfalls Sonntag frühe nach Eger zurückzukehren. Hoffentlich hab ich das Vergnügen Sie dort zu finden.

Hiernächst bin ich Ihrer Theilnahme gewiß wenn ich melden kann, daß ich diese Tage mich vollkommen wohl befinde, welches denn mir Muth und Kraft läßt, manches angenehmen Ausflugs zu genießen. Möge auch Ihnen in diesen Tagen alles gelingen, so wie ein frohes Zusammentreffen uns nächstens erfreuen wird. Alles Gute Ihnen und den lieben Ihrigen.

anhänglich

Carlsbad den 1. September 1823.

G.


37/125.


An Joseph von Auersperg

Euer Excellenz

gastfreundlicher Wohnung, die mir so viele angenehme Erinnerungen gibt, auf meiner Rückreise von Carlsbad vorüber zu gehen, wollte mir nicht möglich scheinen; deshalb nehme mir die Freyheit bescheidentlich anzufragen: ob es erlaubt sey, Freytag gegen Abend aufzuwarten, meine treue Anhänglichkeit und[205] Verehrung persönlich darzubringen und mich einiger so unterhaltender, als belehrender Stunden abermals zu erfreuen.

Mit den aufrichtigsten Gesinnungen.

gehorsamst

Carlsbad 3. September 1823.

J. W. v. Goethe.


37/126.


An Joseph Sebastian Grüner

Carlsbad den 4. September 1823.

Ew. Wohlgeboren

danke zum schönsten für die Vorsorge, mir den Simon zu schicken; da ich aber schon einen Kutscher von hier auf Hartenberg gemiethet habe, so bringt er eine Ladung Steine, worunter manches Interessante seyn wird, freylich nicht so Bedeutendes wie in jener Sendung, zu der ich von Herzen Glück wünsche. Freytag Abend denk ich in Hartenberg zu seyn; sollten Sie Sonnabend nicht selbst kommen, so haben Sie die Güte, mir den Simon auf Sonnabend Abends zu schicken, damit ich Sonntag auf alle Fälle bald in Eger eintreffen könne.

In Hoffnung mancher vorzüglichen Stunden kann ich vermelden, daß es mir bisher sehr wohl gegangen ist, und mein Befinden, als ich es nur wünschen kann. Alles Gute sey mit Ihnen und den Ihrigen. Glück auf! So muß es jetzt zwischen uns in der Bergmannssprache immerfort heißen.

Goethe.[206]


37/127.


An Christoph Ludwig Friedrich Schultz

Theurer Verehrter!

Mein Brief vom 9. August aus Marienbad wird Sie hoffentlich zu rechter Zeit gefunden haben, nun muß ich ihm eine heitere Bemerkung nachbringen. Dort hab ich doch, mit selbstgefälliger Weisheit das so unerläßliche als irrige Bestreben der Menschen getadelt, die sich mit unmöglichen Synthesen abquälen. Das Blatt war kaum zur Post, als ich mich auf der unmöglichsten aller Synthesen ertappe und ganz im Ernste lachen muß, wobey das Schlimmste seyn mag, daß ich durch diese Erkenntniß keineswegs gebessert war, die fruchtlose Operation vielmehr ununterbrochen fortsetzte.

Diesem Gewahrwerden nachgehend bin ich seit acht Wochen auf besondere Wege guter Gedanken gerathen, die ich noch immer verfolge, am liebsten aber im Gespräch mit Ihnen potenziiren möchte.

Gegenwärtig nur soviel: den 13. September hoff ich in Jena zu seyn. Wo Sie dieser Brief auch trifft, geben Sie mir nach Weimar Nachricht, ob und wann ich Sie zu sehen hoffen darf, wornach ich mich ernstlich sehne. Wunderbar ist's! in der Gesellschaft, wie sie mich seit jener Zeit umgab, fehlt es nicht an Geist, aber, indem er sich auf die Negative, auf's Mißreden wirft, zerstört er sich selbst und verschwindet in Dunst.

[207] Indessen hab ich viel Menschen gesehen, in gar manche Zustände hinein geblickt, auch vieles genossen; und nach dem Texte der Heiligen Schrift muß mir viel verziehen werden, denn ich habe viel geliebt.

Hiezu war mir Zeit gegönnt, ohne daß ich deshalb in der Naturwissenschaft zurück geblieben wäre. Ich führe zwey thätige Jüngere neben mir, wovon der eine die Erde durchklopft, der andere sich um die Meteore des Himmels bekümmert, und so ist viel gesammelt und bemerkt worden. Auf jenes Athmen der Erde weiß ich schon viel Himmlisches, beynahe alles zu beziehen, und wäre es auch nur zur Übung des Geistes, ein solcher Versuch würde immer viel Nutzen bringen.

Nebenbey sind auch einige Gedichte gelungen, die für mich Werth haben und für Freunde hoffentlich nicht werthlos bleiben sollen. Mehr kann ich wohl nicht verlangen, besonders da noch manches andere Gute, als die unglaubliche Talentsäußerung der Pianospielerin Madame Szymanowska, mit Worten nicht anzudeuten ist. Sie hat ihren Weg nach Berlin genommen; sollten Sie die so liebenswürdige als kunstfertige Frau sehen und hören, so werden Sie mir nicht verargen von ihr entzückt gewesen zu seyn. Auch Madame Milder hab ich zum erstenmal bewundert; aus vier kleinen Liedern hat sie das Größte gemacht über alle Erwartung. Den Complex dieser unschätzbaren Persönlichkeit hör ich nun schon so lange[208] rühmen, und da find ich freylich die Einwohner einer großen Königsstadt höchst beneidenswerth, die an so herrlich besetzten Tafeln ohne Umstände sich niederzulassen berufen sind.

Und so hätt ich denn doch aus der Fülle meiner beiden Monate diesem Blatt einigen Gehalts mitgetheilt. Möge ich doch bald mit guten Hoffnungen für die nächste Zeit beglückt werden.

Das Schöne zum Guten.

Eger den 8. September 1823.

G


37/128.


An Johann Jacob und Marianne von Willemer

Den theuren Freunden am Maine muß ich vor meinem Abschiede aus Böhmen noch ein freundliches Wort zurufen; ich glaube mich ihnen näher indem die Stadt Eger, wo ich mich gegenwärtig aufhalte, unter demselben Breitegrad liegt als meine liebe Vaterstadt. Um aber zu dem gegenwärtigen Augenblick zu gelangen, muß ich geschichtlich verfahren und von den vergangenen Monaten einiges vorausschicken.

Nach meiner heftigen Krankheit waren die geistigen Kräfte gar bald wieder hergestellt; ich konnte, zu meiner und der Freunde Beruhigung, die mir obliegenden Geschäfte ordnungsgemäß betreiben, so daß ich gegen Pfingsten mich ziemlich frey gemacht hatte. Allein der Körper litt noch an einer gewissen Unthätigkeit,[209] die Muskelkraft war in's Stocken gerathen, und niemals fühlte ich ununterbrochene Bewegung nöthiger als eben da. Im Stillen macht ich mir daher den Plan meine vaterländischen Freunde wieder zu besuchen unangemeldet zu erscheinen, mich festhalten zu lassen sodann über Maynz und Coblenz nach Bonn zu wallfahrten und an dem letzten Orte mit wissenschaftlichen Männern mich eine Zeitlang zu unterhalten; zu empfangen, zu geben und über gewisse Puncte, über die man sich nicht leicht allein verständigt, mit Meistern vom Fache mich zu vereinigen. Den Rückweg überließ ich der Folgezeit und bey mir war alles gehörig eingeleitet.

Allein der Entschluß des Großherzogs nach Marienbad zu gehen hob meinen ganzen Plan auf; seinen Wünschen, worin er seine Befehle kleidete, dem Verlangen der Großherzogin, dem Andringen der Ärzte, Freunde, Kinder, die nichts natürlicher fanden, als daß ich einen Heilort, der mir so wohlthätig gewesen, nothwendig wieder besuchen müsse, konnte ich, durfte ich nicht widerstehen; und so traf ich am 2. Juli zugleich mit dem Fürsten in Marienbad ein. Seine Gegenwart, immer aufregend und belebend, brachte bald den ganzen Kreis in Umtrieb; schöne geräumige Wohnungen, liebenswürdige Nachbarschaft, freyer, fast ländlicher Aufenthalt, Bewegungen von Morgens bis Abends im Wandeln und Fahren, Eilen und Begegnen, Irren und Finden und für die Jugend zuletzt[210] im Tanze gaben Zeit und Gelegenheit zum Erneuen älterer Verhältnisse, zum Anknüpfen neuerer, zum Suchen und Gesucht-werden, zu Unterhaltung, Vertraulichkeit, Neigung und was sich nicht alles durch einander flocht; daß man sich eben ganz vergaß, sich weder krank noch gesund, aber behaglich und beynahe glücklich fühlte.

Den Grafen St. Leu, ehmaligen König von Holland, der im Vertrauen auf Marienbad von Florenz gekommen war, traf ich, nach so vielen Jahren wieder, wie ich ihn verlassen hatte, wohlwollend und zutraulich. Wie bedeutend ist nicht der Umgang mit einem solchen Manne, der als einer der wichtigsten Mitspieler des großen Weltdramas, durch die Gewalt des Allherrschers genöthigt auftrat, sodann abtrat seinem sittlichen Gefühl zu Folge. Damals als er sich vom Throne flüchtete, war er mein Wandnachbar in Teplitz, ich gewann seine Neigung, die er mir bis jetzt erhalten und dießmal erneut hat. Den Herzog von Leuchtenberg hab ich auch gesprochen, wo er sich über bedeutende Gegenstände unterhielt. Sinnig wohldenkende, gründlich unterrichtete, kenntnißreiche Männer pflogen mit mir länger oder kürzer belehrende Unterhaltung; und so find ich, wenn ich mir jetzt alles wiederhole, daß ich unendlich viel gewonnen, in manche Zustände hineingeblickt und vieles genossen habe.

Alles beruft mich wegen zusammenstimmender Freyheit des Geistes und Körpers; ich gestehe gern,[211] daß ich mich so fühle und mich eben deshalb, wenigstens dem Sinne nach, zu jenen Gegenden wende, wo ich Antheil hoffen kann, ohne den jedes Behagen doch immer nichtig seyn würde. Lassen Sie mich von Ihrer Seite, beste Mariane, auch wissen, wie Sie diesen Sommer zugebracht; der Freund gibt ja wohl auch einen Wink von seinem thätigen Befinden.

Schließen aber darf ich nicht ohne zu sagen, welche Genüsse mir die Musik dargereicht. Madame Milder von Berlin hat in vier kleinen Liedern eine Unendlichkeit vor uns aufgethan. Madame Szymanovska aus Warschau, die fertigste und lieblichste Pianospielerin, hat auch ganz Neues in mir aufgeregt. Man ist erstaunt und erfreut, wenn sie den Flügel behandelt, und wenn sie aufsteht und uns mit aller Liebenswürdigkeit entgegen kommt, so läßt man sich's eben so wohl gefallen.


Neigung, Friede,

Eger am 9. September 1823.


37/129.


An Amalie von Levetzow

Indem ich von Eger abzugehen mich bereitete lege ich ein Blat vor mich hin, greife nach der Feder und finde sogleich wie viel zu sagen, wie wenig auszusprechen ist. Dencken Sie Sich, liebe, theure Freundinn,[212] die vergangnen mehreren Wochen, besonders aber die letzteren, so werden Sie jeden Tag von meiner Danckbarkeit durchwoben finden die ich jetzt einzeln weder ausdrößeln möchte noch könnte; ich schiebe daher alles Ihrem lieben Gemüthe zu das wird an meiner Stelle das Beste thun.

Und wenn ich mich nun zu der Tochter wende so geht es mir eben so; doch da sie selbst mit Worten nicht freygebig seyn mag so verzeiht sie mir wohl wenn ich diesmal auch zurückhalte. Doch wenn mein Liebling (wofür zu gelten sie nun einmal nicht ablehnen kann) sich manchmal wiederholen will was sie auswendig weis, das heist das Innerste meiner Gesinnung, so wird sie sich alles besser sagen als ich in meinem jetztigen Zustand vermöchte. Dabey, hoff ich, wird sie nicht abläugnen daß es eine hübsche Sache sey geliebt zu werden, wenn auch der Freund manchmal unbequem fallen möchte.

Alle Leute berufen mich über meine Gesunde Heiterkeit, ich dancke jedermann zum allerschönsten; denn ich hör es gern, da es mich an alle die Heilmittel erinnert durch die sie mir geworden ist. Sollte sie sich aufrecht erhalten, so bringe ich sie zur Quelle zurück, sollte sie sich verlieren, so weis ich wo ich sie wieder finden könnte.

Amelien sagen Sie das freundlichste für den letzten Abend; ich habe nie gezweifelt daß sie sey wie sie sich da gezeigt hat. Sagen Sie ihr ferner daß wenn sie[213] (ohne im mindesten sich zu geniren) nur das Übermaaß vermeiden mag, alsdann nicht leicht ein junges Frauenzimmer sich selbst, den Ihrigen, den Freunden, so wie der Gesellschaft erwünschter und angenehmer seyn könnte.

Bertha, der holde Herankömmling, hat so schöne tiefe Töne in ihrem Organ; möge sie beym Vorlesen an mich dencken und den Perioden, wo es sich schickt tief anfangen, um hernach den Ausdruck in die Höhe steigern zu können.

Verzeihung! daß ich aus der Ferne den Schulmeister mache; wie gern geschäh es in der Nähe! Denn wenn ich natürliche Vorzüge glücklich eingeleitete Bildung bemerke, so kann ich mich nicht enthalten mit wenigen Worten auf die nächsten Hindernisse hinzudeuten von denen man sich oft länger als billig aufhalten läßt.

Dem Grafen Taufkirchen gönn ich alles Gute, besonders die vollständigste Chatulle von ganzem Herzen; aber verzeihen kann ich ihm nicht daß er uns, obgleich mit interessanten Geschichten, um eine Abend-Vorlesung gebracht hat, worauf ich mich, vielleicht mit noch jemand, besonders gefreut hatte. Möge bey solchen Übungen Ulricke meiner freundlich gedencken, sich an das Wenige was ich bemerckt habe mit Neigung erinnern, so wird in kurzer Zeit der Bedeutsamkeit ihres Vortrags, dem ihre natürliche Anmuth soviel gefälliges giebt, gewiß nichts abgehen.

[214] Und so wär ich denn doch wieder in dem lieben Kreise aus dem ich mich herauszuwinden trachtete, wieder am runden Tisch, zwischen Mutter und Tochter, den Schwestern gegenüber, in häuslicher Vertraulichkeit.

Nun aber mahnt mich der Raum abzuschließen. Ein neues Blat darf ich nicht nehmen, sonst ging es in's Unendliche fort. Dancken aber muß ich noch bündig und herzlich für die Blicke die Sie mich in Ihr früheres Leben thun liesen, ich fühle mich dadurch näher verwandt und verbunden. Auch der Tochter möcht ich noch sagen: daß ich sie immer lieber gewonnen, je mehr ich sie kennen gelernt; daß ich sie aber kenne und weis was ihr gefällt und misfällt, wünscht ich ihr persönlich zu beweisen, in Hoffnung glücklichen Gelingens. So am Ende wie am Anfang

treu anhänglich

Eger d. 9. Sept. 1823.

G.


37/130.


An Ulrike von Levetzow

Aus der Ferne

1


Am heißen Quell verbringst

Du Deine Tage

Das regt mich auf zu innerm

Zwist;[215]


Denn wie ich Dich so ganz im

Herzen trage

Begreiff' ich nicht wie Du wo

anders bist.


10. S. 1823.

G.


2

Näher betrachtet hätt ich denn doch besser gethan noch ein Blat anzufangen, denn gar mancherley macht sich zum Abschluß nötig; oder vielmehr es ergiebt sich daß man gar nicht abschließen kann. 10. S. 1823.

G.


3

Herren Grafen Klebelsberg empfehlen Sie mich zum allerschönsten und erzählen ihm wie ich gerade mit dem vierrädrigen Füllhorn seiner Sendung angekommen bin, und so viel Geniesbares mitgenossen habe. Da ich denn für mein Theil zum schönsten dancke. Wie für so vieles andere.

10. S. 1823.

G.


4

Auch nach Marienbad an Gros-Papa und Mama empfehlen Sie mich zum besten. Beruft mich das Glück im nächsten Jahre dorthin, so meld ich's bey Zeiten und bitte um gutes Unterkommen. Eine Schlafstätte wie die heurige würde danckbar anerkannt.

10. S. 1823.

G.


5

Und nun noch einen Hauptpunckt! Inständigst bitte mich wissen zu lassen wenn Sie den Ort verändern[216] und wohin. Was ich zunächst wünsche läßt sich leicht errathen.

10. S. 1823.

G.


6

Damit das Halbdutzend voll sey muß ich noch aussprechen daß die köstlichste Tasse, das holde Glas mich schon hier durch ihren Anblick erfreut nicht getröstet. Es war ein schöner Tag des öffentlichen Geheimnisses!

10. S. 1823.

G.


37/131.


An Joseph Stanislaus Zauper

Ihre Sendung, mein Werthester, hat mir sehr viel Freude gemacht und sich höchst würdig an manche liebliche Geschenke zu meinem Geburstage angeschlossen. Nehmen Sie dafür meinen herzlichsten Dank. Die Exemplare sind wirklich höchst schön. Wenn Sie von den nicht gesprengten Tafeln mir einige aufheben, so verbinden Sie mich; auch diese sind merkwürdig genug.

Auch sich in dem Mineralreiche umzusehen, wird Sie nie gereuen. Die Natur, wenn wir sie recht zu fassen verstehen, spiegelt sich überall analog unserm Geiste; und wenn sie nur Tropen und Gleichnisse weckt, so ist schon viel gewonnen.

Hier schließe ich, um nicht tiefer in den Text zu gerathen, und melde nur noch daß ich den 13. dieses[217] in Weimar zu seyn gedenke. Des IV. Bandes 1. Heft Kunst und Alterthum liegt bey. Möge es Ihnen zur Unterhaltung und Aufmunterung dienen.

aufrichtig theilnehmend

Eger den 10. September 1823.

J. W. v. Goethe.


37/132.


An Kaspar von Sternberg

Eger d. 10. S. 1823.

Den theuren spätgefundenen hochverehrten Freund erst so fern dann so nah zu wissen gab dem diesjährigen Aufenthalt in Böhmen eine eigne trübe Stimmung, wenn schon die Gesellschaft der obern Terasse zu Marienbad, durch des Grosherzogs Gegenwart belebt, kaum eine Pause der Lustigkeit zu machen wußte. Indessen darf ich mich nicht beklagen da ich durchaus gut und liebevoll behandelt wurde.

Nun aber darf ich, zum Abschieds Grus, beykommende Hefte freundlicher Aufmerksamkeit empfehlen, sie enthalten das geistige Verhältnis zu meinen Freunden; was man vielen schreiben möchte wird durch den Druck auf einmal geleistet und jeder nimmt als dann günstig das Seinige.

Freude, Friede, Neigung

den Wohlgesinnten

für ewig

G.[218]


Zu dem pyrotypischen Cammerberg noch zweyer anderen ähnlichen Erscheinungen in Böhmen umständlich erwähnen zu können, ist, wohl sehr erwünscht. Das erste sey der Wolfsberg bey Czerlochin, dessen Beschaffenheit ich durch einen Abgeordneten beobachten ließ. Man suchte den wohlbedachten Forderungen unserer Altmeister gemäß, zuerst ein originäres Gestein und setzte solches nach einiger Überzeugung fest, ohne deshalb allgemeinen Beyfall zu hoffen; dieses suchte man nun in seinen Veränderungen vom Kenntlichsten bis zum Unkenntlichsten zu verfolgen und hat eine dergestalt geordnete Sammlung mit wenig Noten an das Prager Museum gesendet. Ein mehr ausführlicher Aufsatz mit einem Ocularriß oder, wenn es glückt, mit einem richtig gemessenen wird vorbereitet; letzterer, welchen mir Herr Kreishauptmann v. Breinl von Pilsen versprach wird dadurch erleichtert, daß auf dem einen Ende des Wolfsberges ein Merkzeichen aufgerichtet war, auf welches allgemeine Messungen sich bezogen.

Die zweyte neuentdeckte Erscheinung uralter Feuerspuren ist bey Boden und Altalbenreuth im Fraischgebiet, etwa drey Stunden von Eger, gegen Süden. Auch hievon wird eine in jenem Sinne gesammelte Folge durch Rath Grüner gesendet werden. Eine Vergleichung mit dem Cammerberg soll nicht ermangeln; sie scheinen alle drey mir auszusprechen, daß ihr Ursprung topisch ist, indem an jedem der[219] drey Orte anderes originäres Gestein verändert worden und die Producte von verschiedenem Gehalt und Ansehn erscheinen.

Ferner hat schon im vorigen Jahre Herr Graf Sternberg die in Marienbad geognostisch beschäftigten Naturfreunde aufmerksam gemacht auf die so langsame als große Gewalt, welche die Gasarten auf's Urgestein ausüben. Beyspiele hievon sind mit einigen Bemerkungen an das Prager Museum abgegangen.

Sodann hat man von dem freyherrlich Junkerischen, höchst wunderbaren Bergwerk nähere Kenntniß genommen und wird die darüber erhaltenen Nachrichten zu vervollständigen, zu ordnen und mitzutheilen suchen. Von Exemplaren selbst ist mir nur soviel zur Hand gekommen, als nöthig ist, in dem eigenen Kabinett diese sonderbare, vielleicht einzige Naturerscheinung vollständig einzuverleiben. Der Besitzer jedoch wird sich gewiß eine Freude machen, die merkwürdigen Documente eines so seltenen Fundes in dem Museum niederzulegen.

So muß ich denn auch bey dieser Gelegenheit der Fortschritte des Rath Grüners gedenken, die er im oryktognostischen Fache gemacht hat; nicht allein wußte er sich durch allgemeine Anschauung eine reiche Kenntniß von mehreren Mineralien zu verschaffen, sondern er suchte sich auch mit dem, was die äußeren Kennzeichen besagen, genau zu befreunden und weiß schon mit dem Löthrohr umzugehen. Er sammelt[220] glücklich und versteht durch Tausch, seinen ökonomischen Kräften gemäß, sich mit allerlei wünschenswerthen Dingen von außen zu verstehen. Diese seine Verfahrungsart dürfte denn auch wohl den Zwecken einer hochansehnlichen Gesellschaft des Prager Museums entgegen arbeiten; so wie die bedeutende Entdeckung der oben angezeigten pyrotypischen Stellen im Fraischgebiete, nicht weniger eines vorzüglich schön crystallisirten Andalusits allerdings als verdienstlich gelten möchten.

Herr Abbé Dobrowsky habe ich zwar nur kurze Zeit, aber doch über einige Gegenstände umständlich gesprochen. Es ward eines böhmischen Codex halb Manuscript halb Druck zu Jena gedacht, dessen derselbe sich wohl erinnerte, obgleich viele Jahre vergangen, daß er solchen dort zur Hand gehabt. Ich erwähnte zweyer Bilder, die in der böhmischen Geschichte beschrieben werden. Englische Studenten zu Prag, denen man das consilium abeundi gegeben, hatten solche vor ihrem Weggehen an die Wände eines Bürgerhauses malen lassen. Ich erbot mich allenfalls Copien davon aus gedachtem Codex zu senden. Sobald ich nach Hause komme, soll eine genaue Beschreibung des Inhalts jenes Bandes geschickt werden, da alsdann Nachzeichnungen und Abschriften auf Verlangen bald erfolgen werden.


[221] Ohngeachtet vieler Zerstreuung sind Geognosie und Meteorologie nicht leer ausgegangen, weil ich durch meine Begleiter zu wirken trachtete. Vorerst empfehle Seite 63 des beykommenden Stückes zur Naturwissenschaft; ich habe in diesem Bezug meine Betrachtungen fortgesetzt und mich hat Weg und Weise immer mehr befriedigt; im nächsten Stücke soll deshalb das Weitere folgen. Auch bin ich sehr neugierig, was die Beobachtung der Preußen vom Meere herauf bringen wird, und wie ich sie in meinem Sinne nutzen kann.

Die Natur der lebendigen Pflanzen von Carl Heinrich Schulz, Privatdocent in Berlin, hab ich in Händen, möglich aber war mir's noch nicht, mich damit zu beschäftigen. Auch Schelver hat wieder von sich hören lassen, was ich bald zu vernehmen hoffe.

Und nun sey geschlossen mit herzlichstem Danck für das herrliche Schreiben vom 4. Aug. Swetla bey Deutschbrod, welches mich diese ganze Zeit her begleitet und zu manchen Betrachtungen aufgefordert hat. Mögen sie fortgefahren von Ihrem Beginnen beliebig mitzutheilen und zu bezeichnen, wovon allen Gebrauch zu machen wäre, so würd ich es danckbar erkennen. Sobald ich nach Hause gelange und einigermassen zur Besinnung erfolgt noch manches was ich jetzo in einem überdrängten Zustande nicht entwirren kann.

unabänderlich

G.[222]


37/133.


An Carl Friedrich von Reinhard

Was konnte mich bey meinem Eintritt in Jena mehr beglücken, verehrter theurer Freund, als der Brief vom 8ten der die Versichrung enthält zu Ende des Monats werde ich Sie wieder umarmen. Willkommen also mit den lieben Ihrigen und was sich anschließt. Wohnung in meinem Hause kann ich nicht anbieten, betrachten Sie es übrigens als das Ihrige. Sie finden mich ganz frey und nach einer glücklichen Kur heiter und thätig. Wie viel ist nicht mitzutheilen! Zu empfangen und zu geben. Ich schließe mit den herzlichsten Wünschen Ihre Reise möge glücklich seyn!

treu anhänglich ergeben

Jena d. 14. Sept. 1823.

J. W. v. Goethe.


37/134


An Christoph Ludwig Friedrich Schultz

Eilig und mit wenigem vermelde, daß den 13. in Jena angekommen bin und den 16. in Weimar seyn werde. Von da an also sind Sie mir herzlich willkommen, ich richte mich ein, daß Sie bey mir wohnen können. Fahren Sie nur gleich am Hause an; doch wäre mir's lieb, wenn Sie durch einen Brief mich erst benachrichtigen wollen. Mehr sage ich nicht, als[223] daß mein achtwöchentlicher Aufenthalt in Böhmen mir sehr wohlgethan hat, und daß ich nur wünsche, daß körperliches Behagen und Freyheit des Geistes, wie ich mich jetzt fühle, auch zu Hause nachhalten sollen. Mögen auch Sie sich alles Guten erfreuen, und wir die Tage, die uns zusammen gegönnt sind, so froh als fruchtbar durchleben.

treu geeignet

Jena den 14. September 1823.

G.


37/135.


An Carl Friedrich Ernst Frommann

Ew. Wohlgeboren

erlauben mir die Frage: ob Sie nicht vor Ihrer Abreise noch veranstalten möchten, daß wir mit den nächsten Heften sogleich im Druck fortfahren könnten?

Ich ergreife heut Abend die Gelegenheit hierüber das Weitere zu besprechen.

ergebenst

J. d. 16. Sept. 1823.

Goethe.


37/136.


An Johann Carl Wesselhöft

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

erhalten hiebey, nach Verabredung mit Herrn Frommann, zu Band II, Heft 3 von Kunst und Alterthum Manuscript zu den ersten Bogen, zu rechter Zeit[224] kommt das Folgende nach. Die Eintheilung des vorderen Gedichtes auf die verschiedenen Seiten habe bezeichnet. Sollte noch irgend ein Bedenken obwalten, so erbitte mir Nachricht. Wie ich denn zugleich gutes Befinden von Denenselben wünsche und hoffe.

Weimar den 20. September 1823.


37/137.


An Johann Friedrich Cotta

Ew. Hochwohlgeboren

nehmen gewiß wahren Antheil wenn ich vermelde daß es mir durch die drey Monate her in Böhmen abermals sehr wohlgegangen und ich bey den Marienbader Heilwassern viel mehr Wohlthätigkeit und Herstellung gefunden als ich nur hoffen konnte; zu wünschen bleibt mir daher nichts übrig als daß, nachdem ich meinen Nachhausweg auf gleiche Weise gefunden, ich auch den bevorstehenden Winter freudig und thätig zubringen möge.

Nur wenig verdriesliche Momente überraschten mich dort, wovon zu melden nicht unterlassen darf.

Ich fand mich nämlich im Buchladen, zum eisernen Kreuz in Carlsbad, mit mehreren Freunden und Fremden, denen man eine Ausgabe meiner Wercke, Wien und Stuttgard, den letzten Band vom vorigen Jahre, unbewunden vorlegte. Man war im Handel[225] und fragte mich was denn wohl von dem vorliegenden Abdruck zu halten sey? Ich antwortete, vielleicht zu naiv: daß ich gar nichts davon wisse! Und bey näherer Betrachtung mußte es doch bedenklich scheinen, eine Original Ausgabe wovon der Verfasser keine Kenntniß hat und der Verleger sich nicht nennt, vor Augen zu sehen. Sodann überzeugte mich nur weniges Nachblättern daß hier die krassesten Druckfehler der ersten Abdrücke abermals vervielfältigt und gleichsam verewigt worden.

Anwesende fragten mich ferner: wie es denn komme, daß man die ächte Ausgabe nur bis zum 20ten Theil, diesen Nachdruck aber bis zum 26ten vorfinde? Wodurch die Besitzer der ersten sehr benachtheiligt wären. Welche Frage ich denn auch nicht genugsam zu beantworten im Stande, in meiner eigensten Sache als gleichgültig, nachlässig und unvorsichtig erscheinen mußte.

Haben Sie die Güte mich darüber aufzuklären zu meiner Beruhigung: denn ich darf wohl versichern daß es der einzige unangenehme Eindruck ist den ich von meinem heurigen, sonst so glücklichen Sommeraufenthalt mit nach Hause bringe. Alles Weiteren enthalt ich mich, und darf die Versicherung kaum hinzufügen: daß sich für mich selbst, so lange mir hier zu verweilen gegönnt ist als auch künftig für die Meinigen, das so werthe, zwischen uns bestehende Verhältniß, welches mich immer an die Vermittlung[226] Schillers erinnert, immer fort ungetrübt sich erhalten möge. Die besten Wünsche.

gehorsamst

Weimar d. 21. Sept. 1823.

J. W. v. Goethe.


37/138.


An Gottfried Bernhard Loos

Ew. Wohlgeboren

verzeihen, wenn ich eine Antwort auf Ihr werthes Schreiben bis jetzt verzögert und, im gegenwärtigen Augenblick auch nur im Allgemeinen dankend, um abermalige Sendung von vierundzwanzig Medaillen, wie die vorjährige war, wo die Zeit das Verdienst hervorhebt, mit wenigem bitte. Es ist aber nicht nöthig, daß sie alle von gleichem Schlage seyen, sondern es könnten auch andere, die nur irgend auf Glück und Gelingen hindeuten, hinzugefügt werden.

Sodann wünscht ich eine größere auf Eheverbindung, auch daß sie sämmtlich in Kästchen gelegt möchten ankommen. Von meinem dießjährigen Wohlbefinden in den böhmischen Bädern kann ich nicht genug Gutes sagen; leider konnte ich nicht persönlich hievon Zeugniß geben. Eiligst. Das Weitere mir vorbehaltend.

ergebenst

Weimar den 23. September 1823.

J. W. v. Goethe.[227]


37/139.


An Carl Ludwig von Knebel

Auf längerem Vorausbereden, mein verehrter Freund, ruht kein Segen; so muß ich dir denn auch dießmal leider mein morgendes Kommen aufkündigen. Der Großherzog kommt spät an, ich kann ihm nur morgen aufwarten und es sähe wunderbar aus, abzufahren, wenn er einkehrt. Verzeihe und lebe wohl! Vielleicht komm ich die nächste Woche unangemeldet, aber nicht beschwerlich, wie ich hoffen darf. Grüße alles. Ich bin thätig, aber doch fast etwas überdrängt; wir wollen sehen, wie wir durchkommen. An alle das beste Lebewohl.

Weimar den 27. September 1823.

G.


37/140.


An Christian Gottfried Daniel Neesvon Esenbeck

An Ew. Hochwohlgeboren ein Schreiben beginnend sind ich mich immer in einiger Verlegenheit, denn indem ich jedesmal mit Dank anfangen und zuletzt auch damit endigen muß; so sollte ich, den Regeln einer guten Redekunst zu Folge, wenigstens von Zeit zu Zeit auf eine neue Wendung denken; da mir aber zuletzt doch dieses Kunststück ausgehen möchte, so will ich sowohl jetzt als künftig bey dem reinen Ausdruck verharren, damit es nicht etwa die Gestalt gewinne,[228] als wenn ich bey dem natürlichsten Gefühl nöthig hätte mich auf Phrasen zu besinnen.

Und so erwähne ich also mit Freuden der colorirten Tafeln, die mir den Werth der schönen Gedächtnißgabe erst recht klar machen. Die Farbe bleibt überall, besonders auch bey Pflanzen, als Hindeutung auf den Charakter höchst merkwürdig; wie dieses auch hier der Fall sey, haben Sie selbst recht schön ausgedruckt, und ich sehe mich hiebey nicht nur durch Ehre, sondern auch durch Belehrung verbunden. Ich hoffe nächstens Gelegenheit zu nehmen, jenes so freundlich Gewidmete einigermaßen zu erwidern.

Die Schilderung Noses hat mir und vertrauten Freunden, die sich Abends wieder bey mir zu versammeln anfangen, die erfreulichste Beschäftigung gegeben; man wußte Ansicht, Einsicht, leicht schildernde Hand genugsam zu schätzen. Ich habe nun meinem Wunsche gemäß den Mann vor mir, dem ich nachzuarbeiten geneigt bin, und, indem ich schon hiezu den Hauptschritt gethan, einen Auszug aus seiner Bildergallerie zu fertigen, so geh ich in der Folge um desto sicherer, da ich den persönlich zu sehen glaube, mit dem ich als einem Alters- und Sinnesgenossen mich zu unterhalten Vergnügen finde. Daß er mir gewogen sey, nehm ich gern auf, da denn doch immer Neigung erwidernde Neigung zu erzeugen geeignet ist.

[229] Hierbey gedenke ich einer früheren Abbildung des Faujas de Saint Fond, welche Breislack Platte II seines Werkes wieder copiren läßt, ob sie gleich als falsch schon langst anerkannt seyn soll. Hier bitte nun, mir entweder aus eigener Kenntniß oder durch Nachfrage gefällig anzuzeigen, ob denn nicht von dem Delphi der neuern Geognosten, von dem Nabel unserer modernen Geologie, von dem feuerlustigen Auvergne genaue, nach der Wahrheit gezeichnete Kupfer vorhanden sind? Nach der Wahrheit, sag ich, und nicht nach Skizzen, wie es bey den Voyages pittoresques gewöhnlich geschieht, die man an Ort und Stelle flüchtig hinschreibt und zu Hause nach dem Gedächtniß pomphaft verarbeitet.

Langweilen uns doch die Architecten mit ägyptischen, nudischen und andern Ruinen, von denen weder Freude noch Erbauung, kaum einige Belehrung zu nehmen ist, und das alles gemessen, aufgerissen, von guten Künstlern gezeichnet und vollendet; sollte man denn nicht auch einmal an die Natur gehen, um genaue Belege von Vorkommen und Form zu denen ewigen subjectiven Versicherungen vulkanistischer Apostel und Proselyten hinzufügen.

Wäre schon etwas mehr oder weniger Befriedigendes zu finden, so bitte mir es anzuzeigen, wo nicht, durch Ihren weitumgreifenden Einfluß dieses so unschuldige, als nothwendige Geschäft anzuregen und zu befördern. Von meiner Seite will ich nicht ermangeln[230] das Nöthige zu thun; denn es ist in diesen, wie in so vielen andern Fächern genugsam offenbar, daß sich Menschen Naturphänomene zu erklären allzu bereit finden lassen, denen der Genius, bey manchen andern Gaben, das theorethische Vermögen und die Kenntniß ihres mitwirkenden Subjects völlig versagt hat.

Der mitgetheilte, hier zurückgehende Brief hat mir viel Freude gemacht. So eine reale und zugleich geistreich-humoristische Natur, die am Seyn festhält, indessen wir uns im Werden vielleicht verlieren, ist höchst interessant zu kennen, und eben so bedeutend zu schauen, wie ein solcher Mann den Umsturz einer sonst anerkannten, wenigstens angenommenen Denk- und Vorstellunsweise nicht gern sehen kann und wo möglich ablehnen möchte. Beyliegendes Gedicht ist ihm zugedacht, es kommt auf Sie an, ob Sie räthlich finden es ihm zu senden. Öffentlich würde ich nicht damit hervortreten, denn ich halte dafür, eine gedruckte Kirche, eine eminente Minorität muß sich in sich selbst befestigen, ohne sich der Majorität gerad entgegen zu stellen.

Der junge Studirende, den ich freundlich empfing, hat mir Ihre Amoenitates überreicht; abermals ein Zeugniß Ihrer großen, nach allen Seiten hin zweckmäßigen Thätigkeit. Möge alles zum besten gelingen und jedes in seiner Art sich fortschreitend Raum machen, Grund legen und aufbauen.

[231] Das kryptogamische Werk langte früher gleichfalls an, zu meiner abermaligen Verwunderung; denn blos durch Ihre Augen kann ich noch das Mikroskopische betrachten und das unendlich eine mir genähert sehen; wohin wir denn doch unsere Blicke gleichfalls zu richten haben, wenn wir uns mit dem unendlich Großen beschäftigen.

An der Ausführlichkeit, ich will nicht sagen Weitschweifigkeit dieser Blätter erkennen Sie wohl, ohne mein Erinnern, daß ich so eben aus der breiten gesprächigen Welt zurückkehre, wo man gar vieles hört, was man nicht billigt und gar manches erwidert, was man nicht immer verantworten kann.

Beylegen muß ich noch ein Hopfenblatt, vom Ruß, wie man es nennt, angegriffen, mit einer kurzen Notiz, die ich in Böhmen aufgesetzt habe; ich füge Fragen hinzu, über die Sie mich geschwinder aufklären, als ich mich selbst durch Nachschlagen und Nachdenken fördern könnte. In solchen Fällen nehm ich mir künftig die Freyheit einer eiligen Anfrage, und ich kann nur immer dabey gewinnen.

Die späte Sendung der Hefte verzeihen Sie; sie wurden vor meiner Abreise nicht fertig, dadurch gab's Irrungen, die ich nach meiner Rückkunft jetzt erst auflöse. Herrn Nöggerath bitte das eine Exemplar zuzustellen; Herrn d'Alton, der mir seine Ankunft meldet, hoffe selbst eines zu überreichen und zugleich manches mit ihm zu besprechen.

[232] Dürft ich gelegentlich noch um einige Musterstücke vom Drachenfels bitten.

Ich schließe, ob ich gleich noch manches zu sagen hätte, in Hoffnung solches bald nachzubringen.

Die treusten Wünsche.

ergebenst anhänglich

Weimar den 29. September 1823.

Goethe.


37/141.


An Carl Gustav Carus

Ew. Wohlgeboren

verzeihen, wenn beykommendes Heft zu spät anlangt; vor meiner Badereise ward es nicht fertig und jetzt drängt sich so manches zusammen, das ich nicht allsobald in's Gleiche bringen kann. Haben Sie Dank für das Mitgetheilte. Finden Sie irgend etwas für das nächste Heft, so werd ich es mit Vergnügen aufnehmen. Indessen bitte von Ihrer neusten Beschäftigung mir einige Kenntniß zu geben. Mich bedrängt altes und neues Interesse von so mancherlei Seiten, daß ich keiner genug zu thun glaube doch will ich nach und nach theils öffentlich, theils im Vertrauen davon einiges mittheilen.

Nehmen Sie indeß den besten Dank für den Antheil, welchen Sie dem fähigen Preller gönnen wollen; freylich lassen sich die jungen heranstrebenden Künstler nicht immer so leiten, wie man wünscht; mir will oft[233] scheinen, als wenn Auge und Ohr anders als vor Zeiten gebildet sey, nicht empfänglich für das, was man sonst für das Beste hielt.

Mögen Sie mich wissen lassen, was Sie der Naturforschenden Gesellschaft in Halle vorgetragen, so fördern Sie mich gewiß und und verpflichten mich auf's neue.

Mit den aufrichtigsten Wünschen.

ergebenst

Weimar den 30. September 1823.

J. W. v. Goethe.


37/142.


An Ernst Heinrich Friedrich Meyer

Ew. Wohlgeboren

verzeihen, wenn beykommendes Heft zu spät anlangt; vor meiner Badereise ward es nicht fertig, und jetzt drängt sich so manches zusammen, das ich nicht allsobald in's Gleichgewicht bringen kann. Haben Sie Dank für das Mitgetheilte! Finden Sie etwas für das nächste Heft, so werd ich es mit Vergnügen aufnehmen. Indessen bitte von Ihrer neusten Beschäftigung mir einige Kenntniß zu geben. Mich bedrängt altes und neues Interesse von so mancherlei Seiten, daß ich keiner genug zu thun glaube; doch will ich nach und nach theils öffentlich, theils im Vertrauen davon einiges mittheilen.

[234] Sollten Sie Die Natur der lebendigen Pflanze von Karl Heinrich Schulz in Berlin etwa recensiren, so machen Sie mich aufmerksam darauf, da ich gelehrte Anzeigen, kritische Blätter nicht immer gleich durchlaufe und mir also auch das, was mich interessieren würde, später zu Gesicht kommt. Ihr Aufsatz in das morphologische Heft hat mir auf einsamen Wegen in dem böhmischen Gebirg viel zu denken gegeben; einiges zu fragen und zu eröffnen ergreife nächstens Gelegenheit.

Möge Ihnen alles gelingen, zum Vortheil und zur Freude gereichen!

ergebenst

Weimar den 30. September 1823.

J. W. v. Goethe.


37/143.


An Joseph Sebastian Grüner

Ew. Wohlgeboren

erhalten hierbey einen Theil der versprochenen Mineralien. Ich wünsche, daß einiges darunter Freude machen möge. Da aus Versehen kein Verzeichniß zurückgeblieben, so bitte nur auf einem Blättchen den Inhalt des Kästchens Ihrem gefälligen Schreiben beyzulegen. Mir ist es ganz wohl gegangen, nur hab ich mancherlei Andrang gefunden, wie ich denn auch gar vieles Retardirte nachholen muß.

Leben Sie recht wohl; grüßen Sie die lieben Ihrigen, empfehlen mich dem Herrn Grafen Auersperg[235] und Herrn Bergmeister Lößl schönstens. Melden Sie mir gefällig, was alles Gutes eingekommen, Ihre schöne Sammlung zu vermehren. Auch wünscht ich wohl zu erfahren, ob die Schränke in Arbeit sind.

Nochmals das beste Lebewohl!

treulichst

Weimar den 1. October 1823.

G.


37/144.


An Friedrich Wilhelm Riemer

Möchten Sie, mein Werthester, mir durch Überbringen die Mittheilungen in's Morgenblatt senden, vielleicht auch die beiden Revisionsbogen von Kunst und Alterthum. Heute Abend kommen Sie vielleicht und bringen etwas Poetisches mit, wir sind mit Herrn Schultz allein.

Weimar den 2. October 1823.

G.


37/145.


An Johann Heinrich Meyer

Sie erhalten hiebey, mein Werthester, die Abschrift der Berliner Steindrucks-Recension welche ich fördern ließ, nachdem ich vorher noch einige Ausdrücke im Original gemildert hatte. Nun, däucht mich aber, steht nichts dem Abdruck entgegen, den ich jedoch, wenn Sie wünschen noch verschieben und etwas[236] Poetisches zwischen die bisherigen Kunsturtheile einschieben kann.

Zugleich sende den Haager Catalog von Münzen und geschnittenen Steinen; sehen Sie solchen durch, denn ich bin nicht abgeneigt dieses Büchlein auszugsweise zu übersetzten, doch möcht ich wegen Auswahl und Ordnung mich erst mit Ihnen besprechen.

Auch liegt ein Prospectus bey, Voyage pittoresque de l' Oberland Bernois, er ist mir von bedeutender Seite wohl empfohlen. Da Sie Herrn Lory, Vater und Sohn günstig sind, so ließe sich vielleicht etwas zu ihrem Vortheil sagen und an dasjenige anschließen, was schon über sie geäußert worden. Vielleicht mögen Sie heute Abend das Weitere besprechen.

Das beste Lebewohl!

Weimar den 10. October 1823.

G.


37/146.


An Friedrich Wilhelm Riemer

Mit freundlichstem Willkommen sende das neulich vorgelesene Gedicht. Mögen Sie es durchsehen, besonders um der Interpunction willen; ich habe [die] Grimmische meistens beybehalten; zu nächster Unterhaltung vorbereitet.

Weimar den 10. October 1823.

G.[237]


37/147.


An Johann Carl Wesselhöft

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

haben vielleicht in der Zwischenzeit schon bemerkt, daß mit dem Revisions-Bogen Nr. 3 das Original-Manuscript nicht anher gelangt ist. Da sich nun ohne dasselbe, wegen mehrerer Namen und anderer eintretenden Umstände, die Revision, nicht gut vornehmen läßt; so wollte hiedurch höchstlich ersuchen, solches anher zu senden.

Damit aber keine Stockung deshalb eintrete, so lege Manuscript bey sowohl zum ersten Bogen der Wissenschaftslehre, als zur Fortsetzung von Kunst und Alterthum.

Der ich mich hienächst bestens empfohlen wünsche.

Weimar den 12. October 1823.


37/148.


An Johann Wilhelm Süvern

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

mit wenigem zu überzeugen, daß Ihre gefällige Sendung zur gelegensten Zeit bey mir angekommen, darf ich nur berichten, über welcher Arbeit sie mich angetroffen.

Eine Chronik meines Lebens zu schreiben bin ich seit einigen Jahren beschäftigt; da dieses aber nur[238] abgebrochen und theilweise geschehen kann, so fühl ich gar oft mit Unwillen eine gewisse Ungleichheit der Behandlung Ew. Wohlgeboren trefflicher Aufsatz gibt mir nun hierüber auf einmal erfreulichen Aufschluß; ich sehe nämlich, daß, je nach dem die Stimmung ist, meine Chronik entweder ihren Charakter behält, oder sich zu Annalen, wohl gar zur Geschichte steigern möchte. Solchem klaren Bewußtsein dürft es nun leichter werden, wo nicht mehr Gleichheit in die Ausführung zu bringen, doch vielleicht die Ungleichheiten weniger fühlbar und verzeilicher zu machen.

Möchte dereinst, wenn diese beabsichtigte Darstellung Ihnen zu Handen kommt, sie sich Ihres Beyfalls erfreuen, und der glückliche Einfluß eines würdigen Zeitgenossen voraus hervorgehen.

Weimar den 15. October 1823.


37/149.


An Christoph Wilhelm Hufeland

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

geneigtes Schreiben versetzt mich in jene angenehmsten Augenblicke, wo ich zugleich persönlich die Versicherung eines gewogenen Andenkens und das ärztliche Zeugniß meines erneuten Wohlbefindens in Carlsbad empfing. Gegenwärtig habe vorläufig mit wenigem zu versichern: daß die beiden mitgetheilten Aufsätze[239] zur allergelegensten Zeit erwünscht eintreffen, indem ich eben die atmosphärischen Beobachtungen des vergangenen Sommers zu redigiren und nach meiner Weise zu behandeln im Begriff bin.

Nun gereicht es mir zum großen Vortheile, die mannichfaltigen Forderungen in der Kürze kennen zu lernen, die man an einen Meteorologen zu machen berechtigt ist, und die ich mir nun als Ziel und Zweck aufzustellen habe.

Was meinen eingeschlagenen Weg betrifft, sage soviel: daß ich die Barometer-Veränderungen nicht außerhalb des Erdballs aufsuche und der Erde eine veränderliche Anziehungskraft zuschreibe, welche sie verhältnißmäßig auf den Dunstkreis ausübt, der nun nach verschiedenen Ansichten für schwer, drückend, elastisch und zuletzt in einem höhern Sinne belebt zu achten ist. Alle übrige Phänomene bezieh ich hieraus, behandle sie als untergeordnet, wogegen die eigentlich tellurische Wirkung immer selbstständig und zugleich begränzt und abgemessen erscheint.

Von diesem Standpunct ausgehend muß ich freylich alle übrigen nach und nach berühren, da mir denn auch endlich, wenn ich das reine Physisch-Physiologe durchgearbeitet habe, die pathologischen Erscheinungen, welche Sie so gründlich und ausführlich andeuten, höchst wichtig begegnen müssen. Aus beyliegendem Hefte, besonders von Seite 59 an, und einer dazu gehörigen graphischen Darstellung läßt sich[240] das Weitere meiner Absicht ersehen, und ich wünsche die mir so wichtige Angelegenheit bis dahin durchzuführen, wo mein Unternehmen nicht allzufrevelhaft erscheinen möchte. Ew. Hochwohlgeboren fernere Theilnahme mir angelegentlichst erbittend, der besten Folgen einer frohen Sommerbewegung noch immer genießend,

Hochachtungsvoll.

Weimar den 15. October 1823.


37/150.


An J. L. J. Brière

[Concept.]

Hochgeehrtester Herr!

Sie haben mir durch die bedeutende zutrauliche Sendung sehr viel Vergnügen gemacht; denn ob ich gleich vor soviel Jahren den Diderotischen trefflichen Dialog mit Neigung, ja mit Leidenschaft übersetzte; so konnte ich demselben doch nur eine flüchtige Zeit widmen, darauf aber meine Arbeit mit dem Original niemals wieder vergleichen.

Nun geben Sie mir Gelegenheit es zu thun, und ich trage kein Bedenken hiemit meine Überzeugung auszusprechen: daß der von Ihnen gedruckte Neveu de Rameau das echte Original sey. Schon empfand ich dieß gleich bey'm ersten Lesen, was nun zur größern Gewißheit wird, indem ich, nach einer so langen Pause das französische Werk mit meiner[241] Übersetzung zusammenhaltend, gar manche Stelle finde, welche mich befähigt, meiner Arbeit einen größern Werth zu geben, wenn ich sie weiter darnach ausbilde.

Eine solche Erklärung scheint hinreichend zu Ihren Zwecken, die ich gerne fördern mag, weil, wie gesagt, durch die Entdeckung und Publication des Originals mir selbst ein bedeutender Dienst geschehen.

Sollte an meiner nachstehenden eigenhändigen Namens-Unterschrift, wie Sie befürchten, irgend gezweifelt werden; so könnte man allenfalls durch ein gerichtliches Zeichen alle Ungewißheit verbannen.

Der ich, mit dem Wunsch, Ihre Ausgabe der sämmtlichen Werke Diderots bald abgeschlossen zu sehen und einige Nachricht von Ankunft des Gegenwärtigen zu erhalten, die Ehre habe mich zu unterzeichnen.

Weimar den 15. October 1823.


37/151.


An Jacob Grimm

Mit vielem Antheil mein Verehrtester, habe den mir zugewiesenen serbischen Literator aufgenommen und gesprochen; seine früheren Arbeiten waren mir schon durch Recensionen bekannt, und da gar manche Lieder jener Völker, die sich dieser und ähnlicher Mundarten bedient, in meinen Handen sind, so war eine nähere aus unserer, Unterhaltung hervorgehende Kenntniß mir höchst angenehm.

[242] Am allererfreulichsten aber doch die, wohlgelungene Übersetzung des schönen Fürsten- und Sittenliedes, die Sie mir so gefällig übersenden mögen, und welche ich, nachdem ich sie Freunden und Sinnesverwandten vorgetragen, sogleich, Genehmung hoffend, in Kunst und Alterthum abdrucken ließ.

An den glücklichen Fortschritten Ihrer edlen Bemühungen würde mich Ihr ernster treuer Sinn nicht zweifeln lassen, wenn ich auch nicht, wie es von Zeit zu Zeit geschieht, durch Freunde oder wohl öffentlich davon Nachricht erhielte und davon meinen Vortheil gewänne.

Möge auch mir wie bisher bey meinem eigenen Thun und Lassen Ihre Mitwirkung zum schönen und großen Zweck zu Gute kommen; erhalten Sie mir ein freundliches Andenken und geben mir gelegentlich erfreuliche Zeichen.

ergebenst

Weimar den 19. October 1823.

J. W. v. Goethe.


37/152.


An Johann Gottfried Jakob Hermann

Ew. Hochwohlgeboren

das durch meine lange Sommer-Abwesenheit mehr als billig verspätete Heft endlich zu übersenden werd ich auf's freundlichste durch die mir abermals gegönnten verdienstvollen Werke in diesen Tagen angeregt; wofür ich zum allerbesten danke und gewiß[243] nicht verfehle, obgleich nur aus einiger Ferne an den so gründlichen und geistreichen Arbeiten meinen Theil abzunehmen. Dieses wird mir durch die Nähe des Professor Riemer immerfort erleichtert, und ich sehe hierin abermals einen Vereinigungspunct zu unsern bevorstehenden Winterunterhaltungen; wobey des Gebers dankbar und theilnehmend gedacht werden soll. Auch haben wir schon die so würdige, den poetischen Sinn vollkommen durchdringende Vorrede zusammen angefangen.

Möge doch auch einiges meiner fortwährenden Beschäftigungen, das ich den Tag zu fördern veranlaßt bin, sich Ihrer Aufmerksamkeit zu erfreuen fernerhin das Glück haben; so wie ich hoffen darf von den herrlichen Früchten Ihrer großen Thätigkeit auch in der Folge zutrauliche Mittheilungen zu erleben.

gehorsamst

Weimar den 19. October 1823.

J. W. v. Goethe.


37/153.


An Ernst Müller

Ew. Wohlgeboren

verbinden mich besonders, wenn Sie die Gefälligkeit haben wollen, mir die Adresse an den Prinzen Christian von Hessen-Darmstadt, den Herrn Bruder[244] unserer Frau Großherzogin, mittheilen zu wollen, wie auch die Courtoisie, wie man sie ihm schuldig ist.

Mit den besten Wünschen ergebenst.

Weimar den 19. October 1823.

J. W. v. Goethe.


37/154.


An Georg Christoph Frick

[Concept.]

Wohlgeborner

Hochgeehrtester Herr!

Von Berlin aus werd ich öfters durch Zeichen und Beweise eines geneigten Andenkens erfreut, und ich darf wohl unbedenklich aussprechen, daß die von dort her mir bewiesene Theilnahme wesentlich zu dem Glück meines Lebens gehört. Was Kunst und Wissenschaft so reichlich daselbst hervorbringt, belebt mich zu ununterbrochener Beschäftigung und, insofern es an mir ist, zu thätiger Erwiderung.

Hiezu gesellt sich nun die so bedeutend als ehrenvolle Sendung eines gleich kunstmäßig und in Bezug auf Persönlichkeit wohlgelungenen Bildes. Nehmen Sie dafür den besten Dank, welcher bey'm Anblick des aufgestellten Gleichnisses einer vorübergehenden Gegenwart, sich immer erneuern und in den Meinigen viele Jahre fortleben wird.

Mich zu wohlwollendem Andenken auch fernerhin bestens empfehlend.

Weimar am 22. October 1823.[245]


37/155.


An den Landgrafen Ludwig Christianvon Hessen-Darmstadt

Durchlauchtigster Landgraf,

gnädigster Fürst und Herr.

Schon durch die gnädigst-gefällige Nachricht daß die Hemsterhüis-Galizinische Sammlung in Höchsten Besitz gelangt und sicher aufbewahrt sey, war mir ein angelegener Wunsch erfüllt, indem ich einen bedeutenden Schatz, den ich jahrelang als den meinigen ansehen und benutzen durfte, glücklich geborgen sah. Nun aber vermehrt sich meine Freude durch die mir gnädigst mitgetheilte Schrift, die mich überzeugt daß ebengedachte Sammlung, mit andern ähnlichen, gleich werthen Kunstschätzen gepaart, aufgestellt worden, damit sie nützlich für Kunst und allgemeine Bildung wircke. Ich wünsche jedem Reisenden den Glück an Ort und Stelle von dieser und andern herrlichen Anstalten Vortheil nehmen zu können.

Indem nun Ew. Hochfürstlichen Durchl. mein verpflichtetes Anerkennen gnädigster Einwirckung schuldigst darlege und Ihro des Königs verehrtester Majestät unmittelbar; allerunterthänigst zu dancken mich nicht erkühne; so erbitt von Höchstdenenselben mir die Gnade allerhöchsten Ortes die tiefgefühlteste Dancksagung geneigtest auszusprechen.

[246] Mir sodann die Erlaubniß erbittend dasjenige was öffentlich über die fragliche Schrift bescheiden zu sagen wäre, geziemend zu überreichen; langgegönnter, unschätzbarer Huld und Gnade mich andringlichst empfehlend. In lebenslänglicher Verehrung.

Ew. Hochfürstl. Durchlaucht

unterthänigster Diener

Weimar, d. 23. Ocktober 1823.

J. W. v. Goethe.


37/156.


An Carl Ludwig von Knebel

Hierbey, mein Theurer, Verehrter, das Heft Morphologie pp., was du verlangst; im Verschicken bin ich immer etwas scheu und wünschte, daß dergleichen den werthen Freunden zur besten Stunde zufällig in die Hände käme. Tausend Lebensmomente sind in einem solchen Hefte fixirt; wie sollen sie sich gerade loslösen und dem Leser glücklich begegnen, der die Blätter aufschlägt; auch hab ich gebunden, daß sie erst Jahre hinterdrein empfunden und genossen werden; wie mir es ja auch geht mit so vielem Guten, was geheftet und gebunden sich vor meinen Augen aufgelagert hat.

Den Zudrang von manchem wahrhaft Würdigen in mehreren Fächern mußte ich ohnehin entschieden gleichgültig ablehnen, da seit meiner Rückkehr Besuche von ältern Freunden mich wahrhaft auferbauen.

[247] Staatsrath Schultz und Graf Reinhard, aus zwey entgegengesetzten Welten sich hier begegnend, haben gar manches Höchstbedeutende überliefert und aufgeregt. Eine Fluth von Fremden, worunter englische Wellen sich besonders auszeichnen, erhält uns jeden Augenblick wach.

Nun aber zuletzt tritt Madame Szymanovska herein, mit freundlichster Liebenswürdigkeit und dem größten Talent; auf dem Pianoforte ist sie zu Hause und macht daselbst die allerliebste Wirthin.

Ich hatte 14 Tage mit ihr in Marienbad verlebt, wenige in Carlsbad. Nun ist sie schon fünf Tage hier, ergötzt, wer Ohren und sonst einen Sinn hat in unserm Bezirk, wo glücklicherweise ein gutes Instrument steht. Heute spielt sie bey der Frau Erbgroßherzogin, und es ist noch ungewiß, ob sie ein öffentliches Concert geben wird.

Da bin ich nun wieder in den Strudel der Töne hingerissen, die mir, modern gereiht, nicht immer zusagen, mich aber doch dießmal durch soviel Gewandtheit und Schönheit gewinnen und festhalten, durch Vermittelung eines Wesens, das Genüsse, die man immer ahndet und immer entbehrt, zu verwirklichen geschaffen ist.

Hiernach, mein Bester, wäre wohl nicht viel zu denken, noch zu sagen; ich schließe sehr vergnügt, obgleich in völliger Ungewißheit des weiteren Erfolgs. Sollte die Nachricht eines von hier angekündigten[248] Concerts zu euch hinüber kommen, so sende alle mobile Menschen herüber, schicke Wellern auf alle Fälle.

Eilig und treulich abschließend

Weimar den 29. October 1823.

G.


37/157.


An Carl Gustav Carus

Ew. Wohlgeboren

sende mit Gegenwärtigem die treffliche Abhandlung zurück. Was ihr in der Eile abzugewinnen war, ist schon alles werth, denn ich konnte mir den Hauptbegriff aneignen, woraus das Nähere sich mit Muße entwickeln wird, wenn mir der Abdruck vor Augen kommt. Nehmen Sie vorläufig meinen besten Dank. Vielleicht gönnen Sie mir eine kleine Anzeige, oder was es auch sey, von dem, was Sie zunächst geleistet haben und leisten, für das eben im Druck begriffene Heft der Morphologie. Es ist mir sehr angenehm, daß eine solche Beschäftigung mich mit den großen Bewegungen des Tags immer in einigem Bezug erhält.

Was Sie uns an eigenen Gemälden mittheilen mögen, soll in dem Museum in gutem Lichte aufgestellt werden; vielleicht tauschen Sie solche Stücke von Zeit zu Zeit mit andern aus und setzen uns dadurch in den Stand, die bewundernswürdige Vielseitigkeit Ihrer ausgebildeten Naturgaben anzustaunen[249] und näher kennen zu lernen. Es ist überhaupt mit Worten nicht auszusprechen, auf welcherlei Betrachtung Ihre unerschöpfliche Thätigkeit hinweist.

Aufrichtigste Anerkennung

und Theilnahme.

ergebenst

Weimar d. 29. Octbr. 1823.

J. W. v. Goethe.


37/158.


An Franz Kirms

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

das wirklich höchst anmuthig erfundene und geistreich ausgeführte Gedichtchen dankbar zurücksendend, füge eine nochmalige Bitte hinzu. Sie haben Madame Szymanovska neulich gehört, und nun wünschten die Musikliebhaber zu einem öffentlichen Concerte Mittel zu verschaffen; auch ist es höchst wahrscheinlich, daß nächsten Dienstag dergleichen statt haben werde. Ew. Wohlgeboren würden daher die verbündeten Musikfreunde sehr verpflichten, wenn Sie einleiten wollten, daß die Capelle bey dieser Gelegenheit freundlichen Beystand leistete; weshalb mir seiner Zeit gefällige Nachricht erbitte.

Weimar den 29. October 1823[250]


37/159.


An Johann Friedrich Blumenbach

Ew. Hochwohlgeboren

trauen mir zu, daß ich mit größtem Vergnügen die Nachricht vernahm, unser gnädigster Herr habe, nach so viel genossenem Guten, wie es der vergangene Sommer gebracht, noch den Entschluß gefaßt, durch einen Besuch in Göttingen den Herbst zu krönen. Wie diese, wenn schon kurze Reise reich an wechselseitiger Freude und Mittheilung seyn werde, war vorauszusehen, und ich vernehme nun den Erfolg mit allen seinen Einzelheiten, beiden Theilen Glück wünschend, zu meiner höchsten Zufriedenheit. Nun aber veranlaßt mich zu Gegenwärtigem der hohe Reisende, indem er mir austrägt, einiges zu berichten und zu bitten.

Erstlich soll ich auf beykommendem Blättchen den Titel eines Werkes übersenden, dessen Anschaffung, da es unter den Schätzen der Göttinger Bibliothek noch nicht vorhanden ist, von Serenissimo als eines unentbehrlichen angelegentlich empfohlen wird. Dagegen wünscht derselbe,

Zweytens: den vollständigen Titel der eigentlichen Parlaments-Acten des Ober- und Unterhauses, viel leicht zu einem Versuch, ob er nicht solches, im Handel nicht cursirendes Werk auf irgend eine Weise aus England erhalten könne.

[251] Drittens: bittet er um das in England für Ew. Hochwohlgeboren besonders gebundene Buch, eine Schrift von Ihnen selbst enthaltend. Er wünscht es nur auf einige Tage, um solches einem Buchbinder zu zeigen, der einiges Geschick hat und manchmal unmittelbare Aufträge zu Prachtbänden erhält.

Indem ich mich nun der gnädigsten Aufträge hiedurch entledige, füge den verbindlichsten Dank für eine noch nicht vergessene, höchst erfreuliche Sendung hinzu. Mein Sohn, der sich auf's neue zum freundlichsten Andenken bestens empfiehlt, legt, wie billig, großen Werth auf den Hyänenknochen, welcher, an sich merkwürdig genug, durch bildliche Darstellung und Poesie noch höhere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das Übrige verwahr ich unter andern Seltenheiten, wovon ich Ew. Hochwohlgeboren nicht wenig verdanke. Möge Ihnen und der erhabenen Georgia Augusta alles wohl gelingen und mir vergönnt seyn, die neu erwachte Lust eines abzustattenden Besuchs nächstens zu befriedigen. Mich mit allen den Meinigen zu fortgesetztem teilnehmenden Wohlwollen bestens empfehlend und gelegentlich einer freundlichen Überraschung vom Westen her entgegen hoffend.

In treuster Anhänglichkeit

unverändert ergeben

Weimar den 31. October 1823.

J. W. v. Goethe.[252]


37/160.


An Joseph Sebastian Grüner

Ew. Wohlgeboren

darf nicht verläugnen, daß ich seit einiger Zeit einem freundlichen Schreiben von Ihnen mit einer gewissen Ungeduld entgegen sehe. Am 3. October ist ein Kistchen mit Mineralien durch die fahrende Post abgegangen das mein Andenken bey Ihnen, indem es einiges Angenehme brächte, abermals erneuen sollte. Einige Nachricht von Ankunft dieser Sendung wäre mir in manchem Sinne erwünscht, auch wird schon eine neue zusammen gelegt.

Sodann aber habe zu vermelden, daß die zwey bey Denenselben hinterlassenen Kisten hier noch nicht angekommen. Sie sind mir in vielem Sinne wichtig, besonders auch weil die sämmtlichen Schätze von Boden und Albenreuth darinne befindlich. Haben Sie die Güte, mir anzuzeigen, auf welchem Wege sie abgegangen, vielleicht verursachte das Unglück von Hof einigen Aufenthalt; doch wird der Spediteur gar leicht ausmitteln, wo sie in's Stocken gerathen. Mir ist sehr viel daran gelegen, sie zu erhalten, weil ich eben jetzt an der Redaction meiner und, ich darf wohl sagen, unserer Papire bin. Haben Sie die Güte, mich baldigst darüber aufzuklären und mir zugleich von dem Wachsthum Ihrer Sammlung und Correspondenz umständlich zu melden.

[253] Hiebey folgen ein paar Blättchen, wenn Sie solche gefälligst an die Aufschrift bestellen und mir gelegentlich eine Antwort zusenden wollen, so würden Sie mich sehr verbinden.

Nun aber nichts mehr als die treufreundlichsten Grüße.

ergebenst

Weimar den 31. October 1823.

J. W. v. Goethe.


37/161


An den Freiherrn Clemens von Junker-Bigato

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

haben mir gegen Ende vergangnen Julis Sich doppelt gefällig erwiesen, indem Sie, meinen Wünschen gemäß eine vollständige Sammlung Ihrer merkwürdigen Bergwerks-Vorkommenheiten und eine ausführliche Beschreibung des ganzen Hergangs mittheilen wollen. Diese letztere geht bis den 23. Juli 1823 und ist schon in dem zweyten Hefte des zweyten Bandes der Beyträge zur Naturwissenschaft auf den ersten Bogen abgedruckt.

Da ich nun womöglich den Verlauf des Bergbaues von jener Zeit an bis jetzt gleichfalls dem höchst aufmerksamen Publicum vorlegen möchte; so wollt ich Hochdieselben hierdurch ersucht haben, mir, wenn es nicht gar zu lästig wäre, hievon Nachricht zu[254] geben; wenn ich sie auch erst Ende Novembers erhalte, so wird es noch immer Zeit seyn, sie abdrucken zu lassen, und ich werde diese Freundlichkeit wie alle bisherige dankbarlichst erkennen.

Der ich mit einem treugemeynten Glück-Auf! schließe und sowohl in diesem Geschäft als in allen andern Vorkommenheiten das beste Gedeihen wünsche. Mich einem wohlwollenden Andenken bestens empfehlend, in Hoffnung, im Laufe des Sommers Sie abermals zu begrüßen.

Weimar den 31. October 1823.


37/162.


An Ignaz Lößl

Ew. Wohlgeboren

haben mich sowohl durch Darlegung der Umstände, unter welchen der sogenannte Ruß den Hopfen angreift, als durch gefällige Bemerkung, woher dieses Übel seinen Ursprung haben möchte, ingleichen durch einige Musterstücke angegriffener Blätter, im vergangenen Herbst sehr verpflichtet. Bey Mittheilung dieses alles an Pflanzenfreunde entstand die Frage: ob dieser Ruß gleichfalls die männlichen Pflanzen überziehe? nicht weniger, ob derselbe auch am wilden Hopfen, wie er an Hecken und Zäunen wächst, wahrgenommen werde? Erstere Frage wird schwer zu beantworten seyn, weil die Hopfenbauer sich bloß auf die weibliche[255] Pflanze verlegen; letzteres, das auch für niemand ein sonderliches Interesse hat, ist vielleicht zufällig bemerkt worden.

Unter den schönsten Grüßen an unsern guten Fürnstein empfehle mich geneigtem Andenken, bis wohl, meinem Wunsche gemäß, der nächste Sommer uns wieder zusammen führt.

Mit den aufrichtigsten Wünschen

ergebenst

Weimar den 31. October 1823.

J. W. v. Goethe.


37/163.


An Christian Gottfried Daniel Neesvon Esenbeck

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

habe nur eilig aus der Mitte von willkommenen Zerstreuungen, indem seit meine Zurückkunft die werthesten Freunde mich nach und nach besuchen, für die doppelte Sendung den besten Dank abzustatten. Aus den Actis habe mir sogleich die empfohlenen Rhizomorphen zugeeignet und sodann Herrn Gruithuisens Erd- und Mondvergleichung wohl bedacht. Dabey lege ich mir auf: wenn ich, bey so vielem Beyfallswerthen, allenfalls etwas bemerken sollte, was mir nicht ganz nach dem Sinne ist (wie denn wohl in dieser vielsinnigen Welt manchmal der Fall seyn kann), solches aufzuzeichnen und vertraulich mitzutheilen;[256] denn between the President and the Fellow kann gar manches besprochen werden, was für die weite und breite Welt nicht gehört.

Und so will ich denn auch für die reiche Belehrung, den Ruß und Rost betreffend, den allerschönsten Dank sagen; wir rücken auf diese Weise doch immer weiter, und die Probleme werden mehr in die Enge getrieben. Darf ich bitten, meine Anfragen zurückzusenden, ich habe sie verlegt und wünschte doch das Ganze zusammen in dem nächsten morphologischen Hefte abdrucken zu lassen.

Die kleine Zeichnung der höchst merkwürdigen, ungeheuren, concentrischen Basaltkugel war mir höchst willkommen; sie dient zum Verständniß des größeren Steindrucks, und dieser klärt jene wieder auf.

In Böhmen waren dießmal außer dem Kammerberg noch zwey echt pyrotypische Stellen gefunden; Rose, meinem Contemporan, gehorchend habe erst das ursprüngliche Gebirg zu erkennen gesucht, alsdann dessen Veränderungen auszumitteln getrachtet. Dabey findet sich jedoch immer, daß man mit aufrichtigem Hinschauen gar wohl gewahren kann, was geschehen ist; wie es aber geschah? diese Frage setzt uns in Verlegenheit, und wer sich nicht recht in Acht nimmt, kommt in Gefahr, sich von Eilschlüssen und Vorurtheil überwältigen zu lassen. Übrigens erfreu ich mich, an die Schwelle des Unerforschlichen immer näher heranzutreten.

[257] Herrn Nöggerath bitte mich zum allerbesten zu empfehlen. Wie gern durchzög ich die Eifel mit ihm, zu klarem Schauen dessen, was immer noch als Problem vor mir steht. Warum bin ich nicht mehr so leicht auf den Füßen als zur Zeit, wo ich die unnützen Reisen in die Schweiz that, da man glaubte, es sey was Großes gethan, wenn man Berge erklettert und angestaunt hatte.

In den Kupferstecher scheint mein herkömmliches Zaudern gleichfalls gefahren zu seyn, indessen muß man schleichen lassen, was nicht zu beschleunigen ist.

Das wunderbare Silberbergwerk, dessen ich Seite 105 des neusten Heftes gedenke, habe zwar nicht selbst befahren, aber durch Abgeordnete und den Besitzer sehr gut kennen gelernt; auch die vollkommenste Reihenfolge der Gebirgs-, Gang- und Erzarten mitgebracht. Im nächsten Hefte wird wenigstens [bis] zum 22. Juli genaue Kenntniß gegeben, wo möglich bis auf die letzte Zeit.

Immerfort dauernde gesellschaftliche Einwirkungen, besonders einer Madame Szymanowska, Polnischer Pianospielerin, deren Talent bis auf's höchste gesteigert ist, erlauben mir in die Wissenschaft nur flüchtige Blicke zu werfen. Empfangen Sie meinen besten Dank für alles Bisherige, lassen Sie mich auch zunächst Ihren glücklichen Fortschritten folgen und nehmen Sie Theil an meinem stillen und sachten, aber gewiß ernsten und wohlgemeynten Gange.

Weimar den 31. October 1823.[258]


37/164.


An Johann Heinrich Meyer

Endlich muß ich wohl Sie, mein Bester, mit einem Bilettchen angehn; ein krankes Pferd hinderte mich Sie einzuladen; auch war bey Gegenwart der schönen talentreichen Polin ein unsicheres Geschwirre zwischen Kindern und Kunstfreunden, so daß man sich selbst weder stimmen noch sammeln konnte. Die zweyte Absendung der Kunstartikel ist heute auf Jena; vielleicht haben Sie noch einige kurze Sachen, die man gleichfalls, wenn Raum ist, brauchen könnte, sonst auch als willkommenen Vorrath für das nächste Stück verwahrte.

Ich habe die Friese Appianis, Napoleons Thaten vorstellend, im Hause und wünschte sie wohl mit Ihnen zusammen zu sehen. Auch sind die Palmen von Martius angelangt, worüber auch zu reflectiren wäre. Soll ich heute Abend eine Portechaise schicken, so geben Sie mir einen Wink.

treulich

Weimar den 5. November 1823.

G.


37/165.


An Christoph Ludwig Friedrich Schultz

Nur mit der schönsten talentreichsten Frau ein paar Worte des freundlichsten Grußes. Madame Szymanowska, aus Warschau, Pianospielerin über[259] alle Begriffe, anmuthig über allen Preis, überreicht Gegenwärtiges. Behandeln Sie solche mit menschlich häuslichem Vertrauen, das ist, was sie bedarf; dafür bringt sie viel mit, wohin sie sich auch wendet. Ihr Brieflein ist angekommen. Nächstens manches in Erwiderung. Weimar den 5. November 1823.

treulichst

G.


37/166.


An Friedrich Theodor von Müller

Die drey neusten Gedichte zu näherer Beherzigung mir erbittend.

W. d. 6. Nov. 1823.

G.


37/167.


An Friedrich Theodor von Müller

Mit aufrichtigstem Dank für die bisherige so freundliche Unterhaltung und Assistenz muß leider anzeigen, daß die Ärzte streng und ausdrücklich alle Abendbesuche abzulehnen geboten haben. Wie viel ich dabey verliere, ist Ihnen am besten bekannt. Gegen Mittag würde mir auf Augenblicke Ihre Gegenwart höchst erfreulich seyn, nur bitte mich von allem Sprechen zu dispensiren.

gehorsamst

Weimar den 21. November 1823.

G.[260]


37/168.


An Friedrich Wilhelm Riemer

Da mir die Ärzte leider jede Abendunterhaltung streng und ausdrücklich verboten, so ersuche Sie, mein Werthester, wenn Sie wegen Revision des 7. und 8. Bogens einiges zu besprechen wünschen, mich gegen Mittag zu besuchen. Leider verspätet sich die Rückkehr eines guten Zustandes immer mehr. Das Beste wünschend.

Weimar den 21. November 1823.

G.


37/169.


An Johann Carl Wesselhöft

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

danke verbindlichst, daß Sie unser Druckgeschäft so schön und gleichmäßig haben heranführen wollen. Nun sende vor allen Dingen einiges Manuscript und zwar mit folgender Bemerkung.

Der Inhalt der ersten vier Bände von Kunst und Alterthum, woran die Freude mich öfters gemahnt, soll nunmehr den Schluß des gegenwärtigen Heftes und also auch des vierten Bande, machen. Nun wollte anfragen, ob es gefällig wäre, beykommende Blätter mit kleinerer Schrift absetzen zu lassen; denn da wir auf den 12. Bogen auch noch Schmutztitel und Haupttitel zu bringen haben, so wäre mir gar erwünscht[261] zu wissen, wie viel Raum dieses alles zusammen einnähme? damit ich wegen des übrigen Nothwendigen eine schickliche Wahl treffen könnte. Ew. Wohlgeboren werde mir hierüber die beste Auskunft geben.

Mich Herrn Frommann und der ganzen werthen Familie zum allerbesten empfehlend.

Weimar den 22. November 1823.


37/170.


An Oerthel, Heerdegen und Comp.

[Concept.]

[26 November 1823]

Ew. Wohlgeboren

erlauben nachstehende kurze Anfrage Unterzeichneter ließ am 11. September, als er von Eger abging, zwey Kisten Mineralien im Gasthof zur Sonne stehen, deren Absendung nach Weimar sowohl der Wirth Franz Blechschmidt, als Herr Polizey-Rath Grüner übernahmen.

Da nun beide Kisten bis jetzt noch nicht angekommen; so erfährt man auf Nachfrage, daß ein Fuhrmann Peter Fleischmann diese beiden Kisten gegen den 23. September übernommen habe, um dieselben bey denen Herren Oerthel und Heerdegen in Hof abzuladen.

Ew. Wohlgeboren haben die beste Gelegenheit sich hiernach zu erkundigen, worum ich schönstens gebeten[262] haben will, und bey Ihrer erprobten Gefälligkeit und Geschäftsthätigkeit die entschiedenste Hoffnung habe.

Sobald es Denenselben gelingt auszumitteln, wo sich die Kisten befinden, bitte solche schleunigst anher zusenden und mir hievon einige Nachricht zu geben. Sie werden dadurch die Dankbarkeit erneuern, welche bey anderer Gelegenheit abzutragen alle Ursache hatte.


37/171.


An Amalie von Levetzow

Ihr lieber, theurer Brief, meine allerbeste, obgleich erwartet und gehofft, hat mich ganz eigentlich überrascht; denn so ist es mit ersehnten Freuden daß sie, zaudernd, uns für die Ewigkeit auszubleiben scheinen. Eine unwillkührliche Bewegung, womit ich mir den fremden Poststempel und das bekannte Siegel sogleich anzueignen trachtete, werden Sie mir wohl zutrauen.

Und so erreich' ich es denn, nach langem Entbehren, wieder in die Mitte des heitersten Familienkreises einzutreten und eines Zustandes, nunmehr in freyer Luft, in Wein- und Obstgärten, wenn auch nur Gedanckenweise, mich zu erfreuen, eines Zustandes der mich, unter den zwar kurzen, aber doch goldnen Flügeln des Herrlichen Straußes, höchst glücklich gemacht hätte. Noch jetzt empfinde ich es nach, da eine[263] heitere Vergangenheit als wäre sie gegenwärtig ihren reitenden Einfluß ununterbrochen fortsetzt.

Daß ein so schöner Herbst Ihnen gegönnt war machte mir die reinste Freude, ich mochte an heitern Tagen Sie dencken wo ich wollte, so fand ich Sie unter freyem Himmel; und wenn nun gar Ihre liebenswürdige Erzählung mir die schönen böhmischen Gegenden durch eine frohe Thätigkeit der lieben Kinder belebt und die Landschaft erst recht durch die anmuthigsten Figürchen heraushebt, so wüßte ich Gefühl und Einbildungskraft nicht angenehmer zu beschäftigen.

Was unsern theuren gnädigsten en Herren betrifft so kann ich wohl sagen: daß er sich dem allgemeinen Wunsche gemäß aber völlig über alle Erwartung in dem besten Wohlseyn befindet. Nicht allein ist ihm die Berliner Revüe ganz trefflich angeschlagen, sondern er hat nach kurzem Aufenthalt alhier, sogleich in Eisenach den Grundstein zu einer neuen Bürgerschule gelegt, ist von da nach Göttingen gefahren, um die dortigen Gelehrten, ihm höchst anhänglichen Männer freundlichst zu überraschen, und die bedeutenden Anstalten, die er recht gut zu beurtheilen weis, in ihrem neusten Zustande kennen zu lernen. Hiernach befindet er sich wieder hier in gewohnter Thätigkeit, gründet, baut, vollendet, säet, pflanzt und liegt auf eine Weise die jedermann in Bewundrung und Freude versetzt. Ich hoffe er wird danckbarlichst anerkennen wieviel[264] er Marienbad hiebey schuldig geworden und seinen geziemenden Tribut das nächste Jahr fröhlich und hoffnungsvoll abtragen.

Unserm Weimar-Egerischen Ehepaar habe nur das Beste nachzusagen; dieser extemporirte Bund hat sich recht glücklich bewährt. Ihr Wesen das Sie kennen verschafft ihr überall freundlichen Empfang; sie hat die Kinder gewonnen, und, was noch weniger zu erwarten war, die Verwandten der vorigen Frau, so daß sie sich gar wohl in ihren hiesigen Verhältnissen gefallen kann.

Die Fortsetzung, mit Erlaubniß, nächstens; Mit den herzlichsten Grüßen und Betheurung treuster Anhänglichkeit

Weimar d. 29. Nov. 1823.

Goethe.


37/172.


An Georg Friedrich Conrad Ludwigvon Gerstenbergk

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

erlauben, daß ich in einer kleinen, aber für mich bedeutenden Angelegenheit Dieselben um gefällige Mitwirkung anspreche; Ihre so genauen als ausgebreiteten Bekanntschaften im Altenburgischen geben mir das Zutrauen, daß ich auf keinem Wege besser und schneller zu meinen Wünschen gelangen könne; wie denn Ihre erprobte Gefälligkeit mir hiezu den Muth gibt.

[265] Mich zum wohlwollenden Andenken bestens empfehlend.

Weimar den 1. December 1823.


[Beilage.]

Geneigtest zu gedenken.

Unterzeichneter ließ, Donnerstag, den 11. September, als er von Eger abging, zwey wohlgepackte Kisten Mineralien bey dem Sonnenwirthe Franz Blechschmidt stehen, mit der Anordnung: daß solche durch irgend einen Fuhrmann an die Herren Oerthel und Heerdegen in Hof zu weiterer Spedition abgeliefert werden sollten. Gedachter Gastwirth übergab auch einem Fuhrmann Namens Peter Fleischmann solche bald darauf, welcher aber, anstatt sie obgemeldetermaßen abzuliefern, sie auf einer Fahrt nach Leipzig mitnahm und sie im Dorfe Hessen vor Altenburg im Wirthshause stehen ließ, da der Wirth ihm versprach, sein Schwiegersohn solle sie sicher nach Weimar bringen.

Nun sind diese, zwar nicht kostbare, aber doch bedeutende Mineralien enthaltende Kisten noch nicht angekommen und auf Anfrage nur vorstehende Notiz zu erhalten gewesen.

Mein dringender Wunsch wäre daher: ob sich nicht eine namhafte wohlwollende Person in Altenburg fände, die sich nach gedachten Kisten erkundigte, sie, mit Vorzeigung des Gegenwärtigen, an sich nähme[266] und den Transport nach Weimar besorgte. Ich würde solches höchst dankbarlich erkennen, da gedachte Kisten die Resultate vieler geologischen Untersuchungen und manches wissenschaftlichen Unternehmens enthalten.

Weimar den 1. December 1823.


37/173.


An Christoph Ludwig Friedrich Schultz

[5. November 1823.]

Seit Ihrer Abreise bin ich noch nicht zu mir selbst gekommen, und diesen November, fürcht ich, wird es so fortgehen. D'Alton erwart ich in diesen Tagen und von ihm manche Belehrung. Besonders hoff ich abzuschließen über die bey Weimar im Tuff sich immerfort vorfindenden Elephanten-, Pferde- Hirsch- [Knochen] und eines von der Erde verschwundenen Thieres Palaeotherium, dessen Zähne besonders schön und merkwürdig sind.

Von München sind die Palmen des v. Martius angekommen, ein merkwürdig schönes Werk, besonders aber ein geschriebener Aufsatz höchst liebenswürdig, über den Wachsthum der Palmen vom ersten Keim aus der Nuß an bis zu Blüthe und Frucht und bis zum neuen Fortwuchs und neuer Blüthe und Fruchtreichtum.

Von Ernst Meyer habe einen sehr bedeutenden Brief; mehrere junge Leute erscheinen trefflich.

[267] Vom neuen Hefte Kunst und Alterthum geht heute der 6. Bogen zur Revision, zur Naturwissenschaft sind zwey zur Morphologie einer abgedruckt. Wenn es in dieser Proportion so fortgeht, so müssen wir um Neujahr weit seyn.

Die neue Ausgabe meiner Werke ist mit Cotta zur Sprache gekommen, der sich im Allgemeinen willfährig erklärt. Das Nähere wart ich ab; sobald ich ein Resultat gewahr werde, erfahren Sie solches.


So klang es ohngefähr, als Madame Szymanowska wegging, wo ich Vorstehendes zurückhielt und gleich nachsenden wollte. Doch so wohl ist mir's nicht geworden: denn seit jener Zeit hat mich ein katarrhalischer Zustand ergriffen, der, wenn er auch in mein Inneres nicht eindrang, mir doch von außen und nach außen gar vieles verkümmerte.

Zelters Gegenwart hebt und trägt mich schon seit mehr als acht Tagen; der Druck meiner Hefte geht fort; zu gutem Vorrath kommt noch einiges Glück, und so tröst ich mich in meinen Leiden. Am Ende des Jahrs wollen wir denn sehen, ob doch noch irgend ein löbliches Resultat von einer so genirten Existenz übrig bleibt. Alles Gute mit Ihnen; Zelter wird manches zu erzählen haben und mein Schweigen suppliren.

treu angehörig

Weimar den 3. December 1823.

J. W. v. Goethe.[268]


37/174


An Carl Philipp von Martius

Ew. Hochwohlgeboren

höchst schätzbare Sendung fand mich leider sehr angegriffen von einem bösartigen Katarrh, der, wenn er auch mein Inneres nicht erreichte, doch fast jede Theilnahme nach außen und jeden daher zu schöpfen den Genuß verkümmerte.

Demohngeachtet zeigte sich Werth und Würde Ihres trefflichen Heftes allsobald thätig und wirksam, daß ich manchen heitern Zwischenraum benutzen, mich erquicken und größtentheils herstellen konnte. Nun will ich aber auch, obgleich nicht völlig genesen, meinen gebührenden Dank nicht länger aufschieben.

Von dem, was mir im Einzelnen und Besonderen theils bildlich, theils wörtlich mitgetheilt ward, verfehlte nicht, mir nach Möglichkeit gar manches anzueignen, mußte es aber dankbarlichst erkennen, daß Sie durch einen allgemeinern Aufsatz mich näher heranführen und mir das Ganze übersehbar machen wollen. Ich habe dieß schöne gründlich-lebendige Heft gelesen und wieder gelesen, und immer hat sich ein klareres, wenn schon gleich mildes Licht über das Ganze verbreitet. Gar löblich erklären Sie das Räthsel: wie es zugeht, daß man für das Palmen-Geschlecht eine gewisse anmuthige Ehrfurcht empfindet, die kaum von einem ästhetischen Wohlgefallen begleitet ist; wie[269] denn ja die europäischen Maler diese Pflanzen nur einzeln, gewissermaßen entstellt heranzogen. Nun haben Sie aber das Eigentliche an Ort und Stelle tief empfunden und uns in den Stand gesetzt, auf's reinste nachzufühlen, was die Natur uns zusagt, und wie, ohne Phantasie und Leidenschaft, durch ein wahrhaftes Anschauen hier ein Höchstes entdeckt und zur Kenntniß gebracht wird. Ungern lege diese Blätter bey, obgleich hoffend, sie bald du durch den Druck vervielfältigt wieder in meinen zu sehen.

Sollten Sie irgend etwas Kurzes Vorläufiges, von welcher Art es sey, dem Publicum mittheilen wollen, so würde Sie ersuchen, dem eben im Druck schwebenden Heft der Morphologie dadurch eine wahre Zierde zu verleihen.

Mehr zu sagen verbietet mir ein immer noch umdüsterter Geisteszustand, in welchem es eine meiner angenehmsten hoffnungsvollsten Aussichten bleibt, an Ihrem immer fortschreitenden wichtigen Bemühen in guten heitern Stunden vollen Theil nehmen zu können.

Hochachtungsvoll gehorsamst

Weimar den 3. December 1823.

J. W. v. Goethe.


37/175.


An Joseph Sebastian Grüner

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

habe leider zu vermelden, daß es mit den beiden Kisten eine sehr unangenehme Sache zu werden scheint; niemand[270] will von einem Dorfe Hessen in der Nähe von Altenburg etwas wissen. Da nun weder der Name des Wirths, noch das Zeichen des Hauses gemeldet ist, so läßt sich gar nicht nachkommen.

Ew. Wohlgeboren große Inquisitorial-Fähigkeit rufe deshalb dringend an, nachstehen Puncte auf's genauste auszumitteln, da von einem so bedeutenden Gegenstande die Frage ist.

1) Wie heißt eigentlich das Dorf, wo die Kisten niedergelegt worden seyn sollen?

2) Wie weit liegt es von Altenburg?

3) Liegt es gegen Böhmen oder gegen Leipzig zu?

4) Wie heißt der Wirth dem die Kisten anvertraut worden?

5) Wie ist das Zeichen des Wirthshauses?

6) Wie waren die Kisten gezeichnet?

7) Ist denn kein Frachtbrief mitgegeben worden?

Und wenn sonst noch ein Punct Ew. Wohlgeboren einfallen sollte.

Ich bin über die Sache in der größten Verlegenheit, denn diese Kisten enthalten alle Resultate unserer geognostischen Untersuchungen und andere Dinge, wo nicht von großem Werth, doch von vielen Bedeutung.

Möge alles zum besten gerathen.

Weimar den 3. December 1823.[271]


37/176.


An Friedrich Wilhelm Riemer

Wollten Sie, mein Werthester, beykommende Blätter durchsehen, es ist Manuscript zum Abschluß des laufenden Heftes Kunst und Alterthum.

Morgen von 11 Uhr an soll mir Ihre Gegenwart willkommen seyn, um einiges deshalb zu bereden.

Das Inhaltsverzeichniß nimmt den größten Theil der beiden letzen Bogen ein.

Das Beste wünschend.

Weimar den 5. December 1823.

G.


37/177.


An den Großherzog Carl August

[Concept.]

Ew. Königlichen Hoheit

verfehle nicht Brief und Sendung von unserm immer thätigen Blumenbach hiermit vorzulegen. Das Diplom, womit mich die gelehrten Aristarchen in ihren ehrenvollen Kreis aufnehmen, bin ich gewiß Ew. Königlicher Hoheit, Höchst Dero Anwesenheit schuldig, wobey sie sich meiner als eines treu Angehörigen in später Zeit erinnern wollten. Die Bücher erbitte mir gelegentlich zum Zurücksenden wieder aus; die kleine Dose ist merkwürdig genug, um eine so ungeheure Natursäule zu erinnern.

d. 5. Dez. 23.[272]


37/178.


An Johann Carl Wesselhöft

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

dankbar für bisherige geneigte Förderniß übersende soviel Manuscript, als nöthig seyn möchte das laufende Heft abzuschließen, wobey ich folgende Bemerkungen mache:

1) Zu dem 9. Bogen haben Sie noch einiges Manuscript in den Händen.

2) Was das Durchschießen des Inhalts-Verzeichnisses anlangt, hängt solches blos von Ew. Wohlgeboren Überzeugung und Gutdünken ab.

3) Sollte das Manuscript zuviel seyn, als zu einem Theil des 9., dem ganzen 10. und einem Theil des 11. nöthig ist, so würde man die vordern Blätter A und B ganz, auch die hinteren P – W entweder ganz oder zum Theil weglassen können; welches alles Ihrer gefälligen Überlegung und Entscheidung anheimgebe.

4) Sollte noch irgend etwas zu bedenken seyn, so erbitte mir gefällige Nachricht

Weimar den 7. December 1823


37/179.


An Georg Friedrich Conrad Ludwigvon Gerstenbergk

Ew. Hochwohlgeboren

verfehle nicht zu vermelden, daß die fraglichen Kisten gestern angekommen sind; wie es zu geschehen pflegt,[273] daß, wenn man um ausbleibende Dinge erst recht besorgt wird, sie alsdann sogleich anlangen.

Verzeihen Sie die Bemühungen, die ich Ihnen verursacht, und erlauben, daß ich in ähnlichen und andern Fällen vielleicht abermals Ihre gütige Thätigkeit in Anspruch nehmen darf.

Mit den besten Wünschen und Hoffnungen.

Ew. Hochwohlgeboren

gehorsamst

Weimar den 8. December 1823.

J. W. v. Goethe.


37/180.


An Carl Joseph Raabe

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

verzeihen, wenn das Kästchen mit Gemälden erst heute zurückgeht; ein schwerer Katarrh, der mich seit vier Wochen belästigt, hat gar manche Stockung in meine Geschäfte gebracht.

Aus denen mitgetheilten Bildern sehe mit Vergnügen, daß Sie so vielen genauen Fleiß auf interessante Gegenstände verwendet, deren Wiederholung Ihnen Vergnügen und Nutzen bringen muß.

Mir und den Meinigen wird immer angenehm seyn, von Ihren ferneren Arbeiten als Zeugniß Ihres Andenkens von Zeit zu Zeit etwas vor uns zu sehen.

Weimar den 10. December 1823.[274]


37/181.


An Joseph Sebastian Grüner

[Concept.]

[10. December 1823.]

Ew. Wohlgeboren

verfehle nicht anzuzeigen, daß die wandernden Kisten endlich angekommen sind, und so wäre denn auch diese Sorge beseitigt. Ich hoffe nun bald angenehmere Nachrichten zu vernehmen und geben zu können.

Mit den besten Grüßen und Wünschen.

Weimar den 8. December 1823.


37/182.


An Ulrike von Pogwisch

Es ist sehr löblich von dir, meine gute Tochter, daß du mir die Supplemente zu der Berliner Zeitung allsobald sendest und mich dadurch das vorgegangene Unglück näher kennen lernst.

Sehr zu bedauern sind die guten Menschen, welche mitten in Lust und Freude beschädigt werden und untergehen. Ich zweifle nicht, daß du an den Studentchen wirst einigen Theil genommen haben; denn genau besehen, so sind sie auf einem Ball, frisch gekämmt und gebürstet, immer besser zu brauchen, als wenn sie gesotten oder gebraten wären.

Nun lebe wohl, empfiehl mich der guten Mutter und der Frau Tante. Mit mir geht es besser, seitdem ich bade; ich werde mir's angelegen seyn lassen,[275] dich wieder recht schmuck zu begrüßen, und hoffe von dir das Gleiche.

dein treuer Vater

Weimar den 10. December 1823.

G.


37/183.


An Sulpiz Boisserée

Weimar den 12. December 1823.

Ihr liebevolles Schreiben, mein Bester, gelangte zu mir gestern Abends, und ich beginne den heutigen Tag mit eiliger Erwiderung.

Um ein achtmonatliches Stillschweigen, wo nicht zu entschuldigen, doch einigermaßen begreiflich zu machen, thu ich am besten, wenn ich historisch verfahre. Aller Fleiß während unseres dießjährigen Frühjahrs reichte kaum hin, Ende Juni ein Heft Kunst und Alterthum und eins Morphologie zu vollenden; Juli, August und einen Theil des Septembers bracht ich in Böhmen zu, theils meinen alter Gebirgsforschungen ergeben, theils in heiterer Gesellschaft mich erquickend; sogar die Poesie ging nicht leer aus, mir selbst und theilnehmenden Freunden zum Vergnügen. In Eger blieb ich bis Hälfte Septembers, von dort schrieb ich mehrere Briefe an die zerstreuten Freunde. Sie auch standen auf der Liste; wie es aber bey'm Abschluß einer solchen auswärtigen Existenz zu gehen pflegt, man findet sich denn doch zuletzt überrascht, wenn der Reisewagen vor der Thüre hält.

[276] Kaum zu Hause angelangt, besuchte mich Staatsrath Schultz von Berlin; ein Mann, der vor vielen seiner Namensvettern Aufmerksamkeit, Anhänglichkeit, Zutrauen und Hochachtung verdient.

Zu gleicher Zeit langte Graf Reinhard mit Familie bey uns an, sein Geburtsfest ward fröhlich und anständig gefeyert; und wie es sonst zusammen gut und heiter gewesen, haben Sie selbst von ihm vernommen.

Eine unvergleichliche Pianospielerin, Madame Szymanowska, deren anmuthige Gegenwart und unschätzbares Talent mir schon in Marienbad höchst erfreulich gewesen, kam gleich nach ihnen, und mein Haus war 14 Tage der Sammelplatz aller Musikfreunde, angelockt durch hohe Kunst und liebenswürdige Natur. Hof und Stadt, durch sie aufgeregt, lebte so fortan in Tönen und Freuden.

Unmittelbar nach ihr besuchte mich Herr Staatsminister von Humboldt, einer der echten alten Freunde aus der Schillerschen Zeit; hier war das Vergangene leicht gefunden, angeknüpft und bis an die neusten Tage herangesponnen.

Seine Stelle war sodann unmittelbar wieder besetzt durch Professor Zelter, der vom Rheine kam; da denn wieder eine neue Art von vertraulicher Mittheilung begann und bis auf den heutigen Tag fortgesetzt wird.

Dieses alles klingt nun recht schön und gut, wenn[277] es nur auch so glatt abgegangen wäre; allein ich ward am 1. November durch äußeren Anlaß von einer solchen Erkältung angegriffen, daß die schlimmsten Folgen daraus entstanden, vorzüglich weil ich sie anfangs ohne ernste gegenwirkende Cur vernachlässigte; indem der mit meiner Natur wohlbekannte Hausarzt zu gleicher Zeit gefährlich krank ward. Indessen nahm ein Krampfhusten dergestalt überhand, daß ich vierzehn Nächte auf dem Sessel zubringen mußte, in einem Zustande, der den Unterschied zwischen Tagen und Nächten aufhebt und sich zu der, an meinen Seiten sich immerfort bewegenden Geselligkeit gar seltsam verhielt. Wohlthätig war es jedoch, daß dieses äußere so heftige Übel nicht in mein Inneres drang und mein eigentliches Ich wie ein ruhiger Kern in einer stachlichem Schale für sich lebendig wirksam blieb. Dadurch ward es möglich, daß ich den Freunden doch einigermaßen theilnehmend erscheinen konnte, auch ein Heft Kunst und Alterthum durch einige Einwirkung und Andeutung zu Stande kam, auch ein morphologisches gefördert wurde. Nun rück ich, durch fleißiges Baden von allem Krampfhaften nach und nach befreyt, einem thätigern Leben wieder zu, verfahre jedoch nur schrittweise, denn offenbar hatte mir eine zu lebhafte Anstrengung nach meiner Rückkehr aus dem Bade, wo ich mich hätte ruhiger verhalten sollen, geschadet und äußeren Zufälligkeiten die Hand gereicht.

[278] Lassen Sie mich nun von Ihren fortgesetzten glücklichen Thätigkeiten sprechen! Mit Freuden erwart ich die angekündigte Sendung, und ob ich mich gleich gegenwärtig zu einem Auszug aus Ihrem schönen Aufsatze keineswegs geeignet finde, so werd ich doch niemals aufhören im Einklang mit Ihren Bemühungen und Zwecken zu verfahren. Es kommt jetzt viel darauf an, das Publicum immerfort an Ihre Vorsätze, sowie an Ihre Leistungen zu erinnern. Wie ich dieß im vorigen Hefte Kunst, und Alterthum zu bewirken gesucht, ist Ihnen bekannt geworden; im gegenwärtigen laß ich jenen frühern enthusiastisch geschriebenen Bogen von 1772 wieder abdrucken, wo man denn die ersten Cotyledonen des seit so vielen Jahren immerfort wachsenden und sich gränzenlos ausbreitenden Baumes nicht ohne Verwunderung betrachten wird.

Zugleich bring ich die Schicksale des Schlosses Marienburg zur Sprache um von der Gegenseite das Pfaffthum im Ritterthum abzuspiegeln; beides gehört zusammen und parallelesirt sich auch gar wundersam in Gebäuden. Und so werd ich fortfahren, Ihr Interesse zum stehenden Artikel meiner Hefte zu machen. Durch die ausführlichen günstigen Recensionen der Franzosen gewinnt die Angelegenheit einen Raum nach dem andern, und ich wiederhole: es ist wirklich jetzo mehr zu thun, das Publicum immer zu erinnern und anzuregen, als zu belehren, wovon es, eh' man sich versieht, müde zu werden pflegt.[279]

Daß Sie das schwer zu hebende Irrsal, welches, aus Einmischung des Indischen, durch's Maurische in unser nordliches Beginnen so ungelegen entspringt, zu beseitigen suchen, thun Sie sehr wohl; vielleicht können Sie durch eine gelungene Trennung und Sonderung die begriffslustigen Franzosen eher als andere Nationen bekehren.

Daß meine früheren Arbeiten nun endlich auch in das Strudelgetriebe der französischen Literatur aufgenommen worden, macht mir wenig Freude, es bleibt allen diesen Dingen kaum etwas mehr als mein Name. Sie sagen mir manches Neue und sprechen sich so gut darüber aus, daß ich weiter nichts zu äußern wüßte; das Beste, was bey allem diesem Getreibe herausgekommen, ist der Abdruck des echten Diderotischen Dialogs, le Neveu de Rameau, bey Brière. Lesen Sie es ja gleich, wenn es noch nicht geschehen wäre; was man mich als Vorredner sagen läßt, darf ich allenfalls anerkennen, es ist wenigstens ganz in meinem Sinne geschrieben.

Den Herren v. Humboldt und Raoul v. Rochette empfehlen Sie mich zum schönsten; letzterem danken Sie höflichst für seine Sendung und erbitten Verzeihung, wenn mir einstweilen jede Erwiderung unmöglich wird. Die letzteren unseligen sechs Wochen haben mich so zurückgebracht, daß ich nicht weiß, wie ich dem Allernothwendigsten nur die Spitze bieten soll.

[280] Nun bedenken Sie noch zum Schluß das Hauptgeschäft, das mir in hohen Jahren obliegt, meinen literarischen Nachlaß zu sichern und eine vollständige Ausgabe meiner Werke wenigstens einzuleiten! Es würde mir dieß ganz unmöglich seyn, wenn sich nicht hübsche junge Leute zu mir gesellten, die sich an mir heraufgebildet haben, mich völlig verstehen, meine Absichten durchdringen und sich anschicken, an meiner Statt auf Stoff und Gehalt, der noch so reichlich daliegt, verständig-geistreich zu wirken. Auch hierin ward bey meinen letzten Übeln ununterbrochen fortgefahren.

Übergehen darf ich hiebey nicht, daß gerade die heftigen Gegenwirkungen mißwollender Menschen, durch Parteigeist aufgeregt und begünstigt, die mir angehörigen Geister erweckt und zum Widerstreben ermuntert haben, indessen ich keine Zeit verliere, theils neuen Erwerb zu gewinnen, theils das Erworbene zu gestalten. Dabey freu ich mich täglich, daß ich früher nichts versäumte, mich fest zu gründen und immer den Tag aufgab, um Jahre zu gewinnen.

Unter denen, die sich thätig an meiner Seite erhalten, ist Hofrath Meyer vorzüglich zu nennen. Seine griechische Kunstgeschichte, von den ältesten Zeiten bis auf Alexander, ist ein unschätzbares Werk für jeden, der mit sich selbst und dem Gegenstand einig werden will. Unsere lieben deutschen Blättler werden es bald um- und umgeschrieben und, was schlimmer[281] ist, in Phrasen verzettelt haben; indessen bleibt es denn doch auf den Repositorien stehen, und jeder Frische kann in der Folgezeit wieder frisch darnach greifen.

Riemer ist zwar sehr beschäftigt, aber er läßt nicht nach, mir bedeutend folgereich beyzustehn; indem er bey'm Druck der Hefte die Revision des Manuskripts und des Preßbogens übernimmt, Rechtschreibung, Interpunction und, was mehr ist, Klarheit und Übereinstimmung des Ausdrucks wird hiedurch gesichert.

Hiebey darf ich nun wohl kaum sagen, daß sowohl überhaupt als besonders im gegenwärtigen reconvalescirenden Augenblick dieß alles fast zu schwer werden will, und daß ich mich geistig recht strack halten muß, um nicht zu weichen und zu wanken. Damit nun die gute Natur vollkommen aufgerichtet und gekräftigt werde, so stehen auch Sie mir bey mit freundlichem Willen und Wollen, mit gutem Sinn und treuer Neigung, damit, was dem Menschen einzeln zu erreichen unmöglich ist, wir, wie bisher, in redlich thätigem Bezug, wenn auch nur aus der Ferne, wechselwirkend leisten und vollenden mögen.

treu anhänglich

Weimar den 13. December 1823.

Goethe.[282]


37/184.


An Sulpiz Boisserée

Es ist mir sehr angenehm, theurer Freund, daß eine Gelegenheit sich findet, Ihnen zu sagen, wie ich am Schluß meines letzen Briefs, vom 13. December, nicht ganz mit mir selbst zufrieden gewesen, als ich erklärte, Herrn Raoul-Rochette nicht antworten zu können; da fühlte ich die Nachwehen meines Übels doppelt schwer, und auch ohne das wäre ich in Verlegenheit gewesen. Ich kannte das Verdienst des würdigen Mannes lange nicht genug, um mich gründlich und triftig zu äußern, und wie ich alle Phrasen hasse, sind Sie der beste Zeuge.

Nun aber befreyt unsere Literaturzeitung auf einmal mein Gewissen; die bezeichnete Nummer, wovon Sie den Anfang endlich abschriftlich lesen, bringt Ihnen bald einige Recensionen, die den Verfasser freuen werden und für mich das doppelte Verdienst haben, mich näher mit Werth und Würde des vorzüglichen Mannes bekannt zu machen und meine eigene Hochachtung gegen ihn auszudrucken. Empfehlen Sie mich ihm bestens, nehmen Sie mit dieser eiligen Sendung vorlieb und behalten mir ein treu freundliches Andenken.

and so for ever

Weimar den 18. December 1823.

G.[283]


Ein Werk, mit Kupfern, ohngefähr unter dem Titel: La Coste de Plaisance, Histoire naturelle de l'Auvergne, ist auf Subscription angekündigt. Wollten Sie gefällig Sorge tragen, daß es sogleich nach seiner Erscheinung zu mir gelangen könnte.


37/185.


An Friedrich Theodor von Müller

Wollten Herr Canzler v. Müller mir wohl diesen Abend Ihre Gesellschaft schenken?

Weimar den 18. December 1823.

G.


37/186.


An Kaspar von Sternberg

Beykommende kleine Sendung, verehrter theurer Freund, wäre schon längst abgegangen, hätte mich der November besser behandelt. Von dessen Unbilden aber sage nur Folgendes: ich ward am ersten November, durch äußeren Anlaß, von einer solchen Erkältung angegriffen, daß die schlimmsten Folgen daraus entstanden, vorzüglich weil ich sie anfangs ohne ernste gegenwirkende Cur vernachlässigte; indem der mit meiner Natur wohlbekannte Hausarzt zu gleicher Zeit gefährlich krank ward. Indessen nahm ein Krampfhusten dergestalt überhand, daß ich vierzehn Nächte auf dem Sessel zubringen mußte, in einem Zustande,[284] der den Unterschied zwischen Tagen und Nächten aufhebt und sich zu der, an meinen Seiten sich immerfort bewegenden Geselligkeit gar seltsam verhielt. Wohlthätig war es jedoch, daß dieses äußere so heftige Übel nicht in mein Inneres drang, und mein eigentliches Ich wie ein ruhiger Kern in einer stachlichen Schale für sich lebendig wirksam blieb. Dadurch ward es möglich, daß ich den Freunden doch einigermaßen theilnehmend erscheinen konnte, auch ein Heft Kunst und Alterthum durch einige Einwirkung und Andeutung zu Stande kam, auch ein morphologisches gefördert wurde.

Nun rück ich, durch fleißiges Baden von allem Krampfhaften nach und nach befreyt, einem thätigern Leben wieder zu, verfahre jedoch nur schrittweise; denn offenbar hatte mir eine zu lebhafte Anstrengung nach meiner Rückkehr aus dem Bade, wo ich mich hätte ruhiger verhalten sollen, geschadet und äußeren Zufälligkeiten die Hand gereicht.

Nun aber, nach dieser leidigen Klage, sey das Gegentheil ausgesprochen, wie sehr mich das liebe Schreiben, Brzizina den 16. September, zu einer Zeit ergötzte, als ich in Gefolg meiner böhmischen Wallfahrt mehrere Tage in Eger gar thätig und anmuthig zubrachte, freudig gefördert an Ort und Stelle durch die Erinnerung vorjährigen schönen Zusammenlebens.

Und so kam denn auch die freundliche zweyte Mittheilung vom 15. November gerade zu einer Zeit, wo[285] ich Zusprache, Anregung und Trostes bedurfte, wofür ich denn, von Herzen dankbar, mich durchaus der Hoffnung freue, die uns auf's Frühjahr gegeben ist. Denn wie nöthig bey dem raschen, gewissermaßen wilden und verwirrten Zustande der Wissenschaften eine persönliche Zusammenkunft und mündliches Besprechen verbundener, mäßiger, aus einer frühern Zeit sich herschreibender Freude sey, fühlt man jeden Tag. Es ist nichts natürlicher, als daß, bey der immer zu nehmenden Menge von Theilnehmern, das Wünschenswerthe zwar gefördert, aber doch immer auch zugleich, nach Maßgabe der Subjectivität, mit Fremdem, Falschem, Störendem nothwendig vermischt werde.

Wenn denn nun bey allem diesen noch persönliche, ökonomische, politische Zwecke sich mit einschleichen; so wird die Unsicherheit eines Vorrückens immer größer. Ich habe Gelegenheit gar manches dergleichen zu bemerken, das man nicht hindern nur bedauern kann, und dem man zu gelegener Zeit allenfalls die reinste Redlichkeit entgegen zu setzen hat.

Nunmehr zu dem Inhalt des kleinern Päckchens:

1) Antithesis Christi et Antichristi, Beschreibung eines Manuscripts in Besitz der Akademie von Jena.

Herr Abbé Dobrowsky erinnet sich, bey einem Gespräche in Marienbad, diesen Band vor vielen Jahren in Jena gesehen zu haben, wünschte eine nähere Nachricht davon, weil er sich vielleicht von einigen Stellen Copien und Abschrift erbitten würde.

[286] 2) Eine Garnitur Glasblättchen, die entoptischen Erscheinungen vielfach zu beobachten, besonders aber zu bemerken, daß sie sich mit großer Consequenz nach der Form des Täfelchens richten.

Die Täfelchen stellt man rechtwinklich auf den schwarzen Spiegel und hält sie bekannter Weise gegen die Himmelsgegenden, da denn besonders Morgens und Abends, bey vollkommen reiner Atmosphäre, die schönsten Erscheinungen nicht außen bleiben.

3) Sechs Bogen von dem so eben im Druck begriffen neusten Stücke Kunst und Alterthum von verschiedentlich bedeutendem Inhalt, denen man, so wie der nächstfolgenden letzten Hälfte, aufmerksame freundliche Theilnahme wünschen darf.

Auf alle Resultate und Folgen Ihrer so bedeutenden Reise mich im voraus freuend, für den sehr schönen sogleich abzudruckenden Aufsatz bestens dankend, schließe, damit das Paquet nicht länger verzögert werde, in sicherer Hoffnung eines frühlinglichen Zusammenkommens.

immer zur Seite,

treu angehörig

Weimar den 18. December 1823.

J. W. v. Goethe.


37/187.


An Johann Peter Eckermann

Wollen Sie wohl, mein Guter, die Correcturen, welche Sie in die Revisionsbogen mit [*Sonne] bezeichnet[287] eingeschrieben, gleichfalls an das zweyte Exemplar anschreiben; so ginge dieses nach Jena zurück, jenes bliebe hier. Morgen Mittag, zu gewohnter Stunde wünsch ich Sie bey mir zu sehen.

Weimar den 19. December 1823.

G.


37/188.


An Johann Carl Wesselhöft

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

habe dießmal Folgendes zu bemerken.

1) Erhalten Dieselben den Revisions-Bogen 9 und 10, es gab mancherlei dabey zu bedenken; wollten Sie mir noch einen Abdruck zukommen lassen, damit für völlige Reinigung könne gesorgt werden.

2) Die beiden letzten Bogen folgen nächstens.

3) Wie auch der Umschlag mit Inhalt.

4) Ingleichen wird der Irrthum wegen des Bogens 6 durch anderweitiges Manuscript verbessert.

5) Die zu Kunst und Alterthum um abgesetzten Columnen können stehen bleiben, nächstens erfolgt Manuscript zum ganzen ersten Bogen.

Weimar den 20. December 1823.


37/189.


An Buk Stefanowitsch Karadschitsch

Ew. Wohlgeboren

haben mir durch die Übersendung einer wörtlichen Übersetzung vorzüglich schöner serbischer Lieder sehr viel[288] Freude gegeben, sodann aber solche durch Grammatik und Lexicon verdoppelt und verdreyfacht. Ihre bedeutende Sprache hat hiedurch sich auch bey uns den Weg gebahnt und unsern Forschern die Pflicht auferlegt, sich emsig damit zu beschäftigen.

Verzeihen Sie aber, wenn ich Sie abermals um eine Gefälligkeit ersuche, um eine gleichfalls wörtliche Übersetzung der hier beykommenden serbischen Lieder, besonders des letzten worin sich ein artiges Ereigniß hervorthut.

Leben Sie recht wohl und bleiben Sie meiner Theilnahme gewiß.

ergebenst

Weimar den 20. December 1823.

J. W. v. Goethe.


37/190.


An Friedrich Theodor von Müller

Ew. Hochwohlgeboren

vermelde sogleich daß gestern Abend eine Blechkapsel mit meinen englischen Porträts bey mir abgegeben worden. Da sie einmal hier im Hause sind, so wünschte ich, daß sie in meiner Gegenwart aufgemacht würden, damit man sogleich rathschlagen könnte, wie sie gut verwahrt und als frische Ware den Liebhabern vorzulegen seyen.

Mich bestens empfehlend.

zu jeder Stunde bereit

Weimar den 21. December 1823.

G.[289]


37/191.


An Johann Georg Neuburg

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

haben mir vorlängst die Nachricht gefällig ertheilt, daß unsere gute Tante Melber nun auch von uns geschieden sey. Ihr heroisches Gemüth, das sie in keiner Lage verließ, hat ihr über manche rauhe Lebenspfade geholfen und sie auch zuletzt wieder unter günstigen Umständen getragen und erhalten. Man konnte sie unter die Personen rechnen, welche die Natur manchmal aufstellt, um zu zeigen, was für Vorzüge sie unter den einfachsten Bedingungen den Menschen zu gewähren vermag. Ich wünsche, daß unsere sämmtlichen werthen Familienglieder, besonders die lieben Ihrigen eines langen Lebens heiter genießen mögen.

Die Absendung eines Naturforschers macht Ihrer naturhistorischen Gesellschaft Ehre, und dem wackern Mann wird die Ausführung vielen Ruhm bringen. Wollen Sie mir, wenn unter denen von ihm zu hoffenden Naturschätzen einiges abzulassen wäre, davon gefällige Nachricht geben, so würde ich es dankbar erkennen. Wir haben auch gar manches Hübsche doppelt, welches alsdann dagegen zu Diensten stünde.

Mich auf's beste geneigtem Andenken empfehlend alles Gute wünschend, fortdauernde Theilnahme versichernd.

Weimar den 21. December 1823.[290]


37/192.


An Friedrich Wilhelm Riemer

Sie haben wohl die Gefälligkeit, mein werthester, die Bogen noch einmal durchzugehen. Es haben sich, wie es zu gehen pflegt, wieder neue Irrthümer gefunden.

d. 22. Dez. 1823.

G.


37/193.


An den Großherzog Carl August

Ew. Königliche Hoheit

verzeihen gnädigst, wenn ich über die Bürgerische Angelegenheit noch nicht ausführlich berichtet; zur Entschuldigung diene vielleicht, daß die Sache völlig abgethan ist.

Mit der im dritten Bande der sämmtlichen Bürgerischen Wercke und zwar in der Vorerinnerung Seite IX und in den Anmerkungen S. 223 – 25 eingeführten weimarischen Subscription hat es seine völlige Richtigkeit. Der damals schon lebhafte und nachher so viele Jahre sich immer gleich gebliebene Trieb, von Weimar aus alles Löbliche und Gute zu fördern, mußte bey dem Anerbieten Bürgers rege werden, als er Lust bezeigte den Homer zu übersetzen. Wie ein solches an- und eingeborne Talent sich auch in diesem Falle benehmen, was es leisten würde, unterlag keiner genauen Untersuchung, weil man gewiß war, daß am Ende Sprache und Literatur dadurch um manches würden gefördert seyn.

[291] Man begnügte sich auch nicht mit dieser schriftlichen Zusage, sondern man legte die Summe von fünf und sechzig Louisd'or in meine Hände. Allein weder die Theilnahme des Publicums, noch Bürgers Beharrlichkeit stimmten in den wohlmeynenden Vorsatz; die Sache gerieth in Schwanken und Stocken, wo denn zuletzt wenig Hoffnung übrig blieb.

Da aber einmal das Geld zu Bürgers Gunsten bestimmt worden, der sich aus kümmerlichen Umständen nie zu erholen wußte, so beschloß die ansehnliche Gesellschaft, ihm diese bedeutende Unterstützung angedeihen zu lassen, wenn auch die Bedingung unerfüllt geblieben war. Ich sendete ihm das Geld, erhielt seinen Dank und richtete ihn aus.

So viel weiß ich mich genau zu erinnern; ja ich wollte noch Ort und Stelle angeben, wo das Verschiedene beschlossen, realisirt und ausgeführt wurde. Schriftliche Zeugnisse haben die Jahrs- und Begebenheitswechsel mit aufgezehrt.

Hier unterstehe mich nun bey Ew. Königlichen Hoheit unterthänigst anzufragen, ob ich nicht, da der Herausgeber Bürgerischer Schriften diese Sache zur öffentlichen und ganz eigentlich literarischen gemacht hat, der völlige Abschluß derselben ihm aber unbekannt ist und andern problematisch dünken möchte, deshalb in dem nächsten Hefte von Kunst und Alterthum vorgemeldete Aufklärung geben und die Angelegenheit dadurch beendigen, auch alle Hoffnungen, die[292] gewissermaßen die Gestalt von Forderungen annehmen, völlig beseitigen solle.

unterthänigst

Weimar den 23 December 1823.

J. W. v. Goethe.


37/194.


An Friedrich Theodor von Müller

Ew. Hochwohlgeboren

erhalten hiebey die zwey verlangten Porträte für Frau von Riedesel wohlgepackt; Rath Haage hat das seinige schon heut früh erhalten.

Weimar den 24. December 1823.

G.


37/195.


An Johann Carl Wesselhöft

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

erhalten hiebey die Revision des Bogens 6 Morphologie, ingleichen den Umschlag zu Kunst und Alterthum. Zu dem neuen Stück dieses letzteren wird nächstens einiges Manuscript folgen. In den Heften Naturwissenschaft und Morphologie dagegen wird wohl einige Pause eintreten, welches vorläufig zu melden nicht verfehle. In der gegenwärtigen, uns allen so wichtigen Epoche Gesundheit und ununterbrochene Thätigkeit wünschend, wie ich denn auch Herrn Frommann mich bestens zu empfehlen bitte.

Weimar den 28. December 1823.[293]


37/196.


An Johann Friedrich Blumenbach

Hochwohlgeborner

Insonders hochgeehrtester Herr!

Was konnte mir in so trüben und überdieß vom Katarrh umlagerten Stunden für eine angenehmere Aussicht erscheinen, als auf jene unversiegbare Springquelle, welche nun bald hundert Jahre ihre Zusage vollkommen erfüllt, Nutzen und Zierde, nicht etwa im engen Geheg, sondern im freyen Gebiet der weiten Welt zu verbreiten. Wie beruhigend und kräftigend muß es mir seyn, wenn die vorzüglichsten der lebenden Männer mich in ihren auserwählten Kreis freundlich aufnehmen, wodurch ich mich für das, was ich gewünscht und gewollt, höchlich belohnt fühle, wie auch meine Leistungen im Gange des Lebens und Handelns mögen zurückgeblieben seyn. Wäre es mir doch vergönnt, meinen aufrichtigsten Dank persönlich auszusprechen und zugleich die unschätzbaren consequenten Thätigkeiten zu bewundern, die, einander wechselseitig belebend, auf unsterbliche Wirkung hinweisen.

Gegenwärtiges blieb einige Zeit zurück, weil ich die anvertrauten Bücher sogleich mitsenden wollte; sobald sie wieder zu meinen Händen gelangen, folgen sie ungesäumt.

Möge das nächste Jahr mir auf irgend eine Weise das Glück Ihrer persönlichen Gegenwart abermals[294] verleihen; den theuersten Ihrigen welche einzeln und zusammen bey uns immer einen herzlichen Willkomm finden werden, mich auf das allerbeste und schönste empfehlend.

unwandelbar

treu anhänglich

und ergeben

Weimar den 29. December 1823.

J. W. v. Goethe.


37/197.


An Carl Ernst Adolf von Hoff

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

nehmen beykommende sehr verspätete Sendung freundlich auf; nur mit wenigen, aber in sich bedeutenden und dringenden Entschuldigungsworten kann ich sie diesen Augenblick begleiten. Das Heft kam vor meiner Badereise nicht zu Stande, und das vergangene Halbjahr ist mir im Guten und Bösen so eilig vorbeygegangen, daß ich jetzt erst am Schlusse des ganzen mich nach allen zurückgebliebenen Schulden umsehen kann.

Möge Ew. Hochwohlgeboren ein standhaftes Wohl begleiten und Sie den Dank für so vieles gründliche Gute, das Ihnen die Wissenschaft schuldig geworden, von den zahlreichen Freunden derselben und zugleich sicherer und freudiger durch inneres Bewußtseyn, sich ernstlich bemüht zu haben, ununterbrochen[295] belohnt werden. Ich, für meinen Theil das Geleistete dankbar anerkennend, unterzeichne mich mit besonderer Hochachtung und Anhänglichkeit.

Weimar den 30. December 1823.


37/198.


An Ottilie von Goethe

Der Frau Geheime Cammerräthin hätte ich schon bey'm Abschiedskusse zu diesem schönen und bedeutenden Charakter Glück wünschen können, ich wollte es aber lieber versparen, um nach dem herrlich leuchtenden Berlin ihr einen hübschen milden Familienstern nach zu senden.

Daß August sehr vergnügt sey, wird er selbst melden, und in allen Bezügen und Betrachtungen ist es nichts Geringes. Möge dir denn auch auf deinen Weltwegen und Stegen alles Gute bereitet seyn. Empfehl mich deinem freundväterlichen Wirth und allen Angehörigen. Unsere Lebensweise kannst du dir denken, von der deinigen wünschen wir nähere Nachricht.

Wenn einer deiner jungen Freunde in die Haude und Spenerische Zeitung beykommende Nachricht kann inseriren lassen, so wird es mir sehr angenehm seyn; vielleicht interessirt man sich auch in Berlin dafür, daß ich gerade den Paria, an dem man jetzt auf dem Theater theilnimmt, auch zur Sprache bringe;[296] durch welche Wechselwirkung wohl einige Aufklärung zu besserem Genuß sich hervorthun möchte.

Soviel für heute, bey eilenden Stunden und nicht zaudernder Post. Möge dir alles zum besten gerathen und gelingen.

treulichst

Weimar den 30. December 1823.

G.


37/199.


An Christian Gottlob Frege

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

verfehle nicht anzuzeigen, daß die Rechnung der J. G. Cottaischen Buchhandlung in Stuttgart durch die Post an mich gesendeten:

Rthlr. 500, in Convent. 20 Kreuzern

richtig angekommen sind; worüber ich hiemit quittire und, für baldige Expedition verpflichtet, mich fernerem Wohlwollen empfehlend die Ehre habe mich zu unterzeichnen.

Weimar den 30. December 1823.


37/200.


An Amalie von Levetzow

Das alte Jahr, das mir so viel Schönes und Gutes gegönnt hat, soll nicht vorübergehen ohne daß meine theuern Freundinnen abermals ein Wort des Grußes und Dankes vernehmen. Zwar hat der[297] November mich nicht aufs beste behandelt, doch giebt die Aufsicht auf den letzten, und in dessen Gefolg auf den längsten Tag neuen Muth und Hoffnungen. Möge das Alles nach Wunsch gelingen!

Daß H. Edgworth auch uns mit einem Besuche beglückt haben Sie aus dem eingeschobenen Billet gesehen. Er zeigte sich wie sonst, zuvorkommend unterrichtet, so gar angenehm, nur mit der Kammerjungfer, zuletzt auch mit einem Kutscher wollte es nicht in Ordnung kommen.

Daß ich mit meinen Gedancken oft genug, in Böhmen gewesen lassen Sie mir gelten, was aber sagen Sie wenn ich melde daß eine Zeichnung vom Hafenberge, mit Klippen und Ruinen, mir ganz unerwartet neulich vor Augen trat. Ich betrachtete ihn mit einiger Scheu: ob nicht etwa gar an und auf demselben mich die Strafe irgend eines Kirchraubs, oder sonstigen Vergehens, wie es auf Engelhaus der Fall war, drohend erwartete; doch will ich mir von so liebenswürdigen Richtern alles gefallen lassen, die ja wohl behülflich sind das allerschlimmste zu überstehen.

Wenn ein schlanckes, liebes Kind sich niederbeugt und meiner gedenckend ein Steinchen aufhebt, so ist das zu den hundert Stellungen in denen ich sie vor mir sehe wieder ein neuer Gewinn; sie mag mir ja die Früchte ihrer Bemühung nicht vorenthalten.

Unserm Weimar-Egerischen Ehpaar hab ich nur das Beste nachzufragen; dieser extemporirte Bund hat[298] sich glücklich bewährt; die Art der jungen Frau, die Sie kennen, verschafft ihr überall freundlichen Empfang; die Kinder hat sie durch Freundlichkeit und Sorgfalt gewonnen; so wie durch bescheidnes Betragen die Familie, so daß sie sich in ihren hiesigen Verhältnissen recht wohl gefallen kann.

Nur vor einiger Zeit betraf den tüchtigen Arzt eine schwere Krankheit, zwar nur von kurzer Dauer, aber doch in Augenblicken für die Gattin und für uns alle, die das größte Zutrauen zu ihm haben, äußerst peinlich. Indessen ist auch das vorüber gegangen und wir haben Ursache die besten Hoffnungen zu hegen. Sie ist sehr froh und danckbar noch in Ihrem Andencken zu leben.

Und so bleibt mir eine neue Seite noch übrig welche nur den geringsten Ausdruck meiner Gesinnungen und Wünsche zu fassen Raum genug gäbe. Zu gleicher Zeit aber steht der neue Wand-Calender von 1824 vor mir wo die zwölf Monate zwar reinlich aber auch vollkommen gleichgültig aussehen. Vergebens forscht ich welche Tage sich für mich roth welche düster sich färben werden; die ganze Tafel ist noch in Blancko, indessen Wünsche und Hoffnungen hin und wieder schwärmen. Mögen die meinen den Ihrigen begegnen! Möge sich dem Erfüllen und Gelingen nichts! nichts! entgegen setzen! Sagen Sie Sich unter einander alles in traulicher Stunde, wie es auf der Terasse, im Hin- und Herwandeln weitläufiger auszuführen wäre.

[299] Meine nächsten Aussichten aber, deren Gewährung ganz von Ihnen abhängt, lassen Sie mich nicht zu lange entbehren. Wo und Wie? haben meine Gedancken Sie aufzusuchen? Gute Nachrichten von allen Herzlich gegrüßten, den Herren Grafen und die theuren Eltern mit eingeschlossen, mit Sehnsucht hoffend und erwartend.

treu anhänglich

Weimar. Sylvester Abend 1823.

G.


37/201.


An Adele Schopenhauer

Mit freundlichster Anzeige: das anvertraute Kästchen sey wohl gepackt im Begriff den Weg nach dem neuen Jerusalem oder Babylon anzutreten, frage an: ob Fräulein Adele heute Abend um 6 Uhr mir das Vergnügen Ihrer Gegenwart schenken wolle. Zu schicklicher Unterhaltung steht und liegt ein prosaischer und poetischer Reisender bereit.

Mit den besten Grüßen und Wünschen.

Weimar den 31. December 1823.

G.

Quelle:
Goethes Werke. Weimarer Ausgabe, IV. Abteilung, Bd. 38.
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